
Gott ist nicht nett


Berliner Predigten von Christian J. Hövermann

57) Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58) Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. 59) Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60) Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! 61) Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. 62) Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (Lk 9,57-62)
Am 24. Februar bekam die Deutsche Bischofskonferenz einen neuen Vorsitzenden. Es wurde Heiner Wilmer, der Bischof von Hildesheim. Der Reutlinger Generalanzeiger kommentierte die Wahl: „Die Einheit der katholischen Kirche zu bewahren und gleichzeitig die Reformer zufriedenzustellen kommt der berühmten Quadratur des Kreises gleich.“ In der Art haben viele Zeitungen geschrieben. Doch dann kam der Satz, der mir auffiel: „Der Gott, der Wilmer diese Aufgabe gestellt hat, kann es nicht nett mir ihm gemeint haben.“ ‚Gott hat es nicht nett mit ihm gemeint‘, was für eine ungewöhnliche Formulierung! Der Reutlinger Generalanzeiger wusste offenbar, dass Wilmer ein Buch mit dem Titel „Gott ist nicht nett. Ein Priester auf der Suche nach Sinn“ geschrieben hat.
Mit zwei Klicks hatte ich das Buch auf meinem Tablet. Warum es mich interessierte, werden wir gleich sehen.
Heiner Wilmer erzählt darin auch aus seinem Leben. Er kommt aus Schapen im Emsland, Jahrgang 1961 und wuchs auf einem Bauernhof in einer frommen Familie auf. Die Mutter betete mit den Kindern, der Großvater nahm ihn sonntags mit in die Messe. Er erklärte ihm, wann man eine Kniebeuge macht und flüsterte ihm ins Ohr: „Da vorne, Heiner, da, wo das rote Licht brennt, da ist Gott.“ Niemand hatte etwas dagegen, als er sich mit 19 Jahren für das Noviziat bei den Herz-Jesu-Priestern in Freiburg entschied.
In der Schule war er schüchtern, litt unter seinem Stottern und denen, die ihn auslachten. Im Orden erkannte man sein Sprachtalent und ließ ihn auch in Paris und Rom studieren. In New York unterrichtete er ein Jahr an einer Highschool in der Bronx. Sein Werdegang ähnelt dem von Papst Leo XIV: Nach der Arbeit an der Basis wird Wilmer Provinzial seines Ordens in Deutschland und steigt dann zum Generaloberen über 21.000 Herz-Jesu-Priester in aller Welt mit Sitz in Rom auf.
Schaudernd erinnert er sich an den Besuch einer Ausstellung für moderne Kunst in München. Er stieß dort auf ein provokantes Altarbild, das ihm unter die Haut ging. Das Bild zeigte einen Hund am Kreuz, blutig, eklig, brutal. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Auf einmal spürte er einen Mangel in seinem Verhältnis zu Jesus: Er ist nicht nur der gute Hirte, der seine Schafe auf der grünen Aue weidet! Jesus war für ihn zu einer „weichen Wirklichkeit“ geworden: Zart, unberührbar und entrückt.
Aus dieserm Anlass befasste er sich eingehend mit dem Gebet Anima Christi aus dem 14. Jahrhundert, das nach der Kommunion gebetet wurde. Er wollte mit seiner Hilfe den geschundenen Leib Christi abtasten. Ein Gefühl dafür bekommen, was wir Menschen mit Gott gemacht haben und was Gott an sich hat geschehen lassen.
Seele Christi, heilige mich.
Leib Christi, rette mich.
Blut Christi, tränke mich.
Wasser aus der Seite Christi, wasche mich.
Leiden Christi, stärke mich.
O guter Jesus, erhöre mich.
Birg in deinen Wunden mich.
Von dir lass nimmer scheiden mich.
Vor dem bösen Feind beschütze mich.
In meiner Todesstunde rufe mich,
zu dir kommen heiße mich,
mit deinen Heiligen zu loben dich
in deinem Reiche ewiglich.
Er resümiert: „“Gott ist nicht nett. Der Glaube an einen Gott, dessen Sohn am Kreuz hing, der Glaube an einen Gott, der menschlicher Körper wurde, der in diesem Körper litt, der Blut spuckte, der vor Schmerzen aufstöhnte, der vor Verzweiflung aufschrie und den man wie einen Hund krepieren ließ, dieser Glaube ist nicht ’nett‘.“
Zur Bitte „O guter Jesus, erhöre mich,“ bemerkt er: „Ich glaube, dass der gute Jesus auch eine Kehrseite hat. Aber diese Kehrseite ist kein böser Jesus, sondern ein zorniger. Zorn ist die Kehrseite von Zärtlichkeit. Auf der einen Seite stehen die Liebe, die Güte, die Sanftmut. Auf der anderen der Zorn, die Wut, das Aufbrausen.“ Jesus hatte ambivalente Gefühle.
Was Heiner Wilmer entdeckt hat, beleuchtet das auffallend schroffe Verhalten Jesu, von dem unser heutiges Evangelium erzählt. Er begrüßt die Neuen nicht mit: „Schön dass du da bist, herzlich willkommen, wir haben dich gern.“ So wie wir neue ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfangen würden. Nein! Er lässt sie auflaufen. Keine Verabschiedung von der Familie! Keine Freistellung für die Beerdigung des Vaters! Hab und Gut sind fehl am Platz! – Betreten ziehen sie davon.
Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Mit diesen Worten spielt Jesus auf sein Schicksal an. Er ist der obdachlose, heimatlose, ausgestoßene Menschensohn. Alle haben ihr Plätzchen – die Füchse, die Vögel, auch wenn sie ihr Nest nur zum Brüten nutzen. – Ihn will man nicht dabei haben, ihm bleibt das Nichts.
Das Verhalten der Samaritaner sitzt ihm dabei noch in den Knochen. In ihrem Dorf verweigerte man ihm die Übernachtungsmöglichkeit (Lk 9,51-56). „Für Pilger nach Jerusalem haben wir keinen Platz.“ Ein schlimmes Vorzeichen. Seine Reise nach Jerusalem zum Passafest könnte seine letzte Reise gewesen sein…
Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. In dieser Situation kann Jesus nicht locker und zugewandt bleiben, sondern zeigt sich angespannt und konzentriert. Pflügen verlangt volle Aufmerksamkeit, sonst kommt der Pflug aus der Bahn. Auf diesem dornigen Weg braucht er Leute, die imstande sind, alles stehen und liegen zu lassen und mit ihm durch dick und dünn gehen. Ein Team, das hinter ihm steht und zu ihm hält. Wer das nicht bringt, ist hier fehl am Platz. Mit diesem Anforderungsprofil im Kopf mustert er die drei Männer aus. Ein hartes Schicksal verlangt belastbare Leute.
‚Das Leben Jesu leben‘, ging nur, als er lebte. Ordenschristen versuchen im Gegensatz dazu, das Leben Jesu nachzuahmen. Mit folgendem Vorsatz trat Heiner Wilmer in das Noviziat ein: „Ich möchte Christus folgen, der ehelos und arm die Welt erlöst hat durch seinen Gehorsam zum Vater bis zu seinem Tod am Kreuz.“ Eindrucksvoll, bewundernswert, ein Korrektiv, wenn die Kirche zu reich, zu bräsig und zu gleichgültig geworden ist.
Für uns fallen Nachfolge und Glaube zusammen. Wir haben eine Wohnung, leben in Familien und bestatten unsere Verstorbenen. Aus dem heutigen Evangelium schöpfen wir:
1. Dass wir Jesus einen Ort in unserer Welt geben. Viele Menschen sind ohne Gott glücklich, haben mit ihm nichts am Hut und lassen ihn nicht in ihr Heim. Orte für Jesus sind unsere Kirchen. Schön, dass Sie heute hier sind! Hier hören wir von Jesus und beten zu ihm. Ein weiterer Ort für Jesus ist auch unser Leben. Womit verbringen wir unseren Tag? Haben wir auch Zeit für ihn?
2. Dass wir uns nicht von ihm abwenden. „Soll’s uns hart ergehn, lass uns feste stehn“(EG 391,2). Um unsere Welt steht es schlimm – die Kriege, die Schulden, der Klimawandel, der Hunger… Ich höre alte Menschen sagen: „Unsere armen Enkel werden das auslöffeln müssen. Wie gut, dass ich das nicht mehr erlebe!“ Jesus möchte, dass wir mit ihm hinter dem Pflug bleiben und uns nicht von Ängsten und Sorgen überwältigen lassen.
3. Dass wir auf sein Reich hoffen. Seit 100.000 Jahren begraben Menschen ihre Toten… Jesus nennt das: „Tote begraben ihre Toten.“ Sterbliche Menschen heben Gräber aus, beweinen oder feiern ihre Verstorbenen. Das, was Menschen tun können. – Gott hat ein anderes Programm: „Du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes.“ Er ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden (Lk 20,38). Er schenkt uns eine Hoffnung über den Tod hinaus. Jesus nimmt uns an die Hand und führt uns durch dieses Leben in das Reich Gottes.
4) Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, 5) auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen. 6) Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in eure Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! (Gal 4,4-6)
Weihnachten 2025 erhalten wir Rückenwind aus der Philosophie und Gegenwind aus der Theologie. Verkehrte Welt!
Im Oktober verbreitete sich eine kleine Nachricht von einem großen Philosophen. Jürgen Habermas (96) hatte für die Festschrift zum 65. Geburtstag seines einstigen Doktoranden Thomas M. Schmidt, heute katholischer Religionsphilosoph, einen kurzen gesalzenen Beitrag verfasst. Aufhorchen ließ der Vorschlag:
Glaube und philosophisches Wissen können beide für ein Lernen voneinander offenbleiben.
Bisher galt sein „Übersetzungsgebot“: Öffentliche Wortmeldungen der Kirche sollten in weltlicher Sprache erfolgen. Wer am öffentlichen Diskurs teilnehmen will, hat rational zu argumentieren und sollte sich nicht auf den Glauben stützen.
Neuerdings sorgt sich Habermas, dass dadurch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Er erkennt in der religiösen Sprache einen nicht übersetzbaren Rest, der bei der Übersetzung ins weltliche Denken verloren geht. Eine Einstellung, die innerhalb unserer Erfahrungen verbleibt, verliert den Glauben an den befreienden Erlöser aus dem Blick. Nach umfangreichen Studien zur Geschichte der Philosohie wünscht er nun eine Koexistenz von Philosophie und Theologie. Er moniert die Ansicht seines einstigen Doktoranden und gegenwärtige Veröffentlichungen, die davon ausgehen, es könne einen ernstzunehmenden Glauben auch ohne Vorstellung von persönlicher Erlösung und ein Leben nach dem Tod geben.
Ebenfalls im Oktober diesen Jahres wurde der Titel: „Christsein im Wandel“ angezeigt. Der Verfasser, ein Professor für praktische Theologie, verzichtet ausrücklich darauf, Jesus als „Gottes Sohn“ zu bezeichnen. Auch das apostolische Glaubensbekenntnis mit seinem ausführlichen Mittelteil über Jesus Christus sollte nicht mehr im Gottesdienst verwendet werden. Jesus war für ihn ein Wanderprediger und Weisheitslehrer schlicht und ergreifend vergleichbar mit Mohammed und Gautama Buddha. Der Theologe möchte so Menschen erreichen, die nicht gläubig sind. Dafür verabschiedet er sich vom weihnachtlichen Glauben an den befreienden Erlöser. Übrig bleibt: „Wenn ein Kind ins Haus kommt, wird alles anders.“
Paulus kennt Jesus aussschließlich als Gottes Sohn! Wie viele Christinnen und Christen in aller Welt lebt er in der Gewissheit seiner Gegenwart. Das spürt man an dem von ihm verfassten Segenswunsch, den er in seinen Briefen verwendet:
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. (Gal 1,3)
Gnade und Friede kommen ebenso von Jesus Christus wie von Gott, dem Vater. Der eine Gott Israels existiert in der Zweiheit von Vater und Sohn. Sie leben und wirken gemeinsam. Das gilt insbesondere für die Schöpfung:
Wenn man einen Fisch verspeist, trennt man zuerst den Kopf ab. Nicht so bei Jesus. Seine Gottessohnschaft ist der Dreh- und Angelpunkt unserer Erlösung. Paulus bringt das auf den Punkt:
Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich war, wurde er arm, um euretwillen, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet. (2. Kor 8,9)
Jesus tauscht seinen Reichtum gegen unsere Armut ein. Dadurch ermöglich er uns den Wechsel aus unserer Armut in seinen Reichtum. In diesem Tausch: „der Herr wird ein Knecht“ und Wechsel: „der Knecht wird dadurch ein Herr“ liegt seine zeitenwendende Kraft. Dieser Gedanke des Paulus erklingt in unseren Weihnachtsliedern:
Auf diesem Weg in die Armut ist Christus voller Mitgefühl und beschenkt uns mit Vergebung und Geborgenheit in einer undurchschaubaren Welt. Wir buchstabieren nach, was Paulus schreibt.
„Als aber die Zeit erfüllt war,“ was mit Abraham begonnen hat, kommt an dem Tag an sein Ziel, als Gabriel, der Engel Gottes, einer jungen Frau mit der Botschaft erschien:“Fürchte dich nicht Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben.“ (Lk 1,30f) Die von Gott bestimmte Zeit ist da.
Jesus kommt auf natürlichem Wege zur Welt. Er platzt nicht herein wie ein Alien, fix und fertig, sofort einsatzbereit. Er wird von seiner Mutter geboren, die ihn vom Heiligen Geist empfangen hat. Im „Stundenbuch der webenden Muttergottes“ (Frankreich um 1450) wird Maria am Webstuhl sitzend dargestellt. Aus göttlichem und menschlichem Garn entsteht Jesus. Er gehört in gleicher Weise zur himmlischen und zur irdischen Welt.
Jesus wird „unter das Gesetz getan,“ er wird erzogen und muss gehorchen. Er lernt die Religion seiner Eltern, die Gesetze seines Volkes und das Handwerk seines von Josef.
79 nach Christus wurde Pompeji vom Versuv verschüttet und blieb dadurch als Ruinenstadt erhalten. Ein exklusiver Ort. Auf vielen Gabentischen liegt in diesem Jahr ein SPIEGEL-Bestseller über die neuesten Funde im archäologischen Park mit dem Titel „Pompejis letzter Sommer. Als die Götter die Welt verließen“.
Gemälde von Diana, der Göttin der Jagd, Dionysos, dem Gott des Weins, und den Mysterien zierten noch die Villen der Reichen. Als Dekoration. Die Alltagsweilt der kleinen Leute und Sklaven hatten sie längst verlassen. In ihrer Habe erinnerte nichts mehr an sie. Die Zeit einer neuen, menschenfreundlichen Religion war angebrochen…
Bei den Christen wurde ein anderer Ton angeschlagen. Sie erzählten von Jesus, der durch das Land wanderte und das Leben der einfachen Leute teilte. Er hatte einen Blick für die Sorgen und Nöte und bot Hilfe an: „Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Ich will euch Ruhe schenken.“ (Mt 11,28 BasisBibel)
Christus wurde unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte. Der tiefste Punkt im Leben Jesu, das Kreuz, wird für seine Gemeinde zum kostbarsten Moment überhaupt.
Bei einem Porträtfoto können wir selbst arrangieren, wie wir gesehen werden wollen. Meistens wird die linke Gesichtshälfte bevorzugt. Sie gilt als die Scholkoladenseite. Wilde Schnappschüsse, wie sie zu Weihnachten gemacht werden, zeigen das ganze Bild, wie starr wir oft gucken, machmal richtig böse oder einfach nur doof.
Auch unser Charakter besteht nicht nur aus Schokolade: „Diese 16 Fragen zeigen Ihnen, wie böse sie sind,“ ein solcher Test erschien neulich in einer Illustrierten. Zur Erkundung unserer dunklen Wesenszüge, wie wir andere verletzen mit Nadelstichen oder Paukenschlägen. Ein Arbeitszweig der Psychologie spürt diesem sogenannten „dark factor“ nach, der zum Gesamtbild unserer Persönlichkeit gehört.
Wir spüren selbst, was schief gelaufen ist, und was wir falsch gemacht haben. Uns quält, wo wir versäumt haben, zu helfen. Was wir Böses getan haben, belastst uns. – Gott lässt uns mit unseren Gewissensbissen nicht allein. Er weist uns an das Kreuz Christ: „Heftet alles, was euch bedrückt, hier an. Ihr könnt es abgeben!“
Christus hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. (Kol 2,14)
Zu Weihnachten singen wir davon: „Christ ist erschienen, uns zu versühnen“. (EG 44,2)
An einem Mittwoch im Oktober stand eine Operation in meinem Kalender, Stirn- und Kiefernhöhlen. Geschäftsmäßig packte ich morgens meine Reisetsche, fuhr in die Klinik und beantwortete dort zweimal einen Fragebogen (bei der Aufnahme ins Haus und bei der Aufnahme in die Station), den ich schon bei einem Vorgespräch beantworten musste.
Kaum im Zimmer angekommen, wurde es ernst: „Es ist so weit. Legen Sie sich bitte auf diese Liege.“ Dort heißt es: „Ach nein, diese Liege hier ist besser!“ Die Zimmertür ging weit auf. Ich wurde durch den Gang geschoben. Im ersten Vorraum wurde ich verpackt. „Bitte wechseln Sie dazu auf diese Operationsliege. Da sind ihre Füße in einem Fußbett untergebracht.“ „Kann ich noch einmal austreten?“ „Ist nicht möglich,“ der Pfleger war streng. Im nächsten Zimmer – die Anästhesie. Eine freundliche Ärztin. Dennoch beunruhigte mich die Information aus dem Vorgspräch:“Sie hören dann auf, zu atmen. Wir beatmen Sie.“
Mir wurde mulmig. Mit jeder Minute wuchs der Abstand zwischen mir und der Umgebung. Ich konnte nicht locker bleiben, fühlte mich bedroht, ausgeliefert, ganz auf mich gestellt. Ich wollte nicht angesprochen werden, kein Schwätzchen halten. So oft wie möglich, schloss ich die Augen und atmete tief durch. Ein kurzes Gebet wurde mein Bollwerk: „Dir uns lassen ganz und gar.“ Dabei fühlte ich mich geborgen, beschützt, zu Hause. Ein kleines Häufchen Elend im Arm des himmlischen Vaters.
Vielleicht meint das Paulus? Wenn er schreibt: „Weil ihr nun (seine) Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsere Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater!“
Wie können wir Erwachsenen uns den Zauber von Weihnachten bewahren? Welche Freude hält das Fest für uns noch bereit? Wir haben es schon so oft erlebt. – Es ist die vertrauensvolle Anrede Gottes mit „Vater“. Mit ihr zieht Gottes Geist in unser unruhiges Herz ein und bringt Ruhe und Frieden. Geborgenheit in einer undurchschaubaren Welt. Auch wenn niemand, den wir liebhaben, bei uns ist. „Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf.“(Ps 27,20)
14) „Meine Brüder und Schwestern! Was nützt es, wenn jemand behauptet zu glauben, sich der Glaube aber nicht in Taten zeigt? Kann ihn dann der Glaube retten? 15) Stellt euch vor, ein Bruder oder eine Schwester hat nichts anzuziehen. Es fehlt ihnen sogar das tägliche Brot. 16) Nun sagt einer von euch zu ihnen: ‚Geht in Frieden, ihr sollt es warm haben und euch satt essen.‘ Ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen. – Was nützt das? (Jak 2,14-16 BasisBibel)
Jakobus, der Bruder Jesu, leitete 20 Jahre lang die Gemeinde in Jerusalem. Als Stadt des Todes und der Auferstehung Jesu Christi war sie bis zum Jahr 66 das Rom der frühen Christenheit. Die anderen Gemeinden erwiesen ihr Respekt mit einer Geldsammlung. Wir hören heute einen Abschnitt aus einer Lehrschrift, die im Namen des Jakobus und unter seiner Autorität an das ganze Volk Gottes gerichtet ist. Sie legt den Finger in eine Wunde, die bis heute in der Kirche schwärt, die Doppelmoral: „Ein Glaube, der sich nicht in Taten zeigt, ist nutzlos!“ (Jak 2,20). Ebenso wie die Verabschiedung von Notleidenden nach dem Gottesdienst mit dem frommen Wunsch: „Geht hin in Frieden, wärmt euch, sättigt euch.“ Wovon denn?
Modern gesprochen: Die Wahrheit des Glaubens ist konkret. Jeden Tag erweist sich neu, wovon ich mich leiten lasse, was mein Leben bestimmt – eben wie mein mindset eingestellt ist.
Ich habe Psalm 27 lieb gewonnen. Er kam in der Bibellese im Juni an die Reihe. Über drei Verse habe ich seither immer wieder in meiner Andacht meditiert. Zur Zeit des Jakobus hatten alle die Psalmen verinnerlicht. „Ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.“ (Jak 5,13) Meiner Ansicht nach ist diese Psalmenfrömmigkeit der Schlüssel für die Warnung vor der Doppelmoral, die wir eben hörten.
Ich empfehle folgende Verse aus Psalm 27:
Vers 1: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?“ (Luther-Übersetzung) – Diese Worte umschließen mich wie ein warmer Mantel. Sie hüllen mich ein. Ein Wohlfühlmoment. Es scheint auf, welche Rolle Gott in meinem Leben spielt. Er ist Licht im Dunkel und Kraft bei Schwäche. Ich brauche mich nicht zu fürchten. Er schließt mich in seine Arme.
Vers 9: „Du bist meine Hilfe; verlass mich nicht.“ Hier ist meine Anlaufstelle, wenn ich etwas verpatzt habe und bei Kummer, Angst und Sorgen. In jedem Lebensalter kann sich täglich das Blatt wenden. Seien wir froh, wenn alles gut läuft. Mit über 75 lebt man auf der Kippe: Ein Schlaganfall macht aus einem rüstigen Ruheständler einen hilfsbedürtigen Greis. Etlichen ist es so ergangen, wie wir alle wissen. Wann sind wir selbst an der Reihe?
„Tu die Hand nicht ab von mir, du Gott meines Heils,“ so geht der Vers weiter. In schweren Zeiten, als ich einen ernstlich Erkrankten regelmäßig besuchte, wurde er zu meiner persönlichen Fürbitte: „Tu die Hand nicht von unserem lieben Kranken ab, du Gott unseres Heils!“
Vers 11: „Herr, weise mir deinen Weg und leite mich auf ebener Bahn.“ Mit diesen Worten öffne ich mich für das, was Gott von mir möchte. Wer Psalmen betet, tut das nicht als Monolog, sondern im Dialog. Er rechnet damit, dass Gott ihn zu Taten ermutigt und Entscheidungen fordert. Stichwort dafür ist „der Weg“. Es kommt häufig vor. Denken wir an: „Weise mir. Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit.“(Ps 86,11) Beten und Tun bilden eine Einheit. Der lebendige Gott, zu dem wir beten, hat auch einen lebendigen Willen. An ihn kann man nicht bloß theoretisch glauben, an ihn glauben bedeutet: Mit ihm auf dem Weg sein.
Dieser Praxisbezug, der in den Psalmen besteht, trägt die Ansagen des Jakobus: „Was nützt es, wenn jemand b e h a u p t e t zu glauben, sich der Glaube aber nicht in Taten zeigt?“ Oder auch: „Hört das Wort aber nicht nur, sondern setzt es auch in die Tat um.“ (Jak 1,22) Wichtiger als glelehrtes Wissen über Gott ist das Leben mit ihm: „Wer unter euch ist weise und klug? Der soll es durch seinen guten Lebenswandel zeigen und in weiser Bescheidenheit handeln,“ (Jak 3,13) mahnt Jakobus. Der Pfarrer sollte nicht den dicksten Bauch und das teuerste Auto in der Straße haben.
Jesus sprach einmal über Menschen, die ihn auffallend überhöflich, irgendwie eilfertig grüßten: Nicht jeder, der zu mir sagt: ‚Herr, Herr‘, wird in das Himmelreich kommen, sondern diejenigen, die den Willen meines Vaters im Himmel tun. (Mt 7,22)
Gottes persönliche Führung erkennt man manchmal erst im Rückblick. In meinem Falle, dass ich meine liebe Frau kennengelernt habe und wir all die Jahre fröhlich zusammengeblieben sind und dass ich an die Kirche Zum Heilsbronnen berufen wurde, die ich so liebe, und in der ich bis heute predigen darf. Die persönlichen Lebenswege der einzelnen münden ein in die große Richtung, die Gott allen Christinnen und Christen vorgibt: Seinem Reich den Weg zu bereiten. „Füreinander da sein!“ und „Fremde anständig behandeln!“, steuert Jakobus aus seiner Menschenkenntnis dazu bei.
Mit unserer Zunge loben wir den Herrn und Vater am Sonntag im Gottesdienst. Mit ihr schnauzen wir in der Woche immer wieder Menschen an, die nach dem Bild Gottes geschaffen wurden. Aus ein und demselben Mund kommen Segen und Fluch. Das darf so nicht sein. (Nach Jak 3,9f)
Gott loben – Menschen runtermachen, Gott lieben – Menschen mißbrauchen. Wie passt das zusammen? Kann man da noch von „Glauben“ sprechen? – Von all unseren Körperteilen ist die Zunge am gefährlichsten. Sie verletzt und steht für alle möglichen Gemeinheiten. Wie ein winziges Feuer vermag sie einen ganzen Wald in Brand zu setzten. Jakobus macht einige Vorschläge, wie man sie zähmen kann. Modern gesagt: Ratschläge zur Gesprächsführung:
„Jeder Mensch soll schnell bereit sein zuzuhören.“(Jak 1,19) „Hast du mal einen Moment?“ Bitte antworte prompt und entgegenkommend: „Ja!“ und nicht abweisend: „Nachher!“ oder gar: „Du schon wieder?“ So merkt der andere, dass er ernstgenommen wird. Andere Angelegenheiten werden ihm nicht vorgezogen. Er kommt gleich zu Wort.
„Aber er soll sich Zeit lassen, bevor er selbst etwas sagt oder gar in Zorn gerät.“(Jak 1,19) Auf der Stelle zuhören, ganz Ohr sein. Erst, wenn sich alles gesetzt hat, mit Bedacht antworten. Nicht wie aus der Pistole geschossen. Erst einmal das Gehörte wirken lassen. Nur wer zuhören kann, bekommt mit, worum es geht. Vorsicht, wenn Zorn anschwillt. Dazu der nächste Vers.
Die Weisheit, die von Gott kommt, ist bereit, sich etwas sagen zu lassen. (Nach Jak 3,17) Was der andere auf dem Herzen hat, kann ja eine Beschwerde oder auch Kritik sein. Bin ich bereit, mit etwas sagen zu lassen oder mache ich dicht? Kann ich sanftmütig bleiben?
Zwei Männer erscheinen zum ersten Mal in der Hausgemeinde. Sie werden unterschiedlich behandelt. „Kommen Sie bitte ganz nach vorne. Dort ist noch ein Platz frei,“ wird der Erste begrüßt. „Stell Dich nach hinten, es ist heute sehr voll,“ wird der Zweite angeherrscht. Grund dafür ist ihr Äußeres: Der Erste gut gekleidet, wirkte wohlhabend. Der Zweite in abgetragenen Klamotten, verschmutzt, kam wohl gerade von der Arbeit. Vermutlich ein Sklave. Die Gemeinde kam abends zusammen, der Sonntag war noch kein Feiertag.
Jakobus mahnt: „Meine Brüder und Schwestern! Ihr glaubt doch an unseren Herrn Jesus Christus, der in der Herrlichkeit regiert. Dann beurteilt andere nicht nach ihrem Ansehen.“ (Jak 2,1) Legt nicht unterschiedliche Maßstäbe an, seid Fremden gegenüber unparteiisch und aufrichtig. Christi Liebe gilt Arm und Reich ohne Ansehen der Person. Er taxiert uns nicht nach unserem Bankkonto. Für ihn gibt es keine Menschen zweiter Klasse. Das sollte auch für uns gelten.
Die jungen Gemeinden bemühten sich um Geschwisterlichkeit. Damit waren sie ihrer Zeit weit voraus. Die Gesellschaft, in der sie lebten, tickte anders. Es gab eine feste Hackordnung vom Kaiser über der römischen Bürger, die Bürger in den Provinzen bis hinab zu letzten Sklaven. Die Verhältnisse haben sich grundlegend geändert. In unserem Grundgesetz steht: „Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen oder seiner Behinderung benachteiligt oder bevorzugt werden.“ (GG Art 3 Abs 3) Leider passiert es trotzdem, wie Betroffene klagen. Es gehört aber nicht auf den Weg, den Gott mit uns gehen will!
Verleihe uns, o Herr,
dass die Ohren, die deinen Lobpreis gehört haben, verschlossen seien für die Stimme des Streits und des Unfriedens;
dass die Augen, die deine große Liebe gesehen haben, auch deine selige Hoffnung schauen;
dass die Zungen, die dein Lob gesungen haben, hinfort die Wahrheit bezeugen;
dass die Füße, die in deinen Vorhöfen gestanden haben, hinfort gehen auf den Wegen des Lichtes;
und dass die Leiber, die an deinem lebendigen Leibe Anteil gehabt haben, in einem neuen Leben wandeln.
Dir sei Dank für deine unaussprechliche Gabe. (EG 77)
„Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“(Röm 11,29 Luther) „Denn was Gott aus Gnade geschenkt hat, das nimmt er nicht zurück. Und wen er einmal berufen hat, der bleibt es.“(Röm 11,29 BasisBibel)
2025 begehen wir das Gedenkjahr an das Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Am 27. Januar blickten wir zurück auf die Befreiung von Auschwitz. Mauer an Mauer mit dem Stammlager Auschwitz I, bestehend aus 33 zweigeschossigen Steinhäusern für Häftlinge samt Gaskammer, Erschießungswand und Exekutionshalle, umschlossen von einem lebensgefährlichen Hochspannungszaun …
Mauer an Mauer mit diesem Ort des Schreckens und der „Endlösung der Judenfrage“ führten Hedwig und Rudolf Höß mit ihren vier Kindern ein unbeschwertes, komfortables Leben in der Dienstvilla des Kommandanten. Der gesamte Landkreis, in dem der KZ-Komplex lag, war eine schwer bewachte Sonderzone, „das Interessengebiet Auschwitz“. Diesen Namen greift der Film „The Zone of Interest“ aus dem Jahres 2024 auf. Er spürt dem Unvorstellbaren nach:
Über Berufliches wurde nicht gesprochen. Eine völlig gewissenlose heile Welt inmitten der Todesroutine. Im Hintergrund mal laut, mal leise: Poltern, Schreie, Schüsse. Regelmäßig pfeifende Lokomotiven mit dröhnenden Waggons. Der Mutter von Frau Höß wird das unheimlich. Sie reist schweigend ab. Als Höß nach Oranienburg befördert wird, empört sich Hedwig. Dem neuen Kommandanten gegenüber stellt sie klar: „Das ist hier unser Heim“ und bleibt in der Villa wohnen. Höß freut sich „wie ein Schneekönig“, als er ihr 1944 seine Rückkehr mitteilen kann.
51 Jahre brauchte es, bis Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar als offiziellen „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ proklamieren konnte. Nach dem Krieg gab es keine Bereitschaft dazu. Alle wollten sich eine heile Welt schaffen, als wäre kein Unrecht geschehen. Nach und nach musste ans Licht gezogen werden, wie das jüdische Leben ab 1933 durch schikanöse Gesetze und Verordnungen eingeschnürt und abgewürgt wurde. Rings um den Bayerischen Platz wird auf Schildern an 80(!) gehässige Vorschriften erinnert. Hier lernt man, wie Nachbarn zu Fremden, Ausgestoßenen, Feinden entmenscht wurden.
Die Namen der Deportierten wurden dem Vergessen entrissen und vor ihren Häusern auf Stolpersteinen festgehalten. Ihre Schicksale sind in einer Lesehalle im Rathaus Schöneberg dokumentiert. Schüler der nahegelegenen Grundschule bauen an einer Erinnerungswand, jeder Ziegelstein trägt einen Namen. Wir wollen Nachbarn bleiben. Jüdisches Leben hat einen angestammten Platz bei uns und muss geschützt werden!
Motor dieses Gedenkens war die christlich-jüdische Zusammenarbeit. Dazu gehört auch der heutige Israelsonntag. In dem 1999 eingeführten „Evangelischen Gottesdienstbuch“ bekam der 10. Sonntag nach Trinitatis diesen Namen. Er ist der bleibenden Nähe der Evangelischen Kirche Deutschlands zu Israel gewidmet. Als Schlusspunkt unter die verhängnisvolle Geschichte christlicher Judenfeindschaft.
Kronzeuge dafür ist kein geringerer als Paulus, der Völkerapostel. Unterwegs in der Welt predigte er in den Synagogen. Mit Erfolg, aber auch erbitterter Gegnerschaft wegen der Abwerbung von „Gottesfürchtigen“ (nichtjüdischen Gästen in der Synagoge). Diese wurde sowohl handgreiflich als auch vor den Statthaltern und in ihren Kerkern ausgetragen. Ihretwegen verbrachte er den Rest seines Lebens im Gefängnis – erst in Caesarea maritima, dann in Rom.
Bemerkenswerterweise verlor er trotz allem Gottes Zusage an Abraham nicht aus den Augen: „Dir und deinen Nachkommen will ich dieses Land geben.“ Als Abraham maulte: „Ich werde kinderlos sterben,“ verhieß ihm Gott: „Dein leiblicher Sohn wird dein Erbe sein.“ Dann führte er Abraham hinaus in die dunkle Nacht: „Betrachte den Himmel und zähle die Sterne… So zahlreich werden deine Nachkommen sein.“ (1. Mose 15,2.4f.)
In seinem letzten Brief geht Paulus darauf ein, dass Gott Israel nicht verdammt: „Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“(Röm 11,20) In heutiger Sprache: „Denn was Gott aus Gnade geschenkt hat, das nimmt er nicht zurück. Und wen er einmal berufen hat, der bleibt es.“ (Röm 11,29) Nachkommenschaft, Land, sicheres Leben dort – mit der Gründung des Staates israel hat diese Verheißung ein Gesicht bekommen. Arabische Christen bestreiten das.
Für die Beziehung zwischen dem alten Israel und der jungen christlichen Gemeinde verwendet Paulus ein Wort aus der Gärtnersprache: „Einpfropfen“. Gemeint ist das Einsetzen eines neuen Zweigs z. B. in einen Olivenbaum. Mit einem solchen Zweig vergleicht er die christliche Gemeinde: Man hat „dich als Zweig vom wilden Olivenbaum in den edlen Olivenbaum eingepfropft. Jetzt wirst du vom Saft aus seiner Wurzel miternährt.“
Das Christentum ist aus dem Judentum entstanden, Jesus war Jude. Wir haben Anteil am Segen Abrahams und am geistichen Erbe Israels. Mit der Warnung vor Überheblicheit: „Aber meine nicht, dass du den anderen Zweigen überlegen bist!…Denke daran: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!“(Röm 11,18)
In diesen Tagen ohne Überheblichkeit an der Seite Israels zu stehen, ist mühsam. Geholfen hat mir das Tagebuch der auch in Deutschland bekannten Schriftstellerin Lizzi Doron (geb. 1953) aus Tel Aviv, geschrieben „ohne Häme und Hass, die Augen voller Tränen“.
Am 7. Oktober 2023 um 7:29 Uhr reißt ihr Mann sie aus dem Schlaf: „Wach auf! Wach auf!“ „Bin noch müde.“ „Wach auf. Die Sirenen heulen! Wir müssen in den Schutzraum.“ Sie wohnen in einem Appartementturm im Herzen von Tel Aviv. Der Schutzraum befindet sich am Ende des Flurs. Stunde um Stunde schauen sie dort gebannt in den kleinen Not-Fernseher. Er bringt verstörende Bilder und Berichte live aus den völlig überrumpelten Kibuzzim. Alle sind durcheinander. Chaos und Panik. Angst vor dem, was sich da zusammenbraut.
Hinzu kommt die tiefe Sorge um Verwandte und Bekannte. Zuerst meldet sich aufgewühlt Ella, eine gute Freudin. „Eben war mein Neffe am Telefon, der kleine Michael (10), aus dem Kibbuz Kfar Aza. Er schluchzte, war kaum zu verstehen: „Es ist ganz schlimm hier. Vater und Mutter sind tot, erschossen.“ Ihm und seiner älteren Schwester gelang es, sich in einem Schrank zu verstecken, als alles auf den Kopf gestellt wurde. Die Jüngste ging verloren. Sie wird vermisst. – Am 7. Oktober erfolgte der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Israels.
„Wir spielen Alltag“, heißt Lizzi Dorons Buch, denn nichts ist seitdem mehr wie es war. Es gibt keine Ruhe, überall gespannte Aufmerksamkeit. Man kann den Krieg nicht abschütteln. Die Sirenen des Luftalarms unterbrechen, was man gerade tut. Es folgt die Ansage im Handy: „Raketenangriff auf Israel. Suchen sie einen Schutzraum auf!“ Wer keinen hat, muss sich platt auf die Straße legen mit Händen über dem Kopf. Explosionen der Luftabwehr knallen am Himmel. Ernsthaft bedrohlich waren die iranischen Raketen. Sie konnten das Schutzsystem durchbrechen.
Zwei Passagen des Buches sind nach der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem („Denkmal und Name“ nach Jes 56,6) benannt. Dort gibt es eine Halle der Namen der Opfer. Yad Vashem 2 ist ein Gedenkplatz in Tel Aviv.
Yad Vashem 2.0: Lizzi wird gebeten, sich daran zu beteiligen, Nachrufe für die Opfer des Überfalls zu verfassen. Zunächst muss recherchiert werden, um wen es sich handelt. Mitunter gaben Hinterbliebene Auskunft. Kaum ertragen konnte sie die Beschäftigung mit der jungen Maya Polo (19), die ihren Wehrdienst an der Grenze leistete, als der Durchbruch stattfand. Als sie 40 Nachrufe abgefasst hatte, überkam sie eine schwere Depression. Drei Tage lang flossen die Tränen. Als das überstanden war, widmete sie sich sich ihrem Tagebuch „ohne die Ruhe, die es braucht, zu schreiben“ und demonstrierte samstags mit für die Freilassung der Geiseln und die Beendigung des Kriegs.
Yad Vashem schalom: Hier erzählt sie von den erschütternden E-Mails, die ihr Sohn in Berlin von Freunden aus Gaza erhielt: A. L., ein Medizinstudent, der im Shifa-Krankenhaus aushalf, erfuhr aus einem anderen Krankenhaus: „Deine Mutter wurde eben bei uns eingeliefert. Alle anderen sind tot, dein Vater, dein Bruder mit Frau und Tochter, deine Großmutter, deine Onkel mit ihren Familien.“ – In Gaza tobt der verheerendste Krieg in der Geschichte der Palästinenser. Auch hier wird es einmal einen Platz für die Opfer geben .
„Ich wollte, dass man sieht, wohin grausamer Hass führt, Siegesträume, wahnhafte Politiker und messianische Fantasten,“ das hatte Lizzi Doron sich vorgenommen. Ohne Überheblichkeit an der Seite Israels zu stehen, heißt für mich, mit Lizzi Doron um alle Opfer zu trauern. Auf den Protesten für den Frieden las sie oft das folgende Gedicht:
Der Krieg wird enden.
Die Führer werden sich die Hände reichen.
Diese alte Frau wird weiter auf ihren getöteten Sohn warten.
Dieses Mädchen wird auf ihren geliebten Mann warten.
Und diese Kinder werden auf ihren heldenhaften Vater warten.
Ich weiß nicht, wer unser Heimatland verkauft hat.
Aber ich habe gesehen, wer den Preis dafür bezahlt hat.
(Mahmud Darwisch, gest. 2008)
Das vierte Jahrhundert wurde zur entscheidenden Periode für die Entwicklung der christlichen Lehre von Gott. Am Anfang stand das Konzil von Nizäa. Wie kam es dazu? Was folgte daraus? Hier die drei wichtigsten Punkte aus der Kirchengeschichte und eine kurze Schlussbetrachtung. Wir werden sehen, welche große Bedeutung das Glaubensbekenntnis von Nicäa-Konstantinopel (EG 805) für die christliche Gotteslehre hat.
Im Jahr 324 nach seinem Herrschaftsantritt auch über die östliche, griechischsprachige Reichshälfte wandte sich Konstantin der Große (geb. 270 oder 288, gest. 337), der erste Christ auf dem Kaiserthron, mit einem Brief an die beiden ungleichen Kontrahenten eines länger wuchernden Kirchenstreits, den Bischof von Alexandrien und den einfachen Priester Arius:
„Gebt mit die heiteren Tage und sorglosen Nächte wieder, dass auch für mich die Freude an der Reinheit des Lichts und das Glück eines ruhigen Lebens erhalten bleibt. Sonst müsste ich klagen und vor Weinen ganz vergehen und meine Lebenszeit in Bitternis verbringen. Denn wenn das Volk Gottes…durch so ungerechten und schädlichen Streit gespalten ist, wie kann ich da noch in Zukunft die Ruhe meines Herzens bewahren?“
Die persönlichen Worte des Kaisers verfehlten ihre Wirkung. Arius war nicht bereit, sich zu unterwerfen. Aus heutiger Sicht war er kein Kirchenspalter. Eher der Katalysator eines tiefgreifenden Unterschieds im Verständnis von Gott und seiner Beziehung zur Welt, das auch seinen Tod im Jahre 336 überdauerte und bis heute fortbesteht.
Die Einmütigkeit der Gottesverehrung zu wahren, oblag der Verantwortung des römischen Kaisers. War sie doch Grundlage für das Wohlergehen des Reiches! In dieser römischen Tradition als pontifex maximus berief Konstantin umgehend ein Reichskonzil nach Nicäa ein, heute Iznik 140 km südöstlich von Istanbul gelegen.
Damit beginnt die Ära der ökumenischen Konzile. Die Orthodoxie zählt sieben bis zum Jahr 787 (Nizäa II), die katholische Kirche 21 bis zum zweiten Vaticanum 1965. Aus diesem Anlass werden sich dort Patriarch Batholomaios und Papst Leo XIV treffen.
Da Konstantin die Reisekosten pro Bischof samt fünf Begleitern, je zwei Priestern und drei Diakonen, großzügig übernahm, kamen 300 Bischöfe zusammen, eine stattliche Teilnehmerzahl. In Nicäa gab es reichlich Tempel (wir sind noch in der Antike!), aber noch keine Kirche. So tagte man in einer Halle im Palast des Kaisers. Er saß auf einem goldenen Sessel dabei und bestätigte die Beschlüsse, berichtet der Chronist Eusebius von Caesarea in seinem Werk „Das Leben Konstantins“. Kirchenangelegenheiten waren zu Staatsanglegenheiten geworden. Das „konstantinischen Zeitalter“ hatte begonnen.
Das Synodalbekenntnis von Nizäa schmiegte sich an den urchristlichen Lobpreis an: Jesus sei „Gott gleich““ (Phil 2,6), „Gottes Ebenbild“ (Kol 1,15) und „Gott war das Wort“ (Joh 1,1). Seine zentralen Sätze lauten: Jesus Christus ist:
Da weder dieses Bekenntnis noch die Verurteilung des Arius zu dem gewünschten Religionsfrieden führten, vollzog Konstantin unter dem Einfluß seiner Hofbischöfe eine Kehrtwende. Er nahm Arius wieder in die Kirche auf und drängte beide Seiten zu einer Verständigung. Das führte zu einem 60 Jahre währenden erbitterten Ringen, in das sich auch die jeweiligen Kaiser einschalteten.
Eine breite Ablehnung erwuchs dem Christustbekenntnis von Nizäa aus der Philosophie. Ihr zufolge war Gott im Gegensatz zur sichbaren oder unsichtbaren Welt: einfach, ewig, unkörperlich und unveränderlich. Er kann sich nicht teilen, nicht etwas von sich abgeben oder „zeugen“. Denselben Gott gibt es nur einmal.
In dem Glaubensbekenntis des Arius und seiner Mitstreiter aus dem Jahr 320 hieß es unter anderem:
„Wir kennen nur einen Gott, den allein ungewordenen, den allein ewigen, allein ursprungslosen, allein wahren, unwandelbar und unveränderlich.“
Vor diesem Hintergrund war lediglich eine lockere Bindung Jesu an Gott denkbar. Er sei „ähnlichen Wesens“ oder auch nur „ähnlich“ wie Gott – ein besonderes, vollkommenes Geschöpf, vielleicht auch eine Art Engel oder Zwischenwesen. (Man ging von einer sichtbaren und einer unsichtbaren Welt aus.) Nur nicht wahrer Gott vom wahren Gott, auch nicht eines Wesens mit dem Vater. Gott selbst bleibt hinter Jesus oder über ihm verborgen.
Die blasse Formulierung „Jesus ist ähnlich wie Gott“ erhob der „ariansche“ gesinnte Kaiser Constantius II. zum Reichdogma. Es galt von 359-379. In dieser Zeit zog Wulfila (311-383) zu den Goten und Wandalen, die im fünften Jahrhundert Italien und Nordafrika beherrschen sollten, und bekehrte sie zu arianischen Christen.
Für das Christusbekenntnis von Nizäa kämpfte Athanasius, der neue Bischof von Alexandrien in Verbindung mit den Bischöfen von Rom. Basilius von Caesarea, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz, aus Kappadozien, verschafften ihm neues Ansehen. Sie fanden ein Antwort darauf, wie Vater und Sohn derselbe Gott sein können, ohne zu verschmelzen. Außerdem bezogen sie den Heiligen Geist ein: aus christlicher Sicht ist Gott eine Heilige Dreifaltigkeit aus Vater, Sohn und Heiligem Geist.
„Lasst uns glauben an die eine Gottheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes in gleicher Majestät und in einer Heiligen Dreifaltigkeit.“
Mit diesen Worten wandte sich im Jahre 384 Kaiser Theodosius, der letzte Herrscher über das ganze Reich, Westrom und Ostrom, an seine Völker. Ein Jahr später berief er das zweite ökumenische Konzil nach Konstantinopel ein. Das dort beschlossene Tauf- und Glaubensbekenntnis (EG 805) beginnt mit den Worten: „Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen“. Der eine Gott wird als Vater bestimmt!
Das ist ein starkes Signal gegen die Philosophie, die einen anderen Weg beschreitet, um „Gott“ zu bestimmen. Ein Vater ist eine Bezugsperson, er heißt „Vater“, weil er n i c h t a l l e i n ist, wie Arius sich das vorstellte, sondern Kinder hat und für sie sorgt. In diesem Sinne ist der eine Gott nicht einsam und unveränderlich, er kann sich teilen etwas von sich abgeben. Er zeugt den Sohn und haucht den Heiligen Geist, heißt es im Großen Glaubenbekenntnis.
Der eine Gott lebt in einer personalen Gemeinschaft mit dem Sohn und dem Heiligen Geist bereits vor Erschaffung der Welt. Bevor die Philosophie tätig werden kann. Für das Große Glaubensbekenntnis besteht in Gott eine Binnendifferenzierung, die seine Einheit nicht bricht. Sie gestattet, dass jede der drei göttlichen Personen dieselbe eine göttliche Wesenheit besitzt.
Deshalb war es in Konstantinopel 385 möglich, die drei zentralen Sätze aus Nicäa zu übernehmen. Jesus Christus ist wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschafften, eines Wesens mit dem Vater. Die Christusbekenntnis von Nizäa wurde zum Anstoß, den Gott Jesu Christi in sich dreifaltig zu denken. Es gibt keinen Gott im Rücken von Jesus Christus, denn er ist einer aus der Heiligen Dreifaltigkeit. Wer von Jesus Christus reden will, muss stets von Gott reden; wer von Gott reden will muss stets von Jesus Christus reden.
Was bedeutet das für unseren Glauben?
Dazu ein Beispiel: Wenn wir beten:“Vater unser im Himmel“, ist nicht eine fromme Redensart, mit dem wir „den Einen“, „den Ewigen“ oder „den Lebendigen“ anreden. Das wäre ein unpersönlicher Gott hinter dem Rücken von Jesus Christus, von dem wir nicht wissen können, wie er zu uns steht. Genau darum ging es ja im Streit mit den Arianern. Ihr Gottesbild stimmte nicht mit dem biblischen Gottesbild überein. Die biblischen Aussagen über Gott hatten für sie rein poetischen Charakter.
Der eine Gott im Großen Glaubensbekenntnis ist seinem Wesen nach ein liebevoller Vater des Sohnes und des Heiligen Geistes. Er ist uns Menschen in unvorstellbarer Weise zugewandt. Er sandte seinen Sohn, um das Böse aus der Welt zu schaffen, dann sandte er den Heiligen Geist, den Tröster, um uns nahe zu sein, uns beizustehen und uns in alle Wahrheit zu leiten. Der dreifaltige Gott kann und will sich mit uns in Verbindung setzen, ohne dabei aufzuhören, Gott zu sein. Das ist die Grundlage unseres Glaubens.
Er wir den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott, der HERR, wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volkes in allen Landen; denn der Herr hat’s gesagt.
Jes 25,8f.: Hier spricht ein Prophet (3. Jahrhundert vor Christus) aus dem Buch Jesaja, das ins 8. Jahrhundert vor Christus zurückreicht.
Am Samstag voriger Woche, dem 12.04.2025, ging es los: Ohrenbetäubender Lärm, dichte Staubschwaden, hinabstürzende Betonbrocken ausgelöst von einem donnernden Steinmeißel und gierigen Betonzangen. Schwere Baufahrzeuge waren unermüdlich unterwegs. Vier Sattelzüge für 11.000t Bauschutt. Mit den Augen verfolgt von Zuschauerinnen und Zuschauern auf der Straße, aus den Fenstern und am Livestream der Autobahn GmbH. – Eine spektakuläre Großbaustelle!
Der Grund: Die Ringbahnbrücke der A100 musste allerschleunigst verschwinden. Ein Marode, wie sie war, bedrohte selbst die gesperrte Brücke noch die S-Bahn. Das hieß: Kein Autoverkehr auf der Brücke und kein S-Bahn-Verkehr auf der Ringbahn zwischen Westend und Halensee. Ein Verkehrsinfarkt! Schlimmer ging es nicht.
Wäre unser Prophet heute hier, hätte er sich so ausgedrückt: „Gott, der Herr, wird mit Steinmeißel und Betonzangen die Mauern des Todesreichs einreißen.“ Denn seine Art ist es, vom Überweltlichen weltlich und vom Göttlichen menschlich zu sprechen. Er doziert nicht, sondern liebt es plastisch. Haut etwas raus, weder gottgemäß erhaben noch würdevoll, und prägt so eine – nach Ansicht von Bibelwissenschaftlern – „im ganzen alten Orient unerhörte und auch im Alten Testament singuläre Aussage“: „Er wird den Tod verschlingen auf ewig.„
Der Tod lässt sich nicht wie eine Scheibe Toast zum Frühstück verspeisen. Er hat Macht und Wucht. Dazu aus der Bibel: Er geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, was er verschlingen kann. Manchmal lauert er auch leise im Verborgenen. In einer Herde Schafe wütet er nach Belieben. Niemand kann ihm entkommen.
Ihm soll nun widerfahren, was er anderen zuleide getan hat. Der Prophet proklamiert den Tod des Todes. Der Allesfresser wird selbst gefressen. Gott wird ihn niederkämpfen. Gott selbst, nicht ein Erzengel, wird ihn packen, zu Boden werfen und verschlingen. Mit Gegenwehr ist zu rechnen. In einem Gemetzel zweier Löwen wird der Tod aus dem Weg geräumt.
Jahrhundertelang galt: Endstation Totenreich! Kein pardon. Wird ein Mensch begraben, schließt sich hinter ihm das Gefängnistor. Das ist nun überholt: Die Macht des Gottes Israels wird nicht an den Pforten der Unterwelt Halt machen. „Deine Toten werden leben, deine Leichname auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde,“(Jes 26,19) lautet sein Versprechen.
„So hat es der HERR (= Jahwe) gesagt.“ Der Prophet trägt nicht seine Lieblingsgedanken vor. Er ist Bote Gottes und überbringt Israel dieses großartige Versprechen. Einzelne Andeutungen der Auferstehung in Psalmversen erscheinen dadurch in neuem Licht. Sie weisen in die Zukunft Gottes.
„Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?“ Vor Ostern wurde eine repräsentative Umfrage durchgeführt:
Aus Untersuchungen wissen wir, dass Menschen, die in den Gottesdienst gehen, mit größerer Wahrscheinlichkeit den Glauben der Kirche teilen. Das schlägt bei den Freikirchen zu Buche.
Zur Zeit von Jesus waren es die Pharisäer, die sich dafür interessierten. Sie waren dankbar für Gottes Versprechen und beteten täglich: „Du bist mächtig in Ewigkeit, Herr, du belebst die Toten, du bist stark zum Helfen… Gelobt seist du Ewiger, der du die Toten wieder belebst.“ (Zweite Bitte des Achtzehnbittengebets)
Strikt dagegen waren die Sadduzäer, die Traditionalisten. Sie wiesen das ewige Leben ab als eine unerlaubte Neuerung: „Davon steht nichts in der Tora! Das hat Mose nicht gelehrt!“ Allein das war maßgeblich für ihren Glauben. Was bei den Propheten und in den Schriften (z. B. den Psalmen) stand, war zweitrangig, nicht verbindlich. – Jesus bemerkt einmal: „Ihr seid zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben.“(Lk 24,25) Auf gut deutsch: Warum seid ihr so begriffsstutzig und kümmert euch nicht um die Propheten? – Das betrifft auch die Sadduzäer.
Schützenhilfe für sie gibt es von dem Heidelberger Ägyptologen Jan Assmann (gest. 2024). Er arbeitete heraus: Was den Umgang mit dem Tod betrifft, kontrastieren die Kulturen Ägyptens und Israels scharf. In Ägypten dreht sich alles um ihn. Für das Leben nach dem Tod wurden die gewaltigen Pyramiden erbaut. Die Pyramiden von Gizeh zählten zu den sieben Weltwundern der Antike. Das alte Israel baut keine Pyramiden. Es kann mit dem Tod nichts anfangen. Hier steht die Geschichte Gottes mit seinem Volk im Vordergrund, der Auszug aus Ägypten und das Leben nach den Geboten Gottes im gelobten Land. Unseren Propheten aus dem dritten Jahrhundert vor Christus berücksichtigt Assmann dabei nicht. Dieser lenkt den Blick auf das von Gott gesetzte Ende und Ziel der Geschichte. Darauf spielt Jesus an.
Vom Standpunkt der Sadduzäer ist ein Leben nach dem Tod einfach lächerlich: „Was kommt da alles zusammen? Wer trifft wen?“ So nerven einige von ihnen Jesus (Mk 12,18-27): „Wass passiert eigentlich, wenn eine Frau plötzlich Witwe wird und der Bruder ihres Mannes, der mit ihr eine Schwagerehe geschlossen hat, kurz darauf auch ums Leben kommt? Dann ist der zweite Bruder an der Reihe, nach dessen Tod der dritte, und wenn sich gerade eine Seuche ausbreitet und die Familie zahlreich genug ist, der vierte, dann der fünfte, dann der sechste, womöglich auch noch der siebente Bruder des ersten Ehemannes? Sitzt die Frau dann im ewigen Leben mit allen sieben Männern da? Welch ein Graus!“
Fremdeln deshalb heutzutage viele Menschen mit einem Leben nach dem Tode? Wo komme ich da hin? Was soll ich da? Muss ich den ganzen Tag beten? Dann und wann hörte man von der Kanzel: „Im Himmel werdet ihr auch die Menschen treffen, die ihr auf der Erde nicht leiden konntet.“ Schöne Aussichten.
Gottes Versprechen besagt nicht platt: „Nach dem Tod geht es irgendwie, irgendwo mit irgendwem weiter.“ Jesajas Botschaft: „Und Gott, der HERR, wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen,“ bedeutet Gottes Versprechen gilt speziell den Menschen, deren Wunden die Zeit nicht zu heilen vermochte, über deren Leid kein Gras gewachsen ist.
Ich denke dabei an ein krebskrankes Kind in der Klinik. Es schaute seine Mutter an und fragte, wie nur Kinder fragen können: „Wer bringt mich ins Bett, wenn ich im Himmel bin?“ Herzzerreißend. – Ihm gilt das Versprechen: „Gott, der HERR, wird bei dir sein. Er wird dich ganz fest in seine Arme schließen, bis alle Tränen getrocknet sind.“
Ich denke an den Vater, dessen 17-jährige Tochter mit ihrem Freund 2023 in einem Regionalzug in Brockstedt, Schleswg-Holstein, hinterrücks erstochen wurde: „Es war so furchtbar. Als ich meine Tochter zum letzten Mal streichelte, war ihre Hand eiskalt.“ – Ihm gilt das Versprechen: „Gott, der HERR, wird bei dir sein, er wird dich ganz fest in die Arme schließen, bis alle Tränen getrocknet sind.“
Ich denke auch an die Witwe am Sterbebett ihres Mannes und Kameraden seit 45 Jahren: „Lass mich nicht allein! Wie soll ich ohne dich zurechtkommen?“ – Ihr gilt ebenfalls das Versprechen: „Gott, der HERR, wird bei dir sein, er wird dich ganz fest in die Arme schließen, bis alle Tränen getrockenet sind.“
Leben nach dem Tod – denn manches Leid kann niemand außer Gott stillen. Nach irdischem Unheil, Schmerz und Leid. Das Versprechen: „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand, die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt.“ (EG 533,1) Herzenstrost! Das ist die entscheidende Ansage, wenn es um das Leben nach dem Tod geht. Ein Glücksmoment. Die Vollendung. Über weiteren Zeitvertreib im Himmel brauchen wir uns keine Gedanken zu machen. Gottes Ewigkeit ist nicht in Stunden, Tagen oder Wochen zu messen.
„Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1. Kor 15,54f.) schreibt Paulus. Unüberhörbar – der Anklang an das Er-wird-den-Tod-verschlingen-auf-Ewig, das wir von unserem Propheten kennen. Paulus war Pharisäer. Als solcher liebte er Jesaja und hoffte mit ihm auf den Tod des Todes und das ewige Leben. Von ihm inspiriert, deutet er die Auferstehung Jesu Christi als ein umfassendes Geschehen, das über die Gsechichte unserer Welt hinausweist.
Freilich – Ostern war Paulus nicht zugegen. Als er Kenntnis von Jesus und seinen Sympathisanten bekam, bekämpfte er sie. Darüber vergingen zwei Jahre. Als er nach Damaskus unterwegs war, um dort Jesusleute aufzuspüren und dingfest zu machen, wurde er von überirdischem Licht geblendet und hörte: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ „Wer bist du, Herr?“ „Ich bin Jesus, den du verfolgst!“ Drei Tage lang blieb Paulus blind. Seine Begleiter mussten ihn nach Damaskus führen. Dort bringt man ihn in die kleine Gemeinde. Die ist zunächts alles andere als glücklich über sein Dabeisein. Bis sie merkten: Er war nicht mehr der Verfolger, den sie fürchteten, sondern ein nachträglicher Zeuge der Auferstehung, ein Apostel, der es eigentlich nicht verdient hat, Apostel zu sein.
Als solcher deutet er die Erscheinungen Jesu in Jerusalem und bei sich selbst. Der Tod musste Jesus herausgeben. Er konnte ihn nicht im Grab halten, weil ein Stärkerer ihn überwunden hatte. Jesus „zerbrach die Ketten des Todes und stieg als Sieger hervor,“ singen wir in der Heiligen Osternacht im Exsultet. Der von Jesaja angesagte Sieg Gottes über den Tod wurde Ostern errungen. So untermauert Gott das ihm gegebene Versprechen.
Es wird nicht ausbleiben, dass der Tod alle hergeben muss, die er in seine Gewalt gebracht hat. Wie Jesus werden sie ihre Gräber verlassen!
Das Schöneberger Südgelände ist ein erholsames Landschafts- und Naturschutzgebiet. Ein Wasserturm, eine Dampflokomotive und eine Drehscheibe zum Umsetzen solcher Lokomotiven erinnern an frühere Zeiten, an Berlins größten Rangierbahnhof. 130 Güterzüge kamen hier an, wurden auseinandergekoppelt und neu arrangiert. Weiter ging’s in Richtung Leipzig oder Dresden.
Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingab. Jeder, der an ihn glaubt, soll nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. (Joh 3,16)
Wir hören heute von der Liebe Gottes, von dem Glauben an Jesus Christus und vom ewigen Leben. Darüber möchte ich mit Ihnen nachdenken.
Wir kennen die Liebe zu zweit, die Eigenliebe und die zuvorkommende Liebe.
Neulich waren wir im Zimmertheater in Friedenau in einem intimen Theaterraum mit 99 eng bestuhlten Plätzen. Die Köpfe des Publikums waren geradeaus auf das Bühnengeschehen gerichtet. Mit einer Ausnahme: Ein junger Mann mit einer Schüttelfrisur suchte wieder die Nähe des Kopfes seiner Partnerin. Er flüsterte ihr zärtlich ins Ohr, spitzte dabei seine Lippen zu Küsschen. Da hatten sich zwei gefunden! Eine romantische Beziehung, voller Innigkeit und Zuneigung, wo der Himmel voller Geigen hängt. Wie schön, so etwas zu erleben! Nicht selten läuft das auf eine Hochzeit hinaus, manchmal sogar auf eine Goldene Hochzeit.
Bei der Eigenliebe geht es um mich, um meinen Vorteil, um meine Interessen, um mein Wohlbefinden, um das, was mir gut tut, um das, was ich mir gönne. „Man gönnt sich ja sonst nichts.“ Sie ist „Liebe solo“. Für sich selbst zu sorgen, ist ein Urbedürfnis. Jedoch wie weitgehend werden die anderen für mich eingespannt, von mir ausgenutzt, manipuliert? Was für eine entlarvende Beobachtung: „Sie ist meine Freundin, solange sie von allem mehr hat als ich.“ Der Egoismus ist die harte Kante der Eigenliebe.
„Unsere Mutter hat nie an sich gedacht,“ erinnern sich die erwachsenen Söhne im Beerdigungsgespräch. „Sie war immer für andere da. Als wir aus dem Hause waren, kümmerte sie sich um die Nachbarin. Und dann war da noch Onkel Karl im Pflegeheim…“ Hilfsbereit sein tagaus, tagein, uneigennützig und selbstvergessen. Die wichtigste, unentbehrliche Form der Liebe.
Solch eine zuvorkommende Liebe ist es, die Gott, unser himmlischer Vater, ausübt. Obwohl es immer wieder Enttäuschungen und Grund zum Zorn gab, wie die Bibel berichtet, lässt ihm das Schicksal der Menschen keine Ruhe. Nach den Propheten schickte er seinen Sohn. Sein Liebstes. Ein Stück von sich selbst. Vielleicht hoffte er:“Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben.“(Mk 12,6)
Das passierte auch – in gewissem Umfang. Allerdings gab es einen harten Kern von Menschen, bei denen Jesus auf Granit biss. Die Entscheider verweigerten ihm die Anerkennung und zogen an ihren Strippen. „Er kam in die Welt, die ihm gehört. Aber die Menschen dort nahmen ihn nicht auf.“(Joh 1,11) So verwandelte sich die frohgemut begonnene Sendung Jesu in einen qualvollen Opfergang.
Umgangssprachlich verstehen wir unter „Glaube“: Schwaches Wissen, mutmaßen, vermuten. Zum Beispiel: Am Bayerischen Platz fährt die U4, Berlins kürzeste U-Bahn-Linie mit bloß fünf Stationen. Vorsicht, wenn Sie jemand fragt: „Wann kommt der nächste Zug?“ Früher stand fest: in zehn Minuten. Heute empfielt sich: „Ich g l a u b e in zehn Minuten.“ Neuerdings dauert es oft 20 Minuten, das ist ganz schön hart. Gute Fußgänger können sich die Bahn sparen. – Ein anderes Beispiel. Bleibt unser Fußballverein „Union Berlin“ in der Bundesliga? Wir hätten das gern. Nach dem Stand der Tabelle wäre hier ein: „Ich glaube, ja,“ angemessen. Es könnte sein, es wäre schön, aber ausgemacht ist es nicht.
In Gesprächen über Religion fallen Sätze wie: „Ich glaube, dass es einen Gott gibt und dass er die Welt erschaffen hat.“ Der Nachbar sagt: „Ich glaube das nicht.“ Dann wieder: „Ich glaube, dass Jesus von der Jungfrau Maria geboren wurde.“ Ein anderer „Ich nicht.“ Altbischof Huber räumt ein, dass man so oder so evangelisch glauben kann. Glauben oder nicht glauben bezieht sich dabei auf ein Thema aus der Religion, einen Glaubensgegenstand. Von einem solchen Thema können wir mehr oder weniger überzeugt sein. Theologisch-wissenschaftliche Untersuchungen sind vom Ansatz ergebnisoffen, oft ausgesprochen distanziert und skeptisch.
Was in unserem heutigen Vers von Jesus gesagt wird, steht auf einem anderen Blatt: „Jeder, der an ihn glaubt, soll nicht verloren gehen.“ „An jemand glauben“ ist ganz anders als „etwas glauben“. Hier geht es um eine persönlichen Begegnung, um gewonnenes Vertrauen, so das griechische Verb „pisteuein“, das wir an dieser Stelle mit „glauben“ übersetzen. Um ein von Herzen kommendes Ja zu Jesus. Wenn ich spüre, dass seine Sendung auch mir gilt, dass er mich befreit und erlöst. Diese Beziehung ist zuverlässig und stabil. Er steht an meiner Seite, er geht mit mir durch dick und dünn. Auch in Sorgen und Nöten hält er zu mir. Für irdische Zweierbeziehungen gilt: „Bis dass der Tod euch scheide.“ Der Verbundenheit mit Jesus kann der Tod nichts anhaben.
Wir hörten: „Jeder, der an Jesus glaubt, wird nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.“ Ganz anders fragte ihn ein junger Mann: „Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben bekomme?“
Kurz zu seiner Situation: Er möchte nicht im Totenreich verloren gehen und wendet sich deshalb mit seiner Frage an Jesus. Von ihm wird er auf die Gebote verwiesen, wie: Nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, keine falschen Aussagen machen und so weiter. „Das habe ich seit meiner Jugend befolgt,“ da ist der junge Mann ganz zuversichtlich. Jesus findet ihn sympathisch, kann ihm aber einen weiteren Rat nicht ersparen: „Geh los und verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen.“ Mit dieser Aufforderung hatte er nicht gerechnet. Sie trifft ihn wie ein Hammerschlag. Traurig ging er seiner Wege, denn er war ein Geschäftsmann und verwaltete ein großes Vermögen.
Der reiche Jüngling ist auf sein eigenes Schaffen fixiert. Er möchte das Richtige tun, um ins Reich Gottes zu kommen. Am Ende zählen nur die Taten, davon ist er überzeugt. Stimmen sie, dann ist es geschafft. So schätzt er ab, was er zuwege bringen kann und was nicht.
Jesus dagegen: Der Weg zum ewigen Leben führt nicht über das eigene Schaffen, über das, was wir geleistet haben. Nach dem Motto: Waren wir fleißig, brauchen wir nur zu sterben, um in den Himmel zu kommen. Jesus hat nichts gegen Fleiß und Rechtschaffenheit. Sie lassen sich nur nicht zu einer Treppe ins Paradies auftürmen. In den Himmel schwebt man nicht so einfach wie ein heliumgefüllter Luftballon.
„Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben bekomme?“ „Denke an den Pfahl in der Wüste,“ hätte Jesus ihm sagen können. „Es ist wie damals bei Mose , als er in der Wüste den Pfahl mit der Schlange aufgerichtet hat…“(Joh 3,14)
Seinerzeit in der Wüste war das Volk Israel eigentlich auf dem Weg ins Glück, aus der ägyptischen Knechtschaft in die Freiheit. Dennoch zog immer wieder Verdruss auf. „Waren wir nicht besser in Ägypten aufgehoben? Diese Wüste ist furchtbar: heiß, endlos und karg. In Ägypten hatten wir wenigstens etwas zu essen.“ Die Vergangenheit wurde verklärt, Gottes Heilsplan in Stücke gerissen. Hierüber zürnte Gott. Eine todbringende Schlangenplage breitete sich aus. Möglicherweise eine Art Sandschuppenottern. Dunkelrote Griftschlangen, die blitzartig vorstießen, jäh emporschnellten und zubissen. Kein Abschütteln, kein Freikommen, kein Entfliehen waren möglich. So wurde hochwirksames Gift injiziert.
In diesem Elend befahl Gott Mose: „Fertige eine Schlange aus Bronze und stecke sie auf ein Feldzeichen. Jeder, der gebissen wurde, soll sie ansehen. Dann wird er am Leben bleiben.“(Num 21,8) Man nahm eine militärische Signalstange, die den Truppen den Sammelplatz zeigte, Länger als der Stab des Äskulap, den wir von den Apotheken kennen, aber wie er von einer Schlange umringelt. Als Gegengift für das todgaweihte Volk. Der gläubige Aufblick zum „Nehutschan“, so nannte man die Schlange aus Bronze, rettete vom Schlangentod.
Jesus sieht darin einen Hinweis auf sein Geschick: „So muss auch der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat.“ (Joh 3,14) Er wird an den Pfahl des Kreuzes geschlagen und mit dem aufgerichteten Kreuz erhöht. Sein Kreuz wird das Gegengift gegen Tod und Sterblichkeit sein. Jeder, der an ihn glaubt, wird das ewige Leben haben. „Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben bekomme?“ Gar nichts. Das ewige Leben ist kein Geschäft. Nur gläubig zum Kreuz aufblicken. „Hier hat Jesus mich vom Tod befreit!“
Das ewige Leben liegt für den reichen Jüngling in der Zukunft. Nach dem irdischen Leben. Jesus sagt es schon jetzt an. In der Gegenwart in Verbindung mit dem Glauben an ihn: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht von Gott getrennt.“(Joh 11,25f) Das ewige Leben beginnt mit dem Glauben an Jesus Christus. Wo mir klar wird: „Jesus ist mein Erlöser.“
In diesem Fall steht fest: „Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stribt.“ Das bereitet Kopfzerbrechen. Hier wird etwas ausgedrückt, was man nicht ausdrücken kann. Es ist, als ob zwei ICEs auf demselben Gleis mit voller Geschwindigkeit aufeinander zurasen. Nach unserer Logik kann man nur leben oder sterben. Beides zugleich geht nicht. Was meint dann Jesus?
Eine Hilfe dazu bietet die griechische Sprache. Sie verfügt über zwei Wörter für „Leben“, die wir auch verwenden. In der“ Biologe“, der Wissenschaft von der belebten Natur, und im „Zoo“ und der „Zoologie“, der Tierkunde, stecken griechisch: „Bios“ und „Zoe“ beide bedeuten Leben. Im Neuen Testament werden sie folgendermaßen gebraucht:
Das Bios-Leben hat den Tod vor sich. So verläuft unser irdisches Leben vom Säugling bis zum Greis, wenn es nicht durch Krankheiten oder Unfälle vorzeitig abbricht. Bei der Geburt sind Alterung und Tod bereits einprogrammiert.
Das Zoe-Leben hat den Tod bereits hinter sich gelassen. Das ewige Leben ist die Eingliederung in den Lebenszusammenhang Gottes und hat Anteil an seiner Ewigkeit, die nicht mehr in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinanderfällt. Es ist ein Kontinuum, das sich über den irdischen Tod hinaus erstreckt.
Mit dem Glauben an Jesus Christus sind wir ins ewige Leben eingezogen. Das leibliche Sterben kann uns aus dieser Verbundenheit nicht lösen und das Leben nicht in Frage stellen, das in Jesus seinen Bestand hat. „Wer lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht von Gott getrennt.“ So können wir leben, d .h. im Besitz des ewigen Lebens sein, auch wenn wir sterben, wenn das irdische Leben verlöscht.
„So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingab. Jeder, der an ihn glaubt, soll nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.“
Das ist die frohe Botschaft. Eine bessere kenne ich nicht.
Sie macht die Traurigen fröhlich und die Toten lebendig. Wir gehen nicht verloren! Heute nicht, morgen nicht, überhaupt nicht.
9) Eure Liebe soll aufrichtig sein. Verabscheut das Böse und haltet am Guten fest.
10) Liebt einander von Herzen als Brüder und Schwestern. Übertrefft euch gegenseitig an Wertschätzung.
11) Lasst nicht nach in eurem Eifer. Lasst euch vom Geist anstecken und dient dem Herrn.
12) Freut euch, dass ihr Hoffnung habt. Bleibt standhaft, wenn ihr leiden müsst. Hört nicht auf zu beten.
13) Helft den Heiligen, wenn sie in Not sind. Seid jederzeit gastfreundlich.
14) Segnet die Menschen, die euch verfolgen. Segnet sie und verflucht sie nicht.
15) Freut euch mit den Fröhlichen. Weint mit den Weinenden.
16) Seid alle miteinander auf Einigkeit aus. Werdet nicht überheblich, sondern lasst euch auf die Unbedeutendenden ein. Baut nicht auf eure Klugheit.
(Röm 12,9-16)
„Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten werden die Ersten sein.“ Dieses Wort Jesu ging mir durch den Sinn, als ich den Römerbief aufschlug. Der Erste im Jahre 56 war Nero, der Kaiser in Rom. Seine Edikte gingen an das ganze Reich und wurden von Tausenden gelesen. Unter ferner liefen war dieser Brief des Paulus gerichtet an vielleicht 300 Personen. Die Edikte des Kaisers sind heute vergessen, nicht aber der Römerbrief des Paulus. Er erwies sich als einflussreiches und inspirierendes Dokument, das in der ganzen Welt gelesen wird. Für mich ist hier der Heilige Geist am Werk. Er hat dafür gesorgt, dass sich die Verhältnisse umgekehrt haben.
Paulus lehrt die Liebe: „Nun bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“(1. Kor 13,13) Liebe ist für ihn an dieser Stelle nicht das, was heute in aller Munde und in aller Ohr (Popsongs!) ist – ein Kribbeln im Bauch, Sich-Verlieben, Zweisamkeit, Intimität. Paulus denkt an Herzenswärme und Interesse an anderen Menschen in der christlichen Gemeinde und im alltäglichen Leben. Er schließt sich damit Jesus an, der Gottesliebe und Nächstenliebe predigte.
…so freundlich redet Paulus die Christen in Rom an. Dort gibt es noch keinen Bischof. Ein Team kümmert sich um alles. Die Weltstadt Rom war ein Schmelztiegel, die kleine Gemeinde nicht minder. In den Häusern, die sich der Botschaft geöffnet hatten, fanden sich ein: Arme und Reiche, Hausbesitzer und Gäste, Sklaven, jüngst Freigelassene und freie Bürger, Einheimische und Zugezogene aus allen Winkeln des Reichs, Juden und Griechen. Paulus erwähnt drei solche Hausgemeinden. Schätzungsweise 30-50 Personen passten in ein größeres Privathaus. Eigene Gebäude gab es noch nicht.
Dort traf sich kein Männerbund, wie die Anrede nahelegt, die Paulus wählte. „Liebe Brüder,“ so steht es noch in den alten Bibeln. – Von Anfang an waren Frauen dabei, z. B. Phöbe, eine Diakonin aus der Nähe von Korinth. Eine beherzte und gewandte Frau. Sie wird den Brief des Paulus auf ihrer Reise nach Rom mitbringen. Paulus nennt sie seine „Schirmherrin“: „Sie hat sich für viele Menschen eingesetzt, auch für mich.“ Außerdem grüßt er: Priska, Maria, Junia, Trypäna, Tryphosa, Persis, Julia und Olympas. (Röm 16) Offensichtlich eine Gemeinde von Brüdern und Schwestern!
Paulus sieht in der christlichen Gemeinde ein gemeinsames Ganzes. Sein Bild dafür ist der menschliche Körper. Mit seinen verschiedenartigen Organen und Gliedmaßen bildet er ein funktionsfähiges System. Alle wirken zusammen, alle werden gebraucht.
Durch das Heilige Abendmahl werden die Männer und Frauen in der Gemeinde zu einer geistlichen Gemeinschaft. „Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist’s. So sind wir vielen ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben,“ schreibt er an anderer Stelle. (1. Kor 10,16f.)
Die Kommunion, der Empfang des Leibes Christi – „Christi Leib, für dich gegeben“ wir mir zugesagt – , lässt eine Communio entstehen. Durch Teihabe am eucharistischen Leib Christi werden die Abenmahlsgäste ihrerseits zu einem geistlichen Leib zusammengefügt. Ihre alltagsweltlichen Unterschiede werden dadurch überlagert und spielen hier keine Rolle mehr. In Christus sind sie Brüder und Schwestern. Paulus hilft ihnen, sich so zu verstehehen und so miteinander umzugehen.
Was Paulus beschreibt, erleben wir ebenfalls, wenn wir das Heilige Abenmahl feiern. Dabei sind wir in gleicher Weise Gemeinde wie die Christen in Rom damals. Hören wir, was seine Sprüche uns sagen:
…ehrlich, ohne Falsch! (Röm 12,9a) – Machen wir uns klar. Immer wenn wir jemand Neuem begegnen, liefert unser Sensorium einen ersten Eindruck von ihm: „Ist sympathisch“ oder: „Ist nicht sympathisch“. Dieser Eindruck lässt sich nicht einfach abstreifen, aber wir sollten uns nicht von ihm leiten lassen. Daran erinnert der Friedensgruß, den wir im Gottesdienst austauschen: „Der Friede des Herrn sei mit dir.“ Zwischen uns steht nichts. Auch wenn wir uns bisher nicht kannten, gehen wir freundlich aufeinander zu und nehmen uns an. Üble Nachreden ausgeschlossen.
…wertschätzend und freundlich! (Röm 12,10b) – Im Blick auf alles, was in der Gemeinde angepackt wird. Es gab nur Ehrenamtliche. Die Gemeinde musste alles mit eigenen Kräften und Mitteln erledigen. Gar nicht gut tut da die Haltung der schwäbischen Hausfrau:“Nichts gesagt, ist schon genug gelobt.“ Der herablassende Blick, der aus diesen Worten spricht, entmutigt und blockiert das Gemeinschaftsgefühl. Vor solchem Verhalten warnt Paulus ausdrücklich: „Werdet nicht überheblich, sondern lasst euch auf die Unbedeutenden ein.“(Röm 12,16a) Ihr Bemühen, ihr Einsatz, ihr Zeitaufwand verdienen Wertschätzung.
…hilfsbereit und aufgeschlossen! (Röm 12,13) Dass man in der Gemeinde jemanden findet, mit dem man auch über Sorgen und Schwierigkeiten reden kann.
…einträchtig! (Röm 12,16) Verschiedene Menschen, verschiedene Ansichten. Trotzdem möchte man an einem Strang ziehen und wird von Fall zu Fall gemeinsame Lösungen suchen.
Wir hörten im Evangelium, wie Jesus in Kana bei einer Hochzeit mit von der Partie war. Mehrere Tage lang. Er freute sich mit den Fröhlichen. – In Galiläa ruft er alle zu sich, die sich abmühen und Lasten tragen. (Mt 11,28). Jesus zog sich nicht zurück, um die Schrift zu studieren. Er war unter den Menschen und für die Menschen da.
Ein Herbsttag im Park lädt zum Schauen ein: Klarer blauer Himmel und Sonne. Die Bäume leuchten in gelbem bis rostrotem Laub. Spielende Kinder, Spaziergänger. – Auf einer Parkbank sitzt ein Mann, der nichts von alledem mitkriegt. Er guckt nicht nach links oder rechts. Er hat nur Augen für den kleinen Bildschirm in seiner Hand. Über Tik Tok, YouTube und What’s App ist er mit der ganzen Welt verbunden.
Mir begegnen Väter und Mütter, die den Kinderwagen schieben – den Blick aufs Smartphone gerichtet. Das Kind guckt stumm aus der Wäsche. Und neulich auf dem Spielplatz strengte sich ein kleiner Junge an, um seinem Vater etwas zeigen, was er schon kann: „Papa, du schaust schon wieder aufs Handy!“
Es gibt bei uns so viele einsame Menschen, alte und junge, z. B. Studierende, die neu in Berlin sind. Auch solche, die aus ihrer Situation nicht herausfinden, die verstummt sind. Es gibt Wohnhäuser ohne Nachbarschaft, keiner kennt den Anderen. Kinder, die sich selbst überlassen sind. Es fehlen Gemeinschaft, persönliche Zuwendung, Mitgefühl, ein freundliches Wort, ein aufmunternder Blick. Aber drei Stunden Bildschirmzeit stehen zur Verfügung…
Wo ist das Böse? Wenn Putin persönlich durch die Tür käme, womöglich zusammen mit seinem Freund Kim Jong-un, wüssten wir , woran wir sind. Im alltäglichen Leben tarnt sich das Böse. Erscheint im Gewand des Guten und flötet mit süßer Stimme:…
…“Fang an zu sparen!“ Welch vorzüglicher Rat, – sollte man meinen. Leider lautet die Fortsetzung: „Geh zu PENNY!“ Also, wenn ich bei PENNY an der Kasse Geld ausgebe, dann spare ich? Das Wort „sparen“ wird in der Werbung so verschwurbelt, dass es plötzlich das Gegenteil bedeutet: Bezahlen. Dabei klettern die Preise für Lebensmittel abgesehen von einigen Sonderangeboten. Bei Butter, Schokolade und Orangensaft geht es steil bergauf. Im Regal steht zudem die eine oder andere Mogelpackung mit halbem Inhalt zum gleichen Preis.
„Kauf jetzt, bezahl später,“ säuselt eine Sparkasse im Fernsehen. Ein glücklicher Kunde rät, am besten gleich volle 7.000,-€ abzuheben. „So konnte ich sofort mein Motorrad kaufen. Und hatte noch Bares für weitere Anschaffungen.“ Easy credit: Leben willst Du jetzt, zahlen kannst du später.
Viele starten im Neuen Jahr mit einem Minus auf dem Konto. Oft höher als 2.000.-€ Die gut klingenden Ratschäge entpuppten sich als böse.
Im Unterschied zu den Erlassen von Kaiser Nero sind die Worte des Paulus im Römerbrief bis heute lebendig und kraftvoll geblieben. Sie lehren Liebe:
Antrieb und Kraft dafür ist der Heilige Geist. Von ihm schreibt Paulus: „Lasst euch vom Geist anstecken und dienet dem Herrn. Freut euch, dass ihr Hoffnung habt. Bleibt standhaft, wenn ihr leiden müsst. Hört nicht auf zu beten.“ (Röm 12,11f.)
…
13) Die Sterndeuter waren gegangen. Da erschien Josef ein Engel des Herrn im Traum. Er sagte: „Steh auf! Nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten! Bleibe dort, bis ich es dir sage! Denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.“ 14) Daraufhin stand Josef mitten in der Nacht auf. Er nahm das Kind und seine Mutter und zog mit ihnen nach Ägypten. 15) Dort blieb er bis zum Tode von Herodes. Dadurch ging in Erfüllung, was Gott durch den Propheten gesagt hat: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“
16) Herodes merkte bald, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten. Da wurde er sehr zornig. Er ließ in Bethlehem und der Umgebung alle Kinder töten, die zwei Jahre und jünger waren. Das entsprach dem Zeitraum, den er von den Sterndeutern erfragt hatte. 17) Damals erfüllte sich, was Gott durch den Propheten Jeremia gesagt hat: 18) „Geschrei ist in Rama zu hören, Weinen und lautes Klagen. Rahel weint um ihre Kinder. Sie will sich nicht trösten lassen, denn die Kinder sind nicht mehr da.“
19) Herodes war gestorben. Da erschien Josef in Ägypten im Traum ein Engel des Herrn. 20) Der sagte:“Steh auf! Nimm das Kind und seine Mutter und geh in das Land Israel! Denn alle, die das Kind umbringen wollten, sind tot.“ 21) Josef stand auf, nahm das Kind und seine Mutter und kehrte in das Land Israel zurück. 22) Er hörte, dass nun Archelaus König über Judäa war – anstelle seines Vaters Herodes. Deshalb fürchtete sich Josef, dorthin zu gehen. Im Traum bekam er die Anweisung von Gott. Daraufhin zog er in das Gebiet von Galiläa. 23) Dort ließ er sich in der Stadt Nazareth nieder. So ging in Erfüllung, was Gott durch die Propheten gesagt hat: „Er wird Nazoräer genannt.“ (Mt 2,13-23)
Ein Scherzkeks hat ein neues Krippenspiel ins Netz gestellt, integrativ und weltlich. Beim Casting und bei den Requisiten wurde das dichte Geflecht aktueller Vorschriften und angesagter Vorhaben berücksichtigt. Er hält uns auf diese Weise den Spiegel vor:
Zum Glück steht die Krippe nicht leer! Weder die Krippe hier in unserer Kirche noch die Krippe in unserem Herzen. Und das ist für uns von Bedeutung. Auf zwei Punkte möchte ich näher eingehen:
Weihnachten stellt unsere Vorstellungen von Größe und Macht auf den Kopf. Der wahre Herr der Welt, „der König aller Könige und Herr aller Herren“ (1. Tim 6,16), ist nicht in einem Palast zu finden, sondern in einer Krippe als Kind einfacher Leute. Jesus verkörpert die wahre Macht. Mit ihm ist das Ende aller Gewaltherrscher eingeläutet. Sie werden nicht das letzte Wort behalten.
Nehmen wir Herodes – von Rom anerkannt, konnte er sich alles leisten. 40 vor Christus erklärte ihn Markus Antonius zum verbündeten König und Freund des römischen Volkes. Mit diesem Titel in der Tasche und den Legionen Roms im Rücken konnte er sein Königreich erobern und das Volk in Schach halten. Geschichtlich betrachtet war er ein erfolgreicher Langzeitherrscher, der prächtige Bauten und die Stadt Caesara am Mittelmeer hinterließ.
Wenn es darauf ankam, ging er über Leichen. Die Liebe seines Volkes konnte er so nicht gewinnen. Zudem war er kein gebürtiger Jude, sondern stammte aus dem Nachbarvolk Edom. Er ist „durch Zufall König der Juden geworden,“ spottete der Historiker Josephus über ihn. Kein Wunder, dass er auf der Hut war und – je älter er wurde – wuchs sein Misstrauen. In seinen späten Jahren ließ er nacheinander drei Kronprinzen -seine Söhne Aristobulos, Alexander und Antipater – umbringen. Das fiel sogar in Rom auf, wo man auch nicht gerade zimperlich war. Kaiser Augustus dazu: „Ich wäre lieber ein Schwein als ein Sohn im Hause des Herodes. Ein Schwein lebt länger.“
Was die Bibel erzählt, passt gut zu seinem Charakter. Argwöhnisch wie er ist, wittert er einen Konkurrenten seiner Macht. So wird er tätig und gibt den Befehl, die in Bethlehem in Frage kommenden neu geborenen Jungen bis zum Alter von zwei Jahren zu töten. Etwa 30 könnten das gewesen sein. Ihre durchdringenden Schreie gellten durch die Nacht. Lautes Weinen und Klagen in den Häusern.
Im apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es: „Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Von diesem Gericht Christi wird nicht gerne gesprochen, lieber von der Vergebung. Aber kann denn alles vergeben werden? Und: Kann jedem alles vergeben werden? Behalten dann nicht die Übeltäter und Gewaltherrscher endgültig das letzte Wort? Nein, so ist es nicht. Wie alle übrigen Menschen wird auch ein Herodes „vor dem Richterstuhl Christi“ (2. Kor 5,10) stehen. Dort wird er seinen Opfern in die Augen sehen müssen. Die Kinder von Bethlehem – und nicht nur sie – werden ihm vorwerfen: Warum wurden wir aus den Armen unserer Mütter gerissen? Warum wurde uns das Leben genommen? Von Jesus werden sie das Recht bekommen, das Herodes ihnen versagt hat.
„Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen,“(Mt 25,25) erklärt der Menschensohn im Weltgericht und löst damit Erstaunen aus: „Du? Bei uns? Wann und wo war das?“ wird er zurückgefragt. „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan,“(Mt 25,40) lautet die Antwort.
In diesen Worten spürt man die Erinnerung an die plötzliche Flucht nach Ägypten. Für Herodes war das Jesuskind zum Politikum geworden. Gefahr für Leib und Leben drohten ihm deshalb. Wie eine illegale Ware schmuggelten ihn seine Eltern eiligst über die Grenze. Martin Luther predigte darüber am 5. Januar 1528:“Es ist unsertwegen geschrieben, dass Christus geflohen ist. Dadurch wird angezeigt, dass wir fliehen sollen, wo wir können.“ – Die Flucht, ein allerletztes Mittel für Menschen in Not.
100 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht in Asien, Amerika, Afrika, im Nahen Osten und in Europa. Wir kennen die Berichte aus den Flüchtlingslagern und die Bitte um Unterstützung für Lebensmittel und Medikamente von Seiten der Vereinten Nationen. Für Angela Merkel war die Flüchtlingsfrage eine der größten Herausforderungen in der Geschichte der Europäischen Union und ihrer Kanzlerschaft, schreibt sie in ihren vor Weihnachten erschienenen Lebenserinnerungen mit dem Titel „Freiheit“. Deshalb gebe ich jetzt ihr das Wort.
Sie schreibt bescheiden und klar, wie es ihre Art ist, z. B. „Ich wurde nicht als Kanzlerin geboren“ und „Deutschland dienen“. Ohne Pathos oder spitze Bermerkungen, wie sie Boris Johnson liebt, dessen Memoiren auch gerade erschienen sind. In ihrem Buch erklärt sie, wie es 2015 zu den bekannten Sätzen kam: „Wir schaffen das.“ „Deutschland zeigt ein freundliches Gesicht.“ „Dann ist das nicht mein Land.“ Mittlerweile wurden sie ja alle durch den Wolf gedreht. Deshalb möchte sie klarstellen, wie sie es gemeint hat.
Ende August 2015 im „Sommer der Migration in Europa“, als über eine Million Menschen unterwegs waren, formulierte sie auf einer Pressekonferenz: „Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das! Wir schaffen das, und dort, wo etwas im Wege steht, muss es überwunden werden, muss daran gearbeitet werden.“
Dazu im Buch die folgende Klarstellung: „Das war nicht so gemeint, als ob ich damit alle Flüchtlinge dieser Welt nach Deutschland holen wollte. Diese drei Worte standen für mein tiefes Vertrauen, dass es genügend Menschen im Land gab, die so dachten und fühlten wie ich und denen ich meinerseits Mut machen wollte. Mein Vertrauen sollte nicht enttäuscht werden.“
Wenige Tage später machten sich in Budapest unzählige Flüchtlinge, die über die Balkanroute ins Land gekommen waren, zu Fuß zur österreichischen Grenze auf. Merkel berichtet: „Die Stunde der Entscheidung war gekommen. Wenn Europa es nicht zulassen wollte, dass es Tote auf der Autobahn geben würde, musste etwas geschehen.“ Nach Beratung mit dem österrreichischen Bundeskanzler Faymann, den Ministern Steinmeier und Gabriel – ihr schärfster Kritiker der Bayerische Ministerpräsident Seehofer war nicht zu erreichen – wurde kurz nach Mitternacht auf facebook gepostet: „Die Einreise nach Österreich und Deutschland ist gestattet!“. – Merkel sah Europa in einer Krise, Griechenland und Italien waren dem Andrang nicht gewachsen – da durfte Deutschland sich nicht raushalten.
Am Morgen des vierten September eilten Tausende auf die Bahnhöfe in München und anderswo. Dort kamen die Züge aus Ungarn an. Deutschland zeigte ein freundliches Gesicht. Refugees welcome! – Wohltuend anders als wenige Tage vorher in Haidau/Sachsen. Dort hatte es Ausschreitungen gegeben. Nur unter Polizeischutz konnten die Flüchtlinge in die dortige Aufnahmeeinrichtung gebracht werden.
Auf einer Pressekonferenz kam sie auf den freundlichen Empfang auf den Bahnhöfen zu sprechen: „Da hat die Welt gesagt. Das ist eine schöne Geste. Das kam aus den Herzen der Menschen. Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt noch anfangen müssen, uns dafür zu entschuldigen, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“
Auch dazu eine Klarstellung in ihrem Buch:“Mir hatte beim Zuhören missfallen, dass ein Journalist von einem sich ‚verbreitenden Flüchtlingsstrom ‚ gesprochen hatte. Für mich ging es nicht um einen ‚Strom‘, sondern um Menschen, ganz gleich, ob sie eine Chance hatten, in Deutschland zu bleiben oder nicht. Ich war 1990 in die Politik gegangen, weil mich Menschen interessierten. Menschen sind keine Ströme oder anonyme Massen. Und mein Land – das war und ist eines, das den einzelnen Menschen sieht, auch dann, wenn wir dessen Wünsche nicht erfüllen können.“
Ich finde, Angela Merkel hat sich hier christlich verhalten. Dass Jesus auf der Seite der Flüchtlinge steht, war ihr ja durchaus bekannt.
2024
Neun Jahre später ist Ernüchterung eingetreten. Ein Teil der Bevölkerung will von Angela Merkel nichts mehr hören. Schon gar nicht in der Kirche zur Weihnachtszeit. Dabei gehört die Flucht nach Ägypten auch zu Weihnachten.
Dazu beigetragen hat, dass die Flüchtlinge, deren Wünsche nicht erfüllt werden konnten, trotzdem im Land blieben. Zu jedem anerkannten Asylbewerber kommt mindestens einer ohne Bleiberecht, dessen Ausreisepflicht nicht vollzogen wurde. Auf Dauer untergräbt das unser Rechtssystem und hat Folgen für die Allgemeinheit. Merkel versuchte auf verschiedenen Wegen, Abhilfe zu schaffen. Aber es gelang nicht und ist bis heute ungelöst.
Wir hörten etwas verwundert von einem integrativen und weltlichen Krippenspiel. Mit ihm machte ein Scherzkeks auf das dichte Geflecht neuester Vorschriften und Vorhaben aufmerksam. Zum Glück steht die Krippe nicht leer. Zum Glück haben wir Jesus in unseren Herzen, der uns mit seinem guten Geist erfüllt.
Jesus zeigt den Gewaltherrschern ihre Grenze auf. Vor seinem Richterstuhl müssen sie sich allesamt einfinden und ihren Opfern in die Augen sehen.
Jesus steht an der Seite der Flüchtlinge. Unsererseits gehört dazu ein freundliches Gesicht für die Menschen in Not, sowie ein intaktes Rechtssystem, dessen Enstscheidungen auch vollzogen werden.
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Alles, was Gott geschaffen hat,ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und das Gebet. (1. Tim 4,4)
An apple a day keeps the doctor away. Ich bin ein Apfel-Fan. Wenn ich spazieren gehe, habe ich immer einen dabei. Süß, saftig und gesund. Deshalb fiel mir folgende Schlagzeile auf:
Trübe Stimmung in den Obsthöfen. Die Ernte ist mau ausgefallen. 734.000 Tonnen Äpfel wurden eingefahren. Das klingt mächtig. Ist aber so klein, wie seit sieben Jahren nicht mehr. Auch bei Kirschen, Birnen und Zwetschgen ist es nicht besser. Schmale Ernte – das bedeutet geringe Einnahmen, weniger Geld in der Kasse. Wenn das Erntedankfest im Kalender steht, was gibt es da für die Obstbauern zu feiern?
Unser Erntedankfest geht auf die Bibel zurück. Seit alters her wurden Körbe mit Früchten zum Altar gebracht, um Gott zu danken. Es läuft so ab wie bei uns. Mit einer Ausnahme: Um welche Früchte handelte es sich? Dazu gab Mose einst vor dem Einzug ins gelobte Land eine sprezielle Anweisung:
Nimm dort von den allerersten Früchten…Leg sie in einen Korb!…Geh zu dem Piester. In seiner Gegenwart sollst du sagen: „Hier bringe nun die ersten Früchte des Landes, das du HERR mir gegeben hast.“ Danach stelle den Korb an den Altar vor den HERRN, deinen Gott, und verbeuge dich tief vor ihm! Freu dich über das Gute, das der HERR, dein Gott, dir schenkt. (aus 5. Mose 26,1-10)
Dargebracht werden sollen die Erstlinge, die erste Garbe Gerste, die ersten Trauben, die ersten Oliven uns so weiter. Zwei Erntefeste sind dafür vorgesehen, eins für die Gerstenernte, Schawouth, in diesem Jahr vom 12.-13. Juni) und eins für die Weinlese, das Laubhüttenfest, Sukkot vom 17.-23. Oktober.
Mit den Erstlingen wird dafür gedankt,
Die Höhe der Erträge und die betriebswirtrschaftliche Buchführung stehen nicht im Focus. Auch bei einer mauen Ernte gibt es Grund zum Dank für das Wunder der Vegetation.
Der Apfel, den ich hier in der Hand habe, ist ein Kunstwerk: vorne rote Bäckchen hinten grün, makelloses Aussehen, saftig, nicht zu süß, nicht zu sauer im Geschmack. In diesem Apfel steckt mehr Arbeit als in einer Sachertrorte. Sein perfektes Design ist das Ergebnis von Züchtung und Obacht. Der Apfelbaum ist längst Teil der modernen Intensiv-Landwirtschaft. Zur Qualitätssicherung wird er bis zu 30 mal gespritzt gegen Pilzbefall, Schorf und Mehltau. Den Schaden davon haben die Inseketen. Sie sterben aus. Ohne Bestäubung durch Insekten – keine Ernte!
Wenden wir uns nun dem heutigen Predigttext zu. Paulus schreibt an Timotheus, seinen Freund und Stellvertreter in der christlichenGemeinde in Ephesus (heute Efes, 70km südlich von Selcuk an der türkischen Westküste gelegen):
Ein befreundetes Ehepaar verbrachte seinen Urlaub im Ferienhaus in Dänemark zusammen mit Enkel und Oma. Als wir sie besuchten, war dicke Luft. Der Enkel (14) war ein junger Muslim und ging mit seinem Vater in die Moschee. Die Oma hoch in den 80ern kapierte das nicht mehr. Bei Tisch gab sie keine Ruhe: „Möchtest du etwas Leberwurst?“ „Hier ein feines Stück Schinken.“ „Ich habe heute gefüllte Tomaten mit Fleischsalat vorgereitet.“ Über jedes Kopfschütteln war sie beleidigt. Das waren doch gute Lebensmittel, die sie ihr Leben lang gegessen hat. Warum blockt der Junge nur? Oma versteht das nicht!
Wenn mann googelt: „Darf ein Muslim bei Lidl Fleisch kaufen?“, ist die Antwort klar: „Nein!“ Drei Dinge sind zu berücksichtigen:
Wenn Lidl eine Halal-Fleischtheke hat, können die Muslima oder Muslim dort einlaufen. Das Schulessen ist darauf bereits eingerichtet. 20% der Schulkinder sind Muslime Wir respektieren in unserem Land ihren Glauben.
Damals in Ephesus ging es um einen Konflikt. Eindringlinge wollten die christliche Gemeinde umpolen und einen neuen Lebensstil einführen ohne die Ehe und mit Speisevorschriften. Paulus stärkt Timotheus den Rücken, hier hart zu bleiben: „Alles, was Gott geschafften hat, ist gut.“ Er konnte sich dazu auf Jesus berufen, der alle Speisen für rein erklärt hatte:
Es gibt nichts, was von außen in den Menschen hineingeht, das ihn unrein machen könnte; sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist’s, was den Menschen unrein macht.“ (Mk 7,14)
Er fügt hinzu: „Was von außen in den Menschen hereinkommt, kommt nicht in sein Herz, sondern in seinen Magen und wird von dort wieder ausgeschieden. Was aus dem Menschen herauskommt, das macht den Menschen unrein, denn es kommt aus seinem Herzen.“ Die Nahrungsmittel sind Gäste, sie durchqueren den Menschen. Was aus dem Herzen kommt, gehört zu dem Menschen, ist Teil seines Charakters. Jesus benennt 11 wunde Punkte, die in der Menschheitsgeschichte viel Schaden und Leid angerichtet haben. Er erweist sich als ein genauer Beobachter: sexuelles Fehlverhalten, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Betrug, Zügellosigkeit, Neid, Verleumdung und Überheblichkeit. Solches Verhalten zerrüttet die Gemeinschaft und trennt von Gott. Speisefragen sind für uns Christen nebensächlich, die Danksagung über den Speisen keinesfalls!
Als Jesus mit seinen Jüngern das Heilige Abendmahl feierte, sprach er zuerst die im Judentum üblichen Dankgebete über Brot und Wein. Die christliche Gemeinde schloss sich dem an. Justin, der Märtyerer, (gest. 165) schreibt:
Bei allem, was wir zu uns nehmen, preisen wir den Schöpfer des Alls durch seinen Sohn Jesus Christus und durch den Heiligen Geist.
Heute am Erntedankfest beten wir: „Alle guten Gaben alles, was wir haben, kommt o Gott von dir. Wir danken dir dafür. Im Alltag ist diese Danksagung chancenlos. Leider. Wie läuft es denn bei Tisch ab?
Wenn ein Kind im christlichen Kindergarten ein Tischgebet gelernt hat, möchte es das auch zu Hause sprechen. Oft macht die Familie mit. Aber nur, solange das Kind den Kindergarten besucht. Keinen Tag länger. – Wir sehen den Wald vor Bäumen nicht mehr. Was wir kochen, bruzzeln, braten sind Lebensmittel, die die jedes Jahr wieder neu hervorbringt. Wie es in der Bibel heißt:
Die Erde soll frisches Grün sprießen lassen und Pflanzen, die Samen tragen! Sie soll auch Bäume hervorbringen mit eigenen Früchten und Samen darin! (1. Mose 1,11)
Grund genug um dafür und für die Tierwelt Gott, dem Schöpfer, zu danken!
„Wenn Gott lebt, dann schert er sich nicht um uns,“ als ich neulich eine Aufzeichnung des Freischütz im Fersehen sah, sprang mich diese Arie des Kaspar an. Was für schlimme Worte. Gott mag es geben. Aber er ist irgendwo und nirgends. Weit weg von mir. Der Glaube an ihn kann austrocknen wie ein Flußbett, das kein Wasser mehr führt.
Die Danksagung bei Tisch ist dazu das Kontrastprogramm. Gott lebt und schert sich um uns! Er schenkt und allen „das Leben, den Atem und alles andere“. (Apg 17,25) Gottes Hand ist bei jeder Mahlzeit mit zugange:
Es wartet alles auf dich, dass du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit. Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt. (P 104,27f.)
Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt o Gott von dir. Wir danken dir dafür!
10) Als Jesus einmal am Sabbat in einer der Synagogen lehrte, 11) war dort eine Frau. Seit achtzehn Jahren wurde sie von einem Geist geplagt, der sie krank machte. Sie war verkrümmt und konnte sich nicht mehr gerade aufrichten. 12) Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte zu ihr: „Frau, du bist von deiner Krankheit befreit!“ 13) Und er legte ihr die Hände auf. Sofort richtete sie sich auf und lobte Gott.
14) Aber der Leiter der Synagoge ärgerte sich darüber, dass Jesus die Frau am Sabbat heilte. Deshalb sagte er zu der Volksmenge:“Es gibt sechs Tage, die zum Arbeiten da sind. Also kommt an einem dieser Tage, um euch heilen zu lassen – und nicht am Sabbat!“ 15) Doch der Herr sagte zu ihm: „Ihr Scheinheiligen! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Futterkrippe los und führt ihn zur Tränke? Aber diese Frau hier, die doch eine Tochter Abrahams ist, hielt der Satan gefesselt – volle achtzehn Jahre lang! Und sie darf am Sabbat nicht von dieser Fessel befreit werden?“ 17) Als Jesus das sagte, schämten sich alle seine Gegner. Doch die ganze Volksmenge freute sich über die wunderbaren Taten, die Jesus vollbrachte. (Lk 13,10-17)
Ich habe Rücken!
Vorigen Sonntag konnte ich nicht in die Kirche kommen, wie ich es vorhatte: Eine unglückliche Bewegung nach unten beim Eincremen meines Fußes, eine falsche Drehung – Knack, Hexenschuss. Schmerz im Rücken, Beschwerden beim Laufen, Bücken ausgeschlossen. Erst durch die Physiotherapie kam einige Tage später Land in Sicht.
Ich habe Rücken! Das gilt auch für die gekrümmte Frau, von der wir heute in der Schrift hören. Vor 18 Jahren war sie ein unbekümmertes, hoffnungsfrohes junges Ding. Wie damals üblich, musste sie nonstop im Haushalt mitarbeiten. Nicht nur mit der Steinmühle Getreide mahlen, sondern auch Garbenbunde einbringen und Wasserkrüge schleppen. Irgendwann wurde das zu viel für ihren schmalen Rücken. Er fing an zu stechen und zu schmerzen. „Mach mal eine Pause. Das wird schon wieder,“ riet die Mutter. Aber die Beschwerden kamen immer wieder. Der Rücken begann, sich zu krümmen. „Was sollen wir nur mit dir machen?“ In der Familie wusste man keinen Rat. Es gab keinen Arzt dafür, keine Behandlung, nur einen finsteren Verdacht, woran das liegen könnte.
Erst 1920 fand der dänische Arzt Holger Werfel Scheuermann heraus, was da mit dem Rücken passiert. Er war Röntgenfacharzt und konnte mit der neuen Technik aufnehmen und dokumentieren, wie sich bei jungen Menschen die Wirbelsäule infolge schwerer Belastung umbildet. Er entdeckte die Verformung der Wirbelsäule im Wachstumsalter. Sie wurde nach ihm „morbus Scheuermann“ bezeichnet.
Das bisherige Leben des jungen Mädchens lag in Scherben. Nichts von dem, was es sich erträumt hatte, war erreichbar. Sie konnte nicht wirklich tätig sein, blieb allein ohne eigene Familie. Fortan lebte sie mit einer schweren Behinderung im „Reich der Kranken“:
Jeder, der geboren wird, besitzt zwei Staatsbürgerschaften, eine im Reich der Gesunden und eine im Reich der Kranken. (So die 2004 an Krebs verstorbene amerikanische Autorin Susan Sontag)
Dieses Reich ist groß, weltumspannend. Wenn man aufmerksam ist, entdeckt man es rundherum. Ich denke dabei an eine betagte Dame aus unserer Gegend, die sehr vorsichtig zum Einkaufen unterwegs ist. Mit tief gebeugtem Rücken und gesenktem Kopf kann sie nur auf ihre Füße gucken.
So zu leben, ist schon hart und beschwerlich genug. Obendrein war man hässlich zu ihr: „Was ist mit dir schief gelaufen? Wie konnte das denn passieren?“, stand groß auf den Gesichern ihrer Angehörigen. Noch zu Dr. Scheuermanns Zeiten war die Ansicht verbeitet: Wer einen Buckel hat, ist willensschwach. In Israel wurde gemunkelt: „Da ist ein dämonischer Schadensgeist am Werk. Er dringt durch Mund, Nase oder Ohr in den Körper ein und bringt ihn in seine Gewalt. Am Buckel erkennt man, das der Mensch vom Satan gefesselt ist. Für die Betroffenen ein Grusel-Image: „Nehmt euch in acht. In der Frau wohnt der Teufel.“ Daraus erwächst später Hexenwahnsinn: Die Hexe ist eine Frau, die im Bunde mit dem Teufel steht. Natürlich hat sie einen Buckel.
Für die junge Frau, deren Leben in Scherben lag und die auch noch schlimm stigmatisiert wurde, gab es einen Zufluchtsort – die Synagoge. Hier kam der ganze Ort zusammen: Arme und Reiche, Männer und Frauen, Gesunde und Kranke. Hier fand sie immer einen Platz. Vielleicht war ihr der Psalm 103 besonders ans Herz gewachsen:
Mein Leben ist nur noch ein langer Schatten.
Ja, ich fühle mich matt wie verdorrtes Gras.
Herr höre doch mein Gebet!
Mein Hilfeschrei soll dich erreichen!
Hab doch ein offenes Ohr für mich!
Wenn ich rufe, antworte mir bald!
Den ganzen Tag verhöhnen mich meine Feinde.
Beim Fluchen nennen sie meinen Namen, um mich zu verspotten.
(Ps 103,12.2.3.9)
Ja, ihr Leben war nur noch ein verdorrter Schatten, sie fühlte sich seit Jahren matt und nutzlos. Inständig flehte sie Gott um Hilfe an. Ebenso klagte sie über ihre Stigmatisierung, die Kübel voller Abscheu und Ekel, die über ihr ausgeschüttet wurden. – Ihr Gebet sollte sich an dem Tag erfüllen, als Jesus in der Synagoge ihrer Stadt zugegen war.
Der Besuch der Synagoge am Sabbat gehörte zur DNA von Jesus: „Am Sabbat ging er wie gewohnt in die Synagoge,“(Lk 4,16) lesen wir in der Schrift. Einst an der Hand seiner Eltern, später für sich. In der Synagoge wurde der Bund Gottes mit seinem Volk gelebt. Gott hat Israel aus der Knechtschaft in Ägypten befreit und dadurch seine selbständige Existenz ermöglicht. Das Volk dankte es ihm damit, dass es allein ihn verehrte und seinen Tag heiligte. Auch dadurch, dass in der Synagoge aus der Tora von ihm gelesen wurde. Wer zu schätzen wusste, was Gott für das Volk und für ihn persönlich getan hat, war wie Jesus am Sabbat in der Synagoge. Nach dem Vorbild Jesu gilt das auch für uns Christen für den Gottesdienst am Sonntag.
Seit seiner Taufe meldete sich Jesus für den Lehrvortrag. Das war durchaus willkommen. Die Synagogengemeinden konnten sich oft keine festangestellten Schriftgelehrten leisten und Jesus hatte viel zu bieten: „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen,“ war sein Lieblingsthema. Dabei vergrub er sich nicht in seinem Konzept, redete nicht über seine Hörer hinweg, sondern blickte sie an. Er hatte offene Augen für die Gemeinde.
Auf diese Weise entdeckte er hinten in einer Ecke die arme verkrümmte Frau. Das ging ihm durch Mark und Bein. Er unterbrach seine Rede und bat sie zu sich. Mühsam bewegte sich sich auf ihn zu. Vor der ganzen Gemeinde stellte er fest: „Frau, du bis von deiner Krankheit befreit.“ Darauf legte er seine Hände auf ihr Haupt. Sie kann sich aufrichten. Ihre Gebete sind in Erfüllung gegangen. Nach 18 langen Jahren hat Gott sie aus dem Reich der Krankheit zurück in das Reich der Gesundheit gerufen. Ein neuer Lebensabschnitt liegt vor ihr. Erleichtert und fröhlich lobt sie Gott.
Wie verkalkt ist das denn? Der sonst ganz patente Synagogenvorsteher hat keine Antenne für das Wunder Gottes vor seinen Augen. Er sieht den Wald vor Bäumen nicht und tadelt einen Verstoß gegen die Halacha. Falscher Zeitpunkt! Die Heilung hätte erst nach Sonnenuntergang erfolgen dürfen, wenn der neue Tag angebrochen ist. Das nimmt ihm niemand ab. Die Menge beschämt ihn und seine Mitarbeiter. Jesus bringt es auf den Punkt. Wenn am Sabbat Hilfe für ein Tier möglich ist, das Durst hat, dann doch wohl erst recht für einen Menschen, eine Frau aus dem Volk Gottes, eine „Tochter Abrahams“, die sich kaum bewegen kann.
Zum Abschluss möchte ich sie zu einem kleinen Ausflug nach Hessen und nach England einladen:
In Hessen hat die Landesregierung gestattet, dass 26 vollautomatisierte Minimärkte sonntags geöffnet sein dürfen. Ohne Personal mit Waren des täglichen Bedarfs, falls jemand etwas vergessen hat oder plötzlich Besuch vor der Tür steht. Die Kirche klagt mit dagegen und moniert einen Verstoß gegen die grundgesetzlich geschützte Arbeitsruhe an Sonn- und Feiertagen. Interessant: Hier bei uns ist offenbar das Arbeitsrecht an die Stelle der Halacha getreten, die in Israel galt. Vielleicht handelt es sich auch in diesem Fall um ein überflüssiges Gemecker? Hindern denn 26 vollautomatisierte Minimärkte die Christen in Hessen daran, am Sonntag in die Kirche zu gehen? Ich finde die erste Sorge der Kirche sollte die Heiligung des Sonntags durch den Gottesdienst sein. Da gibt es viel zu tun. Die überkommene Kasuistik der sonntäglichen Arbeitsruhe taugt längst nicht mehr dazu.
In Südostengland in Stoke Mandeville wird in den nächsten Tagen ein Parabolspiegel auf die Sonne gerichtet. Eine Frau oder ein Mann im Rollstuhl entzündet dann daran eine Flamme. Diese Flamme wird am 28.08. die Paralympischen Spiele in Paris eröffnen. Zur Historie: In dem kleinen Ort in England befand sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine Reha für querschnittgelähmte Soldaten. 1948 lud der Klinikdirektor seinen Patienten zu einem Wettkampf im Bogenschießen ein. Vom Rollstuhl aus. Das wurde ein Renner. Bald gab es landesweite Rollstuhl-Turniere. Andere Sportarten kamen dazu. Das mündete in die weltweiten Paralympischen Spiele. Behinderte werden zu einem Leben als Sportler ermutigt.
Behinderte sollen besser am Leben partizipieren können. Bei uns wird daran gearbeitet, dass sie alleine mit der U-Bahn fahren können. Der U-Bahnhof Bayerischer Platz hat jetzt einen Fahrstuhl erhalten! Andere Bahnhöfe sind in Planung. – Sonntags kurz vor der 20:00 Uhr Tagesschau ist die „Aktion Mensch“ auf Sendung und berichtet aus dem ganzen Land über Angebote zur Integration.
Wir hörten von dem hoffnungsvollen Mädchen und seinem schweren, 18 Jahre langen Leiden, von Jesus, dem liebevollen Lehrer und überflüssigem Gemecker.
Drei Dinge können wir für uns mitnehmen:
26) Philippus erhielt vom Engel des Herrn den Auftrag: „Steh auf! Geh nach Süden zu der Straße, die von Jerusalem nach Gaza führt und menschenleer ist.“ 27) Philippus stand auf und ging zur Straße. Dort war ein Mann aus Äthiopien unterwegs. Er war Eunuch, ein hoher Hofbeamter am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien. Er verwaltete ihr Vermögen und war nach Jerusalem gekommen, um Gott anzubeten. 28) Jetzt war er auf der Rückreise. Er saß in seinem Wagen und las im Buch des Propheten Jesaja in der griechischen Übersetzung.
29) Der Heilige Geist sagte zu Philippus: „Geh hin und bleib in der Nähe des Wagens!“ 30) Philippus lief hin und hörte, wie der Mann laut im Buch des Propheten Jesaja las. Philippus fragte: „Verstehst du eigentlich, was du da liest?“ 31) Er sagte: „Wie soll ich es verstehen, wenn mir niemand hilft?“ Und er bat Philippus: Steig ein und setz dich zu mir!“ 32) An der Stelle, die er gerade las, stand: „Wie ein Schaf wurde er zur Schlachtbank geführt. Wie ein Lamm stumm bleibt, wenn es geschoren wird, sagte er kein einziges Wort. 33) Er wurde zutiefst erniedrigt, doch das Urteil gegen ihn wurde aufgehoben. Wer wird seine Nachkommen zählen können? Denn sein Leben wurde von der Erde weg zum Himmel emporgehoben.“ 34) Der königliche Beamte fragte Philippus: „Bitte sag mir, von wem spricht der Prophet hier – von sich selbst oder von einem anderen?“ 35) Da ergriff Philippus die Gelegenheit: Ausgehend von dem Wort aus Jesaja, verkündete er ihm die Gute Nachricht von Jesus.
36) Als sie auf der Straße weiterfuhren, kamen sie an einer Wasserstelle vorbei. Der königliche Beamte sagte: „Dort ist eine Wasserstelle. Spricht etwas dagegen, dass ich getauft werde?“ …38) Er befahl, den Wagen anzuhalten. Beide stiegen ins Wasser, und Philippus taufte ihn. 39) Als sie aus dem Wasser herausstiegen, wurde Philippus vom Geist des Herrn fortgenommen. Der königliche Beamte sah ihn nicht mehr. Aber er setzte seinen Weg voller Freude fort. (Apg 8,26-3
Auf dem Weg in den Rudolph-Wilde-Park fiel mein Blick auf das Firmenschild: „Geist consult“. – Das heißt doch: Sich besprechen mit dem Geist, den Geist zu Rate ziehen, ihn konsultieren. Also eine Firma, die irgendwie in Verbindung mit dem „Geist“ steht. Welcher Geist gemeint ist, bleibt offen. Der Eigentümer kann es nicht sein. Er heißt anders.
„Geist consult“ – zu dieser Firma gehörte Philippus. Seit Pfingsten ist er vom Heiligen Geist durchdrungen. Was er mit dem Geist zu besprechen hatte, erfahren wir nicht. Wohl aber, wie der Heilige Geist ihm Anweisungen erteilt:
„Geist consult“ trifft auch auf uns zu. In der Taufe wurde uns der Heilige Geist verliehen. Er ruht in uns. Er möchte, dass wir uns für sein Wirken öffnen und es immer deutlicher erkennen. Er berät und beauftragt nicht nur Propheten und Apostel, sondern jede und jeden von uns auf seine besondere Weise als ein innerer Lehrer. Einfälle, die wir haben, Gedankenblitze, die uns durchschießen, können auch mit ihm zu tun haben. Um uns herum herrscht eine agnostische Einstellung. Es ist unüblich, mit Gott oder dem Heiligen Geist zu rechnen, geschweige denn, von beiden zu berichten. Das gilt aber nicht für uns Christen. Wir sind nicht allein unterwegs. Wir hören aus der Schrift: „Ich will dir Einsicht schenken, dir den Weg zeigen, den du gehen sollst.“(Ps 32,8)
„Als ich ein Junge war, konnte mein Vater um 11:00 Uhr morgens in Bethlehem das Auto beladen, und eine Stunde später würden wir am Strand von Gaza sitzen. An diese Tage am Meer zu denken, erscheint mir heute wie ein Tagtraum, fern von aller Realität,“ so Bischof Azar von der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Heiligen Land und Jordanien. Am Strand von Gaza kampieren in diesen Tagen 1,8 Millionen Menschen in überfüllten Zeltlagern ohne Trinkwasser und Lebensmittel. Krankheiten können nicht behandelt werden. Ihre Häuser sind ausgebombt. Viele Tote und Verletzte sind zu beklagen. Wann hört dieses Elend endlich auf?
„Israel braucht seine Waffen, um seine Bevölkerung zu schützen. Die Hamas braucht ihre Bevölkerung, um ihre Waffen zu schützen,“ so bringt die Literaturpreisträgerin Herta Müller die Lage auf den Punkt. Israel setzte seine Armee in Marsch, weil es am 7. Oktober 2023 grausam überfallen wurde, darunter waren viele junge Leute, die gerade ein Rockkonzert besuchten. Aber der Gegner stellt sich nicht. Es gibt keine Frontlinie. Er taucht auf und unter. Schießt aus Häusern, feuert Raketen ab, platziert Bomben und Sprengfallen – alles mitten aus der Bevölkerung heraus. Yahya Sinwar und seine Leute herrschen in sicheren Tunneln zusätzlich geschützt durch das Leben der Geiseln. Teil eines grausamen Spiels, um ungeschoren davonzukommen und an der Macht zu bleiben, sind die Meldungen seines Gesundheitsamtes. Gerade heute wieder: „Luftangriff auf eine Schule voller Flüchtlinge.“ Die Waffen sind hinter der Bevölkerung versteckt.
Zurück zur alten, durchgängig befahrbaren Karawanenestraße. Ich frage mich: Warum wird Philippus extra zu diesem Reisenden in der Kutsche gerufen? Was hat es mit ihm für eine Bewandtnis? Ich glaube, es hängt mit der letzten Prophezeiung Jesu zusammen:
„Wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt, werdet ihr Kraft empfangen, dann werdet ihr meine Zeugen sein – in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis ans Ende der Erde.“ (Apg 1,8)
Philippus spürte die Kraft des Geistes in sich. Er hatte gerade in Samarien gewirkt. Nun geht es um den Sprung ans Ende der Welt. Dorthin reist der königliche Beamte zurück. Mit ihm soll die gute Botschaft das Ende der Welt erreichen. Unsere Welt ist heute rundum kartographiert. Der „Neue Kosmos Universalatlas“ enthält ein Namensverzeichnis von 90 Seiten. Jede Seite hat fünf Spalten. Nicht alle, aber alle wichtigen Orte sind hier zu finden. Damals war die Welt nur beschränkt überschaubar. An ihren Grenzen lag die terra incognita.
Die Bibel gibt uns zwei Hinweise auf die unbekannte Welt, aus der der Fremde kommt:
Das Reich am Ende der Welt war die erste schwarze Supermacht. 100 Jahre regierten die „schwarzen Pharaonen“ Ägypten. Im Jahr 25/24 misslang den Römern die Eroberung des oberen Niltals. Seitdem war dort für sie das Ende der Welt. Unser Reisender gehörte zum Hofstaat der regierenden Kandake mit Namen Amanitore. Sie teilte den Thron mit ihrem Mann Natakami. Er war der Finanzminister, ein Eunuch, zeugungsunfähig gemacht, eine Gepflogenheit bei hohen Hofbeamten, auch wenn sie nicht für den Harem zuständig waren.
Der schwarze Würdenträger aus dem Reich Kusch hatte in Jerusalem den Gott Israels angebetet. Wie das die Juden in Ägypten taten, wenn sie es sich leisten konnten. Er fühlte sich dem Judentum stärker verbunden als seiner heimischen Religion, und er konnte davon viel in Ägypten erfahren. In zahlreichen Städten befanden sich Synagogen, in denen Griechisch gesprochen wurde. Sie waren offen für Mitglieder nichtjüdischer Abstammung. In Ägypten durften Juden Staatsämter bekleiden. Über den Nil drang das bis nach Kusch.
Der Finanzminister auf der Rückreise war fasziniert und glücklich über alles, was er in Jerusalem gesehen und erlebt hatte. Der Tempel war einer der prächtigsten und größten in der antiken Welt. Doppelt so groß wie das Forum Romanum in Rom. Er bot einen gewaltigen Anblick. Von weitem glitzerte er wie ein großer Schneeberg aus weißem Stein und Zedernholz mit Gold verziert, das Haus Gottes.
Vom äußeren Vorhof hatte er die Gottesdienste verfolgt, in den Hallen hatte er Vorträge gehört und als konstbares Mitbringsel die Schriftrolle des Propheten Jesaja gekauft. Darin las er laut vor sich hin, als ihn Philippus – gegen alle Etikette – auf der Straße von der Seite anschwatzte: „Verstehst du eigentlich, was du da liest?“ Der Minister war frei von Dünkel und ließ sich gern von dem einfachen Wanderer beraten.
Die Bibelstelle, die ihn beschäftigte hieß: „Wie ein Schaf wurde er zur Schlachtbank geführt. Wie ein Lamm stumm bleibt, wenn es geschoren wird, sagte er kein einziges Wort.“ Nach christlicher Überzeugung ist damit Jesus Christus gemeint. Er wurde verspottet und geschlagen und ließ alles stumm über sich ergehen. Bis zum Tod am Kreuz. Glücklicherweise blieb er nicht im Tod, wie Philippus weiter ausführte.
Von allem ergriffen wollte der königliche Beamte so wie Jesus getauft werden: „Sieh, da ist Wasser. Spricht etwas dagegen, dass ich getauft werde?“ Dass er ein Eunuch ist, könnte ein Hindernis sein. Nach dem jüdischen Gesetz waren Entmannte aus dem Gottesvolk ausgeschlossen. Als Philippus schweigt, lässt er den Wagen anhalten. Sie steigen ins Wasser, und Philippus tauft ihn.
„Er setzte seinen Weg voll Freude fort,“ heißt es. Sein Alltag war gleichgeblieben. Vor ihm die anstrengende und gefährliche Rückreise, 2.000km zu Lande und zu Wasser. Dazu die Sorgen um die klamme Staatskasse. Und schließlich die Launen der Herrscherin, die Intrigen bei Hofe…
Auch wir kennen unseren Alltag in- und auswendig, das Auf und Ab, die Höhen und die Tiefen wie auch die zähe Gleichförmigkeit: Ein Tag ist wie der andere. Gleichwohl gibt es eine Freude, die alles abfedern und ausgleichen kann, die Freude, zu Jesus zu gehören: „Wer sich auf den Herrn verlässst, den umgibt seine Güte von allen Seiten.“ (Ps 32,10) Setzen wir unseren Weg in dieser Woche voll Freude fort!
Die Taufe des königlichen Beamten ist zur Zeit in unserer Kirche beispielgebend. Das Neueste ist, wie er getauft zu werden – in fließendem Wasser und spontan, aus dem Augenblick heraus. So geschehen in der vorigen Woche beim Tauffest in Grünau und zum Tauftermin in der St. Marienkirche.
Grünau feierte ein Wochendende lang sein 275jähriges Bestehen mit einem bunten Programm. Dazu gehörte am Sonntag ein Tauffest im Strandbad. Pfarrer im Talar geleiten die Täuflinge ins Wasser der Dahme. Die Täuflinge tauchen mit dem ganzen Körper unter und erleben einen heiligen Moment unter freiem Himmel inmitten einer zahlreichen Gemeinde.
Am letzten Mittwoch im Monat um 12:00 Uhr lädt die St. Marienkirche zu einem Gottesdienst mit Taufmöglichkeit ein: „Wenn Sie sich taufen lassen möchten, kommen Sie bitte um 11:15 Uhr in die St. Marienkirche. Eine Pfarrperson wird mit Ihnen vorab eine kurzes Kennenlerngespräch führen,“ heißt es dazu. Spontan und ohne Voraussetzung. Dazu ein Kommentar: „Wer sich hier zur Taufe anmeldet, hat es sich reiflich überlegt.“
Der Ablauf der Taufe des königlichen Beamten erschien in späterer Zeit bedenklich. Deshalb ergänzte man sein spontanes Taufbegehren um den Dienst der Anerkennung seines Glaubens und seiner Zugehörigkeit zu Jesus Christus:
Wir erbitten für Gaza ein Ende allen Unheils. Und dass die Schuldigen bestraft werden!!
Alle Getauften mögen ihren Weg voll Freude fortsetzen: Wer sich auf den Herrn verlässt, den umgibt seine Güte von allen Seiten. (Ps 32,10) Und er ist nicht mit sich und seinen Sorgen allein: Ich will dir Einsicht schenken, dir den Weg zeigen, den du gehen sollst. (Ps 32,8)
Darum lassen wir den Mut nicht sinken. Auch wenn unsere äußeren Kräfte aufgezehrt werden, bekommen wir innerlich Tag für Tag neue Kraft. (2. Kor. 4,16)
„Als ich Franz Kafka kennenlernte,“ erinnerte sich sein Freund Max Brod, „da bestellte er sich im Lokal zum Mittag Nüsse, eine ganze Schüssel voll. Nichts anderes. Die Nüsse kaute er durch und durch.“ „40 mal,“ erklärte er. „Ein komischer Anblick. Er trank auch nur Wasser. Selbst auf der Alm im heißen Sommer, wo Bier in Maßkrügen gereicht wurde, zum Verdruss des Wirtes.“ – Morgens nach dem Aufstehen streckte und dehnte er sich auf dem Fußboden. Er befolgte den Rat Platons: „Wer einer Geistesübung angestrengtes Nachdenken widmet, muss zugleich der Bewegung des Körpers ihr Recht widerfahren lassen, indem er daneben auch Gymnastik treibt.“ Oder wie wir es sagen: „Ein gesunder Geist und ein gesunder Körper gehören zusammen.“
1919 bekam Kafka Husten, schweren, starken Husten. Sein Arzt: „Das wird schon wieder. Nehmen sie einen Hustensaft, machen sie eine Luftkur, sechs Stunden in Decken eingepackt im Freien, und sprechen sie halt weniger.“ Kafka schwante Schlimmes. Er ahnte, dass er sich auf seiner Arbeitsstelle, einer Unfallversicherung, mit TBC infiziert hatte. Täglich begutachtete er dort kranke und verletzte Menschen. Fünf Jahre lang kämpfte er vergebens gegen die Schwindsucht. Seine Kräfte wurden mehr und mehr aufgezehrt. Ende Januar 1924 bewohnte er in Berlin zwei Zimmer mit Ofenheizung und Veranda in der Heidestr. 25/26. Er hatte ständig hohes Fieber, Hustenanfälle mit Auswurf und Schmerzen. Längst konnte er das Haus nicht mehr verlassen. Dora Diamant versorgte ihn.
Aber er schrieb und schrieb, in all dem Elend schrieb er unermüdlich in seinen Heften. Noch Anfang 1924 schloss er einen Verlagsvertrag ab. Im März war die letzte Erzählung verfasst. Kurz vor seinem Tod im Juni hielt er den Umbruch in der Hand. Ein Glücksmoment! – Bei Franz Kafka sehen wir, wie verletzlich der Mensch ist, obwohl er gesund lebt, wie das Leben plötzlich in eine andere Richtung geworfen wird und was für eine innere Kraft ein wunder Körper aufbringen kann.
Was wir eben von Paulus hörten, passt dazu: „Darum lassen wir den Mut nicht sinken. Auch wenn unsere äußeren Kräfte aufgezehrt werden, bekommen wir innerlich von Tag zu Tag neue Kraft.“ Bei Paulus war es die Migräne, die an seinen Kräften zerrte. Nach einem Anfall wieder auf die Beine zu kommen, fiel ihm schwer, aber er gab nicht auf. Seine Gedanken dazu erstrecken sich über mehrere Kapitel des Briefes nach Korinth. Ich möchte sie an drei Bildern festmachen: einem Zelt, einem Mitbewohner und einem Schatz in einem zerbrechlichen Gefäß.
Die Menschheit ist robust, längst ächzt die Erde unter ihr. 1923 zu Zeit Kafkas hatte sie zwei Milliarden Bewohner, 100 Jahre später 2023 vier Mal so viel, acht Milliarden. Exponentielles Wachstum. Auch weil es inzwischen gegen die TBC Antibiotika gibt.
Der einzelne Mensch dagegen ist verletzlich. Die Zahl der Notrufe steigt, mit Blaulicht und Martinshorn preschen die Rettungswagen durch Berlin, die Unfallstationen sind überfüllt. Gut, wenn geholfen werden kann. Es gibt aber nach wie vor Krankheiten, die das bisherige Leben aus der Bahn werfen. Chronische Krankheiten mit Erwerbsunfähigkeit im Gefolge. – Im Bilde gesprochen: Unser Körper ist kein fest gemauertes Haus, sondern ein luftiges, empfindliches Zelt, dessen Planen im Sturm zittern und bei Starkregen anfeuchten.
Das Zelt ist dazu bestimmt, abgebrochen zu werden. Seine Verweildauer an einem Ort ist begrenzt.
Unsere Lebenserwartung ist gestiegen auf durchschnittlich 78 Jahre bei Männern und 85 Jahre bei Frauen. Zu Kafkas Zeit 1923 dagegen konnten Männer nur auf 58 und Frauen auf 65 Lebensjahre hoffen. Uns hat der Ruhestand ein ein drittes Lebensalter beschert. Viele rüstige Alte, die es sich leisten können, genießen eine „späte Freiheit“. Das darauf folgende vierte Lebensalter kann unterschiedlich lang ausfallen. Es ist die Zeit des Abschieds – „Von nun an wird es nie wieder so, wie es einmal war.“- mit aufkommender Gebrechlichkeit, Hilfsbedürftigkeit und Angst vor Demenz. Ja: „Unser Zelt in dieser Welt wird abgebrochen werden.“ Das „Zelt“ ist ein Bild für die Fragmenthaftigkeit unserer Existenz.
„Gott hat uns als Vorschuss auf das ewige Leben seinen Geist gegeben,“ (2. Kor 5,5) schreibt Paulus. Der Vorschuss ist die erste Rate von dem, was ich einmal endgültig erhalten werde. Bestimmt ist uns das ewige Leben, sein Vorbote ist der Heilige Geist. Schauen wir uns einmal um: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1. Kor 3,16), werden wir gefragt. Wir haben einen Mitbewohner in der verborgenen Kammer in unserem Herzen. Ihn können wir in uns finden, ihm können wir uns öffnen. Er ist unser Beistand und Tröster:
Hören wir noch einmal Paulus. Dieser Perspektivwechsel ist seine Idee:
Die Not, die wir gegenwärtig leiden, wiegt leicht. Denn sie bringt uns eine Fülle an Herrlichkeit, die jedes Maß übersteigt und kein Ende hat. Wir dürfen unseren Blick allerdings nicht auf das Sichbare richten, sondern auf das Unsichtbare. Denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare dagegen ist Unvergänglich. (2. Kor 4,17)
Unser Leben spielt sich ab unter dem Schweigen der Organe. Sie erfüllen ihre Aufgaben – unauffällig. Im Schmerz brechen sie dieses Schweigen. Zahnschmerz ist schnell behoben. Anhaltender Schmerz wird zur Qual. Der Schatz des Heiligen Geistes ruht in schmerzenden, sterblichen Körpern. Man kann sie mit den zerbrechlichen Tonkrügen aus der Küche des Paulus vergleichen.
Wussten sie es schon? Ältere Menschen sind glücklicher als jüngere! Die Glücksforschung präsentiert uns eine U-Kurve: Hoher Glückswert am Anfang, Tiefstand in der Mitte, steigender Glückswert am Ende. Junge Leute sind voller Pläne. Schulkinder, die in entlegenen Gegenden auf langen und gefährlichen Wegen unterwegs sind…“Was wollt ihr mal werden?“ „Pilot“, der Junge, „Tierärztin“, das Mädchen. Dann die Konfrontation mit der Wirklichkeit: Harte Arbeit, kleine Brötchen. Man nennt das die Midlife Crisis. „So habe ich mir das nicht vorgestellt. Das soll mein Leben sein?“ – Ab 74 geht es stetig bergauf. Der Zuwachs an Seelenglück ist größer als die Enttäuschung über das Abnehmen der körperlichen Gesundheit.
Die Weisheit des Alters zeigt sich im Annehmen der eigenen Grenzen. Und bei Christen: Im Zehren von dem Schatz in ihrem Herzen und dem Wechsel der Perspektive, die er anbietet. Das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare dagegen unvergänglich.
Wir hörten vom Zelt, vom Mitbewohner und vom Schatz im zerbrechlichen Gefäß:
Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift. (1. Kor. 15,3)
„Mir fehlen die Worte. Wie konnte das passieren?“ So reagieren wir auf schlimmes Leid. Gibt es im Leid einen Sinn? Hat das Leiden Christi einen Sinn?
„Da verließen ihn alle“ – Männer! Die Frauen blieben am Kreuz. – „und flohen“ (Mk 14,50) in stummem Entsetzen. Als sie am Gründonnerstagabend im Garten Gethsemane miterleben, wie man mit Jesus umspringt, geben sie auf. Sie spüren Kraftlosigkeit. „Wenn er das mit sich machen lässt, ist es aus und wenn das Kommando spitz kriegt, dass wir zu ihm gehören, buchten sie uns ein“, schießt es ihnen durch den Kopf. Einer von ihnen lässt – als man nach ihm greift – sein Gewand zurück und stürmt in Panik nackt davon.
Nach dem Verlust des Menschen, mit dem wir liebevoll zusammengelebt haben, besinnen wir uns auf die Zeit vor der gemeinsamen Geschichte zurück und knüpfen an sie an. Ort dieser Regression ist für die Jesusleute Galiläa, ihr Alltag am See Genezareth. Das Johannesevangelium zeigt uns sieben Jünger, darunter Petrus, Thomas und Nathanael wieder beim Fischfang. (Joh 21) „Alles auf Null“ gewissermaßen – die Zeit mit Jesus ist vorbei. Wir fangen wieder von vorne an.
Jesus, der Auferstandene, liest sie dort auf und gewinnt sie neu für sich. Mit seinem Leiden allerdings fremdeln sie weiterhin.
Szenenwechsel. Kurz nach Pfingsten stoßen Petrus und Johannes am Tor des Tempels in Jerusalem auf einen Gelähmten, der betteln muss, um durchzukommen. Als er ihnen seine Hand entgegenstreckt, schaut Petrus ihn an: „Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ (Apg 3,9) In seiner anschließenden Predigt vor der erstaunten Menge holt er aus: „Ihr habt Jesus getötet, aber Gott, der Herr, hat ihn auferweckt.“ Er stellt den Kontrast ganz scharf, schwarz neben weiß. Einerseits das Menschenwerk: Leiden und Tod Christi, andererseits das Gotteswerk: die Auferweckung, mit der das Menschenwerk durchkreuzt wird. Einen Sinn im Leiden Christi kann er nicht ausmachen. Es wird von Gott aufgehoben.
Erneuter Szenenwechsel. Der Jesusjünger Philippus wandert auf der Landstraße von Jerusalem nach Gaza – wie sieht es da heute aus!! – neben dem Wagen des äthiopischen Finanzministers, der über Ägypten nach Hause reist. Er glaubt an den Gott Israels, hatte im Tempel gebetet und kehrt von seiner persönlichen Wallfahrt zurück. In Gedanken versunken über die Worte des Propheten Jesaja in der teuren Schriftrolle auf seinem Schoß, die er in Jerusalem gekauft hatte. „Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf.“ (Apg 8,32) Wie damals üblich, liest er laut. Darauf Philippus: „Verstehst du, was du liest?“ „Nein. – Von wem redet Jesaja?“ Philippus wird gebeten, im Wagen als Experte Platz zu nehmen, und er trägt ihm vor, was in der christlichen Gemeinde gerade heiß diskutiert wurde: Deutet Jesaja hier nicht das Leiden Christi vorausschauend an?
(Die Debatte ist bis heute nicht abgeschlossen. Es gibt bei Jesaja sowohl Christus-Ähnliches als auch Verschiedenes, Christus-Nahes und Fernes.)
Es ist von jemandem ohne Namen die Rede, der leidet – in ähnlicher Weise wie Jesus Christus gelitten hat: „Er blieb stumm wie ein Lamm, das man zum Schlachten bringt. Wie ein Schaf, das geschoren wird, nahm er alles hin und sagte kein einziges Wort.“ (Jes 52,7 BasisBibel) – In den Augen der Jünger ist dieses Schweigen Jesu im entscheidenden Moment furchtbar. Entweder sagte er gar nichts oder sprach in Rätseln. Viel zu wenig, um sein Schicksal zu wenden.
„Er wurde verhaftet, vor Gericht gestellt und zur Hinrichtung geführt.“ (Jes 53,8) Man tat ihn mit Verbrechern zusammen, ihn, der niemand Unrecht getan hatte. „Alle haben ihn verachtet.“ (Jes 53,3) – Statt Jesus wählten sie Barabbas.
Er wurde gequält, misshandelt, verwundet, aber er nahm es hin. (Jes 52,5.7) – Bei Jesus: Er wurde gegeißelt und gekreuzigt.
Es war jemand wie Jesus Christus: Gott selbst hat ihn eingesetzt, ihm seinen Geist eingehaucht und den Ehrentitel „Gottes Knecht“ verliehen. Er soll bei den Völkern für Recht sorgen und zugleich den Erschöpften Mut machen: „Ein geknicktes Schilfrohr zerbricht er nicht. Einen glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ (Jes 42,3) Doch er wird abgelehnt und getötet. Aber Gott läßt ihn nicht im Tode. Er wird ihn auf eine Stufe mit ihm, dem Höchsten, stellen.
Gott erweist darin seine Macht, dass er dem von den Menschen verursachten Leiden seines Beaufragten eine besondere Bedeutung beimisst: „Mein Knecht kennt meinen Willen. Er ist gerecht und bringt vielen Gerechtigkeit. Ihre Schuld nimmt er auf sich.“ (Jes 53,11) Wie ist das gemeint? Drei Beispiele werden angedeutet, ich führe sie etwas aus.
„In Wahrheit hat er unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich genommen. …Er wurde verwundet, damit wir geheilt werden.“ (Jes 53,4.5) – Ich denke dabei an die hochansteckende Ebola-Seuche. Ärztinnen und Pflegepersonal riskierten ihr Leben, um Kranke zu bergen und zu versorgen. – Auf Jesus bezogen: Unsere Heilung kostete ihn das Leben.
„Er ertrug die Schläge, damit wir Frieden haben.“ (Jes 53,5) Ich lese gerade ein Buch, das spielt in Nigeria. Dort gibt es noch die Prügelstrafe in der Schule. „Wer war das?“, donnert der grimmige Lehrer. Um einen Schüler zu decken, den er dabei immer auf dem Kieker hatte, ruft sein Freund: „Ich war das!“ – Auf Jesus bezogen: Damit Frieden entsteht, nimmt er die Strafe auf sich.
Wenn der Ertrag der Felder für die Pacht nicht reichte, konnte sich der Kleinbauer schnell verschulden und ins Elend geraten. Ihn schützte kein Insovenzrecht. Ihm und seinen Kindern drohte die Schuldknechtschaft. Es sei denn, ein Verwandter brachte das „Schuldopfer“ (Jes 53,5 Lutherbibel) auf, das heißt: Er beglich stellvertretend die Schulden. Eben das deutet Jesus an, wenn er sagt: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Mk 10,45)
Die Beschäftigung mit dem Knecht Gottes half der Gemeinde, sich das Leiden Christi zu eigen zu machen. Es ist keine Enttäuschung, auch kein dunkler Fleck, der blank poliert werden muss. Was am Kreuz passierte, war Stellvertetung. Dafür fand man die Glaubensformel, die auch Paulus beigebracht wird: „Christus ist für unsere Sünden gestorben nach der Schrift.“
Der englische Prediger Charles Spurgeon sagte einmal: „Meine Theologie wird immer einfacher. Sie besteht aus vier Worten: Jesus starb für mich!“ Es wäre schön, wenn wir das auch so sagen könnten. – Berthold Brecht dagegen: „Christus mag für jemanden gestorben sein, aber jedenfalls nicht für mich.“ Er war ein berühmter Dichter, viele denken wie er. Ich bitte Sie, sich in dieser Stunde mit mir unter das Kreuz Christi zu stellen: „Ja, Jesus ist für mich gestorben!“ Obwohl wir alle aussehen, als könnten wir kein Wässerchen trüben. Er beschenkt uns mit unverbrüchlicher Liebe, die uns zugleich zutiefst erschüttert, heilsam erschüttert.
Die Arme des Gekreuzigten sind weit ausgebreitet. Ich stelle mir vor: Er schließt mich in die Arme und drückt mich an sein Herz. Wir kennen diese Nähe, wenn Eltern ihre Kinder drücken, Paare sich herzen, Kumpels sich auf die Schulter klopfen: Ich bin für dich da! Du kannst dich auf mich verlassen! Jesus schenkt mir Frieden, Heilung und Gerechtigkeit. Unverbrüchlich. Ohne Vorbedingung. Es gibt keinen letzten Grund, verzweifelt zu sein!
Dass Jesus an meiner Stelle am Kreuz hängt, erschüttert meine Selbstsicherheit. Unfassbar, welch ein Schaden in den Augen Gottes auch von mir ausgegangen ist! Er lässt mich erkennen: Wir sind nicht so, wie wir uns gerne sehen. In unserer Seele ist vieles, was wir eigentlich nicht wollen und doch immer wieder tun: Falsches, Gemeines, Gottloses. All das mußte Jesus von mir wegtragen. Ich sehe es nur noch im Rückspiegel. Aber ich sehe es und nehme es ernst.
Kommissar Otto Gerber ist ein kerniger Berliner. Gedrungene Gestalt, immer mit Wollmütze, immer ruppig. In der TV-Serie „Ein starkes Team“ ermittelte er neulich in einer katholischen Kirche. Eine ganz fremde Welt für ihn. Am Beichtstuhl entfährt ihm: „Ick habe nüscht zu beichten!“ Er ist selbstsicher, selbstbezogen.
Im Gottesdienst beten wir vor dem Kreuz: „Herr erbarme dich“ oder „Kyrie eleison“. Das ist eine Mini-Beichte. Jeder und jede kann mit diesen Worten das verbinden, was er auf dem Herzen hat. Martin Luther hat uns ein Abendgebet übergeben, das die Bitte enthält: „Du wollest mir vergeben alle meine Sünde, wo ich Unrecht getan habe.“ Das fällt mir oft schwer, denn ich fühle mich meist im Recht. Aber ich möchte dem, von dem Jesus mich befreit hat, keinen Raum in meinem Leben geben.
Wie können wir das Leiden Christi verstehen?
- 1) Im Anfang war das Wort,
- und das Wort war bei Gott,
- und Gott war das Wort.
- 2) Dasselbe war im Anfang bei Gott.
- 3) Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht,
- und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
- 4) In ihm war das Leben,
- und das Leben war das Licht der Menschen.
- 5) Und das Licht scheint in der Finsternis,
- und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.
- 9) Das war das wahre Licht,
- das alle Menschen erleuchtet,
- die in diese Welt kommen.
- 10) Es war in der Welt,
- und die Welt ist durch dasselbe gemacht;
- und die Welt erkannte es nicht.
- 11) Er kam in sein Eigentum;
- und die Seinen nahmen ihn nicht auf.
- 12) Wie viele ihn aber aufnahmen,
- denen gab er die Macht, Gottes Kinder zu werden:
- denen, die an seinen Namen glauben,
- die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches
- noch aus dem Willen eines Mannes,
- sondern aus Gott geboren sind.
- 14) Und das Wort ward Fleisch
- und wohnte unter uns,
- und wir sahen seine Herrlichkeit,
- eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater,
- voller Gnade und Wahrheit.
- (Joh 1,1-5.9-14)
Jesus ist von einer Aura des Unerklärlichen umgeben. In ihm ist etwas geschehen, was bislang nicht vorgekommen ist. Dafür steht das monumentale Lobgedicht am Portal des Johannesevangeliums. Es ist seit dem 4. Jahrhundert das Geburtstagsgedicht für Jesus Christus am 25. Dezember. „Das ewige Wort Gottes kam in die Welt,“ lautet dazu die Überschrift in der Lutherbibel.
Ein beliebtes Kinderlied ist für mich sein kleiner Bruder. Man kommt dabei in Bewegung. Bei dem Wort „groß“ beschreiben beide Arme einen Kreis, bei „hoch“ wird der rechte Arm gestreckt, bei „tief“ berührt der Zeigefinger den Boden und bei „weit“ gehen die Arme weit auseinander und weisen nach links und nach rechts
Gottes Liebe ist so wunderbar,
Gottes Liebe ist so wunderbar,
so wunderbar groß.
So hoch, was kann höher sein?
So tief, was kann tiefer sein?
So weit, was kann weiter sein?
So wunderbar groß.
Sehen wir zu, wie das Kinderlied den überbordenen Lobgesang anleuchtet!
Blicken wir dazu in die Höhe: 10m hohe Brecher sind lästig, werden lebensgefährlich in einem Segelboot auf dem Atlantik. Im 15. Stockwerk eines Hochhauses möchte ich nicht wohnen, so hoch kommt keine Feuerleiter. Einmal einen 8.000er zu bezwingen, ist der Herzenswunsch eines Bergsteigers.
Mit 93 Milliarden Lichtjahren weist das Universum die höchste Höhe und weiteste Weite auf, die wir kennen. Vorstellen kann sich das niemand. Deshalb arbeiten wir mit Zahlenkolonnen. Kleine Erinnerung: Das Licht sprintet in einer Sekunde 300.000km. Und als ob das nicht reicht, expandiert das Universum auch noch pro Sekunde um 68km, 5 Millionen Kilometer pro Tag, 150 mal der Erdumfang. Höher und weiter geht es doch wirklich nicht!?
Der erste Satz unseres Lobgesangs knüpft an den Beginn der hebräischen Bibel an: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ (1. Mose 1,1). Gottes Entschluss, Himmel und Erde zu erschaffen, geht allem voraus, was ist und was wir kannen. Das Hebräische gebraucht für „schaffen“ das Verb „bara“, das allein Gott vorbehalten bleibt. Niemals wird es für irdendeine andere Person verwendet. Gottes Handeln wird so von allen anderen Tätigkeiten und Entwicklungen unterschieden. Gott ist nicht das erste Glied in der Kausalkette von Ursache und Wirkung, wie z. B. der Urknall. Gott ist eine vom Weltall unterschiedene Wirklichkeit, die dem Universum und allen Abläufen in ihm zugrunde liegt. Ohne ihn gäbe es nichts. Er garantiert das Seiende in allen seinen Formen, von der Ameise bis zum Weltall. – Gottes Liebe ist so hoch, was kann höher sein?
In seiner Höhe ist Gott kein Monolith. Am Anfang steht nicht die Einsamkeit des Einen, sondern die Gemeinschaft zweier Gleicher. Aus Gott tritt sein Wort heraus. Er spricht es nicht nur, und dann verklingt es. Nein, es bleibt, es ist bei Gott, es ist selbst Gott: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott.“
Damals kursierten mannigfache Vorstellungen über das Wort Gottes und die Weisheit Gottes als irgendwie eigenständige Wesen. Ich stelle mir dazu vor, dass ein bestimmtes Wort, eine Anordnung z. B., im Raum stehen bleiben kann, auch wenn sie akustisch längst verklungen ist. Einmal ausgesprochen, gilt es weiterhin. Im Hausflur vor der Wohnungstür sagte die Mutter: „Bevor wir reingehen, ziehen wir die Schuhe aus.“ Seitdem füllt ihr Wort diesen Raum und bestimmt das weitere Verhalten.
Das Wort gehört zu Gott. Es ist ein Teil seines Wesens, keine Angliederung an Gott, kein Hinzutreten einer fremden Figur. Gott wird nichts „beigesellt“ So kritisiert uns der Islam. Irrtümlicherweise, wie ich finde. Vielmehr ist der eine Gott in sich selbst unterschieden. Er hat das Wort selbst gesprochen. Das Wort neben ihm sein Wort.
In unserem Lobgedicht wechselt die Ausdrucksweise von dem sachlichen Begriffspaar „Gott“ und „Wort“ zu dem persönlichen „Vater“ und „Sohn“: „Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ Die BasisBibel übersetzt so, dass man das gleich merkt:
Von Anfang an gab es den, der das Wort ist.
Er, das Wort, gehörte zu Gott.
Und er, das Wort, war Gott in allem gleich.
Dieses Wort gehörte von Anfang zu Gott.
Bei einem Spaziergang entdeckte ich an der Fensterscheibe eines viel besuchten Fleischerfachgeschäftes dieses Plakat: „BIST DU ‚NE TYPE AUS FLEISCH UND BLUT oder nur eine Nummer wie die anderen? Dann bist du bei uns richtig“
Keine Type aus Fleisch und Blut war Zeus, der oberste griechische Gott. Er war ein Verwandlungskünstler, erschien schon mal als Kuckuck, Adler, Stier, Ameise oder Schlange. Als Mensch trat er auch auf. Es wird erzählt, dass er die schöne Alkmene begehrte. Chancenlos, denn sie war verlobt mit Amphitryon. Für keinen Seitensprung zu haben. Zeus wusste sich zu helfen. Als Amphitryon im Felde war, nahm er seine Gestalt an, und Alkmene nahm ihn überglücklich in ihr Bett auf. Neun Monate später kam sie nieder und gebar zwei Söhne.
Quer zu solchen Götter-Eskapaden wurde Gott, der Sohn, ’ne Type aus Fleisch und Blut. Er wohnte dauerhaft unter uns, „zeltete“ auf der Erde. ( In Anspielung auf jene Stiftshütte, in der die Herrlichkeit Gottes einst Wohnung nahm, 2. Mose 40,34ff.) In seiner Selbstunterscheidung ist Gott menschenfähig. Das ewige Wort kann in die Welt kommen und dort bleiben. Gott, der Sohn, versetzt sich in die Person Jesu von Nazareth hinein, erfährt Jesu Gefühle als die eigenen. 30 Jahre lang machte er alles mit, was Jesus erlebte: Babyalter, Kindheit, Jugend, Erwachsensein. Er verbindet sich mit ihm und wird sein „Herzschrittmacher“.
Dieser Weg führt nicht nur von der göttlichen Höhe, vom Urgrund allen Seins, herunter auf die Erde. Es ging noch tiefer hinab. Der Weg Jesu wurde zum Leidensweg. Das Holz der Krippe weist auf das Holz des Kreuzes. In einer Notlage kam Jesus zur Welt, es folgte eine Flucht. In Ausweglosigkeit schied er von ihr: Verrat, Folter und Tod. Gott, der Sohn, hätte das abblocken können. Ihn leitete aber die Liebe, von der Paulus schreibt: „Sie läßt sich nicht erbittern,…sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie duldet alles“. (1. Kor13,7)
Die Absicht Gottes, die er mit der Sendung seine Sohnes verfolgt, ist seine Liebe zu den Menschen. Er greift über seine Schöpfung hinaus, um ihnen beizustehen und zu helfen: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen (besser: „einzigen“) Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben , nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“(Joh 3,16)
Gottes Liebe erwies sich dabei langmütig und freundlich, weit und umfassend. Sie überschreitet Grenzen und verbindet, was auseinander lag: seine Höhe und die menschliche Tiefe, das unvordenkliche Schöpferwort und das sterbliche Fleisch und Blut. Martin Luther dichtete zum Weihnachtsfest:
Den aller Welt Kreis nie beschloß,
der liegt in Marien Schoß;
er ist ein Kindlein worden klein,
der alle Ding erhält allein. (EG 23,3)
Der Mensch Jesus von Nazareth, unser Bruder, wurde darurch zu Gott erhoben. Nach und nach wird ihm das bewußt. Mit 12 Jahren vergißt er im Tempel alles um sich herum. Als ihn die Maria und Josef nach drei Tagen Warten und Suchen glücklich fanden, entgegnet er: „Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss, in dem, was meines Vaters ist?“(Lk 2,49) Jesus hat Gott als seinen Vater entdeckt! Als Erwachsener bekennt er: „Wer mich sieht, sieht den Vater,“ (Joh 14,9) und: „Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10,30).
Die Liebe „bläht sich nicht auf,…sie sucht nicht das Ihre,“ (1.Kor 13,4f.) Jesus bleibt auf dem Teppich. Er widersteht der Einflüsterung des Versuchers, seine Position als Sohn Gottes zu seinem Vorteil zu nutzen. Er unterstellt sich ganz dem Vater: „Dein Wille geschehe,“ und dient den Menschen: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern diene.“ (Mk 10,45)
Seine Einheit mit Gott ist geschöpflich nicht zu erklären! Hier ist Gottes umgreifende Liebe am Werk. In Jesus wird Gott Mensch, ohne aufzuhören, Gott zu sein, und der Mensch wird Gott, ohne aufzuhören, Mensch zu sein. Jesus Christus ist nicht ein gott-menschliches Zwischenwesen, sondern wahrer Gott und wahrer Mensch.
Mein Bild des Jahres 2023: Ein kleines Mädchen von anderthalb Jahren sitzt erwartungsvoll auf ihren vier Buchstaben entspannt mit dem Rücken an eine Bank gelehnt. Es ist Sommer auf dem Spielplatz. Die großen blauen Augen halten Ausschau nach einem Abenteuer. „Lass mich nur machen,“ steht ihr im Gesicht geschrieben. Ein Paket voller Leben!
Als ein Gespräch mit einem Alterskollegen immer bedrückender wurde – er begann: „Der Zustand der Welt macht mir Angst,“ und er steigerte sich Stufe um Stufe: „Mit der Welt geht es berab; mit Deutschland geht er bergab; mit der Kirche geht es bergab!“ – tauchte in mir dieses Bild auf: „Schau auf die Kinder! Was wissen sie von unseren Sorgen? Sie wollen die Welt für sich entdecken und freuen sich dabei über jeden neuen Schritt. Sie blicken erwartungsvoll in die Zukunft.“
Weihnachten ist der Einbruch des Heils in eine Welt des Unheils – völlig unwahrscheinlich und aus der aktuellen Nachrichtenlage nicht ableitbar. Ein Idyll mitten in der zur zur Gewohnheit gewordenen Grausamkeit. Gott sendet uns ein Paket voller Leben, das uns Mut macht und Zuversicht schenkt. Ein Unterpfand seiner Liebe zur Welt, auch zu unserem Land und zu den christlichen Gemeinden hier. „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.“ Das ist sein Ziel mit uns.
Das große Lobgedicht hält uns an, ihn mit Herzen, Mund und Händen dafür zu preisen. Ganz wie sein Brüderchen:
Gottes Liebe ist so wunderbar,
Gottes Liebe ist so wunderbar,
so wunderbar groß.
So hoch, was kann höher sein?
So tief, was kann tiefer sein?
So weit, was kann weiter sein?
So wunderbar groß.
Frohe Weihnanchten!
1) Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist,
der Erdkreis und die darauf wohnen.
2) Denn er hat ihn über den Meeren gegründet
und über den Wassern bereitet.
3) Wer darf auf des HERRN Berg gehen,
und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?
4) Wer unschuldige Hände hat
und reinen Herzens ist,
wer nicht bedacht ist auf Lüge
und schwört zum Trug:
5) der wird den Segen vom HERRN empfangen
und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils.
6) Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt,
das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs.
7) Machet die Tore weit und die Türen der Welt hoch,
dass der König der Ehre einziehe!
8) Wer ist der König der Ehre?
Es ist der HERR, stark und mächtig,
der HERR, mächtig im Streit.
9) Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehre einziehe!
10) Wer ist der König der Ehre?
Es ist der HERR Zebaoth; er ist der König der Ehre. (Ps 24,1-10)
Haben Sie schon einmal von „übermäßiger Straßenbenutzung“ gehört? Ich denke dabei an Sattelzüge. Ihre übliche Länge beträgt 14m. Dreifach ausziehbar erreichen sie 60m. Sie werden gebraucht für Rotorblätter von Windrädern. Um die Erträge erneuerbarer Energie zu steigern, werden die Türme immer höher und die Blätter immer länger. Auf dem neusten Stand ist ein 75m langes und 5t schweres Rotorblatt. Befördert werden muss es mit einem dafür speziell angefertigten, vierfach ausziehbaren Sattelschlepper – nachts ohne Verkehr ringsum. Der Transport passt nicht durch enge Ortsdurchfahrten. Für die Route müssen breite Straßen und weite Kurven gesucht werden. Das ist eine „übermäßige Straßenbenutzung“, selbstverständlich genehmigungspflichtig.
„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,“ so klingt eine Aufforderung zu übermäßiger Torbenutzung. Die vorhandenen Tore sind einfach zu klein und zu eng. Für einen herannahenden Spezialtransport müssen sie erhöht und erweitert werden. Mehrmals, so lange, bis es passt. Das größte Tor Indiens ist 41m hoch. Es gehört zu einer Moschee, die ein Großmogul im 16. Jahrhundert für seine damalige Hauptstadt Fatehpur Sikri bauen ließ.
„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,“ dieser Ruf eilte einer vergoldeten Truhe aus Akazienholz voraus. An langen Stangen wurde sie von Trägern auf die Schultern genommen, 125cm lang und 75cm hoch und breit. Ein Transport von bescheidenem Ausmaß im Vergleich zu unseren Rotorblättern, gleichzeitig von enormer Bedeutung. Mose erhielt einst den Auftrag zum Bau und zur Ausgestaltung dieser Lade des Bundes Gottes mit Israel. Mit ihr zieht Gott in die Welt ein. Das markieren zwei Cheruben, Engel, die sich mit erhobenen Flügeln und zueinander geneigten Häuptern gegenüberstehen. Sie tragen den unsichtbaren Thron Gottes, „der über den Cherubim throhnt“ (1. Sam 4,4). Alle Türen und Tore der Welt sind angesprochen und mitgemeint, sich zu öffnen, um Gott zu empfangen.
„Woran glauben Sie?“ bei einer diesbezüglichen Umfrage antwortete ein Teil der Befragten: „Ich glaube an ein höheres Wesen, eine geistige Macht.“ Die höchste geistige Macht in der Bibel ist Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde. Mit den Worten unseres Psalms: „Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet.“
Noah gegenüber hat er sich zur Stabilität unserer Lebensgrundlagen verpflichtet: „Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 9,22) Dazu gehören regelmäßige Ernten, wechselnde Temperaturen, Jahres- und Tageszeiten. Jesus weist darauf hin, dass er die Sonne über böse und gute Menschen aufgehen und es über Gerechte und Ungerechte regnen läßt. Das höhere Wesen kümmert sich nicht um die Menschen und ihre Sorgen. Es steht über allem, was auf der Erde passiert. Niemand hört etwas von ihm.
Um so größer die Freude, als sich das höhere Wesen, die höchste geistige Macht, öffnete und sich zunächst Israel zuwandte. Die schon erwähnte Bundeslade enthielt in ihrem Innern die 10 Gebote vom Sinai. Sie beginnen mit der Zusage: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ (2. Mose 20,1) Gott läßt sein Volk nicht im Regen stehen, sondern interveniert zu seinen Gunsten und begleitet es durch die Geschichte. Er wird deshalb „der König der Ehre“ genannt, „der HERR, stark und mächtig, der HERR, mächtig im Streit“. Israels Bundes-Gott ist zugleich sein Schutz-Gott.
In der evangelischen Kirche feiern wir am ersten Adventssonntag den Einzug Jesu in Jerusalem. Damals fragten die Leute: „Wer ist der?“ (Mt 21,10) Wir grüßen ihn mit der altehrwürdigen Proklamation: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!“ Wir wissen, welche besondere Bedeutung der Titel „König der Ehre“ hat. Er bezeichnet den der Welt und den Menschen zugewandten Gott. Als diesen ehren wir Jesus Christus.
Sein Zeichen ist aber nicht die Lade des Bundes, die auch im Krieg vorangetragen wurde, sondern der friedliche Esel, nach dem er zuvor seine Jünger ausgeschickt hatte. Als Jesus in die Stadt und dann gleich weiter zum Tempel ritt, wurde ein Spalier gebildet. Der Boden wurde festlich überdeckt, Palmzweige wurden hin- und hergeschwungen. Der „König der Ehre“ ist der Weissagung des Propheten Sacharja zufolge, „ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, dem Füllen einer Eselin“ (Sach 9,9f).
„Gelobt sei, der da kommt, im Namen des Herrn,“ wird Jesus dabei zugerufen. Dieser Ruf wurde in das Dreimalheilig eingefügt, das wir vor dem Heiligen Abendmahl anstimmen. Im Heiligen Abendmahl kommt der Einzug Gottes in die Welt an sein innerstes Ziel. Alle Kirchentüren stehen für ihn offen. Das Heilige Abendmahl ist der Unterpfand für die Ankunft Jesu Christi bei mir, in meinem Leben: „Hier bin ich für dich.“ – Bin ich bereit, ihn aufzunehmen?
Auf dem U-Bahnhof Bayerischer Platz steht ein Baudenkmal aus der Kaiserzeit – das Kontrollhäuschen. Ein Bild dazu auf dem Bahnsteig der U4 zeigt elegante Herrschaften in damaliger Abendgaderobe. Wenn sie die U-Bahn besteigen wollten, mussten sie das Häuschen passieren: „Ihre Fahrkarte bitte,“ und eine Karte vorzeigen oder kaufen, die anschließend geknipst wurde.
Unser Psalm führt uns zu einem inneren Kontrollhäuschen in Gestalt einer Einlass-Liturgie. Vor dem Betreten des Heiligtums wurde gebetet: „Wer darf auf des HERRN Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?“ In der Begegnung mit Gott geht es um weit mehr als um eine glanzvolle Prozession mit der heiligen Bundeslade mit Tänzen, Liedern und einer Kapelle aus Leiern, Harfen, Handpauken, Rasseln und Zimbeln. Das religiöse Gepränge allein tut’s nicht. Den Segen vom Herrn wird empfangen: „Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lüge und nicht schwört zum Trug.“ Diese Einlass-Liturgie funktioniert auch ohne Bundeslade. Sie ist im Nu gesprochen. Dabei ist jedes Wort bleischwer:
„Mir ist die Hand ausgerutscht.“ „Ich bin halt ausgeflippt.“ „Das war ein Blackout.“ Im Stuhlkreis im Gewaltpräventionskurs herrscht Erklärungsnot. Die dazu verurteilten Männer ringen nach Worten. Sie haben den Menschen, der sie am meisten liebte, mißhhandelt, aktenkundig krankenhausreif geschlagen. – Unschuldige Hände sind gewaltfrei!
47 Kinder unter 15 Jahren pro Tag wurden allein 2022 Opfer sexueller Gewalt. Sieben Kinder pro Tag waren jünger als sechs Jahre. Oft nutzte ein Onkel, der freundliche Nachbar oder der Fußballtrainer das kindliche Zutrauen gemein aus. In der Hälfte der Fälle kannten sich Opfer und Täter. – Unschuldige Hände sind niemals übergriffig!
Was für ein Anruf! „Ich möchte ihnen Bescheid geben: Ihre Tochter hat einen schlimmen Verkehrsunfall verursacht und einen Passanten tödlich verletzt.“ Welch ein Schock für den 78-jährigen Vater! Wenig später ein zweiter Anruf. Am Apparat dieses Mal eine Rechtsanwältin: „Ihre Tochter sitzt jetzt in Haft. Gegen eine Kaution von € 69.000 bis 79.000 kann sie erst einmal frei kommen.“ Bestürzt willigte der betagte Vater ein: „Das geht, ich habe genug Geld im Haus.“ Als ein junge Frau klingelte, um das Geld bei ihm abzuholen, hatte er sich zum Glück wieder gefangen. Er überreichte ihr eine Tasche. Darin lag ausschließlich – eine Bibel. Anklage wegen Betrug wurde erhoben. – Ohne Lug und Trug meint, ohne Betrugsmaschen auskommen, ehrlich und aufrichtig sein!
Das Herz im biblischen – nicht im organischen – Sinn ist die Mitte der Person. Der Kopf würden wir heute sagen. Hier kommt alles zusammen, was auf einen Menschen von außen einströmt oder in seinem Innern aufsteigt, als Reaktion auf andere Menschen oder als sein momentanes Bauchgefühl. Darunter Wut, Ärger, Zorn, Empörung und Neid, lauter gefährliche und feindselige Gefühle. – Ein reines Herz ist geradlinig. Es weiß, Gewalt, Übergriffigkeit und Lüge auszubremsen. Allein oder mit Hilfe.
13) Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. 14) Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. 15) Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.
16) Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Das Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. 17) Elia war ein schwacher Mensch wie wir; und er betete ein Gebet, dass es nicht regnen sollte, und es regnete nicht auf Erden drei Jahre und sechs Monate. 18) Und er betete abermals, und der Himmel gab den Regen, und die Erde brachte ihre Frucht. (Jak 5, 13-18)
Unsere Verwandten aus den Vereinigten Staaten hatten sich die Reichtagskuppel ausgeguckt und Karten für die Besichtigung besorgt. Von dort aus wollten wir weiterziehen zum Berliner Dom. Auf dem Pariser Platz war eine Menschenmenge mit Trillerpfeifen, Plakaten, ARD und ZDF versammelt. Es handelte sich um die zentrale Kundgebung der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Der Redner zählte auf: „300 Kliniken bangen um ihre Existenz, weitere sind hoch verschuldet. Die Kosten steigen. Die Vergütung reicht nicht aus.“ Dabei fiel er sich wirkungsvoll immer wieder refrainartig ins Wort: „Hört auf uns. Stoppt das Krankenhaussterben!“
Im modernen Krankenhaus sollen körperliche und seelische Gesundheit Hand in Hand gehen. Hinzukommend zu den hochspezialisierten Ärztinnen und Ärzten, die den Kranken behandeln, zu den Pflegediensten, die ihn versorgen, leisten Sozialarbeiter; Psychologen und Seelsorger in praktischen und persönlichen Fragen Beistand.
Für die Krankenhausseelsorge gilt: „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ Die Seelsorgerin oder der Seelsorger wird dem Kranken zuhören, sich in ihn einfühlen, seine Ängste, Befürchtungen und Hoffnungen teilen. Und vielleicht mit ihm überlegen, was seine Situation erhellen könnte. – Schmerzen, eine lebensbedrohliche Krankheit, eine Operation von großer Tragweite führen uns an unsere Grenzen, üben eine zerstörerische Macht aus, haben Depression, Angststörung, Hoffnungslosigkeit im Gepäck. Dazu das lange Alleinsein im Krankenzimmer.
Wie ist es dabei mit einem Gebet? Man sagt: „Eine Krankheit stößt einen in die Richtung weiter, in die man bereits unterwegs ist.“ Wer sich schon lange von Gott entfernt hat, sieht sich durch seine Schmerzen bestätigt. Wer gewohnt ist, mit Gott Freund und Leid zu teilen, wünscht sich ein Gebet. „Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.“ (Vers 13)
Die Jesusbewegung war eine Heilungsbewegung! Kein Wort steht in der Bibel über die Kunstfertigkeit der damaligen Medizin, über ihre Breiumschläge, Verbände, Heilpflanzen und Operationsbestecke mit 20 und mehr Zangen, Messern und Bohrern. Allenfalls ein bisschen Öl wird erwähnt. Dann Jesus ist es , der heilt. Die Leute standen Schlange, wenn er in der Stadt war (Mk 2,1f.). In seinem Auftrag machten die Jünger Menschen gesund (Mk 6,13). Zur Zeit des Jakobusbriefs kommen die Ältesten der Gemeinde im Namen Jesu zum Kranken. Heute beschränken wir das Gebet des Glaubens für Kranke nicht auf Amtsträger. Es gibt Gebetskeise, die viel Gutes bewirken. „Betet füreinander, dass ihr gesund werdet.“
In der frühchristlichen Gemeinde herrscht eine ansteckende Zuversicht: „…das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten.“ (Vers 15) Der Kranke wird aufstehen und sein Bett verlassen können. „Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.“ (Vers 16) Dabei blickte man auf Elia. In seinem Gebet ging es streng genommen nicht um Heilung, sondern um Meteorologie. Im Streit mit seinem König hielt Elia durch sein Gebet für mehrere Jahre den Regen an. Erst nach einem weiteren Gebet strömte es wieder. Ein schwacher Mensch kann ein vollmächtiger Beter sein.
Wenn ich zu sterbenskranken Menschen gerufen wurde, stärkten mich die folgenden Worte:
3) In seinem großen Erbarmen hat er (Gott) uns neu geboren und mit einer lebendigen Hoffnung erfüllt. Diese Hoffnung gründet sich darauf, dass Jesus Christus vom Tod auferstanden ist. 4) Sie richtet sich auf das neue Leben, das Gott schon jetzt im Himmel für euch bereithält als einen Besitz, der niemals vergeht oder verdirbt oder aufgezehrt wird. 5) Wenn ihr Gott fest vertraut, wird er euch durch seine Macht bewahren, sodass ihr die volle Rettung erlangt, die am Ende der Zeit offenbar wird. (1.Petr 1,3-5, Die gute Nachricht)
Wir stehen als Christen in einer lebensspendenden Gemeinschaft. Jesus Christus hat uns mit einer lebendigen Hoffnung erfüllt. Sie liegt für uns bereit und kann jederzeit ergriffen werden. Ihr Inhalt ist ein neues Leben, ein unvergänglicher Besitz, der nie seinen Wert verliert. Im Gegensatz zu unserem alten Leben, das matt und runzlig geworden, eines Tages vergehen wird.
Tragender Grund dieser kühnen Hoffnung ist die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Christus hat den Tod überwunden und will uns daran Anteil geben. Wer Gott fest vertraut, der wird über den Tod hinaus bewahrt. Wenn sein Leib stirbt, wird seine Person das überstehen. Der Tod wird jeden Körper einmal vertilgen, aber die Seele geht ihm dabei durch die Lappen. Da greift er ins Leere. Jesus tröstet: „Habt keine Angst vor denen, die nur den Körper töten können, aber nicht die Seele. (Mt 10,28)
Das gilt auch für die Krankheit. Sie kann den Körper malträtieren und töten, aber ich bin mehr als mein Körper.
Am späten Abend telefonierte ich mit einer jungen Frau. Sie sprach leise, verhalten, mit knappen Worten: „Ich bin so allein.“ Sie meldete sich aus einem Krankenhaus. Ich vermute in einer Langzeittherapie. Denn sie erwähnte den Schulunterricht, den sie dort erhielt. Und das nicht zum ersten Mal. Je nach Befund musste sie zwischen dem Krankenhaus und ihrer häuslichen Umgebung hin- und herpendeln. Sie klang matt, betrübt, aber nicht erschöpft, sogar im Innersten ungebrochen: „Ich weiß, ich komme nach Hause – zu meinen Eltern oder zu Gott.“
Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber all seine Verheißungen. Wie gut, wenn man sich im Schutz dieser Verheißungen bergen kann!
„Oberschenkelhalsbruch“ – ein Routineeingriff, so denkt man! Schließlich ist das die am häufigsten im Krankenhaus behandelte Fraktur. Auch ein mir gut bekannter Herr, 85 Jahre alt, war dieser Ansicht, als er Anfang Juli nach einem schmerzhaften Sturz in seiner Wohnung ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Aus dem Krankenhaus ging es nach sechs Tagen in eine Reha. Nach 14 Tagen kam er schon wieder nach Hause. Dort entwickelten sich unerträgliche Schmerzen. Eine Komplikation! Sofort wieder ins Krankenhaus, zweite strapaziöse Operation mit Austausch der künstlichen Hüfte. Aber die Schmerzen ließen sich nicht in den Griff kriegen. War ein Krankenhauskeim im Spiel? Einziger Ausweg: die Entfernung auch der zweiten künstlichen Hüfte in einer erneuten Operation von zwei Stunden Dauer. Vier Wochen nach dem Sturz fand die Trauerfeier statt. Diese Prozedur überstieg seine Kräfte.
Die Angehörigen, der Sohn und seine Familie, waren fassungslos. Sie standen die ganze Zeit mit den jeweiligen Ärzten vom Dienst in Kontakt und wurden professionell über den nächsten Behandlungsschritt ins Bild gesetzt. Das beruhigte sie, denn sie nahmen schon wahr, dass es dem Vater zunehmend schlechter ging. Im Nachhinein vermissten sie einen festen Ansprechpartner mit Überblick über den gesamten Krankheitsverlauf. Auch mir ging dieses Schicksal sehr nahe. Kann man daraus eine Lehre ziehen?
In unserem heutigen Bibelabschnitt kommt zweimal das Wort „Sünde“ vor: Einmal heißt es:…wenn er (der Kranke) Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden“. (Vers 15) Beim Kranken tritt zur Heilung die Vergebung der Sünden. Ein anderes Mal wird gesagt: „Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet.“ (Vers 16)
Über Sünden nachzudenken, ist heilsam, ein Angebot zur Gewissenerforschung: Wo habe ich Gutes unterlassen und Böses getan? Was habe ich versäumt? Wo habe ich versagt? Was ist mein Anteil daran, dass andere leiden?
Die Ärzte sind technisch-operativ vorgegangen. Sie wechselten ein Ersatzteil durch ein anderes aus und machten das gleich wieder rückgängig, als keine Besserung eintrat. Der Patient hat diese Prozedur nicht überstanden. Rechtlich ist ihnen nichts vorzuwerfen. Die Angehörigen werden sie nicht belangen. Das bringt ihnen ihren Vater nicht zurück. Aber schweigt ihr Gewissen dazu? Ein Mensch ist gestorben. Musste das sein?
Die Einsicht vor Gott in mein Versagen kann der erste Schritt zur Korrektur sein. Für den Oberschenkelhalsbruch gibt es ein besseres Verfahren: Die Behandlung im Team, zu dem auch ein Altersmediziner gehört. Dadurch will man verhindern, dass 10% der Patienten nach einer Oberschenkelhalsbruchoperation innerhalb von 30 Tagen versterben. Zur Zeit ist das noch der Fall, wie leider auch bei dem mir bekannten Herrn.
- 1) Nach diesen Ereignissen kam das Wort des HERRN in einer Vision zu Abram: „Fürchte dich nicht, Abram! Ich selbst bin dein Schild. Du wirst reich belohnt werden.“ 2) Abram erwiederte: „HERR, mein Gott! Welchen Lohn willst du mir geben? Ich werde kinderlos sterben, und Elieser aus Damaskus wird mein Haus erben.“ 3) Weiter sagte Abram: „Du hast mir keinen Nachkommen gegeben, deshalb wird mich mein Verwalter beerben.“ 4) Da kam das Wort des HERRN zu Abram: „Nicht Elieser wird dich beerben, sondern dein leiblicher Sohn wird dein Erbe sein.“ Dann führte er Abram nach draußen und sagte: „Betrachte den Himmel und zähle die Sterne – wenn du sie zählen kannst!“ Er fügte hinzu: „So zahlreich werden deine Nachkommen sein.“ 6) Abram glaubte dem HERRN, und das rechnete ihm Gott als Gerechtigkeit an. (1. Mose 15,1-6 BasisBibel)
„Zum Glück fehlte nur die Krise“, diese Sentenz hat einen doppelten Boden: „Gott sei Dank, bisher blieb mir eine Krise erspart.“ O d e r: „Erst die Krise, die ich jetzt durchmache, zeigt mir, worin wahres Glück besteht.“ – Abram erlebte beides.
Jeder Mensch möchte glücklich sein, sucht nach einem Sinn in seinem Leben. Die jungen Leute schauen sich um, manche Alten haben resigniert. Die mittlere Generation rotiert: Ist es der Beruf? Eine Familie mit Kindern? Eine neue Liebe? Eine Weltreise? Die einen bleiben auf dem einmal eingeschlagenen Weg, andere erfinden sich von Zeit zu Zeit neu. Zu letzteren gehört Abraham oder Abram, wie er hier noch genannt wird.
„Godbye Haran!“ Mit 75 Jahren packt er seine Habe in Kisten und Kasten, lädt sie auf Kamele und wandert aus in froher Erwartung. Als ein Nomade verlässt er seine Heimat in Haran, jener uralten mesopotamischen Stadt an der türkisch-syrischen Grenze und sucht in Kanaan, dem Land zwischen dem Jordan und der Mittelmeerküste, sein Glück.
„Wie bis du bloß darauf verfallen?“, die Nachbarn schütteln ihre Köpfe, „so eine strapaziöse Expedition in einen fernen Winkel zu wagen? Dir geht es hier bei uns doch gut.“ Abrams Entschluss hatte sich nicht aus den aus den Umständen entwickelt, in denen er lebte: „Ich stelle micht Gott zur Verfügung! Er hat etwas Besonderes mit mir vor. Ich soll noch Vater werden, Gründer eines neuen Volkes und ein Segen für die Menschheit.“ Den neuen Schwung im Alter verdankte Abram Gott!
Halten wir einen Moment inne. Jeder Mensch möchte glücklich sein, sucht einen Sinn in seinem Leben. Abram fand seinen Weg durch das Hören auf Gott. Ich brauche nicht nur bei mir selbst zu verharren, sondern kann nach seinem Wort Ausschau halten und fragen: Was möchte Gott von mir? Welchen Plan hat er für mich? „Hilf mir, deine Stimme zu hören!“, werden wir nachher beten.
Abram erkundete das fremde Land, schlug an verschiedenen Stellen seine weitläufigen Nomendenzelte auf und errichtete hier und dort einen Altar. Schwierigkeiten gab es reichlich: Gleich eine schwere Hungernot, die dazu zwang, in Ägypten Schutz zu suchen, Streit mit dem Neffen Lot und Scharmützel mit den ansässigen Stadtkönigen. Alles in allem lief es nicht gut. Das Wagnis hatte sich nicht gelohnt. Abram ist am Boden. Er ist ein landloser Fremdling ohne Zukunft: „Du hast mir keinen Nachkommen gegeben, deshalb wird mein Verwalter, Elieser von Damaskus, mich beerben“, wirft er Gott vor.
Wechseln wir noch einmal die Blickrichtung: Auch Jesus hat große Erwartungen geweckt. Aus einem winzigen Senfkorn soll sich das Himmelreich zu einem Weltenbaum auswachsen, der alle Vögel aufnehmen kann. Wo wächst dieser Baum?
Die fulminanten Bitten des Vaterunsers wurden bisher in kleiner Münze angezahlt:
Je älter ich werde, umso mehr bedrückt mich das.
„Abram glaubte dem HERRN“, hier ist zum ersten Mal in der Bibel davon die Rede, dass jemand glaubt. In der Krise erlebte Abram Gott nicht nur beeindruckend, sondern persönlich und hilfreich. Er fühlte sich nicht nur gefordert, sondern beschützt und gestärkt und gewann so ein tiefes Zutrauen. „Wo keine Hoffnung war, hat er auf Hoffnung hin geglaubt“, so Paulus (Röm 4, 18). Abram lernte, wider den Augenschein zu hoffen. Woher dieser Stimmungsumschwung? – Das geschah, als Gott ihm den nächtlichen Sternenhimmel zeigte, der prächtig funkelte, und ihm dabei erneut die frohe Kunde von einem leiblichen Nachkommen und der Entfaltung zu einem großen Volk mit eigenem Land bestätigte.
Dazu spricht Abram sein Amen, „so sei es!“ Er birgt sich in dem Herrn, der Wunder tut und Wege weiß, die wir nicht kennen. Bisher hatte Abram auf den Herrn gehört und gehorcht. Jetzt, seit der Krise, ist er innerlich dabei. In diesem Sinne ist hier das Wort „glauben“ zu verstehen. Er vertraute und hoffte, obwohl er nichts in den Händen hielt und noch vierhundert Jahre verstrichen, ehe das Volk auf den Plan tritt. Zu seinem Glück fehlte nur die Krise.
„Abram glaubte dem HERRN und das rechnete ihm Gott als Gerechtigkeit an.“ Auf sein Amen hin verbindet sich Gott mit Abram und sieht ihn als gerecht an. Nicht wegen der Mühe und Anstrengung. Nicht wegen der zurückgelegten Reisekilometer oder seiner Tapferkeit gegenüber den Stadtkönigen. Auch nicht das Fingerspitzengefühl im Umgang mit seinem schwierigen Neffen war ausschlaggebend. Nein, Gottes alleiniger Grund ist das tiefe Vertrauen, das Abram ihm entgegenbringt.
Gott zelebriert nun einen Bundesschluss, wie er damals zwischen Königen üblich war. Abram teilte eine Kuh, eine Ziege und einen Widder in zwei Hälften und platzerte sie links und rechts des Weges. Mitten in der Nacht schritt Gott im Symbol eines rauchenden Ofens und einer feurigen Fackel diese Vertragsstraße entlang (1. Mose 15, 17). Das Ganze stellt eine extreme Selbstverpflichtung dar. Wer den Vertrag bricht, soll das Schicksal dieser Tiere erleiden.
Von nun an bleibt Gott fest an Abrams Seite. Auch als dieser wieder mit seinem Schicksal zu hadern beginnt. „Mit dem Sohn wird das nie was“, kichert er. Sara, seine ebenso betagte Frau, kichert mit. Welche Greisin gebar ein Kind? Schließlich zeugt er mit der Magd Hagar einen Sohn, Ismael, und plant an Gott vorbei, ihn zu adoptieren.
Der hier beschriebene Vorgang, dass Gott einen Menschen aufgrund seines „Glaubens“ für „gerecht“ erklärt, ist innerhalb der gesamten antiken Literatur ausschließlich im Zusammenhang mit Abraham belegt, so der Neutestamentler Michel Wolter zu 1. Mose 15,6. Paulus knüpft daran an:
23) Aber nicht nur seinetwegen (gemeint ist Abram) steht in der Heiligen Schrift: “ Gott rechnete ihm diesen Glauben an.“ 24) Sondern es geht dabei auch um uns. Auch uns soll der Glaube angerechnet werden. Denn wir glauben an den, der Jesus, unseren Herrm, von den Toten auferweckt hat.“ (Röm 4,23f. BasisBibel)
Die Anerkennung Abrams als Bundespartner Gottes ist für Paulus der springende Punkt in den Auseinandersetzungen, die er zu führen hatte. Wie wir sahen, erfolgte die Anerkennung Abrams nicht augrund seiner Werke. Gottes Augenmerk galt allein seinem Glauben, seinem in diesem Moment erwachten tiefen Vertauen.
„Gott rechnete ihm diesen Glauben an.“ Dasselbe gilt nun für alle, die an Jesus Christus glauben. Gott nimmt uns nicht wegen unserer gesellschaftlichen Stellung oder unserer Leistungen in seinen Bund auf. Umgekehrt weist er auch niemanden ab, der nichts vorzuweisen hat oder irgendwo gestrandet ist. Es geht ihm allein um Vertrauen und Hoffen auf Jesus Christus.
So handelte Jesus selbst: „Dein Glaube hat dir geholfen“, hören einfache Leute von ihm, die ihn aufsuchten wie der Blinde von Jericho, die Frau, die ihre kranke Tochter zu ihm bringt, und derjenige von den 10 Aussätzigen, der sich bei ihm persönlich bedankt. Gelegentlich wird Jesus deutlicher: „Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.“ Gerechtfertigt, von Gott anerkannt, wurde der Zöllner, der sich im Tempel demütigte: „Gott, sei mir Sünder gnädig“, und nicht der von sich überzeugte Pharisäer mit dem hochtrabenden Gebet: „Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner.“ (Lk 18,9-14)
Schließlich erwähnt Paulus die Auferweckung. Gott ist niemals selbstverständlich. Sein Walten ist unter dem Gegenteil verborgen. In dieser Situation ist die Auferweckung Jesu Christi das Unterpfand für einen neuen Anfang, dafür, dass sein Reich anbricht, sein Name geheiligt und sein Wille befolgt wird. Im Blick auf den Auferstandenen werde ich die Hoffnung nicht aufgeben!
„Ich glaube nicht an Gott,“ als mich jemand so auf der Straße ansprach, war meine Gegenbemerkung: „Das muss nicht so bleiben!“ Auch zu meinen Glück fehlte nur die Krise.
18) Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19) Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20) und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Mt 28,18-20)
Seit 1999 hat Berlin eine neue Sehenswürdigkeit: die Reichstagskuppel Norman Forsters, 23m hoch, weithin sichtbar. Transparent und voller Leben überwölbt sie den Plenarsaal, in dem deutsche Geschichte geschrieben wird. Nachts strahlt ihr Licht. Besucherinnen und Besucher müssen sich in eine lange Warteschlange einreihen, um von der Dachterrrasse aus in das gläserne Kunstwerk zu gelangen.
Mit dieser Kuppel möchte ich die Trinität vergleichen, der seit 1334 der Sonntag nach Pfingsten gewidmet ist. Sie bündelt die Feste Weihnachten, Ostern und Pfingsten und überwölbt die vielfältigen Erfahrungen mit Gott in der Geschichte. Transparent und voller Leben. Hier laufen alle Fäden zusammen, hier wird der eine Gott in drei Personen ebenso wie die drei Personen in der einen Gottheit geehrt. Zu ihr führen zwei Wege, die klassische Route entsprechend dem großen Glaubensbekenntnis von Nicäa (325) und Konstantinopel (382), und eine gewichtige Beobachtung zum Kreuz Christi aus der Theologie unserer Tage.
Im Großen Glaubensbekenntnis(EG 805) verstärken sich die Aussagen über Jesus Christus, den Sohn Gottes. Sie bilden eine Stufenleiter beginnend mit „Gott von Gott“, es folgen: „Licht vom Licht“, „wahrer Gott vom wahren Gott“, „gezeugt, nicht geschaffen“ (demnach kein Geschöpf). Diese Formeln kursierten seit längerem. Sie bewegten sich im Bereich des damals Vorstellbaren. Unterhalb von Gott rechnete man mit gottähnlichen Energien und Gestalten. Die Streitfrage war, ob sie sich eigneten, Jesu Hoheitswort „Wer mich sieht, der sieht den Vater“(Joh 14,9) zu begreifen.
Den Durchbruch brachte in Nicäa eine bisher nicht gebräuchliche Formel, die noch 60 Jahre exotisch blieb, „eines Wesens mit dem Vater“. Auf längere Sicht hin wird durch sie der griechische Gottesbegriff überformt, „getauft“, könnte man sagen. Die Richtung wies Athanasios (gest. 373), der zeitgenössische, später zum Kirchenvater erhobene Bischof von Alexandrien:
„Es ist angemessener Gott vom Sohn her zu erkennen und ihn Vater zu nennen, als ihn nach seinen Werken zu benennen und ihn als den Ungeschaffenen zu bezeichnen.“
Die Philosphie definierte Gott als Gegenpol zur Welt, als unbewegten Beweger, einzig und ewig. – Gott, der Vater Jesu Christi, dagegen spricht, liebt und mischt sich ein.
In der gegenwärtigen Theologie ist es der Blick auf den Gekreuzigten, der zum dreifaltigen Gott führt. Pilatus beabsichtige, Jesus zu eliminieren, für immer verschwinden zu lassen. Statt dessen wurde sein Kreuz für die Christen zum Heils- und Rettungszeichen, unter das sie sich bewusst stellten. Jesu Tod war nicht vergeblich. Am Kreuz wurde das Opfer zum Heil der Welt gebracht. Christus ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt, und uns seinen Frieden schenkt. Aber nicht aus eigener Kraft, eines Wesens mit Gott, dem Vater: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“. (Kor 5,19)
Wir müssen unser Bild von dem Geschehen am Kreuz korrigieren. Man denkt, es läuft so ab wie im Gleichnis von den bösen Weingärtnern (Mt 21,33-39), aber das stimmt nicht! Gott ist kein Senior-Chef, der in seinem Sessel sitzen bleibt, und vom Schreibtisch aus erst die Knechte, dann den Sohn ins Verhängnis schickt. Nein, Gott ist aktiv, mischt sich selbst ein. Er fordert nicht, dass ihm ein Menschenopfer gebracht wird, er handelt selbst und stiftet dardurch, die schmerzlich vermisste Versöhnung. Das ist die frohe Botschaft!
Auch der Heilige Geist gehört wesenhaft und ewig zu Gott, „wird mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht“. Anno 382 dekretierte eine Synode in Rom darüber hinaus, was im Großen Glaubensbekenntnis aus bestimmten Gründen nicht zu finden ist, „dass der heilige Geist ebenso wie der Sohn wahrhaftig und im eigentlichen Sinne vom Vater, von der göttlichen Substanz und wahrer Gott ist“. Man trug dem Rechnung, dass der Heilige Geist in der Bibel wie der Vater und der Sohn den Gottes-Titel „Herr“ trägt. „Der Herr ist der Geist.“(2. Kor 3,17)
Worin besteht die Wesenseinheit des Geistes mit dem Vater? Ich finde sie in dem Wort: „Ich bin…, der da ist und der da war und der da kommt“ (Offb 1,8). Wie Gott altert der Heilige Geist nicht. Er ist die Quelle, die nie versiegt, die Flamme, die nie verlöscht, das Kraftfeld ohne Spannungsabfall. Wie er Pfingsten einschlug, blieb er, wirkmächtig, aufbauend und befreiend. Er befeit Menschen für Gottes Liebe und Vergebung und zieht in ihr Herz ein in aller Welt, auch in unserer Stadt.
Hier kann man auch ganz andere Eindrücke gewinnen, aus denen die Soziologie den Tod Gottes konstatiert. Von einem Treffen der Klima-Kleber Letzte Generation in der evangelischen St. Thomas Kirche im April wurde berichtet: „Diese jungen Leute waren von ihrer Mission so durchdrungen, von der Unumstößlichkeit ihrer Wahrheit so überzeugt und insgesamt von einer solchen Inbrunst bewegt, wie das die Protestanten schon lange nicht mehr hinbekommen.“ – Das muss nicht das letzte Wort bleiben. Der Heilige Geist ist nicht jedermanns Sache, aber er gibt niemanden auf. Er hat noch viel vor, denn er ist auch der, der da k o m m t , dessen Ankunft naht.
Die Prägung durch den griechisch-metaphysischen Gottesbegrif, „der unbewegte Beweger“, führte dazu, biblische Aussagen „Wer mich sieht, der sieht den Vater“, „Gott war in Christus“, „Ich bin…der da ist und der da war und der da kommt“ abzublocken.
Das konnte die christliche Gemeinde nicht hinnehmen. Sie brauchte eine schützende Kuppel über der Heiligen Schrift. Dazu mußte sie sich ihrerseits zum Wesen Gottes äußern, aber so, dass sein Geheimnis gewahrt blieb. Ohne seine Unerforschlichkeit anzutasten. Sie folgte dabei der Richtschnur: „So wie Gott uns gegenüber in der Geschichte auftritt, so ist er in sich selbst von Ewigkeit her.“ Das ermöglichte behutsam und vorsichtig, ein Kontur seines Wesens zu entwerfen.
Dazu ein Beispiel: Ludwig van Beethoven komponierte nicht nur ein Violinenenkonzert und fünf Klavierkozerte, sondern auch ein sogenanntes Tripelkonzert mit drei Solisten, die Klavier, Violine und Violoncello spielen. Die Heilsgeschichte ist in diesem Sinne ein gewaltiges Tripelkonzert. Gott dirigiert nicht nur am Pult sondern spielt auch im Orchester mit, das Klavier mag für den Vater stehen, die Violine für den Sohn, das Violoncello für den Heiligen Geist. Jedes Instrument hat seinen Part. – Um das Heil der Welt zu bewirken, spielt Gott selbst mit. Er erfindet sich dazu aber nicht neu, sondern erscheint als der, der er immer schon war und ist. Vom Tripelkonzert fand die Christenheit zur Trinität, zu dem einen Gott in drei Personen und den drei Personen in einer Gottheit.
Gott ist in sich dreifaltig. Stellen wir uns einen Fächer vor. Er ist in drei Falten gegliedert. Jede Falte steht für sich, kann z. B. anders bemalt sein. Sie bleibt dabei Teil des Ganzen. Wird der Fächer zugeklappt, ist sie verborgen.
Unbesehen wird die Trinität gern mit der chemischen Formel H2O erläutert: „Die chemische Formel H2O deckt je nach Temperatur drei Erscheinungsweisen ab: unter null Grad Eis, dann Wasser und ab 100 Grad Dampf. Eine Formel drei Aggregatszustände. So erscheint der eine Gott mal als Vater, mal als Sohn mal als Heiliger Geist.“
Am heutigen Dreifaltigkeitsssonntag haben wir gehört, wie Jesus die Taufe auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geists anordnet. Auf ihn sind wir auch getauft.
Dann ging es um die Taufe des Gottesbegriffs:
Unsere Zukunft ist geborgen unter dieser transparenten Kuppel voller Leben!
Ich gehöre einem Jahrgang an, der acht Jahre im Klassenverband unterrichtet wurde von der 5. bis zur 13. Klasse. Dadurch sind wir zusammengewachsen und haben uns nicht aus den Augen verloren. Seit einiger Zeit treffen wir uns jährlich. Normalerweise ist das eine ruhige Angelegenheit.
Diesmal könnte es lebhaft werden. Auslöser war die Nachricht einer Mitschülerin, nach reiflicher Überlegung habe sie sich dem „Manifest für den Frieden“ von Alice Schwarzer und Sara Wagenknecht angeschlossen und würde gerne in unserer Runde darüber disputieren. Mit der Panzerlieferung sei für sie die rote Linie überschritten: Die Eskalationsspirale müsse augenblicklich gestoppt werden! Sie verwies auf Willy Brandts Berater Egon Bahr (gestorben 2015): „Frieden ist das oberste Gut. Wichtiger als Demokratie und Menschenrechte es sind.“
Das empörte einen Mitschüler, der Geflüchtete in Brandenburg untergebracht hat und versorgt. Er hatte ihre Schicksale vor Augen, weiß, was sie hoffen und wünschen: Ein freies Land mit Demokratie und Menschenrechten – keine russische Gewaltherrschaft.
Die beiden wechselten fünf E-Mails. Wird unser Klassentreffen kabbelig?
Der Krieg zerrt an unser aller Nerven. Er dauert nun schon ein Jahr. Wir haben Mitleid mit den weinenden Menschen und den Geflüchteten, von deren Schicksal wir erfahren. Unterstützen und helfen, soweit wir können, und beten für den Frieden. In mein Friedensgebet gehört das Vaterunser. Es hilft mir, Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden.
Wenn ich das Vaterunser bete, werde ich auf das Reich Gottes eingestimmt: „Dein Reich komme.“ In endgültiger Weise ist das die Vollendung, wenn Gott alles in allem ist und Tränen, Schmerz und Leid außer Kraft gesetzt sind. Jederzeit möglich ist eine vorläufige, verborgene Stippvisite, zum Beispiel dort, wo Gottes Wille geschieht und wo wir vom Bösen befreit werden.
„Dein Wille geschehe.“ Was ist Gottes Wille? Eine schwierige Frage, je nach dem, was ansteht. In unserer Situation gibt es eine klare Erkenntnis: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein! Krieg ist als Mittel der Politik geächtet. Was für ein Übel er ist, haben wir vor Augen. Jeder Tag kostet bis zu 1.000 Menschenleben. Ein Unrecht, das zum Himmel schreit in unserer Nachbarschaft. Da können wir uns nicht raushalten.
Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein! Unser Platz ist an der Seite der Menschen im Bombenhagel und der Geflüchteten, die furchtbares Unrecht erleiden müssen.
„Erlöse uns von dem Bösen.“ Vielleicht denken wir dabei an d e n Bösen oder an das Böse i n u n s . Böse ist auch die Lüge – als Manipulation: „Spezialoperation“ statt wahrheitsgemäß „Krieg!“, als Desinformation (Der Westen hat den Krieg entfesselt, Russland will ihn beenden. – Womöglich glaubt das jemand in Afrika?) oder die Mär vom dreieinen russischen Vaterland, die Ukraine und Weissrussland einbegriffen, als Begleitmusik zur Landnahme.
Seien wir wachsam gegenüber der Lüge; sie vermag, den den Angreifer zum Verteidiger zu schminken.
„Wir fordern den Bundeskanzler auf, die Eskalation der Waffenlieferungen zu stoppen. Jetzt!“ So das „Manifest für den Frieden“. Beenden wir die Militärhilfe! Sie verlängert den Krieg. – Es stimmt, der Krieg ist unersättlich. Andauernd muss er Menschen und Maschinen verschlingen. Ohne Nachschub würde er eingehen. Aber nur auf der Seite der Ukraine! Russland verfügt über genug eigene Waffen.
Deshalb setze ich ein dickes Fragezeichen hinter dieses Manifest.Die Ukraine hat das Recht, sich zu verteidigen. Sonst obsiegen Unrecht und Lüge. Die paradoxe Intervention, auch die linke Backe darzubieten, wenn man auf die rechte geschlagen wurde, die Jesus ins Spiel bringt, hat er selbst gelebt. Einzelne haben das auch versucht, freiwillig. Wenn ein ganzes Land diesen Weg wählt, ist das allein seine Entscheidung. Aufzwingen können wir das der Ukraine nicht.
Die Ukraine hat ein Recht, sich selbst zu verteidigen.
„Überblickt ihr wirklich, was auf euch zukommt?“ Jesus ernüchtert eine begeisterte Schar, die sich ihm auf der Stelle anschließen wollte. Er schildert, was für eine genaue Planung ein Turmbau verlangt und welcher Spott sich über den daran gescheiterten Bauherrn ergießt: „Stellt euch vor: Einer von euch will einen Turm bauen. Setzt er sich dann nicht als Erstes hin, berechnet die Kosten und prüft, ob sein Geld reicht? Sonst passiert es, dass er das Fundament legt, aber den Bau nicht fertigstellen kann. Alle, die das sehen, lachen ihn aus und sagen: ‚Dieser Mensch wollte einen Turm bauen – aber er konnte ihn nicht fertigstellen.‘
Es folgt ein militärisches Beispiel: „Stellt euch vor: Ein König will gegen einen anderen König in den Krieg ziehen. Setzt er sich dann nicht als Erstes hin und überlegt: Sind zehntausend Mann stark genug, um gegen einen Feind anzutreten, der mit zwanzigtausend Mann anrückt? Wenn nicht, dann schickt er besser Unterhändler, solange der Gegner noch weit weg ist. Die sollen Friedensverhandlungen führen.“ (Lk 14,28-32 BasisBibel)
Was ist realisierbar? Was können wir uns vornehmen? Wie weit reichen unsere Kräfte?Darum geht es auch bei der Unterstützung der Ukraine:
Da ist der mitreißende Präsident Selenskyj. Mit seinen Videobotschaften stärkt er sein bedrängtes Volk und erntet weltweit Applaus, – was sage ich: Standing Ovations!„Ohne ihn würden viele in der Welt nicht darauf reagieren, dass wir mitten in Europa getötet werden.“, so eine ukrainische Journalistin. Er drängt auf Tempo. In einem Jahr soll der Krieg beendet sein. Die nächste Sicherheitskonferenz in München im Februar 2024 wird eine „Nachkriegskonferenz“. – Der leise, nüchtern-freundliche Bundeskanzler Scholz tritt auf die Bremse: „Wir haben einen langen Krieg vor uns.“
Selenskyj vergleicht sein Volk mit David, der den tumben Goliath mit einer Steinschleuder außer Gefecht setzte: „Gebt mir eine stärkere Steinschleuder!“ – Der Kanzler: „Ich lasse mich nicht treiben. Ich handle nur zusammen mit den USA.“
Selenskyj kann auf seine Siege verweisen. Alle Welt hatte sich auf den Fall Kiews eingestellt, als sich die Panzerkolonne heranwälzte. Er harrte dort aus, Kiew wurde gehalten. Auch die Rückeroberung Charkiws, der zweitgrößten Stadt des Landes gelang. – In Deutschland denken wir an die Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad vor 80 Jahren zurück. Russland wurde sträflich unterschätzt. 1941 schepperten die Siegesfanfaren in der Deutschen Wochenschau. Als die Soldaten in der Kälte vor Moskau erfroren, sollte es eine Pelzsammlung des Winterhilfswerks richten. Und „der größte Führer aller Zeiten“ verglich zur selben Stunde Russland mit einem morschen Haus. „Man braucht bloß die Tür einzutreten, dann fällt es zusammen.“ So kam es aber nicht.
Um „Russland zu besiegen“, braucht man mindestens einen Weltkrieg. Das bedeutet nicht, dass wir Putin zu Kreuze kriechen müssen. Besonnenes Handeln ist gefragt:
Wir helfen der Ukraine Stand zu halten, damit sie nicht einverleibt wird. Nicht mehr und nicht weniger.
Nicht nur unser Klassentrefffen, sondern Deutschland ist in Bewegung. In den politischen Talkshows wird die Lage der Ukraine in einer Endlosschleife hin und her gewälzt. „Deutschland tut zu wenig.“ – „Deutschland tut zu viel.“, „Alles viel zu langsam.“ Sofort die Replik: „Nein, es eskaliert.“ Die Wirkung der Sendung hängt davon ab, wer eingeladen wurde. Gegen Sara Wagenknecht oder einen Botschafter der Ukraine kann niemand einen Stich machenn. So läuft eine Show.
Mir tut die Mahnung Jesu zur Besonnenheit gut. Zusammen mit dem Vaterunser weist sie in folgende Richtung:
Lasst uns dafür beten, dass die Waffen schweigen und dass ein Weg zum Frieden gesucht wird. Gott schenke uns dafür seinen Heiligen Geist:
Geist der Wahrheit, du allein kannst die Mächte austreiben, die die Herrschaft der Welt an sich reißen. Gib uns einen klaren Blick, damit wir erkennen und ohne Angst benennen, was das Leben zerstört und den Weg gehen, der zum Frieden führt, zu Christus, der unser Friede ist in Ewigkeit. (Tagesgebet zum zweiten Sonntag in der Passionszeit)
Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten. (Mt 2, 2)
Die Tagesschau berichtete es am 20.12.2020: „Himmelsschauspiel: große Konjunktion zwischen Jupiter und Saturn.“ Rund um den Erdball verfolgten Wissenschaftler und Hobbyisten eine Annäherung der beiden Riesen. Obwohl sie Millionen von Kilometern voneinander entfernt sind, lange und länger brauchen, um die Sonne zu umkreisen, der Saturn 12 Jahre und der Jupiter 30 Jahre, befanden sie sich von der Erde aus gesehen auf einer Sichtachse. Für das blosse Auge schienen sie zu verschmelzen.
Dazu Susanne Hüttenmeister von der Sternwarte Bochum: „Eine solche große Konjunktion passiert alle 20 Jahre. Die nächste ist 2040 zu erwarten. Die Paneten werden dann aber nicht ganz so dicht beieinander stehen. Derart ineinandergeschoben wie in diesem Jahr haben sie sich zum letzten Mal vor 400 Jahren.“
In der Wilhelm-Foerster-Sternwarte am Insulaner lässt sich der Sternenhimmel vergangener Zeiten berechnen und aufrufen. Er füllt dann die Kuppel des Saals. Diese Zeitmaschine zeigt im Jahr 7 vor Christus dreimal die Engstellung von Jupiter und Saturn: Am 1. Juni morgens, am 15. September und am 12. November abends.
In den Wochen dazwischen liefen sie auseinander und dann wieder aufeinander zu. Wie ein Paar, das sich streitet, nicht voneinander lassen kann, wieder zueinander findet, bis es dann endgültig kracht. Alle 258 Jahre kommt es zu diesem Spektakel in verschiedenen Tierkreiszeichen. 794 Jahre versteichen, ehe sie sich dreimal im selben Sternbild begegnen. Das ist dann ein Jahrtausend-Ereignis. So war es 7 vor Christus.
„Wir haben seinen Stern aufgehen sehen!“ Wer konnte so etwas beteuern? Wenn überhaupt jemand, dann Leute aus dem Zweistromland, dem ehemaligen Babylonien, in dem damals die Parther herrschten. Dort blühte seit der Zeit der Sumerer eine astronomisch-astrologische Hochkultur. Nächtelang wurde der Himmel mit freiem Auge fixiert. Es gelang, die Positionen von Himmelskörpern zu berechnen und ihre Bahnen vorauszusagen.
In Sippar am Ostufer des Euphrat, heute 30km von Bagad entfernt, stand ein Tempel des Sonnengottes Shamash. Aus diesem Ort stammen Keilschrifttafeln, auf denen das Jahrtausend-Ereignis verzeichnet ist. Priester-Astronomen haben sie angelegt. Die Schrift spricht von „Magiern“, Weisen. Zu Königen, gar Heiligen, wurden sie erst später befördert. Dabei spielten ihre Geschenke in Verbindung mit Psalm 72,10 eine Rolle: „Die Könige von Tarsis und auf den Inseln sollen Geschenke bringen, die Könige aus Saba und Seba sollen Gaben senden.“
Unternehmungslustig, beherzt und wohlhabend stelle ich sie mir vor. Keine Stubenhocker,sondern Entdecker. Sie wagten sich auf eine 60tägige, risikoreiche Karawanenreise.
Ihre Reise kann eine Merkwürdigkeit erklären:
In diesen Tagen ziehen Mädchen und Jungen als Sternsinger durch die Stadt. Mit Kronen auf den Köpfen folgen sie dem Wanderstern, der auf einem Stab vorangetragen wird. Nie verfehlen sie ihr Ziel. Viele denken: „So ist das auch damals gewesen.“ Ein Führungswunder, vergleichbar der Feuer- und Wolkenssäule, die das Volk Israel einst durch die Wüste geleitete. Ganz ohne Astronomie.
Wenn das so gewesen wäre, warum treffen die Weisen dann nicht punktgenau in Bethlehem ein? Dort ist Jesus zu finden. In Jerusalem machen sie Herodes argwöhnisch. Das Verderben nimmt damit seinen Lauf, auch wenn sie auf dem Rückweg eine erneute Begegnung vermeiden. Warum müssen erst Schriftrollen gewälzt werden, bis man auf Bethlehem kommt? Kennt der Wanderstern sein Ziel gar nicht?
Des Rätsels Lösung könnte so aussehen: Die Sterndeuter entdeckten das Jahrtausend-Ereignis am Himmel und zogen daraus ihre Schlüsse. Für sie waren die Sterne nicht stumm. Sie hatten Namen und kündigten irdische Ereignisse an.
Wenn der Königsstern den Stern Israels dreimal im Sternbild des Westlandes trifft, können Astrologen darin folgendes entdecken: Ein König der Juden wird geboren im Lande der Juden. – Dementsprechend wandern sie nach Israel und dort in die Hauptstadt Jerusalem. In der berechtigten Annahme, dass der neue König im dortigen Königspalast vorzufinden sei. Wo denn sonst? Und sie staunten nicht schlecht über die Ahnungslosigkeit im hohen Hause.
Weiterhin berichtet die Schrift: „Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.“ (Mt 2,9)
Das könnte auf die dritte Engstellung von Jupiter und Saturn im November zutreffen, die am Abendhimmel im Süden von Jerusalem aus in Richtung Bethlehem zu sehen war. Bethlehem liegt auf einem Hügel, auch der Weg dahin war hügelig. „Verläßt man Jerusalem, so scheinen die südlichen Sterne zunächst über dem ersten Hügel oben zu stehen. Hat man diesen erreicht, so wandert der Stern gewissermaßen weiter und steht für das Auge des Wanderers plötzlich über einem entfernteren, Bethlehem näheren Hügel. Endlich aber, je näher dem Ziel, reicht der Blick bis Bethlehem, auf einer Höhe liegend, die dahinter liegenden Berge mehr und mehr verdeckt“, so eine Reisebeschreibung. Hinzu kommt möglicherweise noch ein Lichtkegel, der dort auch schon beobachtet wurde.
Die Erscheinung am Himmel war spektakulär, konnte aber astronomisch eingeordnet werden. Was die Weisen auf der Erde vorfanden, fiel aus dem Rahmen. Ein unbekanntes Baby in Klein-Bethlehem bei versprengte Eltern von verblichenem Adel.
Sie traten auf, wie es einem neuen Großkönig der Parther angemessen gewesen wäre, überreichten zeremonielle Königsgaben: etwas Gold, das Königsmetall, etwas Weihrauch. Mit dem schwingenden Weihrauchkessel wird der König geehrt. Sowie etwas Myrrhe, damit wird der König gesalbt. Dann warfen sie sich nieder, bis die Stirn den Boden berührte. Achselzuckend. Tief war die Hoheit Jesu verborgen.
Aus dem vorherigen Kapitel des Matthäusevangeliums sind wir besser im Bilde. Josef war fassungslos. Seine junge, hübsche Verlobte war im Hause ihrer Eltern schwanger geworden. Er wollte sie nicht anzeigen, aber sauer war er schon. „Sie kommt mir nicht in mein Haus!“ Er plante eine Scheidung in aller Stille. Ein Engel Gottes war vonnöten, um ihm den Rücken zu stärken. „Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist.“(Mt 1,20)
So erklärt der Engel die besonderen Umstände der Schwangerschaft Marias. Es gibt keinen Nebenbuhler. Das Neugeborene stammt nicht aus natürlicher Zeugung. Sein Menschsein ist allein im Wirken Gottes begründet. Die Kraft, durch die Gott in der Welt wirkt, ist der Heilige Geist. – Josef läßt sich das durch den Kopf gehen. Am Ende befolgt er den Rat: Er nimmt Maria zu sich, adoptiert ihr Kind und gibt ihm den Namen Jesus. Aber was für eine Adoption war das!
Die Krone Elisabeths II. samt Zepter und Reichapfel wurde am 19. September von ihrem Platz auf dem Sarg umgesetzt auf den Altar der St. Georgs-Kapelle in Windsor. Damit wurde sie in Gottes Hand zurückgegeben. Von dort wird sie Charles III. sie am Tag seiner Krönung empfangen. Als Zeichen dafür, dass Gott ihn bevollmächtigt, sein Amt zu führen.
Im alten Israel wurde bei einer Krönung ausgerufen: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.“ (Ps 2,7)
Die Amtseinsetzung wurde als eine mystische Neuzeugung verstanden. Gott adoptiert einen Menschen. Im Evangelium verläuft es umgekehrt: Ein Mensch (Josef) adoptiert Gott, den Sohn, den Maria entbunden hat.
Das geschieht, weil die Evolution keinen Messias hervorbringen kann. Josefs Stammbaum umfasst 40 Vorfahren, 26 von ihnen sind Nachfahren Davids. Kommen als Messias in Frage, der ein „Sohn Davids“ sein soll. Ich beschränke mich auf die letzten Zwölf: Jojachin, Scheatiel, Serubabbel, Abihud, Eljakim, Azor, Zadok, Achim, Elihud, Eleasar, Mattan, Jakob. Alles achtbare Leute, die zu ihrer Zeit ihr Bestes gegeben haben. Aber außer ihren Namen wissen wir nichts mehr von ihnen. Keiner war der Messias. Wenn es einen Retter geben soll, muss ihn der Himmel selbst senden! Das ist die Logik dieser Ahnentafel. Deshalb endet sie nicht patrilinear mit der Zeugungsformel: „Josef zeugte Jesus“, sondern Jakob zeugte Josef, den Mann Marias, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus. (Mt 1,16)
Josef adoptiert Jesus und befördert ihn dadurch zum „Sohn Davids“ (Mt 1,1). Weil Gott selbst in ihm zu uns kommt, kann er uns neu mit Gott verbinden und retten. Das ist das Herzstück unserer Religion, das wir an diesem zweiten Weihnachtsfest der Kirche feiern. Viele Menschen sind resigniert: „Wenn es Gott gibt, ist er fern und interessiert sich nicht für mich.“ Wir sind da zuversichtlich: In Christus ist Gott mitten unter uns. Gewiss verhüllt, leider, aber nicht unauffindbar.
Ich freue mich, dass wir heute zusammen Weihnachten feiern und begrüße Sie herzlich: Euch ist heute der Heiland geboren, ein heller Schein in unserer dunklen Welt!
In diesen Tagen sind viele verzweifelt. Sie denken an die Menschen in der Ukraine in Krieg und Kälte; sie denken an den hohen Krankenstand in unserer Stadt; sie denken an die Kosten für Heizung und alles Übrige…Euch ist heute der Retter geboren, ein heller Schein in unserer dunklen Welt!
Freude und Erwartungen, Kummer und Sorgen teilt er mit uns: Euch ist heute der Helfer geboren, ein heller Schein in unserer dunklen Welt!
Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. (Lk 2,12)
Im vorigen Jahr am 21.12., ein Tag vor Weihnachten, sollte ab 17:00 Uhr bei Familie Hövermann der Weihnachtsbaum geschmückt werden. Alles lief nach Plan. Der Baum wurde vormittags ausgepackt und im Zimmer aufgestellt, damit die Zweige sich ausbreiten konnten. Ich hatte eine 200er Lichterkette angeschafft, (Im letzten Jahr war eine der beiden kleineren Ketten ausgefallen.) sie der Länge nach abgewickelt und kreisförmig durch die Zweige geführt. Schalter ein. Was war das?
Eine Farbwalze! Mich traf der Farbschlag: Die Lichter kunterbunt. Rot, grün, blau, gelb. Ein intensiver Farbeffekt, der unseren zarten Schmuck vollständig überblenden würde. Das geht gar nicht!!
Bei Rossmann und im Elektrogeschäft waren Lichterketten ausverkauft. So kurz vor dem Heiligen Abend kein Wunder. Die Hersteller-Firma, ganz in unserer Nähe ansässig, hatte schon ab 18:00 Uhr über die Feiertage geschlossen. Blieb noch das Bauhaus. Da gab es noch 200er Ketten allerdings mit schwarzem Kabel. „Dort kann ich morgen noch hinfahren.“
Geplättet googelte ich am späten Abend noch mal, finde die passende Kette im Netz, bestelle: „Wir liefern morgen Vormittag .“ Auf die Fahrt zum Bauhaus verzichte ich gern. Zwischen den grünen Zweigen würde ein schwarzes Kabel ohnehin nur stören.
Am 24.12. vormittags ist der Baum noch unberührt. Das gab es bei uns noch nie. Wird er in diesem Jahr ohne Beleuchtung auskommen müssen? Gestern Abend bestellt, heute ausgeliefert. Kann doch gar nicht funktionieren. Die Paktetstation in Ludwigsfelde ist doch völlig verstopft. Die Zeit verstreicht. Eine Zitterpartie. – Es klingelte nach 12:00 Uhr: Der Bote mit der kurzfristig bestellten Lichterkette. Bravo!
Wie ruhig und friedlich ist demgegenüber die Weihnachtskrippe. Sie wird einfach ausgepackt und aufgestellt. Sie ist nicht aufdringlich, aber leicht zu übersehen neben der funkelnden Tanne. Deshalb wollen wir uns heute der Krippe widmen. Tatsächlich wird Weihnachten in der Bibel durch zwei Zeichen sichtbar gemacht: Durch die Krippe und den Stern. Und durch zwei Feste: Am 24./25. Dezember wie die Hirten durch die Krippe Jesus auffinden und am 6. Januar, dem Erscheinungsfest, wie die Weisen durch den Stern zu ihm gelangen. Die Tanne kam später dazu im globalen Norden.
Bei uns regiert nicht mehr der Kaiser Augustus, aber seine Maßnahmen überdauern die Zeiten. Wir hatten in diesem Jahr eine Volkszählung, stichprobenweise. Ich bekam einen Brief mit Fragen. Besitzer einer Eigentumswohnung, mussten eine Erklärung zur Grundsteuer abgeben. Ohne Papier digital zu Hause mit dem System ELSTER. Sorgte für viel Verdruss. Der Abgabetermin musste verschoben werden.
Auch damals ging es darum, das Volk zu zählen und die Steuern zu erhöhen. Wege zum Amt wurden nicht eingespart. Im Gegenteil. Es galt die Meldepflicht am Zuständigkeitsbereich für die Kopf- und Grundsteuer. Für Josef und seine Frau war das Bethlehem, weil er von David abstammte. Dort musste er vor dem Zensor des Kaisers erscheinen. Unverzüglich. Ohne Aufschub, ohne Rücksicht auf die Schwangerschaft. Die römische Besatzung war brutal. Besonders, wenn es ums Geld ging.
Von einer jungen Mutter hörte ich: „Im neunten Monat war ich bei meinem letzten Vorsorgetermin in der Uhlandstraße. Die Ärztin: ‚Sie können beruhigt sein. Es ist noch nicht so weit.‘ Auf der Rückfahrt saß ich im Doppeldecker oben und fuhr bis Zehlendorf-Süd. Es schaukelte ganz schön. Hin und her. Dann die Unterführung unter dem S-Bahnhof Zehlendorf… Was sage ich Ihnen? Drei Stunden später begannen die Wehen.“ – Was ist eine Busfahrt im Doppeldecker gegen 140km Fußmarsch von Nazareth nach Bethlehem? Selbst wenn Maria auf einem Esel saß, mich wundert die prompte Niederkunft in Bethlehem nicht. Das hätte schon auf der Reise passieren können.
Für eine Entbindung steht bei uns eine Klinik oder eine Hebamme zur Verfügung. Mit vorheriger Anmeldung, versteht sich. – Bei der ungeplanten Niederkunft in Bethlehem konnten Maria und Josef auf die übliche Gastfreundschaft zählen. Die Frauen strömten herbei und halfen und holten, was man brauchte. Da wurde niemand allein gelassen.
An einem Punkt gab es kein Pardon. In der Unterkunft war kein Platz außer in einer kleinen Höhle oder Grotte in der Nähe. Bei der „Unterkunft“, von der hier die Rede ist, handelte es sich um ein privates Haus: Ein einziger Raum im Schnitt nicht größer als 3,50m mal 5,50m. In der Nähe der Tür hatten die Tiere ihren Platz. Der hintere Teil des Wohnraums war etwas erhöht, hier lebten die Menschen. Man saß auf Strohmatten auf dem Boden.
Für die verbleibenden Tiere stand besagte kleine Höhle als Stall zur Verfügung. In die in den Fels geschlagene Futterkrippe bettete man Jesus. Auf diese Weise gelangte der Neugeborene in eine Futterkrippe! Die Geburtskirche in Bethlehem wurde über einer Grotte errichtet. Zum Andenken an die Geburt Jesu ist dort ein 14zackiger Stern in den Boden eingelassen.
„Hier muss es sein. Ich sehe ein Wickelkind in einer Krippe!“ Auf einmal umstanden Hirten die offene Grotte. In ihren schweren Hirtenstiefeln hatten sie den Ort durchkämmt, so gut es ging. In ein Haus hätte man sie kaum eingelassen. Sie waren arm, schmutzig und verwildert. Tagelang draußen. Man traute ihnen nicht. Wenn ein Tier gerissen wurde, mussten sie ein Ohr als Beweisstück dafür vorlegen. Man wollte sicher gehen, dass sie es nicht unter der Hand verscherbelt hatten. Dieser Kontakt mit toten Tieren war ein Problem. Er machte sie unrein. Zeit, Gelegenheit und Mittel, das im Tempel aus der Welt zu schaffen, hatten sie nicht. So wurden sie angegiftet: „Sünder seid ihr!“ Sie lebten in einer dunklen Welt.
„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ Gegenwärtig hatten sie ein übervolles Herz. Engel waren ihnen erschienen. Stahlendes Licht im Dunkel der Nacht. Sie priesen ein neugeborenes Kindchen in den höchsten Tönen. Sprachen von seiner großen Zukunft als Retter Israels, als Messias und als kommender Herr in der Stadt Davids, Bethlehem. Dort sollte es in dieser Nacht aufzufinden sein. In Windeln gewickelt wie alle anderen Neugeborenen; sein Alleinstellungsmerkmal: Es liegt in einer Futterkrippe!
Den Hirten stach ein Wort besonders ins Ohr: „Retter“. Sie hörten darin schon „Freund aller, die als Sünder abgestempelt werden.“(Lk 7,34), wie man Jesus später nannte. Er machte um die Geächteten keinen Bogen, sondern half ihnen. Die Hirten hofften, dass er auch ihre Situation klären würde. Sie waren glücklich, „priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten“(Lk 2,20). Ihre ausgelassene Freude ist der Ursprung unserer Weihnachtsfeiern. Wir haben ja noch vor, heute zu feiern.
„Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“(Lk 2,19) Nach dem Aufbruch der Hirten hatte sie einen Moment für sich. Das Neugeborene war versorgt, Josef schlief schon. Sie hatte sich die Geburt ihres Sohnes ganz anders vorgestellt. Zu Hause in freundlicher Umgebung. Heute war für sie keine gemütlicher Feiertag wie für uns. Eher ein Stück dunkle Welt, enttäuschend. Das Leben ist nicht reibungslos. Je länger sie grübelte, half ihr die Nachricht der Hirten, den höheren Sinn in all dem zu erkennen: Ihr Neugeborenes in dieser Futterkrippe war ein Zeichen Gottes!
Christ, der Retter, ist da! Ein heller Schein kommt in unsere dunkle Welt! Gott stellt sich neben mich. Er möchte mein Leben mit mir teilen, Freude und Erwartungen ebenso wie Kummer und Sorgen. Ich bin nicht allein auf mich gestellt. Er rät und tröstet. – Ich sage Ihnen nichts Neues. Wir sind ja seine Gemeinde.
Wir sehen in ihm mehr als die Hirten in ihm sehen konnten. Aus dem vorhergehenden Kapitel des Lukasevangeliums wissen wir: Auch Maria wurde die Geburt Jesu von einem Engel angekündigt. „Das Heilige, das geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden.“(Lk 1,35) Ein nie dagewesenes enges Band besteht zwischen Jesus und Gott. Jesus handelt nicht nur im Auftrag Gottes. In ihm spricht und handelt, begegnet und vergibt Gott, der Sohn, die zweite Person der Trinität selbst. Sein Wirken ist nicht wie die Regierungszeit eines Königs zeit- und ortsgebunden. Er ist seither jederzeit und von allen ansprechbar.
In diesem Jahr wurde der Weihnachtsbaum bei Familie Hövermann einen Tag früher als im vorigen Jahr am 22.12. geschmückt. Nur zur Sicherheit, falls etwas nicht funktionieren sollte…Es wird Ihnen nicht schwerfallen, unser diesjähriges Weihnachtsgeschenk zu erraten? Eine neue, feine Krippe. Die alte war in die Jahre gekommen, leicht zu übersehen. Wie sagte ich doch? An der Krippe wird Weihnachten sichtbar!
Ich wünsche Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Fest!
14) Dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: 15) Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! 16) Weil du aber lau bist weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. 17) Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. 18) Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. 19) Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße!
20) Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. 21) Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. 22) Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! (Offb 3,14-22)
In der Liturgie unserer Kirche wird ein und dieselbe Begebenheit aus dem Leben Jesu zweimal an zentraler Stelle als Evangelium des Sonntags wiedergegeben. Das ist unüblich. Bibelstellen gibt es ja genug. Gleichwohl wird der Einzug Jesu in Jerusalem nicht nur am Palmsonntag sondern auch heute am ersten Sonntag im Advent vorgetragen. Ist das nicht doppelt gemoppelt? Nehmen wir eben das mal unter die Lupe:
Die Ankunft in Jerusalem brachte Jesus in Schwierigkeiten. Der Eingangsjubel war ergreifend. Die Palmenzweige! Die ausgebreiteten Gewänder auf der Straße! Aber er hatte keinen Bestand. Die Widersacher fühlten sich herausgefordert, bedroht, befürchteten Schlimmstes. Innerhalb weniger Tage schafften sie es, ihn ans Kreuz zu bringen. Sobald sie seine Anweseheit registriert hatten, tickte die Uhr. Am Ende der Karwoche fand sich eine winzige Ostergemeinde zusammen.
Heute klingt alles heller:
Jesus zieht jetzt in unsere Stadt ein. Die Adventszeit beginnt. Berlin grüßt ihn mit Weihnachtsbäumen: Auf dem Platz vor unserem Haus schmückte am Freitag eine Schulklasse den prächtigen Lichterbaum. Überall in der Stadt: Lichterketten und Herrenhuter Sterne. Die Uhr tickt. Adventskränze und Adventskalender sind auf den Heiligen Abend eingestellt, das Fest aller Feste in unserem Land.
Die Dopplung passt schon, sie setzt einen neuen Akzent: Die Adventszeit ist das frohgemute Gegenbild zur Karwoche. Hören wir die Boschaft Jesu für heute aus der Offenbarung des Johannes!
Zuerst wendet er sich an die Kirche als Institution: „Du weißt nicht, dass du arm blind und nackt bist.“ – Können wir uns das anziehen? Und dann sehr persönlich an jeden von uns: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ – Wie gehen wir damit um?
„Du weißt nicht, das du arm , blind und nackt bist.“
Wenn der Suprintendent auf der Kreissynode Schöneberg seinen Jahresbericht vortrug, pflegte er, auf jede Gemeinde einzugehen und vermerkte Vorhaben, Erfolge und Probleme. Ebenso der gegenwärtige Christus. Vor der Kreissynode in Ephesus, beim heutigen Selcuk an der Südwestküste der Türkei gelegen, äußerte er sich zur Lage der sieben Kirchengemeinden in den Städten Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und eben Laodizea unser Predigttext heute.
Sein Urteil über Laodizea ist vernichtend. Aufgut Deutsch: „Ihr seid zum Kotzen!“ Wie soll man das sonst verstehen: „Ausspeien“? „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“ Pfui, lauwarmes Wasser, das törnt ab!
Die Ruinen von Laodizea wurden in die Vorschlagsliste für das Weltkulturerbe aufgenommen. Eine Reihe 11m hoher, je 15t schwerer Säulen erinnert an die einst blühende, junge Stadt. Die zweitgröße nach Ephesus. Kolonisiert von König Antiochus II. von Syrien (261-246) mit dem Beinamen „Theos“ (Gott) und benannt nach seiner Frau Laodike, mit der er ein bewegtes Eheleben führte. Cicero kam dort vorbei und löste auf einer Bank einen Wechsel ein. Jesus spielt auf die Aktivposten der Kommune. Er erwähnt „Gold“ für ihr Bankwesen, „Kleider“ für die Textilmanufaktur und „Augensalbe“ für ihre Medizinprodukte .
Die örtliche Kirchengemeinde fühlte sich pudelwohl. Sie hatte am Wohlstand teil und wurde nicht verfolgt, wie die Christen anderswo im römischen Reich. Wenn sie in den Spiegel schaute, erfreute sie ihr Anblick. „Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!“
„Ihr irrt!“, hält Jesus dagegen: „Du, Gemeinde in der Stadt der Augensalbe, bist betriebsblind. Ihr materiell reichen Christen seid tatsächlich arm. Ihr modebewussten Leute lauft geistlich nackt herum. Wo sind eure weißen Taufkleider?“
Wie gehen wir mit dieser harschen Anklage um? Was ist meine Rolle dabei? Bin ich Erzähler biblischer „Geschichten“ auf Neudeutsch ein storyteller? Dann könnte ich entspannt plaudern: Zum Beispiel davon, dass Jesus ja sieben Gemeinden erwähnt und dass wir hier vielleicht gar nicht gemeint sind. – Oder bin ich ein Sprachrohr für Jesus. Dann gehöre ich auf seine Seite und habe das ernst zu nehmen, worauf er heute hinweist, auch wenn es um das eigene Nest geht. Mithin: Wo entpuppt sich unsere Kirche als betriebsblind? Wo ist sie werder warm noch kalt?
Unter diesem Titel stand ein Bericht über eine Kita in Sachsen-Anhalt mit 12 Mitarbeiterinnen, die von der Diakonie übernommen worden war. Die acht konfessionslosen Erzieherinnen waren mit dem Trägerwechsel einverstanden gewesen unter der Voraussetzung, dass sie nicht zu religiösen Handlungen gedrängt würden. Die vier Evangelischen waren enttäuscht, weil sich ein diakoniegemäßes, christlich-religiöses Klima in dieser Konstellation nicht ins Leben rufen ließ. Der gemeinsame Nenner zwischen warm und kalt war – lauwarm!
„Kirche für andere“ zu sein, ist der Reichtum unserer Kirche. Nicht bei der Gottesdienstgemeinde zu verharren, sondern von hier aus mit weitem Radius aktiv zur Bildung, zur Gesundheit und zu Unterstützung und Hilfe im In- und Ausland beizutragen. Dafür ist sie beliebt. Die Kirchen und ihre Einrichtungen sind der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland.
Allerdings:
„Was sollen wir machen? Die Arbeit muss doch getan werden. Die Gesellschaft hat sich verändert. Der Arbeitsmarkt gibt nicht mehr her.“ Jeder einzelne Schritt ist verständlich. Auf dem ganzen Weg verliert das Gold an Wert und das Wasser seinen frischen Geschmack. „Du weißt nicht, dass du arm, blind und nackt bist.“ – Wenn einmal in der Woche eine Pfarrerin in der erwähnten Kita eine Andacht hält, bügelt sie damit nichts aus. – Und von der konfessionslosen Altenpflegerin kann man nicht erwarten, mit den alten Menschen zu beten. Mit Augensalbe erkennt man: „Kirche für andere“ funktioniert nicht lediglich mit Amtsträgern (m, w, d), sondern ist Sache aller Getauften. Deshalb spielt Jesus auf die weißen Taufkleider an.
„Siehe ich stehe vor der Tür und klopfe an.“
Am Bußtag 1963, ein halbes Jahr nach meiner Konfirmation, ging ich mit dunklem Schlips in die Kreuzkirche in Schmargendorf am Hohenzollerndamm. Dort hörte ich eine Predigt über Laodizea: Während der eindringlichen Worte des Pfarrers zu: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“, klopfte Jesus bei mir an. Ich wollte ihm auftun. Aber wie? Schließlich verfiel ich auf einen Bibelleseplan für Schüler. Für jeden Tag einen Abschnitt und ein Gebet.
Wir werden heute wieder singen: „Komm, o mein Heiland Jesus Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.“ Ich spüre dabei, wenn Jesus zu mir kommt, führt das über mein Lesen und Nachdenken hinaus. Eine enge, intime Verbundenheit ist gemeint. Weite mein Herz, dass es dich aufnehmen kann! Konkret: Ich wünsche mir, dass Jesus zu meinem inneren Team gehört.
Kennen Sie das Kinderlied vom Apfel?
In einem kleinen Apfel da sieht es lustig aus.
Es sind darin fünf Stübchen gerade wie in einem Haus.
In jedem Stübchen wohnen zwei Kernchen schwarz und fein,
die liegen drin und träumen vom lieben Sonnenschein.
Im Kerngehäuse des Apfels stehen 10 Plätze zur Verfügung. Ein anschauliches Bild für unser Herz. Modern verstanden ist unser Innenleben mehrstimmig. Aus jedem Stübchen ruft jemand etwas heraus. Ausgehend vom inneren Zwiesepalt. „Ich kann mich nicht entscheiden.“ „Ich stehe zwischen Baum und Borke.“ kam man auf das „innere Team“ (Friedemann Schulz von Thun).
Wir alle haben mindestens vier Stimmen in der Brust. Wenn es um eine kostspielige Anschaffung oder eine größere Einladung geht, rät Stimme eins: „Darauf zugehen!“ Stimme zwei sorgt für Abstand: „Lass besser die Finger davon!“ – Bei der diesjährigen Weihnachtsfeier oder der nächsten Urlaubsreise will Stimme drei in der Spur bleiben: „So, wie wir es immer gemacht haben, ist es schön.“ Stimme vier ist aufgeschlosssen: „Lass probieren!“
Wer sonst noch dabei ist und wieviel Gewicht seine Stimme hat, hängt von der Lebenserfahrung eines jeden ab. Auch neue Mitarbeiter können aufgenommen werden, auch solche, die von Hause aus fremd sind. Aus diesem Grund kam ich auf Jesus. „Jesus meine Herzenstür zu öffnen“, bedeutet: Ich nehme ihn in mein inneres Team auf. Er gehört auf diese Weise zu meiner Person, bezieht einen der 10 Plätze in meinem Kerngehäuse. Er leistet mir stillen Beistand und bringt sich aber auch in mein inneres Stimmengewirr ein. Sein Geschäftsbereich ist es: Den Glauben zu mehren, die Hoffnung zu stärken und die Liebe zu entzünden.
In der Vorweihnachtszeit mit dem Glanz der Weihnachtsbäume, der Lichterketten und leuchtenden Sterne auf den schon nachmittages dunklen Straßen meldet sich eine Sehnsucht nach mehr. Wir spüren, dass unsere alltäglichen Geschäfte, Pflichten und Pläne nicht alles sind. Wir möchten von einer anderen Dimension berührt werden. Anselm Grün betet mit uns:
„Daheim sein können wir nur dort, wo das Geheimnis wohnt. Wenn du bei uns und unter uns wohnst, können wir es bei uns aushalten, weil du selbst das unendliche und unaussprechliche Geheimnis, unser Haus zum Heim formst, in dem wir gern sind.„
27) Ehre deinen Vater von ganzem Herzen und vergiss nicht, welche Schmerzen deine Mutter um dich gelitten hat, 28) und bedenke, dass du von ihnen das Leben hast; womit kannst du ihnen vergelten, was du ihnen verdankst? 29) Fürchte den Herrn von ganzer Seele, und halte seinen Priester in allen Ehren. 30) Liebe den, der dich geschaffen hat, mit ganzer Kraft und lass seine Diener nicht im Stich. (Jesus Sirach 7,27-30)
Die ersten Schritte! Ende August kam eine kleiner Film von unserer Tochter. Man sieht den langgestreckten Flur ihrer Wohnung mit dem Laminatfußboden. Durch eine Glastür am hinteren Ende fällt das Licht herein. Dorthin ist gerade ein kleines Persönchen im gestreifen Pulli mit gut verpacktem Popo tastend unterwegs. Unsere jüngste Enkeltochter, elf Monate alt, erweitert ihren Bewegungsradius: Ohne Hilfe von Mama oder Papa, aber noch nicht freihändig. Sie schiebt ihren Laufwagen vor sich her. An einer Kommode rechts von ihr unterbricht sie die Tour, greift nach dem Riegel der Schublade und schaut pfiffig ins Bild: „Ich weiß, hier geht das auf!“
Als Großeltern erleben wir mit, wie sich die Mobilität der Kleinen entfaltet. Erst griffen die Händchen nach allem, was am Spielbogen über dem Kinderbett hing. Der schwere Kopf konnte noch nicht gehoben werden. Auf der Krabbeldecke wurde die Bauchlage geübt mit Kraftaufwand und wenig Freude. Einige Wochen später war schon Ballwechsel angesagt. Im Sommer saß sie im Buddelkasten sicher und aufrecht.
Wir Menschen kommen als Nesthocker auf die Welt, müssen auf lange Sicht versorgt, betreut und unterrichtet werden. Eines schönen Tages „verlässt ein Mann seinen Vater und seine Mutter und verbindet sich mit seiner Frau. Sie sind dann eins mit Leib und Seele.“ (1. Mose 2,24) So beschreibt die Bibel den Aufbruch aus dem Elternhaus. Der Sohn zieht in eigene vier Wände, findetet eine hübsche Frau und gründet mit ihr eine Familie. Ebenso stellt es die junge Frau an.
Die erwachsen gewordenen Kinder nabeln sich von ihren Eltern ab und gehen auf eigenen Wegen. Kluge Eltern mischen sich nicht ein. Als Maria das auf der Hochzeit zu Kana versucht, blafft Jesus sie an: „Was geht’s dich an Frau, was ich tue?“ (Joh 2,4). Von seinen Leuten fordert Jesus Abstand von Vater und Mutter und der ganzen Sippe: „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist mein nicht wert.“(Mt 10,37) Jesus will raus aus der Konvention und frischen Wind bringen.
Auch wenn wir als Erwachsene mit unserern Eltern auf gleichem Fuße verkehren, mehr wissen und weiter herumgekommen sind als sie, bleibt eine einzigartige, nicht lösbare Verbindung. Freundschaften, Partnerschaften, Ehen haben ihre Zeit. Nicht die Züge von Vater oder Mutter in meinem Gesicht oder in meinem Wesen. Die Eltern stecken in jedem von uns. „Denke daran, dass du von den Eltern das Leben hast!“ Die Eltern zu „ehren“ (hebräisch: kabed) bedeutet, sie als „gewichtig“ und „bedeutsam“ anzuerkennen und ihnen Achtung entgegenzubringen.
„Die Hand an der Wiege regiert die Welt,“ dieser Satz stand in einem Interview mit der forensischen Psychologin Nata Salimeh. Die Lebensläufe kaltherziger Gewalttäter gewähren Einblick, wie schädlich seelische Vernachlässigung und körperliche Übergriffe sind. Wenn das Baby nachts schreit und es niemand hört, oder wenn es dafür ausgeschimpft und geschlagen wird, spürt es, diese Welt ist ein rauer Ort. Um mich durchzuschlagen, brauche ich Härte.
„Die Hand an der Wiege regiert die Welt,“ bedeutet aber auch: Mit ihrem Gespür für die Nestwärme, die ich brauchte, schufen die Eltern meine Lebensgrundlage. So gut sie es vermochten, haben sie mich umsorgt, beschützt und gefördert. Zuwendung und Liebe bauen ein Kind auf. „Womit kannst du den Eltern vergelten, was du ihnen verdankst?“
Angesprochen sind Erwachsene. In einer Zeit, in der es noch keine Renten gab, sollen sie ihre Eltern im Alter nicht sich selbst überlassen. Auch Jesus verliert seine Mutter nicht aus den Augen. Abnabeln Ja ! Kontaktabbruch Nein! Vor seinem Tod gibt er sie in die Obhut seines Lieblingsjüngers: „Frau, siehe das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“(Joh 19,26f.) Maria bleibt nicht unversorgt zurück.
Auch heutzutage mit staatlicher Alterversorgung brauchen wir Solidarität zwischen den Generationen. Die besondere Verantwortung der erwachsenen Kinder für die Lebensbedingungen der Eltern im Alter ist ein Anliegen der christlichen Ethik. Hilfsbedürftigkeit wahrzunehmen und bei Demenz zu stützen und zu begleiten.
Im gleichen Atemzug kommt Jesus Sirach von den Eltern auf Gott, den Herrn. Auch ihm verdanken wir unser Leben. Er hat uns geschaffen. Ohne ihn gäbe es keinen von uns. Ebenfalls streifen wir ihm gegenüber eines Tages die Kinderschuhe ab. Wir wachsen aus dem magischen Weltbild heraus und gewinnen einen kritischen Blick auf Fantasiewelten, Religion und Magie. Über Gott gibt es gegensätzliche Ansichten. Leider geschieht Vieles auf der Welt, das wir mit ihm nicht in Verbindung bringen können.
Wie bei Vater und Mutter gibt es Gründe, sich Gott gegenüber zu verschließen. Jesus Sirach mahnt, es nicht dazu kommen zu lassen. „Fürchte den Herrn von ganzer Seele…liebe den, der dich geschaffen hat, mit allen Kräften.“
„Fürchten“ bedeutet hier nicht „in Angst sein“ oder „zittern, sondern Gott „Respekt entgegenbringen“. Nicht aus Zwang, sondern aus eigener Einsicht: „Dem HERRN mit Ehrfurcht zu begegnen, bedeutet, das Böse zu hassen. Darum hasse ich Hochmut, Stolz, unrechtes Tun und einen Mund, der die Wahrheit verdreht.“(Spr 8,13) – Gott von ganzem Herzen zu lieben, ist das Grundgebot der Tora schlechthin (5. Mose 6,15). Israel verdankt seine Existenz Gott. „Womit kannst du ihm vergelten, was du ihm verdankst?“ Niemals bist du mit ihm quitt, gilt für das Volk Gottes im Ganzen wie für jeden einzelnen, Juden wie Christen.
Betrachten wir, wie eine Hand im Sinne Jesu an der Wiege waltet. Für ihn sind Kinder nicht Anhängsel ihrer Eltern, sondern eigene Personen, denen er sich zuwendet: „Lasst doch die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran. Denn für Menschen wie sie ist das Reich Gottes da.“ (Lk 18,16). Er warnt die Erwachsenen vor Übergriffigkeit. „Nehmt euch in Acht: Ihr sollt keinen von diesen geringsten von oben herab behandeln! Das sage ich euch: Ihre Engel stehen im Himmel stets unmittelbar vor meinem himmlischen Vater.“(Mt 18,10) Sie halten ihn auf dem Laufenden. Keine Untat wird vergessen. Die Kinder stehen unter Gottes Schutz, die Macht der Erwachsenen ist beschränkt. Kindesmissbrach schlägt dem ins Gesicht!
Die Heilige Taufe knüpft ein festes Band zum dreieinigen Gott. Im Taufesegen heißt es:
Gott schenke dir seinen Geist. Er geleite dich durch dein irdisches Leben, erhalte dich in der Gemeinschaft Christi und bewahre deine Seele zum ewigen Leben.
Alle, die zum Volk Gottes gehören, werden in das Buch des Lebens eingetragen. „Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind,“ (Lk 10,20) wird gerne als Taufspruch gewählt.
„Ehre deinen Vater von ganzem Herzen und vergiss nicht, welche Schmerzen deine Mutter um dich gelitten hat. …Liebe den, der dich geschaffen hat mit ganzer Kraft.“
17) Denkt ja nicht, ich bin gekommen, um das Gesetz und die Propheten außer Kraft zu setzen. Ich bin nicht gekommen, um sie außer Kraft zu setzen, sondern um sie zu erfüllen. 18) Amen, das sage ich euch: Solange Himmel und Erde bestehen, wird im Gesetz kein einziger Buchstabe und kein Satzzeichen gestrichen werden. Alles muss geschehen, was Gott geboten und verheißen hat. 19) Keines der Gebote wird außer Kraft gesetzt, selbst wenn es das Unwichtigste ist. Wer das tut und es andere Menschen so lehrt, der wird der Unwichtigste im Himmelreich sein. Wer die Gebote aber befolgt und das andere so lehrt, der wird der Wichtigste im Himmelreich sein. 20) Denn ich sage euch: Eure Gerechtigkeit muss größer sein als die der Schriftgelehrten und Pharisäer. Sonst werdet ihr niemals in das Himmelreich kommen. (Mt 5,17-20)
Zum Israelsonntag in desem Jahr gehören eine gute und eine schlechte Nachricht. Verbunden mit einer kleinen Premiere, die sie eben erlebt haben, und einer großen Premiere am 18. Juni in Kassel, der Eröffnung der documenta 15.
Sie haben eine Premiere erlebt! Der eben vorgelesene Abschnitt aus der Bibel schmorte in der Abstellkammer. In meiner ganzen Dienstzeit kam er niemals dran. 2018 wurde er ins Pflichtprogramm aufgenommen als offizieller Predigttext. Heute greift das zum ersten Mal.
Passend zum Israelsonntag! Dem Warnzeichen im Kirchenjahr vor christlicher Judenfeindschaft. Judentum und Pharisäer mussten durchgehend als Negativfolie herhalten.
Von 1939 bis 1945 bestand in Eisenach ein Institut „zur Erforschung und Beseitigung jüdischen Einflusses auf das kirchliche Leben“, eine dem NS-Staat willkommene Denkfabrik eingerichtet von elf Landeskirchen. Deren Parole lautete: „Der christliche Glaube ist der unüberbrückbare, religiöse Gegensatz zum Judentum.“ Diesem Basissatz christlicher Judenfeinschaft widerspricht Jesus im heutigen Predigttext auf der ganzen Linie.
Dem Matthäusevangelium zufolge startet Jesus mit einer mitreißenden Rede, der Bergpredigt. Er sagt, wer glückselig ist. Er redet seine Hörerinnen und Hörer aufmunternd an „Ihr seid das Salz der Erde! Ihr seid das Licht der Welt!“ Und wünscht: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten. Sie sollen eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Mt 5,16).
Nach diesem Schwung wird Jesus grundsätzlich. Es besteht Klärungsbedarf. Man hält ihn für einen Mann der Zukunft, einen jungen Wilden. Seinen Trompetenstoß hatten viele im Land vernommen. Was hatte er vor? Wo will er mit uns hin?
Er stellt klar: „Ich habe nicht vor, das Gesetz und die Propheten außer Kraft zu setzen. In ihm bin ich aufgewachsen in einer frommen Familie. In ihm lebte und lebe ich vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, vom Frühstück bis zum Abendbrot. Mein Leben ist religiös geprägt, in der Synagoge und im Tempel fühle ich mich zu Hause.“
Die Tora ist für ihn kein Gesetz, mit dem der Mensch sich selbst erlösen kann. Sondern ein Geschenk Gottes. Ausdruck der engen Verbindung mit seinem Volk und Weisung zum rechten Leben. Von der Treue zur Tora hängt das Schicksal Israels ab. „Von der Treue zur Tora hängt auch euer Platz ihm Himmelreich ab.“, fügt Jesus in bildhafter Sprache an. Wer sie missachtet, wird dort zweitrangig sein. Wer sie erfüllt, wird wertgeschätzt: „Wer die Gebote aber befolgt und das andere so lehrt, der wird der Wichtigste im Himmelreich sein.“
Halten wir einen Moment inne. Dieser Tage machte ein forsches Statement die Runde: „Es kann kein Gott akzeptiert werden, der nicht freiheitsachtsam ist und Autonomie will.“ So äußerte sich ein – man staune – katholischer Theologieprofessor aus Freiburg. Autonomie heißt „Selbstgesetzgebung“: „Ich suche mir mein Lebensmotto im Alleingang ohne fremde Hilfe.“ Die ethische Autonomie ist eine bedeutende Richtung in der Geistesgeschichte. Jesus indes zeigt in der Bergpredigt eine grundverschiedene Einstellung. Er unterstellt sich dem Willen Gottes in der Tora und betet: „Dein Wille geschehe.“, ohne sich dabei unfrei zu fühlen.
Wenn Jesus predigt, rappelt es mächtig im Karton. Er äußert sich pointiert und einprägsam. Zum überkommenen Lehrgut fällt ihm sofort ein eigener Gedanke ein. Folgendermaßen erläutert er das fünfte Gebot: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: ‚Du sollst nicht töten.‘ Ich aber sage euch, wer seinem Bruder zürnt und zu ihm sagt: ‚Du Nichtsnutz‘ oder ‚du Narr‘, der ist des Gerichts schuldig.“(Mt 5,21f.) Gewaltige Worte von weitreichender Wirkung.
Hat Jesus hier die übliche Auslegungspraxis verlassen? Mustert er Altes aus, weil Neues besser ist? Aus unserem Alltag wissen wir:
Jesus ist dahingehend mißverstanden worden: „Er bezieht eine Gegenposition zum Gesetz Israels!“ Es bürgerte sich in der Theologie ein, von den „Antithesen“ der Bergpredigt zu sprechen, weil und solange die einleitende Positionsbestimmung Mt 5,17-20 Jesu übersprungen wurde. Wenn die Weiche nicht beachtet wird, fährt der ganze Zug in eine falsche Richtung. Jesus hält an der Tora fest, weil „die Alten“ für ihn nicht zum alten Eisen zählen. Er schätzt die Vorfahren der Erlebnisgeneration, die Gottes Gebot am Sinai hörten. Ihnen gebührt Ehrerbietung. In Betracht kommt ein anmerkendes „Aber“. Die BasisBibel von der Deutschen Bibelgesellschaft berücksichtigt das. Jesus formuliert keine Antithese, sondern einen Lehrspruch zum fünften Gebot:
Ihr wisst, dass unseren Vorfahren gesagt worden ist: ‚Du sollst nicht töten!‘ Ich sage euch aber: Schon wer auf seinen Bruder oder seine Schwester wütend ist, gehört vor Gericht.
Jesus wollte die Juden seiner Zeit zu besseren Juden machen: „Eure Gerechtigkeit muss größer sein als die der Schriftgelehrten und Pharisäer. Sonst werdet ihr niemals in das Himmelreich kommen.“(Mt 5,20) Jesus weist die Menschen nicht auf einen anderen Weg, sondern zu einem anderen, vertieften Umgang mit der Tora. Er schärft das Gewissen bis es zubeißt.
Seine Lehre trugen die Jünger hinaus in alle Welt. „Lehrt sie alles zu tun, was ich euch geboten habe!“ (Mt 28,20). Seither werde Juden und Christen in gleicher Weise von Jesus zu einem besseren Verhalten herausgefordert. Die Gebote nicht nur zu kennen, sondern auch zu leben. Der springende Punkt für unseren Israelsonntag ist dabei. Niemand hat die bessere Gerechtigkeit, die Jesus fordert, für sich gepachtet. Einen unüberbrückbaren Gegensatz gibt es nicht.
„Wer auf seinen Bruder oder seine Schwester wütend ist, gehört vor Gericht.“ – Zielt auf unser Aggressionspotential: Wann rasten wir aus? Wann werden wir laut? „Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn,“ so der Jakobusbrief (Jak 1,19).
„Ihr wisst, dass gesagt worden ist:’Du sollst nicht ehebrechen!‘ Ich sage aber: Wer die Frau eines anderen begehrlich ansieht, hat mit ihr schon die Ehe gebrochen. Er hat es in seinem Herzen getan.“(Mt 5,27f.) – Zielt auf unseren Triebhaushalt. „Ich kann ihm nicht sagen, dass ich ihn betrogen habe!“, schluchzt sie verzweifelt. Gibt es eigentlich noch Fernsehfilme ohne Sexszenen? Vorzugsweise One-Night-Stands, bei denen eine Person aus der Ehe oder Partnerschaft ausbricht und danach in Schwierigkeiten steckt.
„Ihr wisst, dass unseren Vorfahren gesagt worden ist: ‚Du sollst deinen Schwur nicht brechen! Vielmehr sollst du halten, was du dem Herrn geschworen hast!‘ Ich sage euch aber: Schwört überhaupt nicht. …Sagt einfach ‚Ja‘, wenn ihr ‚Ja‘ meint, und ‚Nein‘, wenn ihr ‚Nein‘ meint.“(Mt 5,33ff.) – Zielt auf unsere Ehrlichkeit. Wie war das mit dem gepflegten Abendessen im Hause der RBB-Intendantin Patricia Schlesinger? Sieben Gäste wurden für sage und schreibe 1.154,87€ bewirtet. Auf Kosten der Gebührenzahler! Darauf angesprochen flötete sie: „Ein Arbeitsessen, ein reines Arbeitsessen!“ Als Polizeipräsidentin Slowik das hörte: „Von Arbeit war keine Rede. Dann wäre ich nicht gekommen.“ Wer war es noch gleich, der über die Steigerungsformen sinnierte: „Es gibt die Wahrheit – die einfache Wahrheit – die reine Wahrheit…“ Schluss damit! „Sagt einfach ‚Ja‘, wenn ihr ‚Ja‘ meint, und ‚Nein‘, wenn ihr ‚Nein‘ meint.“
Die Premiere der internationalen Kunstausstellung Dokumenta 15 war am 18. Juni in Kassel. Bald danach wurde es unbehaglich. Es begann mit dem Bild eines palästinensischen Künstlers. Weitgehend eine Nachbildung des Werks „Erntearbeiter bei der Rast“ von Jean Francois Millet aus dem Jahre 1853. Hinzugefügt hatte der Maler einen Wall aus Beton hinter dem Panzer und Soldaten lauerten. Bereit zum Überfall auf friedliche Bauern.
Der Titel des Bildes „Guernica Gaza“ suggeriert eine Parallele zu einem Kriegsverbrechen der deutschen Luftwaffe getarnt als Legion Condor im spanischen Bürgerkrieg 1937. Guernica, eine Kleinstadt im Baskenland am Golf von Biskaya, ist dadurch in die Geschichte eingegangen. Hier wurde das erste flächendeckende Bombardement durchgeführt. Bomben auf die Zivilbevölkerung ohne militärischen Nutzen. Zur Einschüchterung. 3.000 Menschen starben. Mit dem Bild wird Israel bezichtigt, in Gaza so aufzutreten wie die Nazis in Guernica.
Palästinenserpräsident Abbas, in dieser Woche zu Gast in Berlin, stieß in dasselbe Horn: „Israel hat 50 Massaker in Palästina verübt. 50 Holocausts!“ Bundeshanzler Scholz neben ihm stehend verschlug es die Sprache.
Lasst uns um Frieden für Israel und Palästina beten: Dass endlich die Zeit kommen möge, in der alle unter ihren Feigenbäumen und Weinstöcken sicher wohnen können!
1)Der HERR erschien Abraham bei den Eichen von Mamre. Abraham saß in der Mittagshitze am Eingang seines Zeltes. 2)Er schaute auf – da standen drei Männer vor ihm. Als er sie erblickte, lief er ihnen vom Zelteingang entgegen und verneigte sich bis zum Boden. 3)Er sagte: „Mein Herr, wenn ich Gnade bei dir gefunden habe, geht nicht bei deinem Knecht vorbei. 4)Man soll etwas Wasser bringen, damit ihr euch die Füße waschen könnt. Bitte ruht euch unter dem Baum aus. 5)Ich will euch ein Stück Brot holen. Ihr sollt euch stärken, bevor ihr weiterzieht. Deshalb seid ihr ja bei eurem Knecht vorbeigekommen.“ Die Männer antworteten: „Tu, was du gesagt hast.“
6) Abraham eilte ins Zelt zu Sara und sagte: „Schnell! Bereite eine große Menge Teig und back Brotfladen daraus!“ 7)Er selbst lief zur Rinderherde, nahm ein zartes, schönes Kalb und übergab es seinem Knecht. Der bereitete es rasch zu. 8)Abraham nahm Butter, Milch und das fertig zubereitete Kalb und brachte es den Männern. Während sie aßen, blieb er bei ihnen unter dem Baum stehen. 9) Sie fragten ihn: „Wo ist deine Frau Sara?“ Er antwortete: „Drinnen im Zelt.“ 10)Darauf sagte er (der HERR): „Nächstes Jahr um diese Zeit komme ich wieder zu dir. Dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben.“ (1. Mose 18,1-10)
Nach einer Besprechnung fragte mich ein Teamer:“Wie stellst du dir Gott vor?“ Ich darauf: „Komm in mein Arbeitszimmer. Nebenan.“ Dort hing eine Ikone mit drei sympathischen Engeln. Sie sitzen an einem Tisch. Ihre Runde ist zum Betrachter geöffnet: „Hier bete ich. Das ist mein liebstes Gottesbild.“
Ich möchte Ihnen heute erzählen, was es mit dieser Ikone für eine Bewandtnis hat. Bitte googeln Sie dazu die Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljov.
Flirrende Hitze! Man könnte denken, ich habe den Abschnitt aus der Bibel extra für heute ausgesucht. Am heißesten Tag in diesem Jahr in Berlin. Blicken wir nach Mamre bei Hebron. In dem schattigen Eichenhain hat Abraham nach Nomadenart seine Zelte aufgeschlagen. Hier ist sein erster Wohnsitz im verheißenen Land.
Am Eingang seines Zeltes hält er Siesta. Plötzlich stehen drei Wanderer vor ihm. Schweißgebadet. Abraham erschrickt, hat sich aber im Nu unter Kontrolle. Tief verneigt er sich: „Es ist mir eine Ehre!“ und bietet dem einen Gast seine Dienstbarkeit an. „Etwas Wasser für die Füße? Und ein Stück Brot?“ Die drei Wanderer sagen dazu nicht nein.
Nun rotiert er. Hitze hin Hitze her. Er scheucht Sara an den Backofen und den Knecht an den Grill. Zeit dafür ist offenbar genug. Dann serviert er weit mehr als ein Stück Brot für die Reise: Butter, Milch und frischen Kalbsbraten. Vielleicht hatte Paulus diese Szene vor Augen, als er schrieb: „Ihr habt mich aufgenommen wie einen Engel Gottes.“ (Gal 4,14)
Zur Belohnung für dieses frugale Mahl verspricht Gott, der Herr, den ersehnten Stammhalter.
Schon dem Kirchenvater Augustin fiel auf: „Drei Männer sah Abraham kommen, einen begrüßt er.“ Drei Männer nehmen das Angebot an. Drei Portionenen werden serviert. Einer, bedankt sich und kündigt die Geburt des verheißenen Sohnes an, durch den ein großes Volk entstehen soll. Drei Männer ziehen von dannen nach Sodom. Gott unterscheidet sich von sich selbst und hebt diese Unterscheidung im nächsten Moment gleich wieder auf. Abraham nahm staunend wahr, dass Gott, der Herr, ihm diesen Einblick in sein Innenleben gewährte. Hier in Berlin würde er das House of One aufsuchen, das im Bezirk Mitte gebaut wird.
Seit dem 4. Jahrhundert gibt Fresken, Mosaike und Miniaturen von der Gastfreundschaft Abrahams. Die drei Engel sitzen in einer Reihe nebeneinander oder rings um den Tisch. Aus dem Engelsbild wurde ein Gottesbild. In den drei Engeln der alttestamentlichen Erzählung erblickten man einen Hinweis auf die trinitarische Selbstunterscheidung Gottes. Gott ist nicht darstellbar, unsichtbar und unerforschlich. Davon ging man aus. Es bedarf heiliger Zeichen, die auf ihn deuten, an sie kann man sich halten, zum Beispiel die drei Engel. Dazu ein Hymnus aus dem 9.Jahrhundert:
Abraham, eingeweiht in heilige Dinge,
empfing einst unter heiligen Zeichen
den Bildner, Gott und Herrn aller
in drei Personen frohlockend
und erkannte der drei Personen einzige Macht.
Als der Malermönch Andrej Rubljov 1422-1427 die Dreifaltigkeitskirche in Sagorsk bebilderte, gehörte dazu auch die Hauptikone in der Bilderwand rechts von der Mitteltür eine Darstellung der Dreieinigkeit (troiza). Rubljovs Werk erweist sich seither als ein Magnet, der auch mich angezogen hat. Wie alle Ikonen ist sie im traditionellen Stil gehalten, aber mit behutsamen Veränderungen. Ich sehe eine doppelte Bewegung:
Wo ist Abraham? Wo Sara? Wo der Knecht? Nur die Wanderstöcke erinnern noch an den Besuch. Geleitet von dem Wort Jesu: „Amen, amen, das sage ich euch. Ich bin – schon bevor Abraham da war.“ (Joh 8,58), verlegte Rubljov die Szene aus der Menschheitsgeschichte in die Zeit Gottes. – Alles Irdische verblasst. Das Haus, der Fels. Das dünne Bäumchen spendet keinen Schatten mehr. Hinweise auf die Vorzeit „ehe die Welt gegründet war“(Joh 17,24). Auf den Anfang ohne den es keine Mitte und kein Ende gibt. Gott ist nicht Teil unserer Welt, sondern ihr Gegenüber, lebendig, in drei Personen.
„Ich und der Vater sind eins.“(Joh 10,30), sagt Jesus. Rubljov schließt den Heiligen Geist mit ein, weil er dem Glaubensbekenntnis von Nicäa-Konstantinopel (EG 805) zufolge mit dem Vater und dem Sohn zugleich angebetet und verherrlicht wird. Er zeigt uns drei Engel, die sich äußerlich und innerlich gleichen. In Gestalt, Größe, Gesichtszügen und Alter friedvoll, harmonisch, innerlich konform und handelseins. Gott in heiliger Gemeinschaft. Ein Platz am Tisch ist frei und lädt Besucherinnen zum Verweilen ein. Der Speisekelch steht auf dem Tisch bereit für das Heilige Abendmahl. Die Gastfreundschaft von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist ist das himmlische Gegenstück zur Gastfreundschaft Abrahams.
Die drei Engel sind als individuelle und unverwechselbare Personen gestaltet. Sie tragen Gewänder in Blau, Braun und Gold. Jeder Engel bewegt sich auf seine Weise. Auf dem erhöhten Platz vermutet man Gott, den Vater. Dagegen spricht, dass der rechts sitzende und der mittlere Engel sich vor dem golden gewandeten Engel verneigen. Gott, der Sohn, und Gott, der Heilige Geist, erweisen Gott, dem Vater, Ehre und Respekt.
Gott, der Vater, sendet den Sohn und den Heiligen Geist aus. Achten wir dazu auf das Spiel ihrer rechten Hände. Während in der Linken bei allen die Wanderstäbe stecken, beschreiben die rechten Hände eine Bewegung vom Vater zum Sohn und zum Heiligen Geist und von ihm aus dem Kreis hinaus. Zeigefinger und Mittelfinger sind zum Segen gespreizt. Der Vater segnet den Sohn, der Sohn segnet den Heiligen Geist und der Heilige Geist gibt den Segen weiter in die Welt. Das ist die Quintessenz dieses trinitarischen Gottesbildes: Der ewige Gott über uns wird ohne aufzuhören Gott zu sein unter uns als unser Bruder gegenwärtig und wirkt zugleich die Erkenntnis seiner Gegenwart in uns.
Unbesehen wird die Trinität mit der chemischen Formel H2O erläutert: „Diese Formel deckt je nach Temperatur drei Erscheinungsweisen ab: Eis, Wasser und Wasserdampf. So ist der eine Gott mal der Vater mal der Sohn mal der Heilige Geist.“ Der Haken dabei: Eis, Wasser und Dampf gibt es nicht gleichzeitig im selben Moment am selben Ort. Vater, Sohn und Heiliger Geist wirken aber miteinander und zugleich. Gott über uns, Gott unter uns und Gott in uns.
Beflügelt von der Frage „Wie stellst du dir Gott vor?“ habe ich Ihnen heute von meine Lieblingsikone gezeigt. Als Tischikone liegt sie vor mir.
Seid beharrlich im Gebet, und wacht in ihm mit Danksagung. (Kol 4,2)
Es gibt so etwas wie eine „religiöse Scham“ (so Heinrich Bedford-Strohm, der vorige Ratsvositzende der EKD). Auch in der Kirche. Dass ich bete und was ich bete, behalte ich für mich. Mit kleinen Kindern wird gern vor dem Einschlafen gebetet. Danach ist das Beten kein Thema mehr. Es verebbt irgendwie.
Öffentlich gelten Religion und Glaube häufig als unaufgeklärt, traditionell oder fundamentalistisch. Keine Ahnung wie mein Gegenüber reagieren würde, wenn ich mich als Beter oute. Besser man spricht nicht davon und lässt andere reden, die gerade unter Dampf stehen. Daraus erwächst eine Schweigespirale.
Was sich Luft macht, ist die Verbitterung. „Mit Gott will ich nichts zu tun haben, weil er nicht für mich da war,“ hörte ich öfter. Jeder kennt Beispiele, bittere Beispiele von Gebeten, die unerfüllt blieben.
Meine schlimmste Erfahrung: Die jungen Eltern standen unter Schock. Sie wussten keinen Rat mehr. Ihr Neugeborenes hatte am ganzen Körper Tumore sichtbar als Ausschlag. Sein Leben hing am seidenen Faden. So wurde ich, der Pfarrer, zu einer Nottaufe in die Säuglingsstation gerufen. Ich sehe uns noch um den Brutkasten (Inkubator) stehen und beten. Verzweifelt. Unter Tränen. Eine Woche später verstarb der kleine Säugling. Er wurde kirchlich beerdigt. – Die Eltern bekamen noch zwei gesunde Kinder und ließen sie taufen. Das Leid hatte sie nicht zerstört.
und sei es nur ein Stoßgebet. „Wann haben Sie schon einmal ein Gebet gesprochen?“ Auf diese Umfrage im Februar 2021 in Deutschland wurde wie folgt geantwortet:
„Bei einer Beerdigung“ (42%),
Anlass zum Beten gaben überwiegend Angst und Not (3 und 4) sowie Stress (6, 7, 8, 9) zusammen 146%. Mit Abstand folgen die gottesdienstlichen Gebete auf dem Friedhof und in der Kirche mit 80%. Sie nehmen die Teilnehmerinnen mit. Bieten Gelegenheit einzustimmen, wenn es heißt: „Lasst uns beten.“ Deutlich seltener sind die Dankgebete mit 30%. Schade! Das Gute und Gelungene wird einfach so mitgenommen. Vielleicht war es schon früher so? Der Apostel betont eigens die Danksagung.
In meiner aktiven Zeit fuhren wir zweimal im Jahr zum Beginn und zum Abschluss eines Kurses in ein Konfirmandenwochenende nach Kladow, wo der Sakrower Kirchweg den Hottengrund und das Schwemmhorn teilt. Das Beten gehörte immer dazu: Wir dachten darüber nach, wie man etwas vor Gott bringen kann. Die Jugendlichen beschäftigten sich damit, persönliche Fürbitten zu formulieren. Und: Wir wollten ihnen nahebringen, sich für Gott zu öffnen, ohne dabei etwas Eigenes zu suchen, das absichtslose Beten. Beten, das mehr ist als Bitten. Am Morgen, am Mittag und am Abend.
Herr, unser Gott, wir danken dir für die Ruhe der Nacht und das Licht dieses neuen Tages. (EG 816)
Dieser Spruch eröffnete das Morgengebet vor dem Frühstück. Mit der „Ruhe der Nacht“ war das so eine Sache. Wenn 30 Jugendliche in Sechser-Zimmern zusammen wohnen, ist das ein Abenteuer besonders in der ersten Nacht. – Dafür passten die Worte vom „Licht des neuen Tages“ umso besser. Die großen Fenster des Speiseraums boten einen weiten Blick durch den Garten zur Havel. Ende Januar ging die Sonne gegen 8:00 Uhr zeitgleich mit unserem Morgengebet auf.
Wir erlebten, wie das Morgenlicht die Nacht beendete und den Tag hinaufführte: An trüben Tagen gleitend, schleichend, als ob ein Dimmer höher gestellt wird. An klaren Tagen spielte ein großes Orchester auf. Leichtes Morgenrot, das sich allmählich verstärkte, bis sich der rote Sonnenball am Horizont zeigte, langsam aufstieg, an Helligkeit zunahm, bis er das Auge blendete.
Die Mondsichel mit dem Stern, genannt Hilal, ist das Erkennungszeichen des Islam, z. B. auf der türkischen Fahne. Wenn sie erscheint, beginnt der neue Monat, das neue Mondjahr. Das erste Gebet des Tages (Fadschr) muss beim Aufgang der Sonne beendet sein. – Die Christen suchten die Sonne. Sie dankten für das Licht des neuen Tages. Viele Kirchen sind der aufgehenden Sonne zugewendet, „geostet“.
„Wie damals in Kladow“, kam mir in den Sinn, als ich in einem Andachtsbuch auf folgendes Morgengebet stieß:
Nacht und Gewölk und Finsternis, verworrnes Chaos dieser Welt,
entweicht und flieht! Das Licht erscheint, der Tag erhebt sich: Christus naht.
Jäh reißt der Erde Dunkel auf, durchstoßen von der Sonne Strahl,
der Farben Fülle kehrt zurück im hellen Glanz des Taggestirns.
So soll, was in uns dunkel ist, was schwer uns auf dem Herzen liegt,
aufbrechen unter deinem Licht und sich dir öffnen, Herr und Gott.
Dich, Christus, suchen wir allein mit reinem, ungeteilten Sinn,
dir beugen willig wir das Knie mit Bitten und mit Lobgesang.
Blick tief in unser Herz hinein, sieh unser ganzes Leben an:
Noch manches Arge liegt in uns, was nur dein Licht erhellen kann.
Dir, Christus, guter Herr und Gott, dem ew'gen Vater, der uns liebt,
dem Heil'gen Geist, der bei uns ist, sei Lob und Dank in Ewigkeit.
Die Verse ursprünglich in Latein stammen von dem frühchristlichen Dichter Prudentius (348-405) und sind dem Benediktinischen Antiphonale der Abtei Münsterschwarzach entnommen. Auf Youtube kann man sie hören. Gesungen von Adrian Kunert S. J., der sie auch vertont hat.
– so Frère Roger aus Taizé. Der alltägliche Blick ist zweckbestimmt. Wir sind unterwegs, wollen Dinge erledigen. Der verweilende Blick nimmt sich Zeit, weitet sich, nimmt wahr und entdeckt so Zeichen des Evangeliums.
Für den verweilenden Blick erinnert die aufgehende Sonne an den Ostermorgen: „Das Licht erscheint, der Tag erhebt sich: Christus naht.“ Ein neuer Tag bricht an mit ihm die neue Schöpfung ohne Tod und Leid. Die folgenden Verse entfalten das. Wir lesen sie mit verweilendem Blick:
So soll, was in uns dunkel ist, was schwer uns auf dem Herzen liegt,
aufbrechen unter deinem Licht und sich dir öffnen, Herr und Gott.
Unter dem Licht der Frühlingssonne wagen sich Schneeglöckchen, Krokusse, Tulpen und Osterglocken aus dem dunklen Erdreich. Die Farben kehren zurück, das Grün der Blätter, das leuchtende Gold der Forsythien. – Unter dem wärmende,. tröstenden Licht Christi bricht auf, was uns bedrückte. Das ausgekühlte Herz spürt neue Kraft. Kummer und Not sind nicht vergessen, aber sie quälen nicht mehr. Wie die Wundmale, die Jesus am seinem verklärten Leib trug.
Dich, Christus, suchen wir allein mit reinem, ungeteilten Sinn,
dir beugen willig wir das Knie mit Bitten und mit Lobgesang.
Wenn man einen Sonnenaufgang miterlebt, spürt man, wie er den Blick auf sich zieht. Die Leute bleiben stehen, schauen, fotografieren. – Der Blick auf Christus unterbricht das Ineinander und Durcheinander unserer Entscheidungen. Das Gedankenkarussell kommt zum Stehen. Zerstreuung weicht der Orientierung.
Blick tief in unser Herz hinein, sieh unser ganzes Leben an:
Noch manches Arge liegt in uns, was nur dein Licht erhellen kann.
Beim Hausputz spielt das Wetter mit. Fensterputzen im Sonnenschein – eine Katastrophe. Jede Schliere fällt auf. Merkwürdigerweise kommt der Fensterputzer immer bei Regenwetter… Auch Staubwischen und Saugen machen doppelte Arbeit, weil jeder Krümel doppelt so groß wirkt. Schön gesagt: „Die Sonne bringt es an den Tag.“ – Wenn Christus in mein Herz leuchtet, geht mir auf, was sich dort tummelt. Den winzigsten Splitter im Auge der Nachbarin oder des Arbeitskollegen nehme ich wahr, das Brett vor dem eigenen Kopf mitnichten.
“ Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung“, schreibt der Apostel an seine Gemeinde und an uns. „Hört nicht auf zu beten. Bleibt dabei wachsam und voller Dankbarkeit!“
Am meisten wird in den Stürmen des Lebens gebetet in Stress und Not. Oft überhaupt erst dann. Mancher versuchte es ein einziges Mal – womöglich bei einem Elfmeterschießen – und dann nie wieder. Was der neue Tag bringen wird, ist ungewiss. Das Übliche? Eine Überraschung? Einen Schock? Grund zur Sorge gibt es allemal und zum Zweifeln auch. Egal, was kommt, wie ich in den Tag starte, liegt bei mir. Ich kann verweilend innehalten:
Der Morgen macht den Tag!
32) Es wurden aber auch andere hingeführt, dass sie mit ihm hingerichtet würden. 33) Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken, 34) Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.
35) Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat anderen geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. 36) Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig 37) und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! 38) Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.
39) Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40) Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41) Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42) Und er sprach: Jesus gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43) Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.
44) Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45) und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. 46) Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.
47) Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! 48) Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.
49) Es standen aber alle seine Bekannten von Ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles. (Lk 23,32-49)
Am Karfreitag kollidieren zwei Denkweisen. Auf der einen Seite steht Jesus, der Mann des Wortes. Er wollte die Herzen der Menschen gewinnen; ging auf sie zu und sprach sie an. Frei ohne Pression. Als bei seiner Verhaftung ein Kriegsknecht verletzt wurde: „Herr, sollen wir mit dem Schwert zuschlagen?“ unterband er das auf der Stelle: „Hört damit auf!“ und heilte das Ohr. (Lk 22, 49ff)
Auf der anderen Seite Pilatus, der römische Statthalter. Ein Militär, der ein Gewaltregiment in einem besetzten Lande ausübte. Hinter ihm standen die römischen Legionen. Er brauchte niemanden zu überzeugen. Was er befahl, galt.
Jesus war lauter. Ein Zeuge für die Wahrheit. Oft benutzte er das Wörtchen „Amen“ übersetzt mit „wahrlich“ (Vers 43) in dem Sinne von: „Was ich jetzt sage, steht unumstößlich fest. Es ist wahr.“ Jesus lebte heilig und gerecht (Apg 3, 14). Nicht nur in den Augen seiner Gemeinde. Sogar einer der Verbrecher am Kreuz durchschaute das falsche Spiel, das mit ihm getrieben wurde. Als sein Kumpel lospolterte und lästerte, hielt er dagegen. „Wir bekommen, was wir verdient haben. Aber er hat nichts Unrechtes getan.“
Pilatus war durchtrieben. Er saß über Jesus zu Gericht. Als es unbequem wurde, hängte er die Robe des Richters an den Nagel: „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18, 38) Sein erster Eindruck war: „Ich finde keine Schuld an diesem Menschen.“ König Herodes Antipas, in dessen Gebiet Nazareth lag, bestätigte ihm das: „Dieser Jesus ist eine Witzfigur.“ Nichtsdestotrotz verfügte er seinen Tod. Ohne Beweise. Allein auf Grund seiner Gewalt als Statthalter. „Aus politischen Gründen“ wie man so sagt. Die Arroganz der Macht schafft sich ihre eigene Wahrheit. Was nicht passt, wird passend gemacht.
Für Jesus war jedes Menschenleben kostbar. Als er mitbekam, dass eine Ehebrecherin gesteinigt werden sollte, ächtete er die Todesstrafe: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ (Joh 8, 7)
Für Pilatus zählte ein Menschenleben nichts. Er bevorzugte eine Folterstafe, die sich vor aller Augen stundenlang hinzog. Am Kreuz erstickt man langsam und qualvoll. Ein grausames Schauspiel.
Von der sechsten bis zur neunten Stunde verdunkelte sich das Land, heißt es. Schwere Wolken zogen auf. Die Sonne verlor ihren Schein. Der Himmel hatte Trauer angelegt. Ein schwarzer Tag, der Karfreitag!
Seit der Zeit des Pilatus hat sich eine Menge verändert. Aber dieses nicht: Immer wieder leiden und sterben unschuldige Menschen aus fadenscheinigen Gründen. Gewalt und Arroganz bilden eine Wiederholungsstruktur in der Geschichte.
„20 Tage in einer sterbenden Stadt.“ Die Journalistin Nadezhda Sukhorova führte auf Facebook ein Tagebuch aus Mariupol.
Wie geht man mit der Angst um, wenn man den ganzen Tag allein in der Wohnung zubringen muß? Die Nachbarin putzt in einem fort; sie selbst schreibt und schreibt. Alles was ihr in den Sinn kommt. Einiges übernimmt sie ins Tagebuch. Viel wird wieder gelöscht.
Es gibt keinen Luftschutzkeller. Bei einem Bomenabgriff kommen alle Bewohnerinnen in den Hausflur. Sie fragt: „Gegen wen führen die Russen Krieg? Gegen Kinder, Neugeborene, Ärzte, Kranke, Schulen, Kindergärten, Entbindungsstationen?“
In den letzten Tagen wurde nur geballert mit Gad- und Smertsch-Raketen. So hören sich die Stimmen des Todes an: Erst wie ein Zug, der auf einen losrast. Anschließend ein metallischer Ton, wie ein Hammer, der auf ein Metalldach schlägt. Darauf ein Knirschen, als ob ein gigantisches Messer die Erde aufschlitzt. Endlich Stille. Wo gabe es Trefffer? Wo brennt es?
Die Menschen konnten nur noch in einem Keller ausharren. Ohne Gas und Strom. Eine Kerze spendete Licht. Wasser gab es nur zum Trinken. Als sie durch einen sogenannten „humanitären Korridor“ die Stadt verlassen konnte: Ausgebrannte Häuser, schwarze Mauern, entwurzelte Bäume, überall Tote…
Nach dem Zweiten Weltkrieg beflügelt durch die Einheit Deutschlands wollten wir in Europa ein Fundament für Frieden und Zusammenarbeit errichten, gewaltlos und auf der Basis der Menschenrechte. Im Sinne Jesu. Zur Zeit triumphieren Gewalt und Arroganz. Menschenleben zählen nichts. Dazu leeres Wortgeklingel: „Keine zivilen Opfer“, „Spezialoperation“, „Befreiung vom Faschismus“.
Der Schriftsteller Daniel Kehlmann erwähnte am 28. Februar in seiner Dankesrede für den Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis der Stadt Alzey einen Alptraum: Beim Anflug auf Amsterdam versagten die Landeklappen! Die Maschine raste auf das Rollfeld zu und konnte nicht aufsetzten. Die Räder kamen nicht raus. Die Landung musste abgebrochen werden. Das Flugzeug stieg wieder auf, drehte eine Schleife und… Was nun? Der Kapitän beruhigte: „It’s under control, don’t worry too much!“ Kehlmann begann – wie er sagte – „von selbst“ das Vaterunser zu beten. Später grübelte er nach: „Aber habe ich in dem Moment, als ich dieses Vaterunser betete, geglaubt? Oder habe ich bloß etwas versucht, weil da gerade nichts anderes war, das ich tun konnte?“
Wer in in Todesangst betet, greift nach jedem Strohhalm. – Der Mitgekreuzigte zur Rechten fand eigene Worte: „‚Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.‘ Vergiss meinen Namen nicht. Halte mich fest, wenn ich nur noch ein Tropfen im grundlosen Meer bin.“
Erstaunlicherweise setzte er sein Vertrauen auf Jesus, der neben ihm gleichermaßen mit dem Tode rang; er hoffte auf Bewahrung über den Tod hinaus. Wollte in sein Reich mitgenommen werden, in ein Paralleluniversum, das unser Weltall und unsere Erde durchwaltet und umgibt.
Wie ging Jesus mit dieser Frage um? Hatte er für sie ein Ohr, während er nach Luft rang? Verfügte er über ein Reich? In seinem Todeskampf gab es Momente, in denen er sicher und gefasst war:
Er bat den himmlischen Vater um Vergebung für das Treiben der Kriegsknechte: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“
Er ließ sich von dem Spott nicht beschämen: „Hilf dir doch. Mach was. Zeig, was du kannst. Wäre Gott auf deiner Seite, würde er das hier nicht zulassen.“, brandetet es zu ihm empor.
Er verlor seinen Glauben nicht. Den Tod vor Augen betete er: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ Tief davon durchdrungen: „Das muss so sein.“ Wie er es später den Jüngern in Emmaus erklärte: „Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“ (Lk 24, 26)
So hatte er auch Erbarmen mit dem Mitgekreuzigten zur Rechten und blickte mit ihm über sein irdisches Schicksal hinaus: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mir mir im Paradies sein.“ Vor den Menschen er ein Verbrecher – vor Gott ein Gerechter. So übte Jesus sein Königtum aus in der Hoffnung auf die kommende Herrlichkeit.
Als der römische Hauptmann das sah, pries er Gott: „Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen!“ Vor den Menschen ein Verbrecher – vor Gott ein Gerechter, das gilt auch für Jesus.
7) Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. 8) Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berge Gottes, dem Horeb.
9) Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier Elia? 10) Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn die Israeliten haben deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen un16d deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachteten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.
11) Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERRR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. 12) Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. 13) Als Elia das hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. (1. Kön 19,7-13)
Der 15. Dezember vorigen Jahres war für Donald Runnicles, den Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin, ein besonderer Tag. Und zwar nicht wie manches Mal am Dirigentenpult im Orchestergraben. Er war mit seiner Frau nach England geflogen und fand sich dort am 15. Dezember auf Schloss Windsor ein.
In der Zeitung war ein Bild von ihm mitten in einem prachtvollen Saal. Seine Frau an der Tür ein ganzes Stück weit hinter ihm. „Gegen 11 Uhr an diesem Mittwoch sind wir erschienen, aber nicht die Königin, sondern Prince Charles hat mit dem Schwert vor mir gestanden.“ Runnicles hatte die Queen erwartet. Für sie trat der ewige Kronprinz in Aktion.
„Man kniet sich wirklich nieder und erhält rechts und links mit dem Schwert den sogenannten Ritterschlag.“ Aus Mister Donald Runnicles wurde dadurch Knight Bachelor Sir Donald Runnicles.
„Es gab ein Vorgespräch, wo uns von einem entzückenden Herrn beschrieben wurde, wie alles abläuft und wie man an seinen Platz kommt.“ Es wurde erklärt, dass man dem Prinzen nicht die Hand schütteln sollte: „Darf ich ihnen meine Frau vorstellen, sie steht dort hinten?“, geht gar nicht.
Der Ritterschlag gilt besonderen Leistungen in der Musik wie bei Runnicles oder im Sport wie bei Lewis Hamilton, dem mehrfachen Formel-1-Weltmeister, am selben Tage.
Der Prophet Elia wurde auch ausgezeichnet und zwar in höchster Weise. Man stößt dabei auf die drei Elemente, die auch zum Ritterschlag gehörten: die Vorbereitung – die Audienz – die Erhebung.
Vorbereitung. Der „entzückende Herr“ war in diesem Fall ein Engel. Er trat zu Elia, der nach hastiger Flucht am Rande der Wüste angekommen, persönlich am Ende und bereit zu sterben war. Der Gottesbote stärkte ihn auf wundersame Weise und bestellte ihn zum Gottesberg Horeb/Sinai. Dazu gehörte eine Wallfahrt von 40 Tagen.
Der Moseberg – so nennen ihn die Araber – ist ein heiliger Ort für Juden, Christen und Muslime. Letztere sammeln sich dort um einen Hufabdruck des Pferdes des Propheten. Eine Besucherin hatte ihren Schrittzähler eingestellt: Vom Tal bis zum Gipfel in 2.285m Höhe waren es 12.000 Schritte.
Die „Audienz“ begann unvorhergesehen und verstörend mit einem Erdbeben. Elia zitterte in einer Höhle. Todesangst. Eine Grenzerfahrung. Die Herrlichkeit Gottes zog an ihm vorüber. Sie schritt durch das Tor des Sturms, das Tor des Erdbebens und das Tor des Feuers auf Elia zu. In ihrem Zentrum – heilige Stille, ein sanftes, feines Flüstern kaum noch sinnlich fassbar. Elia kam aus der Höhle und bedeckte sein Gesicht mit einem Mantel. Wer den Allerheiligsten anblickt, vergeht. 100m unterhalb des Gipfels liegt ein kleines Tal in einer grünen Ebene, „der Garten des Propheten Elias“. Man sagt, hier hörte er die Stimme Gottes.
Erhebung. Im britischen Königreich wäre es ein Sitz im Oberhaus. Gott holt Elia zu sich in den Himmel. Einige Kapitel weiter wird geschildert, wie er in einem Wagen aus Feuer mit Pferden aus Feuer im Sturmwind abbrauste (2. Kön 2, 11). Wieder bilden Feuer und Orkan die anschauliche Seite des Geistig-Göttlichen.
Als Jesus den Berg der Verklärung bestieg, begegnete er dort Mose und Elia, die Gott zu sich in den Himmel aufgenommen hatte. (Mt 17, 3)
„Du bist der Wagen Israels mit seinen Pferden!“(2. Kön 2, 12), ruft sein Schüler Elisa ihm nach. Elia, der Streitwagen, Elia, das Schlachtross; so sah er sich selber: „Bis zum Äußersten bin ich für dich gegangen. Alles habe ich für dich getan, denn die Israeliten haben deinen Bund verlassen. Deine Altäre niedergerissen.“ (1. Kön 19, 10)
Elia bekämpfte die Religionspolitik des Königspaares Ahab und Isebel im 9. Jahrhundert. Beide hatten den Staatskult Israels für Baal von Tyros und seine Priester geöffnet. In der Hauptstadt Samaria war ihm ein Tempel errichtet worden. Anderswo war es üblich, mehrere Götter im Land zu haben. Dem schloss man sich an. Zudem war Baal der Gott, mit dem die Königin aufgewachen war.
Der Prophet pochte auf eine Entscheidung: „Wie lange schwankt ihr noch hin und her und könnt euch nicht zwischen beiden entscheiden? Ist der HERR Gott, dann folgt ihm nach! Oder ist Baal Gott? Dann folgt ihm nach!“ (1. Kön 18, 21) Vergeblich. Das Volk schwieg, fühlte sich nicht kompetent. Wusste man gar nichts mehr von Mose?
Jede Seite warf der anderen unerhörte Grausamkeit vor. Übertreibungen? „Elia habe 450 Baalspriester am Bach Kischon töten lassen.“(1. Kön 18, 40). Diese Nachricht wurde konterkariert von Elias Meldung „die Israeliten haben deine Propheten mit dem Schwert getötet“(1. Kön 19, 10). Wahrscheinlich herrschte ein Patt. Jahwe u n d Baal beide Götter wurden in Israel verehrt.
Das Erste Gebot. Elia steht dafür, dass Israel Jahwes Volk bleibt. Ihm verdankt Israel alles. Diesem bisher unbekannten Gott, Jahwe, der Mose seinen Namen anvertraute. Er leitete das Volk aus Ägypten, schenkte Freiheit und eine neue Existenz; er führte in das verheißene Land hinein. Er allein sollte deshalb in Israel verehrt werden.
So machte Elia das Erste Gebot geltend, das in seiner Zeit in Vergessenheit geraten war: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“(2. Mose 20, 2) Dafür wurde er ausgezeichnet.
Elia leistete Mose einen Dienst. Kann er auch Christus und der Kirche einen Dienst leisten? Ich meine, ja. Von Elia führt ein Impuls zur Bekennenden Kirche und von dort aus in die heutige evangelische Theologie.
1934 schrieb der Schweizer Theologe Emil Brunner (gestorben 1966): „Es geht darum, daß die Botschaft der Kirche nicht zwei Quellen und Normen hat, etwa die Offenbarung und die Vernunft oder das Wort Gottes und die Geschichte, und daß das kirchliche oder christliche Handeln nicht zwei Normen hat, etwa das Gebot und die Ordnungen.“
Und dann kommt er auf Elia: „Der Kampf gegen dieses ‚und‘ ist der Kampf des Elias auf dem Karmel gegen das Hinken auf beiden Seiten und darum der Kampf für die Ehre des wahren Gottes.“
Brunner verwandelte Elia in einen Theologieprofessor, der Quellenscheidung betreibt. Dafür hatte er seine Gründe. Elia wandte sich gegen die Verbindung von Jahwe u n d Baal. Gegen die Verbindung Jahwes mit dem neuen Baal, gegen Gott u n d Hitler konnte man 1934 nicht mehr öffentlich protestieren. Die Würfel waren gefallen. Deutschland lag seinem „nationalen Retter“ zu Füßen und wurde zum Führerstaat umgebaut. Mit satter Zustimmung und allseitiger Anpassungsbereitschaft. Auch die evangelische Kirche sah in der „nationalen Erhebung“ und dem neuen Staat „Gottes Fügung“.
Die einzige Chance in dieser Lage war die innerkirchliche Opposition. Ein kleines gallisches Dorf inmitten der braunen Landschaft, das sich mit theologischen Argumenten gegen die Vereinnahmung, das „Und“ wehrte. Vom 29.-31.05.1934 fand die erste Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche in Barmen statt. Hier konstituierte sich die Bekennende Kirche.
Auf Jesus hören, ihm vertrauen und ihm gehorchen, so beschreibt die erste Barmer These das besondere Christusverhältnis: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Christenmenschen verdanken sich Christus, ihrem Erlöser; sie sind durch die Taufe mit ihm verbunden und von seinem Geist erfüllt. Dem Geist des Friedens, der Nächstenliebe und des Dienens.
Die Folterkeller der SA, die Zerstörung des Rechtsstaats, die Rassenideologie mit Entrechtung und Vernichtung der Juden und der Tötung lebensunwerten Lebens sowie Aufrüstung, Krieg und Weltherrschaft standen dazu völlig quer.
Was mit dem Geist Christi nicht zu vereinbaren war, pflegte man in der damaligen Kirche mittels einer „natürlichen Theologie“ blank zu polieren. Man berief sich auf andere, aktuellere Quellen als Jesus Christus, die alle für Hitler sprachen :
Deshalb wurd die Verbindung von Jesus Christus u n d anderen Quellen der Offenbarung in Barmen geächtet: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“
Theologie im Geiste von Barmen bedeutet für mich: Ja zu neuen Gedanken! Nein zu fremden Göttern oder Ideologien! Offenheit und Lernbereitschaft für neue Erkenntnisse gepaart mit Wachsamkeit, dass sie nicht den Rang einer natürlichen Theologie einnehmen und die Botschaft Christi überblenden, verbiegen oder umsteuern. Nichts macht Sinn in der Theologie, wenn es nicht mit dem Licht Christi ausgeleuchtet werden kann.
Da sagte Judas, der ihn verraten wollte, zu Jesus: „Doch nicht etwa ich, Rabbi? Jesus antwortete: „Du sagst es!“ (Mt 26,25)
Spione am werk
In Przemysl im Südosten Polens an der Grenze zur Ukraine wurde mitten im Flüchtlingselend ein mutmaßlicher russischer Spion festgesetzt. Ein spanischer Staatsbürger russischer Herkunft. Als akkreditierter Journalist trug er Informationen zusammen und plante, in die Ukraine einzureisen
Spione am Werk: In einer ukrainischen Großstadt stieß man nachts auf einen Unbekannten. Er machte sich auf dem Flachdach eines Mietshauses zu schaffen mit einer Markierung für die russischen Bomber…
Diese beiden Spione konnten enttarnt werden. Man legte ihnen das Handwerk, damit sie keinen weiteren Schaden anrichten konnten. – Am Gründonnerstag (nach unserem Kalender) bekam Jesus es mit einem Spion zu tun. Wie verfuhr er mit ihm?
Jesus hatte gespürt, wie einer seiner Schüler, der Judas, sich mehr und mehr von ihm entfernt, ja innerlich verabschiedet hatte. Für ihn war er nicht mehr derbewunderte Mittelpunkt, wie für die anderen, sondern der „Rabbi“ – ein Schriftgelehrter, und davon gab es viele. Möglicherweise führte er etwas gegen ihn im Schilde?
Nach Jerusalemer Kalender war es der 13. Nisan, der Tag vor dem Passafest. Viel musste da herbeigeschafft, angerichtet und bereitgestellt werden. Um die gemeinsame Feier am Abend, wenn der neue Tag anbrach, nicht zu gefährden, bleibt die Arbeitsanweisung vage. Nur eben: „Geht in die Stadt. Dort trefft ihr einen Mann. Der weiß alles Weitere.“ Keine für einen Spion brauchbare Information.
Das gottesdienstliche Mahl mit der Schriftlesung vom Auszug der Israelis aus Ägypten, den symbolträchtigen Speisen samt dem eigens im Tempel geschlachteten Lamm und dem feierlichen Weinumtrunk nimmt seinen Lauf. Bei der verstörenden Ankündigung: „Einer unter euch wird mich verraten.“, kippt die Stimmung. Kein Protest, alle sind verunsichert, irritiert: „Doch nicht etwa ich, Herr?“ Doch nicht etwa ich?“, so schrecken sie zurück. Jesus belässt es nicht dabei, erhöht den Druck. „Der sein Brot mit mir in die Schale taucht, der wird mich verraten.“ Wieder konnte jeder gemeint sein; man aß damals aus gemeinsamen Schalen.
Bei Markus und Lukas hat es damit sein Bewenden, dass Jesus die ganze Gesellschaft schockt. Matthäus und im Johannes wissen derüber hinaus von einem Knalleffekt. Als Judas sich anschließt: „Doch nicht etwa ich, Rabbi?“ gab Jesus scharf zurück: „Du sagst es!“ Damit identifizierte er den Spion in den eigenen Reihen.
Ein Knalleffekt! Allerdings ohne Zündung!! Ohne Empörung, ohne Aufhebens. Wie in einem Trancezustand essen alle weiter und singen den großen Lobgesang, die sechs Psalmen 113-118, mit „Danket dem HERRN, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich,“ am Schluss.
Wann Judas sich davon machte, interessierte nicht. Vieleicht erst am Ende, als alle gingen; vielleicht schon früher. Mit der kostbaren Information, wo die Häscher Jesus in der Nacht aufgreifen konnten. Seine Enttarnung blieb unter vier Augen. Anders als wir mit Spionen umzugehen pflegen, legte ihm Jesus das Handwerk nicht.
Was hinderte ihn daran? Seine Mission! Jesus war an jenem Abend auf das Allerschlimmste gefasst: „Der Menschensohn muss sterben. So ist es in der Heiligen Schrift angekündigt.“ Diesem Schicksal wollte er sich nicht entziehen. Aus freiem Willen fügte er sich in alles, was auch immer auf ihn zukommen sollte. Er sah darin den Weg zur Erlösung. Mit der Hingabe seines Leibes und seines Blutes verband er die Vergebung der Sünden. Stellvertetend für die Vielen, die es nötig haben, wollte er Sühne leisten.
In die traditionellen Tischgebete webt er Hinweise auf sein bevorstehendes Opfer ein. Als er das gebrochen reicht, wie das sonst der Hausvater tut: „Das ist mein Leib.“ Und als er später den Kelch herumgehen lässt: „Das ist mein Blut. Es wird für die Vielen vergossen werden zur Vergebung der Sünden.“ Diese beiden Gesten überdauerten das einstige Passamahl und blieben in seiner Gemeinde bis heute lebendig.
Jesus federt die Untat nicht situationsethisch ab. Etwa so: „An und für sich ist es schon niederträchtig, einen Kameraden zu hintergehen, aber nicht in diesem besonderen Fall.“ Nein, er sorgt sich: „Wehe dem Menschen, der den Menschensohn verrät. Er wäre besser nie geboren worden!“ Verrat ist Verrat und bleibt Verrat; Vertrauensbruch statt stummer Ablehnung oder offener Absage. Jesus sah in Judas nicht einen geheimen Gehilfen Gottes. Zeit seines Lebens hat er ihm nicht vergeben.
„Judas hat am Abendmahl teilgenommen, also wurden ihm seine Sünden vergeben.“ Das halte ich für einen Kurzschluss. Judas steht an diesem Abend zu seinem Plan und setzt ihn um. Als Jesus ihm in die Augen sieht, erwidert er entschlossen seinen Blick. Einsicht oder Reue zeigt er nicht.
Lässt sich die rätselhafte Gefühlswelt des Judas entschlüsseln? Amos Oz und Walter Jens haben sich in ihren Romanen in die Problematik vertieft. Auch um Judas vor dem zähen Antisemitismus in Schutz zu nehmen, der sich an seiner Person festgekrallt hat: „Alle Juden sind wie Judas – Gottesverräter, Heuchler, Geldgierige.“ Ein schändlicher Vorwurf! Erhoben wider besseres Wissen: Bekanntermaßen waren a l l e im Abendmahlssaal Juden.
Diese Frage holt alle in den Abendmahlssaal hinein, die sich Jesus nahe fühlen. Wie sieht es mit mir aus? Wo stehe ich? Wie die Zwölf damals so ist niemand von uns heute davor gefeit, sich innerlich von Jesus zu entfernen, mit ihm zu brechen. Trübe Emotionen können aufkommen, Bitterkeit und Entäuschungen. Auf einmal kann ich nicht mehr bei ihm sein und lasse ihn am Kreuz allein. Das er auch für mich tragen wollte.
In der orthodoxen Kirche wird die Karwoche mit täglichen Morgen- und Abendgottesdiensten begangen. Am Karmittwoch mit der bangen Frage der Jünger: „Herr, bin ich’s?“ Wie wird sich dabei Kyrill, der Patriarch an Putins Seite, einschätzen? – 280 Priester und Diakone seiner Kirchehaben online das Endein Freiheit des Angriffs auf die Ukraine gefordert. „Das ukrainische Volk soll seine Entscheidungen selbst treffen ohne den Druck von Waffen.“ Spione werden dazu nicht gebraucht.
22)Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer, zu fahren bis er das Volk gehen ließe. 23)Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. 24)Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. 25)Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. 26)Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und und schrien vor Furcht. 27)Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s fürchtet euch nicht! 28)Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir zu dir zu kommen auf dem Wasser. 29)Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. 30)Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! 31)Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? (Mt 14,22-33)
Beim Abendessen ging das Licht aus. Es war vor zehn Jahren am 13. Januar 2012 auf Italiens größtem Kreuzfahrtschiff der Costa Concordia. Die Passagiere waren in Cittaveccia bei Rom an Bord gegangen und freuten sich auf die Reise. Da kam die Durchsage: „Bitte gehen sie in ihre Kabinen. Wir haben ein technisches Problem; die Stromversorgung ist unterbrochen.“ Dort sassen sie nun im Dunkeln und mussten sich in Geduld fassen. Aber das Buffet wurde nicht mehr eröffnet. Ein Felsen hatte den Schiffsrumpf 70m lang aufgeschlitzt. Wasser war eingedrungen. Das Schiff trieb manövrierunfähig auf das Ufer zu und begann zu kippen…
32 Tote waren zu beklagen. Etwa 4.000 Menschen, Passagiere und Belegschaft, wurden aus dem Schiff geborgen und kamen mit dem Schrecken davon. Die einen reagierten darauf mit : „Glück gehabt!“ Die Berliner unter ihnen mit „Schwein gehabt!“ Andere: „Ich hatte einen Schutzengel!“ oder: „Gott sei gedankt!“
Nach einem Abendessen, bei dem Jesus mehr als 5.000 Menschen satt gemacht hatte, auf der Rückfahrt vom Ost- zum Westufer, geriet das Schiff der Jünger in einen jener schweren Stürme. Kein Kreuzfahrtriese, sondern ein offenes Holzboot – ungefähr acht mal zwei Meter – mit Ruder und viereckigem Segel. Der See Genezareth, das galiläische Meer, liegt 200m unter Normalnull, er ist der am tiefsten gelegene Süßwassersee überhaupt. Touristen zeigt er sich friedlich. Aber immer wieder kommen gefährliche Fallwinde auf. Im April 2019 mussten zwei Segler geborgen werden, die durch den Sturm in die Mitte des Sees abgetrieben worden waren. Neuerdings gibt es Rettungsdrohnen mit Spezialkameras für die Ortung in der Nacht.
Auch die Jünger kamen mit dem Schrecken davon. Wie ihre Umgebung darauf reagierte, wissen wir nicht. Die Zwölf bestanden darauf: „Uns hat Jesus gerettet!“ Er handelte als Gottes zweites Selbst „schritt einher auf den Wogen des Meeres“ (Hiob 9, 8) und stillte sein Brausen (Ps 65, 8).
Näher betrachtet war das Ganze mehr als ungemütlich; angstbesetzt, einfach grauenvoll. Eine Gestalt erschien, die auf dem See nicht wirklich anwesend sein konnte. – Ein Gespenst? Ein böser Geist? Feind oder Freund?
Auf die beruhigenden Worte hin: „Seid getrost, ich bin’s fürchtet euch nicht!“ schaltet sich Petrus ein. Spontan und begeisterungsfähig wie er ist, dringt er auf ein Experiment: „Herr, wenn du es bist, befiehl mir, über das Wasser zu dir zu kommen.“ Und als er das „Komm!“ vernimmt, traut er ihm und geht das Risiko ein. Er verlässt das Boot.
Sein Glaube begann stark und wurde schwach. Der Glaube machte aus dem Meer einen trockenen Weg. Der Zweifel machte aus dem trockenen Weg wieder als alte Meer. Petrus schwächelt in dem Moment, als das Wort in ihm verklingt und er nur noch den Sturm und die aufgepeitschten Wellen vor sich sieht.
Martin Luther merkt dazu an: „Das Auge ist dem Hören immer im Wege. Die sichtbaren Dinge nehmen das Wort und die unsichtbaren Dinge weg.“
Petrus hat sich zuviel vorgenommen. Er sinkt und sinkt. An Schwimmen ist nicht zu denken. Ihm bleibt ein gellender Schrei: „Herr, rette mich! Rette mich!“
Jesus hilft und tadelt in einem: Er reicht Petrus die Hand und zieht ihn zu sich empor. So dass er wieder frei atmen kann. Aber er belässt es nicht bei der Rettungsmaßnahme. Mit den Worten: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“, setzt er ihm zu: „Ich habe dich doch als meinen Jünger berufen. Du hattest mein Wort…“
1.Wir hörten von den Jüngern und von Petrus. Nun kommen wir zu uns. „Der sinkende Petrus findet Halt bei Jesus“ – das ist ein Gleichnis für die Kirche. Jesus hat die Kirche ins Leben gerufen. Er braucht sie. Sie hat sein Wort. Und doch schwindet bisweilen im Ansturm von Wind und Wellen ihr Vertrauen. Sie gerät in den Strudel des Zweifels und droht darin zu versinken. Ihr Halt ist Jesus. Immer wieder. Am eigenen Schopf kann sie sich nicht aus den Wogen ziehen.
2. „Gilt das auch für uns heute?“, habe ich mich gefragt. „Segeln wir auch hart am Wind?“ – „Was meinen Sie dazu?“ Es wäre interessant, sich darüber auszutauschen. In einem weihnachtlichen Kommentar zur Lage der Kirche las ich: „2021 könnte das letzte Weihnachtsfest mit christlicher Bevölkerungsmehrheit sein.“
Beschleunigt durch den jüngst angestiegenen Mitgliederverlust der katholischen Kirche und die elenden Missbrauchsfälle werden die beiden christlichen Kirchen unter 50% Bevölkerungsanteil im Bund sinken. Was in einigen Bundesländern schon länger der Fall ist, z. B. bei uns in Berlin. 1950 waren 95% der Bevölkerung evangelisch oder katholisch, 1990 80%, 2021 nur noch 53%. Es ist keine steife Brise, die uns ins Gesicht peitscht. Wir haben es mit einer schleichenden Veränderung der Gesellschaft zu tun. Seit Jahrzehnten erodiert das Christentum.
„Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Kirche nicht mehr selbstverständlich ist. Viele haben Gott vergessen. Mehr noch: Sie haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Das ist eine grosse Herausforderung für unser Reden von Gott,“ so Anette Kurschus, die neue Ratsvorsitzende der EKD, in einem Interview nach ihrer Wahl.
3.Jesus erspart Petrus nicht den Vorwurf: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Dazu drei Beobachtungen:
Gibt der chronisch schwache Gottesdienstbesuch nicht zu erkennen, dass der enorme Kirchenkörper mit seinen immer noch 20 Millionen Mitgliedern auf tönernen Füßen steht? Im Schnitt sind es sonntags 3% EKD-weit. Diese Zahl übergeht man gern, weil die Kirchen zu Weihnachten voller sind. Aber ohne den Gottesdienst am Sonntag verkümmert der Glaube in der Woche; wird vage, verschwommen, nebelhaft und verliert sich im Ungefähren. Die Kinder werden nicht mehr religös erzogen und bei der Beerdigung spielt man: „It’s time to say goodbye.“
Wird das „Christsein“ nicht so weitmaschig ausgelegt, das alles hineinpasst, was einem in den Sinn kommt? Religionssoziologen nennen das „belonging without believing“. Dazugehören, ohne gläubig zu sein. Ob man der Kirche angehört oder nicht macht keinen Unterschied. Die Konturen verschwimmen. – Welchen Sinn macht es dann, sich ihr anzuschließen?
Als Ruheständler bin ich Predigthörer, meistens. Für meinen Geschmack werden zu viele Geschichten erzählt oder Kunstwerke erklärt. Nebensachen werden zu Hauptsachen aufgeblasen, und die Hauptsachen werden zu Nebensachen geschrumpft. Religion wird entkernt. Nicht einmal die Christvesper am Heligen Abend sparte man aus. Ihr „ganz besonderes Thema“ war eine Christusfigur mit Krone und Purpurmantel auf dem Altar – eine unlängst wiederentdeckte Tradition aus dem Erzgebirge. Jucheirassa!
Zuviel Zuckerwatte und zu wenig Schwarzbrot wird gereicht, wenn die Zeitgenossen, die eh tun und lassen, was sie wollen, aufgemuntert werden: „Gott liebt dich, so wie du bist!“ Wozu gibt es dann eine Heilsgeschichte? Führt die Begegnung mit Gott nicht zu neuem Nachdenken? Zur Liebe Gottes lesen wir im Johannesevangelium: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingab. Jeder, der an ihn glaubt, soll nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“(Joh 3, 16)
„Wofür stehen wir? Wohin wollen wir gehen?“ Darüber wurde in unserer Kirche hier, der EKBO, ein Jahr lang beraten mit dem Ziel einer Neuausrichtung. Das Ergebnis ist ein Impulspapier, das 2020 von der Synode beschlossen wurde. In zehn Punkten nimmt es alle Arbeitsbereiche in den Blick. Beginnend mit: „Wir sind ‚Kirche mit Mission‘: Wir brauchen eine tiefgreifende Veränderung unserer Haltung, damit wir ‚Mission‘ als Grundzug kirchlichen Lebens begreifen.“
Wenn wir mit dem sinkenden Petrus rufen: „Herr, rette uns!“ wird er uns trotz unseres Versagens nicht im Stich lassen. Das Wissen um seine Gegenwart wird uns über Wasser tragen und die Macht des Windes brechen. Wir brauchen nicht einen großen Glauben, sondern einen kleinen Glauben an den großen Gott.
Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. (Joh 3, 67 )
Wer am Neujahrsmorgen einen Spaziergang macht, erlebt eine ungewöhnliche Stille. Lautlosigkeit nach nächtlichem Krawall. Das alte Jahr hat sich ausgetobt – mit erlaubtem und verbotenem Feuerwerk. Überall liegt ausgebrannte Pyrotechnik. Das Neue Jahr wurde eingeläutet, ist aber noch nicht in Betrieb. Alles steht auf Anfang. Bis zum 3. Januar, dann beginnt die erste Arbeitswoche.
Dazwischen – ein magischer Moment. Besser: ein Moment, der magisch werden kann. Die Chance, ungestört bei mir selbst zu sein, nachzuspüren: Was sind meine Lebensziele? Was habe ich noch vor? Was sollte sich ändern?
Grundsätzlicher gefragt: Lebe ich oder werde ich gelebt? „Sie lebte ein Leben, das sie nicht wollte“, heißt es von Sisi, der österreichischen Kaiserin. Ihr Leben war eine einzige Qual. Ruhelos reiste sie in ihrem Reich hin und her und ignorierte ihre Pflichten. – Lebe ich ein selbstbestimmtes Leben oder lasse ich ‚das Leben‘ die Entscheidungen über mich treffen? Bin ich in einem Zug unterwegs auf eingefahrenen Gleisen?
„Hör niemals auf, neu anzufangen“, wispert es uns zu in der Stille des Neujahrsmorgens.
Vielleicht war es an einem Neujahrsmorgen, als sich Jesus, der junge Mann, fragte: „Tischlern, Tischlern, das kann doch nicht alles sein?“ Er verließ Nazareth und brach auf zum Jordan zu einem gewissen Johannes, von dem er Packendes gehört hatte. Johannes sieht, dass Jesus „zu ihm kommt“ (Joh 1, 29). Voller Neugier und Erwartung. Die Begegnung mit Johannes wälzte seinen Lebensweg um.
Jedem Jahr wird eine eigene Losung zugeordnet. Ein Bibelwort abseits der üblichen Kanäle. Eine Anregung, Bekanntes neu zu hören, zu bedenken, womöglich das Jahr über zu meditieren. Die heutige Jahreslosung zielt auf unser Kommen zu Jesus. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Vergleichbar dem Ruf: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“(Mt 11, 28) Gedacht ist an ein neugieriges und erwartungsvolles Kommen, so wie Jesus einst zu Johannes kam.
Wie geht es uns mit dieser Einladung? Welche Erfahrungen haben wir mit ihr bisher gemacht? Die Jahreslosung legt sie uns erneut ans Herz: Hör niemals auf, mit Jesus neu anzufangen!
Als man Jesus nach dem wichtigsten Gebot fragte, antwortete er: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben. Und als Zweites: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“ (nach Mk 12, 30f.) Hören wir das als Anstoss für uns!
1.Der Name Jesus (Jeschua), bedeutet „Gott schafft Heil“. Jesus möchte im Neuen Jahr in schwieriger Zeit unser Gottvertrauen kräftigen. Er möchte, dass uns die Worten des Psalmisten zu eigen machen: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. (Ps 46, 2). Damit das nicht eine Kopfsache bleibt, sondern mit ganzem Herzen und mit ganzer Kraft geschieht, lehrte er das Vaterunser. Gottvertauen wächst aus dem Gebet.
2. Weihnachten haben wir wieder gemerkt, wieviel Kraft und Geduld es erfordert, Familienkonflikte zu vermeiden und sich um die engsten Angehörigen zu kümmern. Eine Frau klagte bitterlich: „Meine Schwester war wieder so gemein zu mir. Sie ist neidisch auf mich. Ich möchte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Habe alle Kontakte blockiert.“
Dennoch lenkt Jesus auch 2022 unseren Blick über den Tellerrand hinaus auf Menschen in Not., „Für wen bin ich da? Wer braucht meine Hilfe? Wem höre ich zu?“ Ich finde es gut, dass wir in der Pandemie an die Behinderten denken. Wenn es in den Krankenhäusern eng wird, dürfen sie nicht außen vor bleiben. In die Fürbitte aufnehmen möchte ich auch die 82 Millionen in aller Welt neugeborener Kinder und für ihr Wohlergehen und ein gesichertes Aufwachsen beten. Insbesondere für die Kinder im Bürgerkriegsland Jemen.
3. Mir berichtete jemand: „In meinem Schulzeugnis stand ‚mangelndes Selbstvertrauen‘. Kunststück: Mein Vater ist immer über mich hergezogen. ‚Du taugst zu nichts. Mit dir ist nichts anzufangen.‘, und so. Das war mein Start ins Leben.“ – Achten wir im Neuen Jahr darauf, gut für uns selbst zu sorgen, unsere Bedürfnisse wahrzunehmen und innere Stärke zu gewinnen. Jesus rät: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“ Jedes Wort zählt.
Hinwendung zu Gott, Hinwendung zum Mitmenschen, für sich selbst sorgen – drei Anregungen für 2022 unter der Überschrift: Hör niemals auf, mit Jesus neu anzufangen!
Das Neuen Jahr wird uns auch Trennungen zumuten. Noch sind wir gut und sicher aufgehoben. Wie lange wird es so bleiben? Jederzeit kann es anfangen zu bröckeln: Plötzlich streikt die Wirbelsäule, die Konzentration läßt nach, Beziehungen verkümmern oder gehen in die Brüche, die liebsten Menschen fehlen, ein Umzug kündigt sich an… Wir werden aus unserer Verankerung gerissen. Zu allem, was uns umgibt, gehört ein Haltbarkeitsdatum – oder soll ich besser sagen: ein Verfallsdatum? Gegebenenfalls schon im Jahr 2022.
Die Lesung vom heutigen Tage spricht diese letzte Unsicherheit an: „Was nehmt ihr euch alles vor? Weite Reisen, Besuch ferner Städte? Das Geschäft muss brummen und möglichst Gewinn abwerfen? Dabei wisst ihr nicht, was morgen sein wird. Was ist schon euer Leben? Rauch seid ihr, der für kurze Zeit sichtbar ist und dann vergeht.“ (nach Jak 4, 4) Die Zukunft ist ungewiss und kann uns jederzeit die kalte Schulter zeigen.
Der zweite Teil der Jahreslosung lautet „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Wenn Impfgegner Jesus für sich in Anspruch nehmen und überall freien Zugang einfordern, befinden sie sich im Irrtum! Jesus hatte nicht den mindesten Grund, sich mit dem Zugang zu Geschäften, Restaurants und Theatern zu befassen. Geschweige denn dagegen zu protestieren.
Er hat niemand abgewiesen, der zu ihm persönlich wollte. Er plante kein Lehrhaus für Hochqualifizierte mit Eintrittsgeld und Studiengebühren. Das Ergebnis war durchwachsen: Mit Beschenkten, Beglückten und Geheilten, aber auch zähen Bittstellerinnen, Enttäuschten, Verärgerten. Mal riesiger Zulauf mit Speisung der 5.000, mal verstörte Abwendung. Viele sind zu ihm gekommen, längst nicht alle haben zu ihm gefunden. Im entscheidenden Moment war er allein.
Auf keinen Fall wollte Jesus, diejenigen abweisen, die bei ihm geblieben waren. Ihnen gegenüber spürte er eine tiefe Verpflichtung: „Ich soll keinen von denen verlieren, die er (Gott, der Vater) mir anvertraut hat. Vielmehr soll ich sie alle am letzten Tag von Tod erwecken.“ (nach Joh 6, 39). Alles, was wir als fest gut und wertvoll betrachten, kann abrupt abhandenkommen. Unser Leben steht nicht fest: bei ihm ist es geborgen.
Welchen Abschied auch immer das Neue Jahr dir abverlangen mag, bei ihm wirst du nicht verloren gehen!
1)Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. 2)Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.
3)Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserem Gott! 4)Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; 5)denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat’s geredet.
6)Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie einen Blume auf dem Felde. 7)Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! 8)Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.
9)Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deinen Stimme mit Macht, erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; 10)siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her. 11)Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinem Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen. (Jesaja 40,1-11)
Wir sitzen gemütlich am Adventskranz. In den Bäumen Schnee. Das Radio spielt: „Santa Claus is coming to town.“ Mittendrin die beklemmende Nachricht aus Königs-Wusterhausen: Ein verzweifelter Vater hat Frau und Kinder mit in den Tod genommen. Der Grund: Es war aufgeflogen, dass ihre Impfscheine gefälscht waren.
Die Paketdienste laufen hochtourig, übertourig. Eine Stunde brauchte der Bote, um alle Pakete in der Straße auszuliefern. Treppauf, treppab in den Häusern ohne Fahrstuhl. Die Kaufhäuser dagegen sind nur halb so voll: Viele meiden die Schlange vor der Eingangskontrolle. Nicht Geimpfte dürfen nicht hinein.
In die spürbare Verunsicherung mischt sich der Prophet: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ „Fürchte dich nicht!“ „Siehe da ist Gott, unser Herr!“ – Näherhin beschäftigt Jesaja sich mit dem Kommen Gottes durch die weglose Wüste. Aber nicht in einem wendigen weißen Fiat wie Papst Franziskus. Dem Propheten schwebt ein breit aufgestellter, ausladeneder Festzug vor, wie er beim König von Babylon und dem Kaiser von Persien üblich war. Himmlische Hilfskräfte werden für die alles Maß übersteigenden Erdarbeiten gebraucht. Schluchten müssen planiert, Gebirgszüge abrasiert werden. Das Arbeitskommando wird wie folgt instruiert: „Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden.“
Der Umbruch der Landschaft veranschauicht die Transformation, die Gott mit der Welt vorhat. Er will nicht nur über allem schweben, sondern Widerstände überwinden und heilen. Beistand leisten im tiefen Tal der Tränen, niederreißen den schroffen Felszug des Hochmuts.
Keine Entwarnung, erhöhte Wachsamkeit! Das Virus mutiert und wird sich weiter ausbreiten. Am 3. Dezember erließ der Senat die 12. Änderungsverordnung (!) der 3. Impfschutzverordnung (!!). Regelungen und Vorschriften wurden wieder einmal aufpoliert.
Die Kinder in der Grundschulklasse waren glücklich, als sie die Masken wegpacken durften. Beim Testen blieb es; zweimal in der Woche am Montag und am Donnerstag. Als am Freitag ein Kind erschien, das am Donnerstag gefehlt hatte, reagierte die Lehrerin prompt: „Bitte, mach eben noch den Test!“ Und es war richtig so. Das Kind musste in Quarantäne, weil der Test positiv ausgefallen war. Erhöhte Wachsamkeit! Inzwischen tragen alle wieder Masken. Getestet wird täglich.
In der Bank lagen die Nerven blank. Eigentlich dürfen nur sechs Personen in den Vorraum mit den Geldautomaten. Um 11:00 Uhr ist er proppevoll. Alle wollen in den dahinter gelegenen Büroraum zum Schalter, der gleich aufmacht. Eigentlich dürfen immer nur zwei Personen rein. Die Leute stehen auf Tuchfühlung. Eine alte Dame trägt die Maske unter der Nase. „Halten sie bitte Abstand!“, ruft jemand. „Die Leute können doch nicht draußen in der Kälte stehen“, kommt es zurück. „Wie sollen wir das alles regeln?“, seufzt die Bankangestellte am Schalter. „Es gibt viel Ärger.“
In einem Podcast klagt eine junge Frau mit einer sympathischen Stimme, wie einsam sie ist. Einsam und unverstanden. Ihre Freundinnen schneiden sie, weil sie nicht geimpft ist.
Im Tal der Tränen will Gott Beistand leisten. Er hilft uns, die Übersicht zu behalten, und mitzufühlen.
„Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ (1. Petr 5, 5)
„Ein Herz, das Demut liebet, bei Gott am höchsten steht, ein herz, das Hochmut übet mit Angst zugrunde geht.“ (EG 10, 3)
Das Wort Demut fiel erfreulicherweise dieser Tage mehrfach. Die scheidende Kanzlerin gebrauchte es beim Großen Zapfenstreich: „Wenn ich heute vor ihnen stehe, empfinde ich vor allem Dankbarkeit und Demut.“ Ebenso ihr Nachfolger, sowie der neuernannte Minister Özdemir und Berlins neue Gesundheitssenatorin aus Kassel, soweit ich mich erinnere. Ein gutes Zeichen. Demut signalisiert Bescheidenheit: Ich diene einer Aufgabe, ich diene dem Land. Ich herrsche nicht. Ich will meinen Einfluss nicht ausnutzen, um mich zu bereichern. (Was wir ja gerade mit überteuerten Maskenlieferverträgen erlebt haben.)
Demut gegenüber Gott predigte Jesaja. „Alles Fleisch ist wie Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.“ Das galt den Hochmütigen, Starken, vermeintlich Unkaputtbaren seiner Zeit. In Israel blüht die Wüste höchstens vier Wochen. Innerhalb weniger Stunden verbrennt der Glutwind die ganze Frühlingspracht. Jeder wußte, worauf der Prophet hinauswollte. Die kurzlebigen Blumen und Gräser führen den Menschen die Allgegenwart des Todes vor Augen. Die Predigt geht weiter: „Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“ Sie möchte unseren Blick auf Gott und sein Wort richten. Aus diesem Wort hat der Prophet seine Botschaft empfangen, und er steht zu ihr, auch wenn sie weit über die realen Verhältnisse hinausgeht.
„Demut vor unserer Erde“ müssen wir neu lernen. Erst ahnungslos, dann ignorant haben wir uns hoch über die Ökologie unseres Planeten erhoben. Nun sind wir dabei, das Erdklima zu unserem Nachteil gravierend zu verändern. Überall auf der Welt beobachten wir extreme Wetterlagen. Auch Berlin bleibt nicht verschont. Am 29. September hatten wir wieder einmal einen Starkregen. Der Sachsendamm stand unter Wasser. Die S-Bahn Unterführung war nicht zu passieren. Die Feuerwehr war pausenlos im Einsatz. Berlin hat die meisten Starkregenschäden in Deutschlang. 143 Schäden auf 1000 Häuser. Demut tut not!
„Nach Trost wird verlangt, wenn Hilfe nicht mehr hilft,“ sagt man. Der Philosoph Georg Simmel (gest. 1918) erklärt: „Der Mensch ist ein Trost suchendes Wesen. Trost ist etwas anderes als Hilfe – sie sucht auch das Tier; aber der Trost ist das merkwürdige Erlebnis, das zwar das Leiden bestehen lässt, aber sozusagen das Leiden am Leiden aufhebt, er betrifft nicht das Übel selbst, sondern dessen Reflex in der tiefsten Instanz der Seele.“
Der Trost des Propheten ist der Vorbote kommenden Heils. Er eröffnet einen Hoffnungshorizont über den sichtbaren Gang der Dinge hinaus. „Siehe, da ist euer Gott; siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen.“ Gottes Erscheinen ist das Ziel der Weltgeschichte. Wenn wir Trost spenden, Beistand leisten und Widerstände überwinden, können wir uns ihm zuordnen, auf seine Zugkraft trauen . Er wird die Täler erhöhen und die Felsen erniedrigen. Es wird keinen Kummer geben, weil Gott die Seinen sammelt wie ein Hirte, der die Lämmer in seinem Arm trägt.
In die spürbare Verunsicherung dieser Tage mischt sich der Prophet mit seinem Ruf: „Tröstet, tröstet mein Volk!“
- 1) Und nach etlichen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. 2)Und es verammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. 3)Und es kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen. 4)Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, gruben es auf und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. 5)Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
6)Es saßen aber da einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: 7)Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? 8)Und Jesus erkannte alsbald in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? 9)Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin? 10)Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: 11)Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! 12)Und er stand auf und nahm sogleich sein Bett und ging hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen. (Mk 2,1-12)
In Israel findet man noch ein archäologisches Rest-Kapernaum. Das Leben pulsiert inzwischen in Tiberias am See Genezareth. Unter den Überresten einer achteckigen Kirche vermutet man die Grundmauern des Hauses, von dem heute die Rede ist. Es gehörte der Schwiegermutter des Petrus. Kapernaum damals war eine blühende Hafen- und Handelsstadt. Nirgendwo hat Jesus länger gewirkt. Im Unterschied zu seiner Heimatstadt Nazareth mochte man ihn hier. Wenn er da war, sprach es sich schnell rum. Außerdem heilte er. Er betrachtete Krankheiten nicht als Gottes Willen, in den man sich schicken muss.
An diesem Tag wollen ihn alle hören. Darunter fünf Freunde (vier starke Kerle mit ihrem gelähmten Freund auf einer Bahre) sowie einige Schriftgelehrte. Wir wollen sehen, wie Jesus mit ihnen umgeht und was das für uns bedeutet, die wir nicht dabei waren.
Die Fünf merken: Völlig ausgeschlossen, an Jesus heranzukommen. Er soll doch den Kranken berühren! Warten? Kommt nicht in Frage! Es war dringend. Dem Freund ging es wirklich schlecht. So kommen sie auf die waghalsige Idee, den Kranken samt Trage über die schmale Außentreppe hinter dem Haus auf das Dach zu hieven, das Dach aufzubrechen, den mit Reisig und Lehm abgedeckten Lattenrost aufzupolken und den Gelähmten in den Wohnraum hinabzulassen. Zum Staunen des Auditoriums schwebte er herab. Seine Trage wurde von vier Gurten gehalten, bis sie auf dem Fussboden aufsetzte. Die vier Träger blickten erwartungsvoll mit roten Köpfen vom offenen Dach aus auf Jesus. Im Vertrauen auf ihn hatten sie getan, was sie für nötig hielten.
Über Jesus öffnete sich plötzlich das Dach… Es knarrte vernehmlich. Lehm rieselte herab. Jesus empörte sich nicht über den entstandenen Schaden: „Er sah ihren Glauben.“ Den Elan, mit dem sie alle Hindernisse überwunden hatten. Ihren Einsatz für den einen, der sich nicht helfen konnte. Sie teilen ihren Glauben mit ihm. Jesus wendet sich dem Kranken zu: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“
Aus anderen Heilungsberichten wissen wir, dass Jesus auf Glauben hin heilte. Er sagte zum Beispiel: „Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen.“ (Lk 8,48) „Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“(Lk 18,19) und: „Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“(Lk 19,42)
Anders als in diesen Berichten spricht Jesus hier – auf den Glauben der Gruppe hin – Vergebungsworte! Mit dem Kranken passiert dabei nichts. Es vergehen Minuten, die ihm und seinen Helfern wie eine Ewigkeit vorkommen. Kein Wort zur Krankheit? War alles umsonst? Sind wir hier im falschen Film?
Erst nach einem Geplänkel mit den Schriftgelehrten strahlt Jesus den Gelähmten an: „Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh Heim.“ Vor aller Augen beginnt sich der bislang Unbewegliche zu rühren und zu regen. Seine Beine tragen ihn wieder. Mit seinen Händen kann er die Trage anpacken. Er schafft es, alleine aus dem Raum zu gehen. Ein großartiger Moment! Frommer Schauer und Freude machen sich Luft: „So etwas haben wir noch nie gesehen.“ Halleluja, gelobt sei Gott!
Die Schriftgelehrten waren neugierig. Sie wollten „das Wort“ dieses angesagten Laienpredigers begutachten. Nun vollzieht Jesus gerade auf eigene Weise eine heilige Handlung, die ihm nicht zusteht. Da blieb ihnen buchstäblich die Spucke weg. „Wie redet der so? Er lästert Gott!“
Vergebung der Sünden ist Privileg Gottes. „Bei dem H e r r n ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.“ (Ps 130,8) Überhaupt: Die Vergebung der Sünden gehört nicht in eine überfüllte Wohnstube irgendwo im Land, sondern an einen bestimmten heiligen Ort an einen Altar im Tempel in Jerusalem. So ist es vorgeschrieben: Wenn eine einfacher Mann aus dem Volk aus Versehen gegen ein Gebot Gottes verstoßen hat, muss er mit einer makellosen Ziege in den Tempel kommen.(Ein reicher Mann muss ein wertvolleres Tier mitbringen.) Der Priester weiß dann genau, was er zu tun hat. Durch ihn wird die göttliche Vergebung vermittelt. „So soll der Priester die Sühnung für ihn vollziehen, und ihm wird vergeben.“ (3. Mose 4,31) – Verglichen damit handelt Jesus freihändig ohne Opfertier, ohne Tempel, ohne Priester. Anmaßend, gotteslästerlich.
Jesus versuchte nicht, über die Schrift zu disputieren. Er nutzte die Gunst der Stunde, um den Schriftgelehrten seine Vollmacht zu demonstrieren: „Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin?“ Wer das Schwerere kann, beherrscht auch das Leichtere. Wer das große Einmaleins kann, weiß das kleine Einmaleins; wer einen PKW-Führerschein hat, kennt auch die Verkehrsregeln für ein Fahrrad.
Eine Heilung öffentlich, vor aller Augen vollzogen, ist selten und spektakulär. Die Vergebung der Sünden, scheint leichter, dabei gibt es nichts zu sehen. Deshalb war der Gelähmte auch so enttäuscht. Zunächst. Gerade hat er mit seiner Trage den Raum verlassen…. Spricht die erfolgte Heilung nicht für Jesu Vollmacht zur Sündenvergebung. Wer einen Kranken heilen kann, dem wäre das doch zuzutrauen, dass er Einblick in Gottes Ratschluss hat und sich mit ihm einig weiß? – Die Schriftgelehrten widersprechen hier nicht. Sie schweigen. Sind sie nachdenklich geworden?
…mit drei Hinweisen für uns:
1. Wir hörten: „Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge“, – die Menge war im Wege. Dazu ein Beispiel aus der vorigen Woche: „Ich bete zu Gott. Wie antwortet er mir? Ich habe das Gefühl, nicht gehört zu werden,“ so eine junge Frau. Daraus entwickelte sich ein Gedankenaustausch über religiöse Erfahrungen. Auf einer Wellenlänge. „Mit meinen Bekannten kann ich nicht darüber sprechen. Die halten das für Blödsinn.“ Gott gehört nicht dazu. Punkt. Wer davon anfängt, spinnt. Punkt. So versperren Bekannte, Freunde, Nachbarn den Weg zu Jesus. Die Treppe in unserer Erzählung zeigt: Man kann aus der Menge mit ihren Urteilen und Vorurteilen herausklettern. Die Öffnung des Dachs bedeutet: Man kann sich Raum schaffen, um Jesus zu bitten. – Nehmen wir die Frage mit nach Hause: Wer versperrt mit den Weg zu Jesus?
2. Wir hörten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ – Bedeutende Worte. Am Krankenlager klingen sie eigentümlich dürr. Als ob die Krankheit eine Sünde wäre, an der der Kranke schuld ist. Und überhaupt: Wer sieht sich als Sünder?? – So ist es auch nicht gemeint! Jesus belastet nicht, er entlastet; er stellt keinen Sündenkatalog auf, ganz im Gegenteil, er vergibt spontan ohne Tempel, ohne Beichtstuhl. Die Sünde ist nur noch im Rückspiegel zu sehen als etwas, das man im Vertrauen auf Jesus hinter sich gelassen hat. An die Stelle von Gottferne ist Zuversicht getreten: „Du bleibst bei mir, wenn kein Mensch mir beisteht. Du vergisst mich nicht.“ Bei Jesus ist man nicht im falschen Film! Die Begegnung mit ihm ist heilsam, auch wenn keine Spontanheilung folgt.
3. Wir hörten, wie alle Gott priesen. – Überall, wo wir Heilung finden, ist Jesus im Spiel. Daran dachte ich als ich hörte: „Nach einem Impfdurchbruch bin ich 14 Tage richtig krank gewesen, mit Fieber und Schüttelfrost. Nicht auszudenken, was ohne Impfung gewesen wäre.“ Lasst uns eine lobende und dankende Gemeinde sein und bleiben!
9) Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. 10)Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig. 11)Denn die Schrift spricht „Wer an ihn glaubt wird nicht zuschanden werden.“ 12)Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. 13)Denn „wer den Namen des Herrn anruft, wird selig werden. (Röm 10,9-13)
Endlich Wahlsonntag! Am Ende stehen nicht mehr Umfragen, sondern Ergebnisse, nicht mehr Prognosen, wer mit wem was könnte, sondern Koalitionsverhandlungen, nicht mehr Zielvorstellungen, sondern die Kunst des Möglichen. Im Wahlkampf muss über die Zielvorstellungen gestritten werden. Vorwärts gebracht wird der Karren aber nur, wenn alle an einem Strang in dieselbe Richtung ziehen.
Für die Wahl zum Abgeordnetenhaus hatte eine der Parteien ihr Kürzel stadtweit in einem Muttertags-Herzen plaziert. Eigenartig samtpfötig. Passte nicht immer zu den Gesichtern der Kandidatinnen auf den Plakaten. Mass genommen hatte man dafür an der freundlichen Spitzenkandidatin mit Steckfrisur und Kostüm. Sie hatte Berlin zu ihrer Herzenssache erklärt und ihre Partei damit zur Herzblatt-Partei.
Auch Paulus hatte eine Herzenssache zum Ziel. Um ihretwillen ihr war er sein ganzes Leben lang unterwegs zu den Leuten im heutigen Syrien, der Türkei und in Griechenland. Auf dem Weg nach Damaskus, um dort Christen aufzustöbern, wurde er vom Licht des Himmels geblendet:“Saul, Saul warum verfolgst du mich?“ Erblindet stürzte er zu Boden. – Hananias war alarmiert, als er ausgerechnet diesen üblen Spürhund in seine Gemeinde holen sollte. Dort fiel es Paulus wie Schuppen von den Augen. „Das war Jesus und er hat mich beauftragt, das weiterzusagen.“ Seitdem zählte er sich selbstbewusst zu den Auferstehungszeugen: „zuletzt von allen ist er auch von mir…gesehen worden“(1. Kor 15,8). Zwei Jahre nach Kephas/Petrus – den Zwölf – den 500 Brüdern – Jakobus – allen weiteren Aposteln.
Die Juden hatten sich sein der Zeit Nehemias um 445 vor Christus geflissentlich von anderen Völkern abgeschottet, um den Gottesbund zu wahren und nicht wieder unter die Räder zu kommen. Ihren jungen Leuten verboten sie Mischehen mit Andersgläubigen. Die Speisegebote grenzten ihre Kontakte weiter ein. Paulus mutete ihnen zu: „Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen.“Zur Gemeinde Jesu Christi werden Juden und Nichtjuden gehören.
Die Griechen in der Metropole Thessaloniki forderte er nicht weniger heraus: Weg mit den Abgöttern – dient fortan dem lebendigen und wahren Gott! (1. Thess 1,9) All die Gottheiten Homers, die in prächigen Tempeln thronten, beräuchert, besungen und verehrt wurden – hohl, totes Holz. Lebendig erwiesen hat sich der Gott Jesus Christi, der ihn von den Toten auferweckte.
Wofür das Herz des Paulus brannte, ist heute selbstverständliches Bildungsgut. Zum Miteinander in einer multireligiösen Großstadt gehört das Wissen voneinander: Was glauben die Juden, die Christen, die Moslems, die Buddisten, die Atheisten? Aha, die Christen glauben an die Auferstehung Jesu Christi. Wer einen Gottesdienst besucht, findet im Glaubensbekenntnis „am dritten Tage auferstanden von den Toten“. Bei einer christlichen Trauerfeier wird auch davon gesprochen.
„Bildungsgut“: Alle wissen davon, wenige glauben es. – Bei der diesjährigen INSA Oster-Umfrage: „Glauben Sie, dass Jesus leibhaftig auferstanden ist?“ antworteten 23% der evangelischen Kirchenmitglieder mit „Ja“. Die anderen 77% können damit nichts anfangen. Dass Jesus auferstanden sein soll, ist für sie eine verschlossene Tür, zu der der Schlüssel abhanden gekommen ist.
Paulus sieht sich als Freudenbote (Röm 10,15). Er baut darauf, dass es für jede und jeden einen Schlüssel zu dieser Tür gibt. Er zeigt auf dich und mich: „„Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“
Bei dem Satz „Jesus ist der Herr“ wird heutiges Sprachempfinden sensibel. Ist nicht „Herr“ die Anrede für einen Mann, so wie „Frau“ die Anrede für eine Frau ist. Sollen wir mit dem Blick auf den Mann Jesus im Patriarchat gehalten werden? „Mehr nein als ja“, möchte ich zu bedenken geben. Die heutige Gleichberechtigung der Geschlechter (Ist sie schon erreicht?) gab es damals nicht, aber nicht jeder Mann war ein Herr und auch Frauen konnten Herrinnen sein.
Das Wort Herr wurde auch geschlechterübergreifend gebraucht. Herr-sein bezeichnete eine bestimmte Position in der Gesellschaft, die Zugehörigkeit zur Oberschicht. Am deutlichsten im Unterschied von Herr und Knecht im Arbeitsleben. Im alltäglichen Umgang sprach man bei uns früher von einem „feinen Herrn“ und einer „feinen Dame“ mit Personal und eigener Kutsche im Gegensatz zum „armen Schlucker“.
„Jesus ist der Herr“ signalisiert eine Rangerhöhung. Der höchste „Herr“ in der römischen Welt war der gottgleiche Kaiser, der höchste „Herr“ der Juden, war Gott, „der Herr“, wie er genannt wurde, weil man seinen Eigennamen nicht aussprechen durfte. Mit der Auferstehung beginnt ein neues Kapitel des Wirkens Jesu Christi. Er wird in das Leben Gottes aufgenommen und sitzt zur Rechten Gottes. Wie Gott, der Vater, ist er gegenwärtig und nahe. Wir können uns an ihn wenden, uns ihm anvertrauen. „Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.“
Wie am sich fühlt, wenn man auf Rettung wartet, erlebten wir im Sommer in Dänemark. Im benachbarten Ferienhaus wohnte eine uns bekannte Familie mit drei Kindern. Eines Abends pochte die älteste Tochter ans Fenster und zeigte auf meine Frau: „Komm bitte mit rüber. Mama geht es ganz schlecht!“ Die junge Frau lag am Boden, blass, mit hochgelegten Beinen. „Bleib bei mir. Ich brauche Hilfe. Mir ist so schwindlig.“ Ihr Vater hatte den Krankenwagen angerufen und wartete im Dunkeln vor dem Haus.. Immer wieder blickte er auf seine Uhr…Wir waren in Jütland!
Seien sie froh, dass sie in Schöneberg wohnen. An allen Ecken das Tatütata der Krankenwagen mit Stroke-Unit. Zum St.-Gertrauden-Krankenhaus ist es ein Katzensprung. In Jütland startet der Krankenwagen in der nächsten Kreisstadt und kommt über die Landstraße. Am Ziel – in einer weitläufigen Ferienhaussiedlung mit schmalen Kieswegen nachts nicht lesbaren Hausnummern – nützen Blaulicht und Sirene nichts. Es zieht sich und zieht sich. Eine dreiviertel Stunde brauchte es, bis er ankam. Die Erstversorgung begann. Aufatmen. Nach einem Tag im Krankenhaus erholte sich die junge Frau und verlebte noch einen wohltuenden Urlaub.
Menschen in Not wandten sich an Jesus: „Herr, erbarme dich meiner!“ und er stellte sie wieder auf die Füße. Was Jesus damals tat, tut er auch heute auf verschiedene Weise. Dass man sich in seiner Not an ihn wenden kann, ist der Lebensnerv der christlichen Religion. Darauf beruht die Tiefenwirkung des Glaubens. „Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass Gott ihn von von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“ Wen Jesus selig preist, der wird getröstet, wird satt, wird Gott schauen, wird Gottes Kind heißen. Er wird befreit von Ängsten, Tod, Dunkelheit und Depression. Die Fesseln, die ihn gefangen halten, werden abgeschüttelt. Die Seelsorge Jesu untermauert alle Hilfe, die wir einander leisten können.
„Wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht,“ so der Gundsatz des Paulus über das Von-Gott-als-gerecht-anderkannt-Werden. Auch dabei geht es um die Seelsorge Jesu. Jesus berschreibt einmal zwei Menschen, die im Tempel beten, einen Pharisäer und einen Zöllner. Der Pharisäer dankt Gott und schildert sein perfektes Leben. Der Zöllner weiß, dass er nicht perfekt und seine Arbeit anrüchig ist. Das belastet ihn „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ ist alles, was er in diesem Moment herausbekommt. Die Pointe: „Er ging gerechfertigt in sein Haus, nicht jener.“ Er, der schlicht um Erbarmen gerufen hatte, wurde von Jesus auf seine Füße gestellt. Auch eine Weise wie er rettet.
So wollen wir zuversichtlich in die neue Woche gehen, die Wahlergebnisse abwarten und dafür beten, dass sie für unsere Stadt und unser Land zum Segen werden.
18) Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft. 19) Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): „Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.“ 20) Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?
21) Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben. 22)Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, 23)wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; 24) denen aber die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. 25) Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind. (1. Kor 1,18-25)
Als einen Weisen unserer Tage betrachte ich den Schriftsteller, Publizisten und Orientalisten Navid Kermani. Ein Überblick über sein Schaffen wäre eine Predigt für sich.
Selbstverständlich rein zufällig bekommen seine Nachbarn vieles aus seinem Arbeitszimmer mit. Warum er sich gelegentlich nach vorne beugt, kniet, mit der Stirn den Boden berührt usw., verstehen sie inzwischen. Das sind die Gebetsgebärden des muslimischen Stundengebets As-Salah (arabisch); eine der fünf Grundpflichen eines Muslim, einer Muslimin. Aber welchen Vers sollen sich die Nachbarn nun auf das einen halben Meter hohe Stahlkreuz machen, das neuerdings links neben dem Computerbildschirm und und schräg über dem Gebetsteppich auf dem Schreibtisch steht? Dieser Frage wollen wir auch nachgehen.
„Für mich ist das Kreuz ein Symbol, das ich theologisch nicht akzeptieren kann.“, resümiert Kermani seinen Standpunkt und verweist auf die Verbote der Gotteslästerung und der Verehrung von Götzenbildern aus Koran und Bibel. Deshalb betet er in einer Kirche – er betet in einer Kirche! – nie zum Kreuz hin.
Beim Studium christlicher Kunstwerke stieß er auf das Muqarnas-Kreuz des Münchner Bildhauers Karl Schlamminger aus dem Jahre 2005 (bitte ggf. googeln.):
„Erstmals denke ich: Ich – nicht nur man – ich könnte an ein Kreuz glauben. Es steht nicht für die Inkarnation in einem Menschen; es steht für die Inkarnation als Prinzip.“
In der islamischen Mystik gilt das aus zwei Balken zusammengesetzte Kreuz als Symbol des Weltlichen, Vergänglichen. Bestand hat nur das Einfache, nicht Zusammengesetzte. Schlammingers Kreuz wird dem gerecht. Er hat bei der Herstellung des Stahlkreuzes nichts hinzugefügt und nichts weggelassen; es gab keinen Abfall. Eine bestimmte Menge hauchdünner Metallscheiben wurde in eine Bewegung gebracht und sozuagen verzwirbelt. Die Mitte des so entstandenen Kreuzes erinnert an das althergebrachte Waben-Gewölbe in der Kuppel großer Moscheen.
Kermani begreift dieses Kreuz als Symbol der Einheit Gottes, die sich verströmt und in Menschen aufleuchtet. Ein Kreuz, das kein Abbild mehr ist, darf seinen Schreibtisch zieren.
An der „Kreuzigung“ von Guido Reni, ca. 1635-1638, San Lorenzo in Lucina, Rom, schätzt er, dass sie der Verklärung des Schmerzes widerspricht. Aus Persien kennt er den Märtyrer-Kult der Schiiten und missbilligt ihn. Ausschweifendes Klagen hält die Menschen davon ab, die Welt zu verändern. Reni stellt Jesus ohne Wunden, Striemen und Blut dar. Wie er die Hände zum Himmel erhebt, um mit seinem letzten Atemzug Gott anzuklagen: „Nicht, warum hast du mich, nein, warum hast du uns verlassen?“ Kermani interpretiert diese Geste als eine Klage über die menschliche Sterblichkeit. Jesus steht für jeden Toten, jederzeit an jedem Ort.
Kermanis Buch „Ungläubiges Staunen über das Christentum“ mit 40 Betrachtungen von Bildern und Kunstwerken überwiegend aus Italien wurde ein Bestseller. Ein hochgebildeter Muslim, der sich tief auf die christliche Kultur einlässt und sich das zunächst Fremde persönlich aneignet. Muslimische Schülerinnen, die sich scheuen, eine Kirche zu betreten, werden von ihm ermutigt, neugierig zu sein, hinzusehen.
Kermanis Buch setzt einen Maßstab für einen ebenso respektvolles und einfühlsames ungläubiges Staunen über den Islam.
Paulus sieht sich als Vorposten der Weisheit Gottes über die Kreuzigung Jesu Christi. Er schreibt an die Gemeinde in Korinth:
„Als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn den Gekreuzigten.“(1. Kor 2, 1f.)
Damit steht er allein auf weiter Flur. Die höchsten Autoritäten seiner Zeit, das römische Recht und die jüdische Religion, unterschiedlich in vielerlei Hinsicht gingen im Blick auf Jesus Christus konform: Er wird gekreuzigt, hierdurch ausgestoßen und zu einer Unperson, die fortan jeder und jede verabscheuen wird.
In einem so gepolten Weltreich redete Paulus gegen eine Wand: „Barer Unsinn!!“, schallte es ihm entgegen. All den Besserwissern, Klugen, Weisen und Schriftgelehrten hielt er den Gottesspruch vor:
„Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.“ (Jes 29, 14)
Seitdem gibt es einen Konflikt zwischen dem Wort vom Kreuz und der Weisheit der Welt. Er wird unterschiedlich beschrieben. Als unversöhnliches Gegeneinander Weisheit und Torheit oder weniger vorwurfsvoll von Glaube und Unglaube. Dem freundlichen und zugewandten ungläubigen S t a u n e n über das Kreuz, das wir bei Kermani kennenlernten, kontrastiert ein gläubiges Staunen über das Kreuz.
Zu einem gläubigen Staunen über das Kreuz kommt es nach der Erfahrung des Paulus weder durch das Auge noch durch den Intellekt sondern durch das Ohr. Damit grenzt er sich von den Juden und den Griechen ab.
„Die Juden fordern Zeichen.“
Eine Zeichenforderung ist in der Bibel nicht ungewöhnlich. Von Fall zu Fall wird sie auch erfüllt. Ausdrücklich wird Mose von Gott ermächtigt, vor dem Pharao Zeichen, beglaubigende Wunder, zu vollbringen. Aber erst bei der zehnten Plage, der Tötung der Erstgeburt, knickt der Pharao ein, aber nicht auf Dauer. Wenn wir an die Wunder Jesu denken: Zuschauer gab es reichlich, nur einige von ihnen fanden zu Jesus.
Zeichen sind eben mehrdeutig und richtungslos. Offen für gläubiges und ungläubiges Staunen. Kermani sah im Gemälde von Reni den leidenden Menschen. „Dieser Jesus ist nicht Gottes Sohn und nicht einmal sein Gesandter.“ Ein anderer Betrachter nimmt den feinen Glanz des Heiligenscheins wahr, der Jesu Haupt umgibt, und urteilt: Das ist der Sohn Gottes!
„Die Griechen fragen nach Weisheit.“
Vergleichbar mit Paulus grenzt sich Kermani gegen eine übergriffige Form von Weisheit ab:„Aufklärung ist nicht nur die Herrschaft der Vernunft, sondern zugleich das Einsehen in ihre Begrenztheit.“ Aufklärung durch Wissen und Weisheit ist unverzichtbar. Es ist besser, vernünftig zu sein als vernunftlos und abergläubisch, besser rational und nachvollziehbar zu handeln, als irrational und wetterwendisch.
Bedenklich wird es, wenn sich ein „Vulgärrationalismus“ aufplustert. Wenn der Verstand sich selbst absolut setzt und lediglich das gelten läßt, was er ableiten kann: „Ich mag an keinen Gott glauben, aber ich nehme Rücksicht darauf, dass andere das tun; uns fehlen die Möglichkeiten, letztgültig zu beurteilen, wer im Recht ist.“(So Kermani anlässlich des Verbots der Beschneidung durch das Amtsgericht Köln im Jahre 2012.)
Navid Kermani näherte sich dem Kreuz über die bildende Kunst. „Er versteht den Glauben seiner Väter als eine Ohrenreligion, das Christentum hingegen als eine Augenreligion mit viel drastischer Sinnlichkeit.“(Friedrich Wilhelm Graf) Das Christentum ist überwiegend bildfreudig. Fasst man es als eine Augenreligion auf, bescheidet man sich mit der Aussenansicht.
Zur Zeit des Paulus gab es noch keine christliche Kunst. Das Bild, um das es damals ging, war die Kreuzigung Jesu Christi. Jeder und jede konnte sich etwas darunter vorstellen, etwas Schlimmes und Abstoßendes. Paulus etabliert deshalb eine Ohrenreligion. An erster Stelle steht nicht das Kreuz als sichtbarer, stummer Gegenstand, sondern das an das Ohr gerichtete „Wort vom Kreuz“.
„Wir aber predigen den gekreuzigten Christus…als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“
Gottes Kraft und Weisheit im gekreuzigte Christus erschließt sich durch das „Wort vom Kreuz“, das in die Innenperspektive der christlichen Religion führt. Die Übersetzung „Predigt“ und „predigen“ steht so in der Lutherbibel. Von ihr aus führt eine direkte Linie zu den Kanzeln der evangelischen Kirchen und der reformatorischen Konzentration auf das Wort.
„Die Predigt des Wortes Gottes ist das Wort Gottes.“, verlautbarte eine reformierte Bekenntnisschrift (Confessio Helvetica posterior, 1566). Prediger oder Predigerin stellen ihre Arbeit Gott zur Verfügung, damit er sich durch sie kundgeben kann. So wächst gläubiges Staunen über das Kreuz.
In der Predigt werden wir nicht mit dem wohlfeilen Rat abgespeist: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“ Sondern mit der frohen Botschaft: Gott hat die Welt mit sich versöhnt und schenkt uns dadurch Zukunft.
15)Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16) Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17)So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.
18)Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19)Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20)Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21)So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. (1. Mose 50,15-21)
Irgendwann überkommen einen Fragen wie:
Diese Fragen können zu einer Midlife-Crisis führen. Sie melden sich meist in diesem Lebensabschnitt. Nicht in der Aufbauphase. Die junge Familie, die eben im 9:00 Uhr Gottesdienst war, Vater, Mutter, zwei Kinder, eins davon auf dem Arm hat alle Hände voll zu tun, um durch den Tag zu kommen. Aber für die Befindlichkeit im Ruhestand wiegt schwer, ob der Rückblick auf das Arbeitsleben zufriendenstellend ausfällt oder nicht.
Wir hörten eben wie Josef mit 30 Jahren – das war damals die Lebensmitte – seinen Brüdern gegenüber Bilanz zog: „I h r gedachtet es böse mit mir zu machen, aber G o t t gedachte es gut zu machen.“ Als ägyptischer Viezekönig trägt er ein Staatsgewand mit Amtskette und Siegelring. Jeder hat ihm Reverenz zu erweisen. Die Bibel liefert dazu die Homestory unter dem Titel: „Lebenskrise mit glücklichem Ende.“
Das wird übrigens zum Slogan der frühen Christen in Jerusalem: „Ihr habt ihn getötet, Gott hat ihn auferweckt.“ Petrus predigt in der Halle Salomos: „aber den Fürsten des Lebens habt ihr getötet. Den hat Gott auferweckt von den Toten, dessen sind wir Zeugen.“(Apg 3, 15) Josefs Gott ist auch der Gott Jesu Christi.
Da war der Hass aller 10 Halbbrüder. In ihren Augen stand: „Wir machen dich kalt. Jetzt!“. Als Josef sie am Rande der Wüste bei den Herden aufsuchte, packten sie ihn und rissen ihm sein verhasstes Outfit vom Leibe. Ja, sie spürten die Angst seiner Seele. Sie hörten, wie er sie anflehte. Aber dafür war es jetzt zu spät. Als sie zum Messer griffen, warf sich Ruben in letzter Minute dazwischen für einen weniger blutigen Tod. In einer trockenen Zisterne, einem tiefen in den Boden geschlagenen Hohlraum mit einer festen Abdeckplatte sollte Josef verdursten und verhungern.
Später brachte Juda die Meute dazu, Josef in die Sklaverei zu verkaufen, wie das zuweilen Eltern in Not mit ihren Kindern taten. Für 20 Silberstücke, gehacktes Silber in unbestimmter Größe. Leibeigenschaft, das war der soziale Tod.
Die Zehn präsentierten dem Vater das blutgetränkte Gewand des Verschleppten. Ganz cool. Er möchte doch mal schauen, ob es vielleicht Josef gehörte, den sie leider vermissten. Jakob schrie auf vor Schmerz! So zahlten sie ihm ihre fortwährende Zurücksetzung heim. Dabei wäre in der Großfamilie genug Raum für alle gewesen. Aber nicht mit Jakob. Er war sein Leben lang nur in die schöne Rahel vernarrt. Sie allein war seine große Liebe und nicht Lea, ihre ältere Schwester, oder Biha und Silpa, die sogenannten Leibmägde. Die auf dem Schoß der Herrin für sie Kinder gebaren.
Nach Rahels frühem Tod bei der Geburt Benjamins hatte Jakob nur noch Augen für die beiden Söhne, die sie ihm geschenkt hatte: für Josef, den älteren, und Benjamin, den kleinen. Alle anderen hatten das Nachsehen: Ruben, Simeon, Levi, Issachar, Sebulon, Dan, Gad, Naftali und Asser. Obwohl sie es waren, die für den Vater hart arbeiteten und sein Unternehmen am Laufen hielten.
Am Rande sei erwähnt: Neue Einsichten werden stets auch an der Bibel erprobt. Eine gendersensible Auslegung macht an jenem bunten Rock, den Josef trug, fest, dass er unterschwellig nach sich selbst und seiner Geschlechtsidentität suchte. In „evangelisch.de“ stieß ich auf eine Josef-Predigt aus dem Jahre 2016 mit einem Text von J. Mase III, einem educator und performer aus Seattle: „Lieber Joseph der Genesis, Josephine, Jo, ich beanspruche deine Geschichte für jedes schwul-lesbisch-queere Kind, dem erzählt wird, dass es unheilig sei.“
Zu bedenken wäre allerdings, dass es sein Vater Jakob war, der das Prachtgewand nähte.
Ich sprach neulich mit einem 35-jährigen Mann, der gerade unter einer Panikattacke litt. Das Gespräch sollte ihm helfen, durchzukommen. Er leidet bis heute an den Folgen der Gewalt, die er als Kind erlitten hat, und ist nur eingeschränkt lern- und arbeitsfähig. Den Alltag zurückzuerobern, ist äußerst mühsam. Seelische Verletzungen überschatten sein ganzes Leben.
Einen Tag später beschäftige ich mich mit Josef. Für den heutigen Gottesdienst. Bei ihm führten die erlittenen seelischen Versetzungen nicht zu einer lebenslangen Verstörtheit, wie z. B. bei Hans Christian Andersen. Es bildete sich ein posttraumatisches Wachstum heraus. Das er nicht sich selbst zuschrieb („Was bin ich doch für eine Kämpfernatur“ oder so). Nein, er sieht Gott am Werk.
Schauen wir uns das einmal näher an, denn Josefs Gott ist auch unser Gott. Seine Hilfe für Josef möchte uns als Beispiel dienen. Dreimal stand Josef vor dem Nichts: In der Zisterne, in der Sklaverei und im Gefängnis. Ein solcher Ort reicht aus, um ein Leben zu zerstören.
Geschwister prägen einen. Josefs Brüder waren ein Aplptraum, die Enttäuschung seines Lebens. Sie ließen ihn spüren, was es heißt, ausgestossen zu werden, gehasst zu werden, zu flehen, ohne Gehör zu finden. Dann die stockfinstere Zisterne. Trostlos…Ist das das Ende?
„Und der HERR war mit Josef, sodass er ein Mann war, dem alles glückte.“ (1. Mose 39, 2). Leibeigenschaft, Freiheitsverlust, eine niederschmetternde Erfahrung! Josef wurde im Hause Potifars zu einer Sache wie ein Staubsauger oder eine Waschmaschine. Musste arbeiten und schuften. Kam zu nichts mehr als zum Schlafen. – Aber nach und nach fand er sich in der Lage zurecht. Stellte sich geschickt an, gewann Vertrauen und stieg zum Butler auf.
Gegenüber den erotischen Avancen der Frau des Hausherren zeigte er sich charakterfest. Aber als rechtloser Sklave konnte er sich nicht verteidigen, als die Lügnerin den Spieß umdrehte und schrie: „Er wollte mir an die Wäsche. Fasst ihn.“ Unglücklicherweise war Josef in diesem Moment auch noch nackt. Das reichte fürs Gefängnis.
„Der HERR war mit Josef, und was er tat, dazu gab der HERR Glück“ (1. Mose 29, 32). Wieder war Joseph auf dem Nullpunkt angekommen und drohte zu verschmachten. Wieder wuchs ihm die Kraft zu, zurechtzukommen und sich nützlich zu machen. Wieder wurde ihm Verantwortung übertragen. Allerdings vergass der Mundschenk des Pharao sein Versprechen, Josefs Freilassung zu erwirken.
„Wie können wir einen Mann wie diesen finden, in dem der Geist Gottes ist?“, rief der Pharao aus. (1. Mose 41, 37) Auf der Straße bekam ich neulich den Spruch mit: „Mein Hund ist mein einziger Freund. Mit den Menschen bin ich fertig.“ Josef hätte allen Grund gehabt, diese Meinung zu teilen. Was er mit den Brüdern, der Frau Potifars und dem Mundschenk erlebt hat, reicht für zurückbleibendes Mißtrauen, Verbitterung und Empathieverlust. Aber Josef wurde nicht zum Zyniker. Gottes Geist bewahrte ihn davor, dass sich sein Charakter verhärtete.
Josef nutzt seine hohe Stellung als Mitregent nicht aus, um sich selbst zu bereichern. Wie das zum Beispiel in Nigeria, Angola und der Republik Kongo der Fall ist, wo die Machthaber stündlich reicher werden, Milliarden ins Ausland schaffen, während das niedrige Einkommen des Volkes niedrig bleibt. Gemäss der Logik der Träume von den sieben fetten und den darauf folgenden sieben mageren Jahren, die er dem Pharao erklären durfte (1. Mose 41,37) wirtschaftete er vorausschauend zum Nutzen des ganzen Volkes. In der Hungersnot gab es Korn für alle.
„Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?“ (1. Mose 50, 18) Solange Jakob noch lebte, fühlten sich die Brüder mit ihren Familien in Ägypten sicher. Josef hatte ihnen Aufenhalt im Land während der Hungernot gewährt. Nun, nach der Beisetzung des Patriarchen und dem Ende der Trauerzeit meldeten sich Zweifel: „Ist wirklich alles bereinigt? Was hat er mit uns vor? Wird er Rache nehmen?“ Josefs Antwort, passt zu dem Wort Jesu aus dem heutigen Evangelium: „Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.“(Lk 6, 37)
Die Versöhnung hatte sich Josef etwas kosten lassen. Er hatte die Brüder hart rangenommen, bevor er sich ihnen zu erkennen gab. Sie wurden als Spione verdächtigt, mussten eine Geisel stellen und – zum Schrecken des Vaters – Benjamin nach Ägypten bringen. Josef gab sich den Anschein, ihn ganz bei sich behalten zu wollen.
Bei allem, was uns von Josef unterscheidet, eins haben wir gemeinsam: Sein Gott ist auch unser Gott. Sein Leben möchte ein Beispiel dafür geben, wie Gott wirkt. Für unsere Lebensbilanz bedeutet das:
1. Gott wirkt unspektakulär ohne bennenden Dornenbusch. Im Hintergund, aber effektiv und stabilisierend. Was uns gelungen ist, verdanken wir auch ihm. „Und was er tat, dazu gab der Herr Glück.“ Unsere Bilanz sollte offen sein, für das, was er in unser Leben einbringt.
2. Gottes Absicht ist oft erst im Nachhinein erkennbar. Unser Leben ist wie ein Puzzle. An jedem Tag kommt ein neues Teil hinzu und wird erst einmal in der Sammlung verwahrt. Bis wir die Zeit dazu finden, darüber nachzudenken: „Wo stehe ich?, Was habe ich erreicht?, Bin ich mit meinem Leben zufrieden?“ Als Josef 17 Jahre alt war, wusste er nicht, wie ihm geschah. Mit 30 konnte er sich einen Reim darauf machen.
3.“ I h r gedachtet es böse mit mir zu machen, aber G ot t gedachte, es gut zu machen.“ Nicht alles, was uns zustößt, ist Gottes Wille. Die Absichten der Brüder standen seinem Willen stracks entgegen. Wir sind den Hinweisen nachgegangen, wie Gott Josef in seinem Verhängnis beschützte. Er stand ihm in Notlagen bei, ermöglichte posttraumatisches Wachstum und bewahrte ihn vor Zynismus und Rache. Eine Lebenskrise mit glücklichem Ende.
So will er auch mit uns sein!
15) Da aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes! 16) Jesus aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. 17) Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist schon bereit! 18) Da fingen sie alle an, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 19) Und ein anderer sprach: Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 20) Wieder ein anderer sprach: Ich habe eine Frau geheiratet; darum kann ich nicht kommen.
21) Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherrr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Verkrüppelten und Blinden und Lahmen herein. 22) Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. 23) Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. 24) Denn ich sage euch: Keiner der Männer, die eingeladen waren, wird mein Abendmahl schmecken. (Lk 14,16-25)
Im Evangelium des heutigen Sonntags geht es um „Entschuldigungen“, die in Wirklichkeit Ausreden sind. Ein Anstoß, dem nachzugehen: Welche Rolle spielen Ausreden in unserem Leben?
Die Fähigkeit, Ausreden zu erfinden, wird schon mit der Muttermilch weitergegeben. und macht sich bereits im Klassenzimmer bemerkbar. Nichts ist so absehbar, wie der Wunsch der Lehrerin: „Nehmt bitte die Hausarbeiten vor.“ Trotzdem kommt er immer wieder überraschend und ungelegen. Die häufigste Antwort ist immer noch: „Ich habe meinen Hefter vergessen.“ So bleibt in der Schwebe, ob die Hausaufgaben erledigt wurden oder nicht. Und das kann eine zweite Chance eröffnen: „Also gut, zeig ihn mir in der nächsten Stunde.“
Im Schock stammelten Schulkinder die abenteuerlichsten Dinge. Ein Spaßvogel sammelte:
„Ich hatte keine Lust und war lieber skaten.“ oder: „Mathe hasse ich.“, wäre ehrlicher gewesen. Aber das bringt Ärger ein. Seit es Menschen gibt, gilt:
„Wer etwas will, findet Wege; wer etwas nicht will, findet Ausreden.“
Sie werden als „soziales Schmiermittel“ eingesetzt, um zu verhindern, dass es im Getriebe knirscht. Sie sollen Antriebsschwäche und Irrtümer verschleiern und helfen, den guten Eindruck zu wahren.
An den Ausreden in der Bibel kann man erkennen, welches Kalkül jeweils dahinter steht.
Nehmen wir die Ausrede Adams im Garten Eden. Als Gott ihn zur Rede stell: „Hast du von dem verbotenen Baum gegessen?“, verlegt er sich aufs Abstreiten. Weit weist er von sich weg auf Eva hin, seine Frau. „Ich kann doch nichts dafür. Sie war es, sie reichte mir die Frucht. Die Frau, die du mir gegeben hast.“ Adam präsentiert sich als Opfer, ist er doch der Beeinflussung seiner Frau erlegen. So wälzt man seine Verantwortung ab – durch Abstreiten.
Kain hat seinen Bruder Abel erschlagen. Als Gott ihn fragt: „Wo ist dein Bruder Abel?“ versucht er es herunterzuspielen. Abzustreiten gibt es nichts. Abel ist verschwunden, weil er tot ist. Kain stellt sich dumm: „Ich weiß es nicht“, antwortet er, „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Er schützt Unwissenheit vor. Was ist schon dabei, wenn er nicht weiß, wo sein Bruder gerade steckt? Abel ist ein erwachsener Mann und Kain nicht sein Kindermädchen. Ganz schön raffiniert.
Saul, der erste König Israels, ist eine traurige Gestalt. Als seine Kämpfer nach einem siegreichen Feldzug gegen die Amalekiter groß Beute machten, drückte er beide Augen zu und ließ sie die für Gott bestimmten Schafe und Rinder gleich mit einkassieren. Den Vorwurf: „Warum hast du dich an die Beute gemacht?“, versuchte er kleinzureden mit einem staatsmännischen Ja…aber: Ja, ich gebe zu, ich habe die Tiere den Soldaten überlassen, aber für einen guten Zweck. Um sie Gott zu opfern.
Die wohlgesetzen Worte verpuffen. „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, aber Gott sieht das Herz an.“ (1.Sam 16,17) Er erkennt die wahren Absichten und reagiert auf sie. Adam muss hinfort im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen. Kain erhält das Kainsmal und Saul den Tadel: „Gehorsam ist besser als Opfer.“(1. Sam,15,22) Bald wird er er seinen Thron verlieren.
Jesus erzählt im Evangelium des heutigen Sonntags von Leuten, die von einem Boten an einen festlich gedeckten Tisch gebeten werden. „Kommt, denn es ist schon bereit!“ Dem damaligen Brauch entsprechend, war die Einladung etwa 14 Tage vorher ergangen. Das fröhliche Festmahl ist ein Bild für die umfassende Gemeinschaft mit Gott. Ihm so nahe zu sein, ist unverdientes Glück: „Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes.“ (Lk 14,15) Was aber, wenn die Eingeladenen das nicht zu schätzen wissen?
Alle möchten sie den guten Eindruck wahren und bitten höflichst darum, sie zu entschuldigen. Nicht ahnend, was Gott schon von Adam, Kain, Saul und anderen zu hören bekam…
Der Erste, der abgeholt wird, hat plötzlich ein Terminproblem in seinem Kalender entdeckt. Just in dieser Stunde ist er zur Besichtigung eines neuen Ackers verabredet. Welch eine Überraschung! „Man kann einen Acker doch nicht unbesehen kaufen! Das wird Ihr Herr verstehen. Bitte entschuldigen Sie mich.“ Vielleicht denkt er: „ Kommst du heut‘ nicht, kommst du morgen. So ein Essen läuft mir nicht davon. Vielleicht bin ich nächstes Mal dabei.“
Fünf Ochsengespanne sind erheblich mehr wert als ein Acker und machen auch mehr Arbeit. In der Hand eines cleveren Unternehmers können sie zum Kapital werden, das Umsatz und Profit verheißt, wenn sie rund um die Uhr vermietet werden. Der zweite Eingeladene lässt sich von seinem Alltag überwältigen.“ Ich kann mir keine Auszeit gönnen. Alles muss rund laufen.“
Und der Dritte? Fast grob fährt er den Diener an: „Darum kann ich nicht kommen!“ – Er hat geheiratet. Die Liebe ist eine schöne Sache, vielleicht die schönste Sache der Welt! Aber sie erfordert doch kein permanentes Zusammensein.
Die Reaktion des Gastgebers zeigt, was er von den Entschuldigungen hält. Er schickt seine Boten erneut aus. Zu den Armen, Behinderten, Blinden und Lahmen in der Stadt und in der näheren Umgebung. Sie freuen sich und kommen gern. Ohne Sperenzchen. „Von den ursprünglich Eingeladenen wird keiner von meinem Mahl essen.“ Selbst wenn einer es sich noch anders überlegen und nachkommen sollte: Sein Platz ist vergeben.
Die Eingeladenen begriffen nicht, worum es geht. Ihr Alltag war ihnen wichtiger als ein Fest. Irgendein Fest!? Woher sollten sie wissen, dass es das Fest aller Feste war. Dass es um den Platz im Reich Gottes geht. Jesus erzählt davon, damit wir den entscheidenden Moment in unserem Leben nicht verpassen:
Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. (Offb 3,20)
Für alle, die auch dieses Jahr eine Weihnachtskrippe aufstellen wollen unter Berücksichtigung der derzeit geltenden Regeln:
Gehen wir davon aus, dass die (mindestens) zwei Hirten nicht miteinander verwandt sind und die drei Weisen auch nicht in einer WG leben, kommt man auf insgesamt ACHT Leute aus SECHS Haushalten!!! – Was kann man tun?
Spass beiseite. In diesem Jahr: Weihnachten auf Abstand! Schutzmassnahmen und Lockdown haben unser Land verändert. Gottesdienste wurden abgesagt.
…für den kleinen Emil (3): Den ganzen Tag muss der quicklebendige Dreijährige in der Wohnung bleiben. Mutter, Vater und das Schwesterchen dürfen raus an die frische Luft. Er nicht. In der Kita wurde er von zwei infizierten Erzieherinnen betreut. Nun verhängte das Gesundheitsamt 10 Tage häusliche Quarantäne. Samt einem Test und einem abschließenden Schnelltest am 24.12. „Weihnachten geht den Bach runter“, so die strapazierte Mutter.
…für Familie Hoffmann: Aufgrund der Kontaktbeschränkung für Weihnachten wurde ihr Planen durcheinander gebracht: Maximal fünf Personen, Kinder bis 14 Jahren werden nicht mitgezählt. Das bedeutet: „Türen zu, Fenster auf“.“ Die Verwandten aus Lüneburg müssen zum ersten Mal seit 20 Jahren zu Hause bleiben. Zusammen feiern kann nur die Kernfamilie: Vater, Mutter und die drei Kinder über 14 Jahren.
…für Einsame: „In den vergangenen Tagen hatten wir mehrere Anrufe älterer Menschen, die sich nicht mehr zum Einkaufen nach draußen trauen und die nicht wissen, was sie über die Feiertage essen sollen“, meldete die Leiterin einer Hotlinie.
…für die ganze Welt: In seiner Rede vor dem Bundestag am 18. Dezember etikettierte UN-Generalsekretär António Guterres das Jahr 2020 als ein Jahr, „in dem wir wie nie zuvor auf die Probe gestellt werden“. Die Corona-Pandemie habe bisher 1,5 Millionen Menschenleben gefordert. Armut und Hungersnöte nehmen zu. Überall hätten die Schwächsten am meisten zu leiden: Die tageweise Beschäftigten, die in Indien und Lateinamerika kurzerhand auf die Straße gesetzt werden; Bewohner/-innen in den Slums ohne Abstand und Hygiene; alle, denen nicht geholfen werden kann, weil die medizinische Versorgung fehlt.
Eine schlimme Lage voller Kummer und Tränen. Gott ist in der Pandemie verborgen. Der Skeptiker hebt den Zeigefinger: „Ich habe es ja immer gesagt: Entweder ist euer Gott nicht allmächtig oder er ist nicht barmherzig!“ Die Gegner grinsen: „Den haben wir erledigt!“ Dieses Dilemma ist weder mit Logik noch mit Metaphysik auzubalancieren.
Kann man es durchstehen, erleiden? Ein Beispiel dafür gibt Psalm 13, ein Klagegebet eines Einzelnen.
Ich möchte mich in der Krise nicht von Gott abwenden und halte mich an ein bewährtes Gebet, bei dem Leidendeimmer wieder Kraft schöpften. Das Gebet ist offen für verschiedene Sitationen und kann von vielen Betenden verwendet werden. Gott wird als Gegenüber in Anspruch genommen.
Zu Beginn ein Vorwurf! Gott wird angeklagt. Die Leidende protestiert gegen ihr Leid, das sich wie eine Mauer zwischen ihr und Gott auftürmt. „Sorgen und Kummer nagen Tag für Tag an meinem Herzen.“ Ich denke dabei an alle die von der Pandemie betroffen sind, insbesondere an alle, die sich nicht frei bewegen können und darunter leiden; an die Erkrankten in der Quarantäne und in den Krankenhäusern; an die Ärztinnen und Pfleger, denen die Arbeit über den Kopf wächst und denen vor der Triage graut.
Wenn Gott wieder hinsieht und herhört, kann alles gut werden. Die Leidende möchte wieder angenommen werden. Die matt und schwach gewordenen Augen sollen aufs Neue hell und fröhlich leuchten, Lebenskraft und Lebenswillen aufblühen.
In der dritten Strophe – eine überraschende Wende zu einer positiven Sicht der Dinge. Auf welche Weise der Beterin geholfen wurde, wissen wir nicht mehr. Nicht immer passierte sofort etwas. Aber es kehrte ein Grundvertrauen ein. Auf Gott ist Verlass. Er ist gut zu mir gewesen, also wird er mir auch wieder seine Hilfe erweisen. Sogar ein Loblied werde ich anstimmen.
Ein weihnachtliches Bibelwort: So hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf das alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Joh 3,16)
Gott ist gestalterisch am Werk! Er liebt die Welt – auf eine ganz bestimmte Weise. Nicht so, dass er im Himmel einen Stecker zieht und alle Krankheiten vom Netz nimmt. Vielmehr tauchte er, Gott, der Sohn, tief in unser immer unperfektes Leben ein. In einem kleinen Dorf am Rande des römischen Reiches… Seither lebt und wirkt Jesus Christus unter uns. 30 Jahre lang leibhaftig, dann im Heiligen Geist. Der den Menschen zugewandte, gütige Gott, unser Bruder.
Jesus tröstet! „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“(Mt 11,28) Er zeigt Mitgefühl mit Frauen und Männern in Angst, Sorgen und Bedrängnis; schenkt ihnen leuchtende Augen.
Jesus heilt! Mikroorganismen: Bakterien, Viren, Pilze – unsichtbar, tausendfach kleiner als wir selbst – bevölkern die Erde länger als wir. Sie sind Teil unseres Lebens und begegnen uns jeden Tag in vielen Formen. Auch als tückische Krankheitserreger wie gerade in der Corona-Pandemie. Zur Zeit Jesu kursierte die Lepra, eine aus Indien übertragene, von Bakterien verursachte, ansteckende, schmerzende Hautkrankheit, die meistens zum Tode führte.
Aussätzige mussten Abstand halten. Einer von ihnen wagte sich trotzdem an Jesus heran, „kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen.“ Jesus lässt sich bitten: „Und es jammerte ihn, und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will’s tun; sei rein! Und alsbald wich der Ausatz von ihm, und er wurde rein.“(Mk 1,40-42)
Jesus gibt Hoffnung im Kampf gegen den Tod! Durch die Zusage des „ewigen Lebens“ hilft er, gefestigter zu leben. Das irdische Leben wird imprägniert nicht nur gegen Wasser und Schmutz, sondern gegen Verzweiflung und Verlorenheit. Ein unsichtbarer Schutzschild gegen den Tod und seine Tentakel, lebenszerstörerische Ereignisse, die uns zermürben. – Dadurch wird man selbst zur Stütze für andere, die einen brauchen.
Für alle, die auch dieses Jahr eine Weihnachtskrippe aufstellen wollen: Vorsicht! In der Krise geht das nicht aus dem Stand. Zu viel steht auf der Kippe. Womöglich geht Weihnachten den Bach runter.
Man kann sich auf den Weg machen und sich Schritt für Schritt im eigenen Rhythmus dem Lauf des alten Gebets anschließen. Einmal, zweimal, häufiger… Im Kummer öffnet sich eine Tür zum Gottvertrauen: „So hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden , sondern das ewige Leben haben.“
Dazu passt das weihnachtliche Loblied: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit./Welt ging verloren, Christ ist geboren./Freue, freue dich, o Christenheit. In Kummer und Not gewinnt dieses Lied einen besonderen Klang! Den ersten Vers stimmten erstmals im Jahre 1816 30 arme Waisenkinder an, die im Hause von Johann Daniel Falk in Weimar mit dem Nötigsten versorgt wurden.
1)Jesus sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2)Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. 3)Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun ? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. 4)Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich aus dem Amt abgesetzt werde. 5)Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wieviel bist du meinem Herrn schuldig? 6)Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm den Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. 7)Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wieviel bis du schuldig? Der sprach hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.
8)Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts. 9)Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten. (Lk 16,1-9)
Jesus bezieht sich heute auf einen Skandal, der damals hohe Wellen schlug. Eine Stütze der Gesellschaft, Geschäftsführer eines weitläufigen Grundbesitzes, entpuppte sich als Betrüger.
Ein vergleichbarer Fall ereignete sich vor kurzem hier bei uns: Felix H. (33) verheiratet, zwei Kinder, beliebt, tüchtig, wohlhabend, tätig bei einer Versicherungsgesellschaft. Ein Leistungsträger – auf der Außenseite! Fünf Jahre lang, von 2014-2019, hatte er 112 Mal Gelder vom Konto seiner Firma auf private Konten seiner Ehefrau Carolin H. überwiesen. H. erfand Schadensfälle und schob sie Großkunden aus der Wohnungswirtschaft unter: „Ich wollte meine Frau auf Händen tragen.“ und ihr und den Kindern mehr bieten als es mit einem „normalen Einkommen“ möglich gewesen wäre.
Felix H. war in das Kontrollsystem seiner Firma involviert. Er wusste, wie die Prüfungen ablaufen und wähnte sich auf der sicheren Seite. Bis er unerwartet, unangekündigt und unvorbereitet aufflog. – Auch jener Verwalter, um den es Jesus ging, wurde plötzlich ertappt. Er hatte seinen Kopf tief im Sand vergraben. Lebte seinen Kaufrausch und leistete sich Luxus.
„Lege Rechenschaft ab über deine Verwaltung!“
Jesus plaudert nicht so daher. Der Skandal verdeutlicht einen Wesenszug Gottes. Vor Gott gibt es keine Überholspur für Berüger. Wahrheit und Lüge werden getrennt. Schiebung, Betrug, Falschmünzerei – alles kommt heraus. Auch Volksverhetzung, Fake-News und Lügenkampanien. „Du, gerechter Gott, prüfst Herz und Nieren“ heißt es im Psalm 7.
Im Namen Gottes für Transparenz und Aufklärung wird der Menschensohn-Richter sorgen. Jesus warnt vor seinem Kommen: „Denn es wird geschehen, dass der Menschensohn kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun.“(Mt 16,27) Sein Erscheinen ist der Fluchtpunkt allen Erdenlebens. „Leg Rechenschaft ab über deine Lebensführung!“ wird er jede und jeden auffordern. Somit bleibt der Ehrliche nicht der Dumme. Das Gute wird sich stärker erweisen als das Böse. Was sich einmal abgespielt hat, wird nicht im Dunkel verschwinden, sondern geklärt werden.
Jesus lehrte, in der Verantwortung vor Gott zu leben. Die Rechenschaft, die der Verwalter dem Grundherrn gegenüber ablegen muss, dient als Bild dafür. Um jederzeit zur Rechenschaft bereit zu sein, regte er eine Selbtsprüfung und die Bitte um Vergebung an: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Meine Gedanken, meine Worte, meine Taten – was war angebracht, was nicht? Was wahr, was Lüge?
Wenn ich allein mir selbst verantwortlich bin, sehe ich scharf und deutlich, was andere falsch machen. Mir selbst stelle ich ein gutes Zeugnis aus. – „Wir haben sämtliche Hygiene-Maßnahmen umgesetzt“ so die Leitung eines Seniorenheims in Lichtenberg. Am 1. 10. wurde dort das Virus erstmalig festgestellt. Seither sind 12 Bewohner gestorben. 47 Mitarbeiter und Bewohner wurden inzwischen positiv getestet. Das Gesundheitsamt hält dagegen: „Es sieht danach aus, dass Schutzmaßnahmen nicht eingehalten sind.“ Die Wahrheit wird scheibchenweise herauskommen…
Die Klarstellung von Wahrheit und Lüge tut weh.
Felix H. wurde am 22. 10. vom Amtsgericht Tiergarten wegen gewerbsmäßiger Untreue zu drei Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Seine Frau wegen Beihilfe zur Untreue zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung. Beide müssen 381.537,17€ zurückzahlen. Ihre Existenz liegt in Trümmern.
Der Verwalter wurde entlassen: „Du kannst nicht länger mein Verwalter sein.“, so der tief enttäuschte Grundherr. Aus der Stellung geflogen und geächtet blieb ihm nur die stundenweise Arbeit als Tagelöhner. Gesucht wurden kräftige Kerle, die mit Schaufel und Spitzhacke umgehen konnten. So einer war er nicht. Also betteln gehen? Wie die anderen, die nicht mehr ein noch aus wussten? Ein Sturz ins Bodenlose. „Was soll ich bloß tun? Was wird aus mir? Wie soll es weitergehen?“ Er zermarterte sein Hirn.
Endlich kam er auf ein Ausweichmanöver. Wieder ein Betrug: Urkundenfälschung! Er minderte die Abgaben, die die Pächter dem Grundherrn schuldeten. Wer zu 100 Fass Öl verpflichtet war, brauchte nur noch 50 Fass zu liefern. Bei 100 Sack Weizen ging er auf 80 Sack runter und so weiter. Der warme Dank der Begünstigten war ihm gewiss. Das verschaffte ihm Luft zum Atmen und Raum zum Leben.
„Der Herr lobte den ungerechten Verwalter.“ – Was gibt es in dieser Angelegenheit zu loben?
Jesus will darauf hinaus, wie der Verwalter seine Haut rettete. Als es allein nicht mehr weiter ging, organisierte er sich Hilfe. Neue, gekaufte Freunde gewährten Obdach. So konnte er seine Entlassung abfedern. Darauf zielt Jesus ab: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.“ So fallt ihr weich, wenn es eng wird.
Wenn in der Stunde der Wahrheit meine Existenz zerbricht, wenn ein Sturz ins Bodenlose droht und die ewigen Hütten unerreichbar fern sind, gibt es einen treuen Helfer: „Wer mich bekennt vor den Menschen, zu dem wird sich der Menschensohn bekennen vor den Engeln Gottes.“ (Lk 12, 8) Wer sein Vertrauen auf Jesus setzt, wird durch das Gericht kommen. Zusammen mit ihm wird niemand am Tor zu den ewigen Hütten abgewiesen, sondern aufgenommen und mit Gott versöhnt.
Bei seinen Warnungen vor dem plötzlichen Erscheinen des Menschensohn-Richters hat Jesus nicht die Vernichtung der fehlbaren Geschöpfe im Sinn. Er möchte sie aufrichten und zum Aufbau des Reiches Gottes sammeln. Nicht aussperren, sondern gewinnen. Deshalb hält er sich bereit, zu helfen.
„Der Herr lobte den ungerechten (unzuverlässigen, begrügerischen) Verwalter, weil er klug gehandelt hatte.“ – Was war daran „klug“?
„Klugheit“ nennen wir oft in einem Atemzug mit Bildung und Wissen. „Der ist ja viel klüger als ich.“ Ob der Verwalter ein gebildeter Mann war, wissen wir nicht. Die Weisheit: „Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht.“ (Lk 16, 10) war ihm jedenfalls verschlossen. Er war unzuverlässig und betrügerisch.
Kann man man zugleich unzuverlässig und klug sein? In einem bestimmten Sinne: Ja! Von der Klugheit lesen wir im Buch der Sprüche:
Hier geht es nicht darum, was ich für ein Mensch bin, welche Bildung ich habe, sondern wie wendig ich bin. Erkenne ich den Ernst der Lage und schütze mich oder laufe ich geradeaus weiter stracks in mein Unglück? – Wir sagen: „Der kluge Mann baut vor.“ Er hat die Übersicht.
Wie wir hörten, hatte der Verwalter seinen Kopf tief in den Sand gesteckt. Von Weitsicht keine Spur. Es ließ es darauf ankommen. Und war perplex, als man ihm auf die Schliche kam. Erst als er vor dem Nichts stand, begann es in ihm zu arbeiten. Im letzten Moment kam er auf die Idee, neue Freunde zu gewinnen mit barer Münze. Das war klug, lebensklug, überlebenswichtig.
Wir hörten, was die Bibel unter Klugheit versteht: „Wer klug ist sieht das Unheil kommen und versteckt sich; wer keine Erfahrung hat, läuft hinein und muss die Folgen tragen.“ In der gegenwärtigen Corona-Pandemie hören wir vieles, was informiert und gescheit sein mag, aber nicht klug ist.
Ein Beispiel ist folgende Aufstellung und die daraus gezogene Schlussfolgerung: Nur 47.000 Menschen sind bisher in Berlin infiziert, nur 18.000 Menschen sind jetzt noch krank überwiegend in häuslicher Quarantäne, nur 358 sind verstorben. – Und deswegen soll ich eine Maske tragen und Abstand halten? Und deswegen darf ich nicht feiern?
Der Ernst der Lage wird verkannt! Wir haben zwar viele Krankenhäuser, aber nicht in jedem Krankenzimmer Beatmungsgeräte. – Ein Schwerkranker muss von fünf Pflegefachkräften rund um die Uhr versorgt werden. Wo nehmen wir die her, wenn es schlimmer wird? – Das Virus ist brandgefährlich. In Italien sind neulich wieder 580 Menschen an einem einzigen Tag gestorben.
Es ist klug und umsichtig, die Bedrohung durch das Virus ernstzunehmen und sich zu schützen.
Gott, der Herr, schenke uns Klugheit in diesen Tagen, dass wir den Ernst der Lage erfassen und uns darauf einstellen.
In diesem Jahr fiel der Gründonnerstag aus. Es gab auch keine Ostergottesdienste. Wir hatten im Frühjahr mehrere Wochen lang einen bisher einmaligen pandemiebedingten Kirchen-Lockdown. Predigten konnten gestreamt bzw. in Radio und Fernsehen übertragen werden. – Das Heilige Abendmahl geht nur persönlich. Was fehlt uns, wenn wir nicht Abendmahl feiern können?
Der folgende Abschnitt aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth gehört zum Gründonnerstag. Wir holen ihn heute nach. Es ist der älteste schriftliche Bericht vom Heiligen Abendmahl. Ich habe ihn als Ablaufprotokoll notiert:
Die Jünger waren in bester Laune: „Toll, dass wir heute Abend so nobel essen werden!“ Sie hatten die Vorbereitungen beobachtet. Die Aussicht auf ein Festbankett ließ ihnen das Wasser im Munde zusammenlaufen. Jesus selbst war maches Mal von reichen Leuten gepflegt bewirtet worden. Immer er allein, soweit wir wissen. Für die Jünger gab es keine Sterneküche. Am Sabbat mal ein paar schnelle Körner frisch aus der Ähre gerauft, bei Massenspeisungen Brot und Fisch gleich aus dem Korb.
Jesus fühlte sich ganz anders. Er war bedrückt, niedergeschlagen. „Dies ist unser letzter gemeinsamer Arbend.“ Er ahnte, nein er wusste: Der Verrat ist verabredet. Die Schergen stehen bereit, wenn ihnen ein Zeichen gegeben wird. Es wird grausam für ihn selbst, aber auch für die Zwölf, die jetzt noch so aufgekratzt sind,
Was an diesem Abend gespeist wurde, ist längst entfallen. Aber nicht der Tischsegegen, den Jesus, wie es üblich war, vor und nach der Mahlzeit sprach.
Was sagte er da? Das geläufige Tischgebet vor dem Essen, bei dem das Brot geteilt und verteilt wurde, lautete: „Gepriesen seist du, Herr, dass du das Brot aus der Erde wachsen lässt.“ Übergangslos fuhr Jesus fort: „Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis!“ Ein erklärendes Wort und einen Auftrag – das setzte er dazu.
An das Gebet über dem letzten Becher Wein nach dem Mahl: „Gepriesen seist du Herr für die Frucht des Weinstocks,“ fügte er an: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!“ Wieder erst ein erklärendes Wort, dann der Wiederholungsauftrag.
Was dachte sich Jesus dabei? Es wäre leicht gewesen, den Verräter auszutricksen, nicht, wie in seinem Beisein verabredet, in Gethsemane zu erscheinen, sondern einfach spurlos in die schwarze Nacht zu verschwinden. Aber Jesus will sich dem stellen, was auf ihn zukommt.
Sein Ende vor Augen verspricht er seine bleibende Gegenwart: „Hier in Brot und Wein bin ich für euch da, was immer auch passiert, wo immer ihr zusammenkommen werdet. Hier bringe ich euch Vergebung, neues Leben und Errettung. Hier werdet ihr in einen neuen Bund mit Gott einbezogen.“
Mit dieser Ausdeutung: „Das ist mein Leib für euch,“ und: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut,“ übersteigt er alles, was wir über die Nahrungsmittel Brot und Wein wissen und sagen können. Er spricht ihnen für diese Feier und die folgenden Zusammenkünfte eine besondere Eingenschaft zu: Träger seines Leibes und Träger seines Blutes zu sein.
Ein Sterbender kann normalerweise nur ohnmächtige Abschiedsworte sprechen. Jesus bestreitet in diesem Augenblick die Macht des Todes, ihn auszulöschen. Er lenkt den Ausgang seiner Geschichte um. Er wird das Kreuz auf sich nehmen, sich dem Leiden unterwerfen und seinen Leib dahingeben. In der Hoffnung, dass sein Opfer allen zugute kommen wird und einen neuen Bund mit Gott heraufführt. Die festgelegte Welt soll aus ihren Fundamenten bewegt werden. Dazu müssen Grenzen überschritten werden: Die Grenzen von Gott und Mensch, Leben und Tod, Anwesenheit und Abewesenheit, Geist und Materie.
Es gibt jemanden, der genau das gespürt hat: Jener römische Hauptmann, der der Kreuzigung als Aufsichtsperson beiwohnte. Nach dem ganzen, grausamen Geschehen bekundete er: „Dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.“ Zwischen Gott und Jesus sah er eine Verbindung walten, die die übliche Grenzziehung übersteigt. In diesem Menschen ist Gott, der Sohn, selbst am Werk.
Dass Leben und Tod neu zu vermessen sind, kündigt Jesus selbst an: „Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten.“ (Lk 9 ,23) Dem physischen Leben, das mit dem Tod endet und das wir nicht erhalten können, stellt er die Aussicht auf ein Leben jenseits des physischen Lebens an die Seite, dem der Tod nichts anhaben kann. Auf dieses Leben hofft er jetzt auch selber, wo er dem Tod die Stirn bietet.
„Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?“ (1. Kor 10, 16) fragt uns Paulus. Unter den Einsetzungsworten über Brot und Wein werden die Grenzen zwischen Geist und Materie, Anwesenheit und Abwesenheit überschritten. Es kommt zu einer von Gott gestifteten Einheit des Unvereinbaren.
„Das tut zu meinem Gedächtnis,“Jesus appelliert damit nicht an unser Erinnerungsvermögen, sondern an unser Tun: „Tut etwas! Greift euch das Brot und nehmt den Kelch in die Hand, so wie ich. Betet währenddessen wie ich gebetet habe. Teilt aus wie ich ausgeteilt habe. Esst und trinkt davon. Hierbei werde ich unter euch präsent sein.“
Wenn mit Brot und Wein das letzte Mahl Jesu dargestellt wird, entfaltet sich ein Geschehen, in das wir einbezogen werden: Die Selbstvergegenwärtigung Jesu Christi.
1. Wie der Tischsegen Jesu besteht unsere Abendmalsfeier im Kern aus einem Dankgebet und der Austeilung mit den deutenden Worten.
Es folgen weiter Gebete, Gesänge und die Einsetzungsworte. Danach teilen die Liturgen Brot und Wein mit dem Zuspruch aus: „Christi Leib für dich gegeben.“ „Christi Blut für dich vergossen.“
2. Wir feiern die Selbstvergegenwärtigung Jesu Christi in Brot und Wein.
Den kommenden Herrn grüßen wir wie einst bei seinem Einzug in Jerusalem: „Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ im Lied „Heilig, heilig, heilig ist Gott“ (EG 185, 1).
Den in Brot und Wein auf dem Altar gegenwärtigen Herrn beten wir an als das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt. Ihn bitten wir in diesem Gottesdienst um sein Erbarmen und um seinen Frieden in dem Lied: „Christe, du Lamm Gottes“ (EG 190, 2).
Mit dem Zuspruch: „Christi Leib für dich gegeben“, „Christi Blut für dich vergossen“ werden mir Brot und Wein als Träger seiner Gegenwart gereicht. Ich kann dazu mein „Amen“ sagen. „So ist es!“ – Welch ein heiliger Moment! Jesu Versprechen geht in Erfüllung: „Hier bin ich für dich, was immer auch passiert. Hier bin ich für dich, wenn du mich suchst.“ Der tapfere Heiland, der in der Nacht des Verrats, sein Ende vor Augen, den Jüngern seine bleibende Gegenwart versprochen hatte, ist bei mir und für mich da.
Was fehlt uns, wenn wir nicht Abendmahl feiern können?
Im Heiligen Abendmahl stehen wir in einem nie unterbrochenen Zusammenhang mit den Ereignissen des letzten Abends Jesu. Sein damals gegebenes, gewagtes Versprechen geht unter uns in Erfüllung. Er beschenkt uns mit seiner Grenzen überschreitenenden Gegenwart und nimmt uns in den neuen Bund hinein.
Deshalb musste der Gründonnerstag 2020 nachgeholt werden!
Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. 5)Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. 7)Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
8)Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. 9)Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
15)Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. 16)Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, 17)aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.
18)Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. 19)Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. 20)Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach.
21)Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. 22)Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. 23)Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. 24)Darum wird ein Mann einen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein e i n Fleisch. ´´ (1. Mose 2,4b-9.15-24)
Wenn man am Ostseestrand entlangspaziert, bemerkt man, was alles mit Sand passiert. Natürlich wird er geworfen, wenn die Eltern nicht aufpassen. Emsig wird geschaufelt: schmale und breite Kanäle, Staudämme, Burgen. Der feuchte kräftige Sand wird geformt zu Muscheln, Seesternen und kleinen Figuren.
In Binz auf Rügen wird jedes Jahr ein Strandskulpturenfestival abgehalten. 50 Sandkünstler stellen in Zelten ihre Arbeiten aus. In diesem Jahr waren es Szenen aus der Bibel.
„Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde.“ – Gott hantiert als Sandkünstler. Er nimmt ein Stück feste Erde als Werkstoff und modelliert daraus sorgfältig einen Körper. Erst den Umriss und die Proportionen. Dann immer feinere Gliedmaßen. Dem fertigen Werk bläst er seinen Atem ein. ‚Erfüllt von Gott‘, beginnt das Gebilde zu atmen, sich zu regen. Aus „Adamah“ (hebr: Erde) wird „Adam“, der Mensch, das Wesen aus Erde.
Dadurch wird demonstriert, was Gott am Menschen liegt. „Gott hat mich gewollt, ich bin von ihm persönlich modelliert worden als sein Geschöpf!“ Wie kostbar ist jeder einzelne Mensch. Wir spüren das ganz tief. Leid, Hunger und Not lassen uns erstarren. „Wie können Menschen sich das antun? Wie können sie das zulassen?“; schießt uns bei den schlimmen Bildern der täglichen Nachrichen durch den Kopf. Wer schützt? Wer hilft?
Die biblische Erzählung von Gott, dem Sandkünstler, konkurriert nicht mit der Präsentation der biologischen Entwicklung der Gattung Mensch. Das Universum der Naturwissenschaften ist stumm. Die Bibel spricht uns darauf an, als was wir geschaffen sind, welchen Wert unser Leben hat und dass alle Menschen gleich und mit ihm verbunden sind. Sie enthält Orientierungswissen.
Soweit Gottes erster Entwurf. In den späteren Kapiteln wird erzählt, wie dieser Entwurf beschädigt wird, insbesondere durch Kains Mord an seinem Bruder Abel.
…mit frischen grünen Pflanzen und duftendem Obst ist im heißen, kargen Israel das Nonplusultra. Wie die Oase in der Wüste. Einen solchen paradiesischen Garten übergibt Gott dem Menschen. Nicht als bequemes Schlaraffenland, sondern als Arbeitsplatz mit der Anweisung, ihn zu bebauen und bewahren.
Ich denke dabei an unseren blauen Planeten. So sehen die Astronauten die Erde. Wenn sie aus der Raumstation hinabschauen, fällt das weite Blau der Ozeane auf. Es ist typisch für die einzigartige, lebensfreundliche Atmosphäre bei uns auf der Welt. Sie ist uns anvertraut. und muss bewahrt und beschützt werden.
Auch hier wurde Gottes erster Entwurf beschädigt. Das Verhältnis von Mensch und Natur ist mittlerweise umgeschlagen: Zur Zeit der Bibel war die Natur unerschöpflich und die Menschheit überschaubar, heute ist die Natur erschöpft und die Menschheit mit 7,71 Milliarden zunehmend unüberschaubar. Das Ökosystem taumelt: Wälder brennen in Kalifornien, Brasilien und Sibirien; bei uns trocknen sie aus. Das Eis am Nordpol ist im Sommer so dünn wie nie, die Wirbelstürme schwellen immer stärker an. So die Meldungen aus den letzten Tagen.
Bündig zusammengefasst werden die Schäden in einem Erdüberlastungstag. Das Global Footprint Network prüft dazu jährlich: Wie stark wurden Ozeane, Klima, Wälder und Trinkwasser durch Produktion, Handel und Verbraucher belastet? Wie hoch war der Verbrauch pro Land und weltweit?
Das Ergebnis erschütternd: Bereits am 22. August waren die Ressourcen des Jahres 2020 erschöpft. Was wir darüber hinaus verbrauchen, wird sich in diesem Jahr nicht mehr regenerieren. Die Erde wird ausgepowert. Die Menschheit lebt auf Pump.
Wir müssen umsteuern! In neuer Weise Verantwortung übernehmen. Wir müssen unsere Eingriffe so abwägen, dass sie mit dem Ertrag der Erde wieder vereinbar werden. Die FFF-Bewegung, Fidays for Future, macht dafür gehörig Dampf.
Auf sich gestellt wie Robinson Crusoe auf der einsamen Insel war der Mensch unglücklich. So herrlich der Garten auch war mitsamt der ebenfalls von Gott liebevoll gebildeteten Tierwelt. Gott reagiert: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“. Er braucht menschliche Nähe und Ansprache.
Folglich stellt er ihm eine Partnerin zur Seite. Das eine, einsame Erdwesen ist passé. Menschen treten fortan im Dual von Mann und Frau, Adam und Eva in Erscheinung. Die Herausbildung der Frau aus aus der Rippe des Mannes veranschaulicht die Gleichartigkeit beider: Bein vom Bein und Fleisch vom Fleisch. Gleiches Fleisch und Blut. Wie damals üblich, wird vom Mann aus gedacht. So ist auch der Begriff „Ischscha“ für „Frau“ – im jüdischen Witz wird daraus „meine Ische“ – die weibliche Form von „Isch“ (Mann). Im Hebräischen ist die Frau eine „Männin“.
Heute wird die Einheit von Mann und Frau genetisch elegant mit dem gemeinsamen Chromosomensatz von 46 Chromosomen charakterisiert. Ein einziges Chromosomenpaar tanzt bekanntlich aus der Reihe: XX bei der Frau, XY beim Mann.
Freudig überrascht jubelt Adam: „Endlich ist jemand da, der zu mir passt. Der mich versteht. Eva – meine bessere Hälfte. In allem, was auf uns zukommt, wollen wir uns beistehen und helfen.“ Natürlich freute er sich auch darauf, ein Fleisch mit ihr zu werden. Aber nicht hop on – hop off, sondern in einer Bindung auf Dauer.
Adams Jubel ist Hochzeitsjubel! Im Blick ist von Anfang an, was damals nur selten machbar war – das eigene Heim. „Deshalb verlässt ein Mann Vater und Mutter, um mit seiner Frau zu leben.“ Alle Jungverheirateten wünschten sich das. Aber es klappte nur selten, weil das dazu nötige Kleingeld fehlte. In der weiteren Erzählung behandelt Eva Adam als „ihren Mann“ (1. Mose 3,6) und Adam Eva als „seine Frau“. Sie sind ein Ehepaar.
Wir kennen auch überzeugte Singles und etliche Möglichkeiten, nicht allein zu sein. Hier in Gottes erstem Entwurf wird die Zweisamkeit von Mann und Frau, die einander achten und sich beschützen, empfohlen – als schönste Weise, nicht allein zu sein.
Was ist für Sie das Wichtigste im Leben? Die Antwort: Die Familie und die Gesundheit gleichermaßen. Bei den unter 30jährigen führte logischerweise die Familie, bei den über 60jährigen die Gesundheit. (Aus einer Umfage der Apothekenumschau aus dem Jahre 2018.)
Die Zweisamkeit von Mann und Frau steht hoch im Kurs. Aber: Ebenso wie die Würde des Menschen und wie die Biosphäre sind auch Ehe und Familie darauf angewiesen, dass wir sie beschützen und bewahren. Im Durchschnitt hielt eine Ehe 2019 ca. 14,8 Jahre. Was mit großen Erwartungen begann, wuchs nicht zusammen, strebte wieder auseinander.
Wenn Sie den Abschiedsspruch hören: „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staube“, dann denken Sie an Gott, den Sandkünstler. So auch im 146. Psalm: „Des Menschen Geist muss davon und er muss wieder zu Erde werden“.
Der Mensch als persönlich geformte Sandskulptur, der üppige Garten und der Hochzeitsjubel sind Gottes gute Gaben. Sie bilden das Fundament unseres Lebens. Alle drei: die Menschenwürde, unser Planet und Ehe und Familie müssen behütet und beschützt, gepflegt und bewahrt werden. Damit Gottes erster Entwurf in unserer leidvollen Gegenwart zutage tritt.
1)Was von Anfang an war
was wir gesehen haben,
was wir betrachtet haben und unsere Hände betastet haben vom Wort des Lebens –
2)und das Leben ist erschienen,
und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch
das Leben,
das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist
3)was wir gesehen und gehört haben,
das verkünden wir auch euch,
damit ihr auch mit uns Gemeinschaft habt;
und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und seinem
Sohn Jesus Christus.
4)Und das schreiben wir, auf dass unsere Freude vollkommen sei. (1. Joh 1,1-4)
Uns wird hiermit ein Handshake (Händeschütteln,Handschlag Bekanntschaft) angeboten: Beim Einstellen meines Computers taucht dieses Wort im Erklärungsfeld auf. Handshake , Computer und Drucker oder auch GOOGLE und GMX verständigen sich über ihre Sendebereitschaft. Sie tauschen Signale aus, um in Verbindung zu treten. Manchmal geht es schneller, manchmal dauert es länger.
In die meisten neutestamentlichen Briefe müssen wir uns als Mithörer einschleichen. Sie sind nicht an uns gerichtet und haben uns nicht im Blick. Demgegenüber signalisiert der Johannesbrief vom ersten Vers an Sendebereitschaft und stellt keine besondere Adresse an den Anfang.
An alle: „was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch!“ Augenzeugen aus dem Kreis um Jesus möchten mit uns ihre Begeisterung teilen. Sie laden zur Glaubensgemeinschaft ein.
An alle: „Wir schreiben das, ‚auf dass unsere Freude vollkommen sei‘. Freut euch mit uns. Wir haben allen Grund dazu!“ Mit anderen Worten: In Jesus findet ihr alles , was ihr braucht, für weniger als ihr denkt!
Ausgehend von der Weihnachtserzählung wollen wir uns in drei Schritten an ihren Gedankengang vor Augen führen.
„Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ (Lk 2,12) So wurden die Hirten auf den Weg nach Bethlehem geschickt.
Ein Schüler aus dem Religionsunterricht verpatzte das und schrieb in seinem Aufsatz: „Das Kind lag im Stall und hatte Grippe.“ Er wusste wohl nicht, was eine Krippe ist. In der Heiligen Nacht war sie der Orientierungspunkt. Alle Säuglinge in Bethlehem waren in Windeln gewickelt – nur ein einziger lag in einer Krippe: Jesus. Den Rapport der Hirten bei ihren Lieben zu Hause kann man sich gut vorstellen: „Stellt euch vor, wir haben in Bethlehem ein Wickelkind gesehen, gehört und betrachtet, das in einer Krippe lag!“
Abweichend, ungewöhnlich, mehr begrifflich orientiert – die Berichterstattung im Johannesbrief: Die Johannesleute erzählen hier nicht anschaulich und farbig, was sie mit Jesus erlebt haben. Statt „Jesus“ sagen sie „was von Anfang an war“ oder „Leben“. Eigentümlich dürr, aber tiefsinnig.
„Wir haben gehört, gesehen und betrachtet | was von Anfang an da war.“ |
| „Wir haben gesehen, bezeugen und verkündigen euch | das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist |
Also kein Geschöpf! Er wurde nicht geschaffen, sondern ist die Instanz, die aller irdischen Wirklichkeit zugrunde liegt. Der Unendliche ist in das Dasein eingegangen. Er wurde „gezeugt nicht geschaffen“ ( Ps 2,7) wird später das Große Glaubensbekenntnis von Nicäa-Konstantionpel (EG 305) darlegen.
In Jesus kommt „Gott von Gott, Licht vomLicht, wahrer Gott vom wahren Gott“ wird es in demselben Glaubensbekenntnis heißen. In Jesus kommt Gott von Gott, „Gott in echt“, wie der Berliner sagt.
Dazu ein Beispiel aus der Kunst :
Als Mitglieder der Museumsgruppe unserer Kirchengemeinde wollten mein Frau und ich schon immer einmal die Kunstmetropole Florenz kennenlernen. Im Mai vorigen Jahres war es soweit. Ziemlich kalt dort übrigens. Natürlich haben wir längst nicht alles gesehen und nur einen Bruchteil von dem behalten, was wir gesehen haben.
Eingeprägt hat sich mir ein kleines Fresko aus dem Jahre 1425 von dem früh verstorbenen Maler Masaccio in der Kirche Santa Maria Novela. Das erste Bild mit einer Zentralperspektive. Davor war alles zweidimensional. Es zeigt die Trinität: am Kreuz den Sohn, hinter ihm den Vater und dazwischen die Taube des heiligen Geistes. Ein bekanntes Motiv. „Gnadenstuhl“ genannt.
Das Besondere: Die Wand hinter dem Kreuz ist geöffnet, gibt den Blick auf eine Halle frei. Dadurch entsteht ein Raumgefühl. Um diesen Eindruck zu erreichen, half Masaccio sich mit einem Nagel in der Wand. Er markierte den Fluchtpunkt. Von ihm aus spannte er feine Fäden zu den Rändern des Bildes, um sich an ihnen zu orientieren. Mit diesem Trick gelang zum ersten Mal die Zentralperspektive. So weit das Beispiel.
Im Johannesbrief wird gewissermaßen die Wand hinter dem Stall von Bethlehem geöffnet. Das Kind in der Krippe im Vordergrund wird dadurch in eine Zentralperspektive gerückt, deren Fluchtpunkt der ewige Gottessohn ist. ‚Der von Anfang an war.‘ ‚Das Leben, das beim Vater war.‘
Sorgfältig wurde formuliert: Das Leben ist erschienen. Etwas, das erscheint, muss sich nicht in diesem Augenblick neu gebildet haben. Es kann auch etwas zum Vorschein kommen, das mir bisher unbekannt war. So Jesus. In der sichtbaren Gestalt des Kindes in der Krippe und später des Mannes aus Nazareth erscheint der unsichtbare, ewige Gott.
Gott kommt in Echt. Halten wir das als erstes fest.
In der Weihnachtserzählung heißt es: „Und sie gebar ihren ersten Sohn.“(Lk 2, 7) Am Heiligen Abend wurden Maria Mutter und Josef Vater – Pflegevater. Mutter, Vater, Kind damit war die heilige Familie komplett. Logisch, dass die katholische und die anglikanische Kirche den Sonntag nach Weihnachten als das Fest der Heiligen Familie begehen. Allerdings berichtet die Bibel über die heilige Familie äußerst sparsam. Deshalb machen wir da nicht mit.
In dem kurzen Johannesbrief wird Gott zwölf Mal „Vater“ genannt. Es ist die Rede:
„Vater“ ist keine Anrede, auf die man verzichten kann. Kein austauschbares Bildwort. Vater bezeichnet die Lebensgemeinschaft zweier göttlicher Personen. Der eine Gott lebt in der Verschiedenheit und Zugewandtheit von Vater und Sohn. Im Unterschied zu Maria und Joseph wurde Gott am Heiligen Abend nicht Vater. Denn er war nie allein. Er war nie ohne den Sohn.
Neulich las ich in einem Andachtsbuch: „In Jesus kommt also Gott, der Vater, selbst zu uns Menschen.“
Hier ist etwas durcheinandergeraten! Jesus betete doch: „Vater unser im Himmel“(Mt 6, 9) und: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“(Lk 23,34) Er wendet sich an den Vater, also kann er nicht selbst eine Erscheinung des Vaters sein. Er ist Gott, der Sohn. In der Heiligen Nacht als Mensch geboren, als wahrer Gott und wahrer Mensch.
Den einen Gott gibt es nur im Doppelpack: als Vater und Sohn. Das ist das Zweite, das wir festhalten wollen.-
(Zusammen mit dem Heiligen Geist dann – die Heilige Dreieinigkeit: Der eine Gott, der in sich lebendig ist und als Vater, Sohn und Heiliger Geist existiert.)
„Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Retter (Heiland) geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids,“ (Lk 2,10) lautet die Botschaft des Engels in der Weihnachtserzählung. Es ist eine politische Botschaft In Bethlehem, der Stadt Davids, soll ein künftiger Regent, geboren werden, der die verfahrene Lage beendet. Er wird die Römer endlich aus dem Land werfen und Israel gerecht regieren. In ihm wird sich die Verheißung eines „Christus“ (= der Gesalbte, = hebräisch Maschiach) erfüllen.
Als einzige Schrift in der dicken Bibel proklamiert der Johannesbrief:„Gott ist Liebe“, was immer auch dagegen sprechen mag. Und das ist viel! Zwischen Gott und Liebe wuchert ein ganzes Gestrüpp von Fragezeichen. In der Bibel wie in unserem Leben. Ich habe am 29.05.2016 eine Predigt darüber gehalten: „ I s t Gott Liebe?“ Mit Fragezeichen.
Woher nimmt der Johannesbrief die Kühnheit, sich über alle Fragezeichen hinwegzusetzen? Warum steht für ihn unerschütterlich fest, dass Gott Liebe ist?
Es liegt an seiner Zentralperspektive, die in alles Geschehen, das Walten von Vater und Sohn einbezieht. Hinter dem Schicksal Jesu vom Heiligen Abend bis zum Kreuz auf Golgatha steht Gott der Vater. Genauer ein Drama von Vater und Sohn.
Gott, der Vater, sendet seinen Sohn in unsere Mitte, um uns neue Lebensmöglichkeiten zu erschließen, die nicht durch die Trennung von Gott belastet sind. Bis hin zur äußersten Konsequenz. Bis zum Opfer seines Sohnes am Kreuz aus Liebe zu uns.
Bei Hilarius von Poitiers (gest. 367) lesen wir:
„Die Heilskraft unserer Religion liegt nicht im Glauben bloß an Gott
sondern im Glauben an Gott, den Vater;
nicht bloß im Glauben an Christus
sondern im Glauben an Christus als Sohn Gottes.“
Die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater und dem Sohn, zu der uns der Johannesbrief einlädt ist tiefer, wärmer und herzlicher als das Aufblicken zum „Ewigen“, das Erschauern vor „dem Heiligen“ oder das Zittern vor „dem Lebendigen“ und seinem Temperament. In ihr kommt Freude auf, vollkommene, Freude! Bleibende Freude.
In Jesus Christus ist die Liebe Gottes sichtbar geworden. Es handelt sich um mehr als ein vorübergehendes Entgegenkommen. Nicht um ein Wort, sondern um einen Weg: Einen Opfergang! Jesus nimmt auf sich, was uns von Gott trennt und schafft es fort. Dadurch ist Liebe ein für alle mal in Gottes Wesen eingezeichnet. Untilgbar. „Gott ist Liebe ; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (4, 16)
Gott ist Liebe. Unverrückbar! Halten wir das drittens fest.
Von Vätern und Müttern im Glauben wurden wir zu einem Handshake eingeladen. Nach allem, was sie mit Jesus erlebt hatten , wagten sie in einer neuen Weise über Gott und ihre Gemeinschaft mit ihm zu sprechen. Knapp. Anspruchsvoll. Anstrengend. Leichteres hört man lieber. Aber es lohnt sich, nicht das Handtuch zu werfen.
Ausgehend von der Weihnachtserzählung habe ich versucht, was sie sagen, mit der Einführung der Zentralperspektive in ein ursprünglich zweidimensionales Bild zu vergleichen. Die Wand hinter der Krippe öffnet sich und gibt den Blick frei:
In Jesus findet ihr alles, was ihr braucht, für weniger als ihr denkt!
3)Und er (Johannes der Täufer) kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, 4)wie geschrieben steht im Buch der Worte des Propheten Jesaja (Jesaja 40,3-5): „Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben! 5)Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden, 6)und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.“
7)Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? 8)Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. 9) Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
10)Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir nun tun? 11)Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, der tue ebenso. 12)Kamen aber auch Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? 13)Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! 14)Da fragten ihn auch Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!
15)Als aber das Volk voll Erwartung war und alle dachten in ihrem Herzen, ob Johannes vielleicht der Christus wäre, 16)antwortete Johannes und sprach zu allen: Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber der, der stärker ist als ich; ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse, der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. 18)Und mit vielem anderen mehr ermahnte er das Volk und predigte ihm. (Lk 3,3-16.18) (Lk
beileibe kein Kompliment „Ihr Natternbrut, ihr Otterngezücht!“ donnerte er in die Menge. Keine freundliche Anrede. Ein ganz grober Keil. „Ihr Vollpfosten, mir wird übel, wenn ich euch sehe!“
Von m i r würden Sie sich das nicht gefallen lassen. Träte ich so auf, wäre die Kirche am nächsten Sonntag leer. „Was fällt dem denn ein, so ein anmaßendes Gehabe!.“ Johannes darf das. Ihm nimmt man ab, was man sonst scharf zurückweisen würde. Die Menge strömte. Früh brachen sie auf. Wanderten Stunden, um ihn zu sehen, zu hören und um dann unvermeidlich ihr Fett abzubekommen.
Was lief da ab? Dafür gibt es zwei Gründe:
Er predigte nicht nur mit dem Mund, sondern alles an ihm predigte: sein Aufenthaltsort, seine Kleidung, seine Nahrung. Er führte ein Leben als Eremit in der Wüste. Damit hatte er sich ganz in die Hand Gottes gegeben. Ass, was er dort fand: Heuschrecken und wilden Honig. Kleidete sich mit Häuten und Fellen der Wüstentiere. „Er ist d e r Prediger aus der Wüste, den Jesaja ankündigte.“, munkelten die Leute.
Wir Pfarrer und Pfarrerinnen können uns mit ihm nicht auf eine Stufe stellen. Sollte es unter uns zu prophetischen Aufwallungen kommen: Ein wirklicher Prophet ist niemals ein abgesicherter Kirchenbeamter mit Pensionsberechtigung! Er steht allein wie Johannes, setzt alles auf eine Karte, auch wenn er damit persönlich ins Risiko geht.
Auf den Punkt gebracht sagt er: „Wenn ihr an Gott glaubt, müsst ihr auch mit ihm rechnen! Wenn es Gott gibt, ist er nicht stumm wie ein Bettvorleger, sondern denkend, fühlend und wollend. ‚Ich werde sein, der ich sein werde‘, antwortete er, als Mose nach seinem Namen fragte.“ Gott – ein tätiges, aktives Ich.
Weil Gott nicht alles teilnahmslos an sich vorbeirauschen lässt, sondern die Dinge interessiert wahrnimmt, verglich Johannes ihn mit einem Obstbauern. Der pflanzt seine Bäume, hegt und pflegt sie für die Ernte. Dazu gehört auch, das die Bäume aussortiert werden, die keine Ernte mehr abwerfen. Johannes trug das breit auf. Man hört förmlich den harten Schlag der Axt, sieht das Feuer lodern und und spürt den Zorn über den missratenen Baum.
Indes Johannes war nicht nur Gerichtsprophet. Mit seinem eindrucksvollen grimmigen Getöse wollte er dem kommenden Herrn, der größer ist als er, dienen. Damit erfüllt er, was der Engel Gabriel seinen Eltern einst angekündigt hatte:
Euer Sohn Johannes „wird vor ihm hergehen…zu bekehren…die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein Volk, das wohl vorbereitet ist.“ (Lk 1, 17)
Weil er darauf hoffte, dass „alles Fleisch…das Heil Gottes sehen“ wird, fordert er zu einem reinigenden Tauchbad im Jordan auf. Hier wurden Sünden abgewaschen. Das bedeutete Vergebung. Umkehr. Ein neuer Anfang wurde möglich. Johannes war ein Brausekopf, aber einer von dem man sich abbrausen ließ.
Die Leute waren geistlich träge geworden. Sie dachten: „Uns kann nichts geschehen, wir sind Kinder Abrahams. Gehören zum Gottesvolk besiegelt durch die Beschneidung.“ Alle hatten sie Religionsunterricht gehabt, kannten Psalmen auswendig, hielten sich an fromme Riten und Gebräuche.
„Bildet euch darauf nichts ein. Wenn es sein muss, sucht Gott sich ein anderes Volk. Aus diesen Steinen könnte er dem Abraham Kinder erwecken! Die Abrahamskindschaft muss g e l e b t werden. Darauf kommt es an. Als eine leere Hülse gehört sie auf den Komposthaufen des Obstbauern.“
Der erste Gedanke: „Nein! Johannes führt Menschen zur Taufe – wir sind getauft. So what?“ – Johannes würde entgegnen: „Auch eure christliche Taufe will gelebt werden. – Wie die Abrahamskindschaft (samt Beschneidung) ist sie kein vererbbarer Gnadenschatz, kein ruhendes Kapital. Auch euch Christen steht Busse gut an – innere Sammlung, Umkehr aus dem Alltag, Abkehr von Fehlern, Hinkehr zu Gott.“
Ein anredender Impuls dafür ist das Weg-Wort Jesajas:
„Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden.“
Man stelle sich ein großräumiges Verkehrsprojekt mitten durch die Wüste vor. Nichts Brauchbares ist vorhanden. Kein fester Untergrund, keine plane Fläche. Alles hügelig, mal hoch, mal tief, mal Berg, mal Tal und muss nun überquert werden.
Aus unseren Breitengraden fällt mir dazu die neu eingeweihte Hochbrücke der B 50 über das Moseltal im Landreis Bernkastel-Wittlich ein. Sie ist 160m hoch und 1,7km lang; unter ihr hätte der Kölner Dom Platz. Für sie mussten 4,1 Millionen Kubikmeter Erde abgetragen werden. Um ein solches Ausmaß geht es.
Die innere Besinnung: „Bereitet dem Herrn den Weg, macht seine Steige eben“ ist mit einem so einem Mega-Bauwerk zu vergleichen. Buße – innere Sammlung ist seelische Arbeit. Umkehr, Vergebung, Abkehr von Fehlern, Hinkehr zu Gott. Wodurch versperre ich Gott den Weg zu mir? Wo liegen meine Blockaden und Riegel?
Liebe Orchestermusiker und -Musikerinnen, vielen Dank für das Violinenkonzert von Vivaldi, das ihr heute für uns aufführt. Sicher musiziert ihr auch im Weihnachtsoratorium. Dazu las ich neulich: Zur Zeit von Bach wurde das Weihnachtsoratorium in den sechs Gottesdiensten vom ersten Weihnachtsfeiertag bis zum Erscheinungfest gegeben. Nicht im Advent. Der war damals in Leipzig eine stille Zeit der Einkehr und Besinnung, eine Wüstenzeit im Sinne Johannes des Täufers. Ohne Glanz und Gloria.
Bei uns beginnt die Saison gleich nach dem Totensonntag. Mehrmals in jeder Woche steht das Weihnachtsoratiorium im Veranstaltungskalender der schönsten Chorkonzerte und erklingt in Kirchen und Konzertsälen. Weihnachten wird vorweggenommen. Auch mit Lichterbäumen, Lichterketten, Weihnachtsmärkten, überall Weihnachtsliedern, Weihnachtsmannmützen…Die Weihnachtszeit breitet sich aus, die Adventszeit flaut ab. Steht Johannes auf verlorenem Posten?
Wer will, kann ab Ende November aus dem Stand heraus feiern, so oft er möchte. Die ganze sogenannte Vorweihnachtszeit ist ein einziger abwechslungsreicher Einkaufs- und Vergnügungspark. Ein Lokal bei uns in der Nachbarschaft ist an jedem Abend ausgebucht. Der Kegelverein, der Hausfrauenverein, Nachbarschaften, Freundeskreise und so weiter. Alle treffen sich zum Gänsebratenessen. Am Heiligen Abend haben nur noch Würstchen mit Kartoffelsalat im Magen Platz.
Als wir unsere neue Küche bestellten – es war Ende November -, klagte der Verkäufer: „Bis Weihnachten muss ich täglich zehn mal ‚Stille Nacht‘ hören.“ Das tötet die Besinnlichkeit. Die Weihnachtszeit breitet sich aus, die Adventszeit flaut ab. Alle, die im vorweihnachlichen Hamsterrad stecken, wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht.
Zu Recht ruft Johannes zu einer Inventur vor dem Fest. Mit Ruhe und Zeit, um zu sich selbst zu kommen. Stille, aufbauende Adventsmomente. So wie dieser Gottesdienst. Vielleicht auch mit besonderer Musik?
„Was sollen wir tun?“, fragten die neu Getauften. Johannes holt niemanden zu sich in die Wüste. Er will nicht kopiert werden. Im Gegenteil! Er schärft ihren Blick für aktuelle Nöte und Missstände dort, wo sie wohnen. Er konzentriert sich auf drei Bereiche:
Der erste Rat gilt allen: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, der tue ebenso.“ – Jeder Mensch braucht etwas anzuziehen und etwas zu essen. Wo das fehlt, ist sofortige Hilfe geboten.
Was sollen wir tun? – Menschen in der Not beistehen! Ich denke dabei an die Notübernachtung im Nachtcafé der Kirchengemeinde Zum Guten Hirten, an den Kältebus der Stadtmission und an die offenen Weihnachtsfeiern am Heiligen Abend…
Der zweite Rat geht an die Zöllner: „Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!“ – Die Zollpächter verauslagten dem Staat eine hohe Summe und trieben sie bei den Passanten als Zoll ein. Mit üppigen Aufschlägen. Wer konnte schon lesen oder schreiben?
Was sollen wir tun? – Gegen betrügerische Bereicherung auf der Hut sein: Wie war das mit der Wurstfabrik? Der Schimmel wurde abgekratzt und die Wurst neu verpackt. Oder bei der AWO in Frankfurt und Wiesbaden? In wessen Taschen flossen überhöhte Gehälter und Spesen?
Der dritte Rat geht an die Soldaten: „Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!“ Soldaten plünderten, erpressten, marodierten. Damals. Auch heute noch.
Was sollen wir tun? – Wachsam sein im Blick auf die verbreitete Übergriffigkeit: Von Starken an Schwachen, von Männern an Frauen, von Erwachsenen an Kindern!
Welche Ratschläge würde uns Johannes darüber hinaus geben?
Johannes ruft zur Inventur vor dem Fest:
Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Adventszeit!
9)Wenn ihr also mit dem Mund bekennt: „Jesus ist der Herr“, und im Herzen glaubt, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, werdet ihr gerettet. 10)Wer mit dem Herzen glaubt, wird von Gott als gerecht anerkannt; und wer mit dem Mund bekennt, wird im letzten Gericht gerettet. 11)So steht es ja in den Heiligen Schriften: „Wer ihm glaubt und auf ihn vertraut, wird nicht zugrunde gehen.“ 12)Das gilt ohne Unterschied für Juden und Nichtjuden. Sie alle haben einen und denselben Herrn: Jesus Christus. Aus seinem Reichtum schenkt er allen, die sich zu ihm als ihrem Herrn bekennen, ewiges Leben. 13) Es heißt ja auch: „Alle, die sich zum Herrn bekennen und seinen Namen anrufen, werden gerettet.“
14)Sie können sich aber nur zu ihm bekennen, wenn sie vorher zum Glauben gekommen sind. Und sie können nur zum Glauben kommen, wenn sie die Botschaft gehört haben. Die Botschaft aber können sie nur hören, wenn sie ihnen verkündet worden ist. 15)Und sie kann ihnen nur verkündigt werden, wenn Boten mit der Botschaft ausgesandt worden sind.
Aber genau das ist geschehen! Es ist eingetroffen, was vorausgesagt war: „Welche Freude ist es, wenn die Boten kommen und die Gute Nachricht bringen!“ 16)Doch nicht alle sind dem Ruf der Guten Nachricht gefolgt. Schon der Prophet Jesaja sagt: „Herr, wer hat schon unserer Botschaft Glauben geschenkt?“ 17)Der Glaube kommt also aus dem Hören der Botschaft; die Botschaft gründet in dem Auftrag, den Christus gegeben hat.“ (Röm 10,9-17)
Mag eine Kirche für den Kulturwissenschaftler ein „Repräsentationsort von Erinnerungen“ – auf gut Deutsch: Ein Museum – sein. Beachtet man, was sich in ihr abspielt, trifft es besser sie Anbetungsort zu nennen. In ihr wird mit dem Munde bekannt, mit dem Herzen geglaubt und Jesus als der Christus oder der Kyrios angerufen. Wie wir es heute in diesem Gottesdienst tun.
Wie finde ich heraus, dass eine Kirche für mich kein Museum ist? Wie sind Sie, liebe Schwestern und Brüder, zu diesem Anbetungsort gelangt? Was hat sie bewogen, sich unserer Gemeinde anzuschließen? Darum geht es heute: Woher kommt der Glaube?
Die Antwort des Paulus: „Der Glaube kommt aus dem Hören der Botschaft!“
An erster Stelle steht die Botschaft. Deshalb wird im Gottesdienst von der Kanzel ein Predigttext verlesen. Als der Predigt vorgegebene Botschaft, um die es an diesem Sonntag gehen soll.
Paulus umreißt die christliche Botschaft in einem genialen Bogen:
Eine rundum Frohe Botschaft, eine Gute Nachricht, eben Evangelium! Wie kamen Sie mit der Frohen Botschaft in Berührung?
Bei mir war es in einer Vertretungsstunde in der 10. oder 11. Klasse. Durch die Tür kam der Religionslehrer, und wie üblich wurde etwas vorgelesen. In diesem Fall eine Predigt von Helmut Thielicke (1908-1986) über den „verlorenen Sohn“, die mich stark ansprach. Nach und nach kaufte ich Thielickes Predigtbände und zehrte davon, besonders von seiner Auslegung des Glaubensbekenntnisses.
Meine Frau liebte als Kind das Buch „Schild des Glaubens“ mit seinen einprägsamen schwarz-weiß Bildern. Aus ihm wurde vorgelesen. Sie besuchte gern den Konfirmandenunterricht. Er wurde von einer Pfarrerin gehalten. Das war in den 60ern etwas Besonders.
Vermutlich dachte Paulus hier an sich selbst. Dazu hatte er allen Grund: Er wusste sich von Christus selbst ausgesandt. Davon zeugte der ihm auf den Leib geschneiderte Titel „Apostel“ von dem griechischen Verb apostellein – aussenden abgeleitet. Als Bote Jesu Christi war er sein Leben lang im Dienste des Evangeliums unterwegs.
Der Bote steht mit seiner ganzen Person für die Botschaft ein. Aber er schöpft nicht aus sich selbst. Er ist ihr Überbringer. Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, der er dient. Paulus war da, wo die Menschen sind, mit der Botschaft von Jesus Christus.
Durch ihn mobilisiert und in seine Sendung eingeschlossen, waren zahlreiche Boten und Botinnen, Frauen und Männer, deren Namen wir nicht mehr kennen. Sie sagten mit ihren Worten weiter, was sie sie durch Paulus empfangen hatten. Sie lebten das Evangelium in einer anders gepolten Gesellschaft. Auf diese Weise multiplizierte sich das junge Christentum.
Kommen wir zurück nach Berlin: Wer war für Sie Bote oder Botin des Evangeliums? Ihre Eltern? Ein Freund oder eine Freundin? Über den persönlichen Bereich hinaus gibt es in der Gesellschaft eine breit aufgestellte „Kommunikation des Evangeliums“, wie man heute sagt. Kindergarten, Schule, Krankenhaus, Radio, Fernsehen. Und nun auch im Internet:
„Wir leben in einem digitalen Zeitalter. Das Internet nicht zu nutzen, wäre so, als hätten wir vor fünfhundert Jahren auf den Buchdruck verzichtet und stattdessen per Hand weitergeschrieben,“ so Pfarrer Gunnar Engel (32) aus Wanderup in Schleswig-Holstein.
Seit es auf Instagram, Twitter und Youtube „Gottes-Influencer“gibt, zeigen dort auch Theologiestudenten, Pfarrerinnen und Pfarrer Präsenz. Sie stellen sich persönlich vor, berichten über ihre Arbeit und angesagte Themen. Mit ihren Followern halten sie persönlichen Kontakt.
Zum Boten und der Botschaft kommt als Dritter der Hörer. Wie kommt die Botschaft bei ihm an? Was macht er aus ihr? Schon der alte Jesaja klagte: „Herr, wer hat schon unserer Botschaft Glauben geschenkt?“
Der Journalist und Autor Sascha Lobo (44) im Fernehen an seinem roten Hahnenkamm zu erkennen wurde von der Zeitschrift Chrismon gefragt: „Haben Sie eine Vorstellung von Gott?“
„Nein. Ich bin kein religiöser Mensch. Ich habe meine spirituellen Seiten, eine Art Hintergrundrauschen, denn es gibt vieles, das ich nicht begreife: die Größe und Großartigkeit des Universums. Oder die Evolution, die hinter dem Leben steht. Aber ich bin neugierig und will etwas wissen – das ist mein innerster Kern, und er bedeutet letztlich auch Ungewissheit. Wenn der ersetzt würde durch eine Gewissheit des Glaubens, dann wäre ich nicht mehr ich.“
Anders der Maler Norbert Bisky (49). Er überlegt, sich taufen zu lassen: „Ich stamme von Kommunisten ab, wo es andere Arten von Taufe gab, eine andere Religion. Ich bin, glaube ich, ein sehr, sehr religiöser Mensch. Wir leben in einer krassen Zeit, in der viele Konflikte gerade unheimlich an Fahrt aufnehmen“. Kirchen sind seiner Ansicht nach „extrem aktuell und wichtig“ als Orte, wo Leute zusammenkommen und zu kommunizieren versuchen über das, was passiert.
Wie wird man religiös? Wie kommt es, dass sich Menschen der Botschaft öffnen? Es liegt an anregenden Begegnungen, gewiss. Paulus weist von sich weg. Er sieht Jesus Christus selbst dabei am Werk.
In seinem Brief an die Gemeinde in Thessaloniki dankt er dafür, dass seine Verkündigung dort nicht als Menschenwort, sondern als Gottes Wort aufgenommen wurde. (1. Thess 2,13) Seine Worte wurden durch Gott selbst beglaubigt. Daran liegt es, dass sie Menschen berührten und Zustimmung fanden.
Wir verfügen nicht mehr über die herzhaft-fromme Sprache der Bibel. Dass wir die Stimme Christi hören, kommt nicht leicht über unsere Lippen. Mir hat die Idee geholfen:
Unser Leben wird vorwärts gelebt, aber es kann nur in der Rückschau verstanden werden.
Von einem morgendlichen Weckerklingeln zum nächsten sieht man oft vor lauter Bäumen nicht mehr den Wald. Man ist damit beschäftigt, durch die Woche zu navigieren. Aus der Rückschau fällt es mir leichter, Spuren Gottes in meinem Leben zu entdecken. Welchen Einfluss er auf mich hatte und wie er ihn ausgeübte. Dazu gehörte der Weg zum Glauben und das Dabeibleiben. Das beides gelingt ist nicht selbstverständlich.
„Jeder hat seinen Glauben.“, hört man oft, und das stimmt auch. Paulus greift das nicht auf wie das ein Weisheitslehrer tun würde. Ihm geht es darum, Jesus Christus bekannt zu machen. Glaube ist für ihn Glaube an Jesus Christus. Er versetzt in eine Bewegung im Herzen, die den ganzen Menschen ergreift und sein Leben verändert.
„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über,“(Mt 12, 34b) gilt hier.
Wer mit dem Herzen glaubt, entdeckt, dass die Auferweckung Jesu Christi von den Toten ist eine Heilstat ist. Der Tod samt all dem Leid, das er mit sich bringt, hat nicht die letzte Macht. Zieht die österliche Freude in das Herz ein, dann spüre ich , wieviel Jesus mir bedeutet, dass er mir lieb und wert ist. Ich kann auf ihn vertrauen, und er lässt mich nicht zugrunde gehen.
Der Mund spricht aus, wovon ich im Herzen überzeugt bin. Unser Gottedienst ist ein Ort, wo die Sprache des Glaubens gesprochen wird: Das Glaubensbekenntnis ebenso wie verschiedene Anrufungen Jesu Christi.
Ein Beispiel aus dem 1. Jahrhundert:
Kyrie eleison – Herr, erbarme dich, Christe eleison – Christus, erbarme dich, Kyrie eleison -Herr, erbarme dich
Ein Beispiel aus dem 17. Jahrhundert:
Schönster Herr Jesu, Herrscher aller Herren, Gottes und Marien Sohn, dich will ich lieben, dich will ich ehren, meiner Seele Freud und Kron.
Und ein Beispiel aus Taizé (20. Jahrhundert):
Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke mein Licht Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.
Zwei im Internet aktive Geistliche bewerten den Gottesdienst unterschiedlich:
Der Pfarrer aus Schleswig-Holstein: „Den Gottesdienst können soziale Medien nicht ersetzen. Gottesdienst ist mehr als eine Predigt, einige Lieder und am Ende ein Amen’“. Genauso wichtig sei das geistliche Geschehen und die Gemeinschaft.
Eine Pfarrerin aus Berlin dagegen, der Gottesdienst stelle für sie nicht mehr das Zentrum der evangelischen Kirche dar. „Gerade Jugendliche brauchen ein ganz anderes Angebot.“ Grundsätzlich glaube sie auch nicht, dass man in die Kirche gehen müsse, um ein Christ zu sein.
Für Paulus stiftet die Zugehörigkeit zu Christus auch eine Zusammengehörigkeit der Christen. Wer mit dem Herzen glaubt und mit dem Munde bekennt, sucht den Austausch mit den Schwestern und Brüdern im Glauben. So traf man sich überall zu gottesdienstlichen Versammlungen mit dem Herrenmahl im Zentrum. Durch das gemeinsame Mahl wurde die Gemeinschaft mit Christus und untereinander intensiviert. Der Gottesdienst ist gewiss nicht der einzige Ort, an dem man zum Glauben kommen kann und wo man Glauben leben kann. Er ist aber für das Christsein unverzichtbar.
Woher kommt der Glaube? Wie wird die Kirche für mich zu einem Ort der Anbetung? Wie kommt, es dass Menschen religiös sind und die Taufe begehren?
Dazu Paulus:
Die Kurzfassung fünfmal B:
Botschaft – Bote – Beglaubigung – Bewegung – Beisammensein.
36)Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37)Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.
38)Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.
39)Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis; Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? 40)Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister.
41)Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? 42)Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen. (Lk 6,36-42)
„Tod durch Giftspritze“, titelte eine Zeitung am Tag nach dem Rücktritt von Andrea Nahles. Die erste Frau im Amt der Parteivorsitzenden der SPD hatte nach nur 15 Monaten das Handtuch geworfen. Sie war gewiss nicht dünnhäutig, durchaus hart im Geben und Nehmen. Aber in einer Fraktionssitzung war selbst ihre Schmerzgrenze erreicht. Eine Aussprache war umgeschlagen in schonungslose Attacken: Ihre Auftritte – lächerlich! Sie selbst – unbeliebt!
Gegen Beleidigung und Niedermachen mahnt Jesus: Richtet nicht!
Gegen Häme und Bedrohung mahnt Jesus: Verdammt nicht!
Tod durch Kopfschuss. Es kommt noch schlimmer!
Auf Walter Lübcke, den Regierungspräsidenten von Kassel, prasselten seit drei Jahren Hassbotschaften ein. Weil er sich energisch für Flüchtlinge einsetzte. Das gehörte für ihn zum hohen C in der CDU. Darunter waren auch Morddrohungen. Seine Privatadresse kursierte im Netz. Bis jemand die Waffe gegen ihn erhob und abdrückte. In der Nacht zum 02.06.2019 wurde er tot auf der Terrasse seines Hauses in Istha aufgefunden.
Als Antwort darauf ermitteln neuerdings Staatsanwälte gegen Hetze im Netz. Unter dem Motto „Verfolgen statt nur Löschen“ wird geklärt, wer dahinter steckt. Strafbare Äußerungen werden angezeigt und strafrechtlich verfolgt. Ein erster wichtiger Schritt.
Dringend erforderlich ist ein anderer Umgang miteinander, eine „Kultur der Barmherzigkeit“. Jesus nennt drei Bausteine einer solchen Kultur:
Jesus spielt hier auf die Erzählung von dem Bund Gottes mit Noah im 1. Buch Mose an. Er lenkt unseren Blick auf den Himmel:
Am Himmel zeigt sich die Sonne: Sie scheint über Böse und Gute. (Mt.5,45)
Aus dem Himmel strömt das kostbare Nass. Es geht auf Gerechte und Ungerechte nieder. (Mt. 5,45) Dazu ein Sprichwort aus dem Talmud: Der Regen ist ein größeres Wunder als die Auferstehung der Toten. Warum? Es regnet über Gerechte und Ungerechte. Auferstehen werden nur die Gerechten. Gott bewässert auch die Gärten der Ungerechten. Welch ein Wunder!
„Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22) Gott garantiert den Naturkreislauf und die Konstanten, die Leben ermöglichen.Und das, obwohl er weiß „das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend“ (1. Mose 8,12) Trotz allem erträgt die Gott die Menschheit. Er lässt die Sünder nicht fallen. Er will der Schöpfer aller Menschen sein, auch derer, die sich von ihm abgewendet haben.
Am Himmel zeigt sich der Regenbogen (1. Mose 9,13ff) als vergewisserndes Zeichen. Gott hat seinen Kriegsbogen für alle sichtbar an den Nagel gehängt. Er braucht ihn nicht mehr. Er schließt vernichtendes Handeln aus.
So ist der Himmel ein Spiegel von Gottes Nachsicht! Gott erweist seine Barmherzigkeit darin, dass er ohne Ansehen der Person allen Menschen Sonnenlicht, Regen und den Wechsel der Jahreszeiten zukommen lässt. Mit großer Frustrationstoleranz, ohne dazwischenzufahren, ohne zu richten oder zu verdammen, solange die Erde steht.
Unsere Beziehung zu Gott wird dadurch wahrnehmbar, dass der Richtgeist verstummt. Wenn Gott beide, die Guten wie die Bösen, die Gerechten ebenso wie Ungerechten erträgt, sollten wir das auch tun. Nicht richten und nicht verdammen.
Die Gräben in der Gesellschaft sind tief zwischen Mietern und Vermietern, zwischen Arm und Reich, zwischen Umweltaktivisten und Energieversorgern, zwischen denen, die „refugees welcome“ rufen, und denen, die das ablehnen. Diese Gegensätze bieten einen Nährboden für Hetze, Verteufelung und Bedrohung. Populisten sind immer die anderen.
„Gott liebt jeden Menschen so, wie er ist.„, wird gern gehört und oft gepredigt. Folgt daraus: „Ich bin, wie ich bin und bleibe, wie ich bin?“ N e i n ! Denn Jesus sagt: „Mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen“:
Also keine bedingungslose Anerkennung für alles, was mir gerade einfallt. Es macht einen Unterschied, ob ich gebe und vergebe oder ob ich richte und verdamme.
Die Giftspritze gehört in den Abfalleimer! Der Richtgeist hat sich zu verdrücken!
Jesus will die Menschen in Bewegung bringen: Weg vom Richten hin zum Vergeben! Weg vom Verurteilen hin zum Geben! Auch weg von Überheblichkeit und Heuchelei! Davon hören wir jetzt:
Hinter unserm Richten und Verdammen stecken Überheblichkeit und Heuchelei.
Blinde Blindenführer sind wir: Wer selber blind ist, kann doch keinem anderen den Weg weisen! Wie soll das funktionieren?
Jesus liegt es fern, Behinderte zu diskriminieren. Er will sagen: Keiner steht über dem Anderen. Alle verdanken wir unser Leben Gott, der es mit Sonne, Regen und den Jahreszeiten ermöglicht. Keiner hat das Recht, andere in die Pfanne zu hauen, sie herabzusetzen und zu mobben.
Mit dem Wort vom Splitter und dem Balken habe ich neulich eine besondere Erfahrung gemacht. An heißen Sommertagen bin ich gern in der kühlen Frühe vom Goldenen Hirsch in Schöneberg bis zum Fennsee in Wilmerdorf zügig unterwegs. Am bisher heißesten Tag um 6:30 Uhr traute ich meinen Augen nicht – eine Ausnahmeerscheinung: ein Dreierteam Parkwächterinnen und Parkwächter auf Streife…
Um diese Zeit ein Großeinsatz, um die Einhaltung des Gesetzes über geschützte Grünanlagen zu überwachen??
„Eigentlich hättest Du sagen müssen: ‚Kommen Sie doch Abend oder am Wochenende vorbei, wenn hier was los ist.‘“ Während ich noch grübelnd die Fußgängerbrücke über die Bundesallee überquere, stieß ich auf ein Parkwächter-Duo.
Ich spitze meine Lippen...“Wie war das doch gleich mit dem Splitter und dem Balken? Also schweig lieber still!“
Zur Erklärung: Vom Weg erhitzt hatte ich mein T-Shirt in der Hand und nicht am Körper. Ich wollte nicht die Ansage provozieren: „Ziehen Sie sich erst mal ihr Hemd an, wenn Sie mit uns sprechen.“ Wie will man eine uniformierte Amtsperson tadeln, wenn man selbst obenherum nackt ist.
Redliche Selbstwahrnehmung ist gefragt. Unser Leben ist ein Lernprozess. Niemand ist gefeit vor Irrtümern und Fehlern. In der Schule, im Studium, beim Sport, am Arbeitsplatz und überhaupt – im Umgang mit anderen Menschen. Auch wenn man über 70 ist, hat man nicht ausgelernt. Nur, wer auch sich selbst gegenüber kritisch ist, sollte andere kritisieren. Alles andere ist Heuchelei.
Die Worte Jesu enthalten ein Kontrastprogramm zu Beleidigung und Häme, Bedrohung und Verteufelung samt all den schlimmen Folgen, unter denen wir in diesen Tagen leiden.
Jesus nennt drei Bausteine einer Kultur der Barmherzigkeit:
Jesus will uns nicht zu stummen Fischen erziehen. Zu einer Kultur der Barmherzigkeit gehört auch Kritik. Ehrliche und sachliche Kritik dort, wo es erforderlich ist. Im Sinne von Mt. 18,15: „Sündigt aber dein Bruder, so geh hin und weise ihn zurecht“. Aber davon ein andermal.
9)Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria Magdalena von der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte. 10)Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten. 11) Und als diese hörten, dass er lebe und ihr erschienen sei, glaubten sie nicht. 12)Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie aufs Feld gingen. 13)Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht.
14)Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen. 15)Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. 16)Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. 17)Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, in neuen Zungen reden, 18)Schlangen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden; Kranken werden sie die Hände auflegen, so wird’s gut mit ihnen.
19)Nachdem der Herr mit ihnen geredet hatte, wurde er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes. 20)Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mit folgenden Zeichen.
Wir beschäftigen uns heute mit einem Überblick über die wichtigsten Ereignisse des Ostertages: Als Leitfaden dient der Schluss-Abschnitt des Markusevangeliums. Er berichtet, wie der Osterglaube entstanden ist, wie er weitergegeben werden soll und wie er wirkt. (Mk 16,9-20)
Johannes Fried (geb.1942) zufolge wurde er von Joseph von Arimathäa und Nikodemus erfunden, um das Verschwinden Jesu zu kaschieren. „Kein Tod auf Golgatha“, so lautet der Titel seiner in diesem Jahr erschienen Abhandlung. Der emeritierte Professor für mittelalterliche Geschichte legt folgendes dar: Jesus habe die Kreuzigung flach atmend überlebt, wurde in der Grabanlage des Joseph von Arimathäa gesundgepflegt und floh vor der römischen Justiz aus dem Reich über den Euphrat nach Edessa (Sanliurfa im heutigen Anatolien). Dort wirkte er unbehelligt bis zu seinem Tode.
Sein Leben rettete der Lanzenstich der Soldaten. Unbeabsichtigt wurde Jesus dabei punktiert. Blut und Wasser, die sich in der Lunge gestaut hatten, konnten abfließen. Die Punktierung der Pleurahöhle ist heutzutage eine gängige Massnahme zur Rettung von Unfallopfern.
Bestätigt sieht sich Johannes Fried durch die Ebioniten, eine christliche Gruppe, die in Jesus nur den Menschen und nicht den auferstandenen Gottessohn sahen. Kein Tod auf Golgatha konstatiert auch der Koran. Ihm zufolge wurde Jesus nicht gekreuzigt, sondern bewahrt und entrückt (Sure 4).
Aber: Kann man einen zweitausend Jahre alten Vorfall medizinisch rekonstruieren? Bietet die Öffnung der Seitenwunde, die allein im Johannesevangelium überliefert ist (Joh. 19,34), dafür einen sicheren Anhalt?
Ist es vorstellbar, dass Jesus, der sich aus freiem Willen dem Leiden unterworfen hatte, bis nach Edessa flieht, um dem Leiden zu entkommen? Dass er aus der Ferne verfolgt, wie die Jünger den Glauben an ihn verkünden?
Nach dem, was wir eben aus dem Markusevangelium gehört haben, waren die Elf versteinert vor Kummer; die Augen voller Tränen. Die Ohren verstopft. Was man ihnen von Jesus zutrug, prallte ab. Maria Magdalena traf ein: „Jesus lebt!“ Sie regten sich nicht. Die beiden aus Emmaus waren suchten trafen ein:„Jesus lebt!“. Sie regten sich nicht.Wenn Joseph von Arimathäa und Nikodemus auch noch eingetroffen wären, hätte das nichts geändert. Durch Zuruf finden die Elf nicht zum Osterglauben
Jesus tadelte später die Art und Weise, in der sie die arme Maria Magdalena und die beiden Emmaus-Leute abgebürstet hatten. Er „schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen“ (Mk 16,14).
Als der Auferstandene in ihre Mitte trat, löst das zunächst eine Panik aus: „Ein Totengeist! Ein Totengeist! Was führt er im Schilde?“ Sie erholten sich erst langsam, als er ihnen seine Wundmale zeigte. Durch die Wunden, die ihm am Kreuz zugefügt worden waren, konnten sie ihn identifizieren. Im Lukasevangelium wird geschildert, wie lange es dauerte, bis die Jünger mit der Erscheinung des Auferstandenen zurechtkamen (Lk 24,36-49).
Jesus selbst stellt die Weichen für die Zukunft: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden“.
Die Jünger werden beauftragt zu predigen und zu taufen. Jesus schwebt dabei eine zündende Verkündigung vor, die beim Hörer eine Reaktion auslöst. Die Nachricht von Jesus verbunden mit der Aufforderung, sich ihm dem Auferstandenen anzuvertrauen. Viele gewannen dadurch Jesus lieb und glaubten an ihn, ohne ihn zu sehen, wie es der erste Petrusbrief ausdrückte (1. Petr 1,8). Der überschaubare Kreis der Augenzeugen weitet sich zur weltweiten Kreis der Glaubenden.
„Ostern ist der Sieg des Lebens über den Tod.“ Diese eingängige Formel finde ich weder zündend noch komplett. Gesiegt hat nicht „das Leben“ – wie sollte es das? – sondern eine Person: Jesus Christus. Und er ist nicht in unser Leben zurückgekehrt, sondern er wurde auferweckt zu einem neuen Leben in einer anderen Dimension.
In der frühen Kirche wurde dieses Glaubenslied geschmettert:
ER IST DER ANFANG,
der Erstgeborene von den Toten,
damit er in allem der Erste sei.
Denn es hat Gott wohlgefallen,
dass in ihm alle Fülle wohnen sollte,
und dass er durch ihn alles mit sich versöhnte,
sei es auf Erden oder im Himmel,
indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.
(Kol 1,18b-20)
Jesus ist der Erstgeborene von den Toten. Er hat die Schranken des Todes für sich und die Seinen durchbrochen. Er bringt neues, unvergängliches Leben. Sein Kreuz hat versöhnende Kraft. Er soll in allem der Erste sein.
Getauft wurde, wer diesen Glauben teilte. Das ist ein Merkposten für die bei uns übliche Säuglingstaufe. Der bloße Vollzug der Taufe bleibt unvollständig, bis der Täufling selber zum Glauben findet.
Jesus wird die Seinen schützen und bewahren, mit ihnen wirken und ihre Verkündigung bekräftigen.
In seinem Namen werden sie sich über schlimme Geister behaupten:In der Apostelgeschichte wird berichtet, wie Philippus Besessene, Gelähmte und Verkrüppelte heilt (Apg 8,7). Paulus befreit eine Magd vor einem sogenannten Wahrsage-Geist (Apg 16,18).
In seinem Namen werden sie in neuen Sprachen sprechen: Dabei denken wir an das Pfingstfest. Die Menschen aus fernen Ländern werden in ihrer Muttersprache angeredet, ohne dass die Apostel vorher Sprachkurse absolviert hätten (Apg 2,4).
In seinem Namen finden sie Schutz: In Malta verbeißt sich eine Schlange im Arm des Paulus, als er Feuerholz sucht. Es gelingt ihm, sie abzuschütteln. Ihr Gift tötet nicht (Apg28,1-6).
In seinem Namen werden Kranke geheilt: Im Jakobusbrief heißt es: „Ist jemand unter euch krank. Der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit dem Öl im Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten“ (Jak 5,14f.).
Jesus kann exzeptionell wirken und hat es immer wieder getan. Das Sensationelle und Außergewöhnliche steht bei ihm aber nicht im Mittelpunkt. Er verweigert das Schauwunder, als der Versucher ihm empfiehlt, sich von der Zinne des Tempels zu stürzen. Vorrangig wirkt Jesus scheinbar unspektakulär:
Durch sein heilsames Wort bringt er uns zurecht aus Zweifel und Angst.
Durch sein heilsames Wort bringt er uns zurecht aus Verbitterung und Jähzorn.
Durch sein heilsames Wort bringt er uns zurecht aus Geltungssucht und Verzagtheit.
Durch sein heilsames er bringt uns zurecht aus Unglauben und Kleinglauben.
Ich möchte noch erzählen, wie ich das Bewahrt-werden-durch-Jesus erlebt habe:
Zuerst denke ich an eine liebe alte Dame, die kürzlich verstorben ist. Sie hielt sich zur Gemeinde, wir waren gut bekannt. Bei meinem letzten Besuch befand sie sich auf einer Palliativstation in einem freundlichen Zimmer mit Blick ins Grüne. Dort saß sie und erzählte lebhaft wie immer. Sie wusste, was ihr bevorstand. „Ich weiß, ich habe eine Heimat.“
Ich denke auch an den Anruf vom Donnerstag. „Sind sie Herr Hövermann?“ „Ja.“ „Ihr Namen steht mehrfach im Telefonbuch. Nennen Sie bitte Ihre Kontonummer. Ich habe im Automaten auf dem U-Bahnhof Bayerischer Platz eine EC-Karte gefunden.“ ich griff in meine Hosentasche. Tatsächlich die EC-Karte fehlte. Vor einem längeren Spaziergang im Volkspark hatte ich mich auf dem U-Bahnhof mit Fahrkarten für den Abend eingedeckt. Und nun, bevor ich es noch bemerkte, meldete sich schon eine freundliche Finderin. Sie wohnte in einer Nachbarstraße, wo ich die Karte gleich abholen konnte. „Ich möchte mich Ihnen gern erkenntlich zeigen.“ „Aber nein doch, ist nicht nötig. Passen Sie nächstes Mal besser auf!“
„Kein Tod auf Golgatha“ postuliert der Autor Johannes Fried Ostern 2019. Also auch keine Auferstehung. Der Osterglaube ist erlogen.
Demgegenüber sagt die Bibel: Was man den Jüngern von Jesus zutrug, prallte an ihnen ab. Ihr Glaube entstand durch die Begegnung mit dem Auferstandenen. Weitergegeben wurde der Glaube durch die Verkündigung, belobigt durch die Zusage Jesu, „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“(Joh 20,29)
Auf vielfältige Weise schützt und bewahrt der Auferstandene von da an die Seinen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine frohe Osterzeit!
1)Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. 2)Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. 3)Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. 4)Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“
5)Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels 6)und sprach zu ihm : Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab, denn es steht geschrieben: „Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“ 7)Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.“
8)Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. 10)Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“ 11)Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.vv8)Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. 10)Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“ 11)Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm. (Mt 4,1-11)
Wir sollten uns nicht darüber wundern, dass Jesus seine Taufe nicht groß feiert. – Bei Johannes am Jordan sammelten sich Nonkonformisten. Jeder kam für sich. Insgesamt eine stattliche Zahl, aber eben kein Familienfest.
Wir sollten uns auch nicht darüber wundern, dass Jesus nach seiner Taufe ausgerechnet in die Wüste strebt. – Johannes war Asket, „Schutzpatron für Fastenzeiten und Wüstentage“. Gerade die karge Wüste ist für ihn der Ort der inneren Sammlung. Hier gibt es nichts, was ablenken oder aufregen könnte, keine Paläste, keinen Handel und Wandel. Auch keine Annehmlichkeiten, die die Sinne betören. Neues Gottvertrauen findet man in der Wüste, nicht in der Stadt.
Aus diesem Grund bereitet sich Jesus in der Wüste fastend und betend auf den neuen Lebensabschnitt vor, der mit der göttliche Proklamation bei seiner Taufe eingeläutet wurde: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Jesus ist zu einem Leben als Sohn Gottes in der Öffentlichkeit bestimmt. Wie bewältigt man das?
Seine Einkehr und Besinnung werden behelligt! Ein fremder Wille funkt dazwischen und versucht, sich seiner Person zu bemächtigen. So wird die Wüste für Jesus zu einem Ort der Erprobung und Bewährung wie das einst für Israel der Fall war.
In der 40jährigen Wüstenwanderung lernte das Volk, unter schwierigen Bedingungen sich ganz und gar auf Gott zu verlassen. Mose erinnert das Volk daran:
„Und gedenke des ganzen Weges, den dich der HERR, dein Gott, geleitet hat diese vierzig Jahre in der Wüste, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit kundwürde, was in deinem Herzen wäre, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht.“ (5.Mose 8,2)
Jesus steht das unmittelbar vor Augen. Die Erfahrungen der Wüstenwanderung helfen ihm, den drei vermeintlich erfolgversprechenden Vorschlägen desTeufels entgegenzutreten.
Der Versucher packt ihn bei seinem nagenden Hunger: „Merkst du nicht, dass auf Gott kein Verlass ist? Er lässt dich hier glatt verhungern. Du musst für dich selber sorgen: Ein einziger Wink und dieser Felsbrocken wird zu einem duftenden Brot! Im Übrigen solltest du ein Leben führen, das deinem Rang entspricht, so wie der Hohepriester in Jerusalem, der Statthalter in Caesarea oder besser noch wie der Kaiser selbst in Rom! Nicht nur, ohne Hunger und Durst zu leiden, sondern mit einem Palast, einem Hofstaat, Gepränge und allen Annehmlichkeiten, die die Welt zu bieten hat.“
Jesus schöpft er aus dem Gedanken Kraft, dass Gott das Volk in der Wüste auch in den schlimmsten brotlosen Tagen versorgte. Er beruft sich auf die Tora:
Der HERR „ließ dich hungern und speiste dich mit Manna, das du und deine Väter nie gekannt hatten, auf dass er dir kundtäte, dass der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN geht.“(5. Mose 8,3)
„Wenn du dermaßen fromm bist“, klinkt sich die intelligente und suggestive Macht sofort ein, „kannst du davon kolossal profitieren. Komm mit nach Jerusalem zum Tempel. Ich werde dir zeigen, wie das geht.“
Auf der Südseite vom Kidrontal aus bot der Tempelbezirk einen imposanten Eindruck. Die Zinne auf der Ostseite am Ende der königlichen Halle thronte etwa 80m über dem Tal. Der Teufel wurde ganz feierlich und zitierte seinerseits aus der Tora:
„Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab, denn es steht geschrieben: ‚Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.’“
Auf der Stelle kontert Jesus mit dem Vers: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen wie ihr ihn versucht habt in Massa.“ (5. Mose 6,16)
Der Vorschlag des Teufels klingt harmlos, hat es aber in sich: Jesus soll Gott, den Vater, herbeizitieren; ihn nötigen, sogleich auf seine Seite zu treten. Dafür bietet die Wüstenwanderung Israels ein Exempel: Massa. Bei extremer Hitze ohne einen Tropfen Wasser wurde Gott ein Ultimatum gestellt. Es fielen Worte wie:
„So geht es nicht mehr weiter! Sollen wir hier sterben?“
„Wenn er unter uns ist, muss er augenblicklich für Wasser sorgen! Sonst wenden wir uns von ihm ab.“ Ein Ultimatum! Gott wird herbeizitert.
„Wir wollen wissen: ‚Ist der HERR unter uns oder nicht.’“ (2. Mose 17, 7)
Der Vorfall ging noch einmal glimpfliche aus. Gott wies Mose an, mit seinem Stab an einen Fels zu schlagen, der daraufhin erfrischendes Wasser spendete. Im Gedächtnis aber blieb haften, dass Gott sich ultimative Forderungen verbittet und sie gegebenenfalls ahndet.
„Alle Männer, die meine Herrlichkeit und meine Zeichen gesehen haben, die ich getan habe in Ägypten und in der Wüste, und die mich nun zehnmal versucht und meiner Stimme nicht gehorcht haben, von denen soll keiner das Land sehen, das ich ihren Vätern zu geben geschworen habe.“ (4. Mose 14, 22f.)
Gott will nicht herbeizitiert werden! Jesus geht deshalb zurückhaltend mit Wundtaten um. Er will ein Prediger sein, kein Heiler. Wenn diesbezüglich ein Missverständnis droht, entzieht er sich der Menge. „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“, ist nicht sein Motto.
Erneuter Ortswechsel. Diesmal auf einem Berggipfel. Einst zeigte Gott Mose das gelobte Land, nun weist der Teufel auf die Länder der Erde. Erbietet Jesus seine Dienste an, Herr der Welt zu werden.„Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“ Im Klartext: Sprich die Sprache der Gewalt, und alle werden dich im Nu verstehen.
Jesus weist ihn von sich: „Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: ‚Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.’“
Am Heiligen Abend singen die Engel „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“ Gott anzubeten und für den Frieden auf Erden einzutreten, gehört für Jesus zusammen. Er will keine Untertanen, sondern Getreue, Menschen, die sich auf ihn verlassen. Sein Auftrag an die Jünger lautet,„machet zu Jüngern alle Völker“(Mt 28,19) durch Taufen und Lehren – nicht durch das Schwert!
Dafür braucht er keine Machthaber oder Regenten, sondern Diener:
„Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht.“(Mt 20,25-27. Sein Reich ist nicht von dieser Welt (Joh 18,36).
Jesus wurde als Gottessohn in der Wüste erprobt wie einst Israel und hat dem Versucher standgehalten.Er lebt die Gottessohnschaft konträr zu den Vorschlägen des Teufels: als einfaches, überzeugendes Leben im Vertrauen auf Gott, den Vater.
Der Versucher verließ Jesus. Toxisches Gedankengut blieb weiter im Schwange. Ein Wüstentag, ein Tag der Einkehr und Besinnung, kann helfen, Gefahren zu erkennen und auf dem Kurs Jesu zu bleiben. Dazu drei Beispiele:
Unter Umständen bringt mehr Geld nicht mehr Glück! – In einer weltweiten Studie wurden jährlich dieselben Leute befragt: „Wie zufrieden sind sie mit ihrem Leben – auf einer Skala von 0 bis 10?“ Das Ergebnis für Deutschland:
In anderen Ländern verhält es sich ähnlich. Die Lebenszufriedenheit hängt dann nicht mehr vom Einkommen, sondern von anderen Gesichtspunkten ab.
Biblisch gesprochen: Der Mensch braucht Brot um zu leben, aber erlebt nicht vom Brot allein. Ob er mit seinem Leben zufrieden ist oder nicht, hängt auch davon ab, ob er einen Sinn in seinem Leben sieht. Ob er vertrauen und danken kann.
In einigen Pfingstkirchen in den Südstaaten der USA werden Giftschlangen im Gottesdienst eingesetzt, das sogenannte Snake Handling. Auf Youtube kann man dem Prediger Cody Coats dabei zusehen. Er betritt mit einem durchsichtigen Koffer seine schlichte Kirche. Die Band beginnt zu spielen. Er greift die Schlange und tanzt mit ihr in der Hand. Reicht sie auch weiter. Plötzlich ein Biss. Blut auf seinem Hemd. Er wankt und wird ins Krankenhaus gebracht.
In unserer religiös gemäßigen Zone besteht man auch auf Wunder – leise, dezent, aber bestimmt. Viele Male bekam ich zu hören: „Gott ist für mich erledigt. Er hat nicht geholfen, als ich ihn gebraucht habe.“
Das Verhältnis der monotheistischen Religionen zur Gewalt steht im Zentrum öffentlichen Interesses. Die Gewalt ablehnenden starken Worte Jesu traten im Laufe der Zeit in den Hintergrund. Mit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion lebte die Kirche unter dem Einfluss staatlicher Macht. Alle Christen waren Untertanen, und alle Untertanen hatten Christen zu sein. Es entwickleten sich vielfältige Strukturparallelen zwischen Staat und Kirche.
Der Teufel gehört nicht nicht in das Glaubensbekenntnis. Wir glauben nicht an den Teufel, sondern an Jesus Christus, der seine toxischen Ratschläge anhand der Tora abgewiesen hat. Worin besteht unsere Erprobung und Bewährung? Wie können wir auf dem Kurs Jesu bleiben? Halten wir fest:
24)Jesus legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25)Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. 26)Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, da fand sich auch Unkraut.
27)Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm:Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? 28)Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten? 29)Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. 30)Lasset beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune. (Mt 13,24-30.38-42)
Das passt nach Büttenwarder! Etwa so: Bauer Adsche Tönnsen ärgert sich mal wieder mächtig über den Brakelmann. Letztes Mal hatte er eine Fuhre Mist vor seiner Hoftür abgeladen. Diesmal muss es von größerem Ausmaß sein. So schleicht er nachts mit Unkrautsamen über das frisch bestellte Feld. Eine ganze Weile passiert gar nichts. Adsche wartet auf den Schock, wenn sich der Schaden abzeichnet.
Tatsächlich die Knechte hyperventilieren. Sie wollen sofort etwas unternehmen. Bauer Brakelmann bleibt die Ruhe in Person. Die Provokation prallt an ihm ab. Mit der bevorstehenden Ernte wird alles abgetan sein. Das Unkraut wird verbrannt, der Weizen geerntet. Punkt. Keine Schädigung, die ihm Kopfzerbrechen bereiten könnte.
Eine Predigt vom „klugen Bauern“ böte sich jetzt an, die ausmalt, wie wichtig Gelassenheit ist. Diesen Weg werde ich heute Abend nicht einschlagen. Denn Jesus liefert zu dem Bauernstreich noch einen Anhang – für starke Nerven.
Im kleinen Kreis mit seinen Jüngern lässt er die Dorfidylle hinter sich. Mit drei Paukenschlägen weitet er den Blick und spitzt zu, was das Gleichnis umschreibt. Denken Sie an den berühmter Auftakt der Beethovenschen Schicksalssymphonie : ta-ta-ta-taaa, ta-ta-ta-taaa. Es geht um unser Schicksal, um den Zustand der Welt.
Der erste Paukenschlag: Der Acker ist die W e l t. – Die Zerrissenheit der Geschichte
Natürlich ‚rumpelt‘ es auf dem kleinen Acker in Büttenwarder, wenn sich Unkraut zwischen den Weizen drängt. Dem Gemenge von Unkraut und Weizen entspricht auf dem Acker der Welt die Gemengelage zwischen Menschen, die sich der Herrschaft Gottes unterstellen, und den anderen, die dem Bösen folgen (Mt 13,38). Was Menschen einander antun können, übersteigt jeden Wildwuchs in der Landwirtschaft. Unkraut mag schädlich sein, gewisse Menschen sind dezidiert böse und zerstörerisch.
Im Rückblick auf das Jahr 2018 macht uns Kummer, wie zerrissen die Geschichte ist. Die einen tun unbestechlich ihre Pflicht, die anderen leben auf der Überholspur und sind käuflich. Bestechliche Richter schützen die Armen nicht. Geschmierte Polizisten schauen weg. Kleptokraten wirtschaften in die eigene Tasche und lassen ihre Völker ausbluten. Öl- und rohstoffreiche Länder Afrikas sind bitter arm.
Den Guten geht es schlecht und den Schlechten gut. Humanitäre Katastrophen. Mir stehen die Bilder der lebensbedrohlich mangelernährten Kinder aus dem Südsudan vor Augen und die der dafür verantwortlichen Kontrahenten Salvakir (immer mit Hut) und Machar, wie sie fidel in feinen Anzügen aus großen Limousinen steigen und über den X. Waffenstillstand palavern. Seit fünf Jahren haben sie keinen befolgt. Ihre sogenannten Volksbefreiungsarmeen kochen alte Stammesgegensätze hoch und stürzten die Menschen im mehrheitlich christlichen Südsudan in Elend und Armut.
Dichter Nebel aus Lügen und fake news verhindert, dass Sachverhalte aufgeklärt und Schuldige benannt werden. Überall Fragezeichen: Wer setzte Giftgas in Syrien ein? Wer veranlasste die Ermordung Khashoggis? Den Anschlag auf Skripal? Den Abschuss der Malaysian-Airlanes-Maschine, Flug 17 über der Ostukraine?
Der zweite Paukenschlag: Der Feind, der es sät, ist der T e u f e l . – Die Faszination des Bösen
Unkraut unter den Weizen mischte nicht Bauer Adsche Tönnsen aus Büttenwarder, – der hat auch lichte Momente – sondern ein Feind, der unter keinen Umständen jemals einlenkt – der Teufel, der Feind schlechthin. Höchst aktiv. Ein Doppelgänger Gottes. Wo Gott sät, da mischt er unter. Wo Gott eine Kirche baut, da baut er eine Kapelle (Martin Luther).
Die Ärgernisse des Jahres 2018 wie die schrecklichen Zerrissenheit der Geschichte im ganzen werden leichthin auf das Konto Gottes gebucht. Wenn es ihn gibt, ist er dafür verantwortlich – der allmächtige Gott. So scheint es.
Aber es s c h e i n t nur so. Das will Jesus zeigen. Man denkt Brot-Weizen und das Unkraut Taumellolch gehören beide auf den Acker. Jesus legt klar: Nicht alles, was wir auf dem Acker finden, geht auf Gott zurück. Gott wollte den Weizen, nicht das Unkraut. Trotzdem ist es da und breitet sich aus. Dass Gott allmächtig ist heißt nicht, dass Gott alles gemacht hat, dass alles, was ist, so wie es ist, dem Willen Gottes entspricht.
Das feindselige Phänomen „Teufel“ gehört nicht zur Schöpfung. Gott hat es nicht geschaffen. Ihn dürfte es nicht geben, und doch ist er da. Jesus rechnet mit ihm. Seine Existenz sprengt unser kausales Denken, nicht seine Insistenz: Abgesehen hat er es auf den Menschen. Ihn steuert er an, weil er besonders gefährdet ist. Der sogenannte homo sapiens lebt im Unterschied zu den anderen Geschöpfen in einer labilen seelischen Verfassung. Kein anderes Lebewesen schlägt so über die Stränge, kann so hochherzig wohltun oder so kalt hassen wie er. Im wankelmütigen Menschen nistet sich der Teufel wie ein Parasit ein und bringt ihn gegen Gottes Willen in Stellung. Er kann den besten Willen in die schlechteste Wirkung verkehren.
Der dritte Paukenschlag: Wie man nun das Unkraut ausjätet und mit Feuer verbrennt, so wird’s auch am Ende der Welt gehen. –
Ende mit Schrecken.
Alle Jahre wieder wird in Büttenwarder die Ernte eingefahren. Mal fällt sie besser aus mal schlechter. Die Ernte, die Jesus meint, ist einmalig, beispiellos und unumstößlich.
Als die Knechte anbieten: „Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten?“ werden sie zurückgepfiffen. „Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet.“ Gott behält sich das Gericht vor. Eine kompetente irdische Strafverfolgungsbehörde besteht nicht.
So zieht ein Ende mit Schrecken herauf: Der Menschensohn wird seine Engel senden, und sie werden sammeln aus seinem Reich alle Ärgernisse und alle, die da Unrecht tun, und sie werden sie in den Feuerofen werfen; da wir sein Heulen und Zähneklappern. Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich. Wer Ohren hat, der höre! (Mt 13,41-43)
In seiner Rede am See Genezareth vor Menschen, die ihn noch kaum kennen, spricht Jesus allgemeiner, nämlich im Gleichnis. Aus gutem Grund, um Missverständnisse zu vermeiden. Später im kleinen Kreis geht er ins Detail. Seine Jünger kennen ihn und wissen, worum es ihm geht: Er ist der Heiland ist, der heil machen will, was zerbrochen ist. – Das feiern wir in der Weihnachtszeit: Welt ging verloren – Christ ist geboren.
In What’s App kursierte das pfiffige Poem „Perspektivwechsel“:
Advent heißt Warten
Nein, die Wahrheit ist
Dass der Advent nur laut und schrill ist
Ich glaube nicht
Dass ich in diesen Wochen zur Ruhe kommen kann
Dass ich den Weg nach innen finde
Dass ich mich ausrichten kann auf das, was kommt
Es ist doch so
Dass die Zeit rast
Ich weigere mich zu glauben
Dass etwas Größeres in meine Welt hineinscheint
Dass ich mit anderen Augen sehen kann
Es ist doch ganz klar
Dass Gott fehlt
Ich kann unmöglich glauben
Nichts wird sich verändern
Es wäre gelogen, würde ich sagen:
Gott kommt auf die Erde!
Und nun das Ganze von unten nach oben gelesen:
Gott kommt auf die Erde!
Es wäre gelogen, würde ich sagen:
Nichts wird sich verändern.
Ich kann unmöglich glauben
Dass Gott fehlt
Es ist doch ganz klar
Dass ich mit anderen Augen sehen kann
Dass etwas Größeres in meine Welt hineinscheint
Ich weigere mich zu glauben
Dass die Zeit rast
Es ist doch so
Dass ich mich ausrichten kann auf das, was kommt
Dass ich den Weg nach innen finde
Dass ich in diesen Wochen zur Ruhe kommen kann
Ich glaube nicht
Dass der Advent nur laut und schrill ist
Nein, die Wahrheit ist
Advent heißt Warten.
In der Heiligen Nacht wurde den Hirten ein Perspektivwechsel eröffnet:
Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.
Und der Engel sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werden finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“
Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lk 2,8-14)
Die Ansage des Engels in der Heiligen Nacht blieb nicht auf die Hirten begrenzt. Gewiss, den Hirten gebührt der Vorrang. Sie erlebten alles hautnah, ein Wechselbad aus Furcht, Freunde und Neugier – die schwarze Nacht, das strahlende Himmelslicht, die persönliche Zusage „euch ist heute der Heiland geboren“; sie erhielten den Wink, wo und wie das neugeborene Kind gefunden werden kann.
Wo immer seitdem in der Heiligen Nacht vorgetragen wird: „Euch ist heute der Heiland geboren,“ da spüren Menschen: Ich bin gemeint! Und sie wenden sich der Krippe zu. Auf allen fünf Erdteilen ist dies heute Abend der Fall. Kinder, Erwachsene und Alte, Arme und Reiche, Gesunde und Kranke in Tokio wie in Neapel wie in Berlin. Die Engelsbotschaft ist ein weltumspannendes Kraftpaket, wenige energiegeladene Worte, die das Hirtenfeld bei Bethlehem in alle Himmelsrichtungen überschreiten.
E u c h ist h e u t e der Heiland geboren. Das ist kein Rückblick, sondern ein Ausblick. Eine Ansage. Die Krippe ist zu uns hin geöffnet. Die Hirten bilden einen offenen Halbkreis und laden uns ein, hinzuzutreten.
Das Wort ‚Heiland‘ ist ein spezielles Wort der deutschen Sprache. Eine altertümliche Kostbarkeit, ein Solitär – vergraben im Schmuckkasten, eben noch zu Weihnachten neugierig beäugt.
Wenn man „Heiland“ googelt, stößt man auf: „D i e H e i l a n d . Wir sind Anwalt.“ Eine Fernsehserie. Im Mittelpunkt: Die blinde Anwältin Romy Heiland.
Manchen geht auch beim Stichwort „Heiland“ das H i g h l a n d e r Universum durch den Kopf.
Alles in allem ist man freundlich zurückhaltend, reserviert: Ein Heiland mag für Kinder von Bedeutung sein oder für Oma und Opa. Wir, die Erwachsenen der Generation BAUHAUS, stehen mit beiden Beinen mitten im Leben: Wir packen es! Wir kommen alleine klar!
Stimmt das? Kommen wir alleine klar? Das wollen wir uns mal genauer ansehen!
Ja, Du kannst alleine renovieren – aber für die Stromleitungen holst Du den Elektriker.
Ja, Du kannst deinen verstopfen Abfluss mit dem Prömpel freipumpen – aber bei einem Wasserrohrbruch holst du den Fachmann der Branche Gas-Wasser-…
Ja, Du kannst Erkältungspillen schlucken – aber mit einem Infekt gehst Du zu Deinem Hausarzt.
Nichts gegen Warndreieck und Werkzeugkasten – aber wenn sich das Auto tot stellt, muss der ADAC-Pannendienst anrücken.
Und sollte es mal ganz eng werden, – landet der Rettungshubschrauber auf dem Bayerischen Platz.
„Wir kommen alleine klar“? – Je nachdem, worum es sich gerade handelt! Die aktiven Erwachsenen „mitten im Leben“ sind an allen Ecken und Enden von dienstbaren Geistern umgeben. Wir können sie holen, rasch mal zu ihnen gehen oder den Notruf auslösen. Die Leute, die Dinge für uns wieder in Ordnung bringen, wiederherstellen, heil machen. Zu ihnen gehört auf seine Weise auch – J e s u s !
Die wenigsten wissen, dass Jesus 15 Jahre lang Bautischler war, als er im Hause seiner Eltern in Nazareth in der heimischen Großfamilie lebte. Man spricht von seinen stillen Jahren in Nazareth. Da arbeitet er auf dem Bau. Vermutlich auch in der von den Römern zerstörten Nachbarstadt Sepphoris 8km nördlich.
In den drei Jahren seines öffentlichen Wirkens nahmen viele ihn als Heiler, eine Art Arzt im damaligem Sinne in Anspruch. Kaum war er bei Petrus in Kapernaum eingezogen, da verbreitete es sich im Ort: „Er hat die Schwiegermutter des Petrus vom Fieber befreit, dem schrecklichen Fieber, das brennt wie Feuer!“ Noch am selben Abend standen Kranke in langer Schlange vor dem Haus…
Seine drei letzten Tage in Jerusalem verstand Jesus unmissverständlich als eine notwendige Rettungsaktion unter Einsatz seines Lebens „dies ist mein Leib für euch gegeben“. Aus freien Stücken begab er sich in die Höhle des Löwen, ließ sich aufspüren, festnehmen, foltern, aburteilen…
Die Häuser, an denen er gebaut hat, stehen nicht mehr. Aber etwas anderes aus dieser Zeit ist lebendig geblieben. Seine Aufgeschlossenheit für unseren Alltag. Seine Vertrautheit mit kleinen Dingen des Lebens. Sein stiller und verlässlicher Beistand.
Wenn Jesus sagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28,19) meint er damit: Ich bin bei euch als Freund und Bruder, ich teile euer Leben, ich gehöre gern mit dazu so wie damals in meine Familie in Nazareth.
Er ist das Herz, auf das man sich verlassen kann, die Schulter, an der man sich ausweinen kann. Er nimmt einen an die Hand, wenn das Gelände unübersichtlich ist. Sein starker Arm gibt Halt.
Es geht hierbei um sehr persönliche Dinge, über die selten gesprochen wird. Von mir kann ich sagen, dass ich spüre, wie Jesus mich begleitet. Und dass ich ihm dafür sehr dankbar bin. Er hat mich von mancher Dummheit bewahrt (leider nicht von jeder!) und zu beherzten Schritten ermuntert.
Jesus heilt. In der weltweiten Christenheit danken ihm Menschen dafür, dass sie wieder auf den Beinen sind, dass sie Heilung erfahren haben.
Das Heilen stand für Jesus aber nicht an ersten Stelle. Öffentlich wirkend beschäftigte er sich mit in den großen Dingen des menschlichen Lebens und formulierte bleibend gültige Regeln guten Handelns. Sie kreisen um Gott und einen vielseitigen Frieden: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“
Er setzt uns Ziele, die über den Tag hinausreichen wie Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, Bergung schiffbrüchiger Flüchtlinge…
Dazu heute nur: „hilft uns aus allem Leide rettet von Sünd‘ und Tod“, wie wir eben gesungen haben.
Und die Zusage:„Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ (Joh 11, 25)
Kennen Sie Michael Tsokos, den Leiter des rechtsmedizinischen Instituts der Charité? Ein brillanter Wissenschaftler. Er erforschte den Nachweis von Infektionen und Sepsis bei Leichen. Ein gefragter Experte, der zu schwierigen Obduktionen in aller Welt hinzugezogen wird. Vielseitig und kreativ.
In einem Zeitungsinterview anlässlich der Verfilmung seines Romans „Zersetzt“ wurde er unter anderem gefragt: „Glauben Sie eigentlich an Gott?“
Er antwortete: „Ich glaube nicht an den biblischen Gott, der mir im Religionsunterricht nahegebracht wurde und demzufolge alles einen tieferen Sinn hat. Wenn ich sehe, wie Kinder durch Gewalt ums Leben kommen und teilweise furchtbar leiden mussten, bevor sie starben, dann macht diese Theorie: „Alles ist von Gott gewollt“ für mich keinen Sinn. Trotzdem will ich nicht ausschließen, dass es eine höhere Macht gibt, die außerhalb unseres Verständnishorizonts liegt.
Alles hat einen tieferen Sinn? Alles ist von Gott gewollt. Nichts braucht sich zu verändern??
Das Leid der Säuglinge und Kleinkinder, deren Eltern furchtbar versagen, verweist auf Gott ???
Euch ist heute der Heiland geboren ein Säugling in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend:
Gott kommt auf die Erde!
Es wäre gelogen, würde ich sagen:
Nichts wird sich verändern.
Ich kann unmöglich glauben
Dass Gott fehlt
Es ist doch ganz klar
Dass ich mit anderen Augen sehen kann
Dass etwas Größeres in meine Welt hineinscheint
1)Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien.
2)Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, die Pracht von Karmel und Scharon.
Sie sehen die Herrlichkeit des HERRN, die Pracht unseres Gottes.
3)Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!
4)Sagt den verzagten Herzen:
„Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!
Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.“5)Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. 6)Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. 7)Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnenquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.
8)Und es soll dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. 9)Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. 10)Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen. (Jes 35,1-10)
Was der Prophet ankündigt…
Inmitten der Sorgen und Ängste seiner Zeit… Wir schreiben das Jahr 540 vor Christus. Israel ist besiegt, Jerusalem zerstört, die Männer, Frauen und Kinder tot oder verletzt nach Babylonien verschleppt. Mittendrin im Untergang – ein Prophet, seine Worte sind im Buch Jesaja überliefert, er stellt den Versprengten die Ankunft Gottes, den Advent, vor Augen:
Gottes prachtvolle Herrlichkeit,
der Jubel der belebten und der unbelebten Schöpfung,
die Blumen, die in festlichen Farben leuchten.
Die Welt im Lichte ihrer letzten Zukunft, des Advents Gottes! Was kein Auge je gesehen hat, wird zu schauen sein. Zu s c h a u e n sein! Bisher ging man davon aus, dass in Gottes Herrlichkeit, dem ihm eigenen ungeschaffenen Licht das menschliche Auge zerspringt. „Kein Mensch wird leben, der mich sieht.“(2. Mose 33,20) Mose war der einzige, dem aus dem Schutz einer Höhle ein kurzer Ausblick gewährt wurde.
Dabei vergisst der Prophet nicht die Not um ihn herum. Er hat versucht, Schmerzen und Seufzen zu lindern. Er wusste, wer in seiner Gemeinde blind, gehbehindert, stumm oder taub war. Viel konnte die damalige Medizin nicht für sie tun. Die Hilfsmittel waren nicht der Rede wert. Die Behinderten wurden mit durchgefüttert, so gut es eben ging.
Er wusste auch, wessen Hände müde und wessen Knie weich geworden waren. Vertreibung und die Rechtlosigkeit in der Fremde hatten die Menschen ihrer Tatkraft beraubt, mürbe gemacht.
Wenn Gottes Herrlichkeit die irdische Wirklichkeit durchdringt, heilt sie Mensch und Natur. Die Fesseln des Leibes und der Seele lösen sich. Augen sehen wieder, Ohren hören wieder, Füße tanzen wieder, Münder jubeln wieder. Stärke, Festigkeit, Freude und Wonne kehren zurück.
Der Prophet beschreibt einen heiligen Weg. Bestens befestigt. Aufgeschüttet wie ein Deich, damit er nicht unterspült werden kann. Sicher vor Raubtieren. Reserviert für das Volk Gottes. Auf ihm werden die aus der Gefangenschaft Erlösten heim zum Zion, heim nach Jerusalem ziehen können.
Sicher sind Sie eben auch über das Wort „Rache“ gestolpert: Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.“
Zunächst: sie ist Sache G o t t e s und nicht der Menschen. Sie ist den Menschen entzogen. Wie übel die Rache wütet, präsentieren beiden Rache-Kurzopern Cavalleria rusticana und Der Bajazzo sehen. Herrliche Musik, furchtbare Handlung! – Gott geht es um Hilfe für sein Volk, Beendigung seiner Unterdrückung, Wiederherstellung der Ordnung. Dazu gehört, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden
Eine Tages wollte Johannes der Täufer von ihm wissen: „Bist du es, der da kommen soll oder sollen wir auf einen andern warten?“ (Mt.11,3) Bist du der von mir so heiß ersehnte Retter Israels? Persönlich konnte er nicht erscheinen, er war wegen Majestätsbeleidigung inhaftiert. Deshalb schickte er Boten.
Was tut Jesus? Er zeigt auf gerade vorhin noch Blinde, Gehbehinderte, Aussätzige und Stumme: „Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.“ (Mt. 11,4f.)
Offenbar lebte Jesus in der Erwartung, die der Prophet begründet hatte, und setzte sie ansatzweise in die Tat um. Man erzählte besonders von
In unserer Kirche hängt links in der Apsis eine Ikone mit der Verklärung Christi. Der Prophet kündete das Erscheinen der Herrlichkeit Gottes an. Auf dem Berg Tabor durchdrang Jesus dieses Licht: „sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht“ (Mt 17,2). In ihm scheint die Herrlichkeit Gottes auf, er ist das Reich Gottes in Person.
Jesus sorgte dafür, dass seine Gemeinde die Erwartung teilt, in der er lebte. Mit der Bitte „Dein Reich komme.“ lenkt er immerfort unseren Blick auf die letzte Zukunft des Advents Gottes, wie sie der Prophet angekündigt hat. Und auf das, was Gottes Ankunft vorausgeht inmitten unserer von Kriegen, Hunger, Ungerechtigkeit und Krankheiten gezeichneten Welt. „Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“
Jesus erzeugt dadurch eine Grundhoffnung, in dieser Welt nicht zu verzweifeln. „Es kommt eine Zeit, in der Träume sich erfüllen.“ Eine Hoffnung, die beflügelt und stärkt, die Kraft, Mut und Zuversicht spendet. Wie ein unsichtbarer Schirm, der uns schützt. Wie ein Lichtschein, der unser Leben aufhellt, so dass sich die Fesseln des Leibes und der Seele lösen. Für jede Not hat Gott eine Hilfe bereit, bis sein Reich anbricht und es keine Not mehr geben wird.
Vor 70 Jahren wurde der Staat Israel gegründet. Meine Frau und ich waren im vorigen Jahr eine Woche in Jerusalem. Wie verfahren die Lage politisch ist, spürt man daran, dass rundum Soldatinnen und Soldaten in voller Montur unterwegs zu ihrem Dienst oder zurück ins Quartier waren. Aber es besteht auch ein facettenreiches, alltägliches Großstadtleben und ernsthafte Frömmigkeit.
Die Worte des Propheten wurden ansatzweise verwirklicht:
Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.
Ein Fünftel der Weltproduktion von Joboba-Öl – eine überschaubare Menge, aber immerhin! – kommt aus der Wüste Negev. Aus den Jobo-Plantagen des Kibbuz Hatzerim. 100 ml kosten 8,90€ Es ist geeignet für Haut, Haare und Massagen. Dafür angepflanzt wurde der anspruchslose, hitzebeständige, immergrüne Jobabaum („wilde Haselnuss“) aus Arizona. Er wird ungefähr zwei Meter groß. Dank Tröpfchenbewässerung über Pipelines vom See Genezaret. Seine erdnussähnlichen Samen enthalten das kostbare Öl. Die Wüste blüht. Inzwischen sind Plantagen von Dattelbäumen und Mandelbäumen hinzugekommen – auch in Jordanien. Die Wüste blüht!Ich komme zum Schluss
Advent – Gottes Ankunft in der Welt: Seine Ewigkeit tritt in die Zeit ein, seine Herrlichkeit durchdringt die irdische Wirklichkeit und heilt Mensch und Natur. Von dort her sind sie in allem Zeitlichen, was dieser Zukunft vorausgeht, schöpferisch gegenwärtig. –
Insbesondere in dem…
…was Jesus in die Tat umsetzte und in ihm selbst
….was uns zuteil wird
….was mit Jerusalem und in der Wüste geschah.
1)Und er machte sich auf und kam von dort in das Gebiet von Judäa und jenseits des Jordans. Und abermals lief das Volk in Scharen bei ihm zusammen, und wie es seine Gewohnheit war, lehrte er sie abermals. 2)Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit. 3)Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? 4)Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. 5)Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben;
6)aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. 7)Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, 8)und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch.
9)Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. (Mk 10,1-9)
Wenn ein Mann an seiner Frau etwas „Anstößiges“ gefunden hat, kann er ihr eine Trennungsurkunde einen sogenannten Scheidebrief (Sefer Kritut) ausstellen und sie damit aus dem Haus weisen. So steht es im 5. Buch Mose. In der strengen Schule Schammajs (ca. 30 vor Chr. – 50 nach Chr.) war das nur Ehebruch. In der milden Schule Hillels des Älteren (30 vor Chr. – 10 nach Chr.) war man weitherzig. Vielerlei kam als Trennungsgrund infrage, selbst ein angebranntes Essen. Eine Scheidung, die von der Frau ausgeht, war damals nicht vorgesehen.
Keine Rechtsordnung ohne Scheidung. Bei uns gilt seit 1977 das Zerrüttungsprinzip. Wenn die Eheleute drei Jahre lang getrennt gelebt haben, gilt die Ehe als gescheitert und kann auch dann geschieden werden, wenn ein Ehepartner damit nicht einverstanden ist. 2017 lag die Scheidungsrate bei 37% das ist mehr als ein Drittel aller Ehen. Ein schwacher Trost, dass die Scheidungen insgesamt leicht abgenommen haben und auf den Stand von 1992 gesunken sind.
Die Härte des Herzens vergiftet die Ehe. Darauf weist Jesus hin. Sie bewirkt, dass die Eheleute sich nicht miteinander und aufeinander zu entwickeln. Statt dessen sind sie mürrisch, nörgeln aneinander rum. Gespräche enden im Streit, zuletzt spricht man gar nicht mehr miteinander. Die Herzen sind hart und kalt geworden und haben eine gemeinsame Zukunft aufgegeben.
Die meisten Scheidungen werden innerhalb der ersten zwei Ehejahre eingereicht: „Wir passen nicht zusammen.“ Und dann wieder nach 25-30 Jahren:„Wir können nicht mehr miteinander.“ Ehekiller sind auch schwere Krankheiten (Alkoholismus, Depressionen), außereheliche Beziehungen oder die verschiedene Herkunft von Mann und Frau.
Es ist leicht Händchen zu halten, wenn der Himmel voller Geigen hängt.
Es ist schwer, n i c h t loszulassen, wenn es mühsam wird.
Menschen, die nicht mehr miteinander auskommen, darf man nicht zusammen sperren. Die Scheidung schafft Abhilfe, Befreiung. Aber oft nicht ohne Narben und Wunden: Trennungsschmerz, traumatisierte Kinder und Eineltern-Familien mit hohem Armutsrisiko.
Soll ich mich trennen und scheiden lassen, oder soll ich noch einmal um meine Ehe kämpfen? Diese Frage verdient, gründlich abgewogen zu werden.
Jesus wusste, was man sich von Abraham und Jakob erzählte. Dass in ihren Ehen auch Sklavinnen Platz hatten. Bekannt sind Hagar, Biha und Silpa, die der Patriarch zu sich ins Bett rufen konnte, wenn ihm danach war. Ebenso war Jesus darüber im Bilde, dass Salomo über einen stattlichen Harem verfügte und polygam lebte.
Aber das sind nicht seine Vorbilder. Ihn interessiert nicht, was Menschen zu ihrer Zeit aus der Ehe gemacht haben. Er fragt nach Gottes Willen, weil er möchte, dass sein Wille geschieht. Wie es im Vaterunser heißt: Dein Wille geschehe. Nach der ursprüngliche Meinung Gottes zur Ehe forscht er ganz am Anfang: In den biblischen Schöpfungserzählungen.
Aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. (Aus 1. Mose 1,27 und 2,24)
Dazu zwei Beobachtungen:
An der Weidendammer Brücke (Friedrichstraße), die am Schiffbauerdamm über die Spree führt, hängen viele bunte Vorhängeschlösser, zum Teil mit eingravierten Namen. Hier haben sich Paare in romantischen Momenten ihre Liebe gestanden „Mit dir zusammen möchte ich alt werden.“ Danach wird der Schlüssel in die Spree geworfen und dort versenkt. Beide wollen von nun an aneinander hängen.
(Vielleicht wurden die Liebesschlösser schon von Mitarbeitern des Bauamts mit dem Bolzenschneider geknackt? Sie sind in Berlin verboten. Warum eigentlich? Ich finde das überflüssig!)
Das Leben bei Vater und Mutter stellt nicht mehr zufrieden. Zum Erwachsenwerden gehört der sex appeal: Die natürliche erotische Anziehungskraft für das andere Geschlecht und zu ihm hin. Der Wunsch nach einem Menschen, der zu einem passt und mit dem man alles teilen kann. Eine gemeinsame Wohnung mit Partner/Partnerin und vielleicht später einmal heiraten – steht nach dem Auszug aus dem Elternhaus ganz oben auf der Wunschliste.
Ich durchquere oft den Rudolph-Wilde-Park. Bei Sonne und blauem Himmel ist dort Fototermin. „Bitte recht freundlich“, sagt die Fotografin. Aber das reicht nicht. Sie streicht eine überzählige Falte am Brautkleid glatt und zupft am Einstecktuch des Herrn. Dann gibt sie Bewegungen vor. „So bitte den Kopf halten, schauen sie sich an, die Hände bitte ineinander, die Füße gerade nach vorn.“
Ein bisschen weiter am Springbrunnen mit dem goldenen Hirschen, dem Wappentier Schönebergs, ist ein Freiluft Buffet aufgebaut mit Sekt und Häppchen. Ich muss mich bremsen, zuzulangen, bin doch nicht eingeladen. Es ist für die Hochzeitsgesellschaft angerichtet, die gleich aus dem Standesamt im Rathaus Schöneberg eintreffen wird. Früher wandte sich der Standesbeamte nach der Trauung an den Mann: „Sie hat heute die Freiheitsglocke zum letzten Mal geschlagen.“
Ein Paar hat sich öffentlich entschieden ganz eins sein – in einzelnen hingebungsvollen Momenten ebenso wie in einer verbindlichen Lebensgemeinschaft und einem gemeinsamen Haushalt. „So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch“- Die Worte der Bibel gewinnen hier Gestalt.
Aus der biblischen Schöpfungserzählung zieht Jesus den Schuss: Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.
Ein Rabbi wird gefragt: Was hat Gott getan, nachdem er die Welt in sechs Tagen erschaffen hat? Seine Antwort: „Er war damit beschäftigt, Ehen zusammenzubringen.“
Gott ist es, der Menschen in die Ehe führt. So hat Jesus das auch gesehen. Dass ein Paar sich findet und heiratet ist, eine himmlische Entscheidung.
„Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“, wird bei der kirchlichen Trauung gesprochen. Die Eheleute geben sich dazu die Hand und der Pfarrer besiegelt mit seiner Hand ihren Handschlag.
Vorausgegangen ist eine gewissenhafte Vorbereitung: „Können Sie das so von sich sagen:’Gott hat uns zusammengefügt‘?“ Dies Zueinanderkommen durch Gottes Beistand geschieht v o r der Trauung und nicht d u r c h sie. Deshalb ist es wichtig, dem nachzuspüren, was zwischen den Brautleuten gewachsen ist. Es ist ein ergreifender Moment, wenn das in ein Eheversprechen mündet:
„Ich nehme dich als meinen Ehemann/meine Ehefrau aus Gottes Hand.
Ich werde dich lieben und achten,
ich werde dir vertrauen und treu sein
und für dich da sein, solange ich lebe.“
Ehe auf Dauer! Nicht die Drehtür: Verliebt geht man hinein, entliebt kommt man heraus.
Beziehungen sind nie nur Honigschlecken. Die Überzeugung, „Gott hat uns zusammengefügt“, ist ein starkes Motiv, in der Beziehung zu bleiben und an der Beziehung zu arbeiten. Welche Richtung dabei angezeigt ist, verrät die Umfrage: Was hält ihre Ehe zusammen?.
Am meisten wurden genannt:
Keine Erziehungsversuche unternehmen!
Vertrauen, Offenheit und Ehrlichkeit!
Liebe und Zuneigung!
Konstruktive Konfliktlösung und Kommunikation!
Das Vaterunser enthält drei Anregungen, die auch für die Ehe wichtig sind:
Ein Spötter: „Die Ehe ist das einzige Glücksspiel, zu dem die Kirche ihren Segen gibt.“
Ja, es gibt das Scheidungsrisiko! Ja, es gibt das Risiko der Entfremdung! (Die Psychologen sprechen von „entrapment„: Die Ehe wird zur Falle. )Trotzdem segnet die Kirche Ehen und begleitet sie im Gebet; wie Jesus rechnet sie damit, dass Gott Menschen zusammengefügt hat.
(Die Predigt wurde am 14.10.2018 in der Dorfkirche Alt-Schöneberg gehalten.)
Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch (Joh 14,18)
Es war eine nette Idee vom Klassik-Radio, Kinder nach dem Himmelfahrtstag zu befragen. Ein Junge sagte: „Jesus hat die Welt gerettet, dann konnte er wieder abdampfen.“
Also: „Meine Mission ist erledigt, ich reise ab. Petrus, Jakobus, Johannes übernehmt ihr!“ – Hat Jesus so gedacht?
In die gleiche Kerbe trifft das weitverbreitete Gedicht
„Christus hat keine Hände, nur unsere Hände,
um seine Arbeit zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße,
um Menschen auf seinen Weg zu führen.
Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen,
um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe,
um Menschen an seine Seite zu bringen.“
Mag sein, das fleißige kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Gemeindekirchenräte und Kreiskirchenräte das so sehen: Alles hängt an uns – Kirche bauen, Gemeinde organisieren, Menschen helfen. Mit alledem sind wir auf uns gestellt. Mit unseren Händen, Füßen und Lippen stehen wir für Jesus ein.
Aber ist das so? Ist Jesus denn stumm? Ist er es nicht, der uns beansprucht, beauftragt, in Dienst nimmt? Läuft unser Tun nicht ins Leere, wenn wir für sein Wirken keine Antenne mehr haben?
Mag auch sein, dass das für die „empirische Kirche“ gilt. Ich denke dabei an ein Buch aus der praktischen Theologie mit dem Titel: „Kirchliche Organisation und das Jenseits des Glaubens“. Hier werden die kirchliche Organisation, ihre soziologischen Grundbegriffe, ihre Oranisationstypen, ihre Bestandsbedingungen und Leitungsämter beschrieben. Die Kirche wird verwaltet, wie jede andere Organisation verwaltet wird. Jesus ist in das Jenseits des Glaubens abgedampft.
Jeder Gründer entschwindet irgendwann einmal, der Lebensgrund bleibt präsent. Wenn der Gründer einer Frma aus Altergründen ausscheidet, geht das Unternehmen an einen Nachfolger, der es weiterführt. Die Firma meines Vaters blieb die Firma „Georg Hövermann & Co“. Auch dann noch, als er selbst längst ausgeschieden war und der Co (Kompagnon, Teilhaber) allein das Sagen hatte.
Ohne ihren Lebensgrund geht in der Kirche gar nichts. Jesus gebraucht dafür das Bild vom Weinstock und den Reben: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“(Joh 15,5) Der Weinstock ist der Lebensgrund der Reben. Durch ihn empfangen sie alles, was sie zu ihrem Gedeihen brauchen.“„Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Deshalb ist das Bild von dem hilflosen Christus ohne Hände, Füße und Lippen so schief. Es steht für eine rein soziologische Sicht der Kirche.
Jesus verabschiedete sich von seinen Jüngern und erteilte ihnen den Auftrag, alle Völker zu Jüngern zu machen, sie zu taufen und zu lehren. Er war aber keineswegs der Meinung, dass seine Mission damit abgeschlossen ist. ich denke dabei an das Versprechen, das er am Abend vor seiner Kreuzigung gab: „Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch.“ (Joh 14,18) Der Macht des Todes soll es nicht gelingen, ihn auf Dauer von seinen Jüngern zu trennen. Das Matthäusevangelium schließt mit der Zusage: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28,20)
Das heißt doch: „Ihr braucht euch nicht auf eine Zeit ohne mich einzustellen. Es wird kein Vakuum geben. Ich bleibe in eurer Mitte.“ – Wie sind diese Worte gemeint?
Unser Leben hat einen Anfang und ein Ende. Es beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. Wer verstorben ist, gehört nicht mehr der Gegenwart an, sondern rückt in die Vergangenheit. Seine Kinder werden zu Waisen. Auch das Leben Jesu hatte einen Anfang und ein Ende, aber ein offenes Ende. Der Tod vermochte nicht, seine Wirkmacht auszuschalten. Jesu Jüngerinnen und Jünger wurden nicht zu Waisen, sondern lebten mit ihm und in ihm weiter. Als der Auferstandene blieb er im Heiligen Geist gegenwärtig. In seinem Wort und druch seinen Geist ist er in unserer Mitte tätig.
Dabei ist er uns jetzt ferner und näher zugleich. Er ist uns ferner, weil wir ihn nicht mit unseren Augen sehen und mit unseren Händen greifen können. Er ist uns aber näher, weil es für ihn, den Auferstandenen, zu Gott Erhöhten, keine räumlichen und zeitlichen Beschränkungen gibt.
Er ist den Christen in Korea genauso nahe wie den Christen in Deutschland. Der Heilige Geist, dessen Ausgießung wir heute am 50. Tag nach Ostern feiern, ist der Geist Jesu Christi. Er setzt das Werk Jesu fort. Im Heiligen Geist kommt der einst zu den Menschen Gekommene Jesus Christus erneut zu uns und offenbart sich als der Lebendige. Seither ist jeder Tag ein Tag, den wir mit ihm verbringen können. Ein Tag seiner Gegenwart, seines Lebens, seines Handelns und Redens.
Wir sind nicht in erster Linie Zeitgenossen der großen und kleinen Personen der Welt- und Kultur- oder auch der Kirchengeschichte, von deren Leben, Taten und Meinungen…wir durch die Zeitungen…unterrrichtet werden. Wir sind in erster Linie Z e i t g e n o s s e n J e s u C h r i s t i (Karl Barth).
Er geht in dieser Stunde tätig durch unsere Mitte – in der allen Menschen zugewandten Verheißung des Geistes. Er geht auf unseren Weg und wir auf dem seinigen. Christus lebt in unserer Zeit in Beziehung zu uns. Keiner isst und keiner trinkt, keiner wacht und keiner schläft, keiner lacht und keiner weint, keiner segnet und keiner flucht, keiner baut und keiner zerstört, keiner lebt und keiner stirbt außerhalb dieser Bezehung.
Wir fragten: Ist Jesus abgedampft? Leben wir in einem Vakuum mit einem Christus ohne Wirkkraft? – Nein! Auch wenn wir uns manchmal verlassen fühlen, haben wir sein Versprechen: „Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch.“ Jesus ist nicht nur der Gründer, sondern der Lebensgrund der Kirche!
Pfingstlich leben heißt:
12) Als ihr getauft wurdet, seid ihr mit Christus begraben worden, und durch die Taufe seid ihr auch mit ihm zusammen auferweckt worden. Denn als ihr euch taufen ließt, habt ihr euch ja im Glauben der Macht Gottes anvertraut, der Christus von den Toten auferweckt hat.
13) Einst ward ihr tot, denn ihr wart unbeschnitten, das heißt in ein Leben voller Schuld verstrickt. Aber Gott hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht. Er hat uns unsere ganze Schuld vergeben. 14) Den Schuldschein, der uns wegen der nicht befolgten Gesetzesvorschriften belastete, hat er für ungültig erklärt. Er hat ihn ans Kreuz genagelt und damit für immer beseitigt. 15)Die Mächte und Gewalten, die diesen Schuldschein gegen uns geltend machen wollten, hat er entwaffnet und vor aller Welt zur Schau gestellt, er hat sie in seinem Triumphzug mitgeführt – und das alles in und durch Christus. (Kol 2,12-15) Die Gute Nachricht)
„Hier wird ein Psychologe interviewt“, stupste mich meine Frau an „lies mal!“ Was ist schöner als am Frühstückstisch gemeinsam die Zeitung zu lesen? Der Ruhestand macht es möglich. Dabei tauschen wir uns über Artikel aus.
Das Interview mit Hans-Dieter Hermann, dem Psychologen der Nationalelf, drehte sich um den langjährigen Nationalspieler Per Mertesacker (33). Zur Zeit noch beim FC Arsenal in England. Mertesacker hatte in einem SPIEGEL-Interview eingestanden:
„Irgendwann realisierst du dass alles eine Belastung ist, körperlich und mental. Dass es null mehr um Spaß geht, sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber. Selbst wenn du verletzt bist.“
Er ging auch auf seine Stimmungslage beim Sommermärchen 2006 in Deutschland ein. Einerseits: Enttäuschung! Das deutsche Team war im Halbfinale gegen Italien ausgeschieden. Aber auch: Erleichterung! Ein bleischweres Gewicht fiel von ihm ab, die Angst zu versagen, die sich mit jedem Spiel intensivierte, verbunden mit unangenehmen psychosomatischen Beschwerden.
Im Netz brach deshalb ein shitstorm über ihn herein: „So ein Weichei!“
„Andere haben größeren Stress“, rechnete ihm ein Kollege aus Brasilien vor, „Was ist, wenn du jeden Tag um 7:00 Uhr aufstehen musst, für 500 € arbeitest und nicht weißt, ob es am Monatsende für die Stromrechnung reicht?“
Eine hochgekochte Angelegenheit. Was meinte nun der Psychologe? Er nahm Mertesacker in Schutz:
Sein Rat:
„Er braucht eine zweite Identität: die Rolle als Familienvater oder guter Freund zum Beispiel. Per Mertesacker trifft sich gern mit seinen Schulfreunden, mit Leuten, mit denen sich das Zusammensein nicht verändert hat. Das sind Rückzugsräume, die sich die Spieler schaffen sollten. Eine Gegenwelt zum Profifußball.“
Ich muss gestehen: Morgens in die Zeitung vergraben, bin ich nicht immer begeistert, wenn meine Frau flötet „Hier lies mal!“. Mit dem Hermann-Interview wurde ich gleich warm, weil es um Selbstfindung und Lebensbewältigung ging.
Man kann Meinung sein: „Hochleistungssportler leben in einer dünnen Luft – das ist eben ihr Berufsrisiko. Sie haben es so gewollt und verdienen dabei nicht schlecht.“ Aber sind es nicht auch zerbrechliche junge Menschen mit der Angst zu Versagen und der Angst vor dem Urteil anderer? Was denken die über mich? Was berichten die über mich? Sie brauchen eine Balance zwischen Beruf und Freizeit, Öffentlichkeit und Privatleben. Die Einsicht: Ich bin nicht n u r Fußballer. Ich lasse mich nicht auf meine Sport reduzieren. Es gibt ein Leben vor, neben und nach dem Fußball.
Am besten zusammen mit verlässlichen Menschen, die nichts mit der Karriere im Stadion zu tun haben mit der Familie, den alten Schulfreunde, eben einem stabilen sozialen Umfeld. Das ist leichter gesagt als getan: Kann eine Anteil nehmende Ehefrau bei beruflichem Stress überhaupt außen vor bleiben? Was fangen Freunde ab? Was gleichen Kinder aus?
Selbstfindung und Lebensbewältigung beschäftigen nicht nur Profisportler. Daran besteht ein allen gemeinsames Interesse. Bei jeder und jedem von uns können die
Fragen aufbrechen:
Wer bin ich?
Was soll ich?
Wer gehört zu mir?
Wo ist mein Rückzugsraum?
Ein neu getaufter Christenmensch aus dem fernen Kolossä – einem Flecken im Tal des Lykos in Phrygien in der heutigen Türkei, der um 60 n. Chr. einem Erdbeben zum Opfer fiel – würde auf die Frage „Wer bin ich?“ vermutlich so antworten:
„Ich bin mit Christus neu lebendig gemacht worden. Er hat mir abgenommen, was mich belastet und trägt mich durch meine Leben.“
Zu seiner bisherigen Identität nach Geschlecht, Familie, Stand und Beruf ist mit der Taufe und der Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde eine zweite Identität, nennen wir sie die Christus-Identität gekommen: Er weiß, dass Jesus der Christus ist, glaubt an ihn und betet zu ihm.
Der Verfasser des Kolosserbriefes kann sich gelehrter ausdrücken:
„Ich bin mit Christus begraben worden, und durch die Taufe bin ich auch mit ihm zusammen auferweckt worden.“
Er beschreibt seine Christus-Identität als ein persönliches Ostern. Dass das weltgeschichtliche Heils-Ereignis Ostern Teil seiner persönlichen Lebensgeschichte geworden ist. In einer Schicksalsverbundenheit mit Jesus Christus lebt er nach Ostern von Ostern her.
Wenn es die Umstände erlaubten, konnte der Eintritt in diese Schicksalsverbundenheit am eigenen Leib verspürt werden. Dort wo sich die Gemeinde an einem Fluss versammelte, wie wir das aus Philippi wissen (Apg 16,13), und durch völliges Untertauchen taufte.
Das Hineinsteigen ins Wasser und das Untertauchen versinnbildlicht das Hineingetauchtwerden in den Tod Christi: Jetzt werde ich mit Christus begraben. Mein zukünftiger Tod wird hier zeichenhaft vorweggenommen.
Das Wiederauftauchen bedeutete: Jetzt werde ich mit Christus auferweckt. „Jesus lebt, mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken?“(EG 115,1)
Als Dankgebet folgte:
„Mit Freuden sagt Dank, dem Vater,
der euch tüchtig gemacht hat zu dem Erbteil der Heiligen im Licht.
Er hat uns errettet von der Macht der Finsternis
und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes,
in dem wir die Erlösung haben, nämlich die Vergebung der Sünden.“
(Kol 1,12-14)
„Aber Gott hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht,“ hörten wir im Predigttext. Gott selbst ist bei der Taufe am Werk. Er stellt eine enge „sakramentale“ Tiefenwirkung her.
In dem jüdischen Gebet „Abinu Malkenu“ heißt es: „Unser Vater, unser König, lösche aus durch deine große Barmherzigkeit all unsere Schuldbriefe.“ Diese Bitte wird am Kreuz Christi erfüllt.
In diesen Vorgang greift Gott ein: Er entfernt den Schuldschein aus dem Bestand des Verwahramtes und heftet ihn an das Kreuz Jesu Christi. In der Kreuzigung Jesu wird der belastende Schuldschein entwertet. Sie ist das sichtbare Zeichen dafür, dass Gott die Sünden der Menschen vergeben hat.
„Farc-Rebellen in Kolumbien legen die Waffen nieder“, vor einem Jahr gingen die Bilder um die Welt: Gewehre, Pistolen, Granantwerfer, Mörser wurden abgegeben, registriert und weggesperrt. Auch die Koordinaten der Sprengstoff-Munitionsdepots wurden deaktiviert, so daß auch von ihnen keine Bedrohung mehr ausgeht. 220.000 Menschen mussten sterben, bis das soweit war.“Vor einem Jahr gingen die Bilder um die Welt: Gewehre, Pistolen, Granantwerfer, Mörser wurden abgegeben, registriert und weggesperrt. Auch die Koordinaten der Sprengstoff-Munitionsdepots wurden deaktiviert, so daß auch von ihnen keine Bedrohung mehr ausgeht. 220.000 Menschen mussten sterben, bis das soweit war.
In vergleichbarer Weise spricht die Bibel von einer Entwaffnung der „Mächte“ und „Gewalten“ genannten bösen Engel. Sie, die die Menschen einschüchterten und bedrohten mussten ihre Folterwerkzeuge aus der Hand legen und sich als Besiegte mit gesenkten Häuptern dem Triumphzug Christi anschließen.
Unsere Ängste haben andere Namen, können aber auch Macht über uns gewinnen Nennen wir sie:
Die Sorge um Gesundheit und vor dem Alter,
die Sorge um die Zukunft,
die Sorge angesichts beruflicher Leistungsanforderungen,
die Sorge um die Ehe.
Sie alle müssen sich als Besiegte mit gesenkten Häuptern dem Triumphzug Christi anschließen.
Viele Menschen suchen einen Rückzugsraum, der hilft, die Anforderungen des täglichen Lebens auszubalancieren.
Durch die Heilige Taufe wird uns eine Gegenwelt zu Schuld, Angst und Tod eröffnet
und damit eine befreiende Sicht eröffnet.
(Die Predigt wurde am 08.04.2018 in der Dorfkirche Alt-Schöneberg gehalten.)
50) Brüder und Schwestern, das ist ganz sicher: Menschen aus Fleisch und Blut können nicht in Gottes neue Welt gelangen. Ein vergänglicher Körper kann nicht unsterblich werden. 51) Ich sage euch jetzt ein Geheimnis: Wir werden nicht alle sterben, wir werden alle verwandelt werden. Das geschieht in einem Augenblick, so schnell, wie jemand mit der Wimper zuckt, sobald die Posaune das Ende ankündigt. 52) Die Posaune gibt das Signal, dann werden die Verstorbenen zu unvergänglichem Leben erweckt, und wir, die wir dann noch am Leben sind, bekommen den neuen Körper. 53) Unser vergänglicher Körper, der dem Tod verfallen ist, muss in einen unvergänglichen Körper verwandelt werden, über den der Tod keine Macht hat. 54) Wenn das geschieht, wenn das Vergängliche mit Unvergänglichkeit überkleidet wird und das Sterbliche mit Unsterblichkeit, dann wird das Prophetenwort wahr: Der Tod ist vernichtet! Der Sieg ist vollkommen! 55) Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist deine Macht? 56) Die Macht des Todes kommt von der Sünde. Die Sünde aber hat ihre Kraft aus dem Gesetz. 57) Dank sei Gott, dass er uns durch Jesus Christus, unseren Herrn, den Sieg schenkt! 58) Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, werdet fest und unerschütterlich in eurem Glauben und tut stets euer Bestes für die Sache des Herrn. Ihr wisst, dass der euren Einsatz belohnen wird.(1. Kor 15,50-58)
Offenkundig ist die Flöte das typische Musikinstrument für den Heiligen Abend… Ihr Klang lässt an die Hirten auf dem Felde und die vielen ihnen gewidmeten Hirtenmusiken denken. Aber wie ist es mit dem Ostermontag? Gibt es auch für ihn ein typisches Instrument? Was meinen Sie im Orchester dazu?
Der biblische Hinweis findet sich in unserem heutigen Predigttext. Es ist tatsächlich die Posaune. Ich freue mich, dass eben in der Kantate auch Posaunen erklungen sind. Was sage ich – „Posaune“!? In biblischen Zeiten benutzte man in Israel das Widderhorn (Schofar). Es ertönte bei wichtigen Anlässen. Der Prophet Jesaja kündigte an, dass einst der durchdringende Ton des Schofars zur Sammlung aller Versprengten Israels auf dem heiligen Berg Gottes rufen wird.
„Zu der Zeit wird man mit einer großen Posaune blasen, und es werden kommen die Verlorenen aus Assur und die Verstoßenen aus Ägypten und werden anbeten den Herrn auf dem heiligen Berg zu Jerusalem.“ (Jes 27,13)
Jesus greift das auf. Zum Klang der Posaunen wird der Menschensohn seine versprengte Gemeinde aus allen Ecken und Enden der Erde zusammenführen.
„Und er (der Menschensohn) wird seine Engel senden mit hellen Posaunen, und sie werden seine Auserwählten sammeln von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum anderen.“ (Mt 24,31)
Liebe Sängerinnen und Sänger, es gibt auch ein wichtiges, vielfach vertontes lateinisches Chorstück, in dem die Posaune des Ostermontags vorkommt. Vielleicht haben Sie schon gesungen „Tuba mirum spargens sonum…“
„Laut wird die Posaune klingen
durch der Erde Gräber dringen.“
„Schaudernd sehen Tod und Leben
sich die Kreatur erheben.“
Es handelt sich um das Requiem, die Totenmesse. Die Posaune kündigt die allgemeine Auferstehung an. Wie die zarten Frühlingsblüher ihre Köpfchen aus der winterlich grauen Wiese herausstrecken, so werden sich beim Klang der Posaune die Versprengten und Verstorbenen aus der Erde erheben. Eine eindrucksvolle Vorstellung!
In unserer heutigen Kantate von Telemann werden wir nach der Predigt im Sopran-Rezitativ hören:
„Wer aber sich vor Gott in Demuth niederlegt,…
der wird, wenn ihn der Tod drückt in die Gruft der Erden,
zur Herrlichkeit erhoben werden.“
Hier wird die individuelle Auferstehung geschildert. Erst das Sich-Niederlegen auf dem Sterbebett, dann das Erhoben-Werden empor zur Herrlichkeit.
Der Wecker schellt vergeblich. Niemand kann geweckt werden, niemand kann sich erheben oder erhoben werden, denn niemand ist zu Hause.
„Ein vergänglicher Körper kann nicht unsterblich werden,“ wusste man schon im alten Korinth. In höherem Masse ist heutzutage gültig: Ein Toter ist tot. Es gibt keinen Sieg des Lebens über den Tod. Höchstens einen Sieg der Medizin über eine schwere Krankheit. Das Leben ist endlich. Jedes Lebewesen trägt ein Verfallsdatum an seiner Stirn. Auch die älteste Schildkröte macht einmal schlapp. Alle Zellen des Körpers sind biologisch auf ihr Ende hin programmiert. Wenn es soweit ist, schwindet unaufhörlich die Kraft, sich selbst zu erhalten. Für endliches Leben gibt es keine Zukunft.
Ausgehend vom Energieerhaltungssatz kann man darüber ins Grübeln geraten, ob sich der Kreislauf von ‚Stirb und Werde‘ um ein Kontinuum von Energie dreht, das sich in einem endlosen Transformationsprozess materialisiert und entmaterialisiert. Am Schicksal des Menschen ändert das nichts. Wie auch immer sich seine Energie im Erdreich des Friedhofs verteilen mag, er als Person ist verlöscht.
Ob es ein Leben nach dem Tod gibt, ist und bleibt strittig. Für viele Zeitgenossen ist es nicht mehr als Poesie. Wohl gelitten im Konzerthaus, aber nur dort. Für Christen ist es eine Hoffnung. Sie ist zart und verletzlich, aber braucht ihren Grund nicht zu verstecken.
Hilfreich ist die Unterscheidung von Wissen und Hoffen frei nach dem großen Königsberger Philosophen Immanuel Kant:
„Was kann ich wissen? – Was darf ich hoffen?“
Das Wissen ist auf den Bereich des sinnlich Anschaulichen begrenzt. „Begriffe ohne Anschauung sind leer,“ so Immanuel Kant. Da es für ein Leben nach dem Tod in Raum und Zeit keine Anschauung gibt, scheidet es als Gegenstand der Wissenschaft aus.
Hoffen darf ich mehr, als ich wissen kann. Auch Kant erhoffte mehr als er erfahrungswissenschaftlich wusste. Die Hoffnung braucht nicht an der Grenze verharren, die dem Wissen gesetzt ist. Sie ist offen für Überraschungen und Geheimnisse. Ein solches Geheimnis ist das Leben nach dem Tod.
Die christliche Hoffnung, wie sie des Paulus vorträgt, beruht auf einer – wie ich sie nennen möchte – Theologie des Ostermontags. Jeweils aus dem 15. Kapitel des ersten Briefs an die Gemeinde in Korinth lesen wir in der Kirche
• am Ostersonntag, was Paulus über die Auferstehung Jesu geschrieben hat,
• am Ostermontag seine Darlegung über das Leben nach dem Tod.
Paulus wagt sich in diesem einen Kapitel 1. Kor 15 von der Auferstehung Christi zur Auferstehung der Toten vor. Seine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod hat er nicht aus der Luft gegriffen. Sie stützt sich darauf, dass Jesus Christus am Ostersonntag auferstanden ist. Die Theologie des Ostermontags kommt vom Ostersonntag her und bedenkt von ihm aus die Konsequenzen für Mensch und Welt.
In diesem Sinne ist die christliche Hoffnung eine begründete, religiös begründete Hoffnung.
Paulus interpretiert die Auferstehung Jesu mit Worten der Propheten Jesaja und Hosea als einen Sieg, ein einschneidendes Ereignis von nachhaltiger Wirkung:
„Der Tod ist vernichtet!
Der Sieg ist vollkommen!
Tod, wo ist dein Sieg?
Tod, wo ist deine Macht?“
Das Leben hat aus sich nicht die Kraft, den Tod zu besiegen, selbst wenn es so etwas wie ein Energiekontinuum geben sollte. Der Sieg, den Paulus meint, ist an die Person Jesu Christi gebunden. Jesus ist nicht privat zu seinem eigenen Wohlergehen auferstanden. Sondern als der Erste in der Reihe aller, die noch auferstehen werden. Seine Auferstehung markiert den Beginn der Erlösung und Vollendung der Schöpfung Gottes.
Dank sei Gott, dass er uns durch Jesus Christus, unseren Herrn, den Sieg schenkt! Durch die Auferstehung Jesu Christi wird die Hoffnung auf ein endgültig vom Tod befreites Leben in Gottes neuer Welt geweckt.
Das vom Tode befreite Leben stellt sich Paulus nicht rein geistig, welt- und körperlos vor. So kann man spekulieren. Als Theologe des Ostermontags orientiert sich Paulus an dem, was sich am Ostersonntag zugetragen hat.
„Wir…haben schon jetzt Bürgerrecht im Himmel bei Gott. Von dort her erwarten wir auch unseren Retter, Jesus Christus, den Herrn. Er wird unsern schwachen, vergänglichen Körper verwandeln, sodass er genauso herrlich und unvergänglich wird wie der Körper, den er selber seit seiner Auferstehung hat.“ (Phil 3,20f.)
Dem auferstandenen Christus gleich gestaltet zu werden, bedeutet: Ich werde völlig anders, aber kein anderer.
Völlig anders – ist die neue Leiblichkeit, über die der Tod keine Macht mehr hat. Sie ist nicht mehr vergänglich, armselig und hinfällig wie unser natürlicher Leib, sondern ganz von Gottes Geist beseelt: unvergänglich, voll Herrlichkeit und Kraft.
Die entsprechenden Worte des Paulus werden häufig bei einer Beisetzung auf dem Friedhof gesprochen:
„Was in die Erde gelegt wird, ist vergänglich;
aber was zum neuen Leben erweckt wird, ist unvergänglich.
Was in die Erde gelegt wird, ist armselig;
aber was zum neuen Leben erweckt wird, ist voll Herrlichkeit.
Was in die Erde gelegt wird, ist hinfällig;
aber was zum neuen Leben erweckt wird, ist voll Kraft.
Was in die Erde gelegt wird, war von natürlichem Leben beseelt;
aber was zu neuem Leben erwacht, wird ganz vom Geist Gottes beseelt sein.“
(1. Kor 15,43f.)
Völlig anders wird d e r s e l b e Mensch. Ich bleibe Ich. Gott behält mich in seiner Hand, wenn ich allen Halt verliere. Mich selbst uneingeschränkt mit meiner Persönlichkeit und meiner Biographie. Derart werde ich in die neue Form des Lebens eintreten.
Ob es ein Leben nach dem Tod gibt, ist und bleibt strittig. Ich finde es wichtig, dass man das berücksichtigt und nicht so tut, als sei es selbstverständlich. Die christliche Hoffnung ist ein zartes Pflänzchen. Bis die Posaune des Ostermontags erklingen wird, braucht sie Hege und Pflege. So wieder Paulus:
„Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, werdet fest und unerschütterlich in eurem Glauben und tut stets euer Bestes für die Sache des Herrn.“
An anderer Stelle wird er deutlicher:
• „Gebt dem Wort Raum, in dem Christus bei euch gegenwärtig ist. Lasst es seinen ganzen Reichtum unter euch entfalten.
• Unterweist und ermahnt einander mit aller Weisheit.
• Singt Gott von ganzem Herzen Psalmen, Hymnen, Loblieder, wie seine Gnade sie schenkt und sein Geist sie euch eingibt.“ (Kol 3,16)
Auch hier zeigt sich Paulus wieder als Theologe des Ostermontags: An erster Stelle steht für ihn die Anrede durch den auferstandenen Christus selbst („der Ostersonntag“). Dann kommt unser Tun („am Ostermontag“): Das Nachdenken und Diskutieren mit aller Weisheit, die wir aufbieten können. Und: das Singen. Singend und lobend geben wir dem Wort Christi in uns Raum.
So gestärkt sind wir gewappnet, in die christliche Antwort auf die Frage: „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“ einzustimmen. Sie lautet: „Ja! Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.
In diesem Sinne lasst uns fröhlich das Signal der Posaune erwarten, das uns in Gottes neue Welt rufen wird!
(Die Predigt wurde am 02.04.2018, dem Ostermontag, in der Paul-Gerhard-Kirche zu Berlin-Schöneberg gehalten. Im Abendmahlsgottesdienst wurde die Kantate „Siehe es hat überwunden der Löwe“ von Georg Philipp Telemann aufgeführt.)
15) Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: 16) diese aus Liebe, denn sie wissen, das ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; 17) jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. 18) Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.
Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; 19) denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch eure Gebete und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, 20) wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern, dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. 21) Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn. (Phil 1,15-21)
Wie ungewiss die Zukunft ist, wie konfliktreich und schwierig unser Leben ist, das wird im Buch des Predigers mit 14 Gegensatzpaaren dargestellt:
Alles, was auf der Erde geschieht, hat seine von Gott bestimmte Zeit:
geboren werden und sterben,
einpflanzen und ausreißen,
töten und retten,
niederreißen und aufbauen,
weinen und lachen
wehklagen und tanzen,
Steine wegwerfen und Steine aufsammeln,
sich umarmen und sich aus der Umarmung lösen,
finden und verlieren,
aufbewahren und wegwerfen
zerreißen und zusammennähen,
schweigen und reden,
lieben und hassen,
Krieg und Frieden.
(Pred 3, 1-8 Die Gute Nachricht)
Die eingewebte Zahlensymbolik
soll untermauern:
So ist das Leben immer, in seiner Ganzheit. Ein schwankendes Gebilde aus Freude und Leid oder mit dem Titel einer bekannten Fernsehserie gesagt: aus guten Zeiten und schlechten Zeiten. Jederzeit kann man aus der Spur geworfen werden, auch wenn man kein besonders riskantes Leben führt. Das, was Freude macht, Wohlgefühl und Wohlbefinden auslöst, ist die Sonnenseite; und die Sonne scheint nicht durchgehend.
Kann man sich gegen die Wechselfälle des Lebens wappnen? Kann man lernen, innere Ressourcen aufzubauen, die einen krisenfest machen? Unter der Bezeichnung „Resilenz“ arbeitet die Psychologie daran. Im Internet werden hierfür Coaching-Kurse und Bücher angeboten.
Wenn Paulus schreibt: „Ich erlebe Kummer und bin doch immer fröhlich.“(2. Kor 6,9) Lässt das aufhorchen. Wie meint er das? Werfen ihn die Wechselfälle des Lebens nicht aus der Bahn? Lässt sich der Tod mit dem Glück versöhnen?
Auf seinen speziellen Kummer weist Paulus mit dem Wort ‚Gefangenschaft‘ hin. Er befindet sich in Haft. Gefängnis bedeutete: Fesseln, Gestank, unerträgliche Hitze oder bittere Kälte. Gefängnis bedeutete: Verhöre, Gewalt und Ungewissheit. Möglicherweise spielt Paulus in einem anderen Brief darauf an:
„Ihr sollt wissen, Brüder und Schwestern, dass ich in der Provinz Asien in einer ausweglosen Lage war. Was ich zu ertragen hatte, war so schwer, dass es über meine Kraft ging. Ich hatte keine Hoffnung mehr, mit dem Leben davonzukommen, ja, ich war ganz sicher, dass das Todesurteil über mich gesprochen war.“ (2. Kor 1,8f.)
Die Provinz Asien lag an der Westküste der heutigen Türkei mit der Hauptstadt: Ephesus, heute ‚Izmir‘. Im Frühjahr 55 könnte Paulus dort in einer Kaserne des Statthalters, dem Prätorium (Phil 1,13), interniert gewesen sein. Behandelt wurde er nicht als ein vom römischen Gesetz geschützter Jude, sondern als ein rechtloser Aufrührer einer neuartigen Richtung. Die Urteile gegen Christen waren Ermessensurteile. Eine staatliche Richtlinie war noch nicht definiert.
Außerdem schreibt er sich von der Seele, was ihn noch beschwert: Neid, Streitsucht und Eigennutz der Prediger in Philippi.
Trotz seiner ungewissen, bedrohlichen Lage verfasst Paulus eine einzige „Ode an die Freude“! Typisch ist der Abschnitt, der in jedem Jahr am vierten Adventssonntag gelesen wird:
Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!
Eure Güte lasst kundsein allen Menschen!
Der Herr ist nahe!
Sorgt euch um nichts,
sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! (Phil 4,4-6)
Woraus speist sich diese Freude im Gefängnis?
Paulus ist nicht allein gelassen! Die Schiffe, die von Ephesus über die Ägäis nach Philippi in Nordgriechenland verkehrten, ermöglichten rege Reisetätigkeit und Informationsaustausch. Sein Schicksal wird nach Philippi berichtet. Die Gemeinde schickt ihm als Helfer in der Not, Epaphroditus (4,18), mit Lebensmitteln und Geld und bleibt mit Paulus in Verbindung.
Paulus ist nicht allein gelassen! Das gilt auch für die Fürbitte, die er erwähnt. Er weiß sich in eine Gebetsgemeinschaft eingehüllt, die ihn trägt und stärkt. Er betet für die Gemeinde und die Gemeinde betet für ihn. Mit ihren Sorgen und ihrer Freude wenden sie sich an Jesus Christus.
Paulus ist nicht allein gelassen! Er vertraut auf den „Beistand des Geistes Jesu Christi“. Vielleicht denkt er dabei an die Zusage Jesu: „Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt.“ (Mt 10,19)
Wir setzen „unser Vertrauen nicht auf uns selbst…, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt.“(2. Kor 1,9) Nach seinem jüdischen Glauben ist Vertrauen nicht Ausdruck von Ich-Stärke oder eines unverbesserlichen Optimismus, sondern kommt von außen, aus der Beziehung zu Gott bzw. zu dem auferstandenen Jesus Christus:„Wohl den Menschen, die d i c h für ihre Stärke halten,“ wird im 84. Psalm gebetet. Stets hat Paulus Christus vor Augen, denn er weiß sich ihm befreit und errettet. Mit ihm teilt er seine Pläne und seine Sorgen, von ihm erwartet er den Heiligen Geist. Zu ihm jubelt er: Freuet euch in dem Herrn allewege!
Wir Menschen sind Verhältniswesen. Man unterscheidet dabei:
Zu diesen drei Beziehungen kommt das unverbrüchliche Verhältnis zu Christus. Ich bin nie allein gelassen, sondern stehe immer vor Christus und teile mit ihm mein Leben. Er weist mich an den Nächsten und stellt mich in die Welt. Der Kummer des Paulus wurde von der ‚Welt‘ in Gestalt der Weltmacht Rom verursacht. Seine nächsten Freunde standen ihm bei, so gut sie konnten.
Die Verbindung mit Christus wird auch den Tod überdauern. Deshalb kann Paulus sagen, egal, welches Urteil die Richter über mich sprechen werden, „ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird“. Das gilt für die Errettung aus der Todesnot, aber sogar auch für den äußersten Fall: „Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.“
Lässt sich der Tod mit dem Glück versöhnen? Im Blick auf seine Krankheit schreibt Paulus: „Ich bin ein Sterbender und doch lebe ich.“(2. Kor 6,8-10)
Misshandlungen gehörten zum Alltag im Gefängnis. Er sagt: „Ich werde misshandelt und doch komme ich nicht um.“
Im Gefängnis konnte er nicht arbeiten und verdiente kein Geld. „Ich bin arm wie ein Bettler und mache doch viele reich.“ Damit meint er die Verkündigung des Evangeliums, die er weiterhin betreibt. Alle wissen, dass er seine Fesseln für diesen Christus trägt.
Das Schicksal des Paulus ist einmalig. Was er, der außergewöhnliche Missionar der ersten Stunde, erlebt und erlitten hat, gehört in seine Biographie. Auch wie er Trost fand. Allerdings die Erfahrung: „Ich erlebe Kummer und bin doch immer fröhlich,“ durchströmt seither die Kirche.
Warum trägt sonst ein Sonntag der Passionszeit gerade den Namen „Lätare“ – „freuet euch“?
Ich denke dabei auch an den Choral dieses Sonntags: „Jesu meine Freude“ gedichtet 1653 – 1600 Jahre nach Paulus! – von Johann Franck, dem Dichter-Bürgermeister von Guben in der Niederlausitz, und an alle, denen er seither damit aus dem Herzen gesprochen hat:
Unter deinen Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei.
Laß den Satan wettern, laß die Welt erzittern, mir steht Jesus bei.
Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken, Jesus will mich decken.
Weicht ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister Jesus tritt herein.
Denen, die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein.
Duld ich schon hier Spott und Hohn, dennoch bleibt du auch im Leide, Jesu, meine Freude. (EG 396,2.6)
Mit gewissen Blick in eine ungewisse Zukunft…
Am vierten Tag unserer Israel-Reise im vorigen Monat schaukelten wir auf einer sich verästelnden alten Landstraße von Jericho, der am tiefsten gelegenen Stadt der Erde (250 m unter dem Meeresspiegel), bergwärts ins judäische Gebirge, um einen Blick auf das St.-Georgs-Kloster am nördlichen Felshang des Wadi Kilt zu werfen. Die Straße wurde immer schmaler, die Kurven immer enger, die Abhänge immer steiler. Der Bus schwankte nach links und nach rechts. „Gleich wird mir schlecht!“, ahnte ich. Geholfen hat, nicht aus dem Fenster zu gucken. Den Blick vielmehr auf einen ruhigen Punkt an der Decke des Busses zu richten. Wenn es dich hin- und herschwingt, blicke auf einen Fixpunkt, das entspannt!
„Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten,“ der Blick auf Christus ist so ein Fixpunkt im Auf und Ab von
geboren werden und sterben,
einpflanzen und ausreißen,
töten und retten,
niederreißen und aufbauen,
weinen und lachen
wehklagen und tanzen,
Steine wegwerfen und Steine aufsammeln,
sich umarmen und sich aus der Umarmung lösen,
finden und verlieren,
aufbewahren und wegwerfen
zerreißen und zusammennähen,
schweigen und reden,
lieben und hassen,
Krieg und Frieden.
Schließen möchte ich mit den Worten eines unbekannten Verfassers:
Die Zukunft ist für den Glaubenden äußerlich genauso ungewiss und ungesichert wie für jeden anderen.
Über dem Prozess des Paulus steht nicht die Garantie: Für den Boten Gottes muss alles gut ausgehen.
So wenig wie über dem Krankenlager des Frommen steht: Er muss wieder gesund werden.
Nur eins weiß der Glaubende, was alle anderen nicht wissen können: Ausgehen wird es ihm zum Heil.
Mit gewissem Blick sieht er in eine ungewisse Zukunft!
22) So spricht der HERR:
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
23) Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen,
dass er klug sei und mich kenne,
dass ich der HERR (= JAHWE) bin,
der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden,
denn solches gefällt mir, spricht der HERR. (Jer 9,22f.)
„Hast Du heute schon dein Kind gelobt?“ – „Aber sicher!“
„Hast Du heute schon Gott gelobt?“ – „Wieso? Warum?“
Wir kommen darauf zurück. Beginnen wir mit Jeremia!
Jeremia ist Bote Gottes. Im Unterschied zu einem Prediger sagt er nicht:
„Ich denke, das will Gott“, sondern knallhart: „So spricht der Herr.“
Er trägt keine Überlegungen vor. Er ist der Mund Gottes. Mit 23 Jahren tritt er zum ersten Mal den Älteren, ja den Ältesten Israels gegenüber. Und das in einer Zeit, wo das Alter geachtet wurde. Eine Ungeheuerlichkeit, nach der er sich wahrlich nicht gedrängt hatte.
„Bessert euer Leben und euer Tun“ (Jer 7,3) schleuderte er ihnen entgegen. Ihr „opfert dem Baal und lauft fremden Göttern nach“. (Jer 7,8) „Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und kein Wasser geben“. (Jer 2,13)
Bei uns sind fremde Gottheiten nicht so prickelnd. Ab und zu fällt der Blick auf die Buddha-Figur beim Inder oder Vietnamesen. Aber auch ohne sie kann man sich von Gott entfernen, wie bereits Jeremia weiß. Weisheit, Stärke und Reichtum nehmen dann ihren Platz ein. Mit Sicherheit hätte er Donald Trumps Twitter nicht durchgehen lassen: „Ich bin ein stabiles Genie.“ – Das ist Prahlerei mit Reichtum! „Ich habe einen größeren Atomknopf als Kim Jong-un.“ Das ist Prahlerei mit Stärke!
Gegen die Verleihung von Nobelpreisen für herausragende wissenschaftliche Leistungen hätte Jeremia nichts gehabt. Auch nichts gegen die Siegertreppchen für Vier-Schanzen-Springer, Ski-Abfahrtsläuferinnen und -Abfahrtsläufer und alle Athleten der Olympiade in Pyeongchang, sofern sie clean sind. Auch wirtschaftlichem Erfolg würde er Respekt zollen. Wo ein Unternehmer aus bescheidenen Anfängen eine Weltfirma aufgebaut hat wie bei IKEA, ALDI und SAP der Fall. Wir brauchen gute Wissenschaftler, Fitness und Tatkraft, Innovationen.
Wogegen ist dann Jeremia? Dass Weisheit/Wissen, Stärke und Reichtum von Gott weg drängen.
„Hast Du heute schon dein Kind gelobt?“ – „Aber sicher!“
Sein Kind zu loben ist in der modernen Pädagogik selbstverständlich, weil fördernd und hilfreich.
„Hast Du heute schon Gott gelobt?“ – „Wieso? Warum?“
Gott ist irgendwie ins Hintertreffen geraten. Warum soll ich ihn loben? Bewältige ich meinen Alltag nicht aus eigener Kraft – mit meinem Wissen, meiner Fitness und meinem Konto? – Gilt dasselbe nicht für die Menschheit im Ganzen? Wir erkennen die Welt ohne Gott. Die Wissenschaft kommt seit 200 Jahren ohne die Größe „Gott“ aus. Wir lösen unsere Probleme, so gut wir können, ohne Gott. Vieles ist gelungen (die Bekämpfung von Krankheiten, der Aufbau einer modernen Zivilisation) anderes nicht wie die schreiende Armut und die Erderwärmung. Daran wird gearbeitet.
Je breiter das Eigenlob über die Leistungen von Wissenschaft, Stärke, Finanzkraft ausfällt (nur davon berichten die Medien), um so schmaler fällt das Gotteslob aus, bis niemand mehr weiß: Wofür soll man ihn loben? Was zu regeln ist, haben wir selbst in der Hand!
„Jauchzet; frohlocket!“, lässt man gern große Chöre jubeln. Wie hört sich wohl das persönliche Gotteslob der Konzertbesucher in den eigenen vier Wänden an?
Ein bekannter Schlagersänger, der „Fröhlichmacher der Nation“, feierte kürzlich einen runden Geburtstag. Karriere, Erfolg, fit wie ein Turnschuh im Alter, eine 56jährige stabile Ehe, fünf Enkel und ein Urenkel lieferten ihm keinen Grund, Gott an diesem Tag zu danken.
„Meine Zweifel begannen, als mein Bruder mit 17 Jahren vor meinen Augen überfahren wurde und an den Verletzungen starb. Ich habe mich danach viel mit dem Thema Religion beschäftigt. Da gibt es so viel Unrechtes und so viel, was keinen Sinn macht. Egal, in welcher Religion.“
In Athen auf dem Areopag stand ein Altar – gewidmet DEM UNBEKANNTEN GOTT. (Apg 10, 23) So geht es uns heute wieder. Nachdem wir alles Schöne und Wichtige im Leben für uns in Anspruch genommen haben, bleiben für „Gott“ nur noch Zweifel und Dunkelheit übrig.
„Der HERR schaut vom Himmel auf die Menschenkinder,
dass er sehe, ob jemand klug sei und nach ihm frage.“ (Ps 14,2)
Es ist keine Selbstverständlichkeit, Gott zu loben. Wo der Mensch um sich selbst kreist, um seine Weisheit, seine Stärke und seinen Reichtum, da ist sein Blick für Gottes Wirken blockiert. Zum Fragen nach Gott gehört eine bestimmte Haltung, die Klugheit. Das greift Jeremia hier auf:
Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen,
dass er klug sei und mich kenne,
dass ich der HERR (= JAHWE) bin.
Die Klugheit lenkt den Blick auf Gottes Kontaktdaten, die berühmten vier Buchstaben des hebräischen Alphabets: JHWH. Sie stehen für JAHWE, den Gott, der sein Volk aus Ägypten befreite und in das gelobte Land führte. Er ist der Existenzgrund Israels. „Alles, was ihr habt, habt ihr durch mich.“
Insbesondere steht er für Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit.
Gott ist liebevoll und zugewandt.
„Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ (Jer 31,3)
Ein Drittel des Alten Testaments besteht aus den verschiedenen Rechtsbüchern, der Tora. Gott setzte Recht in Israel. Vieles davon ist noch heute vorbildlich. Dementsprechend besteht Jeremia darauf, dass einer gegen den anderen recht handelt. Dass man nach Recht und Gesetz miteinander umgeht. Dieben, Mördern, Ehebrechern zeigt er eine scharfe Kante.
Gott will, das gerechtes Gericht gehalten wird. Nicht nur, dass ein Gericht vorhanden ist, sondern dass es auch ordentlich funktioniert, „die Person nicht ansieht und kein Geschenk annimmt“ (5. Mose 10,17) Anders als in Venezuela, China, Vietnam und Russland, wo sich die Regierungen Urteile gegen missliebige Personen beim Gericht bestellen.
Und Gott will, dass die Schwachen, Fremdlinge, Waisen und Witwen nicht bedrängt werden (Jer 22,2), sondern dass ihnen Recht geschafften wird. Gottes Gerechtigkeit heilt und schafft Heil. Paulus konnte deshalb den Inhalt des Evangeliums als Gerechtigkeit Gottes (Röm 1,18) bezeichnen.
Jeremia, der Bote Gottes, hatte in seinem langen Leben ein schweres Schicksal. Sein Bußruf verhallte ungehört. Es blieb bei Gewinnsucht, Gewalt, Betrug und Verleumdung. König, Priester, Älteste beharrten auf ihrer Weisheit. Setzten auf Stärke und schlugen einen Kurs ein, der das Land ins Verderben stürzte. Jeremias Prophetie wurde zunehmend schärfer. Resigniert kündigte er das Gericht Gottes an.„Dieses Haus soll zerstört werden“, spricht der HERR (Jer 22,5).
Daraufhin stellte ihm nach, schikanierte ihn und warf ihn schließlich in einen tiefen ausgetrockneten Brunnenschacht. Elendiglich verrecken sollte er dort.
Umso aufmerksamer wandten sich die Nachgeborenen seinen Botensprüchen zu. Ein für allemal wollte man die Fehler der verlorenen Generation vermeiden. In dieser Tradition stehen auch wir in der Kirche, wenn wir uns heute von Jeremia den Weg vom Eigenlob zum Gotteslob weisen lassen.
Das Gotteslob, wörtlich Hallelu-ja „gelobt sei Gott“ – wird durch die kluge Erkenntnis eröffnet, dass er der Existenzgrund seiner Gemeinde ist und sich für ihr Ergehen verantwortlich weiß. Aus vollem Herzen gesungen bewahrt es vor hochnäsiger Weisheit und Prahlerei mit Stärke und Reichtum und sorgt dafür, dass diese Gaben Gottes in seinem Sinn genutzt werden.
Gott ist kein Gegenstand wissenschaftlichen Welterkennens. Es ist aber nicht klug, sich deshalb von ihm abzuwenden. Er hat seine Kontaktdaten bekannt gemacht. Er ist unser Existenzgrund: Alles, was ihr habt, habt ihr durch mich.
Es gilt nicht das Recht des Stärkeren, sondern die Bindung der Stärke an das Recht.
„Hast Du heute schon dein Kind gelobt“ – „Aber sicher!“
„Hast Du heute schon Gott gelobt?“ – „Aber sicher!“
„ Warum?“ – „Weil er barmherzig ist und für Recht und Gerechtigkeit sorgt.“
Am Jahresende gibt die Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort bekannt, das am meisten Aufsehen erregte. Das Wort des Jahres 2017 war:„Jamaika-Aus“. Am Jahresanfang gibt die evangelische Kirche das Bibelwort bekannt, das nicht nur für einen Tag wie die Tageslosung, sondern für alle 365 Tage eine geistlich Anregung bieten soll. Für das Jahr 2018 lautet es:
Gott spricht:
Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst (Offb 21,6)
„Trinken Sie erst einmal ein Glas Wasser“, sagt die freundliche Arzthelferin. Ich liege auf dem Boden in der Augenarztpraxis. Die Füße leicht erhöht. Es war der erste Arztbesuch nach einer Star-Operation im Juni vorigen Jahres. Der Doktor hatte den Verband abgenommen und das operierte Auge durchleuchtet. Dann: „Blicken Sie mal nach oben.“ – „Nun nach rechts.“ Mir wurde mulmig. „Nun nach unten.“ Noch mulmiger. „Nun nach links.“ Kollaps. Nichts ging mehr. Ich musste mich auf dem Boden ausstrecken. „Trinken Sie erst einmal ein Glas Wasser!“
Soweit mein Zugang zur Jahreslosung. Auch hier wird ein erfrischender Trank gereicht. Von Gott selbst. Der Gott der Bibel ist nicht die stumme, teilnahmslose „höhere Macht“, im Sinne von: „Ich glaube an eine höhere Macht. Irgendetwas wir es da oben schon geben.“
Gott weiß, was Durst ist und wer Durst hat. Ein „Etwas-über-uns“ nicht. Ohne eine Gegenleistung zu erwarten, bietet er ein Glas aus der Quelle des lebendigen Wassers an. „Wenn dir schwarz von Augen wird, will ich dich wieder aufbauen und stärken.“ Das Wasser des Lebens für das Neue Jahr 2018!
Wer leidet Durst? Was für ein Durst ist gemeint? Wo befindet sich die köstliche Quelle?
Beginnen wir mit den uns bekannten Sorgenkindern!
Jenen, die in Schwierigkeiten stecken. Das Geld reicht vorn und hinten nicht; sie kommen nur knapp über die Runden. Oder jenen, die einsam sind und die Feiertage ohne Angehörige, Freunde oder Nachbarn verlebten. Schließlich jene, die merken, dass sie mehr und mehr auf Hilfe angewiesen sind und sich nach ihrer alten Tatkraft zurücksehnen.
Der alte Priester Zacharias preist
„das aufgehende Licht aus der Höhe“,
das denen erscheinen wird,
„die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes“
und „unsere Füße auf den Weg des Friedens“ richten wird.
(Lk 1,78f.)
Jesus ist dieses Licht. Er wandte sich an alle in Finsternis und im Schatten des Todes:
„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Mt 11,28)
Ich lese gerade den Roman „Ein leuchtend blauer Faden“ von der amerikanischen Schriftstellerin Anne Tyler. Da ordnen die vier erwachsenen Kinder den Nachlass ihrer überraschend verstorbenen Mutter Amy Whitshank. Darunter ein vergilbter Zettel mit guten Vorsätzen für das Neue Jahr aus der Zeit, als sie noch klein waren:
„Bis Zehn zählen, bevor ich die Kinder ausschimpfe!“
„Täglich daran denken, dass meine Mutter immer älter wird und wir sie einmal nicht mehr haben werden.“
Im Internet fand ich zehn gesundheitsorientierte gute Vorsätze. – Kommt etwas für Sie in Frage?
Weniger Stress!
Mehr Bewegung!
Gesündere Ernährung!
Mehr Zeit für sich selbst (und für Gott- setze ich dazu)!
Weniger Rauchen!
Weniger Alkohol! (wird gerne eau-de-vie genannt, ist aber kein Wasser des Lebens)! Ausreichend schlafen!
Mehr Zeit für Familie und Freunde (und den Nächsten – setze ich dazu)!
Zur Vorsorge gehen!
Weniger fernsehen!
Ist ein einfaches „Weiter-so“ am Neujahrstag nicht zu mager? Wie wäre es mit einer Inventur: Was war bisher gut? Woran haperte es? Was möchte ich besser machen?Eine Fundgrube für gute Vorsätze sind die Briefe des Apostels Paulus. Alle seine Anregungen weisen in eine bestimmte Richtung:
Nicht zügellos und eigennützig leben, sondern so leben wie es Gott gefällt!
Paulus begleitet seine Gemeinde – somit auch uns – mit der kraftvollen Fürbitte:
„Der Herr lasse eure Liebe zueinander und zu allen Menschen wachsen.
Er mache euch innerlich stark, damit ihr vor unserm Gott und Vater in untadeliger Heiligkeit dasteht, wenn Jesus, unser Herr mit allen seinen Engeln kommt.“
(1. Thess 3,12)
Am ersten Tag des Neuen Jahres greifen wir zum letzten Buch der Bibel. Die Offenbarung des Johannes ist überaus anstrengend, voller dunkler, ja gruseliger Abschnitte. „Gehört so etwas überhaupt in die Bibel?“ fragte man schon öfter. Aber dabei blieb es dann. Warum?
Weil der mühsame Weg durch die dunklen Kapitel mit den sieben Siegeln, den sieben Posaunen und den sieben Zornschalen einer Bergbesteigung gleicht! Hat man ihn hinter sich gebracht, wird man auf dem Gipfel mit einer herrlichen Aussicht belohnt. In den beiden Schusskapiteln 21 und 22 wird der Inbegriff der christlichen Hoffnung entfaltet, die alle irdischen Horizonte übersteigt. Das Reich Gottes, das Jesus ankündigte, die Fülle des Heils als Ziel der Geschichte von Mensch und Welt.
„Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 20,5). So wird Gott die Weltschöpfung vollenden:
Von dieser Quelle spricht unsere Jahreslosung!.
Aus ihr gibt Gott dem Durstigen umsonst zu trinken. Sie spendet nicht „lebendiges Wasser“ (Luther-Übersetzung). Bei „lebendigem Wasser“ denkt man vermutlich an den Rheinfall von Schaffhausen im Unterschied zur Havel oder an die Nordsee im Unterschied zum Grunewaldsee. Sie spendet einen Vorgeschmack auf Gottes Zukunft mit uns und mit der Welt ohne Tränen, ohne Tod, ohne Leid, ohne Klagegeschrei und ohne Schmerz (Offbg. 21,4). Dementsprechend auch ohne Durst, ohne Kummer und ohne Sehnsucht. Darin liegt ihre besondere verwandelnde Kraft.
Sie spendet das Wasser des Lebens. So wird die Jahreslosung wörtlich übersetzt:
Gott spricht:
Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des Wassers des Lebens umsonst.
(Offb 21,6)
In diesem Glauben lebte der Apostel Paulus. Er vertraute auf das Kommen des Reiches Gottes „Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ ( Röm 8,18) Was sich ihm auch in den Weg stellte, er wusste sich von Gottes Macht umgriffen. Er sah die Gegenwart im Horizont der Zukunft. Das richtete ihn immer wieder auf.Das Endgültige machte ihn zuversichtlich und tapfer, das Vorläufige recht zu bestehen.
Der Großkritiker Marcel Reich-Ranicki, 13 Jahre lang Chef des Literarischen Quartetts im ZDF, beendete jede Sendung prägnant: Und so sehen wir betroffen der Vorhang z u und alle Fragen o f f e n . (Berthold Brecht) Ein zutreffendes Resümee. Trotz der stets äußerst temperamentvollen und unterhaltsamen Beiträge Reich-Ranickis blieb es bei unterschiedlichen Bewertungen und offenen Fragen.
Der Vorhang zu und alle Fragen offen. – Ist das unsere Zukunftsperspektive für die Geschichte, die Welt und für uns persönlich? Alles ist offen. Niemand weiß, was passieren wird. Alles Leid, alles Klagegeschrei, aller Schmerz, alle Tränen waren umsonst?
Die Bibel denkt von der Vollendung her: Wenn wir beten: „Dein Reich komme“, stehen wir nicht an einem geschlossenen Vorhang – resignierend, sondern an einem offenen Vorhang: Der Vorhang a u f und k e i n e Frage offen.
So beten wir darum, dass Gottes Zukunft in unserer Gegenwart anbricht. Ihr Vorgeschmack ist das Wasser des Lebens.
Gott tröstet und stärkt uns, damit wir andere trösten und stärken.
Die Brot-Welt-Aktion für 2018 „Wasser für alle“, für die bereits am Heiligen Abend – soweit ich weiß – 7.000€ gesammelt wurden, zielt auf die an Durst Leidenden ab: 850 Millionen Frauen, Männer und Kinder ohne sauberes Trinkwasser, ohne Brunnen, Speicher und Leitungen.
Eine Kleinbäuerin aus Kenia erzählt, wie es war bevor, die Hilfe kam:
Wir tranken zu wenig und hatten oft Kopfschmerzen. Täglich musste die Wasserstelle am Fluss aufgesucht werden. Ein Weg von 7km. Fünf Stunden Fußweg hin und zurück. Der Kanister fasste bis zu 30l. Und drückte schwer. Die Frauen des Dorfes brachen zusammen im Morgengrauen auf. Allein war es wegen der wilden Tiere zu gefährlich. Die bange Frage „Wird genug Wasser da sein?“ begleitete sie. Für alle Fälle hatten sie immer eine Schöpfkelle dabei. Mit ihr kamen sie auch in kleine Wasserlöcher, aus denen auch die Tiere tranken.
Heute ist es besser: Ein Felsen in der Nachbarschaft des Dorfes 2000 qm breit, leichte Schräglage, wurde mit einer Art Dachrinne samt Abflussrohr versehen. So konnte das kostbare Nass in einen Speicher strömen. Ein Wasservorrat für jeden Tag
Ein Beispiel für die Hilfe in großer Not, die wir 2018 im Auge behalten sollten.
Wer leidet Durst? Was für ein Durst ist gemeint? Wo befindet sich die köstliche Quelle?
17) Und als Jesus sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? 18) Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. 19) Du kennst die Gebote: „Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter.“ 20) Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf. 21) Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach! 22) Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.
23) Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! 24) Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist’s, ins Reich Gottes zu kommen! 25) Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.26) Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden? 27) Jesus aber sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott. (Mk 18,17-27)
Jemand tritt an Jesus heran. Womöglich ein junger Mann. Er wirft sich vor ihm nieder. So begrüßt man keinen Rabbi! Auch die Anrede, die er wählt: „Guter Meister“ verbessert Jesus sofort.
Trotz seines ungestümen Verhaltens findet Jesus ihn sympathisch. Halten wir das fest unabhängig davon, wie die Begegnung ausgeht! Zugewandt und hilfsbereit war Jesus durchweg. Aber nur hier bei der Begegnung mit dem reichen Jüngling wird ausdrücklich vermerkt: „Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb.“ Wenn wir möchten, dass Jesus auch uns sympathisch findet, können wir es uns von diesem Mann abgucken.
Seine religiöse Wissbegierde springt ins Auge: „Was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ Er nimmt das ewige Leben ernst. Er spürt, dass man in das Reich Gottes nicht so fraglos hineinfinden kann wie in neues Lebensjahr. Der nächste Geburtstag kommt, ob man will oder nicht. Über das Ewige wird im Zeitlichen
entschieden. Es bedarf der Vorbereitung. Dazu befragt er Jesus.
Dieser verweist auf die Gebote Gottes und nennt insbesondere:
„Du sollst nicht töten;
du sollst nicht ehebrechen;
du sollst nicht stehlen;
du sollst nicht falsch Zeugnis reden;
du sollst niemanden berauben;
ehre Vater und Mutter.“
Das sind die Worte des Lebens.
Der junge Mann: „Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.“ Er erwartet nicht nur das ewige Leben. Er ist auch in den Geboten zu Haus und will anständig und integer leben. Auf diese Art gewann ihn Jesus lieb. Darin kann er uns als Vorbild dienen.
Enthusiastisch war er herbeigelaufen – traurig schlich er davon. Perplex. Alles,was er besaß, sollte er weggeben und sich als mittelloser Wandermissionar der Jesusgruppe anschließen,
Der junge Mann schafft diese Abkehr nicht. Als Großgrundbesitzer, der er ist, kann und will er nicht aus dem Geschäftsleben und der damit verbundenen Verantwortung aussteigen. So verpasst er die Chance seines Lebens, ein persönlicher Mitarbeiter Jesu zu werden, von ihm zu lernen, mit ihm zu leiden und in seinem Sinne zu wirken. Eine Nebenwirkung von Geld und Besitz!
Enttäuscht von dem Weggang warnt Jesus vor dem geistlichen Risiko, das mit Geld und Besitz grundsätzlich verbunden ist: „Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!“ Den Jüngern ist das neu. Reiche genossen öffentliches Ansehen. Geld und Besitz ließen auf den Segen Gottes schließen. Steht der Reiche dem Himmel deshalb nicht besonders nahe?
Jesus ist ganz anderer Ansicht und sattelt drauf:
„Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“
Schärfer geht es nicht. Jedes Kind weiß: Steht ein Kamel, das größte Tier, das man in Israel kannte, vor einer Nähnadel mit ihrem winzigen Nadelöhr, dann ist eine Passage ausgeschlossen. Da gibt es kein Durchkommen. Das Kamel steht für den Reichen. Das Nadelöhr für die Eingangspforte zum Reich Gottes. Von ihr sagt Jesus an anderer Stelle:„Ringt darum, dass ihr durch die enge Pforte hineingeht; denn viele…werden danach trachten, wie sie hineinkommen, und werden’s nicht können.“ (Lukas 15,24). Die Reichen zählen zu denen, die nicht durch die Eingangspforte des Reiches Gottes passen. Geld und Besitz hindern sie daran.
Wirtschaftskriminalität in bekannten und neuen Spielarten bei großen und kleinen Firmen ist ein Top-Thema. Keine Woche ohne eine Meldung aus diesem Bereich. Wer hätte gedacht, dass VW, der größte deutsche Autokonzern betrügt – schlicht und einfach betrügt. Die Abgaswerte für Dieselfahrzeuge wurden vorsätzlich so manipuliert, dass sie nur auf dem Prüfstand stimmten und sonst nicht. Heißt es nicht: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“?
Die Wirtschaftsbosse waren natürlich völlig ahnungslos und ließen sich ihre Ahnungslosigkeit mit stattliche Boni zusätzlich zum Spitzengehalt vergüten. Heißt es nicht: „Du sollst nicht begehren“?
Wer reich werden und reich bleiben will, gerät schnell in Konflikt mit den Geboten Gottes, die Habgier, Betrug und Ausbeutung untersagen. Reichtum untergräbt Anstand! Man will ja konkurrenzfähig bleiben…
Liebe Gemeinde, vielleicht denken sie jetzt: „Der Pfarrer gibt sich ja Mühe, aber er spricht über Abwesende. Reich bin ich nicht!“
Jesus möchte, dass seine Lehren allgemein bekannt werden. Außerdem spüren wir alle die Auswirkungen des Reichtums! Gute wie schlechte. Der Wohlstand ist in Deutschland stetig gewachsen. Deutschland ist im Vergleich zu anderen Ländern in Europa reiches Land. So weit so gut!
Aber: Mit wachsendem Wohlstand verdunstet der Bedarf an Religion:
Reichtum fördert eine rein diesseitige Einstellung. Die Frage: „Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ verstummt. Ebenso das Tischgebet. In Berlin gehören nur noch 19% der Bevölkerung zur evangelischen Kirche. Die Zahlen von Taufen, Konfirmationen, Trauungen, Beerdigungen sinken. Obwohl manche Gemeinden gegen den Trend wachsen, befinden wir uns in einer Abwärtsspirale. Reichtum erstickt Frömmigkeit!
Was sollen wir tun?
Bei einem Spaziergang im Volkspark schnappte ich dieses Wort auf, das noch nicht im Duden (Jahrgang 2006) steht. Es kann uns jetzt gute Dienste leisten.
Jesus hat nicht nur tröstend und aufmunternd gewirkt. Er konnte auch sehr anstrengend sein. Gepfeffert und gesalzen war es oft, was er vorbrachte. Ihm war wichtig, dass das Salz ja seine Schärfe nicht verliert. „Das Salz ist gut; wenn aber das Salz nicht mehr salzt, womit wird man’s würzen?“ (Mk 9,50)
Das Wort vom Kamel, das nicht durch das Nadelöhr passt, war so ein gepfeffertes und gesalzenes Wort. Es wühlt die Jünger auf. Sie beziehen es auch auf sich und sehen sich in der viel zu engen Pforte des Himmelreichs klemmen. Wir hörten: Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: „Wer kann dann selig werden?
Jesus präsentiert ihnen keine Lösung. Er beharrt auf der Lösungsunverträglichkeit ihrer Frage. Er sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.
Ein Dilemma! Nach Einschätzung Jesu können wir nicht zugleich reich und fromm oder zugleich reich und anständig bleiben. Auch wenn wir denken, wir schaffen es, alles ist im grünen Bereich – und so pflegen wir zu denken! – im Urteil Jesu wird alles Gute durch Geld und Besitz pulverisiert. Reichtum untergräbt Anstand. Reichtum erstickt Frömmigkeit.
Jesus verweist auf Gott. Er allein kann das Dilemma lösen von Fall zu Fall. Wie? Auf welchem Wege? Darüber schweigt Jesus. Er schwächt das Risiko, das mit Geld und Besitz verbunden ist, nicht ab.
So kurbelt er das Gewissen des einzelnen und die Verantwortung der Gesellschaft an. Niemand sollte sich auf seinen tatsächlichen oder vermeintlichen Lorbeeren ausruhen.
Der Einzelne kann versuchen, sich mit den Augen Gottes zu betrachten, sein Verhalten auch im Blick auf Habgier, Betrug und Ausbeutung an den Geboten Gottes überprüfen und um Vergebung bitten. Dies ist Sinn der Bitte: „Und vergib uns unsere Schuld“ im Vaterunser. Christliche Unternehmer unterziehen sich dieser Gewissenserforschung und arbeiten an einer wertorientierten Unternehmensführung.
Die Gesellschaft darf nicht nachlassen, den Armen zu ihrem Recht zu verhelfen und
immer wieder nach besseren Lösungen zu suchen – in unserem Land und in den Ländern, die von uns abhängig sind. Zum Glück gibt es dafür bei uns eine Sensibilität in allen politischen Lagern.
Obwohl wir alle keine Wirtschaftsbosse sind, regte Jesus uns an, über die Risiken und Nebenwirkungen von Geld und Besitz nachzudenken:
16) Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. 17) Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.
18) Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Mt 28,28-20)
Geraume Zeit nach der Hinrichtung Johannes des Täufers wurde wieder getauft. Diesmal nicht am Jordan, sondern in Jerusalem. An jenem denkwürdigen 50. Tag nach dem Passafest, an dem Petrus vom Heiligen Geist durchdrungen seine erste öffentliche Predigt gehalten hatte. Seine Worte gingen der Menge durchs Herz. „Was sollen wir tun?“, wollten sie wissen. Seine Antwort: „Lasset euch taufen!“ Damit war die Taufe in der Welt.
3000 Leute wurden an jenem 50. Tag getauft, den wir heute „Pfingsten“ nennen. In Jerusalem: Juden. In Samarien: Samaritaner. Mit den Taufen eines Äthiopiers und eines Römers wurde die Grenze zu den nichtjüdischen Völkern übersprungen. Seitdem durchflutet die Taufe den Erdkreis.
Christsein beginnt mit der Taufe. Die Taufe ist das Sakrament des Anfangs.
Es war kein spontaner Einfall, auch kein Nachhall des Täufers. Petrus wusste sich von Jesus beauftragt. Im letzten Kapitel des Matthäusevangeliums wird das geschildert. Zum Abschluss seiner irdischen Sichtbarkeit erschien der Auferstandene den verbliebenen elf Jüngern auf einem von ihm vorher benannten Berg in Galiläa. Alle fielen vor ihm nieder, wie man das nur vor Gott zu tun pflegt. Eine beeindruckende Geste der absoluten Anerkennung. Sie spürten, dass Jesus von nun an eine herausgehobene Position einnimmt. „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Er ist der Herrscher über das All, der Kyrios. Ihn rufen wir an, wenn wir im Gottesdienst singen und beten: „Kyrie eleison“, „Herr erbarme dich“.
Sichtbar wird die Schlüsselstellung Jesu für das Schicksal der Welt, wenn alle Völker vor seinem Thron erscheinen werden. Paulus schreibt: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, sei es gut oder böse.“ (2. Kor 5,10)
Das apostolische Glaubensbekenntnis hält dazu fest:
„Er sitzt zur Rechten Gottes
des allmächtigen Vaters,
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.“
Aber schon jetzt ist es empfehlenswert, sich ihm zu unterstellen. Jesus sendet die Elf zu allen Völkern um Männer und Frauen: Verehrer – Getreue – Schüler – Mitstreiter – Brüder und Schwestern – für ihn zu gewinnen: „Machet zu Jüngern alle Völker!“
Die Jüngerschaft, wie sie Jesus vorschwebt, hat eine persönliche Seite, die Taufe, und eine gemeinschaftliche Seite, die Lehre. „Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“
Im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte wird berichtet, wie der Auftrag Jesu erstmalig in der Urgemeinde in Jerusalem umgesetzt wurde.
Die vollständige Antwort des Petrus auf die Frage: „Was sollen wir tun?“ enthält vier Stücke: die Umkehr, das Wasser, den Namen, und die Heils-Gabe.
„Tut Buße (d.h. kehrt um) und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.“ (Apg 2 38)
Die Taufe veranlasste Römer und Griechen zur Abkehr von ihren Göttern. So wird das erste Gebot „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ erfüllt. Diese Abkehr erstreckt sich auf alles, was in vergleichbarer Weise Zeit und Kraft in Anspruch nimmt wie die alten Götter, alles, was mich süchtig macht, alles, wonach ich mich verzehre, alles, was mich total in Beschlag nimmt.
Die Neuausrichtung des Lebens auf Jesus hin bedeutet auch eine Öffnung des enormen Strebens nach Ich-Genuss und Selbstverwirklichung durch den Blick auf die Bedürfnisse des Nächsten und den Willen Gottes. „Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“
Die Jüngerschaft beginnt mit der Taufe, einem Reinigungsbad: Man steigt in ein Gewässer, taucht unter oder wird übergossen. Wie der spezielle Weg Jesu einst mit der Taufe begann, so beginnt der Weg eines Jüngers mit Jesus ebenfalls mit der Taufe.
Bei der Taufe Jesu floss viel Wasser. Ein sprechendes Zeichen dafür ist, die Verwendung einer Taufkanne oder einer Taufmuschel im Taufgottesdienst. Mit beidem kann kräftig gegossen werden.
Diese Taufe wird im Namen Jesu Christi (so in der Apostelgeschichte) oder im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit (so im Matthäusevangelium) vollzogen. Damit wird der Täufling Jesus Christus als Bruder oder Schwester oder Gott, dem Vater, als Sohn oder Tochter übereignet, steht unter seinem Schutz und unter seiner Leitung. „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
In der ersten Zeit waren es Erwachsene, die zur Taufe kamen. Dann bildete sich die Überzeugung heraus: Das beste, was wir unserem Kind mitgeben können, ist die Übereignung an Jesus. Seitdem gibt es die Kindertaufe.
Die Taufe bringt etwas in die Welt, das ihr fehlt, das sie braucht und das ihr gut tut: Vergebung der Sünden, Frieden mit Gott und die Verheißung des Heiligen Geistes.
Gestern taufte ich einen Säugling in unserer schönen Taufkapelle. Es fiel mir schwer, dabei an die „Vergebung der Sünden“ zu denken. Was sollte ihm vergeben werden? –
Aufschlussreich dafür ist ein Blick auf den jüdischen Hintergrund unseres Glaubens. Das Alte Testament ist davon durchdrungen, dass der Mensch nie mit Gott auf gleichem Fuße verkehrt. Stets ist er bereit, sich vor Gott zu demütigen und zu beten:„Siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.“ (Ps 51,7) Und: „Errette mich aus aller meiner Sünde.“ (Ps 39,9)
Die Taufe eröffnet ein intaktes Gottesverhältnis. Sie ist ein Zeichen der Nähe Gottes.
Der neue Glaube ist ein zartes Pflänzchen; das gutes Erdreich mit allen wichtigen Nährstoffen braucht. Dann wächst es zu einem Baum heran, „gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht“ (Ps 1,3). Die neu Getauften des Pfingsttages blieben zusammen und lebten gemeinsam die Verbundenheit mit Jesus Christus :
„Sie blieben aber beständig
in der Lehre der Apostel,
in der Gemeinschaft,
im Brotbrechen und
im Gebet.“ (Apg 2, 42)
Die Gemeinde bietet ein glaubensförderndes Umfeld in einer anders gepolten Gesellschaft – damals wie heute. Ein Ort der Lehre, der Gemeinschaft, der Begegnung mit Christus im Heiligen Abendmahl und des Gebets. In ihr blüht die Jüngerschaft auf. Ohne Verbindung mit ihr verkümmert sie. Vieles nagt an ihr: Einsamkeit, Anfechtungen, Zweifel, Versuchungen oder Spott über Religion und Glauben.
Am katholischen Feiertag Fronleichnam, dem 15. Juni, übertrug die ARD im Abendprogramm unter dem Titel „Nuhr daran glauben“ aus einer ehemaligen neuapostolischen Kirche, dem Asanta-Haus in Berlin, einen Beitrag des RBB zu der eigentlich seriös-informativ angelegten Reihe „Was glauben die Deutschen?“ 45 Minuten lang ätzte Dieter Nuhr gegen die Religion, anders kann man es nicht nennen.
Die Quintessenz:
Glaube ist, wenn man nix weiß, sich aber trotzdem sicher ist. Kompletter Irrsinn also, etwas für Trottel.
Gestützt wurde das mit dem islamischen Terrorismus: Nur ein Trottel glaubt, Gott will, dass ich mich in die Luft sprenge.
Hässlich, die Verallgemeinerung: Nur die Anzahl der Gläubigen unterscheidet den Irrsinn von Religion.
Wenn man einem einzelnen auf den Kopf zusagt: „Das ist Irrsinn, was du glaubst!, geht das durch. Bei einer Religion, der viele Gläubige angehören, muss sich der Satiriker in Acht nehmen, nicht wegen „Verletzung religiöser Gefühle“ belangt zu werden. (Bei Nuhrs Sendung war davon nichts zu spüren.)
Nun warf er alles Mögliche zusammen in einen großen Topf: den religiösen Wahn, den Nationalsozialismus, Missionierung und Massakrierung, die Schöpfungsgeschichte, die biblischen Wunder und die Auferstehung. Alles sei ebenso verrückt wie der äußerst verrückte Rat eines chinesischen Heilers. Als Nuhr in China eine Bronchitis erwischt hatte, meinte dieser nämlich: Fangen Sie einen Schneefrosch, reißen Sie ihm das Maul auf und husten Sie dreimal kräftig hinein. Dann werfen Sie den Frosch weg. Er wird den Husten mitnehmen.
Am liebten hätte ich dazwischen gerufen: Als ob es Irrsinn nur in der Religion gibt!? Irrsinn gibt es auch in der Politik, in der Wirtschaft, in der Verwaltung, in den Medien… Wo eigentlich nicht? Irrsinn gibt es überall, wo es Menschen gibt!
Als ob es in der Religion nicht auch ernsthaft zugeht!? Wird dort nicht auch ernsthaft gebetet, ernsthaft gedacht und verantwortungsvoll gelebt? Hat das nicht gerade das Christentum die Welt soweit entzaubert, dass dadurch exaktes Forschen möglich wurde?
Mit 45 ärgerlichen Minuten Nuhr sollte das Thema für uns nicht abgetan ein. Das beweisbares Wissen sich nicht mit irgendeinem „Glauben“ verträgt, ist eine verbreitete Ansicht. Sie stellt uns vor die Aufgabe, unseren Glauben klarer zu erfassen und besser zu artikulieren. Für einen persönlich gefestigten, sprachfähigen und intellektuell verantworteten, christlichen Glauben braucht man die Gemeinschaft Gleichgesinnter. Deshalb ist es folgerichtig, dass der Weg von der Taufe direkt in die Gemeinde führt – damals am Pfingsttag ebenso wie heute.
19) Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20) Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren 21) und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre. 22) Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.
23) Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von Ferne und Lazarus in seinem Schoß. 24) Und er rief: Vater Abraham erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. 25) Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt. 26) Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.
27) Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; 28) denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. 29) Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. 30) Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. 31) Er sprach zu ihm: Hören sie Mose nicht und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde. (Lk16,19-31)
Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden,“wie oft habe ich diesen Vers aus dem 90. Psalm auf dieser Kanzel gesprochen! Immer, wenn eine Besetzung abzukündigen war, haben wir nach der Fürbitte für den Verstorbenen und seine Angehörigen so für uns, die anwesende Gemeinde, gebetet. Jesu Erzählung vom reichen Mann und dem armen Lazarus gibt ein Beispiel dafür, worauf dieses Gebet abzielt.
„Herr, lehre meine Brüder bedenken, dass sie sterben müssen, auf dass sie klug werden,“ so die letzte Bitte des reichen Mannes. Er selbst hat es verpeilt. Nach weltlichen Massstäben war er zwar ein Erfolgsmensch, aber eben nicht klug im Hinblick auf die Ewigkeit. Das erfasst er jetzt, als es zu spät ist. Die Brüder könnten ihre Chance noch ergreifen, wenn sie Bescheid wüssten.
Was ist zu beachten?
Am reichen Mann und an Lazarus nehmen wir wahr: Der Tod, dem niemand entrinnt, setzt bei ihnen keinen Schlusspunkt, sondern einen Doppelpunkt. Wir hören, was sich danach abspielt. Die Beisetzung ist für beide zugleich Abschied und Aufbruch; auf das irdische folgt das ewige Schicksal. Und was vielleicht das Heikelste ist: Dabei werden die Grenzen der erfahrbaren Welt überstiegen. Abrahams Schoß ist ein externer Ort.
Für unser Leben trifft zu, was Jesus im Gleichnis von den anvertrauten Pfunden schilderte. Gott hat uns unser Leben zur Gestaltung übergeben und wird es einmal wieder in Empfang nehmen. Was hast du mit deinem Leben angefangen? Wofür hast dich eingesetzt? Wer war der Lazarus vor deiner Haustür?
Pilger sind wir Menschen, haben wir eben gesungen. – Seit dem Bestseller von Hape Kerkeling, „Ich bin dann mal weg“ ist Pilgern in. Viele wandern auf dem Jakobsweg zur altehrwürdigen Kathedrale in Santiago de Compostela mit dem größten Weihrauchfass der Welt. Dabei kann man verinnerlichen, dass wir Menschen nun einmal Pilger (1. Petr 2,11) sind; unterwegs auf unserem Lebensweg hin zur endgültigen Begegnung mit Gott.
Diese Begegnung hat Jesus seinen Zuhörern oft eindringlich vor Augen gestellt: Sie hat mit Wohl und Wehe zu tun; sie kann so fröhlich ausfallen wie ein Hochzeitsmahl oder so grimmig wie ein Höllenschlund. Jesus bemühte sich, die Menschen auf das Ende ihres Pilgerweges vorzubereiten. Erwartungsvoll sollten die Lampen brennen, und das hochzeitliche Gewand sollte bereit liegen.
Jeder Mensch hat ein ewiges Schicksal, sagte ich. Bestimmt jeder! Nicht bloß Lazarus und der Reiche, nicht bloß, wer Mitglied einer Kirche ist oder wer an Gott glaubt… Nein! Jeder Erdbewohner, wo immer er lebt, was immer er glaubt oder für richtig hält. Denn Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, ist auch sein Schöpfer. Von ihm empfing er sein Leben und ihm wird es dereinst übergeben. Gott hat seine Geschöpfe nicht in die Welt gestellt, um sie dann aus seinem Gedächtnis zu löschen. Alle will er wiedersehen! Alle!
Das ewige Schicksal übersteigt alles, was wir kennen. Aber es ist keine völlige Neuschöpfung. Es bewahrt die Vergangenheit auf. „Wenn der Baum fällt – er falle nach Süden oder Norden zu – wohin er fällt, da bleibt er liegen.“, sagt der Prediger dazu (Pred 11,3). Dabei wird ersichtlich, wer Täter und wer Opfer war. Armut und Reichtum sind miteinander verflochten. Der Reiche hat es in der Hand, wie arm der Arme bleibt. Es ist billig sich so aus der Affäre zu ziehen: „Geht mich nichts an, das hat er sich selber eingebrockt.“
Der Lobgesang der Maria, der als Magnificat fester Bestandteil des kirchlichen Abendgebets (EG 785.6) ist, enthält den Vers:
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und läßt die Reichen leer ausgehen.(Lk 1,63)
Das ist an dieser Stelle die Pointe: Lazarus, der nie eine ordentliche Mahlzeit sah, nur von Resten lebte, die er auch noch mit den Hunden teilen musste, wird mit Gütern ‚gefüllt‘. In Abrahams Schoß entbehrt er nichts. Der Reiche, der alle Tage herrlich und in Freuden lebte, geht nur aus, ganz und gar leer. Nicht mal einen Tropfen Wasser ist für ihn zugänglich.
Nach Lukas flankierte Jesus seine Seligpreisungen mit Weherufen.
Die erste Seligpreisung passt zu Lazarus:
Selig seid ihr Armen,
denn das Reich Gottes ist euer.
Der erste Weheruf passt zu dem Reichen:
Weh euch Reichen!
Denn ihr habt euren Trost schon gehabt.
Ebenso die zweite Seligpreisung:
Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert,
denn ihr sollt satt werden.
Dazu der zweite Weheruf:
Weh euch, die ihr jetzt satt seid!
Denn ihr werdet hungern.
Wie das ewige Schicksal ausfällt, entscheidet sich zu Lebzeiten. Wer die Hölle auf Erden hatte, kommt in den Himmel; wer den Himmel auf Erden hatte, kommt in die Hölle. So stiftet Gott ausgleichend Gerechtigkeit.
Der Tod ist das Ende des irdischen Pilgerstandes. Einst lebten Lazarus und der reiche Mann nah beieinander. Jederzeit hätten sie sich die Hand reichen können. Der Reiche hätte Lazarus etwas überreichen können… Jetzt grenzt sie eine Kluft gegeneinander ab. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. An einen Ausgleich ist nicht mehr zu denken. Findet doch nicht einmal der eben schon erwähnte Tropfen Wasser den Weg von hüben nach drüben.
Das Tun und Lassen im irdischen Leben erhält dadurch ein besonderes Gewicht. Es ist von ewiger Bedeutung. An ihm entscheidet sich das ewige Schicksal.
Wir hörten: Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Auf dem Friedhof gibt es große Unterschiede. Von der Sozialbestattung allein mit dem Pfarrer, über die schlicht-familiäre bis hin zur aufwendigen Promi-Beisetzung.
Früher war das nicht anders. Überall sind die Reichen angesehene Mitglieder der Gesellschaft. Entsprechend stattlich dürfte der Abschied von unserem reichen Mann ausgefallen sein. Dazu gehörten: die Totenklage samt Klagefrauen, eine kostbare Einkleidung, die Aufbahrung, sowie ein langer festlicher Trauerzug zu seinen Ehren.
In Israel war die Beisetzung einschließlich aller Gebete Sache der Familie. Jeder der fünf Brüder des Reichen hat vielleicht ein eindringliches Gebet gesprochen. – Freilich das Gebet am Grab kann Gott nicht binden. Er ist frei in seinem Urteil. Auch eine first class Trauerfeier garantiert nicht die Aufnahme des Reichen in den Himmel.
Wer ist der Lazarus vor meiner Tür?
Keiner von uns sollte heute nach Hause gehen, ohne sich darüber Gedanken zu machen: Wer braucht meine Hilfe? Wen ignoriere ich?
Das herauszufinden ist nicht einfach. Am letzten Sonntag fuhr ich mit der U-Bahn nach Neu-Westend zum Gottesdienst. Auf dem Hin- und Rückweg kamen drei Bettler durch den Zug. Drei! Drei Lazarusse oder drei Kleinunternehmer? Das Erschleichen von Hilfe sollte nicht den Blick für den Notleidenden verstellen, der mich braucht.
In der Welt hungern 795 Millionen Menschen, jeder Neunte hungert. Zu der Zahl wird erklärt, dass der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung von 1990 (mit 23,9%) bis 2015 (mit 12,9%) um die Hälfte zurückgegangen ist. Die Weltgemeinschaft sieht sich schon in der Verantwortung und eilt von einem Millenniumgipfel zum anderen. Aber die Not ist immer noch groß…
1,5 Millionen Kinder leiden Hunger! Vielleicht haben sie neulich die Ansprache von Bundespräsident Steinmeier gehört. Er bat um Spenden für die Hungerhilfe. In Nigeria, Somalia, im Süd-Sudan und im Jemen schwillt der Hunger an. Dort wird brutal um die Macht gekämpft. Auch mit Vertreibung und Flucht. Auf nichts und niemanden wird dabei Rücksicht genommen. Kein Feld kann bestellt werden, Keine Kuh ist auf der Weide sicher.
Den siegreichen Kriegsherrn erwartet eines Tages ein prächtiges Staatsbegräbnis. Wie wird Gott, der Herr, ihn wohl empfangen?
Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen,
auf dass wir klug werden.
Jesu Erzählung vom reichen Mann und vom armen Lazarus bietet ein Beispiel dafür, was es heißt, klug zu werden und den Sinn des Lebens zu finden.
„Unterdrückt nicht das Wirken des Heiligen Geistes. Verachtet nicht die Weisungen, die er euch gibt.“(1. Thess 5,18)
Wodurch wird das Wirken des Heiligen Geistes unterdrückt? Wie geben wir seinen Weisungen Raum?
Ich möchte dazu auf ein Dokument aus der neueren deutschen Kirchengeschichte zurückgreifen. Fünf Monate nach dem Ende des Krieges im Oktober 1945 wurde Deutschland wieder in die Weltchristenheit aufgenommen. Ungeachtet der Proteste in ihren Heimatländern reichten Vertreter aus der protestantischen Ökumene den Mitgliedern des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland erstmals wieder die Hand. Darunter waren Bischof Otto Dibelius sowie der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann.Vorausgegangen war ein Akt der Reue.
„Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
Das Schuldbekenntnis schließt mit der Bitte um den Heiligen Geist: „So bitten wir in dieser Stunde, in der die ganze Welt einen neuen Anfang braucht: veni creator spiritus!“ Komm Heiliger Geist!
68 Jahre nach Krieg und Gewaltherrschaft hat sich in Deutschland viel zum Guten verändert. Anders als in Korea, das noch immer geteilt ist, und wo Kim Jong-un mit Krieg droht, ist 1989 die Mauer gefallen, die Deutschland teilte.
Wo dem Heiligen Geist Raum gegeben wird, schenkt er, dass wir mutiger bekennen, treuer beten, fröhlicher glauben und brennender lieben.
Lasst uns heute in diesem Sinne um den Heiligen Geist bitten:
„Seid immer bereit, Rede und Antwort zu stehen, wenn jemand fragt, warum ihr so von Hoffnung erfüllt seid.“(1. Petr 3,15)
Das Fernsehen präsentiert ständig Lifestyle-Themen. Von der Geschlechtsumwandlung („Ich war eine Frau und bin nun ein Mann.“) über die Schönheitsoperation bis hin zu veganem Essen. Auch nichtchristlich-religiöses Leben wird bestaunt: „Ich bin Muslima geworden“, „Die Weisheit der Aboriginees“.
Wenn es um gelingendes Leben aus dem christlichen Glauben geht, herrscht auf allen Kanälen die ganze Woche lang Sendepause. Viele Christen stecken deshalb in einer Schweigespirale. Wir haben uns daran gewöhnt, nichts von uns zu erzählen und den Erfahrungen anderer zu lauschen.
Doch: Was tun junge Eltern, wenn ihr Vierjähriger sie fragt: „Gibt es Gott?“ „Wo ist der Himmel?“ Werden sie kneifen? Oder halten sie es mit Mose: „Wenn dich dein Sohn fragen wird: Was bedeutet das? Sollst du ihm sagen“… und dann folgt die Erklärung des Passafestes (2. Mose 13,14). Heiliger Geist, schenke uns Eltern, die ihren Kindern den Glauben nahebringen!
Rückenstärkung gibt die Predigt des Petrus am Pfingsttag: „Alle Menschen in Israel sollen also an dem, was sie hier sehen und hören, mit Gewissheit erkennen: Gott hat diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht.“(Apg 2,36 Die Gute Nachricht) Die Auferstehung Jesu Christi war nicht seine Privatsache, sondern ein Ereignis von öffentlicher Bedeutung für alle Völker der Welt.
Ein Herr aus unserer Gemeinde berichtete: „Ich erhielt einen komischen Ostergruß. Eine Postkarte mit vier Schokoladenosterhasen und der Zeile: ‚Fröhliche Wiedergeburt als Weihnachtsmänner!‘ Meine Antwort: ‚Ich glaube an etwas anderes. Nicht an die Wiedergeburt. Sondern an die Auferstehung!“
„Betet unablässig“ (1.Thess 5,17).
„Vergiss deine Gebete nicht!“, so verabschiedete einst die fromme Mutter ihren Sohn, wenn er das Elternhaus verließ. „Vergiss deine Gebete nicht!“ Tag für Tag, Abend für Abend. Bleibe eine treue Beterin, ein treuer Beter! Die Gottvergessenheit greift um sich. Man lebt im Alltag so, als ob es Gott nicht gäbe. Was kann da helfen? – Das Gebet! Das Gebet ist so wichtig, wie die Luft, die wir atmen, das Brot, das wir essen, das Wasser, das wir trinken.
„Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“, heißt es bei der kirchlichen Trauung. Ich frage dann das Brautpaar: Wie seht ihr das? Könnt ihr das so sagen, ‚Gott hat uns zusammengefügt?‚
Wie ist das mit den Führungen Gottes in eurem Leben? Heiliger Geist, schenke uns offene Augen für dein Wirken!
„Die neue Welt Gottes ist mit einem Schatz zu vergleichen, der in einen Acker vergraben war: Ein Mensch fand ihn und deckte ihn schnell wieder zu. In seiner Freude verkaufte er alles, was er hatte, und kaufte dafür den Acker mit dem Schatz.“(Mt 13,44f.)
Unsere Religion ist keine dürre Formelsammlung, sondern eine Schatzkammer! Der Schatz ist Jesus Christus. Die Begegnung mit ihm, dem auferstandenen Herrn, ist ein umwandelndes Freudenerlebnis. Ein Erfülltwerden mit dem Heiligen Geist. „Wenn ich nur dich habe, frage ich nicht nach Himmel und Erde.“(Ps 73,25) „Geborgenheit im Letzten gibt Gelassenheit im Vorletzten.“(Romano Guardini). In ihr ist kein Platz für Nervosität oder Verzagtheit. Kleinkrämerische Verbissenheit weicht freundlicher Nachsicht mit fremden und eigenen Fehlern.
„Einer trage des Anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“(Gal 6,2)
Ein jeder hat sein Päckchen zu tragen, so sagt man. Jeder steht vor einem Berg von Aufgaben, die er tagaus tagein zu bewältigen hat. Und doch gibt es Menschen mit dem Blick für die, die in Not sind.
Da ist die betagte Nachbarin. Sie kann das Haus nicht mehr verlassen: Die Hausgemeinschaft versorgt sie mit Lebensmitteln, hilft beim Kochen und leistet erste Hilfe bei einem Unfall.
Da ist die Sozialarbeiterin im Ruhestand. Im Namen der Kirchengemeinde gratuliert sie Menschen zum Geburtstag. Wo es nötig ist, belässt sie es nicht bei einem Besuch, sondern kümmert sich auch um Sorgen und Krankheit.
Neulich hörte ich: „Als wir als Jugendliche ins Rote Kreuz eintraten, wurde uns das Abzeichen mit dem roten Kreuz auf weißem Grund verliehen: „Wer dieses Zeichen trägt, ist verpflichtet, jedem, der Hilfe braucht, zu helfen.“ Auch hier wirkt der Heilige Geist der Nächstenliebe!
Jesus hat sich Jünger und Jüngerinnen als Salz der Erde und Licht der Welt gewünscht. Pfingstliche Menschen werden den Heiligen Geist nicht blockieren, sondern darum bitten: mutiger zu bekennen, treuer zu beten, fröhlicher zu glauben und brennender zu lieben.
„Unterdrückt nicht das Wirken des Heiligen Geistes. Verachtet nicht die Weisungen, die er euch gibt.“( 1.Thess 5,18f.)
Er wird diese Bitten nicht unerhört lassen!
Der Gottesdienst wurde zusammen mit der koreanischen Banseok (Felsen) – Gemeinde gefeiert.
19) Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: „Friede sei mit euch!“ 20)Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. 21) Da sprach Jesus abermals zu ihnen: „Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ 22) Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: „Nehmet hin den Heiligen Geist! 23) Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.
24) Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25) Da sagten die anderen Jünger zu ihm: „Wir haben den Herrn gesehen.“ Er aber sprach zu ihnen: „Wenn ich nicht in seinen Hände in die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.
26) Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals darinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: „Friede sei mit euch!“ 27) Danach spricht er zu Thomas:
Reiche deinen, Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“28) Thomas antwortete und sprach zu ihm: „Mein Herr und mein Gott!“ 29) spricht Jesus zu ihm: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“
(Joh 20,19-29)
„Wir haben den Herren gesehen!“ Thomas – sein Name kommt von dem aramäischen Wort für Zwilling „teoma“ (wer sein Zwilling war, wissen wir nicht) – dieser Thomas steht für alle, die an der Osterfreude keinen Anteil haben.
„Wir haben den Herren gesehen!“ – Petrus, Johannes, Jakobus und die anderen Jünger sind ehrlich und sprechen aus tiefstem Herzen. Aber was sie sagen, klingt exotisch. Obwohl das damalige Weltbild Übersinnliches umfasste, spekulierte niemand auf eine leibliche Auferstehung mitten in der menschlichen Geschichte
Die Sadduzäer spotten über die Auferstehung der Toten, weil von ihr nichts in der Tora steht. Mit welchem Mann, bitte schön, ist denn eine siebenfache Witwe nach der Auferstehung der Toten verheiratet? Das passiert zwar nicht eben häufig, weckt aber Hohngelächter. Man stelle sich vor: Nach dem plötzlichen Tod ihres ersten Mannes bleibt ihr nur die Schwager-Ehe, um rechtmäßig zu Kindern zu kommen. Was aber, wenn alle sechs Schwager sterben, ohne dass der Kinderwunsch in Erfüllung geht? Zu welchem Mann wird sie im Himmel gehören? (Luk. 20,27ff.)
Die Pharisäer verfechten die Auferstehung der Toten. „Gepriesen seist du Ewiger, der die Toten belebt.“, beten sie täglich im Achtzehngebet. Sie hoffen inbrünstig auf die Bewahrung der Treuen und das Gericht über die Gottlosen a m E n d e a l l e r T a g e .
Die griechisch Gebildeten in Palästina kannten meist den Satz „soma = säma“: der Körper (soma) ist ein Gefängnis (säma). In ihm schmachtet die unsterbliche Seele. Mit dem Tod gehen Leib und Seele für immer auseinander. Die wird Seele frei und ist froh, dem Leib entkommen zu sein.
Thomas hat also allen Grund zu zweifeln. Die Osterfreude der Jünger befremdete ihn zu Recht. Sie passte so gar nicht in den Konsens des Üblichen und Gängigen; und etwas, wofür jede Vorstellung fehlt, kann nicht wahr sein. – Auf die Idee, die Osterfreude auf eine „unerwartete Begegnung“ zurückzuführen kam er nicht. Auch nicht darauf, daß „das Leben stärker ist als der Tod“. (Wo ist das der Fall? Ist in das Leben, das wir kennen, nicht der Tod einprogrammiert?) Sein Fazit: „Ich kann das nicht glauben, was ihr mir da erzählt.“
Thomas dringt darauf, den Wahrheitsanspruch des Osterzeugnisses zu prüfen. Er möchte den Auferstandenen selbst sehen und hören. An den Wundmalen muss es sich entscheiden, ob dieser „Auferstandene“ irgendein Geist oder der gekreuzigte Jesus von Nazareth ist. Sie sind das Wahrheitskriterium.
Die Jünger beharren auf ihrer Überzeugung ebenso wie Thomas auf seiner Überzeugung beharrt. Aber sie kündigen deswegen die Gemeinschaft nicht auf und bleiben zusammen. Wie hilfreich das war, zeigt sich nach acht Tagen.
Unvermittelt erscheint Jesus – nicht in einem natürlichen Leib, nicht verweslich in Niedrigkeit und Armseligkeit, sondern in einem geistlichen Leib, unverweslich in Herrlichkeit und in Kraft (1. Kor 15,43f.). Der himmlische Vater hat ihn nicht in das vergängliche Menschenleben zurückgeschickt, sondern in sein göttliches Leben hineinversetzt. „Friede sei mit euch!“ Sein österlicher Friedensgruß wurde zum Bestandteil des christlichen Abendmahlsgottesdienstes.
Nun wendet sich Jesus persönlich an den Zweifler: „Reiche deinen Finger her, und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her, und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Thomas darf seinen Finger in Jesu Hand und seine Hand in Jesu Seite legen. Die Wundmale stellen unter Beweis, dass der Erschienene kein anderer als der Gekreuzigte ist.
Ob Thomas davon Gebrauch macht, wird nicht berichtet. Alle Zweifel versinken ins Bodenlose, wenn sich die Gegenwart des heiligen Gottes Bahn bricht. Er steht unter einem Schock, der sein bisheriges Weltbild verändert, und stammelt: „Mein Herr und mein Gott!“ Der Mensch Jesus Christus ist Herr und Gott. Eine Erkenntnis von ungeheurem Ausmaß!
Petrus, Johannes, Jakobus und die anderen Jünger glauben, weil sie geschaut haben.
„Wir haben den Herrn gesehen.“, – und zwar nicht im Kopfkino, sondern in echt. Das war der Grund ihrer Osterfreude und der Motor für ihre Verkündigung. Im ersten Johannesbrief wird das erläutert:
„Was wir gehört haben,
was wir gesehen haben,
was wir betrachtet und unsere Hände betastet haben…
das verkündigen wir euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt.“
(1. Joh 1,1-4)
Auch Thomas glaubt, weil er geschaut hat: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du.“ Am Sonntag nach Ostern – nach acht Tagen, wie man damals rechnete – wurde er in den Kreis Auferstehungszeugen aufgenommen. Wie gut, dass er bei ihnen geblieben war! Allen, die an der Osterfreude keinen Anteil haben, wird damit gezeigt, dass das Zeugnis der Jünger glaubwürdig ist. Es ist ein auf Erfahrung gegründeter Sachverhalt und keine tröstliche Schnurre.
„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“
Eine Erscheinung des Herrn zu sehen, wie es sich Thomas wünschte, bleibt eine Ausnahme. Die Erlebnisgeneration ist klein. Die Erscheinungen des Auferstandenen waren nach der Apostelgeschichte (Apg 1, 3) auf 40 Tage begrenzt. Sinnbild dafür ist die in diesen 40 Tagen illuminierte Osterkerze. Danach wird der Kontakt zu Jesus durch die Verkündigung der Jünger und die an sie anschließende Predigt der Kirche hergestellt. So wird es möglich, Jesus ganz nahe zu kommen und ihn lieb zu gewinnen. Das stellt der erste Petrusbrief heraus:
„Ihr habt ihn nicht gesehen und habt ihn doch lieb;
und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht,
ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher Freude,
wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt.“
(1. Petr 1,8)
Ohne die Auferstehung Jesu Christi gäbe es keinen Glauben an ihn, keine Verkündigung, kein Neues Testament, kein Christentum!
Thomas dringt darauf, den Wahrheitsanspruch des Osterzeugnisses „Wir haben den Herrn gesehen.“ zu prüfen. Obwohl das damalige Weltbild Übersinnliches umfasste, spekulierte niemand auf eine leibliche Auferstehung mitten in der menschlichen Geschichte. Die Osterfreude der Jünger passte so gar nicht in den Konsens des Üblichen und Gängigen; und etwas, wofür jede Vorstellung fehlt, kann nicht wahr sein.
Grund an den Erscheinungen des Auferstandenen zu zweifeln gibt es auch heutzutage. Im heutigen Weltbild bilden die Naturgesetze den Rahmen für das, was wir für möglich und für unmöglich halten. Sie sind allgemeingültig, orts- und zeitinvariant. Das Wahre ist das Allgemeine, Gesetzmäßige, jederzeit Wiederholbare.
Es herrscht die klare Alternative lebendig oder tot.
Die Erscheinungen des Auferstandenen gehören nicht zu den innerweltlichen Sachverhalten. Auch wenn sie der christlichen Gemeinde inzwischen selbstverständlich und vertraut geworden sein mögen, sie waren keine „unerwarteten Begegnungen“, wie sie jederzeit möglich sind und hin und wieder vorkommen. Zum Beispiel: „Auf der Seebrücke in Zingst stießen wir neulich auf ein bekanntes Ehepaar aus Berlin.“ So war es mit den Erscheinungen des Auferstandenen keineswegs; sie waren weder „vorstellbar“ noch „möglich“. In den österlichen Tagen ereignete sich in besonderen Momenten vor bestimmten Menschen Gottes Präsenz, eine freie schöpferische Tat Gottes. Sie läßt sich nicht im Rahmen der Naturgesetze darstellen. Denn sie ist einzigartig.
Die Erkenntnis des Auferstandenen „Mein Herr und mein Gott!“ ist mit einem Schock verbunden, der das bisherige Weltbild verändert. Das galt für Thomas und gilt auch für uns heute und führt zu der Erkenntnis: In der Naturwissenschaft ist zu Recht das Allgemeine das Wahre. In der Theologie ebenfalls zu Recht ist das Besondere, Einzigartige das Wahre. Stärker als der Tod ist nicht das Leben oder die Natur, sondern Jesus Christus!
17) Der HERR sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. 18) Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen.
19) Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN (besser: den Namen JAHWE, dieser bedeutet): Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.20) Und er sprach weiter: mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. 21) Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22) Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23) Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen. (2. Mose 33,17b-23)
„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ – Mose möchte die Herrlichkeit Gottes sehen. Was ist das – die Herrlichkeit Gottes?
Das hebräische Wort heißt „kabod“. Es füllt mehrere Spalten im Wörterbuch. Ein wichtiges Wort sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Kabod ist einerseits etwas Geistiges: Das Gewicht, das einer Person zukommt. Denken Sie an Helmut Kohl – große Statur, kraftvolles Auftreten. Wenn jemand mit kabod hereinkommt, dann füllt er den Raum, man blickt auf ihn, man hört ihm zu. Wenn jemand ohne kabod erscheint, reden alle weiter. Man könnte es auch Präsenz oder Charisma nennen.
Die sinnliche Seite der kabod Gottes ist der Vulkan, der unter Donnergrollen Feuer und Rauch speit. Vulkanische Elemente kommen auch einzeln vor: Das Feuer in der Feuersäule, die Wolken in der Wolkensäule. Gott ist aber nicht welthaft festzulegen: Er ist kein Vulkan. Feuer und Rauch sind von ihm selbst zu unterscheiden. Sie zeigen seine Gegenwart an, weisen auf ihn hin. Sein inneres Wesen bleibt verborgen.
Auf den Punkt gebracht: Die Herrlichkeit Gottes ist die äußere Erscheinungsweise der überweltlichen Majestät Gottes. Das, was von dem Unfassbaren fassbar ist. Gott enthüllt sich als der Unfassbare
Moses Wunsch: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ wird ihn an die Grenzen seiner Fassungskraft bringen!
Dabei ist überhaupt nur ein kurzer Anblick vorgesehen, die Herrlichkeit Gottes wird nicht bei ihm verweilen, sondern mit einem kurzen Gruß an ihm vorbeiziehen. So wie die Königin von England auf einer Visite im Land huldvoll am Spalier der Menschen kurz grüßend entlangschreitet. „Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN.“
Doch selbst diesen kurzen Moment könnte Mose nicht verkraften. Besondere Vorkehrungen müssen getroffen werden. Mose wird vom Berg geholt und in einer Höhle untergebracht. Hier kann das Gotteslicht nur durch einen schmalen Spalt hineinleuchten. Zum Schutz vor der Strahlung wird Gott seine Hand über Moses Kopf halten. Wie eine Sonnenblende, die man im Auto bei störendem Gegenlicht hinunter klappt.
Die Erklärung dazu: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Gott und Mensch stehen hier für zwei Welten. Zwischen ihnen besteht keine natürliche Verwandtschaft, sondern radikale Verschiedenheit. Das überhelle, ungeschaffene Gotteslicht würde den Menschen verbrennen. Im Neuen Testament wird berichtet, das Paulus von der Lichterscheinung des Auferstandenen für mehrere Tage erblindete.
Was Mose zugemutet werden kann, ist nur der Blick in die weite Ferne, in der sich das göttliche Licht verliert. Im Neuen Testament im ersten Timotheusbrief (6,16) wird diese Begebenheit rekapituliert: ‚Kein Mensch hat Gott gesehen, kein Mensch kann Gott sehen.‘ Die sichtbare Herrlichkeit Gottes ist seine äußere Erscheinungsweise. Er ist es nicht selbst. Sein Antlitz bleibt verborgen.
Moses Größe – Moses Grenze. Er ist zweifellos die bedeutendste Gestalt in der Geschichte Israels. Auf Geheiß Gottes entreißt er das Volk dem Pharao, bringt es auf einen eigenen Weg und rüstet es für die Selbständigkeit mit Gottes Geboten aus. Seine Grenze: Das gelobte Land darf er nicht betreten! Sein Werk ist der nur Auszug, nicht der Einzug. Auch Moses erfülltes geistliches Leben stößt hart an eine. Grenze.
„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ Bei meiner Vorbereitung habe ich mich gefragt: Warum eigentlich? Mose litt doch nicht an der Gottferne unserer Zeit, er lebte mit Gott in engster Tuchfühlung. Sein Leben lang war er Gottes bevorzugter Gesprächspartner und Dolmetscher. Unser Predigttext begann mit der
Liebeserklärung: „Der HERR sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.“ Entsprechend intensiv war ihr Austausch! Es gab viel zu hören, viel zu bereden und viel zu sehen.
Eine kurze Zusammenfassung der Gespräche: „Der HERR aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet.“(2. Mose 33,11) Unter anderem wurde ihm der heilige Name Gottes, das Tetragramm: JHWH, anvertraut und erklärt. Auch die Herrlichkeit Gottes schaute Mose in verschiedenen Erscheinungsformen – nicht immer war das so gefährlich wie eben geschildert – am brennenden Dornenbusch, als Wolken- und Feuersäule und auf dem Sinai. Einmal kehrte er vom Sinai zurück und war selbst noch ganz und gar vom Abglanz Gottes umgeben. Er musste sich mit einer Decke verhüllen, wenn er sich mit anderen Menschen zusammenfand, um sie nicht zu “verstrahlen.
Das Leben des Mose war wirklich reich an Gotteserfahrungen. Im Vergleich dazu ist unser geistliches Leben ein steiniger Acker. Warum belässt er es nicht dabei? Warum möchte er noch mehr? Warum möchte er in der Herrlichkeit das Angesicht Gottes sehen?
Das hängt mit der Klemme zusammen, in der er gerade steckt. Vorausgegangen war der Skandal mit dem Goldenen Stierbild, vor dem sich das Volk plötzlich niedergeworfen hatte. „Das ist unser Gott!“ Der wirkliche Gott wollte daraufhin einen Schlussstrich ziehen. Mose versuchte, ihn festzuhalten. Verzweifelt bat er um Gottes Geleit auch weiterhin, und Stück für Stück öffnete sich Gott wieder. Aber „Ist wirklich alles wieder gut?“, diese Frage quält Mose.
Hier kommen die Augen ins Spiel. Lassen Sie uns einen Moment bei ihnen verweilen. „Die Augen sind das Fenster zur Seele eines Menschen.“ – Wenn ich einem Menschen in die Augen schaue, spüre ich, wie er zu mir steht. Früher fragte man ein Kind: „Sieh mich einmal an. Sagst du auch die Wahrheit?“ Bei der Bibelarbeit zu unserem Predigttext sagte ein Teilnehmer: „Ich unterhalte mich nicht mit Leuten, deren Gesicht ich nicht sehe.“ Er dachte dabei an die Vollverschleierung, über die in unserem Land diskutiert wird. Wo ist sie angebracht, wo nicht?
Der Blickkontakt schafft Vertrauen, stiftet Gewissheit. Deshalb möchte Mose über Gottes mündliche Zusagen hinaus sein Angesicht sehen. Aber dazu kommt es nicht. Das ist die schmerzliche Grenze seiner sonst so intensiven Gotteserfahrung.
Das Johannesevangelium geht von dieser Sachlage aus: „Niemand hat Gott je gesehen,“ (Joh 1,16) selbst wo er sich enthüllt, bleibt er der Unfassbare.
Die Menschwerdung Jesu Christi hat die Gotteserkenntnis verwandelt. Johannes
nennt drei Gesichtpunkte: der Einziggeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoss
Nur der eine, der aus dem Schoß des Vaters stammt, vermag ihn anzublicken. Er, der Teil der überweltlichen Majestät Gottes ist, – „Gott von Gott, Licht vom Licht“ wie es im großen Glaubensbekenntnis heißt – bildet als Mensch die Herrlichkeit Gottes ab. In ihm wird der Unfassbare erfassbar. In ihm wird die Herrlichkeit Gottes sichtbar, ohne Menschen zu verstrahlen. Die überweltliche Majestät Gottes geht in das irdische Leben ein. Das Menschenantlitz Jesus Christi ist das Antlitz Gottes. In ihm hat sich Gott welthaft festgelegt. Wer das Kind in der Krippe oder den Gekreuzigten anschaut, wird nicht sterben, sondern bleibt am Leben.
Was Mose erbeten hat, wird erreicht:
Die größere Klarheit, die Mose suchte, ist hier zur Stelle.
Die tiefere Gewissheit, die Mose vermisste, ist hier zur Stelle.
Die letzte Nähe, nach der Mose sich sehnte, ist hier zur Stelle.
Unsere heutige Gotteserkenntnis ist zwar nicht so spektakulär wie die des Mose. Sie ist aber fester verankert. Wir kennen das Antlitz Gottes.
Die Menschwerdung Jesu Christi gilt nur für ihn selbst. Sie streicht die Erfahrung des Mose mit der Herrlichkeit Gottes nicht durch. Sie gibt uns nicht das Recht, Gott den Vater, zu vermenschlichen. Womöglich noch als einen alten Mann mit dem Bart. Die Worte: „Mein Angesicht kann man nicht sehen,“ wurden nicht in den Wind gesprochen.
Meine Predigt drehte sich heute um Gott, um Mose und um Jesus.
Wir haben uns mit Gottes Herrlichkeit beschäftigt. Sie ist die äußere Erscheinungsweise seiner überweltlichen Majestät. Das innere Wesen Gottes bleibt verborgen.
Mose schaute die vorüberziehende Herrlichkeit Gottes, dessen Anblick kein Mensch ertragen kann.
Jesus Christus bildet als Mensch die Herrlichkeit Gottes ab. In seinem Antlitz sehen wir das Antlitz Gottes.
Mose gegenüber enthüllt sich Gott als der Unfassbare.
In Jesus Christus wird der Unfassbare erfassbar.
So gewinnen wir die Klarheit, Gewissheit und Nähe, die Mose vermisste.
Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird:
denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus der Herr in der Stadt Davids.
(Lk 2,20f.)
Im Gedenkjahr der Reformation 2016 soll Martin Luther im Mittelpunkt der Weihnachtspredigt stehen. Wir werden hören, was er am 25.12.1530 in der Stadtkirche in Wittenberg gepredigt hat. Sein fleißiger Sekretär Georg Rörer hat alles mitgeschrieben. Zuvor nehmen wir zur Kenntnis, was er über die drei Stücke des Glaubens an Jesus Christus sagt. Beginnen wollen wir mit einem Blick auf Wittenberg im Jahr 1530.
Im Jahr 1530 war Wittenberg eine aufstrebende Stadt. Mit der Residenz des Kurfürsten von Sachsen und einer modernen Universität, die viele Studenten anzog. Martin Luthers Arbeitszimmer war die „Zentralkanzlei des deutschen Protestantismus“. Flugblätter, Schriften, Briefe und Gutachten gingen von hier aus ins ganze Reich.
Martin Luther, seit 1525 verheiratet, lebte mit seiner Frau Katharina in einem Großhaushalt, der mit Verwandten und Gästen 30 Personen umfasste. Weihnachten 1530 waren ihre ersten Kinder Hänschen und Elisabeth vier und drei Jahre alt. Luther legte Wert darauf:„Das Christkind bringt die Gaben!“ und nicht Nikolaus, nicht die Heiligen Drei Könige, nicht irgendwer anderes. Dass der Weihnachtsmarkt in Nürnberg „Christkindl-Markt“ heißt, und dass das Christkind ihn eröffnet, hätte ihm gefallen. Nicht: der ganze Rummel, der um den Weihnachtsmann getrieben wird. Ich komme darauf später noch zurück.
Zur Gedankenwelt von Luthers Weihnachtspredigt gehört, dass der Glaube an Jesus Christus drei Stücke umfasst, die von Beginn an Missverständnissen und Umdeutungen ausgesetzt waren. Er sieht dabei den Teufel hartnäckig am Werk. In der Schrift „Von den Konzilen und der Kirche“ (1539) schreibt er:
„So hat der Teufel zu tun, und greift Christus mit drei Heerspitzen an: eine will ihn nicht Gott sein lassen, die andere will ihn nicht Mensch sein lassen, die dritte will ihn nicht tun lassen, was er getan hat. Ein jeglicher der drei will Christus zunichte machen.“
Luther denkt dabei an die Türken, die 1529 vor Wien standen. Sie wollten Jesus Christus nicht Gott sein lassen; das ist in ihrer Religion nicht vorgesehen. – Bis heute geht es darum, dass mitgebrachtes Wissen als Maßstab angelegt wird. Jesus Christus wird in der menschlichen Geschichte verortet: als Prophet, als bedeutender Charakter oder als Heiler und Exorzist. Je nachdem, welchen Blickwinkel man bevorzugt. Luther hält dagegen: „Was hilft es, ob du bekennst, dass er Mensch sei, wo du nicht auch glaubst, dass er Gott sei?“
Luther hat dabei die Zwickauer Propheten und Thomas Müntzer vor Augen. Er nennt sie „Schwärmer“, Leute, „die den Heiligen Geist fressen wollen ohne das Wort“. „Das Wort“ steht dabei für Jesus Christus, gewissermassen das „Wort Gottes in Person“ und alles geschichtlich-menschliche, das mit ihm zu tun hat: die Bibel, die Sakramente und damit auch Kirche und Gemeinde. – Bis heute berufen sich viele Menschen ohne Anschluß an Bibel und Kirche auf ihn. Luther fragt: „Denn was hilft es, ob du bekennst, dass er Gott sei, wo du, wo du nicht auch glaubst, dass er Mensch sei?“
Und er fügt an:“ Der Teufel hat immer damit zu schaffen, dass er uns Christus vorstelle, wo Christus selber sich nicht vorgestellt hat. wie ihn die Lügengeister auch über den Wolken suchen. …Aber willst du Freude haben, so neige dich herunter: da findest du das Kind, das dein Schöpfer ist und das vor dir in der Krippe liegt. Gott ist im Wort und in der Krippe und sonst nirgends.“
Darin sieht Luther das Versäumnis der Papstkirche. Die Identität Jesu Christi als wahrer Mensch und wahrer Gott war hier anerkannt. Es fehlte die persönliche Gewißheit der Erlösung. „Was hilft es, ob du bekennst, er sei Gott und Mensch, wo du nicht auch glaubst, dass er für dich alles geworden sei und getan hat.“ Diese persönliche Gewissheit ist Gegenstand seiner Nachmittagspredigt vom 25.12.1530.
„Und der Engel sprach zu ihnen : Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr in der Stadt Davids.“ Luther resümiert: „Das ist unsere Theologie, dass wir verstehen, was der Engel will.“
Der Weihnachtsjubel fällt in Haus und Kirche höchst verschiedenartig aus. Im Haus: „Sieh doch, wie ein Mensch jubiliert, wenn er ein Gewand oder zehn Gulden erhält!“ Glänzende Augen über ein Geldgeschenk oder über ein neues Kleidungsstück!
In der Kirche dagegen klingt es dünn: „Wie viele springen und jubilieren so, wenn sie die Engelspredigt hören: euch ist heute der Heiland geboren?“ Die feierliche Lesung des Weihnachtsevangeliums geht zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. „Sie haben nur die Worte gelesen, wie der Papagei sein Kärä singt. Aber sie gehen nicht von Herzen, sondern kommen aus dem Hören und gehen auch wieder nur ins Hören. solches ist kein Glaube, sondern nur Erinnerung an Gehörtes.“ Es sind Worte, die nicht zu Herzen gehen, die keine Kraft entfalten. Die Weihnachtsgeschichte bleibt „eine Geschichte, von der wir weder warm noch satt werden“.
„Wenn’s nicht tiefer eingepflanzt ist als aus der Kraft meiner Gedanken, dann hat’s keine feste Wurzel.“ Um sie tiefer einzupflanzen, braucht man eine biblisch gegründete Predigt. Luther sagt:„Sind die treuen Prediger weg, so schlafen wir ein und verstehen nicht mehr, was wir in den Händen haben.“ Voller Energie wendet er sich deshalb der Engelsbotschaft zu. Seine Predigt ist ein Beispiel evangelischer Verkündigung. Zwei Dinge stellt er heraus. Beide sind sehr persönlich.
Um das Kind anzusehen braucht man eine Krippe und Zeit, die man vor ihr verbringt. Damit geht es schon los. Die Weihnachtsfeier in der Familie braust an der Krippe vorbei auf die Bescherung und die Würstchen mit Kartoffelsalat zu. Wo steht eigentlich die Krippe? Ist für sie Platz? Ist sie gut zu sehen? Welche Rolle spielt sie an den Feiertagen?
Wie betrachtet man das Kind in der Krippe? Der Engel rät so, „dass alle Kreaturen nichts wären vor diesem Kinde und dass man nichts ansähe, sei es Saitenspiel, Geld, Gut, Ehr, Gewalt oder dergleichen, das höher gelte als ihre Predigt“.
Eine Art Gedankenexperiment: nehmen wir den Gabentisch mit Geld und gut – nichts reicht an Jesus heran! Nehmen wir das weihnachtliche Saitenspiel (wie es im Hause Luther üblich war) und die Musik – nichts reicht an Jesus heran! Nehmen wir alles dazu, was sonst noch in unserem Leben wertvoll und wichtig erscheint – nichts reicht an Jesus heran!
Auch Erde, Himmel und Sterne in all ihrer Pracht werden einbezogen:
„O, dass Mensch über diesem Kind sich ausziehen könnte und ihm alles finster und schwarz würde und er alles auf Erden über ihm gering achten könnte, so dass ihm der Himmel mit allen Sternen und die Erde mit all ihrer Macht und Schätzen nichts ist.“ Auch sie reichen nicht an Jesus heran!
Luthers Gedankenexperiment aus der Weihnachtspredigt von 1530 wird in dem Lied „Schönster Herr Jesu“ (Münster 1677) entfaltet:
„Schön ist der Monde, schöner ist die Sonne, schön sind auch die Sterne all. Jesus ist feiner, Jesus ist reiner als die Engel allzumal.“ (Vers 1) „Alle die Schönheit Himmels und der Erden ist gefasst in dir allein. Nichts soll mir werden lieber auf Erden als du, liebster Jesus mein.“ (Vers 5) – Ein verkapptes, inniges Weihnachtslied!
Was der Engel meint, ist vielfach übermalt worden. Dadurch hat es seinen tröstenden und aufbauenden Charakter verloren. Seine Botschaft muss wieder freigelegt werden.
Der Schlüssel zu ihrem Verständnis ist das Wort E u c h . Es geht um Euch, die ihr diese Predigt hört. Es geht um Eure Sache, um Euer Verhältnis zu Gott. „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Der Engel kommt nicht mit einer Forderung. Er entrollt keinen Plan, wie ich mein Ansehen bei Gott aufbessern kann. Er weist auf das, was Gott in der Heiligen Nacht getan hat. Er schickte Jesus Christus, den Heiland, Beistand und Helfer.
Martin Luther hat sich sein Leben lang damit beschäftigt, was es bedeutet, den Heiland in Anspruch zu nehmen, sich von ihm beschenken zu lassen: „Wenn’s nämlich wahr ist, dass der von der Jungfrau Geborene auch mein ist, so hab ich keinen zornigen Gott. Ich komme ohne Verdienst zu einem großen Schatz.“
Es betrifft ein Leben mit dem gnädigen Gott. Weihnachten will zum Einstieg oder auch zur Vertiefung eines Lebens mit dem gnädigen Gott werden, der schenkt und nicht droht.
Weihnachten in Wittenberg 1530. Man spürt die reformatorische Erregung. Endlich haben wir verstanden, was der Engel mitteilen will! Endlich kann die Weihnachtsgeschichte einen satt und warm machen!! Jesus ist unser wahrer Schatz; nichts reicht an ihn heran!!! „Das ist unsere Theologie, dass wir verstehen, was der Engel will.“
Wir verlassen Wittenberg. Es bleibt sehr persönlich. Ich habe eine Zeitungsmeldung vom 14.12.2016 mitgebracht von einem Weihnachtsmann, der unfreiwillig die Stelle von Jesus Christus eingenommen hat. Die Überschrift:
„Weihnachten ist für Eric Schmitt-Matzen (60) aus Knoxville im US-Bundesstaat Tennessee eigentlich die schönste Zeit des Jahres. Und nicht nur, weil er ausgerechnet am Nikolaustag Geburtstag hat. Mit seinem runden Bauch und dem echten weißen Rauschebart wirkt er wie die Verkörperung des Weihnachtsmannes. Deshalb tritt er auch mehr als 80-mal im Jahr als Santa Claus auf. Doch einen seiner jüngsten Auftritte wird er nie vergessen – es war sein traurigster.
Im Gespräch mit der Zeitung KNOXVILLE NEWS SENTINEL schildert er die Begegnung mit einem krebskranken Fünfjährigen. Demnach hatte ihn eine Krankenschwester angerufen und gebeten zu kommen. Also fuhr er los. ‚Als ich in das Zimmer kam, lag er in seinem Bett. Er sah ganz schwach aus‘ berichtet Schmitt-Matzen. ‚Sie haben mir gesagt, dass ich sterben werde‘, habe der Junge gesagt, als er den Weihnachtsmann erkannte. ‚Aber woher weiß ich, wo ich entlang muss, wenn ich in den Himmel komme?‘ Schmitt-Matzen erzählte, er habe kaum die Fassung wahren können und dem Jungen gesagt: ‚Wenn du oben ankommst, sagst du denen einfach, dass du Santa’s Lieblings-Elfe bist. Dann werden sie dich rein lassen.‘
Zum Abschied umarmten sich Weihnachtsmann und Junge. ‚Bevor ich etwas noch etwas sagen konnte,, ist er gestorben. Einfach so. Ich habe ihn einfach weiter gehalten.‘ Erst als die Mutter des Kindes den Raum betrat, habe er losgelassen. ‚Ich musste erst mal so weit weg wie möglich. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.'“
„Woher weiss ich, wo ich entlang muss, wenn ich in den Himmel komme?“ Der Weihnachtsmann kann diese Frage nicht beantworten.
Dazu Martin Luther: „Wenn ich sterbe, so sehe ich nichts als schwarze Finsternis und dennoch bleibt das Licht in meinen Augen, das Himmel und Erde erfüllt. Das ist der Heiland: wenn alle mich verlassen, wird er helfen.“
„Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von den Jungfrau Maria“, spricht die Gemeinde im apostolischen Glaubensbekenntnis. Heute hören wir die biblische Belegstelle dazu:
26) Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die da heißt Nazareth, 27) zu einer Jungfrau, die vertraut war mit einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. 28) Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! 29) Sie aber erschrak über die Rede und dachte:Welch ein Gruß ist das?
30) Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. 31) Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. 32) Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, 33) und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird keine Ende haben.
34) Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? 35) Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. 36) Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. 37) Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. 38) Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr. (Lk 1,26-38)
Hier geht es um eine Angelegenheit Gottes! Das signalisiert der Engel. Gott greift in den Alltag einer jungen Frau ein und hebt ihr Leben aus den Angeln. „Berichterstattung vom Unbegreiflichen“ ist dafür die passende Überschrift.
Gabriel ist Gottes im Alltag begegnender Bote. Ohne festliches Brimborium tritt er zu der jungen Frau in Nazareth lässt gleich durchblicken dass, Gott mit ihr etwas Besonderes vor hat. Seine Anrede „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!“, bringt sie ins Grübeln: Ich -begnadet? Sie bewegte diese Worte in ihrem Herzen, wie später die Botschaft der Hirten in der Heiligen Nacht. Je mehr sie darüber nachdenkt, umso mehr beunruhigt sie sich: „Welch ein Gruß ist das?“ Was ist damit gemeint?
Jede Ansagen ist ein Grund, in Ohnmacht zu fallen. Aber das Fürchte-dich-Nicht des Engels hat Maria im Kern beruhigt. So hält sie sich tapfer auf den Beinen, leicht benommen: Mag das alles so kommen. Es steht in Gottes Hand.
Ein intimes Detail bedrückt sie aber doch: „Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? Natürlich weiß sie, wie ein Mann funktioniert. Aber sie hatte noch keinen Sex. Schließlich lebte sie vor der sexuellen Revolution. Damals stand der Sex nicht am Anfang einer Beziehung. Erst kam die Verlobung, die vertragliche Bindung an einen Ehemann. Vollzogen wurde die Ehe erst nach der Hochzeit, wenn der Ehemann die Braut in sein Haus und in seine Familie geholt hatte.
Die Auskunft des Engels ist ebenfalls Berichterstattung vom Unbegreiflichen. Einigermaßen klar ist nur, dass er Maria keinen Ehebruch mit einen als Menschen verkleideten Gott ankündigt. (Griechen und Römer zerrissen sich über die Eskapaden ihrer Götter die Mäuler.) Und: Ihr Kind wird von Anfang an Gottes Sohn sein! Das „Heilige, das geboren wird,“ wird „Gottes Sohn genannt werden.“
Über diesen Anfang selbst schweigt er sich beredt aus:
„Der heilige Geist wird über dich kommen,“ – eine Anspielung auf den Beginn der Schöpfung? „Und die Erde war wüst und leer und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.“(1. Mose 1,2)
Die „Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ – eine Anspielung auf die Anwesenheit Gottes im Heiligtum? „Da bedeckte die Wolke die Stiftshütte und die Herrlichkeit des Herrn erfüllte die Wohnung.“(2. Mose 40,34)
Maria schenkt ihm rückhaltlos Glauben und erklärt ihr Einverständnis. „Siehe ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Ob sie ahnt, dass ihr Leben dadurch aus den Angeln gehoben wird? Dass ein Sohn mit dieser Perspektive ihr das Äußerste abfordern wird.?? Der Engel geht, die Sendung bleibt, und mit ihr reift die inwendige Nähe zu Gott, die ihr der Engel zugesagt hatte: „Der Herr ist mit dir!“
Soweit die „Berichterstattung vom Unbegreiflichen“. – Wie wollen wir mit ihr umgehen? Wie immer gibt es zwei Möglichkeiten:
Ich versuche den ersten Weg zu gehen, obwohl es der schwere ist. Die Predigt wird dadurch auch nicht einfacher. Ermutigt dazu hat mich der geschliffene Satz von Botho Strauß „Unwahrscheinlicher als Jesus Christus ist nichts“.
Wer mit dem Unwahrscheinlichen nichts zu tun haben möchte, wird die Bibel schnell wieder aus der Hand legen. Alle Schriften im Neuen Testament kreisen um das Unwahrscheinliche: Gott selbst ist es, der im Wirken Jesu handelt. Gott wird durch Jesus in authentischer Weise repräsentiert, ohne aufzuhören, Gott zu sein. Ein andersartiges, prinzipiell neues Geschehen!
„Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen“, das gilt für Jesus nicht. Was er zwitschert, fällt aus dem vorgegebenen Rahmen, sehr zum Ärgernis der damaligen Autoritäten, ebenso, wem er sich zuwendet und wie er hilft und heilt. Seine Bedeutung als Erlöser der Welt übersteigt alles Menschenmögliche.
Wir nennen Jesus zu Recht unseren Bruder, weil er einer von uns war – als Kind, Jugendlicher und Erwachsener. Wie wir hat er gegessen und getrunken, gewacht und geschlafen, gebetet und gearbeitet. Er lebte inmitten unserer Welt als Jude in Galiläa und Juda war aber zugleich unabhängig von ihr. Was er geleistet hat, eine Versöhnung zwischen Gott und Menschheit ins Werk zu setzen, kann nicht aus der menschlichen Gattung oder der Evolution heraus geleistet werden. Thomas, dem er seine Wundmale gezeigt hat, nennt ihn daraufhin: „Mein Herr und mein Gott.“ Jesus, unser Bruder, ist zugleich unser Herr und Gott!
Unwahrscheinlicher als Jesus Christus ist nichts! Am Anfang seines Lebens – die Jungfrauengeburt und an seinem Ende – das leere Grab. Zwei Zeichen, die deutlich machen, dass Gott mit Jesus einen besonderen Weg geht. Für ihn gilt nicht das allgemeine Stirb-und-Werde der Gattung Mensch, sondern
Woher kommt Jesus? Durch eine elterliche Zeugung entsteht ein Geschöpf,- nicht der Schöpfer, Versöhner und Erlöser der Welt. Dieser ist irdisch betrachtet ein ungezeugtes Kind, das ohne leiblichen Vater geboren wird. In ihm fängt Gott mit sich selbst an. „Die Vernunft will’s immer so scheiden, dass im Schoss der Maria nur ein Kindlein sei. Aber die Engel legen den Herrn und Heiland in den Schoss“, predigte Martin Luther. Sie ist das Schiff in dem Choral:
Es kommt ein Schiff geladen bis an sein höchsten Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort. (EG 8,1)
Wohin geht Jesus? Sein Weg verliert sich nicht in der Verwesung einer irdischen Grabkammer. Er ist nicht am Ende. Er wurde gedemütigt, entwürdigt und getötet. Aber Gott hörte in ihm nicht auf, Gott zu sein.
Wir hörten die Berichterstattung vom Unbegreiflichen aus dem Lukasevangelium. Ermutigt durch den Satz von Botho Strauss „Unwahrscheinlicher als Jesus Christus ist nichts“ habe ich versucht, mich ihrem Wahrheitsanspruch zu stellen.
Bleibt die Frage: Müssen wir uns das antun? Müssen wir uns wirklich mit all dem Unwahrscheinlichen um Jesus herum abgeben? Mit dem Engel Gabriel, der Jungfrau Maria und nun auch noch mit dem leeren Grab? Wächst durch das Unbegreifliche nicht der Abstand zu Jesus ins Unermessliche? Wird er uns dadurch nicht fremd?
Ich bin fest davon überzeugt: Es verhält sich genau umgekehrt! Abstand und Nähe zu Jesus wachsen im gleichen Verhältnis:
Kleiner Abstand bedeutet wenig Nähe.
Großer Abstand bedeutet große Nähe.
Jesus, unser Bruder, der fassliche Jesus – der Galiläer, der vor 2000 Jahren in Nazareth lebte – bleibt uns nach allem, was die Historiker unter den Theologen zu sagen wissen, ausgesprochen fern: Ein antiker Heiler und Exorzist. Punkt.
Jesus, unser Herr und Gott, der unbegreifliche Jesus – geboren von der Jungfrau Maria und am dritten Tage aufstanden von den Toten – steht uns zur Seite und ist uns ganz nah. Er spricht in diesem Gottesdienst zu uns durch das Wort des Evangeliums (womöglich auch durch die Predigt), er ist im Heiligen Abendmahl anwesend, wir können uns jederzeit an ihn wenden.
Gelobt sei die Jungfrau Maria, die Eingangspforte des Sohnes Gottes in die Welt! Unwahrscheinlicher als Jesus Christus ist nichts.
„Karoline Herfurth will nicht ewig leben“, stand am 21. September 2016 im Internet und in den vermischten Meldungen der Zeitung als „Zitat des Tages“. Ich finde es wichtig, dass wir heute am Ewigkeitssonntag auch diese Gegenstimme berücksichtigen.
Karoline Herfurth, 32 Jahre jung, ist eine gefragte Schauspielerin. Sie wurde einem großen jugendlichen Publikum durch die beiden sehr erfolgreichen „Fack ju Göthe“ Schulfilme bekannt, in denen sie die weibliche Hauptrolle spielte. Das Zitat des Tages stammt aus einem Interview. Dort antwortete sie: „Welche Sehnsucht mir fremd ist? Die nach Unsterblichkeit! Obwohl ich Angst vor dem Tod habe, das Älterwerden nicht leicht finde, würde ich nicht für immer jung sein wollen. Klar ich hätte gern mehr Zeit. Aber wenn wir ewig leben würden, wäre jeder Genuss fad.“
„Ewiges Leben“ wird beiseite geschoben: zu fade, endlos langweilig, tödlich für Spaß und Genuss. Nichts für junge Leute. Was taugt ein „ewiges Leben“, in dem wir uns doch nur zu Tode langweilen würden? Karoline Herfurth steht mit dieser Meinung nicht allein. Rufen wir uns nur den Münchner von Ludwig Thoma in Erinnerung, der sich im Himmel nach dem Hofbräuhaus sehnt.
Was sagt uns der Predigttext des Ewigkeitssonntags über das ewige Leben? Wird er Karoline Herfurths Eindruck bestätigen? – Er handelt von den Eingebungen des Sehers Johannes auf der Insel Patmos, Offbg 21,1-7. Johannes hat gesehen, was kein Auge je gesehen hat (21,1f.). Johannes hat gehört, was kein Ohr je gehört hat (21,3f.). Und er wurde angewiesen, alles aufzuschreiben, damit wir es lesen und bedenken können (21,5).
1) Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde;
denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen,
und das Meer ist nicht mehr.
2) Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem,
von Gott aus dem Himmel herabkommen,
bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
3) Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach:
Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!
Und er wird bei ihnen wohnen,
und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;
4) und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen,
und der Tod wird nicht mehr sein,
noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein;
denn das Erste ist vergangen.
5) Und der auf dem Thron saß sprach: Siehe, ich mache alles neu!
Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!
6) Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O,
der Anfang und das Ende.
Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
7) Wer überwindet, der wird es alles ererben,
und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. (Offb 21,1-7)
Johannes hört, dass weinende Menschen, deren Tränen in der Weltgeschichte keine Rolle spielten, von Gott, dem himmlischen Vater selbst, wieder aufgerichtet werden.
Unser Predigttext vom heutigen Ewigkeitssonntag bestätigt den tristen Eindruck nicht, den Karoline Herfurth vom ewigen Leben hat. Keinerlei Hinweis auf ewig junge Menschen, denen jeder Genuss fad ist, oder einen Münchner, der sich nach dem Hofbräuhaus und seiner Weißwurst sehnt.
Dafür gibt es drei Gründe:
„Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten,“ dieser Vers aus dem Ps 126,5 trifft die gemeinte Stimmungslage. Angesprochen werden nicht die Saturierten und Erfolgsverwöhnten, sondern diejenigen, denen das Leben etwas schuldig geblieben ist. Die mehr tragen mussten als andere. Menschen, durch deren Leben aus verschiedenen Gründen ein bleibender schmerzhafter Riss geht.
Jetzt ist die Zeit, in der mit Tränen gesät und unter Weinen gepflanzt werden muss. In Gottes Zukunft werden sie mit Jubel eine überreiche Ernte feiern. Was kaputt gegangen ist, wird vollendet, was sich wund gerieben hat, wird geheilt, was unerledigt geblieben ist, wird erfüllt, wo Tränen waren, wird Freude sein.
Der Eindruck, dass ein ewiges Leben nur unendlich langweiliges sein kann, steht und fällt mit unserer Sprache. Das Wort „ewig“ ist nun einmal gleichbedeutend mit „endlos“. Dementsprechend gelangt man vom „ewigen Leben“ sofort zum endlos langen Leben, einer Zeitstrecke mit unzähligen Tagen, Wochen, Monaten, Jahren. Logisch, dass nicht nur junge Leute anfangen, zu grübeln: Was geht da ab? Womit soll man die unerschöpflich lange Zeit verbringen?
Die Zeit als Zeitstrecke, als vergehende, fließende, zerrinnende Zeit ist ein Bestandteil unserer alten Welt und wird mit ihr vergehen. Das biblische Bild für Gottes Ewigkeit ist die heilige Stadt, das neue Jerusalem, unter dem neuen Himmel auf der neuen Erde, das ausschließlich von Gottes Lichtglanz erleuchtet wird.
„Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie scheinen, denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie.“(Offb 22,23) – Halten wir fest, Sonne und Mond werden nicht mehr scheinen! Damit entfällt die Berechnungsgrundlage für das Jahr und den Monat. Die irdische Zeitrechnung wird aufgehoben in die Fülle der Zeit Gottes.
1) Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde;
denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen,
und das Meer ist nicht mehr .
Auch das Wort „Leben“ erhält einen neuen Sinn. Das irdische Leben von Mensch und Tier wird durch das Auf und Ab von Plus und Minus, Gut und Böse, Licht und Finsternis, Frieden und Krieg, Freud und Leid, Gesundheit und Krankheit, Reichtum und Armut, Macht und Ohnmacht, Leben und Tod,Fressen und Gefressenwerden bestimmt. Leben bedeutet immer auch Leiden! Anderen Leid zufügen, selbst Leid ertragen müssen.
Unter dem neuen Himmel auf der neuen Erde in der heiligen Stadt, dem neuen Jerusalem, wird es dieses Auf und Ab nicht mehr geben. Das Leben der alten Welt wird dort nicht bei besserem Wetter und mehr Freizeit fortgesetzt. Es wird sich ein grundlegender Wandel vollziehen. Darauf weist die seltsame Bemerkung hin: „…das Meer ist nicht mehr“. Das Meer steht hier – nicht für die schöne Ostsee, sondern – für die die Erde in vielfältiger Weise bedrohende Unheilsmacht, die immer wieder Gut in Böse, Freude in Leid, Frieden in Krieg und Leben in Tod ummodelt. Gottes neue Welt ist eine Welt ohne Zerrissenheit, ohne Kampf und ohne Qual.
Gottes neue Welt wird von Menschen bewohnt, die außer sich sind vor Freude an Gott, ihren Mitmenschen und allen Geschöpfen. Das ewige Leben ist vollkommener Zustand, der nicht mehr zurückgedreht oder gesteigert werden kann. Die Frage: „Womit verbringe ich meine Zeit?“ ist da überholt.
Ich finde es wichtig, dass wir – die christliche Gemeinde – wissen: Unsere Hoffnung auf das ewige Leben ist nicht selbstverständlich. Manch einer hält ein „ewiges Leben“ für Unsinn und kann sich dabei auf den alltäglichen Sprachgebrauch berufen. Vielleicht würde er es sich noch einmal durch den Kopf gehen lassen, wenn er wüsste, dass die Bibel darunter keine endlose Zeitstrecke, sondern eine durch und durch erfüllte Zeit versteht.
Die Hoffnung auf das ewige Leben in diesem Sinne ist ein Schatz, den man jedem nur von Herzen wünschen kann. Unser Leben wird ein anderes, wenn wir auf auf das grenzenlose Glück unter einem neuen Himmel auf einer neuen Erde im neuen Jerusalem hoffen. Es gewinnt dadurch Tiefe und Zuversicht:
Gottes Wille wird geschehen!
Sein Reich wird kommen!
„
„Gott ist die Liebe“ (1. Joh 4,16b) so der heutige Predigttext. Aber: I s t Gott Liebe? – darüber gehen die Ansichten auseinander.
Ist Gott Liebe? – „Ja!“, werden die meisten sagen, die hier im Gottesdienst sind. Dieses Ja ist eine glücklich machende Einsicht: Ich bin bei Gott zu Hause. Weiß mich von ihm angenommen und bei ihm aufgehoben. Wenn ich an Gott denke, sehe ich den vergebenden Vater, der den verlorenen Sohn in seine Arme schließt. Vor ihm brauche ich mich nicht zu fürchten. Oder ich stelle mir den guten Hirten vor, dessen Stecken und Stab mich trösten, wenn ich ein finsteres Tal durchqueren muss. Auch für ein kleines Weh ist er nicht zu fern. In der nächsten Woche steht mir eine Augenoperation bevor. Für den Facharzt ein Routineeingriff, für mich als Patienten – unbehaglich.
I s t Gott Liebe? – Einige werden bei dieser Frage die Schultern hochziehen. „Weiß nicht“, andere werden dezidiert:„Nein!“rufen. Menschen, die in ihrem Leben Gottes Liebe bisher nicht spürten. Menschen, die mit ihren Sorgen immer allein waren. Menschen, die angesichts fremden Leides – und überall, wo wir genauer hinschauen, gibt es fremdes Leid, viel zu viel fremdes Leid! – Gott und Liebe nicht in einem Atemzug nennen können.
„Gott ist die Liebe“, dieser Satz steht in der Bibel, aber steht die Bibel hinter diesem Satz? Es gibt Bibelstellen, die in jeder Leseordnung übersprungen werden, zum Beispiel das 13. Kapitel des Propheten Jesaja: „Gottes Gericht über Babel“. Dort wird beschrieben, wie Gott als ein Kriegsherr die Meder in den Kampf gegen die Babylonier schickt. Archaisch grausam wird ausgebreitet, welches Leid die Soldaten Jünglingen, Frauen und Kindern antun werden. Furcht und Schrecken, Elend, Leiden, Sterben – im Auftrag Gottes!
Gottes Handeln geht weit auseinander, je nachdem, welche Bibelstelle man aufschlägt. Einerseits ist er der gnädige, barmherzige, vergebende, sogar der bereuende Gott. Andererseits der gebietende, heilige, gerechte, richtende, eifernde, zornige, sogar gewalttätige Gott. – Das menschliche Echo auf das Handeln Gottes in den Psalmen fällt entsprechen aus: Lob und Dank für seine Wohltaten, Klage, Kummer und Anklage ob der dunklen Seiten Gottes.
Ist Gottes Handeln wetterwendisch wie der Himmel – mal strahlend hell, mal trübe, mal tiefschwarz? Warum ist der Johnannesbrief davon ganz unberührt? Dort steht:
„Gott ist Licht und in ihm ist keine Finsternis.“ (1. Joh 1,5)
„Gott ist die Liebe“
„Furcht ist nicht in der Liebe“(1. Joh 4,17b)
Ein nachdenklicher Glaube wird sich diese Fragen nicht ersparen. Zudem steht der Vorwurf im Raum: „Ihr Christen wollt die Religion der Liebe sein? Schaut mal in eure Bibel, wie gewalttätig es da zugeht!“ Auch damit müssen wir uns auseinandersetzen.
Vielleicht kommen wir weiter, wenn wir uns einen Moment lang mit dem Bau einer Pyramide beschäftigen. Waren Sie schon einmal in Ägypten? Wir sind ja die Reiseweltmeister. Oder haben Sie die Cheops-Pyramide im Fernsehen gesehen? Ich habe folgendes gegoogelt. Die Cheops-Pyramide ist 147m² hoch. Vier Seiten laufen in einem Neigungswinkel von 51,5⁰ auf die Spitze zu. Die Grundfläche beträgt 53.000qm gleich 5,3 Hektar. Das sind fünf Fußballfelder. Also: unten viel Platz, oben ganz eng.
Diese Konstruktion wollen wir uns für den weiteren Gedankengang zunutze machen.
Stellen Sie sich bitte folgende Begriffs-Pyramide vor:
Gottes Handeln, wie es die Bibel beschreibt, ist mitnichten immer liebenswürdig und freundlich. Wie wir eben hörten, ruft er in Jesaja 13 die Meder in einen Krieg gegen die Babylonier und lässt diese bluten, bis ihr Weltreich einkracht. Das geschieht, weil die Juden gerade in der babylonischen Gefangenschaft eingesperrt sind. Der Sturz der Babylonier kommt ihnen zu Gute. Sie werden bald darauf frei gelassen und kehren nach Juda zurück. Gott greift aus Liebe zu seinem Volk ein, mit dem er das Heil der Welt herbeiführen will.
Um dieses Ziel zu erreichen, handelt Gott in der Geschichte und mit deren Mitteln. Es wird aber nicht verschwiegen, dass diese Vorgehensweise eine Notlösung ist. Der Prophet Jesaja schaut auf ein wirkmächtiges Gegenbild zu Krieg und Gewalt. Eines Tages werden die Völker in Zion Heil und Frieden finden:
„Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“(Jesaja 2,4b)
Wenn in einem Rad die Massen ungleich verteilt sind, spricht man von einer Unwucht. Eine solche Unwucht besteht auch im strafenden Handeln Gottes. Das besagt die „Gnadenformel“. Mit den neuen Gesetzestafeln in der Hand – die ersten wurden zerbrochen, weil das Volk sich binnen kurzem von Gott abgewendet hatte – dankt Mose Gott:
„JHWH, JHWH, ein barmherziger und gnädiger Gott, langsam zum Zorn und reich an Güte und Treue: der Güte bewahrt den Tausenden,
der Verkehrtheit, Verbrechen und Verfehlung vergibt,
aber (den Sünder) gewiss nicht aus der Haftung entlässt,
der Rechenschaft einfordert bezüglich der Verkehrtheit
der Väter an den Söhnen und Enkeln,
an der dritten und vierten Generation.“
(2. Mose 34,6f. Übersetzung: Bernd Janowski)
Ja, Gott entlässt den Sünder nicht aus seiner Haftung – auch um der Opfer von Verbrechen und Verfehlungen willen. Aber sein Gericht ist langsam und auf drei Generationen begrenzt. Es steht in gar keinem Vergleich zu seiner maßlosen Güte und Treue. Dass Gott „den Tausenden“ die Güte bewahrt, bedeutet, dass seine Güte grenzenlos ist. Dass sich falsche Entscheidungen auf drei Generationen auswirken können, ist eine zutreffende Beobachtung. Dazu ein Beispiel aus der Politik. Die Schulden, die Bund, Länder und Gemeinden heute anhäufen, müssen die kommenden Generationen tilgen.
Diese Gnaden-Formel bildet für Israel die Quintessenz des Handelns Gottes. Sie ist von der Überzeugung getragen: Gottes Handeln zielt im Großen und Ganzen auf Liebe ab.
Dass Gott im Kern seines Wesen Liebe ist, erschließt sich – wie ich meine – allein in Jesus Christus. Von ihm heißt es:
„Gott hat Christus, der ohne Sünde war, an unserer Stelle als Sünder verurteilt, damit wir durch ihn vor Gott als gerecht bestehen können.“(2. Kor 5,21)
Aus Liebe zu uns Menschen, sorgt Gott selbst dafür, dass wir trotz aller Verkehrtheit, Verfehlungen und Verbrechen letztendlich bestehen können. Er nimmt dazu Schrecken, Leiden und Sterben auf sich. Jesus, der Christus, ist Gottes Liebe in Person. Deshalb ist sich der Johannesbrief seiner Sache so sicher trotz manchem, was über Gott in der Bibel steht Und in diesem Sinne gehört der Satz „Gott ist die Liebe“ auf die Spitze unserer Begriffspyramide.
„I s t Gott Liebe?“ vor dieser Frage stehen wir sowohl im persönlichen Bereich als auch im Blick auf die Bibel.
„Gott ist Licht und in ihm ist keine Finsternis.“ (1. Joh 1,5)
„Gott ist die Liebe“
„Furcht ist nicht in der Liebe“(1. Joh 4,17b)
Im Mittelpunkt der von Hans Joachim Burgert (1928-2009) gestalteten Kassettendecke im Vorraum der Kirche Zum Heilsbronnen befinden sich vier pfingstliche Bildtafeln. Auf goldenem Hintergrund zeigen sie Personen, über denen die Flamme des Heiligen Geistes schwebt. Das Leben in der Gegenwart Gottes erfüllt von der Kraft aus der Höhe. Beginnend mit Petrus, der vor der Menge predigt und 3.000 Menschen tauft. Dann: Petrus und Johannes heilen einen Lahmen, Saulus wird bekehrt.
16 Bildtafeln mit blauem Hintergrund umschließen die vier pfingstlichen Bilder. Nackte Gestalten fallen ins Auge. Mann und Frau, Eva reicht Adam den Apfel, gebückt und bedrückt verlassen beide den Garten Eden. Diese Bilder erzählen von Schöpfung und Fall des Menschen. Vom ersten Schöpfungstag, als der Geist Gottes über den Wassern schwebte, bis zum Turmbau zu Babel und der darauf folgenden Verwirrung der Sprachen.
Diese Anordnung der Bilder mit dem blauen und dem goldenen Hintergrund gibt einen Anstoß für das Pfingstfest, das wir heute feiern: Die Ausgießung des Heiligen Geistes ist eine neue Schöpfung, die sich inmitten der alten Schöpfung ereignet.
Die Worte Jesu aus dem heutigen Evangelium (Joh 14,23-27) gewinnen dadurch an Reichweite. Sie bilden einen Konrast zur alten Schöpfung.
Im zweiten Schöpfungsbericht lesen wir:
- „Da macht Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (1. Mose 2,7)
Jeder Mensch hat sein Leben und seine Menschenwürde von Gott. Er ist ein „Geschöpf Gottes“ – darin liegt seine Größe und zugleich seine Grenze. Er ist Gott nahe und zugleich wieder fern. Heute ist er offen für ihn, morgen gänzlich verschlossen. Sein Herz ist unbeständig.
Gott unternimmt einen neuen Schritt, um dem Menschen bleibend nahe zu sein. Im Johannesevangelium wird beschrieben, dass Jesus seine Jünger anhaucht. Der auferstandene Herr kommt zu seinen Jüngern und begrüßt sie. Dann heißt es: „…er blies sie an und spricht zu ihnen: ‚Nehmet hin den Heiligen Geist!’“(Joh 20,21) So nimmt er Wohnung bei ihnen und verändert ihr Leben. Der Hauch des Heiligen Geistes führt in die Neue Schöpfung.
In der alten Schöpfung herrscht Misstrauen gegenüber Gott und seinen Geboten:
Die neue Schöpfung: Der Heilige Geist bezeugt uns, dass wir Gottes geliebte Kinder sind, die sich voll Vertrauen an ihren Vater wenden: „Abba lieber Vater“(Röm 8,15). Jesus weist einmal auf die Kinder und sagt: „Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“(Mk 10,16) Dazu gehört, dass wir Gott vertrauen, uns von ihm trösten lassen und uns an sein Wort halten.
In der alten Schöpfung herrscht Krieg: „Da ergrimmte Kain und senkte finster seinen Blick.“(1. Mose 4, 5) Von dort führt eine schnurgerade Linie in unseren Alltag. „Jugendliche foltern und filmen Mitschüler“, berichtete gestern die Zeitung. In Frohnau wurde ein 14-jähriger von Gleichaltrigen unter Alkohol gesetzt, beraubt und misshandelt. Vandalismus in der Eisenbahn.
Die neue Schöpfung bringt Frieden. Jesus schenkt Frieden, weil er die Grundlage allen Lebens ist und weil wir ihn dringend brauchen. Vom Kirchentrag in Bremen wird berichtet, dass unter den 90.000 Besuchern eine freundliche Atmosphäre herrschte, die in der ganzen Stadt bemerkt wurde. Man ließ sich ausreden. In den Schulen wurde vor der Abreise aufgeräumt. – Nicht zu vergleichen mit der Randale nach manchem Fussballspiel. Fans gehen aufeinander los. Eisenbahnwaggons werden auseinandergenommen.
Die Kassettendecke im Vorraum unserer Kirche wies uns darauf hin:
(Die vier Pfingstbilder der Kassettendecke sind im Netz unter http://yelp.de finden.)
3) Gelobt sei Gott,
der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes,
4) der uns tröstet in aller unserer Trübsal (Bedrängnis),
damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind,
mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. (1. Kor 1,3f.)
Wo finde ich Geborgenheit? Liebe Gemeinde, lassen sie uns einen Moment darüber nachdenken. „Der Mensch ist ein Geborgenheitswesen“, so der Psychologe Hans Mogel aus Passau. Hat er damit recht? Es lohnt sich, dem einmal nachzugehen.
Geborgenheit ist etwas anderes als Gemütlichkeit. Jeder hat sein Rezept, wie er es sich gemütlich machen kann: Beine hoch legen, eine Packung Eis aus dem Kühlschrank holen, Musik hören und so weiter. Geborgenheit kann man sich nicht aus ein paar Zutaten mixen. Denn 100%ig geborgen waren wir nur ein einziges Mal.
Zu einem sehr frühen Zeitpunkt – an der Schwelle unseres Lebens. Obwohl wir uns nicht mehr an ihn erinnern können, sehnen wir uns nach ihm. Im Mutterleib waren wir warm und sicher aufgehoben, rundum versorgt mit allem Nötigen. Mit der Geburt brach diese Wonne ab. Es begann das Wechselspiel von Wärme und Kälte, Hunger und Sättigung, Lachen und Weinen, Trübsal und Trost, das wir Leben nennen.
Geborgenheit beinhaltet: Sicherheit, Wärme, Schutz, Verständnis, innere Ruhe, innerer Halt; eben: sich im Leben aufgehoben fühlen. Dazu gehören Menschen, Orte und Situationen. Zum Beispiel Eltern, bei denen Kinder sicher gebunden sind. Auch die Religion kann Geborgenheit stiften.
Wir werden uns jetzt mit einem kurzen inhaltsreichen Briefabschnitt des Apostels Paulus beschäftigen, der erkennen lässt, in welcher Weise er religiös geborgen ist. Im Hintergrund steht dabei die Frage, ob das auch für uns ein geeigneter Weg sein könnte.
Wenn man einen Brief des Apostels Paulus aufschlägt, hat man das Gefühl, eine Kirche zu betreten. So fromm und feierlich geht es da zu. Er lobt Gott, er dankt Gott, er kommt erst einmal nicht zur Sache, sondern blickt mit der Feder in der Hand zum Himmel auf.
Paulus formuliert: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus“. Es lohnt sich, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen!Gott ist für ihn nicht irgendwie „Gott“ ohne genauere Feststellung,wie das heutzutage verbreitet ist. Wie oft habe ich vernommen:„Herr Pfarrer, ich bin überzeugt davon: es gibt etwas Höheres.“ Vielleicht kennen sie diese Redensart vom „Etwas hinter allem“ auch? Für Paulus ist Gott kein namenloses Etwas, sondern „Vater“.Warum ist das wichtig? Erst als Vater bekommt „Gott“ ein Gesicht:
Augen, die mich anblicken.
Ohren, die mir zuhören.
Einen Mund, der zu mir spricht.
Nichts davon ist bei einem „Etwas hinter allem“ vorhanden! Es ist blind, taub und stumm.
Man kann Gott auch den „Lebendigen“, den „Heiligen“, den „Einen“ oder den „Einzigen“ nennen oder Namen Gottes aus der Hebräischen Bibel verwenden, wie dies in der „Bibel in gerechter Sprache“ der Fall ist.
Aber die Bezeichnung „Vater“ bleibt für Gott unverzichtbar und unersetzbar, wenn man Paulus folgt. Sie unterscheidet sich grundsätzlich von allen anderen Weisen, Gott anzurufen. „Vater“ ist nämlich nicht ein gläubiger Ausdruck unter anderen, sondern ein Terminus für die Selbstunterscheidung Gottes in Vater und Sohn. Gott wird nicht nur Vater genannt, er i s t Vater eines Sohnes. „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste“(Gal 4,4f.) so Paulus an anderer Stelle.
Durch die Heilige Taufe wird die christliche Gemeinde in das Vater-Sohn-Verhältnis aufgenommen. „In Christus“ sind wir Söhne und Töchter Gottes, und unser kostbarstes Gebet beginnt mit den Worten „Vater unser im Himmel“.
Mit Gott, dem himmlischen Vater, verbindet Paulus Barmherzigkeit und Trost. Er preist ihn als „Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes“. Ein guter Vater lässt sein Kind nicht hängen, sondern weiß, was es braucht. So sieht es auch Jesus. In diesem Sinne wirft er die Frage auf:„Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch bietet? Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür bietet?“(Luk 11,11f.) Der barmherzige Vater ist mitfühlend und nachsichtig. An ihn kann man sich wenden, wenn etwas schiefgegangen ist. Deshalb empfiehlt Jesus, sich an ihn mit der Bitte um Vergebung zu wenden: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.
Trost schafft Raum, wenn es eng wird, wenn es nicht mehr weitergeht, wenn kein Ausweg in Sicht ist. Paulus lobt Gott als Gott allen Trostes im Blick auf die Auferweckung der Toten. (2. Kor 1, 9 siehe unten). Hier hat sich gezeigt, dass die Grenzen, die uns Menschen gesetzt sind, für ihn nicht gelten.
Ich sagte, man habe das Gefühl, eine Kirche zu betreten, wenn man einen Brief des Apostels Paulus aufschlägt. Ist diese Feierlichkeit eine persönliche Marotte des Apostels, oder gibt es dafür eine andere Erklärung?
Ich möchte dazu den kleinen Briefabschnitt kurz aufschlüsseln.
Der feierliche Glockenton wird mit den Worten: „Gelobt sei Gott“ angeschlagen. Sie leiten einen Lobspruch (Berakah) ein, wie er im Alten Testament und im Judentum geläufig ist. Er besteht aus einem Kernstück und zwei Erweiterungen.
Das Kernstück lautet:
„Gelobt sei Gott, der uns tröstet in aller unserer Trübsal.“
Die erste Erweiterung ist die nähere Bestimmung Gottes als Vater (über die wir schon gesprochen haben):
„der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes“, und
die zweite Erweiterung schließt an Gottes Trost an:
Er befähigt, andere zu trösten:
„damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind,
mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott“.
Im Judentum war es üblich, alles, was man tut, mit einem geeigneten Lobspruch zu beginnen.
Man begrüßte den neuen Tag:
Gelobt sei Gott, der das Licht des neuen Tages aufscheinen lässt.
Man hielt inne bei Speise und Trank:
Gelobt sei Gott, der das Brot aus der Erde wachsen lässt.
Gelobt sei Gott, der uns die Frucht des Weinstocks schenkt.
Man begann sein Gebet:
Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.
Sein kunstvoll komponierter, schriftlicher Lobspruch belegt, dass Paulus diesen Brauch auch pflegt. Übrigens ebenso wie Jesus.
Wir feiern ja in diesem Gottesdienst das Heilige Abendmahl. Deshalb dazu ein kurzer Abstecher. In den Stiftungsworten ist davon die Rede, dass Jesus über Brot und Wein „dankte“. (Hier stehen dieselben beiden griechischen Vokabeln „eulogein“ und „eucharistein“, die Paulus für seinen Brief-Dank verwendet.)
„In der Nacht, da er verraten war, nahm der das Brot, dankte und brach`s…“
„Desselbengleichen nahm er auch den Kelch nach dem Abendmahl, dankte, gab ihnen den und sprach…“
Die Stiftung des Heiligen Abendmahls vollzog sich in einem Dankgebet über Brot und Wein (Eucharistie). Dazu passt es gut, wenn im Abendmahlsgottesdienst auch ein Dankgebet über Brot und Wein gesprochen wird, das die Einsetzungsworte umschließt.
Wenn Paulus fast alle seine Briefe mit dem Glockenton eines Lobspruchs einläutet, ist das keine Marotte. Es signalisiert, „was ich auch tue, ich beginne es mit Gott“. Er macht davon Gebrauch, dass Gott, der Vater, mit seinen Söhnen und Töchtern in Verbindung stehen möchte.
Wem das mit den Lobsprüchen merkwürdig vorkommt, stelle sich bitte folgende Situation vor:
Der Wecker klingelt. Zeit zum Aufstehen. Wie empfange ich den neuen Tag?
Mit einer Klage: „Ich hasse das frühe Aufstehen!“
Mit einer Frage: „Was wird heute wieder schiefgehen?“
Oder mit dem Lobspruch: „Gelobt sei Gott, der das Licht des neuen Tages aufscheinen
lässt!
Eine andere Situation: Das Mittagessen wird aufgetragen. Wie beginne ich die Mahlzeit?
Mit einer Klage: „Schon wieder Brokkoli!“
Mit einer Frage: „Ob es heute richtig abgeschmeckt ist?“
Oder mit dem Lobpreis: „Gelobt sei Gott, der das Brot aus der Erde wachsen lässt.“
Die Aufmerksamkeit, die ich Gott mit einem Lobspruch schenke, ändert meine Einstellung. Aus einem abweisenden oder mürrischen wird ein dankbarer Mensch.
„Der uns tröstet in aller unserer Trübsal.“ – Wenn Paulus vom Trost Gottes spricht, sind das Worte, hinter denen Taten stehen. Paulus hat Gottes Schutz und Hilfe erfahren. Im gleichen Kapitel des 2. Korintherbriefs spielt er auf einen üblen Vorfall an. Er war in Todesgefahr. Ohne auf die näheren Umstände einzugehen, schildert er die Krise, in der er sich befand und die Hilfe, die ihm zuteil wurde.
8) Denn wir wollen euch, liebe Brüder, nicht verschweigen die Bedrängnis, die uns in der Provinz Asien widerfahren ist, wo wir über die Maßen beschwert waren und über unsere Kraft, sodass wir auch am Leben verzagten 9) und es bei uns selbst für beschlossen hielten, wir müssten sterben. Dies geschah aber, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt, 10) der uns aus solcher Todesnot errettet hat und erretten wird. Auf ihn hoffen wir, er werde uns auch hinfort erretten.(2. Kor 1,8-10)
In einer Lebenskrise, wie sie Paulus beschreibt, kann auf einmal alles abhanden kommen, was fein säuberlich im Geborgenheits-Atlas aufgeführt ist: die Menschen, die einem nahestehen, die Orte, die einem vertraut sind, die Situationen, die einen aufbauen. Es bleibt das Nichts, das bloße Nichts, das Ende von allem. Ich bin in meinem Leben nicht mehr zu Hause. Es sei denn, ich kenne den, „der uns tröstet in aller unserer Trübsal“.
Der kurze inhaltsreiche Briefabschnitt 2. Kor.1,3f. bot einen Einblick in die Gedankenwelt des Apostels Paulus. Wir haben sein Gottesbild , den Lobspruch und seine Erfahrung mit Gott betrachtet. Paulus ist ein Mensch, der sich in Gott, dem Vater, geborgen weiß. Natürlich kennt er auch treue Menschen, bergende Orte und Situationen, die ihn aufbauen. Aber an erster Stelle steht für ihn Gott. Deshalb beginnt er auch alles, was er tut, mit einem Lobspruch.
Wer sich auf den Weg des Paulus machen möchte, wird versuchen:
41) Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. 42) Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. 43) Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem und seine Eltern wussten’s nicht. 44) Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. 45) Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.
46) Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. 47) Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. 48) Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.
49) Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? 50) Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. 51) Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. 52) Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen. (Lk 2,41-52)
Zu Weihnachten haben wir das Wunder gefeiert, das das Leben Jesu prägt. Der Eintritt Gottes in die Geschichte. Gott, der Sohn, lebt in Jesus menschlich mit uns Menschen zusammen, um uns zu erlösen. Heute hören wir vom Fortgang dessen, was in der Heiligen Nacht begann. Wie tritt Gott, der ewige Sohn, im Menschen Jesus in Erscheinung? Wie wirkt sich das Einmalige, absolut Neue im Leben Jesu aus? – Mit diesen Fragen statten wir erst Nazareth einen Besuch ab und dann Jerusalem.
Vom Einmaligen, absolut Neuen an Jesus ist in Nazareth nicht zu merken. Jesus war Kind im Hause. Kind unter Kindern zusammen mit vier Brüdern: Jakobus, Joses, Judas, Simon und mindestens zwei Schwestern – nicht ein kleiner Gott! Er wurde nicht auf einer Sänfte herumgetragen wie little Buddha, vor ihm verneigte sich niemand, und er zauberte nicht.
Seine Kindheit spielte sich zwischen Werkbank und Schmiedefeuer in einem Familienbetrieb ab. Josef war der einzige Handwerker in einem Ort mit ca. 400 Bauern. Diese benötigten Gezimmertes: Werkzeuge, Karren, Truhen, Türen, Fenster und Geschmiedetes: Feuerbecken, Backtröge und Beschläge. All das lieferte ihnen Josef aus seiner Werkstatt. Die Kinder packten selbstverständlich mit an. An ein Verbot der Kinderarbeit war noch nicht zu denken.
Die Familie lebte im Glauben Israels im Rhythmus der großen Feste, im Wechsel von Arbeit und Gebet, Werktagen und Sabbatruhe mit Schriftstudium. „Sobald das Kind zu sprechen anfängt, soll der Vater mit ihm in der heiligen (hebräischen) Sprache sprechen und es in der Tora unterrichten,“ heißt es in einem späteren Midrasch. Auch als Erwachsener hat er die Tora nicht verworfen (so Matthäus 5,17ff.). Er hat sie zugespitzt und einen falschen Umgang mit ihr korrigiert. Aber er ist bei ihr geblieben. Wenn Jesus zu aktuellen, brisanten Angelegenheiten nichts gesagt hat, bedeutet das keineswegs, dass er die dazu in Deutschland gegenwärtig vorherrschende Meinung teilt. Seine Sichtweise war die eines frommen Juden aus dem ländlichen Galiläa.
Wir fragten eingangs: Wie tritt Gott, der ewige Sohn, im Menschen Jesus in Erscheinung? Dazu lässt sich jetzt festhalten: Gott ist in den bescheidenen Flecken Nazareth nicht wie ein Außerirdischer eingebrochen, sondern leise, behutsam und geduldig aufgetreten – als Kind unter Kindern, als Lehrjunge in der Werkstatt, als Religionsschüler in der Synagoge. Er überspringt nicht den natürlichen körperlichen und geistigen Reifungsprozes eines Menschen. Mit dem Satz: „Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen,“wird diese Entwicklung zusammengefasst. – Jetzt geht es erst einmal weiter – nach Jerusalem in eine der Lehrhallen des Tempels.
Jerusalem – der größere Gehorsam
„Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.“ Man denkt dabei an Anne-Sophie Mutter, die mit 12 Jahren konzertierte. Dass Jesus – zum Passafest erstmals in der Hauptstadt – ausgerechnet den umständliche Lehr- und Schulungsbetrieb im Tempel so spannend fand, dass er alles um sich herum vergaß, ist überhaupt nicht alterstypisch. Zwölfjährige Berliner Jungen tuscheln bei längeren Reden von Lehrern und Pfarren mit Blick auf die Uhr im Smartphone:„Wann ist Pause?“ Unterricht muss kurz und knackig sein. Bei Jesus war das offenbar anders. Religion war sein Lieblingsfach. Hier hatte er Feuer gefangen, sich Gedanken gemacht und konnte so die Lehrvorträge mit Gewinn verfolgen und sogar mitdiskutieren „Woher hat er das? Und was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist?“(Mk 6,2) staunten die Nachbarn in Nazareth, als er dort Jahre später in der Synagoge das Wort ergriff.
Die erste Äußerung von Jesus in der Bibel klingt ganz schön vorlaut! Man stelle sich vor, Maria und Josef laufen sich drei Tage lang die Hacken wund. Einen Tag in Richtung Nazareth. Beim gemeinsamen Nachtlager stellt sich heraus, der Herr Sohn hat die Pilgergruppen aus Nazareth verpasst. Was ist passiert? Hat er sich verlaufen? Das bedeutet, einen Tag zurück nach Jerusalem wandern und dann noch einen Tag Jerusalem durchstreifen. Und als sie ihn endlich gefunden haben, empfängt er sie mit der Frage: „Warum habt ihr mich gesucht?“ Es ist doch klar, dass Eltern sich Sorgen machen, wenn ein Kind verloren geht. Auf einen Zwölfjährigen, der in nächsten Jahr seine Bar Mizwa feiern und damit zu den Erwachsenen aufrücken will, muss man sich verlassen können.
Trotz hin, Trotz her – Jesus bringt noch etwas anderes ins Spiel, das die aufgeregten Eltern nachdenklich verstummen lässt: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Diese Worte haben es in sich. Da stehen Vater und Mutter vor ihm, und Jesus sagt: „Ich bin hier bei meinem Vater!“ Nämlich dem Gott Israels, der in diesem Tempel angebetet wird. Genau genommen gilt: Ich muss hier sein. Hier gehöre ich hin. Wenn ich hier bin, bin ich nicht ungehorsam, sondern gehorsam! Jesus beruft sich auf den höheren Gehorsam gegenüber dem Vater im Himmel. Einen Gehorsam, der über dem Gehorsam gegenüber den Eltern steht. Maria und Joseph „verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte“.
Ich meine: Hier kommt das Einmalige, absolut Neue im Leben Jesu zur Geltung! Mit 12 Jahren in Jerusalem macht er einen nachhaltigen Entwicklungssprung. Er nimmt menschlich wahr, wer er ist. Er spürt sein inneres Einssein mit Gott. Er erkennt an diesem Tag den Willen Gottes nicht mehr nur so, wie er ihn durch Menschen vermittelt gelernt hat, sondern aus der Gottesunmittelbarkeit, die zu seinem Wesen gehört.
In den folgenden Jahren war Jesus seinen Eltern wieder „untertan“. Er tut gern, was man von ihm erwartet. Seine Eltern dürfen stolz auf ihn sein. Die Gottesunmittelbarkeit allerdings, die ihn in Jerusalem zum ersten Mal durchdrungen hatte, wird ihn dazu bewegen, vom traditionellen Lebenskonzept abzuweichen: Als im Alter von 18-20 jahren die Jungen Männer um ihn herum heirateten, blieb er ehelos. Anstatt im ererbten Beruf zu bleiben, verließ er Nazareth und ließ sich taufen.
Zurück in Berlin
Damit ist unser heutiger Streifzug nach Nazareth und Jerusalem beendet. Was bringen wir von dort mit nach Berlin für das Neue Jahr 2016?
Zunächst dies: Weil in Jesus von Nazareth Gott in die Geschichte eingetreten ist, strahlt alles, was er tut, in unser Leben hinein. Das gilt für die stillen Jahre in Nazareth ebenso wie für sein Verhalten im Tempel.
Gott war dort sich 30 Jahre lang nicht für die alltägliche Arbeit vom ersten Wasserholen am Morgen bis zum letzte Werkstatt-Ausfegen am Abend zu schade. Er ehrt und heiligt damit das alltägliche Leben und Arbeiten mit all seinen Pflichten und Aufgaben gerade derjenigen Menschen, die nicht im Rampenlicht stehen, sondern unauffällig und unscheinbar – wie er in Nazareth – ihr Tagewerk erfüllen.-
Die ersten Weihnachtsbäume liegen schon auf der Straße. Die Festtage sind vorbei. Ein kleiner Schüler sagte im Religionsunterricht zu meiner Frau: „Wir gehen nur Weihnachten in die Kirche. In diesem Jahr haben wir es nicht geschafft.“ Immerhin 30% der Evangelischen besuchten eine Christvesper. Tendenz steigend. Wir haben Grund, uns darüber zu freuen, und haben dementsprechend unsere Gottesdienste sorgfältig vorbereitet und ansprechend gestaltet.
„Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Damit zeigt Jesus uns, wo wir am Sonntag hingehören! Wie Gott für ihn der Vater ist, so auch für uns, die wir das Vaterunser beten. Was für Jesus der Tempel in Jerusalem war, ist für uns die Kirche in der Nachbarschaft. In diesem Sinne gilt, dass wir Christen in unser Vaterhaus gehören, unabhängig davon, ob gerade Weihnachten ist oder nicht. Und wie Jesus sollten wir uns nicht zu schnell aus dem Vaterhaus wegrufen lassen. Sondern erst einmal genau hinschauen, wer uns da aus der Kirche holen will und fragen:„Warum sucht ihr mich?“
Damit komme ich zum Schluss:
Wir hörten erstens von den stillen Jahren in Nazareth; Gott, der ewige Sohn, überspringt nicht den natürlichen körperlichen und geistigen Reifungsprozess des Menschen Jesus.
Wir hörten zweitens, wie Jesus in Jerusalem seine Gottesunmittelbarkeit entdeckt und sich auf einen Gehorsam beruft, der das Elterngebot übersteigt.
Und weil alles, was Jesus tut, auch in unser Leben hinein strahlt, nehmen wir drittens für uns mit in das Neue Jahr 2016, dass er unsere alltägliche Arbeit segnet, und dass alle, die seinen Namen tragen, ins Vaterhaus, in ihre Kirche gehören, und zwar aus einer inneren Verpflichtung heraus und nicht, weil gerade Weihnachten ist und alle gehen. „Wir gehen nur Weihnachten in die Kirche. In diesem Jahr haben wir es nicht geschafft,“ sollte nicht das letzte Wort in dieser Sache bleiben.
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur
uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist,
unserm Herrn. (Röm 8,38f.)
Die weihnachtliche Theologie bedenkt ein dreifaches Geburtsgeschehen:
Die himmlische Geburt Jesu Christi in Gott. Er ist„aus dem Vater geboren vor aller Zeit, Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater,“ so das Große Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel.
Die irdische Geburt Jesu Christi – Stoff der Krippenspiele und Predigten am Heiligen Abend.
Und die spirituelle Geburt Jesu Christi in unserem Herzen, über die ich heute sprechen möchte.
Die drei Geburten bilden zusammen ein Gefüge: Die himmlische Geburt verleiht der irdischen ihre Geltung. Sie wird in der Botschaft der Engel in der Heiligen Nacht: „Euch ist heute der Heiland geboren“ vorausgesetzt. Wie sollte sonst ein eben geborener Säugling Heiland und Friedensbringer sein? Mit der Geburt Christi in unserem Herzen erreicht Weihnachten sein Ziel. Ich weiß dann nicht nur über Weihnachten Bescheid, sondern spüre auch, was es für mich persönlich bedeutet. Denn: Man kann Weihnachten auf Gott hoffen und das Wunder verpassen!
Zur Unterstützung meiner Fußgymnastik auf einer speziellen blauen Noppen-Matte brauche ich Beat. Mein großer schwarzer Kopfhörer hebt sich deutlich von meinem blassen Schädel ab. Meine Frau wird sich an diesen Anblick wohl nie gewöhnen. Als ich stampfend BB-Radio hörte, fiel mir eine Rap-Zeile über Gott auf. Wie ist das gemeint: „Wir hoffen auf Gott, doch ham‘ das Wunder verpasst“?
In dem Hit „Astronaut“ geht es um Fluchtgedanken: „Ich heb‘ ab, nichts hält mich am Boden, alles blass und grau,“ singt Andreas Bourani als Refrain. Jemand möchte gern wie ein Astronaut raus aus dem irdischen Schlamassel ins All, wo es ruhig und friedlich zu sein scheint. In pointierten Rap-Zeilen wird dagegen gesetzt, was unten auf der Erde so abgeht:
Wir laufen rum mit der Schnauze voll, die Köpfe sind leer.
Sitzen Dreck bis zum Hals, haben Löcher im Herz.
Ertränken Sorgen und Probleme in ’nem Becher voll Wein.
Mit einem Lächeln aus Stein, uns fällt nichts Besseres ein.
Ham‘ uns alle vollgefressen und vergessen zu zahl’n.
Wir wollen alle, dass es passt, doch wir passen nich‘ auf.
Die Stimme der Vernunft is‘ längst verstummt, wir hör’n sie nich‘ mehr.
Dazwischen die Zeile: „Wir hoffen auf Gott, doch ham‘ das Wunder verpasst.“ Also: Von Gott ist nichts zu merken auf dieser Erde. Ohne ein Wunder geht das wohl auch nicht.
„Wir hoffen auf Gott, doch ham‘ das Wunder verpasst“, lautet so auch das Resultat für Weihnachten 2015? Am Heiligen Abend hoffen in Deutschland viele Menschen nachdrücklich auf Gott mit Weihnachtsschmuck in Straßen und Wohnungen, mit dem Besuch der Christvesper, mit Bescherung und häuslicher Feier. Das Fest der Liebe. Stunden voller Erwartung… Wie können wir Weihnachten feiern, ohne das Wunder zu verpassen? Das spirituelle Wunder, dass Christus in unserem Herzen geboren wird?
„Ich heb‘ ab, nichts hält mich am Boden, alles blass und grau,“ auch den Apostel plagten Fluchtgedanken – fromme Fluchtgedanken. Sein Ziel war nicht der leere kosmische Raum, sondern die Nähe zu Jesus Christus: „Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre,“ schreibt er aus dem Gefängnis an die Gemeinde in Philippi in Nordgriechenland.
„Alles blass und grau“– im Brief an die Gemeinde in Rom listet er auf, was ihn plagt. Nicht weniger als 10 bösartige Mächte und Gewalten nagen an seinem Gottvertrauen. In unsere Zeit übersetzt betrifft es:
die gegenwärtige Lage (Kriege treiben Menschen auf die Flucht.),
die zukünftige Entwicklung der Erde (Die Gletscher schmelzen schon.),
das Verhalten der Hohen (Sie sind borniert, geldgierig und grausam.),
die Tiefe der Armen (Sie leben in Slums ohne sauberes Wasser.),
den Tod (wenn er mitten ins Leben schneidet.),
das Leben (wenn es zur Last wird).
Angesichts dessen – geht die Hoffnung auf Gott nicht ins Leere? Prallt die Botschaft von der Liebe Gottes nicht an unserer Wirklichkeit ab? Ich bin überzeugt, dass genau dies der Grund ist, aus dem Jesus uns zu beten lehrt:„Und führe uns nicht in Versuchung“. Paulus lebt mit dieser Versuchung, aber er hält durch. Was gibt ihm dazu die Kraft? In einem Atemzug mit der Nennung der üblen Mächte und Gewalten betont er zugleich seine Gewissheit, dass die Liebe Gottes in Jesus, dem Christus, erschienen ist. Er hat das Wunder nicht verpasst. Jesus, der Christus, ist für ihn zum Sinnzentrum in einer bedrohlichen Welt geworden. Diesem Hinweis möchte ich nachgehen.
“Wir hoffen auf Gott, doch ham‘ das Wunder verpasst.“ Ob es dabei bleibt, kommt auf die Blickrichtung an. Die christliche Gemeinde hofft, lobt, feiert und bezeugt zu Weihnachten, dass sich das Wunder finden lässt. Es hat die Gestalt eines neugeborenen Kindes auf dem Arm seiner Mutter Maria. Dafür steht in unserer Kirche Zum Heilsbronnen die Berliner Madonna auf dem weihnachtlichen Altar. Jesus Christus ist ein Wunder, das Gotteswunder:
Er ist nicht die Wiederkehr von etwas Dagewesenem (ein neuer Prophet).
Er bringt nicht die Neuauflage von etwas Bewährtem (eine neue Lehre).
Er sagt von sich:„Wer mich sieht, der sieht den Vater.“(Johannes 14,9)
Wir beten Weihnachten darum, dass wir „in der sichtbaren Gestalt Jesu Christi den unsichtbaren Gott erkennen“. Wer Gottes Liebe erkennen will, muss auf Christus schauen. Hier wird hell und klar, was sonst dunkel und vage bleibt. Hier wird deutlich, wo und wie Gott in der Welt anzutreffen ist.
In Jesus ist das Reich Gottes auf dem Plan. Das bedeutet: Was Jesus zeichenhaft vorwegnimmt, wird Gott vollenden. So kann Jesus Christus zum Sinnzentrum in unserer bedrohten Welt werden.
„Wir hoffen auf Gott, doch ham‘ das Wunder verpasst.“ Ich finde, diese Zeile trifft ins Schwarze. Um die Liebe Gottes zu erkennen, ist ein Wunder nötig. Dieses Wunder kann man verpassen, aber es muss nicht so bleiben. Wenn du dich in den Kegel des Lichtes stellst, das von Jesus ausgeht, wirst du spüren: Ich bin nicht allein, ich bleibe nicht ungetröstet. Er ist mir nahe. Wenn mich Fluchtgedanken plagen, wird er mich mit der Gewissheit erfüllen, dass Gott wirkt. So wird Jesus in unserem Herzen geboren.
Ich sprach eingangs von den drei Geburten. Ja, die himmlische Geburt gibt der irdischen Geburt ihre Geltung. Aber erst mit der Geburt in unserem Herzen verpassen wir das Wunder nicht. Wer Christus in seinem Herzen trägt, wird mit Paulus übereinstimmen können:
Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur
uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist,
unserm Herrn.
Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker. (Mk 13,44)
Über dieses Gleichnis hielt ich meine erste Predigt in der Kirchengemeinde Zum Heilsbronnen. Es war am Samstag, dem 18. Mai 1974 in einer Wochenschlussandacht in der Ladenkirche Motzstr. 52. Ich war damals noch Student. Die halbstündige Andacht brachte mich ins Schwitzen wie im Hochsommer. Pfr. George hatte mir einen Talar geliehen. Darunter hatte ich dummerweise meine Lederjacke anbehalten. Luftdicht! Das mache ich nie wieder!
Ich hatte das Gleichnis vom Schatz im Acker ausgesucht, weil ich mich darin wiederfand.
Bei mir spielte es sich so ab: Kurz nach der Konfirmation, ich war 15, hörte ich am Bußtag in unserer damaligen Kirche, der Kreuzkirche am Hohenzollerndammm, eine Predigt über: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meinen Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“(Offb 3,20 Am 27.11.2022 hatte ich darüber zu predigen. Überschrift:“Ein neues Mitglied im inneren Team.“)
Der Pfarrer sprach schlicht, eindringlich und bewegend. Das kam bei mir an. ja, das wollte ich – meine Tür auftun und Jesus einlassen. Ich begann mit einer täglichen Bibellese für Schüler. In einer immer wieder sehr angespannten familiären Situation entdeckte ich dadurch die Nähe Gottes: „…er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz, dass ich gewisss nicht wanken werde“ (Ps 62,3).
Jesus erzählt von einem Tagelöhner. Im täglichen Einerlei der Feldarbeit stößt er mit seinem Pflug auf etwas Sperriges. Er flucht. Der Pflug muss aus der Furche herausgehoben, die Bahn mit der Hacke freigelegt werden. Dabei buddelt er einen Gegenstand aus, einen in der Erde schlummernden Schatz ein Behältnis voller Münzen.
So etwas konnte vorkommen: Noch 1945 bei der Flucht aus Ostpreußen wurde das schwere Familiensilber vergraben, weil es nicht auf den Leizerwagen passte. Ob es je gefunden wurde? Auch im alten Israel wurden in Notzeiten Kostbarkeiten, die man nicht preisgeben wollte, vergraben. Dort ruhen sie noch heute. Unter einer Türschwelle in Qumran fand man 580 in Tyros geprägte Silbermünzen.
„Das ist der glücklichste Tag meines Lebens!“, durchfuhr es den Landarbeiter. Das ausgemergelte Ackerstück wurde für ihn zum schönsten Ort der Welt. Er versteckte den Fund wieder, kratzte alles zusammen, was er aufbringen konnte, um es in seinen Besitz zu bringen. Kein Mensch verstand das.
Kern der Sache ist nicht der Reichtum, sondern das Himmelreich. Wie das plötzliche Treffen auf das Himmelreich das Leben eines Menschen auf einen neue Grundlage stellt. Was er bisher besaß, ist nicht mehr wichtig. Er setzt alles auf den überraschenden Fund. „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ (Ps 73,25)
„Ist es nicht Simon, Jakobus und Johannes ebenso gegangen?“ Vielleicht munkelten das die Zuhörer damals. Als eine Unbekannter war Jesus in das Boot der drei Fischer gestiegen, um sich von dort aus besser an die dichtgedrängte Menge am Ufer werden zu können. Zum Dank schickte er die Fischer am hellichten Tage zum Fang aus. Gegen alle Erfahrung kamen sie mit rappevollen Netzen zurück. Hocherfreut über das unerwartete Geschenk. Doch dabei blieb es nicht: „Von nun an werdet ihr Menschen fangen.“
Daraufhin verließen sie alles und zogen mit ihm. Ein kostbarer Fund eröffnete eine neue Perspektive. Die Erfahrung, von Jesus beschenkt und in Beschlag genommen zu werden, blieb nicht auf Simon, Jakobus und Johannes beschränkt, sondern pflanzte sich fort. Christsein heißt für mich, auf einen Schatz stoßen, der mich froh macht und mein Leben verändert.
Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen beschreibt in seinem Roman „Korrekturen“ ein halbes Jahr im Leben der Familie Lambert aus St. Jude im mittleren Westen der USA. Enid Lambert in den Sechzigern, Mutter dreier erwachsener Kinder, möchte ein letztes mal mit Kindern und Enkelkindern bei sich Weihnachten feiern. Ob das klappt und wer kommt, bleibt bis zum letzten Moment ungewiss.
Sie ist berübt. Alles geht zu Ende. Ihr Mann ist dement. Das Haus muss verkauft werden. Vor dem Fest packt sie gedankenversunken den selbstgebastelten Weihnachtsschmuck aus. Ihr Meisterstück – ein Weihnachtsbaum mit 24 kleinen Taschen voller adventlicher Überrachungen. Als krönenender Abschluss ist für den 25. Dezember das Christklind in einer Walnussschale vorgesehen: „Obwohl ihr Glaube erkaltet war, hing sie an dieser Bastelarbeit.“
Sie feierte Weihnachten ohne religiöse Anteilnahme. Das Baby in der Walnussschale erinnert sie an ihre Kinder, die um diesen Baum herumtanzten. Früher waren sie immer dabei, jetzt zieren sie sich. – Viele Leute sehen nur noch den kargen Acker ihres Lebens mit seinen durchpflügten Furchen. Ihr Glaube ist erkaltet. Sie sind betrübt. Aber so muss es nicht bleiben.
Vielleicht wartet auch auf sie ein Schatz – ein Schatz im Acker ihres Lebens: im Alltag zwischen Aufstehen und Schlafengehen, zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Kochen und Putzen.
Oder ein Schatz im Acker der Kirche: Mag die Bibel auch fremd und schwierig anmuten, aus ihr kann Gottes Wort entspringen. Mag das Heilige Abendmahl bloß ein Stück „Esspappe“, wie Berliner Kinder sagen, es möchte zur Begegnung mit mit Jesus Christus in sakramentaler Gestalt werden.
Unser Gleichnis weckt Hoffnung. Mag der Acker, auf dem du stehst, auch noch so karg aussehen, in ihm schlummert ein Schatz, das höchste Gut für dich!
Beim Schatz im Acker denke ich an den Anstoß, den ich aus einer Predigt in derKreuzkirche empfing. Er führte mich zur Bibellese, zu Entdeckungen in der Bibel. Später erwuchs daraus der Wunsch, Theologie zu studieren und mich Jesus im Berufdes Pfarrers eindeutig zur Verfügung zu stellen.
Alles, was ich zum Leben brauchte,alles, was das Leben lebenswert macht, fiel mir auf diesem Weg zu. Sobewahrheitete sich in meinem Leben das Wort Jesu: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ (Mt 6,33)
Heute ist mein letzter Gottesdienst als aktiver Pfarrer! Ich blicke dankbar auf 31 erfüllte Jahre zurück. Ich war nie auf mich allein gestellt, sondern wusste mich in einer lebendigen Gemeinde gut aufgehoben. ich danke herzlich für die gute Gemeinschaft“!
Unendlich viel verdanke ich dem Austausch mit meiner gliebten Frau, ihren Anregungen und ihrem persönlichen Einsatz in der Gemeinde!
Everybody’s darling wäre ich gern gewesen. Aber das ging nicht. Mit meinen Ecken und Kanten passte ich nicht in jedes Raster. Wo ich Erwartungen enttäuscht habe, tut es mir leid. Wem ich Unrecht getan habe, den bitte ich um Vergebung.
„Bitte pass‘ auf Dich auf und sei offen und stark für alles, was die Zukunft betrifft,“ so lautete ein lieber Gruss zu meinem 65. Geburtstag. Es wird nicht einfach sein, aber ich werde mich darum bemühen. Wie schön, dass wir von unserer neuen Wohnung aus den Kirchturm im Blick haben und die Glocken hören können!