An der Seite Israels

„Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“(Röm 11,29 Luther) „Denn was Gott aus Gnade geschenkt hat, das nimmt er nicht zurück. Und wen er einmal berufen hat, der bleibt es.“(Röm 11,29 BasisBibel)

Wir wollen Nachbarn bleiben!

2025 begehen wir das Gedenkjahr an das Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Am 27. Januar blickten wir zurück auf die Befreiung von Auschwitz. Mauer an Mauer mit dem Stammlager Auschwitz I, bestehend aus 33 zweigeschossigen Steinhäusern für Häftlinge samt Gaskammer, Erschießungswand und Exekutionshalle, umschlossen von einem lebensgefährlichen Hochspannungszaun …

in der dienstvilla des kommandanten

Mauer an Mauer mit diesem Ort des Schreckens und der „Endlösung der Judenfrage“ führten Hedwig und Rudolf Höß mit ihren vier Kindern ein unbeschwertes, komfortables Leben in der Dienstvilla des Kommandanten. Der gesamte Landkreis, in dem der KZ-Komplex lag, war eine schwer bewachte Sonderzone, „das Interessengebiet Auschwitz“. Diesen Namen greift der Film „The Zone of Interest“ aus dem Jahres 2024 auf. Er spürt dem Unvorstellbaren nach:

  • Wie Vater und Sohn Höß in den Wald ausritten,
  • wie die ganze Familie samt Kindermädchen im Sommer ein Picknick am Fluss macht,
  • wie Hedwig Höß Köchin, Zimmermädchen und Gärtner dirigierte,
  • wie glücklich sie über den neu angelegten Garten war, über die Rosen- und Fliederbüsche, ebenso über das Gemüse: „Schau mal, was ich hier geerntet habe, rote Beete und Kohlrabi,“
  • wie zum Geburtstag ihres Mannes groß eingeladen wurde.

Über Berufliches wurde nicht gesprochen. Eine völlig gewissenlose heile Welt inmitten der Todesroutine. Im Hintergrund mal laut, mal leise: Poltern, Schreie, Schüsse. Regelmäßig pfeifende Lokomotiven mit dröhnenden Waggons. Der Mutter von Frau Höß wird das unheimlich. Sie reist schweigend ab. Als Höß nach Oranienburg befördert wird, empört sich Hedwig. Dem neuen Kommandanten gegenüber stellt sie klar: „Das ist hier unser Heim“ und bleibt in der Villa wohnen. Höß freut sich „wie ein Schneekönig“, als er ihr 1944 seine Rückkehr mitteilen kann.

Am Bayerischen Platz

51 Jahre brauchte es, bis Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar als offiziellen „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ proklamieren konnte. Nach dem Krieg gab es keine Bereitschaft dazu. Alle wollten sich eine heile Welt schaffen, als wäre kein Unrecht geschehen. Nach und nach musste ans Licht gezogen werden, wie das jüdische Leben ab 1933 durch schikanöse Gesetze und Verordnungen eingeschnürt und abgewürgt wurde. Rings um den Bayerischen Platz wird auf Schildern an 80(!) gehässige Vorschriften erinnert. Hier lernt man, wie Nachbarn zu Fremden, Ausgestoßenen, Feinden entmenscht wurden.

Die Namen der Deportierten wurden dem Vergessen entrissen und vor ihren Häusern auf Stolpersteinen festgehalten. Ihre Schicksale sind in einer Lesehalle im Rathaus Schöneberg dokumentiert. Schüler der nahegelegenen Grundschule bauen an einer Erinnerungswand, jeder Ziegelstein trägt einen Namen. Wir wollen Nachbarn bleiben. Jüdisches Leben hat einen angestammten Platz bei uns und muss geschützt werden!

Seite an Seite mit Israel

Motor dieses Gedenkens war die christlich-jüdische Zusammenarbeit. Dazu gehört auch der heutige Israelsonntag. In dem 1999 eingeführten „Evangelischen Gottesdienstbuch“ bekam der 10. Sonntag nach Trinitatis diesen Namen. Er ist der bleibenden Nähe der Evangelischen Kirche Deutschlands zu Israel gewidmet. Als Schlusspunkt unter die verhängnisvolle Geschichte christlicher Judenfeindschaft.

Kronzeuge dafür ist kein geringerer als Paulus, der Völkerapostel. Unterwegs in der Welt predigte er in den Synagogen. Mit Erfolg, aber auch erbitterter Gegnerschaft wegen der Abwerbung von „Gottesfürchtigen“ (nichtjüdischen Gästen in der Synagoge). Diese wurde sowohl handgreiflich als auch vor den Statthaltern und in ihren Kerkern ausgetragen. Ihretwegen verbrachte er den Rest seines Lebens im Gefängnis – erst in Caesarea maritima, dann in Rom.

Bemerkenswerterweise verlor er trotz allem Gottes Zusage an Abraham nicht aus den Augen: „Dir und deinen Nachkommen will ich dieses Land geben.“ Als Abraham maulte: „Ich werde kinderlos sterben,“ verhieß ihm Gott: „Dein leiblicher Sohn wird dein Erbe sein.“ Dann führte er Abraham hinaus in die dunkle Nacht: „Betrachte den Himmel und zähle die Sterne… So zahlreich werden deine Nachkommen sein.“ (1. Mose 15,2.4f.)

In seinem letzten Brief geht Paulus darauf ein, dass Gott Israel nicht verdammt: „Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“(Röm 11,20) In heutiger Sprache: „Denn was Gott aus Gnade geschenkt hat, das nimmt er nicht zurück. Und wen er einmal berufen hat, der bleibt es.“ (Röm 11,29) Nachkommenschaft, Land, sicheres Leben dort – mit der Gründung des Staates israel hat diese Verheißung ein Gesicht bekommen. Arabische Christen bestreiten das.

Für die Beziehung zwischen dem alten Israel und der jungen christlichen Gemeinde verwendet Paulus ein Wort aus der Gärtnersprache: „Einpfropfen“. Gemeint ist das Einsetzen eines neuen Zweigs z. B. in einen Olivenbaum. Mit einem solchen Zweig vergleicht er die christliche Gemeinde: Man hat „dich als Zweig vom wilden Olivenbaum in den edlen Olivenbaum eingepfropft. Jetzt wirst du vom Saft aus seiner Wurzel miternährt.“

Das Christentum ist aus dem Judentum entstanden, Jesus war Jude. Wir haben Anteil am Segen Abrahams und am geistichen Erbe Israels. Mit der Warnung vor Überheblicheit: „Aber meine nicht, dass du den anderen Zweigen überlegen bist!…Denke daran: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!“(Röm 11,18)

Tagebuch aus Tel Aviv

In diesen Tagen ohne Überheblichkeit an der Seite Israels zu stehen, ist mühsam. Geholfen hat mir das Tagebuch der auch in Deutschland bekannten Schriftstellerin Lizzi Doron (geb. 1953) aus Tel Aviv, geschrieben „ohne Häme und Hass, die Augen voller Tränen“.

Am 7. Oktober 2023 um 7:29 Uhr reißt ihr Mann sie aus dem Schlaf: „Wach auf! Wach auf!“ „Bin noch müde.“ „Wach auf. Die Sirenen heulen! Wir müssen in den Schutzraum.“ Sie wohnen in einem Appartementturm im Herzen von Tel Aviv. Der Schutzraum befindet sich am Ende des Flurs. Stunde um Stunde schauen sie dort gebannt in den kleinen Not-Fernseher. Er bringt verstörende Bilder und Berichte live aus den völlig überrumpelten Kibuzzim. Alle sind durcheinander. Chaos und Panik. Angst vor dem, was sich da zusammenbraut.

Hinzu kommt die tiefe Sorge um Verwandte und Bekannte. Zuerst meldet sich aufgewühlt Ella, eine gute Freudin. „Eben war mein Neffe am Telefon, der kleine Michael (10), aus dem Kibbuz Kfar Aza. Er schluchzte, war kaum zu verstehen: „Es ist ganz schlimm hier. Vater und Mutter sind tot, erschossen.“ Ihm und seiner älteren Schwester gelang es, sich in einem Schrank zu verstecken, als alles auf den Kopf gestellt wurde. Die Jüngste ging verloren. Sie wird vermisst. – Am 7. Oktober erfolgte der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Israels.

„Wir spielen Alltag“, heißt Lizzi Dorons Buch, denn nichts ist seitdem mehr wie es war. Es gibt keine Ruhe, überall gespannte Aufmerksamkeit. Man kann den Krieg nicht abschütteln. Die Sirenen des Luftalarms unterbrechen, was man gerade tut. Es folgt die Ansage im Handy: „Raketenangriff auf Israel. Suchen sie einen Schutzraum auf!“ Wer keinen hat, muss sich platt auf die Straße legen mit Händen über dem Kopf. Explosionen der Luftabwehr knallen am Himmel. Ernsthaft bedrohlich waren die iranischen Raketen. Sie konnten das Schutzsystem durchbrechen.

Zwei Passagen des Buches sind nach der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem („Denkmal und Name“ nach Jes 56,6) benannt. Dort gibt es eine Halle der Namen der Opfer. Yad Vashem 2 ist ein Gedenkplatz in Tel Aviv.

Yad Vashem 2.0: Lizzi wird gebeten, sich daran zu beteiligen, Nachrufe für die Opfer des Überfalls zu verfassen. Zunächst muss recherchiert werden, um wen es sich handelt. Mitunter gaben Hinterbliebene Auskunft. Kaum ertragen konnte sie die Beschäftigung mit der jungen Maya Polo (19), die ihren Wehrdienst an der Grenze leistete, als der Durchbruch stattfand. Als sie 40 Nachrufe abgefasst hatte, überkam sie eine schwere Depression. Drei Tage lang flossen die Tränen. Als das überstanden war, widmete sie sich sich ihrem Tagebuch „ohne die Ruhe, die es braucht, zu schreiben“ und demonstrierte samstags mit für die Freilassung der Geiseln und die Beendigung des Kriegs.

Yad Vashem schalom: Hier erzählt sie von den erschütternden E-Mails, die ihr Sohn in Berlin von Freunden aus Gaza erhielt: A. L., ein Medizinstudent, der im Shifa-Krankenhaus aushalf, erfuhr aus einem anderen Krankenhaus: „Deine Mutter wurde eben bei uns eingeliefert. Alle anderen sind tot, dein Vater, dein Bruder mit Frau und Tochter, deine Großmutter, deine Onkel mit ihren Familien.“ – In Gaza tobt der verheerendste Krieg in der Geschichte der Palästinenser. Auch hier wird es einmal einen Platz für die Opfer geben .

Ich komme zum Schluss

„Ich wollte, dass man sieht, wohin grausamer Hass führt, Siegesträume, wahnhafte Politiker und messianische Fantasten,“ das hatte Lizzi Doron sich vorgenommen. Ohne Überheblichkeit an der Seite Israels zu stehen, heißt für mich, mit Lizzi Doron um alle Opfer zu trauern. Auf den Protesten für den Frieden las sie oft das folgende Gedicht:

Der Krieg wird enden.
Die Führer werden sich die Hände reichen.
Diese alte Frau wird weiter auf ihren getöteten Sohn warten.
Dieses Mädchen wird auf ihren geliebten Mann warten.
Und diese Kinder werden auf ihren heldenhaften Vater warten.
Ich weiß nicht, wer unser Heimatland verkauft hat.
Aber ich habe gesehen, wer den Preis dafür bezahlt hat.
(Mahmud Darwisch, gest. 2008)

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