Das vierte Jahrhundert wurde zur entscheidenden Periode für die Entwicklung der christlichen Lehre von Gott. Am Anfang stand das Konzil von Nizäa. Wie kam es dazu? Was folgte daraus? Hier die drei wichtigsten Punkte aus der Kirchengeschichte und eine kurze Schlussbetrachtung. Wir werden sehen, welche große Bedeutung das Glaubensbekenntnis von Nicäa-Konstantinopel (EG 805) für die christliche Gotteslehre hat.
Kirchenangelegenheiten wurden zu Staatsangelegenheiten
Im Jahr 324 nach seinem Herrschaftsantritt auch über die östliche, griechischsprachige Reichshälfte wandte sich Konstantin der Große (geb. 270 oder 288, gest. 337), der erste Christ auf dem Kaiserthron, mit einem Brief an die beiden ungleichen Kontrahenten eines länger wuchernden Kirchenstreits, den Bischof von Alexandrien und den einfachen Priester Arius:
„Gebt mit die heiteren Tage und sorglosen Nächte wieder, dass auch für mich die Freude an der Reinheit des Lichts und das Glück eines ruhigen Lebens erhalten bleibt. Sonst müsste ich klagen und vor Weinen ganz vergehen und meine Lebenszeit in Bitternis verbringen. Denn wenn das Volk Gottes…durch so ungerechten und schädlichen Streit gespalten ist, wie kann ich da noch in Zukunft die Ruhe meines Herzens bewahren?“
Die persönlichen Worte des Kaisers verfehlten ihre Wirkung. Arius war nicht bereit, sich zu unterwerfen. Aus heutiger Sicht war er kein Kirchenspalter. Eher der Katalysator eines tiefgreifenden Unterschieds im Verständnis von Gott und seiner Beziehung zur Welt, das auch seinen Tod im Jahre 336 überdauerte und bis heute fortbesteht.
Die Einmütigkeit der Gottesverehrung zu wahren, oblag der Verantwortung des römischen Kaisers. War sie doch Grundlage für das Wohlergehen des Reiches! In dieser römischen Tradition als pontifex maximus berief Konstantin umgehend ein Reichskonzil nach Nicäa ein, heute Iznik 140 km südöstlich von Istanbul gelegen.
Damit beginnt die Ära der ökumenischen Konzile. Die Orthodoxie zählt sieben bis zum Jahr 787 (Nizäa II), die katholische Kirche 21 bis zum zweiten Vaticanum 1965. Aus diesem Anlass werden sich dort Patriarch Batholomaios und Papst Leo XIV treffen.
Da Konstantin die Reisekosten pro Bischof samt fünf Begleitern, je zwei Priestern und drei Diakonen, großzügig übernahm, kamen 300 Bischöfe zusammen, eine stattliche Teilnehmerzahl. In Nicäa gab es reichlich Tempel (wir sind noch in der Antike!), aber noch keine Kirche. So tagte man in einer Halle im Palast des Kaisers. Er saß auf einem goldenen Sessel dabei und bestätigte die Beschlüsse, berichtet der Chronist Eusebius von Caesarea in seinem Werk „Das Leben Konstantins“. Kirchenangelegenheiten waren zu Staatsanglegenheiten geworden. Das „konstantinischen Zeitalter“ hatte begonnen.
Wer von Jesus Christus reden will, muss stets von Gott reden
ein brillantes Christusbekenntnis
Das Synodalbekenntnis von Nizäa schmiegte sich an den urchristlichen Lobpreis an: Jesus sei „Gott gleich““ (Phil 2,6), „Gottes Ebenbild“ (Kol 1,15) und „Gott war das Wort“ (Joh 1,1). Seine zentralen Sätze lauten: Jesus Christus ist:
- „wahrer Gott vom wahren Gott“, Jesus verkündete nicht nur das Reich Gottes, er war das Reich Gottes in Person und besiegte den Tod,
- „gezeugt, nicht geschaffen“, Jesus war einer von uns, aber kein Geschöpf wie wir,
- „eines Wesens mit dem Vater“ er ist derselbe Gott wie der Vater, nicht nur irgendwie von Gottes Art, derselbe nicht der gleiche. In heutiger Sprache: Es gibt keinen Gott hinter dem Rücken von Jesus Christus.
Da weder dieses Bekenntnis noch die Verurteilung des Arius zu dem gewünschten Religionsfrieden führten, vollzog Konstantin unter dem Einfluß seiner Hofbischöfe eine Kehrtwende. Er nahm Arius wieder in die Kirche auf und drängte beide Seiten zu einer Verständigung. Das führte zu einem 60 Jahre währenden erbitterten Ringen, in das sich auch die jeweiligen Kaiser einschalteten.
60 Jahre Für und Wider
Eine breite Ablehnung erwuchs dem Christustbekenntnis von Nizäa aus der Philosophie. Ihr zufolge war Gott im Gegensatz zur sichbaren oder unsichtbaren Welt: einfach, ewig, unkörperlich und unveränderlich. Er kann sich nicht teilen, nicht etwas von sich abgeben oder „zeugen“. Denselben Gott gibt es nur einmal.
In dem Glaubensbekenntis des Arius und seiner Mitstreiter aus dem Jahr 320 hieß es unter anderem:
„Wir kennen nur einen Gott, den allein ungewordenen, den allein ewigen, allein ursprungslosen, allein wahren, unwandelbar und unveränderlich.“
Vor diesem Hintergrund war lediglich eine lockere Bindung Jesu an Gott denkbar. Er sei „ähnlichen Wesens“ oder auch nur „ähnlich“ wie Gott – ein besonderes, vollkommenes Geschöpf, vielleicht auch eine Art Engel oder Zwischenwesen. (Man ging von einer sichtbaren und einer unsichtbaren Welt aus.) Nur nicht wahrer Gott vom wahren Gott, auch nicht eines Wesens mit dem Vater. Gott selbst bleibt hinter Jesus oder über ihm verborgen.
Die blasse Formulierung „Jesus ist ähnlich wie Gott“ erhob der „ariansche“ gesinnte Kaiser Constantius II. zum Reichdogma. Es galt von 359-379. In dieser Zeit zog Wulfila (311-383) zu den Goten und Wandalen, die im fünften Jahrhundert Italien und Nordafrika beherrschen sollten, und bekehrte sie zu arianischen Christen.
Für das Christusbekenntnis von Nizäa kämpfte Athanasius, der neue Bischof von Alexandrien in Verbindung mit den Bischöfen von Rom. Basilius von Caesarea, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz, aus Kappadozien, verschafften ihm neues Ansehen. Sie fanden ein Antwort darauf, wie Vater und Sohn derselbe Gott sein können, ohne zu verschmelzen. Außerdem bezogen sie den Heiligen Geist ein: aus christlicher Sicht ist Gott eine Heilige Dreifaltigkeit aus Vater, Sohn und Heiligem Geist.
Wer von Gott reden will, muss stets von Jesus Christus reden
„Lasst uns glauben an die eine Gottheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes in gleicher Majestät und in einer Heiligen Dreifaltigkeit.“
Mit diesen Worten wandte sich im Jahre 384 Kaiser Theodosius, der letzte Herrscher über das ganze Reich, Westrom und Ostrom, an seine Völker. Ein Jahr später berief er das zweite ökumenische Konzil nach Konstantinopel ein. Das dort beschlossene Tauf- und Glaubensbekenntnis (EG 805) beginnt mit den Worten: „Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen“. Der eine Gott wird als Vater bestimmt!
Das ist ein starkes Signal gegen die Philosophie, die einen anderen Weg beschreitet, um „Gott“ zu bestimmen. Ein Vater ist eine Bezugsperson, er heißt „Vater“, weil er n i c h t a l l e i n ist, wie Arius sich das vorstellte, sondern Kinder hat und für sie sorgt. In diesem Sinne ist der eine Gott nicht einsam und unveränderlich, er kann sich teilen etwas von sich abgeben. Er zeugt den Sohn und haucht den Heiligen Geist, heißt es im Großen Glaubenbekenntnis.
Der eine Gott lebt in einer personalen Gemeinschaft mit dem Sohn und dem Heiligen Geist bereits vor Erschaffung der Welt. Bevor die Philosophie tätig werden kann. Für das Große Glaubensbekenntnis besteht in Gott eine Binnendifferenzierung, die seine Einheit nicht bricht. Sie gestattet, dass jede der drei göttlichen Personen dieselbe eine göttliche Wesenheit besitzt.
Deshalb war es in Konstantinopel 385 möglich, die drei zentralen Sätze aus Nicäa zu übernehmen. Jesus Christus ist wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschafften, eines Wesens mit dem Vater. Die Christusbekenntnis von Nizäa wurde zum Anstoß, den Gott Jesu Christi in sich dreifaltig zu denken. Es gibt keinen Gott im Rücken von Jesus Christus, denn er ist einer aus der Heiligen Dreifaltigkeit. Wer von Jesus Christus reden will, muss stets von Gott reden; wer von Gott reden will muss stets von Jesus Christus reden.
Ich komme zum Schluss
Was bedeutet das für unseren Glauben?
Dazu ein Beispiel: Wenn wir beten:“Vater unser im Himmel“, ist nicht eine fromme Redensart, mit dem wir „den Einen“, „den Ewigen“ oder „den Lebendigen“ anreden. Das wäre ein unpersönlicher Gott hinter dem Rücken von Jesus Christus, von dem wir nicht wissen können, wie er zu uns steht. Genau darum ging es ja im Streit mit den Arianern. Ihr Gottesbild stimmte nicht mit dem biblischen Gottesbild überein. Die biblischen Aussagen über Gott hatten für sie rein poetischen Charakter.
Der eine Gott im Großen Glaubensbekenntnis ist seinem Wesen nach ein liebevoller Vater des Sohnes und des Heiligen Geistes. Er ist uns Menschen in unvorstellbarer Weise zugewandt. Er sandte seinen Sohn, um das Böse aus der Welt zu schaffen, dann sandte er den Heiligen Geist, den Tröster, um uns nahe zu sein, uns beizustehen und uns in alle Wahrheit zu leiten. Der dreifaltige Gott kann und will sich mit uns in Verbindung setzen, ohne dabei aufzuhören, Gott zu sein. Das ist die Grundlage unseres Glaubens.

