Vorsicht: Doppelmoral!

14) „Meine Brüder und Schwestern! Was nützt es, wenn jemand behauptet zu glauben, sich der Glaube aber nicht in Taten zeigt? Kann ihn dann der Glaube retten? 15) Stellt euch vor, ein Bruder oder eine Schwester hat nichts anzuziehen. Es fehlt ihnen sogar das tägliche Brot. 16) Nun sagt einer von euch zu ihnen: ‚Geht in Frieden, ihr sollt es warm haben und euch satt essen.‘ Ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen. – Was nützt das? (Jak 2,14-16 BasisBibel)

Jakobus, der Bruder Jesu, leitete 20 Jahre lang die Gemeinde in Jerusalem. Als Stadt des Todes und der Auferstehung Jesu Christi war sie bis zum Jahr 66 das Rom der frühen Christenheit. Die anderen Gemeinden erwiesen ihr Respekt mit einer Geldsammlung. Wir hören heute einen Abschnitt aus einer Lehrschrift, die im Namen des Jakobus und unter seiner Autorität an das ganze Volk Gottes gerichtet ist. Sie legt den Finger in eine Wunde, die bis heute in der Kirche schwärt, die Doppelmoral: „Ein Glaube, der sich nicht in Taten zeigt, ist nutzlos!“ (Jak 2,20). Ebenso wie die Verabschiedung von Notleidenden nach dem Gottesdienst mit dem frommen Wunsch: „Geht hin in Frieden, wärmt euch, sättigt euch.“ Wovon denn?

Modern gesprochen: Die Wahrheit des Glaubens ist konkret. Jeden Tag erweist sich neu, wovon ich mich leiten lasse, was mein Leben bestimmt – eben wie mein mindset eingestellt ist.

Herr, weise mir deinen Weg

Ich habe Psalm 27 lieb gewonnen. Er kam in der Bibellese im Juni an die Reihe. Über drei Verse habe ich seither immer wieder in meiner Andacht meditiert. Zur Zeit des Jakobus hatten alle die Psalmen verinnerlicht. „Ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.“ (Jak 5,13) Meiner Ansicht nach ist diese Psalmenfrömmigkeit der Schlüssel für die Warnung vor der Doppelmoral, die wir eben hörten.

Ich empfehle folgende Verse aus Psalm 27:

Vers 1: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?“ (Luther-Übersetzung) – Diese Worte umschließen mich wie ein warmer Mantel. Sie hüllen mich ein. Ein Wohlfühlmoment. Es scheint auf, welche Rolle Gott in meinem Leben spielt. Er ist Licht im Dunkel und Kraft bei Schwäche. Ich brauche mich nicht zu fürchten. Er schließt mich in seine Arme.

Vers 9: „Du bist meine Hilfe; verlass mich nicht.“ Hier ist meine Anlaufstelle, wenn ich etwas verpatzt habe und bei Kummer, Angst und Sorgen. In jedem Lebensalter kann sich täglich das Blatt wenden. Seien wir froh, wenn alles gut läuft. Mit über 75 lebt man auf der Kippe: Ein Schlaganfall macht aus einem rüstigen Ruheständler einen hilfsbedürtigen Greis. Etlichen ist es so ergangen, wie wir alle wissen. Wann sind wir selbst an der Reihe?

„Tu die Hand nicht ab von mir, du Gott meines Heils,“ so geht der Vers weiter. In schweren Zeiten, als ich einen ernstlich Erkrankten regelmäßig besuchte, wurde er zu meiner persönlichen Fürbitte: „Tu die Hand nicht von unserem lieben Kranken ab, du Gott unseres Heils!“

Vers 11: „Herr, weise mir deinen Weg und leite mich auf ebener Bahn.“ Mit diesen Worten öffne ich mich für das, was Gott von mir möchte. Wer Psalmen betet, tut das nicht als Monolog, sondern im Dialog. Er rechnet damit, dass Gott ihn zu Taten ermutigt und Entscheidungen fordert. Stichwort dafür ist „der Weg“. Es kommt häufig vor. Denken wir an: „Weise mir. Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit.“(Ps 86,11) Beten und Tun bilden eine Einheit. Der lebendige Gott, zu dem wir beten, hat auch einen lebendigen Willen. An ihn kann man nicht bloß theoretisch glauben, an ihn glauben bedeutet: Mit ihm auf dem Weg sein.

Dieser Praxisbezug, der in den Psalmen besteht, trägt die Ansagen des Jakobus: „Was nützt es, wenn jemand b e h a u p t e t zu glauben, sich der Glaube aber nicht in Taten zeigt?“ Oder auch: „Hört das Wort aber nicht nur, sondern setzt es auch in die Tat um.“ (Jak 1,22) Wichtiger als glelehrtes Wissen über Gott ist das Leben mit ihm: „Wer unter euch ist weise und klug? Der soll es durch seinen guten Lebenswandel zeigen und in weiser Bescheidenheit handeln,“ (Jak 3,13) mahnt Jakobus. Der Pfarrer sollte nicht den dicksten Bauch und das teuerste Auto in der Straße haben.

Jesus sprach einmal über Menschen, die ihn auffallend überhöflich, irgendwie eilfertig grüßten: Nicht jeder, der zu mir sagt: ‚Herr, Herr‘, wird in das Himmelreich kommen, sondern diejenigen, die den Willen meines Vaters im Himmel tun. (Mt 7,22)

Gottes persönliche Führung erkennt man manchmal erst im Rückblick. In meinem Falle, dass ich meine liebe Frau kennengelernt habe und wir all die Jahre fröhlich zusammengeblieben sind und dass ich an die Kirche Zum Heilsbronnen berufen wurde, die ich so liebe, und in der ich bis heute predigen darf. Die persönlichen Lebenswege der einzelnen münden ein in die große Richtung, die Gott allen Christinnen und Christen vorgibt: Seinem Reich den Weg zu bereiten. „Füreinander da sein!“ und „Fremde anständig behandeln!“, steuert Jakobus aus seiner Menschenkenntnis dazu bei.

Füreinander da sein

Mit unserer Zunge loben wir den Herrn und Vater am Sonntag im Gottesdienst. Mit ihr schnauzen wir in der Woche immer wieder Menschen an, die nach dem Bild Gottes geschaffen wurden. Aus ein und demselben Mund kommen Segen und Fluch. Das darf so nicht sein. (Nach Jak 3,9f)

Gott loben – Menschen runtermachen, Gott lieben – Menschen mißbrauchen. Wie passt das zusammen? Kann man da noch von „Glauben“ sprechen? – Von all unseren Körperteilen ist die Zunge am gefährlichsten. Sie verletzt und steht für alle möglichen Gemeinheiten. Wie ein winziges Feuer vermag sie einen ganzen Wald in Brand zu setzten. Jakobus macht einige Vorschläge, wie man sie zähmen kann. Modern gesagt: Ratschläge zur Gesprächsführung:

„Jeder Mensch soll schnell bereit sein zuzuhören.“(Jak 1,19) „Hast du mal einen Moment?“ Bitte antworte prompt und entgegenkommend: „Ja!“ und nicht abweisend: „Nachher!“ oder gar: „Du schon wieder?“ So merkt der andere, dass er ernstgenommen wird. Andere Angelegenheiten werden ihm nicht vorgezogen. Er kommt gleich zu Wort.

„Aber er soll sich Zeit lassen, bevor er selbst etwas sagt oder gar in Zorn gerät.“(Jak 1,19) Auf der Stelle zuhören, ganz Ohr sein. Erst, wenn sich alles gesetzt hat, mit Bedacht antworten. Nicht wie aus der Pistole geschossen. Erst einmal das Gehörte wirken lassen. Nur wer zuhören kann, bekommt mit, worum es geht. Vorsicht, wenn Zorn anschwillt. Dazu der nächste Vers.

Die Weisheit, die von Gott kommt, ist bereit, sich etwas sagen zu lassen. (Nach Jak 3,17) Was der andere auf dem Herzen hat, kann ja eine Beschwerde oder auch Kritik sein. Bin ich bereit, mit etwas sagen zu lassen oder mache ich dicht? Kann ich sanftmütig bleiben?

Fremde anständig behandeln!

Zwei Männer erscheinen zum ersten Mal in der Hausgemeinde. Sie werden unterschiedlich behandelt. „Kommen Sie bitte ganz nach vorne. Dort ist noch ein Platz frei,“ wird der Erste begrüßt. „Stell Dich nach hinten, es ist heute sehr voll,“ wird der Zweite angeherrscht. Grund dafür ist ihr Äußeres: Der Erste gut gekleidet, wirkte wohlhabend. Der Zweite in abgetragenen Klamotten, verschmutzt, kam wohl gerade von der Arbeit. Vermutlich ein Sklave. Die Gemeinde kam abends zusammen, der Sonntag war noch kein Feiertag.

Jakobus mahnt: „Meine Brüder und Schwestern! Ihr glaubt doch an unseren Herrn Jesus Christus, der in der Herrlichkeit regiert. Dann beurteilt andere nicht nach ihrem Ansehen.“ (Jak 2,1) Legt nicht unterschiedliche Maßstäbe an, seid Fremden gegenüber unparteiisch und aufrichtig. Christi Liebe gilt Arm und Reich ohne Ansehen der Person. Er taxiert uns nicht nach unserem Bankkonto. Für ihn gibt es keine Menschen zweiter Klasse. Das sollte auch für uns gelten.

Die jungen Gemeinden bemühten sich um Geschwisterlichkeit. Damit waren sie ihrer Zeit weit voraus. Die Gesellschaft, in der sie lebten, tickte anders. Es gab eine feste Hackordnung vom Kaiser über der römischen Bürger, die Bürger in den Provinzen bis hinab zu letzten Sklaven. Die Verhältnisse haben sich grundlegend geändert. In unserem Grundgesetz steht: „Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen oder seiner Behinderung benachteiligt oder bevorzugt werden.“ (GG Art 3 Abs 3) Leider passiert es trotzdem, wie Betroffene klagen. Es gehört aber nicht auf den Weg, den Gott mit uns gehen will!

Zum Abschluss ein Gebet

Verleihe uns, o Herr,
dass die Ohren, die deinen Lobpreis gehört haben, verschlossen seien für die Stimme des Streits und des Unfriedens;
dass die Augen, die deine große Liebe gesehen haben, auch deine selige Hoffnung schauen;
dass die Zungen, die dein Lob gesungen haben, hinfort die Wahrheit bezeugen;
dass die Füße, die in deinen Vorhöfen gestanden haben, hinfort gehen auf den Wegen des Lichtes;
und dass die Leiber, die an deinem lebendigen Leibe Anteil gehabt haben, in einem neuen Leben wandeln.
Dir sei Dank für deine unaussprechliche Gabe. (EG 77)

Entdecke mehr von Licht für die Welt

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen