Gott sandte seinen Sohn

4) Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, 5) auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen. 6) Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in eure Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! (Gal 4,4-6)

Weihnachten 2025 erhalten wir Rückenwind aus der Philosophie und Gegenwind aus der Theologie. Verkehrte Welt!

Rückenwind

Im Oktober verbreitete sich eine kleine Nachricht von einem großen Philosophen. Jürgen Habermas (96) hatte für die Festschrift zum 65. Geburtstag seines einstigen Doktoranden Thomas M. Schmidt, heute katholischer Religionsphilosoph, einen kurzen gesalzenen Beitrag verfasst. Aufhorchen ließ der Vorschlag:

Glaube und philosophisches Wissen können beide für ein Lernen voneinander offenbleiben.

Bisher galt sein „Übersetzungsgebot“: Öffentliche Wortmeldungen der Kirche sollten in weltlicher Sprache erfolgen. Wer am öffentlichen Diskurs teilnehmen will, hat rational zu argumentieren und sollte sich nicht auf den Glauben stützen.

Neuerdings sorgt sich Habermas, dass dadurch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Er erkennt in der religiösen Sprache einen nicht übersetzbaren Rest, der bei der Übersetzung ins weltliche Denken verloren geht. Eine Einstellung, die innerhalb unserer Erfahrungen verbleibt, verliert den Glauben an den befreienden Erlöser aus dem Blick. Nach umfangreichen Studien zur Geschichte der Philosohie wünscht er nun eine Koexistenz von Philosophie und Theologie. Er moniert die Ansicht seines einstigen Doktoranden und gegenwärtige Veröffentlichungen, die davon ausgehen, es könne einen ernstzunehmenden Glauben auch ohne Vorstellung von persönlicher Erlösung und ein Leben nach dem Tod geben.

Gegenwind

Ebenfalls im Oktober diesen Jahres wurde der Titel: „Christsein im Wandel“ angezeigt. Der Verfasser, ein Professor für praktische Theologie, verzichtet ausrücklich darauf, Jesus als „Gottes Sohn“ zu bezeichnen. Auch das apostolische Glaubensbekenntnis mit seinem ausführlichen Mittelteil über Jesus Christus sollte nicht mehr im Gottesdienst verwendet werden. Jesus war für ihn ein Wanderprediger und Weisheitslehrer schlicht und ergreifend vergleichbar mit Mohammed und Gautama Buddha. Der Theologe möchte so Menschen erreichen, die nicht gläubig sind. Dafür verabschiedet er sich vom weihnachtlichen Glauben an den befreienden Erlöser. Übrig bleibt: „Wenn ein Kind ins Haus kommt, wird alles anders.“

Ein Gott: Vater und Sohn

Paulus kennt Jesus aussschließlich als Gottes Sohn! Wie viele Christinnen und Christen in aller Welt lebt er in der Gewissheit seiner Gegenwart. Das spürt man an dem von ihm verfassten Segenswunsch, den er in seinen Briefen verwendet:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. (Gal 1,3)

Gnade und Friede kommen ebenso von Jesus Christus wie von Gott, dem Vater. Der eine Gott Israels existiert in der Zweiheit von Vater und Sohn. Sie leben und wirken gemeinsam. Das gilt insbesondere für die Schöpfung:

  • „Nur einer ist Gott – der Vater. Alles hat in ihm seinen Ursprung, und er ist das Ziel unseres Lebens.
  • Und nur einer ist der Herr: Jesus Christus. Alles ist durch ihn entstanden, und durch ihn haben wir das Leben.“ (1. Kor 8,6 BasisBibel)

Wenn man einen Fisch verspeist, trennt man zuerst den Kopf ab. Nicht so bei Jesus. Seine Gottessohnschaft ist der Dreh- und Angelpunkt unserer Erlösung. Paulus bringt das auf den Punkt:

Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich war, wurde er arm, um euretwillen, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet. (2. Kor 8,9)

Jesus tauscht seinen Reichtum gegen unsere Armut ein. Dadurch ermöglich er uns den Wechsel aus unserer Armut in seinen Reichtum. In diesem Tausch: „der Herr wird ein Knecht“ und Wechsel: „der Knecht wird dadurch ein Herr“ liegt seine zeitenwendende Kraft. Dieser Gedanke des Paulus erklingt in unseren Weihnachtsliedern:

  • Bei Martin Luther: „Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm und in dem Himmel mach reich und seinen lieben Engeln gleich.“ (EG 23,6)
  • Bei Nikolaus Hermann: „Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein! Wie könnt es doch sein freundlicher, das herze Jesulein, das herze Jesulein!“ (EG 27,5)
  • Bei Paul Gerhardt: „Heut geht aus seiner Kammer Gottes Held, der die Welt reißt aus allem Jammer. Gott wird Mensch dir, Mensch, zugute, Gottes Kind, das verbindt sich mit unserm Blute.“ (EG 36,2)

Auf diesem Weg in die Armut ist Christus voller Mitgefühl und beschenkt uns mit Vergebung und Geborgenheit in einer undurchschaubaren Welt. Wir buchstabieren nach, was Paulus schreibt.

Mitgefühl

„Als aber die Zeit erfüllt war,“ was mit Abraham begonnen hat, kommt an dem Tag an sein Ziel, als Gabriel, der Engel Gottes, einer jungen Frau mit der Botschaft erschien:“Fürchte dich nicht Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben.“ (Lk 1,30f) Die von Gott bestimmte Zeit ist da.

Jesus kommt auf natürlichem Wege zur Welt. Er platzt nicht herein wie ein Alien, fix und fertig, sofort einsatzbereit. Er wird von seiner Mutter geboren, die ihn vom Heiligen Geist empfangen hat. Im „Stundenbuch der webenden Muttergottes“ (Frankreich um 1450) wird Maria am Webstuhl sitzend dargestellt. Aus göttlichem und menschlichem Garn entsteht Jesus. Er gehört in gleicher Weise zur himmlischen und zur irdischen Welt.

Jesus wird „unter das Gesetz getan,“ er wird erzogen und muss gehorchen. Er lernt die Religion seiner Eltern, die Gesetze seines Volkes und das Handwerk seines von Josef.

79 nach Christus wurde Pompeji vom Versuv verschüttet und blieb dadurch als Ruinenstadt erhalten. Ein exklusiver Ort. Auf vielen Gabentischen liegt in diesem Jahr ein SPIEGEL-Bestseller über die neuesten Funde im archäologischen Park mit dem Titel „Pompejis letzter Sommer. Als die Götter die Welt verließen“.

Gemälde von Diana, der Göttin der Jagd, Dionysos, dem Gott des Weins, und den Mysterien zierten noch die Villen der Reichen. Als Dekoration. Die Alltagsweilt der kleinen Leute und Sklaven hatten sie längst verlassen. In ihrer Habe erinnerte nichts mehr an sie. Die Zeit einer neuen, menschenfreundlichen Religion war angebrochen…

Bei den Christen wurde ein anderer Ton angeschlagen. Sie erzählten von Jesus, der durch das Land wanderte und das Leben der einfachen Leute teilte. Er hatte einen Blick für die Sorgen und Nöte und bot Hilfe an: „Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Ich will euch Ruhe schenken.“ (Mt 11,28 BasisBibel)

Vergebung

Christus wurde unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte. Der tiefste Punkt im Leben Jesu, das Kreuz, wird für seine Gemeinde zum kostbarsten Moment überhaupt.

Bei einem Porträtfoto können wir selbst arrangieren, wie wir gesehen werden wollen. Meistens wird die linke Gesichtshälfte bevorzugt. Sie gilt als die Scholkoladenseite. Wilde Schnappschüsse, wie sie zu Weihnachten gemacht werden, zeigen das ganze Bild, wie starr wir oft gucken, machmal richtig böse oder einfach nur doof.

Auch unser Charakter besteht nicht nur aus Schokolade: „Diese 16 Fragen zeigen Ihnen, wie böse sie sind,“ ein solcher Test erschien neulich in einer Illustrierten. Zur Erkundung unserer dunklen Wesenszüge, wie wir andere verletzen mit Nadelstichen oder Paukenschlägen. Ein Arbeitszweig der Psychologie spürt diesem sogenannten „dark factor“ nach, der zum Gesamtbild unserer Persönlichkeit gehört.

Wir spüren selbst, was schief gelaufen ist, und was wir falsch gemacht haben. Uns quält, wo wir versäumt haben, zu helfen. Was wir Böses getan haben, belastst uns. – Gott lässt uns mit unseren Gewissensbissen nicht allein. Er weist uns an das Kreuz Christ: „Heftet alles, was euch bedrückt, hier an. Ihr könnt es abgeben!“

Christus hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. (Kol 2,14)

Zu Weihnachten singen wir davon: „Christ ist erschienen, uns zu versühnen“. (EG 44,2)

Geborgenheit

An einem Mittwoch im Oktober stand eine Operation in meinem Kalender, Stirn- und Kiefernhöhlen. Geschäftsmäßig packte ich morgens meine Reisetsche, fuhr in die Klinik und beantwortete dort zweimal einen Fragebogen (bei der Aufnahme ins Haus und bei der Aufnahme in die Station), den ich schon bei einem Vorgespräch beantworten musste.

Kaum im Zimmer angekommen, wurde es ernst: „Es ist so weit. Legen Sie sich bitte auf diese Liege.“ Dort heißt es: „Ach nein, diese Liege hier ist besser!“ Die Zimmertür ging weit auf. Ich wurde durch den Gang geschoben. Im ersten Vorraum wurde ich verpackt. „Bitte wechseln Sie dazu auf diese Operationsliege. Da sind ihre Füße in einem Fußbett untergebracht.“ „Kann ich noch einmal austreten?“ „Ist nicht möglich,“ der Pfleger war streng. Im nächsten Zimmer – die Anästhesie. Eine freundliche Ärztin. Dennoch beunruhigte mich die Information aus dem Vorgspräch:“Sie hören dann auf, zu atmen. Wir beatmen Sie.“

Mir wurde mulmig. Mit jeder Minute wuchs der Abstand zwischen mir und der Umgebung. Ich konnte nicht locker bleiben, fühlte mich bedroht, ausgeliefert, ganz auf mich gestellt. Ich wollte nicht angesprochen werden, kein Schwätzchen halten. So oft wie möglich, schloss ich die Augen und atmete tief durch. Ein kurzes Gebet wurde mein Bollwerk: „Dir uns lassen ganz und gar.“ Dabei fühlte ich mich geborgen, beschützt, zu Hause. Ein kleines Häufchen Elend im Arm des himmlischen Vaters.

Vielleicht meint das Paulus? Wenn er schreibt: „Weil ihr nun (seine) Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsere Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater!“

Ich komme zum Schluss

Wie können wir Erwachsenen uns den Zauber von Weihnachten bewahren? Welche Freude hält das Fest für uns noch bereit? Wir haben es schon so oft erlebt. – Es ist die vertrauensvolle Anrede Gottes mit „Vater“. Mit ihr zieht Gottes Geist in unser unruhiges Herz ein und bringt Ruhe und Frieden. Geborgenheit in einer undurchschaubaren Welt. Auch wenn niemand, den wir liebhaben, bei uns ist. „Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf.“(Ps 27,20)

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