57) Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58) Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. 59) Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60) Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! 61) Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. 62) Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (Lk 9,57-62)
Armer Wilmer
Am 24. Februar bekam die Deutsche Bischofskonferenz einen neuen Vorsitzenden. Es wurde Heiner Wilmer, der Bischof von Hildesheim. Der Reutlinger Generalanzeiger kommentierte die Wahl: „Die Einheit der katholischen Kirche zu bewahren und gleichzeitig die Reformer zufriedenzustellen kommt der berühmten Quadratur des Kreises gleich.“ In der Art haben viele Zeitungen geschrieben. Doch dann kam der Satz, der mir auffiel: „Der Gott, der Wilmer diese Aufgabe gestellt hat, kann es nicht nett mir ihm gemeint haben.“ ‚Gott hat es nicht nett mit ihm gemeint‘, was für eine ungewöhnliche Formulierung! Der Reutlinger Generalanzeiger wusste offenbar, dass Wilmer ein Buch mit dem Titel „Gott ist nicht nett. Ein Priester auf der Suche nach Sinn“ geschrieben hat.
Mit zwei Klicks hatte ich das Buch auf meinem Tablet. Warum es mich interessierte, werden wir gleich sehen.
Ein Ordenschrist
Heiner Wilmer erzählt darin auch aus seinem Leben. Er kommt aus Schapen im Emsland, Jahrgang 1961 und wuchs auf einem Bauernhof in einer frommen Familie auf. Die Mutter betete mit den Kindern, der Großvater nahm ihn sonntags mit in die Messe. Er erklärte ihm, wann man eine Kniebeuge macht und flüsterte ihm ins Ohr: „Da vorne, Heiner, da, wo das rote Licht brennt, da ist Gott.“ Niemand hatte etwas dagegen, als er sich mit 19 Jahren für das Noviziat bei den Herz-Jesu-Priestern in Freiburg entschied.
In der Schule war er schüchtern, litt unter seinem Stottern und denen, die ihn auslachten. Im Orden erkannte man sein Sprachtalent und ließ ihn auch in Paris und Rom studieren. In New York unterrichtete er ein Jahr an einer Highschool in der Bronx. Sein Werdegang ähnelt dem von Papst Leo XIV: Nach der Arbeit an der Basis wird Wilmer Provinzial seines Ordens in Deutschland und steigt dann zum Generaloberen über 21.000 Herz-Jesu-Priester in aller Welt mit Sitz in Rom auf.
Warum Gott nicht nett ist
Schaudernd erinnert er sich an den Besuch einer Ausstellung für moderne Kunst in München. Er stieß dort auf ein provokantes Altarbild, das ihm unter die Haut ging. Das Bild zeigte einen Hund am Kreuz, blutig, eklig, brutal. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Auf einmal spürte er einen Mangel in seinem Verhältnis zu Jesus: Er ist nicht nur der gute Hirte, der seine Schafe auf der grünen Aue weidet! Jesus war für ihn zu einer „weichen Wirklichkeit“ geworden: Zart, unberührbar und entrückt.
Aus dieserm Anlass befasste er sich eingehend mit dem Gebet Anima Christi aus dem 14. Jahrhundert, das nach der Kommunion gebetet wurde. Er wollte mit seiner Hilfe den geschundenen Leib Christi abtasten. Ein Gefühl dafür bekommen, was wir Menschen mit Gott gemacht haben und was Gott an sich hat geschehen lassen.
Seele Christi, heilige mich.
Leib Christi, rette mich.
Blut Christi, tränke mich.
Wasser aus der Seite Christi, wasche mich.
Leiden Christi, stärke mich.
O guter Jesus, erhöre mich.
Birg in deinen Wunden mich.
Von dir lass nimmer scheiden mich.
Vor dem bösen Feind beschütze mich.
In meiner Todesstunde rufe mich,
zu dir kommen heiße mich,
mit deinen Heiligen zu loben dich
in deinem Reiche ewiglich.
Er resümiert: „“Gott ist nicht nett. Der Glaube an einen Gott, dessen Sohn am Kreuz hing, der Glaube an einen Gott, der menschlicher Körper wurde, der in diesem Körper litt, der Blut spuckte, der vor Schmerzen aufstöhnte, der vor Verzweiflung aufschrie und den man wie einen Hund krepieren ließ, dieser Glaube ist nicht ’nett‘.“
Zur Bitte „O guter Jesus, erhöre mich,“ bemerkt er: „Ich glaube, dass der gute Jesus auch eine Kehrseite hat. Aber diese Kehrseite ist kein böser Jesus, sondern ein zorniger. Zorn ist die Kehrseite von Zärtlichkeit. Auf der einen Seite stehen die Liebe, die Güte, die Sanftmut. Auf der anderen der Zorn, die Wut, das Aufbrausen.“ Jesus hatte ambivalente Gefühle.
Warum Jesus nicht nett ist
Was Heiner Wilmer entdeckt hat, beleuchtet das auffallend schroffe Verhalten Jesu, von dem unser heutiges Evangelium erzählt. Er begrüßt die Neuen nicht mit: „Schön dass du da bist, herzlich willkommen, wir haben dich gern.“ So wie wir neue ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfangen würden. Nein! Er lässt sie auflaufen. Keine Verabschiedung von der Familie! Keine Freistellung für die Beerdigung des Vaters! Hab und Gut sind fehl am Platz! – Betreten ziehen sie davon.
Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Mit diesen Worten spielt Jesus auf sein Schicksal an. Er ist der obdachlose, heimatlose, ausgestoßene Menschensohn. Alle haben ihr Plätzchen – die Füchse, die Vögel, auch wenn sie ihr Nest nur zum Brüten nutzen. – Ihn will man nicht dabei haben, ihm bleibt das Nichts.
Das Verhalten der Samaritaner sitzt ihm dabei noch in den Knochen. In ihrem Dorf verweigerte man ihm die Übernachtungsmöglichkeit (Lk 9,51-56). „Für Pilger nach Jerusalem haben wir keinen Platz.“ Ein schlimmes Vorzeichen. Seine Reise nach Jerusalem zum Passafest könnte seine letzte Reise gewesen sein…
Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. In dieser Situation kann Jesus nicht locker und zugewandt bleiben, sondern zeigt sich angespannt und konzentriert. Pflügen verlangt volle Aufmerksamkeit, sonst kommt der Pflug aus der Bahn. Auf diesem dornigen Weg braucht er Leute, die imstande sind, alles stehen und liegen zu lassen und mit ihm durch dick und dünn gehen. Ein Team, das hinter ihm steht und zu ihm hält. Wer das nicht bringt, ist hier fehl am Platz. Mit diesem Anforderungsprofil im Kopf mustert er die drei Männer aus. Ein hartes Schicksal verlangt belastbare Leute.
Nachfolge heute
‚Das Leben Jesu leben‘, ging nur, als er lebte. Ordenschristen versuchen im Gegensatz dazu, das Leben Jesu nachzuahmen. Mit folgendem Vorsatz trat Heiner Wilmer in das Noviziat ein: „Ich möchte Christus folgen, der ehelos und arm die Welt erlöst hat durch seinen Gehorsam zum Vater bis zu seinem Tod am Kreuz.“ Eindrucksvoll, bewundernswert, ein Korrektiv, wenn die Kirche zu reich, zu bräsig und zu gleichgültig geworden ist.
Für uns fallen Nachfolge und Glaube zusammen. Wir haben eine Wohnung, leben in Familien und bestatten unsere Verstorbenen. Aus dem heutigen Evangelium schöpfen wir:
1. Dass wir Jesus einen Ort in unserer Welt geben. Viele Menschen sind ohne Gott glücklich, haben mit ihm nichts am Hut und lassen ihn nicht in ihr Heim. Orte für Jesus sind unsere Kirchen. Schön, dass Sie heute hier sind! Hier hören wir von Jesus und beten zu ihm. Ein weiterer Ort für Jesus ist auch unser Leben. Womit verbringen wir unseren Tag? Haben wir auch Zeit für ihn?
2. Dass wir uns nicht von ihm abwenden. „Soll’s uns hart ergehn, lass uns feste stehn“(EG 391,2). Um unsere Welt steht es schlimm – die Kriege, die Schulden, der Klimawandel, der Hunger… Ich höre alte Menschen sagen: „Unsere armen Enkel werden das auslöffeln müssen. Wie gut, dass ich das nicht mehr erlebe!“ Jesus möchte, dass wir mit ihm hinter dem Pflug bleiben und uns nicht von Ängsten und Sorgen überwältigen lassen.
3. Dass wir auf sein Reich hoffen. Seit 100.000 Jahren begraben Menschen ihre Toten… Jesus nennt das: „Tote begraben ihre Toten.“ Sterbliche Menschen heben Gräber aus, beweinen oder feiern ihre Verstorbenen. Das, was Menschen tun können. – Gott hat ein anderes Programm: „Du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes.“ Er ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden (Lk 20,38). Er schenkt uns eine Hoffnung über den Tod hinaus. Jesus nimmt uns an die Hand und führt uns durch dieses Leben in das Reich Gottes.

