Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift. (1. Kor. 15,3)
Stummes Entsetzen
„Mir fehlen die Worte. Wie konnte das passieren?“ So reagieren wir auf schlimmes Leid. Gibt es im Leid einen Sinn? Hat das Leiden Christi einen Sinn?
„Da verließen ihn alle“ – Männer! Die Frauen blieben am Kreuz. – „und flohen“ (Mk 14,50) in stummem Entsetzen. Als sie am Gründonnerstagabend im Garten Gethsemane miterleben, wie man mit Jesus umspringt, geben sie auf. Sie spüren Kraftlosigkeit. „Wenn er das mit sich machen lässt, ist es aus und wenn das Kommando spitz kriegt, dass wir zu ihm gehören, buchten sie uns ein“, schießt es ihnen durch den Kopf. Einer von ihnen lässt – als man nach ihm greift – sein Gewand zurück und stürmt in Panik nackt davon.
Nach dem Verlust des Menschen, mit dem wir liebevoll zusammengelebt haben, besinnen wir uns auf die Zeit vor der gemeinsamen Geschichte zurück und knüpfen an sie an. Ort dieser Regression ist für die Jesusleute Galiläa, ihr Alltag am See Genezareth. Das Johannesevangelium zeigt uns sieben Jünger, darunter Petrus, Thomas und Nathanael wieder beim Fischfang. (Joh 21) „Alles auf Null“ gewissermaßen – die Zeit mit Jesus ist vorbei. Wir fangen wieder von vorne an.
Jesus, der Auferstandene, liest sie dort auf und gewinnt sie neu für sich. Mit seinem Leiden allerdings fremdeln sie weiterhin.
Wie die Osterfreude das Leiden Christi überstrahlte
Szenenwechsel. Kurz nach Pfingsten stoßen Petrus und Johannes am Tor des Tempels in Jerusalem auf einen Gelähmten, der betteln muss, um durchzukommen. Als er ihnen seine Hand entgegenstreckt, schaut Petrus ihn an: „Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ (Apg 3,9) In seiner anschließenden Predigt vor der erstaunten Menge holt er aus: „Ihr habt Jesus getötet, aber Gott, der Herr, hat ihn auferweckt.“ Er stellt den Kontrast ganz scharf, schwarz neben weiß. Einerseits das Menschenwerk: Leiden und Tod Christi, andererseits das Gotteswerk: die Auferweckung, mit der das Menschenwerk durchkreuzt wird. Einen Sinn im Leiden Christi kann er nicht ausmachen. Es wird von Gott aufgehoben.
Der leidende Gottesknecht
Erneuter Szenenwechsel. Der Jesusjünger Philippus wandert auf der Landstraße von Jerusalem nach Gaza – wie sieht es da heute aus!! – neben dem Wagen des äthiopischen Finanzministers, der über Ägypten nach Hause reist. Er glaubt an den Gott Israels, hatte im Tempel gebetet und kehrt von seiner persönlichen Wallfahrt zurück. In Gedanken versunken über die Worte des Propheten Jesaja in der teuren Schriftrolle auf seinem Schoß, die er in Jerusalem gekauft hatte. „Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf.“ (Apg 8,32) Wie damals üblich, liest er laut. Darauf Philippus: „Verstehst du, was du liest?“ „Nein. – Von wem redet Jesaja?“ Philippus wird gebeten, im Wagen als Experte Platz zu nehmen, und er trägt ihm vor, was in der christlichen Gemeinde gerade heiß diskutiert wurde: Deutet Jesaja hier nicht das Leiden Christi vorausschauend an?
(Die Debatte ist bis heute nicht abgeschlossen. Es gibt bei Jesaja sowohl Christus-Ähnliches als auch Verschiedenes, Christus-Nahes und Fernes.)
Was für ein Leiden
Es ist von jemandem ohne Namen die Rede, der leidet – in ähnlicher Weise wie Jesus Christus gelitten hat: „Er blieb stumm wie ein Lamm, das man zum Schlachten bringt. Wie ein Schaf, das geschoren wird, nahm er alles hin und sagte kein einziges Wort.“ (Jes 52,7 BasisBibel) – In den Augen der Jünger ist dieses Schweigen Jesu im entscheidenden Moment furchtbar. Entweder sagte er gar nichts oder sprach in Rätseln. Viel zu wenig, um sein Schicksal zu wenden.
„Er wurde verhaftet, vor Gericht gestellt und zur Hinrichtung geführt.“ (Jes 53,8) Man tat ihn mit Verbrechern zusammen, ihn, der niemand Unrecht getan hatte. „Alle haben ihn verachtet.“ (Jes 53,3) – Statt Jesus wählten sie Barabbas.
Er wurde gequält, misshandelt, verwundet, aber er nahm es hin. (Jes 52,5.7) – Bei Jesus: Er wurde gegeißelt und gekreuzigt.
Was für ein Lebensweg
Es war jemand wie Jesus Christus: Gott selbst hat ihn eingesetzt, ihm seinen Geist eingehaucht und den Ehrentitel „Gottes Knecht“ verliehen. Er soll bei den Völkern für Recht sorgen und zugleich den Erschöpften Mut machen: „Ein geknicktes Schilfrohr zerbricht er nicht. Einen glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ (Jes 42,3) Doch er wird abgelehnt und getötet. Aber Gott läßt ihn nicht im Tode. Er wird ihn auf eine Stufe mit ihm, dem Höchsten, stellen.
Stellvertretung
Gott erweist darin seine Macht, dass er dem von den Menschen verursachten Leiden seines Beaufragten eine besondere Bedeutung beimisst: „Mein Knecht kennt meinen Willen. Er ist gerecht und bringt vielen Gerechtigkeit. Ihre Schuld nimmt er auf sich.“ (Jes 53,11) Wie ist das gemeint? Drei Beispiele werden angedeutet, ich führe sie etwas aus.
Aus der Medizin
„In Wahrheit hat er unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich genommen. …Er wurde verwundet, damit wir geheilt werden.“ (Jes 53,4.5) – Ich denke dabei an die hochansteckende Ebola-Seuche. Ärztinnen und Pflegepersonal riskierten ihr Leben, um Kranke zu bergen und zu versorgen. – Auf Jesus bezogen: Unsere Heilung kostete ihn das Leben.
Ein Freundschaftsdienst
„Er ertrug die Schläge, damit wir Frieden haben.“ (Jes 53,5) Ich lese gerade ein Buch, das spielt in Nigeria. Dort gibt es noch die Prügelstrafe in der Schule. „Wer war das?“, donnert der grimmige Lehrer. Um einen Schüler zu decken, den er dabei immer auf dem Kieker hatte, ruft sein Freund: „Ich war das!“ – Auf Jesus bezogen: Damit Frieden entsteht, nimmt er die Strafe auf sich.
Aus dem Wirtschaftsleben
Wenn der Ertrag der Felder für die Pacht nicht reichte, konnte sich der Kleinbauer schnell verschulden und ins Elend geraten. Ihn schützte kein Insovenzrecht. Ihm und seinen Kindern drohte die Schuldknechtschaft. Es sei denn, ein Verwandter brachte das „Schuldopfer“ (Jes 53,5 Lutherbibel) auf, das heißt: Er beglich stellvertretend die Schulden. Eben das deutet Jesus an, wenn er sagt: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Mk 10,45)
Die Glaubensformel
Die Beschäftigung mit dem Knecht Gottes half der Gemeinde, sich das Leiden Christi zu eigen zu machen. Es ist keine Enttäuschung, auch kein dunkler Fleck, der blank poliert werden muss. Was am Kreuz passierte, war Stellvertetung. Dafür fand man die Glaubensformel, die auch Paulus beigebracht wird: „Christus ist für unsere Sünden gestorben nach der Schrift.“
- Der leidende Jesus ist der starke Retter.
- Das hilflose Opfer ist der tapfere Helfer.
- Der Geschädigte nimmt den Schaden auf sich.
- Jesus tritt am Kreuz an unsere Stelle. Sein Tod stiftet für uns Heilung, Frieden und befreit von Schulden.
Jesus starb für mich!
Der englische Prediger Charles Spurgeon sagte einmal: „Meine Theologie wird immer einfacher. Sie besteht aus vier Worten: Jesus starb für mich!“ Es wäre schön, wenn wir das auch so sagen könnten. – Berthold Brecht dagegen: „Christus mag für jemanden gestorben sein, aber jedenfalls nicht für mich.“ Er war ein berühmter Dichter, viele denken wie er. Ich bitte Sie, sich in dieser Stunde mit mir unter das Kreuz Christi zu stellen: „Ja, Jesus ist für mich gestorben!“ Obwohl wir alle aussehen, als könnten wir kein Wässerchen trüben. Er beschenkt uns mit unverbrüchlicher Liebe, die uns zugleich zutiefst erschüttert, heilsam erschüttert.
Die Arme des Gekreuzigten sind weit ausgebreitet. Ich stelle mir vor: Er schließt mich in die Arme und drückt mich an sein Herz. Wir kennen diese Nähe, wenn Eltern ihre Kinder drücken, Paare sich herzen, Kumpels sich auf die Schulter klopfen: Ich bin für dich da! Du kannst dich auf mich verlassen! Jesus schenkt mir Frieden, Heilung und Gerechtigkeit. Unverbrüchlich. Ohne Vorbedingung. Es gibt keinen letzten Grund, verzweifelt zu sein!
Dass Jesus an meiner Stelle am Kreuz hängt, erschüttert meine Selbstsicherheit. Unfassbar, welch ein Schaden in den Augen Gottes auch von mir ausgegangen ist! Er lässt mich erkennen: Wir sind nicht so, wie wir uns gerne sehen. In unserer Seele ist vieles, was wir eigentlich nicht wollen und doch immer wieder tun: Falsches, Gemeines, Gottloses. All das mußte Jesus von mir wegtragen. Ich sehe es nur noch im Rückspiegel. Aber ich sehe es und nehme es ernst.
Herr erbarme dich!
Kommissar Otto Gerber ist ein kerniger Berliner. Gedrungene Gestalt, immer mit Wollmütze, immer ruppig. In der TV-Serie „Ein starkes Team“ ermittelte er neulich in einer katholischen Kirche. Eine ganz fremde Welt für ihn. Am Beichtstuhl entfährt ihm: „Ick habe nüscht zu beichten!“ Er ist selbstsicher, selbstbezogen.
Im Gottesdienst beten wir vor dem Kreuz: „Herr erbarme dich“ oder „Kyrie eleison“. Das ist eine Mini-Beichte. Jeder und jede kann mit diesen Worten das verbinden, was er auf dem Herzen hat. Martin Luther hat uns ein Abendgebet übergeben, das die Bitte enthält: „Du wollest mir vergeben alle meine Sünde, wo ich Unrecht getan habe.“ Das fällt mir oft schwer, denn ich fühle mich meist im Recht. Aber ich möchte dem, von dem Jesus mich befreit hat, keinen Raum in meinem Leben geben.
Ich komme zum Schluss
Wie können wir das Leiden Christi verstehen?
- Am Anfang stand die Ratlosigkeit: Warum nur? Warum? Und der Rückzug in den Alltag in Galiläa.
- Leid und Tod Christi wurden als schändliches Menschenwerk gesehen, das Gott zum Glück durch die Auferweckung korrigiert hat.
- Aus der Erzählung vom Gottesknecht erwächst die Erkenntnis: Vor Gott gibt es lebensspendendes Leid. Der Geschädigte nimmt den Schaden auf sich. Der Hilflose ist der wahre Helfer. Jesus starb für unsere Sünden.
- Mit seinen ausgebreiteten Armen, zeigt mir Jesus, dass er mich meint. Er starb für mich und an meiner Stelle. Er hat meine Sünden ein für allemal weggesperrt und dabei soll es auch bleiben. „Berühre mich mit deiner Hand, die alle Macht des Bösen bannt“, betet Marie Luise Thurmair.

