Mut und Hoffnung: Lektionen aus Paulus und Kafka

Darum lassen wir den Mut nicht sinken. Auch wenn unsere äußeren Kräfte aufgezehrt werden, bekommen wir innerlich Tag für Tag neue Kraft. (2. Kor. 4,16)

„Als ich Franz Kafka kennenlernte,“ erinnerte sich sein Freund Max Brod, „da bestellte er sich im Lokal zum Mittag Nüsse, eine ganze Schüssel voll. Nichts anderes. Die Nüsse kaute er durch und durch.“ „40 mal,“ erklärte er. „Ein komischer Anblick. Er trank auch nur Wasser. Selbst auf der Alm im heißen Sommer, wo Bier in Maßkrügen gereicht wurde, zum Verdruss des Wirtes.“ – Morgens nach dem Aufstehen streckte und dehnte er sich auf dem Fußboden. Er befolgte den Rat Platons: „Wer einer Geistesübung angestrengtes Nachdenken widmet, muss zugleich der Bewegung des Körpers ihr Recht widerfahren lassen, indem er daneben auch Gymnastik treibt.“ Oder wie wir es sagen: „Ein gesunder Geist und ein gesunder Körper gehören zusammen.“

1919 bekam Kafka Husten, schweren, starken Husten. Sein Arzt: „Das wird schon wieder. Nehmen sie einen Hustensaft, machen sie eine Luftkur, sechs Stunden in Decken eingepackt im Freien, und sprechen sie halt weniger.“ Kafka schwante Schlimmes. Er ahnte, dass er sich auf seiner Arbeitsstelle, einer Unfallversicherung, mit TBC infiziert hatte. Täglich begutachtete er dort kranke und verletzte Menschen. Fünf Jahre lang kämpfte er vergebens gegen die Schwindsucht. Seine Kräfte wurden mehr und mehr aufgezehrt. Ende Januar 1924 bewohnte er in Berlin zwei Zimmer mit Ofenheizung und Veranda in der Heidestr. 25/26. Er hatte ständig hohes Fieber, Hustenanfälle mit Auswurf und Schmerzen. Längst konnte er das Haus nicht mehr verlassen. Dora Diamant versorgte ihn.

Aber er schrieb und schrieb, in all dem Elend schrieb er unermüdlich in seinen Heften. Noch Anfang 1924 schloss er einen Verlagsvertrag ab. Im März war die letzte Erzählung verfasst. Kurz vor seinem Tod im Juni hielt er den Umbruch in der Hand. Ein Glücksmoment! – Bei Franz Kafka sehen wir, wie verletzlich der Mensch ist, obwohl er gesund lebt, wie das Leben plötzlich in eine andere Richtung geworfen wird und was für eine innere Kraft ein wunder Körper aufbringen kann.

Was wir eben von Paulus hörten, passt dazu: „Darum lassen wir den Mut nicht sinken. Auch wenn unsere äußeren Kräfte aufgezehrt werden, bekommen wir innerlich von Tag zu Tag neue Kraft.“ Bei Paulus war es die Migräne, die an seinen Kräften zerrte. Nach einem Anfall wieder auf die Beine zu kommen, fiel ihm schwer, aber er gab nicht auf. Seine Gedanken dazu erstrecken sich über mehrere Kapitel des Briefes nach Korinth. Ich möchte sie an drei Bildern festmachen: einem Zelt, einem Mitbewohner und einem Schatz in einem zerbrechlichen Gefäß.

„Unser Zelt in dieser Welt wird abgebrochen werden.“(2. Kor 5,1)

Die Menschheit ist robust, längst ächzt die Erde unter ihr. 1923 zu Zeit Kafkas hatte sie zwei Milliarden Bewohner, 100 Jahre später 2023 vier Mal so viel, acht Milliarden. Exponentielles Wachstum. Auch weil es inzwischen gegen die TBC Antibiotika gibt.

Der einzelne Mensch dagegen ist verletzlich. Die Zahl der Notrufe steigt, mit Blaulicht und Martinshorn preschen die Rettungswagen durch Berlin, die Unfallstationen sind überfüllt. Gut, wenn geholfen werden kann. Es gibt aber nach wie vor Krankheiten, die das bisherige Leben aus der Bahn werfen. Chronische Krankheiten mit Erwerbsunfähigkeit im Gefolge. – Im Bilde gesprochen: Unser Körper ist kein fest gemauertes Haus, sondern ein luftiges, empfindliches Zelt, dessen Planen im Sturm zittern und bei Starkregen anfeuchten.

Das Zelt ist dazu bestimmt, abgebrochen zu werden. Seine Verweildauer an einem Ort ist begrenzt.

Unsere Lebenserwartung ist gestiegen auf durchschnittlich 78 Jahre bei Männern und 85 Jahre bei Frauen. Zu Kafkas Zeit 1923 dagegen konnten Männer nur auf 58 und Frauen auf 65 Lebensjahre hoffen. Uns hat der Ruhestand ein ein drittes Lebensalter beschert. Viele rüstige Alte, die es sich leisten können, genießen eine „späte Freiheit“. Das darauf folgende vierte Lebensalter kann unterschiedlich lang ausfallen. Es ist die Zeit des Abschieds – „Von nun an wird es nie wieder so, wie es einmal war.“- mit aufkommender Gebrechlichkeit, Hilfsbedürftigkeit und Angst vor Demenz. Ja: „Unser Zelt in dieser Welt wird abgebrochen werden.“ Das „Zelt“ ist ein Bild für die Fragmenthaftigkeit unserer Existenz.

Was für ein Mitbewohner!

„Gott hat uns als Vorschuss auf das ewige Leben seinen Geist gegeben,“ (2. Kor 5,5) schreibt Paulus. Der Vorschuss ist die erste Rate von dem, was ich einmal endgültig erhalten werde. Bestimmt ist uns das ewige Leben, sein Vorbote ist der Heilige Geist. Schauen wir uns einmal um: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1. Kor 3,16), werden wir gefragt. Wir haben einen Mitbewohner in der verborgenen Kammer in unserem Herzen. Ihn können wir in uns finden, ihm können wir uns öffnen. Er ist unser Beistand und Tröster:

  • Er deckt Neues auf: die Fülle der künftigen Herrlichkeit, die jedes Maß übersteigt und kein Ende haben wird, die Vollendung, der große Silberstreifen am Horizont. Nichts wird so bleiben, wie es ist.
  • Er lasst Altes alt aussehen: Die gegenwärtige Not wiegt leicht, sie verliert an Gewicht.
  • Er sorgt für einen Perspektivwechsel. Indem er unseren Blick in die Zukunft Gottes richtet, wird die sichtbare Gegenwart begrenzt und entkräftet. Das Sichtbare mit all seiner Not ist vergänglich, die Vollendung, die uns erwartet, ist noch unsichtbar. Sie wird unvergänglich sein.

Hören wir noch einmal Paulus. Dieser Perspektivwechsel ist seine Idee:

Die Not, die wir gegenwärtig leiden, wiegt leicht. Denn sie bringt uns eine Fülle an Herrlichkeit, die jedes Maß übersteigt und kein Ende hat. Wir dürfen unseren Blick allerdings nicht auf das Sichbare richten, sondern auf das Unsichtbare. Denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare dagegen ist Unvergänglich. (2. Kor 4,17)

„Wir tragen diesen Schatz in zerbrechlichen Gefäßen.“ (2. Kor 4,7)

Unser Leben spielt sich ab unter dem Schweigen der Organe. Sie erfüllen ihre Aufgaben – unauffällig. Im Schmerz brechen sie dieses Schweigen. Zahnschmerz ist schnell behoben. Anhaltender Schmerz wird zur Qual. Der Schatz des Heiligen Geistes ruht in schmerzenden, sterblichen Körpern. Man kann sie mit den zerbrechlichen Tonkrügen aus der Küche des Paulus vergleichen.

Wussten sie es schon? Ältere Menschen sind glücklicher als jüngere! Die Glücksforschung präsentiert uns eine U-Kurve: Hoher Glückswert am Anfang, Tiefstand in der Mitte, steigender Glückswert am Ende. Junge Leute sind voller Pläne. Schulkinder, die in entlegenen Gegenden auf langen und gefährlichen Wegen unterwegs sind…“Was wollt ihr mal werden?“ „Pilot“, der Junge, „Tierärztin“, das Mädchen. Dann die Konfrontation mit der Wirklichkeit: Harte Arbeit, kleine Brötchen. Man nennt das die Midlife Crisis. „So habe ich mir das nicht vorgestellt. Das soll mein Leben sein?“ – Ab 74 geht es stetig bergauf. Der Zuwachs an Seelenglück ist größer als die Enttäuschung über das Abnehmen der körperlichen Gesundheit.

Die Weisheit des Alters zeigt sich im Annehmen der eigenen Grenzen. Und bei Christen: Im Zehren von dem Schatz in ihrem Herzen und dem Wechsel der Perspektive, die er anbietet. Das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare dagegen unvergänglich.

Ich komme zum Schluss

Wir hörten vom Zelt, vom Mitbewohner und vom Schatz im zerbrechlichen Gefäß:

  • Gott verlässt uns nicht, wenn unsere Kräfte schwinden.
  • Das zerbrechliche Gefäß, unser Körper, birgt einen Schatz, den Heiligen Geist, unseren Beistand undTröster.
  • Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
  • Uns ist bange, aber wir verzagen nicht! Darum lassen wir den Mut nicht sinken. Auch wenn unsere äußeren Kräfte aufgezehrt werden, bekommen wir innerlich von Tag zu Tag neue Kraft.