Gottes Liebe: Ein Lobgedicht für Jesus Christus

  1. 1) Im Anfang war das Wort,
  2. und das Wort war bei Gott,
  3. und Gott war das Wort.
  4. 2) Dasselbe war im Anfang bei Gott.
  5. 3) Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht,
  6. und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
  7. 4) In ihm war das Leben,
  8. und das Leben war das Licht der Menschen.
  9. 5) Und das Licht scheint in der Finsternis,
  10. und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.
  11. 9) Das war das wahre Licht,
  12. das alle Menschen erleuchtet,
  13. die in diese Welt kommen.
  14. 10) Es war in der Welt,
  15. und die Welt ist durch dasselbe gemacht;
  16. und die Welt erkannte es nicht.
  17. 11) Er kam in sein Eigentum;
  18. und die Seinen nahmen ihn nicht auf.
  19. 12) Wie viele ihn aber aufnahmen,
  20. denen gab er die Macht, Gottes Kinder zu werden:
  21. denen, die an seinen Namen glauben,
  22. die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches
  23. noch aus dem Willen eines Mannes,
  24. sondern aus Gott geboren sind.
  25. 14) Und das Wort ward Fleisch
  26. und wohnte unter uns,
  27. und wir sahen seine Herrlichkeit,
  28. eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater,
  29. voller Gnade und Wahrheit.
  30. (Joh 1,1-5.9-14)

Das große Lobgedicht in Kindermund

Jesus ist von einer Aura des Unerklärlichen umgeben. In ihm ist etwas geschehen, was bislang nicht vorgekommen ist. Dafür steht das monumentale Lobgedicht am Portal des Johannesevangeliums. Es ist seit dem 4. Jahrhundert das Geburtstagsgedicht für Jesus Christus am 25. Dezember. „Das ewige Wort Gottes kam in die Welt,“ lautet dazu die Überschrift in der Lutherbibel.

Ein beliebtes Kinderlied ist für mich sein kleiner Bruder. Man kommt dabei in Bewegung. Bei dem Wort „groß“ beschreiben beide Arme einen Kreis, bei „hoch“ wird der rechte Arm gestreckt, bei „tief“ berührt der Zeigefinger den Boden und bei „weit“ gehen die Arme weit auseinander und weisen nach links und nach rechts

Gottes Liebe ist so wunderbar,

Gottes Liebe ist so wunderbar,

so wunderbar groß.

So hoch, was kann höher sein?

So tief, was kann tiefer sein?

So weit, was kann weiter sein?

So wunderbar groß.

Sehen wir zu, wie das Kinderlied den überbordenen Lobgesang anleuchtet!

Gottes Liebe ist so hoch, was kann höher sein?

Blicken wir dazu in die Höhe: 10m hohe Brecher sind lästig, werden lebensgefährlich in einem Segelboot auf dem Atlantik. Im 15. Stockwerk eines Hochhauses möchte ich nicht wohnen, so hoch kommt keine Feuerleiter. Einmal einen 8.000er zu bezwingen, ist der Herzenswunsch eines Bergsteigers.

Mit 93 Milliarden Lichtjahren weist das Universum die höchste Höhe und weiteste Weite auf, die wir kennen. Vorstellen kann sich das niemand. Deshalb arbeiten wir mit Zahlenkolonnen. Kleine Erinnerung: Das Licht sprintet in einer Sekunde 300.000km. Und als ob das nicht reicht, expandiert das Universum auch noch pro Sekunde um 68km, 5 Millionen Kilometer pro Tag, 150 mal der Erdumfang. Höher und weiter geht es doch wirklich nicht!?

Im Anfang war das Wort

Der erste Satz unseres Lobgesangs knüpft an den Beginn der hebräischen Bibel an: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ (1. Mose 1,1). Gottes Entschluss, Himmel und Erde zu erschaffen, geht allem voraus, was ist und was wir kannen. Das Hebräische gebraucht für „schaffen“ das Verb „bara“, das allein Gott vorbehalten bleibt. Niemals wird es für irdendeine andere Person verwendet. Gottes Handeln wird so von allen anderen Tätigkeiten und Entwicklungen unterschieden. Gott ist nicht das erste Glied in der Kausalkette von Ursache und Wirkung, wie z. B. der Urknall. Gott ist eine vom Weltall unterschiedene Wirklichkeit, die dem Universum und allen Abläufen in ihm zugrunde liegt. Ohne ihn gäbe es nichts. Er garantiert das Seiende in allen seinen Formen, von der Ameise bis zum Weltall. – Gottes Liebe ist so hoch, was kann höher sein?

In seiner Höhe ist Gott kein Monolith. Am Anfang steht nicht die Einsamkeit des Einen, sondern die Gemeinschaft zweier Gleicher. Aus Gott tritt sein Wort heraus. Er spricht es nicht nur, und dann verklingt es. Nein, es bleibt, es ist bei Gott, es ist selbst Gott: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott.“

Damals kursierten mannigfache Vorstellungen über das Wort Gottes und die Weisheit Gottes als irgendwie eigenständige Wesen. Ich stelle mir dazu vor, dass ein bestimmtes Wort, eine Anordnung z. B., im Raum stehen bleiben kann, auch wenn sie akustisch längst verklungen ist. Einmal ausgesprochen, gilt es weiterhin. Im Hausflur vor der Wohnungstür sagte die Mutter: „Bevor wir reingehen, ziehen wir die Schuhe aus.“ Seitdem füllt ihr Wort diesen Raum und bestimmt das weitere Verhalten.

Und Gott war das Wort

Das Wort gehört zu Gott. Es ist ein Teil seines Wesens, keine Angliederung an Gott, kein Hinzutreten einer fremden Figur. Gott wird nichts „beigesellt“ So kritisiert uns der Islam. Irrtümlicherweise, wie ich finde. Vielmehr ist der eine Gott in sich selbst unterschieden. Er hat das Wort selbst gesprochen. Das Wort neben ihm sein Wort.

In unserem Lobgedicht wechselt die Ausdrucksweise von dem sachlichen Begriffspaar „Gott“ und „Wort“ zu dem persönlichen „Vater“ und „Sohn“: „Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ Die BasisBibel übersetzt so, dass man das gleich merkt:

Von Anfang an gab es den, der das Wort ist.

Er, das Wort, gehörte zu Gott.

Und er, das Wort, war Gott in allem gleich.

Dieses Wort gehörte von Anfang zu Gott.

Gottes Liebe ist so tief, was kann tiefer sein?

Bei einem Spaziergang entdeckte ich an der Fensterscheibe eines viel besuchten Fleischerfachgeschäftes dieses Plakat: „BIST DU ‚NE TYPE AUS FLEISCH UND BLUT oder nur eine Nummer wie die anderen? Dann bist du bei uns richtig“

Keine Type aus Fleisch und Blut war Zeus, der oberste griechische Gott. Er war ein Verwandlungskünstler, erschien schon mal als Kuckuck, Adler, Stier, Ameise oder Schlange. Als Mensch trat er auch auf. Es wird erzählt, dass er die schöne Alkmene begehrte. Chancenlos, denn sie war verlobt mit Amphitryon. Für keinen Seitensprung zu haben. Zeus wusste sich zu helfen. Als Amphitryon im Felde war, nahm er seine Gestalt an, und Alkmene nahm ihn überglücklich in ihr Bett auf. Neun Monate später kam sie nieder und gebar zwei Söhne.

Gott kommt herab

Quer zu solchen Götter-Eskapaden wurde Gott, der Sohn, ’ne Type aus Fleisch und Blut. Er wohnte dauerhaft unter uns, „zeltete“ auf der Erde. ( In Anspielung auf jene Stiftshütte, in der die Herrlichkeit Gottes einst Wohnung nahm, 2. Mose 40,34ff.) In seiner Selbstunterscheidung ist Gott menschenfähig. Das ewige Wort kann in die Welt kommen und dort bleiben. Gott, der Sohn, versetzt sich in die Person Jesu von Nazareth hinein, erfährt Jesu Gefühle als die eigenen. 30 Jahre lang machte er alles mit, was Jesus erlebte: Babyalter, Kindheit, Jugend, Erwachsensein. Er verbindet sich mit ihm und wird sein „Herzschrittmacher“.

Dieser Weg führt nicht nur von der göttlichen Höhe, vom Urgrund allen Seins, herunter auf die Erde. Es ging noch tiefer hinab. Der Weg Jesu wurde zum Leidensweg. Das Holz der Krippe weist auf das Holz des Kreuzes. In einer Notlage kam Jesus zur Welt, es folgte eine Flucht. In Ausweglosigkeit schied er von ihr: Verrat, Folter und Tod. Gott, der Sohn, hätte das abblocken können. Ihn leitete aber die Liebe, von der Paulus schreibt: „Sie läßt sich nicht erbittern,…sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie duldet alles“. (1. Kor13,7)

Gottes Liebe ist so weit, was kann weiter sein?

Die Absicht Gottes, die er mit der Sendung seine Sohnes verfolgt, ist seine Liebe zu den Menschen. Er greift über seine Schöpfung hinaus, um ihnen beizustehen und zu helfen: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen (besser: „einzigen“) Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben , nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“(Joh 3,16)

Gottes Liebe erwies sich dabei langmütig und freundlich, weit und umfassend. Sie überschreitet Grenzen und verbindet, was auseinander lag: seine Höhe und die menschliche Tiefe, das unvordenkliche Schöpferwort und das sterbliche Fleisch und Blut. Martin Luther dichtete zum Weihnachtsfest:

Den aller Welt Kreis nie beschloß,

der liegt in Marien Schoß;

er ist ein Kindlein worden klein,

der alle Ding erhält allein. (EG 23,3)

Der Mensch wird erhoben

Der Mensch Jesus von Nazareth, unser Bruder, wurde darurch zu Gott erhoben. Nach und nach wird ihm das bewußt. Mit 12 Jahren vergißt er im Tempel alles um sich herum. Als ihn die Maria und Josef nach drei Tagen Warten und Suchen glücklich fanden, entgegnet er: „Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss, in dem, was meines Vaters ist?“(Lk 2,49) Jesus hat Gott als seinen Vater entdeckt! Als Erwachsener bekennt er: „Wer mich sieht, sieht den Vater,“ (Joh 14,9) und: „Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10,30).

Die Liebe „bläht sich nicht auf,…sie sucht nicht das Ihre,“ (1.Kor 13,4f.) Jesus bleibt auf dem Teppich. Er widersteht der Einflüsterung des Versuchers, seine Position als Sohn Gottes zu seinem Vorteil zu nutzen. Er unterstellt sich ganz dem Vater: „Dein Wille geschehe,“ und dient den Menschen: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern diene.“ (Mk 10,45)

Das Urwunder der Person Jesu

Seine Einheit mit Gott ist geschöpflich nicht zu erklären! Hier ist Gottes umgreifende Liebe am Werk. In Jesus wird Gott Mensch, ohne aufzuhören, Gott zu sein, und der Mensch wird Gott, ohne aufzuhören, Mensch zu sein. Jesus Christus ist nicht ein gott-menschliches Zwischenwesen, sondern wahrer Gott und wahrer Mensch.

Ich komme zum Schluss

Mein Bild des Jahres 2023: Ein kleines Mädchen von anderthalb Jahren sitzt erwartungsvoll auf ihren vier Buchstaben entspannt mit dem Rücken an eine Bank gelehnt. Es ist Sommer auf dem Spielplatz. Die großen blauen Augen halten Ausschau nach einem Abenteuer. „Lass mich nur machen,“ steht ihr im Gesicht geschrieben. Ein Paket voller Leben!

Als ein Gespräch mit einem Alterskollegen immer bedrückender wurde – er begann: „Der Zustand der Welt macht mir Angst,“ und er steigerte sich Stufe um Stufe: „Mit der Welt geht es berab; mit Deutschland geht er bergab; mit der Kirche geht es bergab!“ – tauchte in mir dieses Bild auf: „Schau auf die Kinder! Was wissen sie von unseren Sorgen? Sie wollen die Welt für sich entdecken und freuen sich dabei über jeden neuen Schritt. Sie blicken erwartungsvoll in die Zukunft.“

Weihnachten ist der Einbruch des Heils in eine Welt des Unheils – völlig unwahrscheinlich und aus der aktuellen Nachrichtenlage nicht ableitbar. Ein Idyll mitten in der zur zur Gewohnheit gewordenen Grausamkeit. Gott sendet uns ein Paket voller Leben, das uns Mut macht und Zuversicht schenkt. Ein Unterpfand seiner Liebe zur Welt, auch zu unserem Land und zu den christlichen Gemeinden hier. „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.“ Das ist sein Ziel mit uns.

Das große Lobgedicht hält uns an, ihn mit Herzen, Mund und Händen dafür zu preisen. Ganz wie sein Brüderchen:

Gottes Liebe ist so wunderbar,

Gottes Liebe ist so wunderbar,

so wunderbar groß.

So hoch, was kann höher sein?

So tief, was kann tiefer sein?

So weit, was kann weiter sein?

So wunderbar groß.

Frohe Weihnanchten!

Entdecke mehr von Licht für die Welt

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen