Die Ankunft des Königs der Ehre


1) Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist,
der Erdkreis und die darauf wohnen.
2) Denn er hat ihn über den Meeren gegründet
und über den Wassern bereitet.
3) Wer darf auf des HERRN Berg gehen,
und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?
4) Wer unschuldige Hände hat
und reinen Herzens ist,
wer nicht bedacht ist auf Lüge
und schwört zum Trug:
5) der wird den Segen vom HERRN empfangen
und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils.
6) Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt,
das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs.
7) Machet die Tore weit und die Türen der Welt hoch,
dass der König der Ehre einziehe!
8) Wer ist der König der Ehre?
Es ist der HERR, stark und mächtig,
der HERR, mächtig im Streit.
9) Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehre einziehe!
10) Wer ist der König der Ehre?
Es ist der HERR Zebaoth; er ist der König der Ehre. (Ps 24,1-10)

Übermäßige Straßenbenutzung

Haben Sie schon einmal von „übermäßiger Straßenbenutzung“ gehört? Ich denke dabei an Sattelzüge. Ihre übliche Länge beträgt 14m. Dreifach ausziehbar erreichen sie 60m. Sie werden gebraucht für Rotorblätter von Windrädern. Um die Erträge erneuerbarer Energie zu steigern, werden die Türme immer höher und die Blätter immer länger. Auf dem neusten Stand ist ein 75m langes und 5t schweres Rotorblatt. Befördert werden muss es mit einem dafür speziell angefertigten, vierfach ausziehbaren Sattelschlepper – nachts ohne Verkehr ringsum. Der Transport passt nicht durch enge Ortsdurchfahrten. Für die Route müssen breite Straßen und weite Kurven gesucht werden. Das ist eine „übermäßige Straßenbenutzung“, selbstverständlich genehmigungspflichtig.

„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,“ so klingt eine Aufforderung zu übermäßiger Torbenutzung. Die vorhandenen Tore sind einfach zu klein und zu eng. Für einen herannahenden Spezialtransport müssen sie erhöht und erweitert werden. Mehrmals, so lange, bis es passt. Das größte Tor Indiens ist 41m hoch. Es gehört zu einer Moschee, die ein Großmogul im 16. Jahrhundert für seine damalige Hauptstadt Fatehpur Sikri bauen ließ.

„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,“ dieser Ruf eilte einer vergoldeten Truhe aus Akazienholz voraus. An langen Stangen wurde sie von Trägern auf die Schultern genommen, 125cm lang und 75cm hoch und breit. Ein Transport von bescheidenem Ausmaß im Vergleich zu unseren Rotorblättern, gleichzeitig von enormer Bedeutung. Mose erhielt einst den Auftrag zum Bau und zur Ausgestaltung dieser Lade des Bundes Gottes mit Israel. Mit ihr zieht Gott in die Welt ein. Das markieren zwei Cheruben, Engel, die sich mit erhobenen Flügeln und zueinander geneigten Häuptern gegenüberstehen. Sie tragen den unsichtbaren Thron Gottes, „der über den Cherubim throhnt“ (1. Sam 4,4). Alle Türen und Tore der Welt sind angesprochen und mitgemeint, sich zu öffnen, um Gott zu empfangen.

Die Ankunft Gottes in der Welt

Der König der Ehre

„Woran glauben Sie?“ bei einer diesbezüglichen Umfrage antwortete ein Teil der Befragten: „Ich glaube an ein höheres Wesen, eine geistige Macht.“ Die höchste geistige Macht in der Bibel ist Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde. Mit den Worten unseres Psalms: „Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet.“

Noah gegenüber hat er sich zur Stabilität unserer Lebensgrundlagen verpflichtet: „Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 9,22) Dazu gehören regelmäßige Ernten, wechselnde Temperaturen, Jahres- und Tageszeiten. Jesus weist darauf hin, dass er die Sonne über böse und gute Menschen aufgehen und es über Gerechte und Ungerechte regnen läßt. Das höhere Wesen kümmert sich nicht um die Menschen und ihre Sorgen. Es steht über allem, was auf der Erde passiert. Niemand hört etwas von ihm.

Um so größer die Freude, als sich das höhere Wesen, die höchste geistige Macht, öffnete und sich zunächst Israel zuwandte. Die schon erwähnte Bundeslade enthielt in ihrem Innern die 10 Gebote vom Sinai. Sie beginnen mit der Zusage: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ (2. Mose 20,1) Gott läßt sein Volk nicht im Regen stehen, sondern interveniert zu seinen Gunsten und begleitet es durch die Geschichte. Er wird deshalb „der König der Ehre“ genannt, „der HERR, stark und mächtig, der HERR, mächtig im Streit“. Israels Bundes-Gott ist zugleich sein Schutz-Gott.

Jesus Christus

In der evangelischen Kirche feiern wir am ersten Adventssonntag den Einzug Jesu in Jerusalem. Damals fragten die Leute: „Wer ist der?“ (Mt 21,10) Wir grüßen ihn mit der altehrwürdigen Proklamation: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!“ Wir wissen, welche besondere Bedeutung der Titel „König der Ehre“ hat. Er bezeichnet den der Welt und den Menschen zugewandten Gott. Als diesen ehren wir Jesus Christus.

Sein Zeichen ist aber nicht die Lade des Bundes, die auch im Krieg vorangetragen wurde, sondern der friedliche Esel, nach dem er zuvor seine Jünger ausgeschickt hatte. Als Jesus in die Stadt und dann gleich weiter zum Tempel ritt, wurde ein Spalier gebildet. Der Boden wurde festlich überdeckt, Palmzweige wurden hin- und hergeschwungen. Der „König der Ehre“ ist der Weissagung des Propheten Sacharja zufolge, „ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, dem Füllen einer Eselin“ (Sach 9,9f).

„Gelobt sei, der da kommt, im Namen des Herrn,“ wird Jesus dabei zugerufen. Dieser Ruf wurde in das Dreimalheilig eingefügt, das wir vor dem Heiligen Abendmahl anstimmen. Im Heiligen Abendmahl kommt der Einzug Gottes in die Welt an sein innerstes Ziel. Alle Kirchentüren stehen für ihn offen. Das Heilige Abendmahl ist der Unterpfand für die Ankunft Jesu Christi bei mir, in meinem Leben: „Hier bin ich für dich.“ – Bin ich bereit, ihn aufzunehmen?

Herzensbildung

Auf dem U-Bahnhof Bayerischer Platz steht ein Baudenkmal aus der Kaiserzeit – das Kontrollhäuschen. Ein Bild dazu auf dem Bahnsteig der U4 zeigt elegante Herrschaften in damaliger Abendgaderobe. Wenn sie die U-Bahn besteigen wollten, mussten sie das Häuschen passieren: „Ihre Fahrkarte bitte,“ und eine Karte vorzeigen oder kaufen, die anschließend geknipst wurde.

Unser Psalm führt uns zu einem inneren Kontrollhäuschen in Gestalt einer Einlass-Liturgie. Vor dem Betreten des Heiligtums wurde gebetet: „Wer darf auf des HERRN Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?“ In der Begegnung mit Gott geht es um weit mehr als um eine glanzvolle Prozession mit der heiligen Bundeslade mit Tänzen, Liedern und einer Kapelle aus Leiern, Harfen, Handpauken, Rasseln und Zimbeln. Das religiöse Gepränge allein tut’s nicht. Den Segen vom Herrn wird empfangen: „Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lüge und nicht schwört zum Trug.“ Diese Einlass-Liturgie funktioniert auch ohne Bundeslade. Sie ist im Nu gesprochen. Dabei ist jedes Wort bleischwer:

Unschuldige Hände!

„Mir ist die Hand ausgerutscht.“ „Ich bin halt ausgeflippt.“ „Das war ein Blackout.“ Im Stuhlkreis im Gewaltpräventionskurs herrscht Erklärungsnot. Die dazu verurteilten Männer ringen nach Worten. Sie haben den Menschen, der sie am meisten liebte, mißhhandelt, aktenkundig krankenhausreif geschlagen. – Unschuldige Hände sind gewaltfrei!

47 Kinder unter 15 Jahren pro Tag wurden allein 2022 Opfer sexueller Gewalt. Sieben Kinder pro Tag waren jünger als sechs Jahre. Oft nutzte ein Onkel, der freundliche Nachbar oder der Fußballtrainer das kindliche Zutrauen gemein aus. In der Hälfte der Fälle kannten sich Opfer und Täter. – Unschuldige Hände sind niemals übergriffig!

Ohne Lug und Trug!

Was für ein Anruf! „Ich möchte ihnen Bescheid geben: Ihre Tochter hat einen schlimmen Verkehrsunfall verursacht und einen Passanten tödlich verletzt.“ Welch ein Schock für den 78-jährigen Vater! Wenig später ein zweiter Anruf. Am Apparat dieses Mal eine Rechtsanwältin: „Ihre Tochter sitzt jetzt in Haft. Gegen eine Kaution von € 69.000 bis 79.000 kann sie erst einmal frei kommen.“ Bestürzt willigte der betagte Vater ein: „Das geht, ich habe genug Geld im Haus.“ Als ein junge Frau klingelte, um das Geld bei ihm abzuholen, hatte er sich zum Glück wieder gefangen. Er überreichte ihr eine Tasche. Darin lag ausschließlich – eine Bibel. Anklage wegen Betrug wurde erhoben. – Ohne Lug und Trug meint, ohne Betrugsmaschen auskommen, ehrlich und aufrichtig sein!

Ein reines Herz!

Das Herz im biblischen – nicht im organischen – Sinn ist die Mitte der Person. Der Kopf würden wir heute sagen. Hier kommt alles zusammen, was auf einen Menschen von außen einströmt oder in seinem Innern aufsteigt, als Reaktion auf andere Menschen oder als sein momentanes Bauchgefühl. Darunter Wut, Ärger, Zorn, Empörung und Neid, lauter gefährliche und feindselige Gefühle. – Ein reines Herz ist geradlinig. Es weiß, Gewalt, Übergriffigkeit und Lüge auszubremsen. Allein oder mit Hilfe.

Ich komme zum Schluss

  • In der Adventszeit geht es darum, sich auf etwas Großes vorzubereiten.
  • Meist dreht sich alles nur noch um die Geschenke am Heiligen Abend.
  • Die Bibel weist auf etwas hin, das man nicht kaufen kann, auf die Ankunft Gottes in unserer Welt und bei jedem von uns. Über uns schwebt nicht ein teilnahmsloses höheres Wesen.
  • Und: „Der ehrliche ist der Dumme,“ hat ausgedient. Ein gewaltfreies, aufrichtiges und geradliniges Verhalten empfängt Gottes Segen.

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