Die Selbstvergegenwärtigung Jesu im Heiligen Abendmahl

In diesem Jahr fiel der Gründonnerstag aus. Es gab auch keine Ostergottesdienste. Wir hatten im Frühjahr mehrere Wochen lang einen bisher einmaligen pandemiebedingten Kirchen-Lockdown. Predigten konnten gestreamt bzw. in Radio und Fernsehen übertragen werden. – Das Heilige Abendmahl geht nur persönlich. Was fehlt uns, wenn wir nicht Abendmahl feiern können?

Der folgende Abschnitt aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth gehört zum Gründonnerstag. Wir holen ihn heute nach. Es ist der älteste schriftliche Bericht vom Heiligen Abendmahl. Ich habe ihn als Ablaufprotokoll notiert:

  • Die Überlieferungskette, in der Paulus steht:
  • Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe:
  • Zeitangabe:
  • Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward,
  • Brothandlung:
  • nahm er das Brot,
  • Dankgebet:
  • dankte und brach’s und sprach:
  • Deutendes Wort:
  • Das ist mein Leib für euch;
  • Auftrag zur Wiederholung:
  • das tut zu meinem Gedächtnis.
  • D a s M a h l w i r d e i n g e n o m m e n
  • Kelchhandlung:
  • Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach:
  • Deutendes Wort:
  • Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut;
  • Auftrag zur Wiederholung:
  • Das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. (1. Kor. 11,23-25)

Ein gewagtes Versprechen

Gemischte Gefühle

Die Jünger waren in bester Laune: „Toll, dass wir heute Abend so nobel essen werden!“ Sie hatten die Vorbereitungen beobachtet. Die Aussicht auf ein Festbankett ließ ihnen das Wasser im Munde zusammenlaufen. Jesus selbst war maches Mal von reichen Leuten gepflegt bewirtet worden. Immer er allein, soweit wir wissen. Für die Jünger gab es keine Sterneküche. Am Sabbat mal ein paar schnelle Körner frisch aus der Ähre gerauft, bei Massenspeisungen Brot und Fisch gleich aus dem Korb.

Jesus fühlte sich ganz anders. Er war bedrückt, niedergeschlagen. „Dies ist unser letzter gemeinsamer Arbend.“ Er ahnte, nein er wusste: Der Verrat ist verabredet. Die Schergen stehen bereit, wenn ihnen ein Zeichen gegeben wird. Es wird grausam für ihn selbst, aber auch für die Zwölf, die jetzt noch so aufgekratzt sind,

Der Tischsegen

Was an diesem Abend gespeist wurde, ist längst entfallen. Aber nicht der Tischsegegen, den Jesus, wie es üblich war, vor und nach der Mahlzeit sprach.

Was sagte er da? Das geläufige Tischgebet vor dem Essen, bei dem das Brot geteilt und verteilt wurde, lautete: „Gepriesen seist du, Herr, dass du das Brot aus der Erde wachsen lässt.“ Übergangslos fuhr Jesus fort: „Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis!“ Ein erklärendes Wort und einen Auftrag – das setzte er dazu.

An das Gebet über dem letzten Becher Wein nach dem Mahl: „Gepriesen seist du Herr für die Frucht des Weinstocks,“ fügte er an: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!“ Wieder erst ein erklärendes Wort, dann der Wiederholungsauftrag.

Was dachte sich Jesus dabei? Es wäre leicht gewesen, den Verräter auszutricksen, nicht, wie in seinem Beisein verabredet, in Gethsemane zu erscheinen, sondern einfach spurlos in die schwarze Nacht zu verschwinden. Aber Jesus will sich dem stellen, was auf ihn zukommt.

Sein Ende vor Augen verspricht er seine bleibende Gegenwart: „Hier in Brot und Wein bin ich für euch da, was immer auch passiert, wo immer ihr zusammenkommen werdet. Hier bringe ich euch Vergebung, neues Leben und Errettung. Hier werdet ihr in einen neuen Bund mit Gott einbezogen.“

Grenzüberschreitungen

Mit dieser Ausdeutung: „Das ist mein Leib für euch,“ und: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut,“ übersteigt er alles, was wir über die Nahrungsmittel Brot und Wein wissen und sagen können. Er spricht ihnen für diese Feier und die folgenden Zusammenkünfte eine besondere Eingenschaft zu: Träger seines Leibes und Träger seines Blutes zu sein.

Ein Sterbender kann normalerweise nur ohnmächtige Abschiedsworte sprechen. Jesus bestreitet in diesem Augenblick die Macht des Todes, ihn auszulöschen. Er lenkt den Ausgang seiner Geschichte um. Er wird das Kreuz auf sich nehmen, sich dem Leiden unterwerfen und seinen Leib dahingeben. In der Hoffnung, dass sein Opfer allen zugute kommen wird und einen neuen Bund mit Gott heraufführt. Die festgelegte Welt soll aus ihren Fundamenten bewegt werden. Dazu müssen Grenzen überschritten werden: Die Grenzen von Gott und Mensch, Leben und Tod, Anwesenheit und Abewesenheit, Geist und Materie.

Es gibt jemanden, der genau das gespürt hat: Jener römische Hauptmann, der der Kreuzigung als Aufsichtsperson beiwohnte. Nach dem ganzen, grausamen Geschehen bekundete er: „Dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.“ Zwischen Gott und Jesus sah er eine Verbindung walten, die die übliche Grenzziehung übersteigt. In diesem Menschen ist Gott, der Sohn, selbst am Werk.

Dass Leben und Tod neu zu vermessen sind, kündigt Jesus selbst an: „Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten.“ (Lk 9 ,23) Dem physischen Leben, das mit dem Tod endet und das wir nicht erhalten können, stellt er die Aussicht auf ein Leben jenseits des physischen Lebens an die Seite, dem der Tod nichts anhaben kann. Auf dieses Leben hofft er jetzt auch selber, wo er dem Tod die Stirn bietet.

„Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?“ (1. Kor 10, 16) fragt uns Paulus. Unter den Einsetzungsworten über Brot und Wein werden die Grenzen zwischen Geist und Materie, Anwesenheit und Abwesenheit überschritten. Es kommt zu einer von Gott gestifteten Einheit des Unvereinbaren.

Wie das Versprechen in Erfüllung geht

„Das tut zu meinem Gedächtnis,“Jesus appelliert damit nicht an unser Erinnerungsvermögen, sondern an unser Tun: „Tut etwas! Greift euch das Brot und nehmt den Kelch in die Hand, so wie ich. Betet währenddessen wie ich gebetet habe. Teilt aus wie ich ausgeteilt habe. Esst und trinkt davon. Hierbei werde ich unter euch präsent sein.“

Wenn mit Brot und Wein das letzte Mahl Jesu dargestellt wird, entfaltet sich ein Geschehen, in das wir einbezogen werden: Die Selbstvergegenwärtigung Jesu Christi.

1. Wie der Tischsegen Jesu besteht unsere Abendmalsfeier im Kern aus einem Dankgebet und der Austeilung mit den deutenden Worten.

  • Der Herr sei mit euch. – Und mit deinem Geiste.
  • Erhebet eure Herzen. – Wir erheben sie zum Herren.
  • Lasset und Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. – Das ist würdig und recht.

Es folgen weiter Gebete, Gesänge und die Einsetzungsworte. Danach teilen die Liturgen Brot und Wein mit dem Zuspruch aus: „Christi Leib für dich gegeben.“ „Christi Blut für dich vergossen.“

2. Wir feiern die Selbstvergegenwärtigung Jesu Christi in Brot und Wein.

Den kommenden Herrn grüßen wir wie einst bei seinem Einzug in Jerusalem: „Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ im Lied „Heilig, heilig, heilig ist Gott“ (EG 185, 1).

Den in Brot und Wein auf dem Altar gegenwärtigen Herrn beten wir an als das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt. Ihn bitten wir in diesem Gottesdienst um sein Erbarmen und um seinen Frieden in dem Lied: „Christe, du Lamm Gottes“ (EG 190, 2).

Mit dem Zuspruch: „Christi Leib für dich gegeben“, „Christi Blut für dich vergossen“ werden mir Brot und Wein als Träger seiner Gegenwart gereicht. Ich kann dazu mein „Amen“ sagen. „So ist es!“ – Welch ein heiliger Moment! Jesu Versprechen geht in Erfüllung: „Hier bin ich für dich, was immer auch passiert. Hier bin ich für dich, wenn du mich suchst.“ Der tapfere Heiland, der in der Nacht des Verrats, sein Ende vor Augen, den Jüngern seine bleibende Gegenwart versprochen hatte, ist bei mir und für mich da.

Ich komme zum Schluss

Was fehlt uns, wenn wir nicht Abendmahl feiern können?

Im Heiligen Abendmahl stehen wir in einem nie unterbrochenen Zusammenhang mit den Ereignissen des letzten Abends Jesu. Sein damals gegebenes, gewagtes Versprechen geht unter uns in Erfüllung. Er beschenkt uns mit seiner Grenzen überschreitenenden Gegenwart und nimmt uns in den neuen Bund hinein.

  • Der Geist weht, wo er will. H i e r vollzieht er eine Punktlandung.
  • Suchen können wir Jesus überall. H i e r ist er zu finden.

Deshalb musste der Gründonnerstag 2020 nachgeholt werden!

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