15)Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16) Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17)So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.
18)Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19)Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20)Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21)So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. (1. Mose 50,15-21)
Josef zieht Bilanz
Irgendwann überkommen einen Fragen wie:
- Wo stehe ich?
- Was habe ich erreicht?
- Bin ich mit meinem Leben zufrieden?
Diese Fragen können zu einer Midlife-Crisis führen. Sie melden sich meist in diesem Lebensabschnitt. Nicht in der Aufbauphase. Die junge Familie, die eben im 9:00 Uhr Gottesdienst war, Vater, Mutter, zwei Kinder, eins davon auf dem Arm hat alle Hände voll zu tun, um durch den Tag zu kommen. Aber für die Befindlichkeit im Ruhestand wiegt schwer, ob der Rückblick auf das Arbeitsleben zufriendenstellend ausfällt oder nicht.
Wir hörten eben wie Josef mit 30 Jahren – das war damals die Lebensmitte – seinen Brüdern gegenüber Bilanz zog: „I h r gedachtet es böse mit mir zu machen, aber G o t t gedachte es gut zu machen.“ Als ägyptischer Viezekönig trägt er ein Staatsgewand mit Amtskette und Siegelring. Jeder hat ihm Reverenz zu erweisen. Die Bibel liefert dazu die Homestory unter dem Titel: „Lebenskrise mit glücklichem Ende.“
Das wird übrigens zum Slogan der frühen Christen in Jerusalem: „Ihr habt ihn getötet, Gott hat ihn auferweckt.“ Petrus predigt in der Halle Salomos: „aber den Fürsten des Lebens habt ihr getötet. Den hat Gott auferweckt von den Toten, dessen sind wir Zeugen.“(Apg 3, 15) Josefs Gott ist auch der Gott Jesu Christi.
Versuchter Mord – sozialer Tod
Da war der Hass aller 10 Halbbrüder. In ihren Augen stand: „Wir machen dich kalt. Jetzt!“. Als Josef sie am Rande der Wüste bei den Herden aufsuchte, packten sie ihn und rissen ihm sein verhasstes Outfit vom Leibe. Ja, sie spürten die Angst seiner Seele. Sie hörten, wie er sie anflehte. Aber dafür war es jetzt zu spät. Als sie zum Messer griffen, warf sich Ruben in letzter Minute dazwischen für einen weniger blutigen Tod. In einer trockenen Zisterne, einem tiefen in den Boden geschlagenen Hohlraum mit einer festen Abdeckplatte sollte Josef verdursten und verhungern.
Später brachte Juda die Meute dazu, Josef in die Sklaverei zu verkaufen, wie das zuweilen Eltern in Not mit ihren Kindern taten. Für 20 Silberstücke, gehacktes Silber in unbestimmter Größe. Leibeigenschaft, das war der soziale Tod.
Die Zehn präsentierten dem Vater das blutgetränkte Gewand des Verschleppten. Ganz cool. Er möchte doch mal schauen, ob es vielleicht Josef gehörte, den sie leider vermissten. Jakob schrie auf vor Schmerz! So zahlten sie ihm ihre fortwährende Zurücksetzung heim. Dabei wäre in der Großfamilie genug Raum für alle gewesen. Aber nicht mit Jakob. Er war sein Leben lang nur in die schöne Rahel vernarrt. Sie allein war seine große Liebe und nicht Lea, ihre ältere Schwester, oder Biha und Silpa, die sogenannten Leibmägde. Die auf dem Schoß der Herrin für sie Kinder gebaren.
Nach Rahels frühem Tod bei der Geburt Benjamins hatte Jakob nur noch Augen für die beiden Söhne, die sie ihm geschenkt hatte: für Josef, den älteren, und Benjamin, den kleinen. Alle anderen hatten das Nachsehen: Ruben, Simeon, Levi, Issachar, Sebulon, Dan, Gad, Naftali und Asser. Obwohl sie es waren, die für den Vater hart arbeiteten und sein Unternehmen am Laufen hielten.
Am Rande sei erwähnt: Neue Einsichten werden stets auch an der Bibel erprobt. Eine gendersensible Auslegung macht an jenem bunten Rock, den Josef trug, fest, dass er unterschwellig nach sich selbst und seiner Geschlechtsidentität suchte. In „evangelisch.de“ stieß ich auf eine Josef-Predigt aus dem Jahre 2016 mit einem Text von J. Mase III, einem educator und performer aus Seattle: „Lieber Joseph der Genesis, Josephine, Jo, ich beanspruche deine Geschichte für jedes schwul-lesbisch-queere Kind, dem erzählt wird, dass es unheilig sei.“
Zu bedenken wäre allerdings, dass es sein Vater Jakob war, der das Prachtgewand nähte.
Posttraumatisches Wachstum
Ich sprach neulich mit einem 35-jährigen Mann, der gerade unter einer Panikattacke litt. Das Gespräch sollte ihm helfen, durchzukommen. Er leidet bis heute an den Folgen der Gewalt, die er als Kind erlitten hat, und ist nur eingeschränkt lern- und arbeitsfähig. Den Alltag zurückzuerobern, ist äußerst mühsam. Seelische Verletzungen überschatten sein ganzes Leben.
Einen Tag später beschäftige ich mich mit Josef. Für den heutigen Gottesdienst. Bei ihm führten die erlittenen seelischen Versetzungen nicht zu einer lebenslangen Verstörtheit, wie z. B. bei Hans Christian Andersen. Es bildete sich ein posttraumatisches Wachstum heraus. Das er nicht sich selbst zuschrieb („Was bin ich doch für eine Kämpfernatur“ oder so). Nein, er sieht Gott am Werk.
Schauen wir uns das einmal näher an, denn Josefs Gott ist auch unser Gott. Seine Hilfe für Josef möchte uns als Beispiel dienen. Dreimal stand Josef vor dem Nichts: In der Zisterne, in der Sklaverei und im Gefängnis. Ein solcher Ort reicht aus, um ein Leben zu zerstören.
Gott leistete Beistand in der Todesangst
Geschwister prägen einen. Josefs Brüder waren ein Aplptraum, die Enttäuschung seines Lebens. Sie ließen ihn spüren, was es heißt, ausgestossen zu werden, gehasst zu werden, zu flehen, ohne Gehör zu finden. Dann die stockfinstere Zisterne. Trostlos…Ist das das Ende?
Gott leistete beistand in der Sklaverei
„Und der HERR war mit Josef, sodass er ein Mann war, dem alles glückte.“ (1. Mose 39, 2). Leibeigenschaft, Freiheitsverlust, eine niederschmetternde Erfahrung! Josef wurde im Hause Potifars zu einer Sache wie ein Staubsauger oder eine Waschmaschine. Musste arbeiten und schuften. Kam zu nichts mehr als zum Schlafen. – Aber nach und nach fand er sich in der Lage zurecht. Stellte sich geschickt an, gewann Vertrauen und stieg zum Butler auf.
Gegenüber den erotischen Avancen der Frau des Hausherren zeigte er sich charakterfest. Aber als rechtloser Sklave konnte er sich nicht verteidigen, als die Lügnerin den Spieß umdrehte und schrie: „Er wollte mir an die Wäsche. Fasst ihn.“ Unglücklicherweise war Josef in diesem Moment auch noch nackt. Das reichte fürs Gefängnis.
Gott leistete beistand im gefängnis
„Der HERR war mit Josef, und was er tat, dazu gab der HERR Glück“ (1. Mose 29, 32). Wieder war Joseph auf dem Nullpunkt angekommen und drohte zu verschmachten. Wieder wuchs ihm die Kraft zu, zurechtzukommen und sich nützlich zu machen. Wieder wurde ihm Verantwortung übertragen. Allerdings vergass der Mundschenk des Pharao sein Versprechen, Josefs Freilassung zu erwirken.
In Josef war der Geist Gottes
„Wie können wir einen Mann wie diesen finden, in dem der Geist Gottes ist?“, rief der Pharao aus. (1. Mose 41, 37) Auf der Straße bekam ich neulich den Spruch mit: „Mein Hund ist mein einziger Freund. Mit den Menschen bin ich fertig.“ Josef hätte allen Grund gehabt, diese Meinung zu teilen. Was er mit den Brüdern, der Frau Potifars und dem Mundschenk erlebt hat, reicht für zurückbleibendes Mißtrauen, Verbitterung und Empathieverlust. Aber Josef wurde nicht zum Zyniker. Gottes Geist bewahrte ihn davor, dass sich sein Charakter verhärtete.
Er versorgte das Volk
Josef nutzt seine hohe Stellung als Mitregent nicht aus, um sich selbst zu bereichern. Wie das zum Beispiel in Nigeria, Angola und der Republik Kongo der Fall ist, wo die Machthaber stündlich reicher werden, Milliarden ins Ausland schaffen, während das niedrige Einkommen des Volkes niedrig bleibt. Gemäss der Logik der Träume von den sieben fetten und den darauf folgenden sieben mageren Jahren, die er dem Pharao erklären durfte (1. Mose 41,37) wirtschaftete er vorausschauend zum Nutzen des ganzen Volkes. In der Hungersnot gab es Korn für alle.
Er verzichtete auf Rache
„Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?“ (1. Mose 50, 18) Solange Jakob noch lebte, fühlten sich die Brüder mit ihren Familien in Ägypten sicher. Josef hatte ihnen Aufenhalt im Land während der Hungernot gewährt. Nun, nach der Beisetzung des Patriarchen und dem Ende der Trauerzeit meldeten sich Zweifel: „Ist wirklich alles bereinigt? Was hat er mit uns vor? Wird er Rache nehmen?“ Josefs Antwort, passt zu dem Wort Jesu aus dem heutigen Evangelium: „Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.“(Lk 6, 37)
Die Versöhnung hatte sich Josef etwas kosten lassen. Er hatte die Brüder hart rangenommen, bevor er sich ihnen zu erkennen gab. Sie wurden als Spione verdächtigt, mussten eine Geisel stellen und – zum Schrecken des Vaters – Benjamin nach Ägypten bringen. Josef gab sich den Anschein, ihn ganz bei sich behalten zu wollen.
Ich komme zum Schluss
Bei allem, was uns von Josef unterscheidet, eins haben wir gemeinsam: Sein Gott ist auch unser Gott. Sein Leben möchte ein Beispiel dafür geben, wie Gott wirkt. Für unsere Lebensbilanz bedeutet das:
1. Gott wirkt unspektakulär ohne bennenden Dornenbusch. Im Hintergund, aber effektiv und stabilisierend. Was uns gelungen ist, verdanken wir auch ihm. „Und was er tat, dazu gab der Herr Glück.“ Unsere Bilanz sollte offen sein, für das, was er in unser Leben einbringt.
2. Gottes Absicht ist oft erst im Nachhinein erkennbar. Unser Leben ist wie ein Puzzle. An jedem Tag kommt ein neues Teil hinzu und wird erst einmal in der Sammlung verwahrt. Bis wir die Zeit dazu finden, darüber nachzudenken: „Wo stehe ich?, Was habe ich erreicht?, Bin ich mit meinem Leben zufrieden?“ Als Josef 17 Jahre alt war, wusste er nicht, wie ihm geschah. Mit 30 konnte er sich einen Reim darauf machen.
3.“ I h r gedachtet es böse mit mir zu machen, aber G ot t gedachte, es gut zu machen.“ Nicht alles, was uns zustößt, ist Gottes Wille. Die Absichten der Brüder standen seinem Willen stracks entgegen. Wir sind den Hinweisen nachgegangen, wie Gott Josef in seinem Verhängnis beschützte. Er stand ihm in Notlagen bei, ermöglichte posttraumatisches Wachstum und bewahrte ihn vor Zynismus und Rache. Eine Lebenskrise mit glücklichem Ende.
So will er auch mit uns sein!

