Navid Kermani: Brücken zwischen Glauben und Kunst

18) Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft. 19) Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): „Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.“ 20) Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?

21) Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben. 22)Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, 23)wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; 24) denen aber die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. 25) Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind. (1. Kor 1,18-25)

Ein Brückenbauer

Als einen Weisen unserer Tage betrachte ich den Schriftsteller, Publizisten und Orientalisten Navid Kermani. Ein Überblick über sein Schaffen wäre eine Predigt für sich.

Selbstverständlich rein zufällig bekommen seine Nachbarn vieles aus seinem Arbeitszimmer mit. Warum er sich gelegentlich nach vorne beugt, kniet, mit der Stirn den Boden berührt usw., verstehen sie inzwischen. Das sind die Gebetsgebärden des muslimischen Stundengebets As-Salah (arabisch); eine der fünf Grundpflichen eines Muslim, einer Muslimin. Aber welchen Vers sollen sich die Nachbarn nun auf das einen halben Meter hohe Stahlkreuz machen, das neuerdings links neben dem Computerbildschirm und und schräg über dem Gebetsteppich auf dem Schreibtisch steht? Dieser Frage wollen wir auch nachgehen.

„Für mich ist das Kreuz ein Symbol, das ich theologisch nicht akzeptieren kann.“, resümiert Kermani seinen Standpunkt und verweist auf die Verbote der Gotteslästerung und der Verehrung von Götzenbildern aus Koran und Bibel. Deshalb betet er in einer Kirche – er betet in einer Kirche! – nie zum Kreuz hin.

Ein Kreuz, das kein Abbild mehr ist.

Beim Studium christlicher Kunstwerke stieß er auf das Muqarnas-Kreuz des Münchner Bildhauers Karl Schlamminger aus dem Jahre 2005 (bitte ggf. googeln.):

„Erstmals denke ich: Ich – nicht nur man – ich könnte an ein Kreuz glauben. Es steht nicht für die Inkarnation in einem Menschen; es steht für die Inkarnation als Prinzip.“

In der islamischen Mystik gilt das aus zwei Balken zusammengesetzte Kreuz als Symbol des Weltlichen, Vergänglichen. Bestand hat nur das Einfache, nicht Zusammengesetzte. Schlammingers Kreuz wird dem gerecht. Er hat bei der Herstellung des Stahlkreuzes nichts hinzugefügt und nichts weggelassen; es gab keinen Abfall. Eine bestimmte Menge hauchdünner Metallscheiben wurde in eine Bewegung gebracht und sozuagen verzwirbelt. Die Mitte des so entstandenen Kreuzes erinnert an das althergebrachte Waben-Gewölbe in der Kuppel großer Moscheen.

Kermani begreift dieses Kreuz als Symbol der Einheit Gottes, die sich verströmt und in Menschen aufleuchtet. Ein Kreuz, das kein Abbild mehr ist, darf seinen Schreibtisch zieren.

Warum hast du uns verlassen?

An der „Kreuzigung“ von Guido Reni, ca. 1635-1638, San Lorenzo in Lucina, Rom, schätzt er, dass sie der Verklärung des Schmerzes widerspricht. Aus Persien kennt er den Märtyrer-Kult der Schiiten und missbilligt ihn. Ausschweifendes Klagen hält die Menschen davon ab, die Welt zu verändern. Reni stellt Jesus ohne Wunden, Striemen und Blut dar. Wie er die Hände zum Himmel erhebt, um mit seinem letzten Atemzug Gott anzuklagen: „Nicht, warum hast du mich, nein, warum hast du uns verlassen?“ Kermani interpretiert diese Geste als eine Klage über die menschliche Sterblichkeit. Jesus steht für jeden Toten, jederzeit an jedem Ort.

Kermanis Buch „Ungläubiges Staunen über das Christentum“ mit 40 Betrachtungen von Bildern und Kunstwerken überwiegend aus Italien wurde ein Bestseller. Ein hochgebildeter Muslim, der sich tief auf die christliche Kultur einlässt und sich das zunächst Fremde persönlich aneignet. Muslimische Schülerinnen, die sich scheuen, eine Kirche zu betreten, werden von ihm ermutigt, neugierig zu sein, hinzusehen.

Kermanis Buch setzt einen Maßstab für einen ebenso respektvolles und einfühlsames ungläubiges Staunen über den Islam.

Gläubiges Staunen über das Kreuz

Paulus sieht sich als Vorposten der Weisheit Gottes über die Kreuzigung Jesu Christi. Er schreibt an die Gemeinde in Korinth:

„Als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn den Gekreuzigten.“(1. Kor 2, 1f.)

Damit steht er allein auf weiter Flur. Die höchsten Autoritäten seiner Zeit, das römische Recht und die jüdische Religion, unterschiedlich in vielerlei Hinsicht gingen im Blick auf Jesus Christus konform: Er wird gekreuzigt, hierdurch ausgestoßen und zu einer Unperson, die fortan jeder und jede verabscheuen wird.

In einem so gepolten Weltreich redete Paulus gegen eine Wand: „Barer Unsinn!!“, schallte es ihm entgegen. All den Besserwissern, Klugen, Weisen und Schriftgelehrten hielt er den Gottesspruch vor:

„Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.“ (Jes 29, 14)

Seitdem gibt es einen Konflikt zwischen dem Wort vom Kreuz und der Weisheit der Welt. Er wird unterschiedlich beschrieben. Als unversöhnliches Gegeneinander Weisheit und Torheit oder weniger vorwurfsvoll von Glaube und Unglaube. Dem freundlichen und zugewandten ungläubigen S t a u n e n über das Kreuz, das wir bei Kermani kennenlernten, kontrastiert ein gläubiges Staunen über das Kreuz.

Zu einem gläubigen Staunen über das Kreuz kommt es nach der Erfahrung des Paulus weder durch das Auge noch durch den Intellekt sondern durch das Ohr. Damit grenzt er sich von den Juden und den Griechen ab.

Das Auge?

„Die Juden fordern Zeichen.“

Eine Zeichenforderung ist in der Bibel nicht ungewöhnlich. Von Fall zu Fall wird sie auch erfüllt. Ausdrücklich wird Mose von Gott ermächtigt, vor dem Pharao Zeichen, beglaubigende Wunder, zu vollbringen. Aber erst bei der zehnten Plage, der Tötung der Erstgeburt, knickt der Pharao ein, aber nicht auf Dauer. Wenn wir an die Wunder Jesu denken: Zuschauer gab es reichlich, nur einige von ihnen fanden zu Jesus.

Zeichen sind eben mehrdeutig und richtungslos. Offen für gläubiges und ungläubiges Staunen. Kermani sah im Gemälde von Reni den leidenden Menschen. „Dieser Jesus ist nicht Gottes Sohn und nicht einmal sein Gesandter.“ Ein anderer Betrachter nimmt den feinen Glanz des Heiligenscheins wahr, der Jesu Haupt umgibt, und urteilt: Das ist der Sohn Gottes!

Der Intellekt?

Die Griechen fragen nach Weisheit.“

Vergleichbar mit Paulus grenzt sich Kermani gegen eine übergriffige Form von Weisheit ab:„Aufklärung ist nicht nur die Herrschaft der Vernunft, sondern zugleich das Einsehen in ihre Begrenztheit.“ Aufklärung durch Wissen und Weisheit ist unverzichtbar. Es ist besser, vernünftig zu sein als vernunftlos und abergläubisch, besser rational und nachvollziehbar zu handeln, als irrational und wetterwendisch.

Bedenklich wird es, wenn sich ein „Vulgärrationalismus“ aufplustert. Wenn der Verstand sich selbst absolut setzt und lediglich das gelten läßt, was er ableiten kann: „Ich mag an keinen Gott glauben, aber ich nehme Rücksicht darauf, dass andere das tun; uns fehlen die Möglichkeiten, letztgültig zu beurteilen, wer im Recht ist.“(So Kermani anlässlich des Verbots der Beschneidung durch das Amtsgericht Köln im Jahre 2012.)

Das Ohr!

Navid Kermani näherte sich dem Kreuz über die bildende Kunst. „Er versteht den Glauben seiner Väter als eine Ohrenreligion, das Christentum hingegen als eine Augenreligion mit viel drastischer Sinnlichkeit.“(Friedrich Wilhelm Graf) Das Christentum ist überwiegend bildfreudig. Fasst man es als eine Augenreligion auf, bescheidet man sich mit der Aussenansicht.

Zur Zeit des Paulus gab es noch keine christliche Kunst. Das Bild, um das es damals ging, war die Kreuzigung Jesu Christi. Jeder und jede konnte sich etwas darunter vorstellen, etwas Schlimmes und Abstoßendes. Paulus etabliert deshalb eine Ohrenreligion. An erster Stelle steht nicht das Kreuz als sichtbarer, stummer Gegenstand, sondern das an das Ohr gerichtete „Wort vom Kreuz“.

„Wir aber predigen den gekreuzigten Christus…als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“

Gottes Kraft und Weisheit im gekreuzigte Christus erschließt sich durch das „Wort vom Kreuz“, das in die Innenperspektive der christlichen Religion führt. Die Übersetzung „Predigt“ und „predigen“ steht so in der Lutherbibel. Von ihr aus führt eine direkte Linie zu den Kanzeln der evangelischen Kirchen und der reformatorischen Konzentration auf das Wort.

„Die Predigt des Wortes Gottes ist das Wort Gottes.“, verlautbarte eine reformierte Bekenntnisschrift (Confessio Helvetica posterior, 1566). Prediger oder Predigerin stellen ihre Arbeit Gott zur Verfügung, damit er sich durch sie kundgeben kann. So wächst gläubiges Staunen über das Kreuz.

In der Predigt werden wir nicht mit dem wohlfeilen Rat abgespeist: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“ Sondern mit der frohen Botschaft: Gott hat die Welt mit sich versöhnt und schenkt uns dadurch Zukunft.

Ich komme zum Schluss

  • Bei Navid Kermani ist der Konflikt zwischen dem Wort vom Kreuz und der Weisheit der Welt entspannt.
  • „Ungläubiges Staunen über das Kreuz“ schlägt eine Brücke zwischen Islam und Christentum. Wir brauchen eine ähnliche Brücke vom Christentum zum Islam.
  • „Gläubiges Staunen über das Kreuz“ wird durch die Predigt hervorgerufen und führt in die Kirche. Auch uns, auch heute. Wären wir sonst hier?

Entdecke mehr von Licht für die Welt

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen