Ein kabbeliges Klassentreffen?
Ich gehöre einem Jahrgang an, der acht Jahre im Klassenverband unterrichtet wurde von der 5. bis zur 13. Klasse. Dadurch sind wir zusammengewachsen und haben uns nicht aus den Augen verloren. Seit einiger Zeit treffen wir uns jährlich. Normalerweise ist das eine ruhige Angelegenheit.
Diesmal könnte es lebhaft werden. Auslöser war die Nachricht einer Mitschülerin, nach reiflicher Überlegung habe sie sich dem „Manifest für den Frieden“ von Alice Schwarzer und Sara Wagenknecht angeschlossen und würde gerne in unserer Runde darüber disputieren. Mit der Panzerlieferung sei für sie die rote Linie überschritten: Die Eskalationsspirale müsse augenblicklich gestoppt werden! Sie verwies auf Willy Brandts Berater Egon Bahr (gestorben 2015): „Frieden ist das oberste Gut. Wichtiger als Demokratie und Menschenrechte es sind.“
Das empörte einen Mitschüler, der Geflüchtete in Brandenburg untergebracht hat und versorgt. Er hatte ihre Schicksale vor Augen, weiß, was sie hoffen und wünschen: Ein freies Land mit Demokratie und Menschenrechten – keine russische Gewaltherrschaft.
Die beiden wechselten fünf E-Mails. Wird unser Klassentreffen kabbelig?
Mein Friedensgebet
Der Krieg zerrt an unser aller Nerven. Er dauert nun schon ein Jahr. Wir haben Mitleid mit den weinenden Menschen und den Geflüchteten, von deren Schicksal wir erfahren. Unterstützen und helfen, soweit wir können, und beten für den Frieden. In mein Friedensgebet gehört das Vaterunser. Es hilft mir, Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden.
Wenn ich das Vaterunser bete, werde ich auf das Reich Gottes eingestimmt: „Dein Reich komme.“ In endgültiger Weise ist das die Vollendung, wenn Gott alles in allem ist und Tränen, Schmerz und Leid außer Kraft gesetzt sind. Jederzeit möglich ist eine vorläufige, verborgene Stippvisite, zum Beispiel dort, wo Gottes Wille geschieht und wo wir vom Bösen befreit werden.
„Dein Wille geschehe.“ Was ist Gottes Wille? Eine schwierige Frage, je nach dem, was ansteht. In unserer Situation gibt es eine klare Erkenntnis: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein! Krieg ist als Mittel der Politik geächtet. Was für ein Übel er ist, haben wir vor Augen. Jeder Tag kostet bis zu 1.000 Menschenleben. Ein Unrecht, das zum Himmel schreit in unserer Nachbarschaft. Da können wir uns nicht raushalten.
Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein! Unser Platz ist an der Seite der Menschen im Bombenhagel und der Geflüchteten, die furchtbares Unrecht erleiden müssen.
„Erlöse uns von dem Bösen.“ Vielleicht denken wir dabei an d e n Bösen oder an das Böse i n u n s . Böse ist auch die Lüge – als Manipulation: „Spezialoperation“ statt wahrheitsgemäß „Krieg!“, als Desinformation (Der Westen hat den Krieg entfesselt, Russland will ihn beenden. – Womöglich glaubt das jemand in Afrika?) oder die Mär vom dreieinen russischen Vaterland, die Ukraine und Weissrussland einbegriffen, als Begleitmusik zur Landnahme.
Seien wir wachsam gegenüber der Lüge; sie vermag, den den Angreifer zum Verteidiger zu schminken.
„Wir fordern den Bundeskanzler auf, die Eskalation der Waffenlieferungen zu stoppen. Jetzt!“ So das „Manifest für den Frieden“. Beenden wir die Militärhilfe! Sie verlängert den Krieg. – Es stimmt, der Krieg ist unersättlich. Andauernd muss er Menschen und Maschinen verschlingen. Ohne Nachschub würde er eingehen. Aber nur auf der Seite der Ukraine! Russland verfügt über genug eigene Waffen.
Deshalb setze ich ein dickes Fragezeichen hinter dieses Manifest.Die Ukraine hat das Recht, sich zu verteidigen. Sonst obsiegen Unrecht und Lüge. Die paradoxe Intervention, auch die linke Backe darzubieten, wenn man auf die rechte geschlagen wurde, die Jesus ins Spiel bringt, hat er selbst gelebt. Einzelne haben das auch versucht, freiwillig. Wenn ein ganzes Land diesen Weg wählt, ist das allein seine Entscheidung. Aufzwingen können wir das der Ukraine nicht.
Die Ukraine hat ein Recht, sich selbst zu verteidigen.
Jesus mahnt zur Besonnenheit
„Überblickt ihr wirklich, was auf euch zukommt?“ Jesus ernüchtert eine begeisterte Schar, die sich ihm auf der Stelle anschließen wollte. Er schildert, was für eine genaue Planung ein Turmbau verlangt und welcher Spott sich über den daran gescheiterten Bauherrn ergießt: „Stellt euch vor: Einer von euch will einen Turm bauen. Setzt er sich dann nicht als Erstes hin, berechnet die Kosten und prüft, ob sein Geld reicht? Sonst passiert es, dass er das Fundament legt, aber den Bau nicht fertigstellen kann. Alle, die das sehen, lachen ihn aus und sagen: ‚Dieser Mensch wollte einen Turm bauen – aber er konnte ihn nicht fertigstellen.‘
Es folgt ein militärisches Beispiel: „Stellt euch vor: Ein König will gegen einen anderen König in den Krieg ziehen. Setzt er sich dann nicht als Erstes hin und überlegt: Sind zehntausend Mann stark genug, um gegen einen Feind anzutreten, der mit zwanzigtausend Mann anrückt? Wenn nicht, dann schickt er besser Unterhändler, solange der Gegner noch weit weg ist. Die sollen Friedensverhandlungen führen.“ (Lk 14,28-32 BasisBibel)
Was ist realisierbar? Was können wir uns vornehmen? Wie weit reichen unsere Kräfte?Darum geht es auch bei der Unterstützung der Ukraine:
Da ist der mitreißende Präsident Selenskyj. Mit seinen Videobotschaften stärkt er sein bedrängtes Volk und erntet weltweit Applaus, – was sage ich: Standing Ovations!„Ohne ihn würden viele in der Welt nicht darauf reagieren, dass wir mitten in Europa getötet werden.“, so eine ukrainische Journalistin. Er drängt auf Tempo. In einem Jahr soll der Krieg beendet sein. Die nächste Sicherheitskonferenz in München im Februar 2024 wird eine „Nachkriegskonferenz“. – Der leise, nüchtern-freundliche Bundeskanzler Scholz tritt auf die Bremse: „Wir haben einen langen Krieg vor uns.“
Selenskyj vergleicht sein Volk mit David, der den tumben Goliath mit einer Steinschleuder außer Gefecht setzte: „Gebt mir eine stärkere Steinschleuder!“ – Der Kanzler: „Ich lasse mich nicht treiben. Ich handle nur zusammen mit den USA.“
Selenskyj kann auf seine Siege verweisen. Alle Welt hatte sich auf den Fall Kiews eingestellt, als sich die Panzerkolonne heranwälzte. Er harrte dort aus, Kiew wurde gehalten. Auch die Rückeroberung Charkiws, der zweitgrößten Stadt des Landes gelang. – In Deutschland denken wir an die Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad vor 80 Jahren zurück. Russland wurde sträflich unterschätzt. 1941 schepperten die Siegesfanfaren in der Deutschen Wochenschau. Als die Soldaten in der Kälte vor Moskau erfroren, sollte es eine Pelzsammlung des Winterhilfswerks richten. Und „der größte Führer aller Zeiten“ verglich zur selben Stunde Russland mit einem morschen Haus. „Man braucht bloß die Tür einzutreten, dann fällt es zusammen.“ So kam es aber nicht.
Um „Russland zu besiegen“, braucht man mindestens einen Weltkrieg. Das bedeutet nicht, dass wir Putin zu Kreuze kriechen müssen. Besonnenes Handeln ist gefragt:
Wir helfen der Ukraine Stand zu halten, damit sie nicht einverleibt wird. Nicht mehr und nicht weniger.
Ich komme zum Schluss
Nicht nur unser Klassentrefffen, sondern Deutschland ist in Bewegung. In den politischen Talkshows wird die Lage der Ukraine in einer Endlosschleife hin und her gewälzt. „Deutschland tut zu wenig.“ – „Deutschland tut zu viel.“, „Alles viel zu langsam.“ Sofort die Replik: „Nein, es eskaliert.“ Die Wirkung der Sendung hängt davon ab, wer eingeladen wurde. Gegen Sara Wagenknecht oder einen Botschafter der Ukraine kann niemand einen Stich machenn. So läuft eine Show.
Mir tut die Mahnung Jesu zur Besonnenheit gut. Zusammen mit dem Vaterunser weist sie in folgende Richtung:
- Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein! Unser Platz ist an der Seite der Menschen im Bombenhagel, die furchtbares Unrecht erleiden müssen.
- Seien wir Wachsam gegenüber der Lüge; sie schminkt den Angreifer zum Verteidiger.
- Die Ukraine hat ein Recht, sich zu verteidigen und braucht dafür Militärhilfe.
- Wir helfen der Ukraine, Stand zu halten, damit sie nicht einverleibt wird. Nicht mehr und nicht weniger.
Lasst uns dafür beten, dass die Waffen schweigen und dass ein Weg zum Frieden gesucht wird. Gott schenke uns dafür seinen Heiligen Geist:
Geist der Wahrheit, du allein kannst die Mächte austreiben, die die Herrschaft der Welt an sich reißen. Gib uns einen klaren Blick, damit wir erkennen und ohne Angst benennen, was das Leben zerstört und den Weg gehen, der zum Frieden führt, zu Christus, der unser Friede ist in Ewigkeit. (Tagesgebet zum zweiten Sonntag in der Passionszeit)

