24)Jesus legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25)Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. 26)Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, da fand sich auch Unkraut.
27)Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm:Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? 28)Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten? 29)Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. 30)Lasset beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune. (Mt 13,24-30.38-42)
Ein Bauernstreich mit ernstem Hintergrund
Das passt nach Büttenwarder! Etwa so: Bauer Adsche Tönnsen ärgert sich mal wieder mächtig über den Brakelmann. Letztes Mal hatte er eine Fuhre Mist vor seiner Hoftür abgeladen. Diesmal muss es von größerem Ausmaß sein. So schleicht er nachts mit Unkrautsamen über das frisch bestellte Feld. Eine ganze Weile passiert gar nichts. Adsche wartet auf den Schock, wenn sich der Schaden abzeichnet.
Tatsächlich die Knechte hyperventilieren. Sie wollen sofort etwas unternehmen. Bauer Brakelmann bleibt die Ruhe in Person. Die Provokation prallt an ihm ab. Mit der bevorstehenden Ernte wird alles abgetan sein. Das Unkraut wird verbrannt, der Weizen geerntet. Punkt. Keine Schädigung, die ihm Kopfzerbrechen bereiten könnte.
Eine Predigt vom „klugen Bauern“ böte sich jetzt an, die ausmalt, wie wichtig Gelassenheit ist. Diesen Weg werde ich heute Abend nicht einschlagen. Denn Jesus liefert zu dem Bauernstreich noch einen Anhang – für starke Nerven.
Im kleinen Kreis mit seinen Jüngern lässt er die Dorfidylle hinter sich. Mit drei Paukenschlägen weitet er den Blick und spitzt zu, was das Gleichnis umschreibt. Denken Sie an den berühmter Auftakt der Beethovenschen Schicksalssymphonie : ta-ta-ta-taaa, ta-ta-ta-taaa. Es geht um unser Schicksal, um den Zustand der Welt.
Der erste Paukenschlag: Der Acker ist die W e l t. – Die Zerrissenheit der Geschichte
Natürlich ‚rumpelt‘ es auf dem kleinen Acker in Büttenwarder, wenn sich Unkraut zwischen den Weizen drängt. Dem Gemenge von Unkraut und Weizen entspricht auf dem Acker der Welt die Gemengelage zwischen Menschen, die sich der Herrschaft Gottes unterstellen, und den anderen, die dem Bösen folgen (Mt 13,38). Was Menschen einander antun können, übersteigt jeden Wildwuchs in der Landwirtschaft. Unkraut mag schädlich sein, gewisse Menschen sind dezidiert böse und zerstörerisch.
Im Rückblick auf das Jahr 2018 macht uns Kummer, wie zerrissen die Geschichte ist. Die einen tun unbestechlich ihre Pflicht, die anderen leben auf der Überholspur und sind käuflich. Bestechliche Richter schützen die Armen nicht. Geschmierte Polizisten schauen weg. Kleptokraten wirtschaften in die eigene Tasche und lassen ihre Völker ausbluten. Öl- und rohstoffreiche Länder Afrikas sind bitter arm.
Den Guten geht es schlecht und den Schlechten gut. Humanitäre Katastrophen. Mir stehen die Bilder der lebensbedrohlich mangelernährten Kinder aus dem Südsudan vor Augen und die der dafür verantwortlichen Kontrahenten Salvakir (immer mit Hut) und Machar, wie sie fidel in feinen Anzügen aus großen Limousinen steigen und über den X. Waffenstillstand palavern. Seit fünf Jahren haben sie keinen befolgt. Ihre sogenannten Volksbefreiungsarmeen kochen alte Stammesgegensätze hoch und stürzten die Menschen im mehrheitlich christlichen Südsudan in Elend und Armut.
Dichter Nebel aus Lügen und fake news verhindert, dass Sachverhalte aufgeklärt und Schuldige benannt werden. Überall Fragezeichen: Wer setzte Giftgas in Syrien ein? Wer veranlasste die Ermordung Khashoggis? Den Anschlag auf Skripal? Den Abschuss der Malaysian-Airlanes-Maschine, Flug 17 über der Ostukraine?
Der zweite Paukenschlag: Der Feind, der es sät, ist der T e u f e l . – Die Faszination des Bösen
Unkraut unter den Weizen mischte nicht Bauer Adsche Tönnsen aus Büttenwarder, – der hat auch lichte Momente – sondern ein Feind, der unter keinen Umständen jemals einlenkt – der Teufel, der Feind schlechthin. Höchst aktiv. Ein Doppelgänger Gottes. Wo Gott sät, da mischt er unter. Wo Gott eine Kirche baut, da baut er eine Kapelle (Martin Luther).
Die Ärgernisse des Jahres 2018 wie die schrecklichen Zerrissenheit der Geschichte im ganzen werden leichthin auf das Konto Gottes gebucht. Wenn es ihn gibt, ist er dafür verantwortlich – der allmächtige Gott. So scheint es.
Aber es s c h e i n t nur so. Das will Jesus zeigen. Man denkt Brot-Weizen und das Unkraut Taumellolch gehören beide auf den Acker. Jesus legt klar: Nicht alles, was wir auf dem Acker finden, geht auf Gott zurück. Gott wollte den Weizen, nicht das Unkraut. Trotzdem ist es da und breitet sich aus. Dass Gott allmächtig ist heißt nicht, dass Gott alles gemacht hat, dass alles, was ist, so wie es ist, dem Willen Gottes entspricht.
Das feindselige Phänomen „Teufel“ gehört nicht zur Schöpfung. Gott hat es nicht geschaffen. Ihn dürfte es nicht geben, und doch ist er da. Jesus rechnet mit ihm. Seine Existenz sprengt unser kausales Denken, nicht seine Insistenz: Abgesehen hat er es auf den Menschen. Ihn steuert er an, weil er besonders gefährdet ist. Der sogenannte homo sapiens lebt im Unterschied zu den anderen Geschöpfen in einer labilen seelischen Verfassung. Kein anderes Lebewesen schlägt so über die Stränge, kann so hochherzig wohltun oder so kalt hassen wie er. Im wankelmütigen Menschen nistet sich der Teufel wie ein Parasit ein und bringt ihn gegen Gottes Willen in Stellung. Er kann den besten Willen in die schlechteste Wirkung verkehren.
Der dritte Paukenschlag: Wie man nun das Unkraut ausjätet und mit Feuer verbrennt, so wird’s auch am Ende der Welt gehen. –
Ende mit Schrecken.
Alle Jahre wieder wird in Büttenwarder die Ernte eingefahren. Mal fällt sie besser aus mal schlechter. Die Ernte, die Jesus meint, ist einmalig, beispiellos und unumstößlich.
- Dass Gott seine Sonne über Böse und Gute aufgehen lässt, bedeutet nicht: Ihm sei alles gleichgültig.
- Das Gottes Regen über Gerechte und Ungerechte niedergeht, bedeutet nicht: Böses hätte keine Konsequenzen.
Als die Knechte anbieten: „Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten?“ werden sie zurückgepfiffen. „Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet.“ Gott behält sich das Gericht vor. Eine kompetente irdische Strafverfolgungsbehörde besteht nicht.
So zieht ein Ende mit Schrecken herauf: Der Menschensohn wird seine Engel senden, und sie werden sammeln aus seinem Reich alle Ärgernisse und alle, die da Unrecht tun, und sie werden sie in den Feuerofen werfen; da wir sein Heulen und Zähneklappern. Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich. Wer Ohren hat, der höre! (Mt 13,41-43)
Welt ging verloren – Christ ist geboren
In seiner Rede am See Genezareth vor Menschen, die ihn noch kaum kennen, spricht Jesus allgemeiner, nämlich im Gleichnis. Aus gutem Grund, um Missverständnisse zu vermeiden. Später im kleinen Kreis geht er ins Detail. Seine Jünger kennen ihn und wissen, worum es ihm geht: Er ist der Heiland ist, der heil machen will, was zerbrochen ist. – Das feiern wir in der Weihnachtszeit: Welt ging verloren – Christ ist geboren.
Welt ging verloren! Wir hörten von:
- der Zerrissenheit der Geschichte,
- der Faszination des Bösen und
- dem Ende mit Schrecken als drohender Konsequenz.
A b e r Christ ist geboren!
- Er sammelt um sich Kinder Gottes, von denen Gutes ausgeht.
- Er stellt sich auf die Seite der Opfer und holt sie in die Gemeinschaft seiner Liebe. „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
- Er will verhindern, dass Menschen zu Tätern werden und ein Ende mit Schrecken nehmen. Er appelliert inständig: Wer Ohren hat, der höre! (Mt 13,43)

