Da sagte Judas, der ihn verraten wollte, zu Jesus: „Doch nicht etwa ich, Rabbi? Jesus antwortete: „Du sagst es!“ (Mt 26,25)
Spione am werk
In Przemysl im Südosten Polens an der Grenze zur Ukraine wurde mitten im Flüchtlingselend ein mutmaßlicher russischer Spion festgesetzt. Ein spanischer Staatsbürger russischer Herkunft. Als akkreditierter Journalist trug er Informationen zusammen und plante, in die Ukraine einzureisen
Spione am Werk: In einer ukrainischen Großstadt stieß man nachts auf einen Unbekannten. Er machte sich auf dem Flachdach eines Mietshauses zu schaffen mit einer Markierung für die russischen Bomber…
Diese beiden Spione konnten enttarnt werden. Man legte ihnen das Handwerk, damit sie keinen weiteren Schaden anrichten konnten. – Am Gründonnerstag (nach unserem Kalender) bekam Jesus es mit einem Spion zu tun. Wie verfuhr er mit ihm?
Er ließ Vorsicht walten
Jesus hatte gespürt, wie einer seiner Schüler, der Judas, sich mehr und mehr von ihm entfernt, ja innerlich verabschiedet hatte. Für ihn war er nicht mehr derbewunderte Mittelpunkt, wie für die anderen, sondern der „Rabbi“ – ein Schriftgelehrter, und davon gab es viele. Möglicherweise führte er etwas gegen ihn im Schilde?
Nach Jerusalemer Kalender war es der 13. Nisan, der Tag vor dem Passafest. Viel musste da herbeigeschafft, angerichtet und bereitgestellt werden. Um die gemeinsame Feier am Abend, wenn der neue Tag anbrach, nicht zu gefährden, bleibt die Arbeitsanweisung vage. Nur eben: „Geht in die Stadt. Dort trefft ihr einen Mann. Der weiß alles Weitere.“ Keine für einen Spion brauchbare Information.
Er enttarnte ihn
Das gottesdienstliche Mahl mit der Schriftlesung vom Auszug der Israelis aus Ägypten, den symbolträchtigen Speisen samt dem eigens im Tempel geschlachteten Lamm und dem feierlichen Weinumtrunk nimmt seinen Lauf. Bei der verstörenden Ankündigung: „Einer unter euch wird mich verraten.“, kippt die Stimmung. Kein Protest, alle sind verunsichert, irritiert: „Doch nicht etwa ich, Herr?“ Doch nicht etwa ich?“, so schrecken sie zurück. Jesus belässt es nicht dabei, erhöht den Druck. „Der sein Brot mit mir in die Schale taucht, der wird mich verraten.“ Wieder konnte jeder gemeint sein; man aß damals aus gemeinsamen Schalen.
Bei Markus und Lukas hat es damit sein Bewenden, dass Jesus die ganze Gesellschaft schockt. Matthäus und im Johannes wissen derüber hinaus von einem Knalleffekt. Als Judas sich anschließt: „Doch nicht etwa ich, Rabbi?“ gab Jesus scharf zurück: „Du sagst es!“ Damit identifizierte er den Spion in den eigenen Reihen.
Er legte ihm nicht das Handwerk
Ein Knalleffekt! Allerdings ohne Zündung!! Ohne Empörung, ohne Aufhebens. Wie in einem Trancezustand essen alle weiter und singen den großen Lobgesang, die sechs Psalmen 113-118, mit „Danket dem HERRN, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich,“ am Schluss.
Wann Judas sich davon machte, interessierte nicht. Vieleicht erst am Ende, als alle gingen; vielleicht schon früher. Mit der kostbaren Information, wo die Häscher Jesus in der Nacht aufgreifen konnten. Seine Enttarnung blieb unter vier Augen. Anders als wir mit Spionen umzugehen pflegen, legte ihm Jesus das Handwerk nicht.
Was hinderte ihn daran? Seine Mission! Jesus war an jenem Abend auf das Allerschlimmste gefasst: „Der Menschensohn muss sterben. So ist es in der Heiligen Schrift angekündigt.“ Diesem Schicksal wollte er sich nicht entziehen. Aus freiem Willen fügte er sich in alles, was auch immer auf ihn zukommen sollte. Er sah darin den Weg zur Erlösung. Mit der Hingabe seines Leibes und seines Blutes verband er die Vergebung der Sünden. Stellvertetend für die Vielen, die es nötig haben, wollte er Sühne leisten.
In die traditionellen Tischgebete webt er Hinweise auf sein bevorstehendes Opfer ein. Als er das gebrochen reicht, wie das sonst der Hausvater tut: „Das ist mein Leib.“ Und als er später den Kelch herumgehen lässt: „Das ist mein Blut. Es wird für die Vielen vergossen werden zur Vergebung der Sünden.“ Diese beiden Gesten überdauerten das einstige Passamahl und blieben in seiner Gemeinde bis heute lebendig.
Zeit seines lebens vergab er ihm nicht
Jesus federt die Untat nicht situationsethisch ab. Etwa so: „An und für sich ist es schon niederträchtig, einen Kameraden zu hintergehen, aber nicht in diesem besonderen Fall.“ Nein, er sorgt sich: „Wehe dem Menschen, der den Menschensohn verrät. Er wäre besser nie geboren worden!“ Verrat ist Verrat und bleibt Verrat; Vertrauensbruch statt stummer Ablehnung oder offener Absage. Jesus sah in Judas nicht einen geheimen Gehilfen Gottes. Zeit seines Lebens hat er ihm nicht vergeben.
„Judas hat am Abendmahl teilgenommen, also wurden ihm seine Sünden vergeben.“ Das halte ich für einen Kurzschluss. Judas steht an diesem Abend zu seinem Plan und setzt ihn um. Als Jesus ihm in die Augen sieht, erwidert er entschlossen seinen Blick. Einsicht oder Reue zeigt er nicht.
Lässt sich die rätselhafte Gefühlswelt des Judas entschlüsseln? Amos Oz und Walter Jens haben sich in ihren Romanen in die Problematik vertieft. Auch um Judas vor dem zähen Antisemitismus in Schutz zu nehmen, der sich an seiner Person festgekrallt hat: „Alle Juden sind wie Judas – Gottesverräter, Heuchler, Geldgierige.“ Ein schändlicher Vorwurf! Erhoben wider besseres Wissen: Bekanntermaßen waren a l l e im Abendmahlssaal Juden.
Herr, bin ich’s?
Diese Frage holt alle in den Abendmahlssaal hinein, die sich Jesus nahe fühlen. Wie sieht es mit mir aus? Wo stehe ich? Wie die Zwölf damals so ist niemand von uns heute davor gefeit, sich innerlich von Jesus zu entfernen, mit ihm zu brechen. Trübe Emotionen können aufkommen, Bitterkeit und Entäuschungen. Auf einmal kann ich nicht mehr bei ihm sein und lasse ihn am Kreuz allein. Das er auch für mich tragen wollte.
In der orthodoxen Kirche wird die Karwoche mit täglichen Morgen- und Abendgottesdiensten begangen. Am Karmittwoch mit der bangen Frage der Jünger: „Herr, bin ich’s?“ Wie wird sich dabei Kyrill, der Patriarch an Putins Seite, einschätzen? – 280 Priester und Diakone seiner Kirchehaben online das Endein Freiheit des Angriffs auf die Ukraine gefordert. „Das ukrainische Volk soll seine Entscheidungen selbst treffen ohne den Druck von Waffen.“ Spione werden dazu nicht gebraucht.
