Elia, der Prophet des Ersten Gebots

7) Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. 8) Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berge Gottes, dem Horeb.

9) Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier Elia? 10) Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn die Israeliten haben deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen un16d deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachteten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.

11) Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERRR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. 12) Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. 13) Als Elia das hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. (1. Kön 19,7-13)

Ein Ritterschlag auf Schloss Windsor

Der 15. Dezember vorigen Jahres war für Donald Runnicles, den Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin, ein besonderer Tag. Und zwar nicht wie manches Mal am Dirigentenpult im Orchestergraben. Er war mit seiner Frau nach England geflogen und fand sich dort am 15. Dezember auf Schloss Windsor ein.

In der Zeitung war ein Bild von ihm mitten in einem prachtvollen Saal. Seine Frau an der Tür ein ganzes Stück weit hinter ihm. „Gegen 11 Uhr an diesem Mittwoch sind wir erschienen, aber nicht die Königin, sondern Prince Charles hat mit dem Schwert vor mir gestanden.“ Runnicles hatte die Queen erwartet. Für sie trat der ewige Kronprinz in Aktion.

„Man kniet sich wirklich nieder und erhält rechts und links mit dem Schwert den sogenannten Ritterschlag.“ Aus Mister Donald Runnicles wurde dadurch Knight Bachelor Sir Donald Runnicles.

„Es gab ein Vorgespräch, wo uns von einem entzückenden Herrn beschrieben wurde, wie alles abläuft und wie man an seinen Platz kommt.“ Es wurde erklärt, dass man dem Prinzen nicht die Hand schütteln sollte: „Darf ich ihnen meine Frau vorstellen, sie steht dort hinten?“, geht gar nicht.

Der Ritterschlag gilt besonderen Leistungen in der Musik wie bei Runnicles oder im Sport wie bei Lewis Hamilton, dem mehrfachen Formel-1-Weltmeister, am selben Tage.

Der Prophet Elia wurde auch ausgezeichnet und zwar in höchster Weise. Man stößt dabei auf die drei Elemente, die auch zum Ritterschlag gehörten: die Vorbereitung – die Audienz – die Erhebung.

Wie Elia ausgezeichnet wird

Vorbereitung. Der „entzückende Herr“ war in diesem Fall ein Engel. Er trat zu Elia, der nach hastiger Flucht am Rande der Wüste angekommen, persönlich am Ende und bereit zu sterben war. Der Gottesbote stärkte ihn auf wundersame Weise und bestellte ihn zum Gottesberg Horeb/Sinai. Dazu gehörte eine Wallfahrt von 40 Tagen.

Der Moseberg – so nennen ihn die Araber – ist ein heiliger Ort für Juden, Christen und Muslime. Letztere sammeln sich dort um einen Hufabdruck des Pferdes des Propheten. Eine Besucherin hatte ihren Schrittzähler eingestellt: Vom Tal bis zum Gipfel in 2.285m Höhe waren es 12.000 Schritte.

Die „Audienz“ begann unvorhergesehen und verstörend mit einem Erdbeben. Elia zitterte in einer Höhle. Todesangst. Eine Grenzerfahrung. Die Herrlichkeit Gottes zog an ihm vorüber. Sie schritt durch das Tor des Sturms, das Tor des Erdbebens und das Tor des Feuers auf Elia zu. In ihrem Zentrum – heilige Stille, ein sanftes, feines Flüstern kaum noch sinnlich fassbar. Elia kam aus der Höhle und bedeckte sein Gesicht mit einem Mantel. Wer den Allerheiligsten anblickt, vergeht. 100m unterhalb des Gipfels liegt ein kleines Tal in einer grünen Ebene, „der Garten des Propheten Elias“. Man sagt, hier hörte er die Stimme Gottes.

Erhebung. Im britischen Königreich wäre es ein Sitz im Oberhaus. Gott holt Elia zu sich in den Himmel. Einige Kapitel weiter wird geschildert, wie er in einem Wagen aus Feuer mit Pferden aus Feuer im Sturmwind abbrauste (2. Kön 2, 11). Wieder bilden Feuer und Orkan die anschauliche Seite des Geistig-Göttlichen.

Als Jesus den Berg der Verklärung bestieg, begegnete er dort Mose und Elia, die Gott zu sich in den Himmel aufgenommen hatte. (Mt 17, 3)

Wofür wird Elia ausgezeichnet?

„Du bist der Wagen Israels mit seinen Pferden!“(2. Kön 2, 12), ruft sein Schüler Elisa ihm nach. Elia, der Streitwagen, Elia, das Schlachtross; so sah er sich selber: „Bis zum Äußersten bin ich für dich gegangen. Alles habe ich für dich getan, denn die Israeliten haben deinen Bund verlassen. Deine Altäre niedergerissen.“ (1. Kön 19, 10)

Elia bekämpfte die Religionspolitik des Königspaares Ahab und Isebel im 9. Jahrhundert. Beide hatten den Staatskult Israels für Baal von Tyros und seine Priester geöffnet. In der Hauptstadt Samaria war ihm ein Tempel errichtet worden. Anderswo war es üblich, mehrere Götter im Land zu haben. Dem schloss man sich an. Zudem war Baal der Gott, mit dem die Königin aufgewachen war.

Der Prophet pochte auf eine Entscheidung: „Wie lange schwankt ihr noch hin und her und könnt euch nicht zwischen beiden entscheiden? Ist der HERR Gott, dann folgt ihm nach! Oder ist Baal Gott? Dann folgt ihm nach!“ (1. Kön 18, 21) Vergeblich. Das Volk schwieg, fühlte sich nicht kompetent. Wusste man gar nichts mehr von Mose?

Jede Seite warf der anderen unerhörte Grausamkeit vor. Übertreibungen? „Elia habe 450 Baalspriester am Bach Kischon töten lassen.“(1. Kön 18, 40). Diese Nachricht wurde konterkariert von Elias Meldung „die Israeliten haben deine Propheten mit dem Schwert getötet“(1. Kön 19, 10). Wahrscheinlich herrschte ein Patt. Jahwe u n d Baal beide Götter wurden in Israel verehrt.

Das Erste Gebot. Elia steht dafür, dass Israel Jahwes Volk bleibt. Ihm verdankt Israel alles. Diesem bisher unbekannten Gott, Jahwe, der Mose seinen Namen anvertraute. Er leitete das Volk aus Ägypten, schenkte Freiheit und eine neue Existenz; er führte in das verheißene Land hinein. Er allein sollte deshalb in Israel verehrt werden.

So machte Elia das Erste Gebot geltend, das in seiner Zeit in Vergessenheit geraten war: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“(2. Mose 20, 2) Dafür wurde er ausgezeichnet.

Elia leistete Mose einen Dienst. Kann er auch Christus und der Kirche einen Dienst leisten? Ich meine, ja. Von Elia führt ein Impuls zur Bekennenden Kirche und von dort aus in die heutige evangelische Theologie.

Elia und wir

1934 schrieb der Schweizer Theologe Emil Brunner (gestorben 1966): „Es geht darum, daß die Botschaft der Kirche nicht zwei Quellen und Normen hat, etwa die Offenbarung und die Vernunft oder das Wort Gottes und die Geschichte, und daß das kirchliche oder christliche Handeln nicht zwei Normen hat, etwa das Gebot und die Ordnungen.“

Und dann kommt er auf Elia: „Der Kampf gegen dieses ‚und‘ ist der Kampf des Elias auf dem Karmel gegen das Hinken auf beiden Seiten und darum der Kampf für die Ehre des wahren Gottes.“

Brunner verwandelte Elia in einen Theologieprofessor, der Quellenscheidung betreibt. Dafür hatte er seine Gründe. Elia wandte sich gegen die Verbindung von Jahwe u n d Baal. Gegen die Verbindung Jahwes mit dem neuen Baal, gegen Gott u n d Hitler konnte man 1934 nicht mehr öffentlich protestieren. Die Würfel waren gefallen. Deutschland lag seinem „nationalen Retter“ zu Füßen und wurde zum Führerstaat umgebaut. Mit satter Zustimmung und allseitiger Anpassungsbereitschaft. Auch die evangelische Kirche sah in der „nationalen Erhebung“ und dem neuen Staat „Gottes Fügung“.

Die einzige Chance in dieser Lage war die innerkirchliche Opposition. Ein kleines gallisches Dorf inmitten der braunen Landschaft, das sich mit theologischen Argumenten gegen die Vereinnahmung, das „Und“ wehrte. Vom 29.-31.05.1934 fand die erste Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche in Barmen statt. Hier konstituierte sich die Bekennende Kirche.

Auf Jesus hören, ihm vertrauen und ihm gehorchen, so beschreibt die erste Barmer These das besondere Christusverhältnis: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Christenmenschen verdanken sich Christus, ihrem Erlöser; sie sind durch die Taufe mit ihm verbunden und von seinem Geist erfüllt. Dem Geist des Friedens, der Nächstenliebe und des Dienens.

Die Folterkeller der SA, die Zerstörung des Rechtsstaats, die Rassenideologie mit Entrechtung und Vernichtung der Juden und der Tötung lebensunwerten Lebens sowie Aufrüstung, Krieg und Weltherrschaft standen dazu völlig quer.

Was mit dem Geist Christi nicht zu vereinbaren war, pflegte man in der damaligen Kirche mittels einer „natürlichen Theologie“ blank zu polieren. Man berief sich auf andere, aktuellere Quellen als Jesus Christus, die alle für Hitler sprachen :

  • auf die „Natur“ (für die Rassenlehre und das Recht des Stärkeren),
  • auf die „Kultur“ (autoritäre Regime lagen im Trend),
  • auf die „Geschichte“ (für die Aufrüstung um die „Schande von Versailles “ zu tilgen).

Deshalb wurd die Verbindung von Jesus Christus u n d anderen Quellen der Offenbarung in Barmen geächtet: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

Theologie im Geiste von Barmen bedeutet für mich: Ja zu neuen Gedanken! Nein zu fremden Göttern oder Ideologien! Offenheit und Lernbereitschaft für neue Erkenntnisse gepaart mit Wachsamkeit, dass sie nicht den Rang einer natürlichen Theologie einnehmen und die Botschaft Christi überblenden, verbiegen oder umsteuern. Nichts macht Sinn in der Theologie, wenn es nicht mit dem Licht Christi ausgeleuchtet werden kann.

Ich komme zum Schluss

  • Elia wurde die höchste Auszeichnung zuteil, die Gott zu vergeben hat. Dehalb erschien er auf dem Berg der Verklärung neben Mose und Christus.
  • Elia unterstützte Mose: Er sorgte dafür, dass das Erste Gebot nicht in Vergessenheit geriet und Israel Jahwes Volk blieb.
  • Im Sinne Elias wurde 1934 das Erste Gebot auf Jesus Christus bezogen. In der Kirche gebührt ihm allein die Ehre.
  • Für die Theologie ist das ein bis heute unübertroffener Maßstab.

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