50) Brüder und Schwestern, das ist ganz sicher: Menschen aus Fleisch und Blut können nicht in Gottes neue Welt gelangen. Ein vergänglicher Körper kann nicht unsterblich werden. 51) Ich sage euch jetzt ein Geheimnis: Wir werden nicht alle sterben, wir werden alle verwandelt werden. Das geschieht in einem Augenblick, so schnell, wie jemand mit der Wimper zuckt, sobald die Posaune das Ende ankündigt. 52) Die Posaune gibt das Signal, dann werden die Verstorbenen zu unvergänglichem Leben erweckt, und wir, die wir dann noch am Leben sind, bekommen den neuen Körper. 53) Unser vergänglicher Körper, der dem Tod verfallen ist, muss in einen unvergänglichen Körper verwandelt werden, über den der Tod keine Macht hat. 54) Wenn das geschieht, wenn das Vergängliche mit Unvergänglichkeit überkleidet wird und das Sterbliche mit Unsterblichkeit, dann wird das Prophetenwort wahr: Der Tod ist vernichtet! Der Sieg ist vollkommen! 55) Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist deine Macht? 56) Die Macht des Todes kommt von der Sünde. Die Sünde aber hat ihre Kraft aus dem Gesetz. 57) Dank sei Gott, dass er uns durch Jesus Christus, unseren Herrn, den Sieg schenkt! 58) Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, werdet fest und unerschütterlich in eurem Glauben und tut stets euer Bestes für die Sache des Herrn. Ihr wisst, dass der euren Einsatz belohnen wird.(1. Kor 15,50-58)
Das Musikinstrument des Ostermontags
Offenkundig ist die Flöte das typische Musikinstrument für den Heiligen Abend… Ihr Klang lässt an die Hirten auf dem Felde und die vielen ihnen gewidmeten Hirtenmusiken denken. Aber wie ist es mit dem Ostermontag? Gibt es auch für ihn ein typisches Instrument? Was meinen Sie im Orchester dazu?
Der biblische Hinweis findet sich in unserem heutigen Predigttext. Es ist tatsächlich die Posaune. Ich freue mich, dass eben in der Kantate auch Posaunen erklungen sind. Was sage ich – „Posaune“!? In biblischen Zeiten benutzte man in Israel das Widderhorn (Schofar). Es ertönte bei wichtigen Anlässen. Der Prophet Jesaja kündigte an, dass einst der durchdringende Ton des Schofars zur Sammlung aller Versprengten Israels auf dem heiligen Berg Gottes rufen wird.
„Zu der Zeit wird man mit einer großen Posaune blasen, und es werden kommen die Verlorenen aus Assur und die Verstoßenen aus Ägypten und werden anbeten den Herrn auf dem heiligen Berg zu Jerusalem.“ (Jes 27,13)
Jesus greift das auf. Zum Klang der Posaunen wird der Menschensohn seine versprengte Gemeinde aus allen Ecken und Enden der Erde zusammenführen.
„Und er (der Menschensohn) wird seine Engel senden mit hellen Posaunen, und sie werden seine Auserwählten sammeln von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum anderen.“ (Mt 24,31)
Liebe Sängerinnen und Sänger, es gibt auch ein wichtiges, vielfach vertontes lateinisches Chorstück, in dem die Posaune des Ostermontags vorkommt. Vielleicht haben Sie schon gesungen „Tuba mirum spargens sonum…“
„Laut wird die Posaune klingen
durch der Erde Gräber dringen.“
„Schaudernd sehen Tod und Leben
sich die Kreatur erheben.“
Es handelt sich um das Requiem, die Totenmesse. Die Posaune kündigt die allgemeine Auferstehung an. Wie die zarten Frühlingsblüher ihre Köpfchen aus der winterlich grauen Wiese herausstrecken, so werden sich beim Klang der Posaune die Versprengten und Verstorbenen aus der Erde erheben. Eine eindrucksvolle Vorstellung!
In unserer heutigen Kantate von Telemann werden wir nach der Predigt im Sopran-Rezitativ hören:
„Wer aber sich vor Gott in Demuth niederlegt,…
der wird, wenn ihn der Tod drückt in die Gruft der Erden,
zur Herrlichkeit erhoben werden.“
Hier wird die individuelle Auferstehung geschildert. Erst das Sich-Niederlegen auf dem Sterbebett, dann das Erhoben-Werden empor zur Herrlichkeit.
Und wenn das Signal der Posaune ungehört verhallt??
Der Wecker schellt vergeblich. Niemand kann geweckt werden, niemand kann sich erheben oder erhoben werden, denn niemand ist zu Hause.
„Ein vergänglicher Körper kann nicht unsterblich werden,“ wusste man schon im alten Korinth. In höherem Masse ist heutzutage gültig: Ein Toter ist tot. Es gibt keinen Sieg des Lebens über den Tod. Höchstens einen Sieg der Medizin über eine schwere Krankheit. Das Leben ist endlich. Jedes Lebewesen trägt ein Verfallsdatum an seiner Stirn. Auch die älteste Schildkröte macht einmal schlapp. Alle Zellen des Körpers sind biologisch auf ihr Ende hin programmiert. Wenn es soweit ist, schwindet unaufhörlich die Kraft, sich selbst zu erhalten. Für endliches Leben gibt es keine Zukunft.
Ausgehend vom Energieerhaltungssatz kann man darüber ins Grübeln geraten, ob sich der Kreislauf von ‚Stirb und Werde‘ um ein Kontinuum von Energie dreht, das sich in einem endlosen Transformationsprozess materialisiert und entmaterialisiert. Am Schicksal des Menschen ändert das nichts. Wie auch immer sich seine Energie im Erdreich des Friedhofs verteilen mag, er als Person ist verlöscht.
Drei Argumente aus christlicher Sicht
Ob es ein Leben nach dem Tod gibt, ist und bleibt strittig. Für viele Zeitgenossen ist es nicht mehr als Poesie. Wohl gelitten im Konzerthaus, aber nur dort. Für Christen ist es eine Hoffnung. Sie ist zart und verletzlich, aber braucht ihren Grund nicht zu verstecken.
Es gibt kein Wissen von einem Leben nach dem Tod, allerdings eine begründete Hoffnung.
Hilfreich ist die Unterscheidung von Wissen und Hoffen frei nach dem großen Königsberger Philosophen Immanuel Kant:
„Was kann ich wissen? – Was darf ich hoffen?“
Das Wissen ist auf den Bereich des sinnlich Anschaulichen begrenzt. „Begriffe ohne Anschauung sind leer,“ so Immanuel Kant. Da es für ein Leben nach dem Tod in Raum und Zeit keine Anschauung gibt, scheidet es als Gegenstand der Wissenschaft aus.
Hoffen darf ich mehr, als ich wissen kann. Auch Kant erhoffte mehr als er erfahrungswissenschaftlich wusste. Die Hoffnung braucht nicht an der Grenze verharren, die dem Wissen gesetzt ist. Sie ist offen für Überraschungen und Geheimnisse. Ein solches Geheimnis ist das Leben nach dem Tod.
Zur Theologie des Ostermontags
Die christliche Hoffnung, wie sie des Paulus vorträgt, beruht auf einer – wie ich sie nennen möchte – Theologie des Ostermontags. Jeweils aus dem 15. Kapitel des ersten Briefs an die Gemeinde in Korinth lesen wir in der Kirche
• am Ostersonntag, was Paulus über die Auferstehung Jesu geschrieben hat,
• am Ostermontag seine Darlegung über das Leben nach dem Tod.
Paulus wagt sich in diesem einen Kapitel 1. Kor 15 von der Auferstehung Christi zur Auferstehung der Toten vor. Seine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod hat er nicht aus der Luft gegriffen. Sie stützt sich darauf, dass Jesus Christus am Ostersonntag auferstanden ist. Die Theologie des Ostermontags kommt vom Ostersonntag her und bedenkt von ihm aus die Konsequenzen für Mensch und Welt.
In diesem Sinne ist die christliche Hoffnung eine begründete, religiös begründete Hoffnung.
Jesus Christus ist nicht für sich privat, zu seinem eigenen Wohl auferstanden; sein Sieg über den Tod kommt allen Menschen zugute.
Paulus interpretiert die Auferstehung Jesu mit Worten der Propheten Jesaja und Hosea als einen Sieg, ein einschneidendes Ereignis von nachhaltiger Wirkung:
„Der Tod ist vernichtet!
Der Sieg ist vollkommen!
Tod, wo ist dein Sieg?
Tod, wo ist deine Macht?“
Das Leben hat aus sich nicht die Kraft, den Tod zu besiegen, selbst wenn es so etwas wie ein Energiekontinuum geben sollte. Der Sieg, den Paulus meint, ist an die Person Jesu Christi gebunden. Jesus ist nicht privat zu seinem eigenen Wohlergehen auferstanden. Sondern als der Erste in der Reihe aller, die noch auferstehen werden. Seine Auferstehung markiert den Beginn der Erlösung und Vollendung der Schöpfung Gottes.
Dank sei Gott, dass er uns durch Jesus Christus, unseren Herrn, den Sieg schenkt! Durch die Auferstehung Jesu Christi wird die Hoffnung auf ein endgültig vom Tod befreites Leben in Gottes neuer Welt geweckt.
Das vom Tode befreite Leben stellt sich Paulus nicht rein geistig, welt- und körperlos vor. So kann man spekulieren. Als Theologe des Ostermontags orientiert sich Paulus an dem, was sich am Ostersonntag zugetragen hat.
„Wir…haben schon jetzt Bürgerrecht im Himmel bei Gott. Von dort her erwarten wir auch unseren Retter, Jesus Christus, den Herrn. Er wird unsern schwachen, vergänglichen Körper verwandeln, sodass er genauso herrlich und unvergänglich wird wie der Körper, den er selber seit seiner Auferstehung hat.“ (Phil 3,20f.)
Dem auferstandenen Christus gleich gestaltet zu werden, bedeutet: Ich werde völlig anders, aber kein anderer.
Völlig anders – ist die neue Leiblichkeit, über die der Tod keine Macht mehr hat. Sie ist nicht mehr vergänglich, armselig und hinfällig wie unser natürlicher Leib, sondern ganz von Gottes Geist beseelt: unvergänglich, voll Herrlichkeit und Kraft.
Die entsprechenden Worte des Paulus werden häufig bei einer Beisetzung auf dem Friedhof gesprochen:
„Was in die Erde gelegt wird, ist vergänglich;
aber was zum neuen Leben erweckt wird, ist unvergänglich.
Was in die Erde gelegt wird, ist armselig;
aber was zum neuen Leben erweckt wird, ist voll Herrlichkeit.
Was in die Erde gelegt wird, ist hinfällig;
aber was zum neuen Leben erweckt wird, ist voll Kraft.
Was in die Erde gelegt wird, war von natürlichem Leben beseelt;
aber was zu neuem Leben erwacht, wird ganz vom Geist Gottes beseelt sein.“
(1. Kor 15,43f.)
Völlig anders wird d e r s e l b e Mensch. Ich bleibe Ich. Gott behält mich in seiner Hand, wenn ich allen Halt verliere. Mich selbst uneingeschränkt mit meiner Persönlichkeit und meiner Biographie. Derart werde ich in die neue Form des Lebens eintreten.
Ich komme zum Schluss
Ob es ein Leben nach dem Tod gibt, ist und bleibt strittig. Ich finde es wichtig, dass man das berücksichtigt und nicht so tut, als sei es selbstverständlich. Die christliche Hoffnung ist ein zartes Pflänzchen. Bis die Posaune des Ostermontags erklingen wird, braucht sie Hege und Pflege. So wieder Paulus:
„Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, werdet fest und unerschütterlich in eurem Glauben und tut stets euer Bestes für die Sache des Herrn.“
An anderer Stelle wird er deutlicher:
• „Gebt dem Wort Raum, in dem Christus bei euch gegenwärtig ist. Lasst es seinen ganzen Reichtum unter euch entfalten.
• Unterweist und ermahnt einander mit aller Weisheit.
• Singt Gott von ganzem Herzen Psalmen, Hymnen, Loblieder, wie seine Gnade sie schenkt und sein Geist sie euch eingibt.“ (Kol 3,16)
Auch hier zeigt sich Paulus wieder als Theologe des Ostermontags: An erster Stelle steht für ihn die Anrede durch den auferstandenen Christus selbst („der Ostersonntag“). Dann kommt unser Tun („am Ostermontag“): Das Nachdenken und Diskutieren mit aller Weisheit, die wir aufbieten können. Und: das Singen. Singend und lobend geben wir dem Wort Christi in uns Raum.
So gestärkt sind wir gewappnet, in die christliche Antwort auf die Frage: „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“ einzustimmen. Sie lautet: „Ja! Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.
In diesem Sinne lasst uns fröhlich das Signal der Posaune erwarten, das uns in Gottes neue Welt rufen wird!
(Die Predigt wurde am 02.04.2018, dem Ostermontag, in der Paul-Gerhard-Kirche zu Berlin-Schöneberg gehalten. Im Abendmahlsgottesdienst wurde die Kantate „Siehe es hat überwunden der Löwe“ von Georg Philipp Telemann aufgeführt.)
