15) Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: 16) diese aus Liebe, denn sie wissen, das ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; 17) jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. 18) Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.
Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; 19) denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch eure Gebete und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, 20) wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern, dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. 21) Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn. (Phil 1,15-21)
Die Wechselfälle des Lebens
Wie ungewiss die Zukunft ist, wie konfliktreich und schwierig unser Leben ist, das wird im Buch des Predigers mit 14 Gegensatzpaaren dargestellt:
Alles, was auf der Erde geschieht, hat seine von Gott bestimmte Zeit:
geboren werden und sterben,
einpflanzen und ausreißen,
töten und retten,
niederreißen und aufbauen,
weinen und lachen
wehklagen und tanzen,
Steine wegwerfen und Steine aufsammeln,
sich umarmen und sich aus der Umarmung lösen,
finden und verlieren,
aufbewahren und wegwerfen
zerreißen und zusammennähen,
schweigen und reden,
lieben und hassen,
Krieg und Frieden.
(Pred 3, 1-8 Die Gute Nachricht)
Die eingewebte Zahlensymbolik
- die Vier für die vier Himmelsrichtungen und
- die Sieben, die Zahl der Vollkommenheit,
- deshalb genau 28 Begriffe –
soll untermauern:
So ist das Leben immer, in seiner Ganzheit. Ein schwankendes Gebilde aus Freude und Leid oder mit dem Titel einer bekannten Fernsehserie gesagt: aus guten Zeiten und schlechten Zeiten. Jederzeit kann man aus der Spur geworfen werden, auch wenn man kein besonders riskantes Leben führt. Das, was Freude macht, Wohlgefühl und Wohlbefinden auslöst, ist die Sonnenseite; und die Sonne scheint nicht durchgehend.
Kann man sich gegen die Wechselfälle des Lebens wappnen? Kann man lernen, innere Ressourcen aufzubauen, die einen krisenfest machen? Unter der Bezeichnung „Resilenz“ arbeitet die Psychologie daran. Im Internet werden hierfür Coaching-Kurse und Bücher angeboten.
Wenn Paulus schreibt: „Ich erlebe Kummer und bin doch immer fröhlich.“(2. Kor 6,9) Lässt das aufhorchen. Wie meint er das? Werfen ihn die Wechselfälle des Lebens nicht aus der Bahn? Lässt sich der Tod mit dem Glück versöhnen?
Ich erlebe Kummer…
Auf seinen speziellen Kummer weist Paulus mit dem Wort ‚Gefangenschaft‘ hin. Er befindet sich in Haft. Gefängnis bedeutete: Fesseln, Gestank, unerträgliche Hitze oder bittere Kälte. Gefängnis bedeutete: Verhöre, Gewalt und Ungewissheit. Möglicherweise spielt Paulus in einem anderen Brief darauf an:
„Ihr sollt wissen, Brüder und Schwestern, dass ich in der Provinz Asien in einer ausweglosen Lage war. Was ich zu ertragen hatte, war so schwer, dass es über meine Kraft ging. Ich hatte keine Hoffnung mehr, mit dem Leben davonzukommen, ja, ich war ganz sicher, dass das Todesurteil über mich gesprochen war.“ (2. Kor 1,8f.)
Die Provinz Asien lag an der Westküste der heutigen Türkei mit der Hauptstadt: Ephesus, heute ‚Izmir‘. Im Frühjahr 55 könnte Paulus dort in einer Kaserne des Statthalters, dem Prätorium (Phil 1,13), interniert gewesen sein. Behandelt wurde er nicht als ein vom römischen Gesetz geschützter Jude, sondern als ein rechtloser Aufrührer einer neuartigen Richtung. Die Urteile gegen Christen waren Ermessensurteile. Eine staatliche Richtlinie war noch nicht definiert.
Außerdem schreibt er sich von der Seele, was ihn noch beschwert: Neid, Streitsucht und Eigennutz der Prediger in Philippi.
…und bin doch immer fröhlich
Trotz seiner ungewissen, bedrohlichen Lage verfasst Paulus eine einzige „Ode an die Freude“! Typisch ist der Abschnitt, der in jedem Jahr am vierten Adventssonntag gelesen wird:
Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!
Eure Güte lasst kundsein allen Menschen!
Der Herr ist nahe!
Sorgt euch um nichts,
sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! (Phil 4,4-6)
Woraus speist sich diese Freude im Gefängnis?
Paulus ist nicht allein gelassen! Die Schiffe, die von Ephesus über die Ägäis nach Philippi in Nordgriechenland verkehrten, ermöglichten rege Reisetätigkeit und Informationsaustausch. Sein Schicksal wird nach Philippi berichtet. Die Gemeinde schickt ihm als Helfer in der Not, Epaphroditus (4,18), mit Lebensmitteln und Geld und bleibt mit Paulus in Verbindung.
Paulus ist nicht allein gelassen! Das gilt auch für die Fürbitte, die er erwähnt. Er weiß sich in eine Gebetsgemeinschaft eingehüllt, die ihn trägt und stärkt. Er betet für die Gemeinde und die Gemeinde betet für ihn. Mit ihren Sorgen und ihrer Freude wenden sie sich an Jesus Christus.
Paulus ist nicht allein gelassen! Er vertraut auf den „Beistand des Geistes Jesu Christi“. Vielleicht denkt er dabei an die Zusage Jesu: „Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt.“ (Mt 10,19)
Wir setzen „unser Vertrauen nicht auf uns selbst…, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt.“(2. Kor 1,9) Nach seinem jüdischen Glauben ist Vertrauen nicht Ausdruck von Ich-Stärke oder eines unverbesserlichen Optimismus, sondern kommt von außen, aus der Beziehung zu Gott bzw. zu dem auferstandenen Jesus Christus:„Wohl den Menschen, die d i c h für ihre Stärke halten,“ wird im 84. Psalm gebetet. Stets hat Paulus Christus vor Augen, denn er weiß sich ihm befreit und errettet. Mit ihm teilt er seine Pläne und seine Sorgen, von ihm erwartet er den Heiligen Geist. Zu ihm jubelt er: Freuet euch in dem Herrn allewege!
Ich weiß, daß mir dies zum Heil ausgehen wird…
Wir Menschen sind Verhältniswesen. Man unterscheidet dabei:
- Das Verhältnis zu sich selbst: Ich bin das ICH, das ich jeden Morgen im Spiegel sehe und dass mit sich selbst ins Reine kommen muss.
- Das Verhältnis zu anderen: Zu meinem Leben gehört das persönliche DU der nächsten und engsten Mitmenschen.
- Das Verhältnis zur Welt: ER, SIE und ES markieren die nähere und fernere Umgebung in der ich lebe, samt Personen, Sachen, Tieren und Pflanzen.
Zu diesen drei Beziehungen kommt das unverbrüchliche Verhältnis zu Christus. Ich bin nie allein gelassen, sondern stehe immer vor Christus und teile mit ihm mein Leben. Er weist mich an den Nächsten und stellt mich in die Welt. Der Kummer des Paulus wurde von der ‚Welt‘ in Gestalt der Weltmacht Rom verursacht. Seine nächsten Freunde standen ihm bei, so gut sie konnten.
Die Verbindung mit Christus wird auch den Tod überdauern. Deshalb kann Paulus sagen, egal, welches Urteil die Richter über mich sprechen werden, „ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird“. Das gilt für die Errettung aus der Todesnot, aber sogar auch für den äußersten Fall: „Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.“
Lässt sich der Tod mit dem Glück versöhnen? Im Blick auf seine Krankheit schreibt Paulus: „Ich bin ein Sterbender und doch lebe ich.“(2. Kor 6,8-10)
Misshandlungen gehörten zum Alltag im Gefängnis. Er sagt: „Ich werde misshandelt und doch komme ich nicht um.“
Im Gefängnis konnte er nicht arbeiten und verdiente kein Geld. „Ich bin arm wie ein Bettler und mache doch viele reich.“ Damit meint er die Verkündigung des Evangeliums, die er weiterhin betreibt. Alle wissen, dass er seine Fesseln für diesen Christus trägt.
Freuet euch!
Das Schicksal des Paulus ist einmalig. Was er, der außergewöhnliche Missionar der ersten Stunde, erlebt und erlitten hat, gehört in seine Biographie. Auch wie er Trost fand. Allerdings die Erfahrung: „Ich erlebe Kummer und bin doch immer fröhlich,“ durchströmt seither die Kirche.
Warum trägt sonst ein Sonntag der Passionszeit gerade den Namen „Lätare“ – „freuet euch“?
Ich denke dabei auch an den Choral dieses Sonntags: „Jesu meine Freude“ gedichtet 1653 – 1600 Jahre nach Paulus! – von Johann Franck, dem Dichter-Bürgermeister von Guben in der Niederlausitz, und an alle, denen er seither damit aus dem Herzen gesprochen hat:
Unter deinen Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei.
Laß den Satan wettern, laß die Welt erzittern, mir steht Jesus bei.
Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken, Jesus will mich decken.
Weicht ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister Jesus tritt herein.
Denen, die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein.
Duld ich schon hier Spott und Hohn, dennoch bleibt du auch im Leide, Jesu, meine Freude. (EG 396,2.6)
Ich komme zum Schluss:
Mit gewissen Blick in eine ungewisse Zukunft…
Am vierten Tag unserer Israel-Reise im vorigen Monat schaukelten wir auf einer sich verästelnden alten Landstraße von Jericho, der am tiefsten gelegenen Stadt der Erde (250 m unter dem Meeresspiegel), bergwärts ins judäische Gebirge, um einen Blick auf das St.-Georgs-Kloster am nördlichen Felshang des Wadi Kilt zu werfen. Die Straße wurde immer schmaler, die Kurven immer enger, die Abhänge immer steiler. Der Bus schwankte nach links und nach rechts. „Gleich wird mir schlecht!“, ahnte ich. Geholfen hat, nicht aus dem Fenster zu gucken. Den Blick vielmehr auf einen ruhigen Punkt an der Decke des Busses zu richten. Wenn es dich hin- und herschwingt, blicke auf einen Fixpunkt, das entspannt!
„Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten,“ der Blick auf Christus ist so ein Fixpunkt im Auf und Ab von
geboren werden und sterben,
einpflanzen und ausreißen,
töten und retten,
niederreißen und aufbauen,
weinen und lachen
wehklagen und tanzen,
Steine wegwerfen und Steine aufsammeln,
sich umarmen und sich aus der Umarmung lösen,
finden und verlieren,
aufbewahren und wegwerfen
zerreißen und zusammennähen,
schweigen und reden,
lieben und hassen,
Krieg und Frieden.
Schließen möchte ich mit den Worten eines unbekannten Verfassers:
Die Zukunft ist für den Glaubenden äußerlich genauso ungewiss und ungesichert wie für jeden anderen.
Über dem Prozess des Paulus steht nicht die Garantie: Für den Boten Gottes muss alles gut ausgehen.
So wenig wie über dem Krankenlager des Frommen steht: Er muss wieder gesund werden.
Nur eins weiß der Glaubende, was alle anderen nicht wissen können: Ausgehen wird es ihm zum Heil.
Mit gewissem Blick sieht er in eine ungewisse Zukunft!
