Jeremia: Der Weg von Eigenlob zu Gotteslob

22) So spricht der HERR:
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
23) Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen,
dass er klug sei und mich kenne,
dass ich der HERR (= JAHWE) bin,
der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden,
denn solches gefällt mir, spricht der HERR. (Jer 9,22f.)

Hast Du heute schon dein Kind gelobt?“ – „Aber sicher!
Hast Du heute schon Gott gelobt?“ – „Wieso? Warum?
Wir kommen darauf zurück. Beginnen wir mit Jeremia!

Eigenlob

Jeremia ist Bote Gottes. Im Unterschied zu einem Prediger sagt er nicht:
Ich denke, das will Gott“, sondern knallhart: „So spricht der Herr.“

Er trägt keine Überlegungen vor. Er ist der Mund Gottes. Mit 23 Jahren tritt er zum ersten Mal den Älteren, ja den Ältesten Israels gegenüber. Und das in einer Zeit, wo das Alter geachtet wurde. Eine Ungeheuerlichkeit, nach der er sich wahrlich nicht gedrängt hatte.

Bessert euer Leben und euer Tun“ (Jer 7,3) schleuderte er ihnen entgegen. Ihr „opfert dem Baal und lauft fremden Göttern nach“. (Jer 7,8)Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und kein Wasser geben“. (Jer 2,13)

Bei uns sind fremde Gottheiten nicht so prickelnd. Ab und zu fällt der Blick auf die Buddha-Figur beim Inder oder Vietnamesen. Aber auch ohne sie kann man sich von Gott entfernen, wie bereits Jeremia weiß. Weisheit, Stärke und Reichtum nehmen dann ihren Platz ein.  Mit Sicherheit hätte er Donald Trumps Twitter nicht durchgehen lassen:Ich bin ein stabiles Genie.“ – Das ist Prahlerei mit Reichtum!Ich habe einen größeren Atomknopf als Kim Jong-un.“ Das ist Prahlerei mit Stärke!

Gegen die Verleihung von Nobelpreisen für herausragende wissenschaftliche Leistungen hätte Jeremia nichts gehabt. Auch nichts gegen die Siegertreppchen für Vier-Schanzen-Springer, Ski-Abfahrtsläuferinnen und -Abfahrtsläufer und alle Athleten der Olympiade in Pyeongchang, sofern sie clean sind. Auch wirtschaftlichem Erfolg würde er Respekt zollen. Wo ein Unternehmer aus bescheidenen Anfängen eine Weltfirma aufgebaut hat wie bei IKEA, ALDI und SAP der Fall. Wir brauchen gute Wissenschaftler, Fitness und Tatkraft, Innovationen.

Wogegen ist dann Jeremia? Dass Weisheit/Wissen, Stärke und Reichtum von Gott weg drängen.

Hast Du heute schon dein Kind gelobt?“ – „Aber sicher!“
Sein Kind zu loben ist in der modernen Pädagogik selbstverständlich, weil fördernd und hilfreich.

Hast Du heute schon Gott gelobt?“ – „Wieso? Warum?“

Gott ist irgendwie ins Hintertreffen geraten. Warum soll ich ihn loben? Bewältige ich meinen Alltag nicht aus eigener Kraft – mit meinem Wissen, meiner Fitness und meinem Konto? – Gilt dasselbe nicht für die Menschheit im Ganzen? Wir erkennen die Welt ohne Gott. Die Wissenschaft kommt seit 200 Jahren ohne die Größe „Gott“ aus. Wir lösen unsere Probleme, so gut wir können, ohne Gott. Vieles ist gelungen (die Bekämpfung von Krankheiten, der Aufbau einer modernen Zivilisation) anderes nicht wie die schreiende Armut und die Erderwärmung. Daran wird gearbeitet.

Je breiter das Eigenlob über die Leistungen von Wissenschaft, Stärke, Finanzkraft ausfällt (nur davon berichten die Medien), um so schmaler fällt das Gotteslob aus, bis niemand mehr weiß: Wofür soll man ihn loben? Was zu regeln ist, haben wir selbst in der Hand!

Jauchzet; frohlocket!“, lässt man gern große Chöre jubeln. Wie hört sich wohl das persönliche Gotteslob der Konzertbesucher in den eigenen vier Wänden an?

Ein bekannter Schlagersänger, der „Fröhlichmacher der Nation“, feierte kürzlich einen runden Geburtstag. Karriere, Erfolg, fit wie ein Turnschuh im Alter, eine 56jährige stabile Ehe, fünf Enkel und ein Urenkel lieferten ihm keinen Grund, Gott an diesem Tag zu danken.

Meine Zweifel begannen, als mein Bruder mit 17 Jahren vor meinen Augen überfahren wurde und an den Verletzungen starb. Ich habe mich danach viel mit dem Thema Religion beschäftigt. Da gibt es so viel Unrechtes und so viel, was keinen Sinn macht. Egal, in welcher Religion.“

In Athen auf dem Areopag stand ein Altar – gewidmet DEM UNBEKANNTEN GOTT. (Apg 10, 23) So geht es uns heute wieder. Nachdem wir alles Schöne und Wichtige im Leben für uns in Anspruch genommen haben, bleiben für „Gott“ nur noch Zweifel und Dunkelheit übrig.

Gotteslob

Die Kontaktdaten Gottes

Der HERR schaut vom Himmel auf die Menschenkinder,
dass er sehe, ob jemand klug sei und nach ihm frage.“ (Ps 14,2)

Es ist keine Selbstverständlichkeit, Gott zu loben. Wo der Mensch um sich selbst kreist, um seine Weisheit, seine Stärke und seinen Reichtum, da ist sein Blick für Gottes Wirken blockiert. Zum Fragen nach Gott gehört eine bestimmte Haltung, die Klugheit. Das greift Jeremia hier auf:

Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen,
dass er klug sei und mich kenne,
dass ich der HERR (= JAHWE) bin.

Die Klugheit lenkt den Blick auf Gottes Kontaktdaten, die berühmten vier Buchstaben des hebräischen Alphabets: JHWH. Sie stehen für JAHWE, den Gott, der sein Volk aus Ägypten befreite und in das gelobte Land führte. Er ist der Existenzgrund Israels. „Alles, was ihr habt, habt ihr durch mich.“

 Insbesondere steht er für Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit.

Barmherzigkeit

Gott ist liebevoll und zugewandt.
Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ (Jer 31,3)

Recht

Ein Drittel des Alten Testaments besteht aus den verschiedenen Rechtsbüchern, der Tora. Gott setzte Recht in Israel. Vieles davon ist noch heute vorbildlich. Dementsprechend besteht Jeremia darauf, dass einer gegen den anderen recht handelt. Dass man nach Recht und Gesetz miteinander umgeht. Dieben, Mördern, Ehebrechern zeigt er eine scharfe Kante.

Gerechtigkeit

Gott will, das gerechtes Gericht gehalten wird. Nicht nur, dass ein Gericht vorhanden ist, sondern dass es auch ordentlich funktioniert, „die Person nicht ansieht und kein Geschenk annimmt“ (5. Mose 10,17) Anders als in Venezuela, China, Vietnam und Russland, wo sich die Regierungen Urteile gegen missliebige Personen beim Gericht bestellen.

Und Gott will, dass die Schwachen, Fremdlinge, Waisen und Witwen nicht bedrängt werden (Jer 22,2), sondern dass ihnen Recht geschafften wird. Gottes Gerechtigkeit heilt und schafft Heil. Paulus konnte deshalb den Inhalt des Evangeliums als Gerechtigkeit Gottes (Röm 1,18) bezeichnen.

Jeremias Vermächtnis

Jeremia, der Bote Gottes, hatte in seinem langen Leben ein schweres Schicksal. Sein Bußruf verhallte ungehört. Es blieb bei Gewinnsucht, Gewalt, Betrug und Verleumdung. König, Priester, Älteste beharrten auf ihrer Weisheit. Setzten auf Stärke und schlugen einen Kurs ein, der das Land ins Verderben stürzte. Jeremias Prophetie wurde zunehmend schärfer. Resigniert kündigte er das Gericht Gottes an.Dieses Haus soll  zerstört werden“, spricht der HERR (Jer 22,5).

Daraufhin stellte ihm nach, schikanierte ihn und warf ihn schließlich in einen tiefen ausgetrockneten Brunnenschacht. Elendiglich verrecken sollte er dort.

Umso aufmerksamer wandten sich die Nachgeborenen seinen Botensprüchen zu. Ein für allemal wollte man die Fehler der verlorenen Generation vermeiden. In dieser Tradition stehen auch wir in der Kirche, wenn wir uns heute von Jeremia den Weg vom Eigenlob zum Gotteslob weisen lassen.

Das Gotteslob, wörtlich Hallelu-ja „gelobt sei Gott“ – wird durch die kluge Erkenntnis eröffnet, dass er der Existenzgrund seiner Gemeinde ist und sich für ihr Ergehen verantwortlich weiß. Aus vollem Herzen gesungen bewahrt es vor hochnäsiger Weisheit und Prahlerei mit Stärke und Reichtum und sorgt dafür, dass diese Gaben Gottes in seinem Sinn genutzt werden.

  • Weisheit – vom Lob Gottes umfangen trennt sie nicht von Gott

Gott ist kein Gegenstand wissenschaftlichen Welterkennens. Es ist aber nicht klug, sich deshalb von ihm abzuwenden. Er hat seine Kontaktdaten bekannt gemacht. Er ist unser Existenzgrund: Alles, was ihr habt, habt ihr durch mich.

  • Stärke – vom Lob Gottes umfangen dient dem Recht und „tut niemand Gewalt an“. (Jer 22,3)

Es gilt nicht das Recht des Stärkeren, sondern die Bindung der Stärke an das Recht.

  • Reichtum – vom Lob Gottes umfangen bezieht die Schwachen solidarisch ein.

Ich komme zum Schluss::

Hast Du heute schon dein Kind gelobt“ – „Aber sicher!“
Hast Du heute schon Gott gelobt?“ – „Aber sicher!“
Warum?“ – „Weil er barmherzig ist und für Recht und Gerechtigkeit sorgt.“

 

 

 

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