3) Gelobt sei Gott,
der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes,
4) der uns tröstet in aller unserer Trübsal (Bedrängnis),
damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind,
mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. (1. Kor 1,3f.)
Wo finde ich Geborgenheit? Liebe Gemeinde, lassen sie uns einen Moment darüber nachdenken. „Der Mensch ist ein Geborgenheitswesen“, so der Psychologe Hans Mogel aus Passau. Hat er damit recht? Es lohnt sich, dem einmal nachzugehen.
Geborgenheit ist etwas anderes als Gemütlichkeit. Jeder hat sein Rezept, wie er es sich gemütlich machen kann: Beine hoch legen, eine Packung Eis aus dem Kühlschrank holen, Musik hören und so weiter. Geborgenheit kann man sich nicht aus ein paar Zutaten mixen. Denn 100%ig geborgen waren wir nur ein einziges Mal.
Zu einem sehr frühen Zeitpunkt – an der Schwelle unseres Lebens. Obwohl wir uns nicht mehr an ihn erinnern können, sehnen wir uns nach ihm. Im Mutterleib waren wir warm und sicher aufgehoben, rundum versorgt mit allem Nötigen. Mit der Geburt brach diese Wonne ab. Es begann das Wechselspiel von Wärme und Kälte, Hunger und Sättigung, Lachen und Weinen, Trübsal und Trost, das wir Leben nennen.
Geborgenheit beinhaltet: Sicherheit, Wärme, Schutz, Verständnis, innere Ruhe, innerer Halt; eben: sich im Leben aufgehoben fühlen. Dazu gehören Menschen, Orte und Situationen. Zum Beispiel Eltern, bei denen Kinder sicher gebunden sind. Auch die Religion kann Geborgenheit stiften.
Wir werden uns jetzt mit einem kurzen inhaltsreichen Briefabschnitt des Apostels Paulus beschäftigen, der erkennen lässt, in welcher Weise er religiös geborgen ist. Im Hintergrund steht dabei die Frage, ob das auch für uns ein geeigneter Weg sein könnte.
Das Gottesbild
Wenn man einen Brief des Apostels Paulus aufschlägt, hat man das Gefühl, eine Kirche zu betreten. So fromm und feierlich geht es da zu. Er lobt Gott, er dankt Gott, er kommt erst einmal nicht zur Sache, sondern blickt mit der Feder in der Hand zum Himmel auf.
Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus
Paulus formuliert: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus“. Es lohnt sich, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen!Gott ist für ihn nicht irgendwie „Gott“ ohne genauere Feststellung,wie das heutzutage verbreitet ist. Wie oft habe ich vernommen:„Herr Pfarrer, ich bin überzeugt davon: es gibt etwas Höheres.“ Vielleicht kennen sie diese Redensart vom „Etwas hinter allem“ auch? Für Paulus ist Gott kein namenloses Etwas, sondern „Vater“.Warum ist das wichtig? Erst als Vater bekommt „Gott“ ein Gesicht:
Augen, die mich anblicken.
Ohren, die mir zuhören.
Einen Mund, der zu mir spricht.
Nichts davon ist bei einem „Etwas hinter allem“ vorhanden! Es ist blind, taub und stumm.
Man kann Gott auch den „Lebendigen“, den „Heiligen“, den „Einen“ oder den „Einzigen“ nennen oder Namen Gottes aus der Hebräischen Bibel verwenden, wie dies in der „Bibel in gerechter Sprache“ der Fall ist.
Aber die Bezeichnung „Vater“ bleibt für Gott unverzichtbar und unersetzbar, wenn man Paulus folgt. Sie unterscheidet sich grundsätzlich von allen anderen Weisen, Gott anzurufen. „Vater“ ist nämlich nicht ein gläubiger Ausdruck unter anderen, sondern ein Terminus für die Selbstunterscheidung Gottes in Vater und Sohn. Gott wird nicht nur Vater genannt, er i s t Vater eines Sohnes. „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste“(Gal 4,4f.) so Paulus an anderer Stelle.
Durch die Heilige Taufe wird die christliche Gemeinde in das Vater-Sohn-Verhältnis aufgenommen. „In Christus“ sind wir Söhne und Töchter Gottes, und unser kostbarstes Gebet beginnt mit den Worten „Vater unser im Himmel“.
Gott, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes
Mit Gott, dem himmlischen Vater, verbindet Paulus Barmherzigkeit und Trost. Er preist ihn als „Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes“. Ein guter Vater lässt sein Kind nicht hängen, sondern weiß, was es braucht. So sieht es auch Jesus. In diesem Sinne wirft er die Frage auf:„Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch bietet? Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür bietet?“(Luk 11,11f.) Der barmherzige Vater ist mitfühlend und nachsichtig. An ihn kann man sich wenden, wenn etwas schiefgegangen ist. Deshalb empfiehlt Jesus, sich an ihn mit der Bitte um Vergebung zu wenden: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.
Trost schafft Raum, wenn es eng wird, wenn es nicht mehr weitergeht, wenn kein Ausweg in Sicht ist. Paulus lobt Gott als Gott allen Trostes im Blick auf die Auferweckung der Toten. (2. Kor 1, 9 siehe unten). Hier hat sich gezeigt, dass die Grenzen, die uns Menschen gesetzt sind, für ihn nicht gelten.
Der Lobspruch
Ich sagte, man habe das Gefühl, eine Kirche zu betreten, wenn man einen Brief des Apostels Paulus aufschlägt. Ist diese Feierlichkeit eine persönliche Marotte des Apostels, oder gibt es dafür eine andere Erklärung?
Ich möchte dazu den kleinen Briefabschnitt kurz aufschlüsseln.
Der feierliche Glockenton wird mit den Worten: „Gelobt sei Gott“ angeschlagen. Sie leiten einen Lobspruch (Berakah) ein, wie er im Alten Testament und im Judentum geläufig ist. Er besteht aus einem Kernstück und zwei Erweiterungen.
Das Kernstück lautet:
„Gelobt sei Gott, der uns tröstet in aller unserer Trübsal.“
Die erste Erweiterung ist die nähere Bestimmung Gottes als Vater (über die wir schon gesprochen haben):
„der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes“, und
die zweite Erweiterung schließt an Gottes Trost an:
Er befähigt, andere zu trösten:
„damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind,
mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott“.
Im Judentum war es üblich, alles, was man tut, mit einem geeigneten Lobspruch zu beginnen.
Man begrüßte den neuen Tag:
Gelobt sei Gott, der das Licht des neuen Tages aufscheinen lässt.
Man hielt inne bei Speise und Trank:
Gelobt sei Gott, der das Brot aus der Erde wachsen lässt.
Gelobt sei Gott, der uns die Frucht des Weinstocks schenkt.
Man begann sein Gebet:
Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.
Sein kunstvoll komponierter, schriftlicher Lobspruch belegt, dass Paulus diesen Brauch auch pflegt. Übrigens ebenso wie Jesus.
Wir feiern ja in diesem Gottesdienst das Heilige Abendmahl. Deshalb dazu ein kurzer Abstecher. In den Stiftungsworten ist davon die Rede, dass Jesus über Brot und Wein „dankte“. (Hier stehen dieselben beiden griechischen Vokabeln „eulogein“ und „eucharistein“, die Paulus für seinen Brief-Dank verwendet.)
„In der Nacht, da er verraten war, nahm der das Brot, dankte und brach`s…“
„Desselbengleichen nahm er auch den Kelch nach dem Abendmahl, dankte, gab ihnen den und sprach…“
Die Stiftung des Heiligen Abendmahls vollzog sich in einem Dankgebet über Brot und Wein (Eucharistie). Dazu passt es gut, wenn im Abendmahlsgottesdienst auch ein Dankgebet über Brot und Wein gesprochen wird, das die Einsetzungsworte umschließt.
Wenn Paulus fast alle seine Briefe mit dem Glockenton eines Lobspruchs einläutet, ist das keine Marotte. Es signalisiert, „was ich auch tue, ich beginne es mit Gott“. Er macht davon Gebrauch, dass Gott, der Vater, mit seinen Söhnen und Töchtern in Verbindung stehen möchte.
Wem das mit den Lobsprüchen merkwürdig vorkommt, stelle sich bitte folgende Situation vor:
Der Wecker klingelt. Zeit zum Aufstehen. Wie empfange ich den neuen Tag?
Mit einer Klage: „Ich hasse das frühe Aufstehen!“
Mit einer Frage: „Was wird heute wieder schiefgehen?“
Oder mit dem Lobspruch: „Gelobt sei Gott, der das Licht des neuen Tages aufscheinen
lässt!
Eine andere Situation: Das Mittagessen wird aufgetragen. Wie beginne ich die Mahlzeit?
Mit einer Klage: „Schon wieder Brokkoli!“
Mit einer Frage: „Ob es heute richtig abgeschmeckt ist?“
Oder mit dem Lobpreis: „Gelobt sei Gott, der das Brot aus der Erde wachsen lässt.“
Die Aufmerksamkeit, die ich Gott mit einem Lobspruch schenke, ändert meine Einstellung. Aus einem abweisenden oder mürrischen wird ein dankbarer Mensch.
Der Trost
„Der uns tröstet in aller unserer Trübsal.“ – Wenn Paulus vom Trost Gottes spricht, sind das Worte, hinter denen Taten stehen. Paulus hat Gottes Schutz und Hilfe erfahren. Im gleichen Kapitel des 2. Korintherbriefs spielt er auf einen üblen Vorfall an. Er war in Todesgefahr. Ohne auf die näheren Umstände einzugehen, schildert er die Krise, in der er sich befand und die Hilfe, die ihm zuteil wurde.
8) Denn wir wollen euch, liebe Brüder, nicht verschweigen die Bedrängnis, die uns in der Provinz Asien widerfahren ist, wo wir über die Maßen beschwert waren und über unsere Kraft, sodass wir auch am Leben verzagten 9) und es bei uns selbst für beschlossen hielten, wir müssten sterben. Dies geschah aber, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt, 10) der uns aus solcher Todesnot errettet hat und erretten wird. Auf ihn hoffen wir, er werde uns auch hinfort erretten.(2. Kor 1,8-10)
In einer Lebenskrise, wie sie Paulus beschreibt, kann auf einmal alles abhanden kommen, was fein säuberlich im Geborgenheits-Atlas aufgeführt ist: die Menschen, die einem nahestehen, die Orte, die einem vertraut sind, die Situationen, die einen aufbauen. Es bleibt das Nichts, das bloße Nichts, das Ende von allem. Ich bin in meinem Leben nicht mehr zu Hause. Es sei denn, ich kenne den, „der uns tröstet in aller unserer Trübsal“.
Ich komme zum Schluss
Der kurze inhaltsreiche Briefabschnitt 2. Kor.1,3f. bot einen Einblick in die Gedankenwelt des Apostels Paulus. Wir haben sein Gottesbild , den Lobspruch und seine Erfahrung mit Gott betrachtet. Paulus ist ein Mensch, der sich in Gott, dem Vater, geborgen weiß. Natürlich kennt er auch treue Menschen, bergende Orte und Situationen, die ihn aufbauen. Aber an erster Stelle steht für ihn Gott. Deshalb beginnt er auch alles, was er tut, mit einem Lobspruch.
Wer sich auf den Weg des Paulus machen möchte, wird versuchen:
- in Gott einen barmherzigen und tröstenden Vater zu sehen,
- alles, was er tut mit Gott zu beginnen und
- auf Gottes starken Trost zu hoffen, der jedes Selbstmitleid aufsprengt und ermutigt, andere zu trösten.

