Die Kraft der Liebe im Römerbrief verstehen

9) Eure Liebe soll aufrichtig sein. Verabscheut das Böse und haltet am Guten fest.
10) Liebt einander von Herzen als Brüder und Schwestern. Übertrefft euch gegenseitig an Wertschätzung.
11) Lasst nicht nach in eurem Eifer. Lasst euch vom Geist anstecken und dient dem Herrn.
12) Freut euch, dass ihr Hoffnung habt. Bleibt standhaft, wenn ihr leiden müsst. Hört nicht auf zu beten.
13) Helft den Heiligen, wenn sie in Not sind. Seid jederzeit gastfreundlich.
14) Segnet die Menschen, die euch verfolgen. Segnet sie und verflucht sie nicht.
15) Freut euch mit den Fröhlichen. Weint mit den Weinenden.
16) Seid alle miteinander auf Einigkeit aus. Werdet nicht überheblich, sondern lasst euch auf die Unbedeutendenden ein. Baut nicht auf eure Klugheit.

(Röm 12,9-16)

Wie sich die Verhältnisse umgekehrt haben

„Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten werden die Ersten sein.“ Dieses Wort Jesu ging mir durch den Sinn, als ich den Römerbief aufschlug. Der Erste im Jahre 56 war Nero, der Kaiser in Rom. Seine Edikte gingen an das ganze Reich und wurden von Tausenden gelesen. Unter ferner liefen war dieser Brief des Paulus gerichtet an vielleicht 300 Personen. Die Edikte des Kaisers sind heute vergessen, nicht aber der Römerbrief des Paulus. Er erwies sich als einflussreiches und inspirierendes Dokument, das in der ganzen Welt gelesen wird. Für mich ist hier der Heilige Geist am Werk. Er hat dafür gesorgt, dass sich die Verhältnisse umgekehrt haben.

Paulus lehrt die Liebe: „Nun bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“(1. Kor 13,13) Liebe ist für ihn an dieser Stelle nicht das, was heute in aller Munde und in aller Ohr (Popsongs!) ist – ein Kribbeln im Bauch, Sich-Verlieben, Zweisamkeit, Intimität. Paulus denkt an Herzenswärme und Interesse an anderen Menschen in der christlichen Gemeinde und im alltäglichen Leben. Er schließt sich damit Jesus an, der Gottesliebe und Nächstenliebe predigte.

„Brüder (und Schwestern) bei der Barmherzigkeit Gottes bitte ich euch“ (Röm 12,1)…

…so freundlich redet Paulus die Christen in Rom an. Dort gibt es noch keinen Bischof. Ein Team kümmert sich um alles. Die Weltstadt Rom war ein Schmelztiegel, die kleine Gemeinde nicht minder. In den Häusern, die sich der Botschaft geöffnet hatten, fanden sich ein: Arme und Reiche, Hausbesitzer und Gäste, Sklaven, jüngst Freigelassene und freie Bürger, Einheimische und Zugezogene aus allen Winkeln des Reichs, Juden und Griechen. Paulus erwähnt drei solche Hausgemeinden. Schätzungsweise 30-50 Personen passten in ein größeres Privathaus. Eigene Gebäude gab es noch nicht.

Dort traf sich kein Männerbund, wie die Anrede nahelegt, die Paulus wählte. „Liebe Brüder,“ so steht es noch in den alten Bibeln. – Von Anfang an waren Frauen dabei, z. B. Phöbe, eine Diakonin aus der Nähe von Korinth. Eine beherzte und gewandte Frau. Sie wird den Brief des Paulus auf ihrer Reise nach Rom mitbringen. Paulus nennt sie seine „Schirmherrin“: „Sie hat sich für viele Menschen eingesetzt, auch für mich.“ Außerdem grüßt er: Priska, Maria, Junia, Trypäna, Tryphosa, Persis, Julia und Olympas. (Röm 16) Offensichtlich eine Gemeinde von Brüdern und Schwestern!

Wir bilden „miteinander einen Leib“ (Röm 12,5)

Paulus sieht in der christlichen Gemeinde ein gemeinsames Ganzes. Sein Bild dafür ist der menschliche Körper. Mit seinen verschiedenartigen Organen und Gliedmaßen bildet er ein funktionsfähiges System. Alle wirken zusammen, alle werden gebraucht.

Durch das Heilige Abendmahl werden die Männer und Frauen in der Gemeinde zu einer geistlichen Gemeinschaft. „Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist’s. So sind wir vielen ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben,“ schreibt er an anderer Stelle. (1. Kor 10,16f.)

Die Kommunion, der Empfang des Leibes Christi – „Christi Leib, für dich gegeben“ wir mir zugesagt – , lässt eine Communio entstehen. Durch Teihabe am eucharistischen Leib Christi werden die Abenmahlsgäste ihrerseits zu einem geistlichen Leib zusammengefügt. Ihre alltagsweltlichen Unterschiede werden dadurch überlagert und spielen hier keine Rolle mehr. In Christus sind sie Brüder und Schwestern. Paulus hilft ihnen, sich so zu verstehehen und so miteinander umzugehen.

Was Paulus beschreibt, erleben wir ebenfalls, wenn wir das Heilige Abenmahl feiern. Dabei sind wir in gleicher Weise Gemeinde wie die Christen in Rom damals. Hören wir, was seine Sprüche uns sagen:

„Liebt einander von Herzen als Brüder und Schwestern“ (Röm 12,10) und zwar…

…ehrlich, ohne Falsch! (Röm 12,9a) – Machen wir uns klar. Immer wenn wir jemand Neuem begegnen, liefert unser Sensorium einen ersten Eindruck von ihm: „Ist sympathisch“ oder: „Ist nicht sympathisch“. Dieser Eindruck lässt sich nicht einfach abstreifen, aber wir sollten uns nicht von ihm leiten lassen. Daran erinnert der Friedensgruß, den wir im Gottesdienst austauschen: „Der Friede des Herrn sei mit dir.“ Zwischen uns steht nichts. Auch wenn wir uns bisher nicht kannten, gehen wir freundlich aufeinander zu und nehmen uns an. Üble Nachreden ausgeschlossen.

…wertschätzend und freundlich! (Röm 12,10b) – Im Blick auf alles, was in der Gemeinde angepackt wird. Es gab nur Ehrenamtliche. Die Gemeinde musste alles mit eigenen Kräften und Mitteln erledigen. Gar nicht gut tut da die Haltung der schwäbischen Hausfrau:“Nichts gesagt, ist schon genug gelobt.“ Der herablassende Blick, der aus diesen Worten spricht, entmutigt und blockiert das Gemeinschaftsgefühl. Vor solchem Verhalten warnt Paulus ausdrücklich: „Werdet nicht überheblich, sondern lasst euch auf die Unbedeutenden ein.“(Röm 12,16a) Ihr Bemühen, ihr Einsatz, ihr Zeitaufwand verdienen Wertschätzung.

…hilfsbereit und aufgeschlossen! (Röm 12,13) Dass man in der Gemeinde jemanden findet, mit dem man auch über Sorgen und Schwierigkeiten reden kann.

…einträchtig! (Röm 12,16) Verschiedene Menschen, verschiedene Ansichten. Trotzdem möchte man an einem Strang ziehen und wird von Fall zu Fall gemeinsame Lösungen suchen.

„Freut euch mit den Fröhlichen. Weint mit den Weinenden“ (Röm 12,15)

Wir hörten im Evangelium, wie Jesus in Kana bei einer Hochzeit mit von der Partie war. Mehrere Tage lang. Er freute sich mit den Fröhlichen. – In Galiläa ruft er alle zu sich, die sich abmühen und Lasten tragen. (Mt 11,28). Jesus zog sich nicht zurück, um die Schrift zu studieren. Er war unter den Menschen und für die Menschen da.

Ein Herbsttag im Park lädt zum Schauen ein: Klarer blauer Himmel und Sonne. Die Bäume leuchten in gelbem bis rostrotem Laub. Spielende Kinder, Spaziergänger. – Auf einer Parkbank sitzt ein Mann, der nichts von alledem mitkriegt. Er guckt nicht nach links oder rechts. Er hat nur Augen für den kleinen Bildschirm in seiner Hand. Über Tik Tok, YouTube und What’s App ist er mit der ganzen Welt verbunden.

Mir begegnen Väter und Mütter, die den Kinderwagen schieben – den Blick aufs Smartphone gerichtet. Das Kind guckt stumm aus der Wäsche. Und neulich auf dem Spielplatz strengte sich ein kleiner Junge an, um seinem Vater etwas zeigen, was er schon kann: „Papa, du schaust schon wieder aufs Handy!“

Es gibt bei uns so viele einsame Menschen, alte und junge, z. B. Studierende, die neu in Berlin sind. Auch solche, die aus ihrer Situation nicht herausfinden, die verstummt sind. Es gibt Wohnhäuser ohne Nachbarschaft, keiner kennt den Anderen. Kinder, die sich selbst überlassen sind. Es fehlen Gemeinschaft, persönliche Zuwendung, Mitgefühl, ein freundliches Wort, ein aufmunternder Blick. Aber drei Stunden Bildschirmzeit stehen zur Verfügung…

„Verabscheut das Böse und haltet am Guten fest“ (Röm 12,10b)

Wo ist das Böse? Wenn Putin persönlich durch die Tür käme, womöglich zusammen mit seinem Freund Kim Jong-un, wüssten wir , woran wir sind. Im alltäglichen Leben tarnt sich das Böse. Erscheint im Gewand des Guten und flötet mit süßer Stimme:…

…“Fang an zu sparen!“ Welch vorzüglicher Rat, – sollte man meinen. Leider lautet die Fortsetzung: „Geh zu PENNY!“ Also, wenn ich bei PENNY an der Kasse Geld ausgebe, dann spare ich? Das Wort „sparen“ wird in der Werbung so verschwurbelt, dass es plötzlich das Gegenteil bedeutet: Bezahlen. Dabei klettern die Preise für Lebensmittel abgesehen von einigen Sonderangeboten. Bei Butter, Schokolade und Orangensaft geht es steil bergauf. Im Regal steht zudem die eine oder andere Mogelpackung mit halbem Inhalt zum gleichen Preis.

„Kauf jetzt, bezahl später,“ säuselt eine Sparkasse im Fernsehen. Ein glücklicher Kunde rät, am besten gleich volle 7.000,-€ abzuheben. „So konnte ich sofort mein Motorrad kaufen. Und hatte noch Bares für weitere Anschaffungen.“ Easy credit: Leben willst Du jetzt, zahlen kannst du später.

Viele starten im Neuen Jahr mit einem Minus auf dem Konto. Oft höher als 2.000.-€ Die gut klingenden Ratschäge entpuppten sich als böse.

Ich komme zum Schluss

Im Unterschied zu den Erlassen von Kaiser Nero sind die Worte des Paulus im Römerbrief bis heute lebendig und kraftvoll geblieben. Sie lehren Liebe:

  • Geschwisterlichkeit in der Gemeinde, dem Leib Christi
  • Mitgefühl
  • Wachsamkeit

Antrieb und Kraft dafür ist der Heilige Geist. Von ihm schreibt Paulus: „Lasst euch vom Geist anstecken und dienet dem Herrn. Freut euch, dass ihr Hoffnung habt. Bleibt standhaft, wenn ihr leiden müsst. Hört nicht auf zu beten.“ (Röm 12,11f.)

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