- 1) Und nach etlichen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. 2)Und es verammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. 3)Und es kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen. 4)Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, gruben es auf und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. 5)Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
6)Es saßen aber da einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: 7)Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? 8)Und Jesus erkannte alsbald in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? 9)Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin? 10)Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: 11)Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! 12)Und er stand auf und nahm sogleich sein Bett und ging hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen. (Mk 2,1-12)
In Kapernaum
In Israel findet man noch ein archäologisches Rest-Kapernaum. Das Leben pulsiert inzwischen in Tiberias am See Genezareth. Unter den Überresten einer achteckigen Kirche vermutet man die Grundmauern des Hauses, von dem heute die Rede ist. Es gehörte der Schwiegermutter des Petrus. Kapernaum damals war eine blühende Hafen- und Handelsstadt. Nirgendwo hat Jesus länger gewirkt. Im Unterschied zu seiner Heimatstadt Nazareth mochte man ihn hier. Wenn er da war, sprach es sich schnell rum. Außerdem heilte er. Er betrachtete Krankheiten nicht als Gottes Willen, in den man sich schicken muss.
An diesem Tag wollen ihn alle hören. Darunter fünf Freunde (vier starke Kerle mit ihrem gelähmten Freund auf einer Bahre) sowie einige Schriftgelehrte. Wir wollen sehen, wie Jesus mit ihnen umgeht und was das für uns bedeutet, die wir nicht dabei waren.
Tätiger Glaube
Die Fünf merken: Völlig ausgeschlossen, an Jesus heranzukommen. Er soll doch den Kranken berühren! Warten? Kommt nicht in Frage! Es war dringend. Dem Freund ging es wirklich schlecht. So kommen sie auf die waghalsige Idee, den Kranken samt Trage über die schmale Außentreppe hinter dem Haus auf das Dach zu hieven, das Dach aufzubrechen, den mit Reisig und Lehm abgedeckten Lattenrost aufzupolken und den Gelähmten in den Wohnraum hinabzulassen. Zum Staunen des Auditoriums schwebte er herab. Seine Trage wurde von vier Gurten gehalten, bis sie auf dem Fussboden aufsetzte. Die vier Träger blickten erwartungsvoll mit roten Köpfen vom offenen Dach aus auf Jesus. Im Vertrauen auf ihn hatten sie getan, was sie für nötig hielten.
Über Jesus öffnete sich plötzlich das Dach… Es knarrte vernehmlich. Lehm rieselte herab. Jesus empörte sich nicht über den entstandenen Schaden: „Er sah ihren Glauben.“ Den Elan, mit dem sie alle Hindernisse überwunden hatten. Ihren Einsatz für den einen, der sich nicht helfen konnte. Sie teilen ihren Glauben mit ihm. Jesus wendet sich dem Kranken zu: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“
Aus anderen Heilungsberichten wissen wir, dass Jesus auf Glauben hin heilte. Er sagte zum Beispiel: „Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen.“ (Lk 8,48) „Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“(Lk 18,19) und: „Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“(Lk 19,42)
Anders als in diesen Berichten spricht Jesus hier – auf den Glauben der Gruppe hin – Vergebungsworte! Mit dem Kranken passiert dabei nichts. Es vergehen Minuten, die ihm und seinen Helfern wie eine Ewigkeit vorkommen. Kein Wort zur Krankheit? War alles umsonst? Sind wir hier im falschen Film?
Erst nach einem Geplänkel mit den Schriftgelehrten strahlt Jesus den Gelähmten an: „Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh Heim.“ Vor aller Augen beginnt sich der bislang Unbewegliche zu rühren und zu regen. Seine Beine tragen ihn wieder. Mit seinen Händen kann er die Trage anpacken. Er schafft es, alleine aus dem Raum zu gehen. Ein großartiger Moment! Frommer Schauer und Freude machen sich Luft: „So etwas haben wir noch nie gesehen.“ Halleluja, gelobt sei Gott!
Gotteslästerung?
Die Schriftgelehrten waren neugierig. Sie wollten „das Wort“ dieses angesagten Laienpredigers begutachten. Nun vollzieht Jesus gerade auf eigene Weise eine heilige Handlung, die ihm nicht zusteht. Da blieb ihnen buchstäblich die Spucke weg. „Wie redet der so? Er lästert Gott!“
Vergebung der Sünden ist Privileg Gottes. „Bei dem H e r r n ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.“ (Ps 130,8) Überhaupt: Die Vergebung der Sünden gehört nicht in eine überfüllte Wohnstube irgendwo im Land, sondern an einen bestimmten heiligen Ort an einen Altar im Tempel in Jerusalem. So ist es vorgeschrieben: Wenn eine einfacher Mann aus dem Volk aus Versehen gegen ein Gebot Gottes verstoßen hat, muss er mit einer makellosen Ziege in den Tempel kommen.(Ein reicher Mann muss ein wertvolleres Tier mitbringen.) Der Priester weiß dann genau, was er zu tun hat. Durch ihn wird die göttliche Vergebung vermittelt. „So soll der Priester die Sühnung für ihn vollziehen, und ihm wird vergeben.“ (3. Mose 4,31) – Verglichen damit handelt Jesus freihändig ohne Opfertier, ohne Tempel, ohne Priester. Anmaßend, gotteslästerlich.
Jesus versuchte nicht, über die Schrift zu disputieren. Er nutzte die Gunst der Stunde, um den Schriftgelehrten seine Vollmacht zu demonstrieren: „Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin?“ Wer das Schwerere kann, beherrscht auch das Leichtere. Wer das große Einmaleins kann, weiß das kleine Einmaleins; wer einen PKW-Führerschein hat, kennt auch die Verkehrsregeln für ein Fahrrad.
Eine Heilung öffentlich, vor aller Augen vollzogen, ist selten und spektakulär. Die Vergebung der Sünden, scheint leichter, dabei gibt es nichts zu sehen. Deshalb war der Gelähmte auch so enttäuscht. Zunächst. Gerade hat er mit seiner Trage den Raum verlassen…. Spricht die erfolgte Heilung nicht für Jesu Vollmacht zur Sündenvergebung. Wer einen Kranken heilen kann, dem wäre das doch zuzutrauen, dass er Einblick in Gottes Ratschluss hat und sich mit ihm einig weiß? – Die Schriftgelehrten widersprechen hier nicht. Sie schweigen. Sind sie nachdenklich geworden?
Ich komme zum Schluss…
…mit drei Hinweisen für uns:
1. Wir hörten: „Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge“, – die Menge war im Wege. Dazu ein Beispiel aus der vorigen Woche: „Ich bete zu Gott. Wie antwortet er mir? Ich habe das Gefühl, nicht gehört zu werden,“ so eine junge Frau. Daraus entwickelte sich ein Gedankenaustausch über religiöse Erfahrungen. Auf einer Wellenlänge. „Mit meinen Bekannten kann ich nicht darüber sprechen. Die halten das für Blödsinn.“ Gott gehört nicht dazu. Punkt. Wer davon anfängt, spinnt. Punkt. So versperren Bekannte, Freunde, Nachbarn den Weg zu Jesus. Die Treppe in unserer Erzählung zeigt: Man kann aus der Menge mit ihren Urteilen und Vorurteilen herausklettern. Die Öffnung des Dachs bedeutet: Man kann sich Raum schaffen, um Jesus zu bitten. – Nehmen wir die Frage mit nach Hause: Wer versperrt mit den Weg zu Jesus?
2. Wir hörten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ – Bedeutende Worte. Am Krankenlager klingen sie eigentümlich dürr. Als ob die Krankheit eine Sünde wäre, an der der Kranke schuld ist. Und überhaupt: Wer sieht sich als Sünder?? – So ist es auch nicht gemeint! Jesus belastet nicht, er entlastet; er stellt keinen Sündenkatalog auf, ganz im Gegenteil, er vergibt spontan ohne Tempel, ohne Beichtstuhl. Die Sünde ist nur noch im Rückspiegel zu sehen als etwas, das man im Vertrauen auf Jesus hinter sich gelassen hat. An die Stelle von Gottferne ist Zuversicht getreten: „Du bleibst bei mir, wenn kein Mensch mir beisteht. Du vergisst mich nicht.“ Bei Jesus ist man nicht im falschen Film! Die Begegnung mit ihm ist heilsam, auch wenn keine Spontanheilung folgt.
3. Wir hörten, wie alle Gott priesen. – Überall, wo wir Heilung finden, ist Jesus im Spiel. Daran dachte ich als ich hörte: „Nach einem Impfdurchbruch bin ich 14 Tage richtig krank gewesen, mit Fieber und Schüttelfrost. Nicht auszudenken, was ohne Impfung gewesen wäre.“ Lasst uns eine lobende und dankende Gemeinde sein und bleiben!
