1)Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. 2)Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.
3)Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserem Gott! 4)Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; 5)denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat’s geredet.
6)Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie einen Blume auf dem Felde. 7)Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! 8)Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.
9)Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deinen Stimme mit Macht, erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; 10)siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her. 11)Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinem Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen. (Jesaja 40,1-11)
Gemischte Gefühle
Wir sitzen gemütlich am Adventskranz. In den Bäumen Schnee. Das Radio spielt: „Santa Claus is coming to town.“ Mittendrin die beklemmende Nachricht aus Königs-Wusterhausen: Ein verzweifelter Vater hat Frau und Kinder mit in den Tod genommen. Der Grund: Es war aufgeflogen, dass ihre Impfscheine gefälscht waren.
Die Paketdienste laufen hochtourig, übertourig. Eine Stunde brauchte der Bote, um alle Pakete in der Straße auszuliefern. Treppauf, treppab in den Häusern ohne Fahrstuhl. Die Kaufhäuser dagegen sind nur halb so voll: Viele meiden die Schlange vor der Eingangskontrolle. Nicht Geimpfte dürfen nicht hinein.
In die spürbare Verunsicherung mischt sich der Prophet: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ „Fürchte dich nicht!“ „Siehe da ist Gott, unser Herr!“ – Näherhin beschäftigt Jesaja sich mit dem Kommen Gottes durch die weglose Wüste. Aber nicht in einem wendigen weißen Fiat wie Papst Franziskus. Dem Propheten schwebt ein breit aufgestellter, ausladeneder Festzug vor, wie er beim König von Babylon und dem Kaiser von Persien üblich war. Himmlische Hilfskräfte werden für die alles Maß übersteigenden Erdarbeiten gebraucht. Schluchten müssen planiert, Gebirgszüge abrasiert werden. Das Arbeitskommando wird wie folgt instruiert: „Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden.“
Der Umbruch der Landschaft veranschauicht die Transformation, die Gott mit der Welt vorhat. Er will nicht nur über allem schweben, sondern Widerstände überwinden und heilen. Beistand leisten im tiefen Tal der Tränen, niederreißen den schroffen Felszug des Hochmuts.
Alle Täler sollen erhöht werden…
Keine Entwarnung, erhöhte Wachsamkeit! Das Virus mutiert und wird sich weiter ausbreiten. Am 3. Dezember erließ der Senat die 12. Änderungsverordnung (!) der 3. Impfschutzverordnung (!!). Regelungen und Vorschriften wurden wieder einmal aufpoliert.
Die Kinder in der Grundschulklasse waren glücklich, als sie die Masken wegpacken durften. Beim Testen blieb es; zweimal in der Woche am Montag und am Donnerstag. Als am Freitag ein Kind erschien, das am Donnerstag gefehlt hatte, reagierte die Lehrerin prompt: „Bitte, mach eben noch den Test!“ Und es war richtig so. Das Kind musste in Quarantäne, weil der Test positiv ausgefallen war. Erhöhte Wachsamkeit! Inzwischen tragen alle wieder Masken. Getestet wird täglich.
In der Bank lagen die Nerven blank. Eigentlich dürfen nur sechs Personen in den Vorraum mit den Geldautomaten. Um 11:00 Uhr ist er proppevoll. Alle wollen in den dahinter gelegenen Büroraum zum Schalter, der gleich aufmacht. Eigentlich dürfen immer nur zwei Personen rein. Die Leute stehen auf Tuchfühlung. Eine alte Dame trägt die Maske unter der Nase. „Halten sie bitte Abstand!“, ruft jemand. „Die Leute können doch nicht draußen in der Kälte stehen“, kommt es zurück. „Wie sollen wir das alles regeln?“, seufzt die Bankangestellte am Schalter. „Es gibt viel Ärger.“
In einem Podcast klagt eine junge Frau mit einer sympathischen Stimme, wie einsam sie ist. Einsam und unverstanden. Ihre Freundinnen schneiden sie, weil sie nicht geimpft ist.
Im Tal der Tränen will Gott Beistand leisten. Er hilft uns, die Übersicht zu behalten, und mitzufühlen.
Alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden…
„Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ (1. Petr 5, 5)
„Ein Herz, das Demut liebet, bei Gott am höchsten steht, ein herz, das Hochmut übet mit Angst zugrunde geht.“ (EG 10, 3)
Das Wort Demut fiel erfreulicherweise dieser Tage mehrfach. Die scheidende Kanzlerin gebrauchte es beim Großen Zapfenstreich: „Wenn ich heute vor ihnen stehe, empfinde ich vor allem Dankbarkeit und Demut.“ Ebenso ihr Nachfolger, sowie der neuernannte Minister Özdemir und Berlins neue Gesundheitssenatorin aus Kassel, soweit ich mich erinnere. Ein gutes Zeichen. Demut signalisiert Bescheidenheit: Ich diene einer Aufgabe, ich diene dem Land. Ich herrsche nicht. Ich will meinen Einfluss nicht ausnutzen, um mich zu bereichern. (Was wir ja gerade mit überteuerten Maskenlieferverträgen erlebt haben.)
Demut gegenüber Gott predigte Jesaja. „Alles Fleisch ist wie Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.“ Das galt den Hochmütigen, Starken, vermeintlich Unkaputtbaren seiner Zeit. In Israel blüht die Wüste höchstens vier Wochen. Innerhalb weniger Stunden verbrennt der Glutwind die ganze Frühlingspracht. Jeder wußte, worauf der Prophet hinauswollte. Die kurzlebigen Blumen und Gräser führen den Menschen die Allgegenwart des Todes vor Augen. Die Predigt geht weiter: „Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“ Sie möchte unseren Blick auf Gott und sein Wort richten. Aus diesem Wort hat der Prophet seine Botschaft empfangen, und er steht zu ihr, auch wenn sie weit über die realen Verhältnisse hinausgeht.
„Demut vor unserer Erde“ müssen wir neu lernen. Erst ahnungslos, dann ignorant haben wir uns hoch über die Ökologie unseres Planeten erhoben. Nun sind wir dabei, das Erdklima zu unserem Nachteil gravierend zu verändern. Überall auf der Welt beobachten wir extreme Wetterlagen. Auch Berlin bleibt nicht verschont. Am 29. September hatten wir wieder einmal einen Starkregen. Der Sachsendamm stand unter Wasser. Die S-Bahn Unterführung war nicht zu passieren. Die Feuerwehr war pausenlos im Einsatz. Berlin hat die meisten Starkregenschäden in Deutschlang. 143 Schäden auf 1000 Häuser. Demut tut not!
Ich komme zum Schluss
„Nach Trost wird verlangt, wenn Hilfe nicht mehr hilft,“ sagt man. Der Philosoph Georg Simmel (gest. 1918) erklärt: „Der Mensch ist ein Trost suchendes Wesen. Trost ist etwas anderes als Hilfe – sie sucht auch das Tier; aber der Trost ist das merkwürdige Erlebnis, das zwar das Leiden bestehen lässt, aber sozusagen das Leiden am Leiden aufhebt, er betrifft nicht das Übel selbst, sondern dessen Reflex in der tiefsten Instanz der Seele.“
Der Trost des Propheten ist der Vorbote kommenden Heils. Er eröffnet einen Hoffnungshorizont über den sichtbaren Gang der Dinge hinaus. „Siehe, da ist euer Gott; siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen.“ Gottes Erscheinen ist das Ziel der Weltgeschichte. Wenn wir Trost spenden, Beistand leisten und Widerstände überwinden, können wir uns ihm zuordnen, auf seine Zugkraft trauen . Er wird die Täler erhöhen und die Felsen erniedrigen. Es wird keinen Kummer geben, weil Gott die Seinen sammelt wie ein Hirte, der die Lämmer in seinem Arm trägt.
In die spürbare Verunsicherung dieser Tage mischt sich der Prophet mit seinem Ruf: „Tröstet, tröstet mein Volk!“
