Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. (Joh 3, 67 )
Am Neujahrsmorgen
Wer am Neujahrsmorgen einen Spaziergang macht, erlebt eine ungewöhnliche Stille. Lautlosigkeit nach nächtlichem Krawall. Das alte Jahr hat sich ausgetobt – mit erlaubtem und verbotenem Feuerwerk. Überall liegt ausgebrannte Pyrotechnik. Das Neue Jahr wurde eingeläutet, ist aber noch nicht in Betrieb. Alles steht auf Anfang. Bis zum 3. Januar, dann beginnt die erste Arbeitswoche.
Dazwischen – ein magischer Moment. Besser: ein Moment, der magisch werden kann. Die Chance, ungestört bei mir selbst zu sein, nachzuspüren: Was sind meine Lebensziele? Was habe ich noch vor? Was sollte sich ändern?
Grundsätzlicher gefragt: Lebe ich oder werde ich gelebt? „Sie lebte ein Leben, das sie nicht wollte“, heißt es von Sisi, der österreichischen Kaiserin. Ihr Leben war eine einzige Qual. Ruhelos reiste sie in ihrem Reich hin und her und ignorierte ihre Pflichten. – Lebe ich ein selbstbestimmtes Leben oder lasse ich ‚das Leben‘ die Entscheidungen über mich treffen? Bin ich in einem Zug unterwegs auf eingefahrenen Gleisen?
„Hör niemals auf, neu anzufangen“, wispert es uns zu in der Stille des Neujahrsmorgens.
Vielleicht war es an einem Neujahrsmorgen, als sich Jesus, der junge Mann, fragte: „Tischlern, Tischlern, das kann doch nicht alles sein?“ Er verließ Nazareth und brach auf zum Jordan zu einem gewissen Johannes, von dem er Packendes gehört hatte. Johannes sieht, dass Jesus „zu ihm kommt“ (Joh 1, 29). Voller Neugier und Erwartung. Die Begegnung mit Johannes wälzte seinen Lebensweg um.
Die Jahreslosung
Jedem Jahr wird eine eigene Losung zugeordnet. Ein Bibelwort abseits der üblichen Kanäle. Eine Anregung, Bekanntes neu zu hören, zu bedenken, womöglich das Jahr über zu meditieren. Die heutige Jahreslosung zielt auf unser Kommen zu Jesus. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Vergleichbar dem Ruf: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“(Mt 11, 28) Gedacht ist an ein neugieriges und erwartungsvolles Kommen, so wie Jesus einst zu Johannes kam.
Wie geht es uns mit dieser Einladung? Welche Erfahrungen haben wir mit ihr bisher gemacht? Die Jahreslosung legt sie uns erneut ans Herz: Hör niemals auf, mit Jesus neu anzufangen!
Als man Jesus nach dem wichtigsten Gebot fragte, antwortete er: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben. Und als Zweites: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“ (nach Mk 12, 30f.) Hören wir das als Anstoss für uns!
1.Der Name Jesus (Jeschua), bedeutet „Gott schafft Heil“. Jesus möchte im Neuen Jahr in schwieriger Zeit unser Gottvertrauen kräftigen. Er möchte, dass uns die Worten des Psalmisten zu eigen machen: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. (Ps 46, 2). Damit das nicht eine Kopfsache bleibt, sondern mit ganzem Herzen und mit ganzer Kraft geschieht, lehrte er das Vaterunser. Gottvertauen wächst aus dem Gebet.
2. Weihnachten haben wir wieder gemerkt, wieviel Kraft und Geduld es erfordert, Familienkonflikte zu vermeiden und sich um die engsten Angehörigen zu kümmern. Eine Frau klagte bitterlich: „Meine Schwester war wieder so gemein zu mir. Sie ist neidisch auf mich. Ich möchte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Habe alle Kontakte blockiert.“
Dennoch lenkt Jesus auch 2022 unseren Blick über den Tellerrand hinaus auf Menschen in Not., „Für wen bin ich da? Wer braucht meine Hilfe? Wem höre ich zu?“ Ich finde es gut, dass wir in der Pandemie an die Behinderten denken. Wenn es in den Krankenhäusern eng wird, dürfen sie nicht außen vor bleiben. In die Fürbitte aufnehmen möchte ich auch die 82 Millionen in aller Welt neugeborener Kinder und für ihr Wohlergehen und ein gesichertes Aufwachsen beten. Insbesondere für die Kinder im Bürgerkriegsland Jemen.
3. Mir berichtete jemand: „In meinem Schulzeugnis stand ‚mangelndes Selbstvertrauen‘. Kunststück: Mein Vater ist immer über mich hergezogen. ‚Du taugst zu nichts. Mit dir ist nichts anzufangen.‘, und so. Das war mein Start ins Leben.“ – Achten wir im Neuen Jahr darauf, gut für uns selbst zu sorgen, unsere Bedürfnisse wahrzunehmen und innere Stärke zu gewinnen. Jesus rät: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“ Jedes Wort zählt.
Hinwendung zu Gott, Hinwendung zum Mitmenschen, für sich selbst sorgen – drei Anregungen für 2022 unter der Überschrift: Hör niemals auf, mit Jesus neu anzufangen!
Abschiede
Das Neuen Jahr wird uns auch Trennungen zumuten. Noch sind wir gut und sicher aufgehoben. Wie lange wird es so bleiben? Jederzeit kann es anfangen zu bröckeln: Plötzlich streikt die Wirbelsäule, die Konzentration läßt nach, Beziehungen verkümmern oder gehen in die Brüche, die liebsten Menschen fehlen, ein Umzug kündigt sich an… Wir werden aus unserer Verankerung gerissen. Zu allem, was uns umgibt, gehört ein Haltbarkeitsdatum – oder soll ich besser sagen: ein Verfallsdatum? Gegebenenfalls schon im Jahr 2022.
Die Lesung vom heutigen Tage spricht diese letzte Unsicherheit an: „Was nehmt ihr euch alles vor? Weite Reisen, Besuch ferner Städte? Das Geschäft muss brummen und möglichst Gewinn abwerfen? Dabei wisst ihr nicht, was morgen sein wird. Was ist schon euer Leben? Rauch seid ihr, der für kurze Zeit sichtbar ist und dann vergeht.“ (nach Jak 4, 4) Die Zukunft ist ungewiss und kann uns jederzeit die kalte Schulter zeigen.
Ein Missverständnis
Der zweite Teil der Jahreslosung lautet „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Wenn Impfgegner Jesus für sich in Anspruch nehmen und überall freien Zugang einfordern, befinden sie sich im Irrtum! Jesus hatte nicht den mindesten Grund, sich mit dem Zugang zu Geschäften, Restaurants und Theatern zu befassen. Geschweige denn dagegen zu protestieren.
Er hat niemand abgewiesen, der zu ihm persönlich wollte. Er plante kein Lehrhaus für Hochqualifizierte mit Eintrittsgeld und Studiengebühren. Das Ergebnis war durchwachsen: Mit Beschenkten, Beglückten und Geheilten, aber auch zähen Bittstellerinnen, Enttäuschten, Verärgerten. Mal riesiger Zulauf mit Speisung der 5.000, mal verstörte Abwendung. Viele sind zu ihm gekommen, längst nicht alle haben zu ihm gefunden. Im entscheidenden Moment war er allein.
Bewahrung
Auf keinen Fall wollte Jesus, diejenigen abweisen, die bei ihm geblieben waren. Ihnen gegenüber spürte er eine tiefe Verpflichtung: „Ich soll keinen von denen verlieren, die er (Gott, der Vater) mir anvertraut hat. Vielmehr soll ich sie alle am letzten Tag von Tod erwecken.“ (nach Joh 6, 39). Alles, was wir als fest gut und wertvoll betrachten, kann abrupt abhandenkommen. Unser Leben steht nicht fest: bei ihm ist es geborgen.
Welchen Abschied auch immer das Neue Jahr dir abverlangen mag, bei ihm wirst du nicht verloren gehen!
Ich komme zum Schluss
- „Hör niemals auf, mit Jesus neu anzufangen“. Jesus ermutigt zur Hinwendung zu Gott und zum Mitmenschen und zur Sorge für sich selbst.
- Wir wissen nicht, welche Abschiede das Neue Jahr uns abverlangen wird. Aber bei ihm werden wir nicht verloren gehen. Jesus Christus spricht: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

