Der Weg Abrams: Von der Krise zum Glauben

  1. 1) Nach diesen Ereignissen kam das Wort des HERRN in einer Vision zu Abram: „Fürchte dich nicht, Abram! Ich selbst bin dein Schild. Du wirst reich belohnt werden.“ 2) Abram erwiederte: „HERR, mein Gott! Welchen Lohn willst du mir geben? Ich werde kinderlos sterben, und Elieser aus Damaskus wird mein Haus erben.“ 3) Weiter sagte Abram: „Du hast mir keinen Nachkommen gegeben, deshalb wird mich mein Verwalter beerben.“ 4) Da kam das Wort des HERRN zu Abram: „Nicht Elieser wird dich beerben, sondern dein leiblicher Sohn wird dein Erbe sein.“ Dann führte er Abram nach draußen und sagte: „Betrachte den Himmel und zähle die Sterne – wenn du sie zählen kannst!“ Er fügte hinzu: „So zahlreich werden deine Nachkommen sein.“ 6) Abram glaubte dem HERRN, und das rechnete ihm Gott als Gerechtigkeit an. (1. Mose 15,1-6 BasisBibel)

„Zum Glück fehlte nur die Krise“, diese Sentenz hat einen doppelten Boden: „Gott sei Dank, bisher blieb mir eine Krise erspart.“ O d e r: „Erst die Krise, die ich jetzt durchmache, zeigt mir, worin wahres Glück besteht.“ – Abram erlebte beides.

Abram im Glück

Jeder Mensch möchte glücklich sein, sucht nach einem Sinn in seinem Leben. Die jungen Leute schauen sich um, manche Alten haben resigniert. Die mittlere Generation rotiert: Ist es der Beruf? Eine Familie mit Kindern? Eine neue Liebe? Eine Weltreise? Die einen bleiben auf dem einmal eingeschlagenen Weg, andere erfinden sich von Zeit zu Zeit neu. Zu letzteren gehört Abraham oder Abram, wie er hier noch genannt wird.

„Godbye Haran!“ Mit 75 Jahren packt er seine Habe in Kisten und Kasten, lädt sie auf Kamele und wandert aus in froher Erwartung. Als ein Nomade verlässt er seine Heimat in Haran, jener uralten mesopotamischen Stadt an der türkisch-syrischen Grenze und sucht in Kanaan, dem Land zwischen dem Jordan und der Mittelmeerküste, sein Glück.

„Wie bis du bloß darauf verfallen?“, die Nachbarn schütteln ihre Köpfe, „so eine strapaziöse Expedition in einen fernen Winkel zu wagen? Dir geht es hier bei uns doch gut.“ Abrams Entschluss hatte sich nicht aus den aus den Umständen entwickelt, in denen er lebte: „Ich stelle micht Gott zur Verfügung! Er hat etwas Besonderes mit mir vor. Ich soll noch Vater werden, Gründer eines neuen Volkes und ein Segen für die Menschheit.“ Den neuen Schwung im Alter verdankte Abram Gott!

Halten wir einen Moment inne. Jeder Mensch möchte glücklich sein, sucht einen Sinn in seinem Leben. Abram fand seinen Weg durch das Hören auf Gott. Ich brauche nicht nur bei mir selbst zu verharren, sondern kann nach seinem Wort Ausschau halten und fragen: Was möchte Gott von mir? Welchen Plan hat er für mich? „Hilf mir, deine Stimme zu hören!“, werden wir nachher beten.

Abram in der Krise

Am Boden

Abram erkundete das fremde Land, schlug an verschiedenen Stellen seine weitläufigen Nomendenzelte auf und errichtete hier und dort einen Altar. Schwierigkeiten gab es reichlich: Gleich eine schwere Hungernot, die dazu zwang, in Ägypten Schutz zu suchen, Streit mit dem Neffen Lot und Scharmützel mit den ansässigen Stadtkönigen. Alles in allem lief es nicht gut. Das Wagnis hatte sich nicht gelohnt. Abram ist am Boden. Er ist ein landloser Fremdling ohne Zukunft: „Du hast mir keinen Nachkommen gegeben, deshalb wird mein Verwalter, Elieser von Damaskus, mich beerben“, wirft er Gott vor.

Wechseln wir noch einmal die Blickrichtung: Auch Jesus hat große Erwartungen geweckt. Aus einem winzigen Senfkorn soll sich das Himmelreich zu einem Weltenbaum auswachsen, der alle Vögel aufnehmen kann. Wo wächst dieser Baum?

Die fulminanten Bitten des Vaterunsers wurden bisher in kleiner Münze angezahlt:

  • „Dein Reich komme.“ Wo denn? – Vorderhand wächst die Zahl der Staaten mit Diktaturen, in denen die Menschenrechte mißachtet werden.
  • „Geheiligt werde dein Name.“ Wo denn? – Wir leben im Zeitalter des „praktischen Atheismus“. Alles läuft ohne Gott, nirgendwo fällt sein Name. Allenfalls das Schrecksekunden-Oh-my-God in amerikanischen TV-Serien.
  • „Dein Wille geschehe.“ Wo denn? – Vorderhand gilt: Jede und jeder möchten in ihrer Situation selbst herausfinden, was das Richtige ist.

Je älter ich werde, umso mehr bedrückt mich das.

Welch ein Vertrauen!

„Abram glaubte dem HERRN“, hier ist zum ersten Mal in der Bibel davon die Rede, dass jemand glaubt. In der Krise erlebte Abram Gott nicht nur beeindruckend, sondern persönlich und hilfreich. Er fühlte sich nicht nur gefordert, sondern beschützt und gestärkt und gewann so ein tiefes Zutrauen. „Wo keine Hoffnung war, hat er auf Hoffnung hin geglaubt“, so Paulus (Röm 4, 18). Abram lernte, wider den Augenschein zu hoffen. Woher dieser Stimmungsumschwung? – Das geschah, als Gott ihm den nächtlichen Sternenhimmel zeigte, der prächtig funkelte, und ihm dabei erneut die frohe Kunde von einem leiblichen Nachkommen und der Entfaltung zu einem großen Volk mit eigenem Land bestätigte.

Dazu spricht Abram sein Amen, „so sei es!“ Er birgt sich in dem Herrn, der Wunder tut und Wege weiß, die wir nicht kennen. Bisher hatte Abram auf den Herrn gehört und gehorcht. Jetzt, seit der Krise, ist er innerlich dabei. In diesem Sinne ist hier das Wort „glauben“ zu verstehen. Er vertraute und hoffte, obwohl er nichts in den Händen hielt und noch vierhundert Jahre verstrichen, ehe das Volk auf den Plan tritt. Zu seinem Glück fehlte nur die Krise.

Gott bindet sich

„Abram glaubte dem HERRN und das rechnete ihm Gott als Gerechtigkeit an.“ Auf sein Amen hin verbindet sich Gott mit Abram und sieht ihn als gerecht an. Nicht wegen der Mühe und Anstrengung. Nicht wegen der zurückgelegten Reisekilometer oder seiner Tapferkeit gegenüber den Stadtkönigen. Auch nicht das Fingerspitzengefühl im Umgang mit seinem schwierigen Neffen war ausschlaggebend. Nein, Gottes alleiniger Grund ist das tiefe Vertrauen, das Abram ihm entgegenbringt.

Gott zelebriert nun einen Bundesschluss, wie er damals zwischen Königen üblich war. Abram teilte eine Kuh, eine Ziege und einen Widder in zwei Hälften und platzerte sie links und rechts des Weges. Mitten in der Nacht schritt Gott im Symbol eines rauchenden Ofens und einer feurigen Fackel diese Vertragsstraße entlang (1. Mose 15, 17). Das Ganze stellt eine extreme Selbstverpflichtung dar. Wer den Vertrag bricht, soll das Schicksal dieser Tiere erleiden.

Von nun an bleibt Gott fest an Abrams Seite. Auch als dieser wieder mit seinem Schicksal zu hadern beginnt. „Mit dem Sohn wird das nie was“, kichert er. Sara, seine ebenso betagte Frau, kichert mit. Welche Greisin gebar ein Kind? Schließlich zeugt er mit der Magd Hagar einen Sohn, Ismael, und plant an Gott vorbei, ihn zu adoptieren.

Glaubensgerechtigkeit

Der hier beschriebene Vorgang, dass Gott einen Menschen aufgrund seines „Glaubens“ für „gerecht“ erklärt, ist innerhalb der gesamten antiken Literatur ausschließlich im Zusammenhang mit Abraham belegt, so der Neutestamentler Michel Wolter zu 1. Mose 15,6. Paulus knüpft daran an:

23) Aber nicht nur seinetwegen (gemeint ist Abram) steht in der Heiligen Schrift: “ Gott rechnete ihm diesen Glauben an.“ 24) Sondern es geht dabei auch um uns. Auch uns soll der Glaube angerechnet werden. Denn wir glauben an den, der Jesus, unseren Herrm, von den Toten auferweckt hat.“ (Röm 4,23f. BasisBibel)

Die Anerkennung Abrams als Bundespartner Gottes ist für Paulus der springende Punkt in den Auseinandersetzungen, die er zu führen hatte. Wie wir sahen, erfolgte die Anerkennung Abrams nicht augrund seiner Werke. Gottes Augenmerk galt allein seinem Glauben, seinem in diesem Moment erwachten tiefen Vertauen.

„Gott rechnete ihm diesen Glauben an.“ Dasselbe gilt nun für alle, die an Jesus Christus glauben. Gott nimmt uns nicht wegen unserer gesellschaftlichen Stellung oder unserer Leistungen in seinen Bund auf. Umgekehrt weist er auch niemanden ab, der nichts vorzuweisen hat oder irgendwo gestrandet ist. Es geht ihm allein um Vertrauen und Hoffen auf Jesus Christus.

So handelte Jesus selbst: „Dein Glaube hat dir geholfen“, hören einfache Leute von ihm, die ihn aufsuchten wie der Blinde von Jericho, die Frau, die ihre kranke Tochter zu ihm bringt, und derjenige von den 10 Aussätzigen, der sich bei ihm persönlich bedankt. Gelegentlich wird Jesus deutlicher: „Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.“ Gerechtfertigt, von Gott anerkannt, wurde der Zöllner, der sich im Tempel demütigte: „Gott, sei mir Sünder gnädig“, und nicht der von sich überzeugte Pharisäer mit dem hochtrabenden Gebet: „Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner.“ (Lk 18,9-14)

Schließlich erwähnt Paulus die Auferweckung. Gott ist niemals selbstverständlich. Sein Walten ist unter dem Gegenteil verborgen. In dieser Situation ist die Auferweckung Jesu Christi das Unterpfand für einen neuen Anfang, dafür, dass sein Reich anbricht, sein Name geheiligt und sein Wille befolgt wird. Im Blick auf den Auferstandenen werde ich die Hoffnung nicht aufgeben!

„Ich glaube nicht an Gott,“ als mich jemand so auf der Straße ansprach, war meine Gegenbemerkung: „Das muss nicht so bleiben!“ Auch zu meinen Glück fehlte nur die Krise.

Ich komme zum Schluss

  • Abram ist der erste Mensch auf der Welt, von dem die Bibel sagt, dass er glaubt. Dieser Glaube erwuchs aus einer Lebenskrise. Er schenkte Gott sein ganzes Vertrauen.
  • Daraufhin verbindet sich Gott mit ihm und steht fortan zu ihm, auch wenn er strauchelt.
  • Dieser Bund gilt auch uns: Allein eingedenk des Vertrauens auf Jesus Christus – ohne Blick auf die gesellschaftliche Hackordnung – nimmt Gott uns auf und gibt uns nicht mehr preis.

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