Eltern ehren: Die Bedeutung von Respekt und Dankbarkeit

27) Ehre deinen Vater von ganzem Herzen und vergiss nicht, welche Schmerzen deine Mutter um dich gelitten hat, 28) und bedenke, dass du von ihnen das Leben hast; womit kannst du ihnen vergelten, was du ihnen verdankst? 29) Fürchte den Herrn von ganzer Seele, und halte seinen Priester in allen Ehren. 30) Liebe den, der dich geschaffen hat, mit ganzer Kraft und lass seine Diener nicht im Stich. (Jesus Sirach 7,27-30)

„Ich weiß, hier geht das auf!“

Die ersten Schritte! Ende August kam eine kleiner Film von unserer Tochter. Man sieht den langgestreckten Flur ihrer Wohnung mit dem Laminatfußboden. Durch eine Glastür am hinteren Ende fällt das Licht herein. Dorthin ist gerade ein kleines Persönchen im gestreifen Pulli mit gut verpacktem Popo tastend unterwegs. Unsere jüngste Enkeltochter, elf Monate alt, erweitert ihren Bewegungsradius: Ohne Hilfe von Mama oder Papa, aber noch nicht freihändig. Sie schiebt ihren Laufwagen vor sich her. An einer Kommode rechts von ihr unterbricht sie die Tour, greift nach dem Riegel der Schublade und schaut pfiffig ins Bild: „Ich weiß, hier geht das auf!“

Als Großeltern erleben wir mit, wie sich die Mobilität der Kleinen entfaltet. Erst griffen die Händchen nach allem, was am Spielbogen über dem Kinderbett hing. Der schwere Kopf konnte noch nicht gehoben werden. Auf der Krabbeldecke wurde die Bauchlage geübt mit Kraftaufwand und wenig Freude. Einige Wochen später war schon Ballwechsel angesagt. Im Sommer saß sie im Buddelkasten sicher und aufrecht.

Vater und Mutter

Wir Nesthocker

Wir Menschen kommen als Nesthocker auf die Welt, müssen auf lange Sicht versorgt, betreut und unterrichtet werden. Eines schönen Tages „verlässt ein Mann seinen Vater und seine Mutter und verbindet sich mit seiner Frau. Sie sind dann eins mit Leib und Seele.“ (1. Mose 2,24) So beschreibt die Bibel den Aufbruch aus dem Elternhaus. Der Sohn zieht in eigene vier Wände, findetet eine hübsche Frau und gründet mit ihr eine Familie. Ebenso stellt es die junge Frau an.

Die Abnabelung

Die erwachsen gewordenen Kinder nabeln sich von ihren Eltern ab und gehen auf eigenen Wegen. Kluge Eltern mischen sich nicht ein. Als Maria das auf der Hochzeit zu Kana versucht, blafft Jesus sie an: „Was geht’s dich an Frau, was ich tue?“ (Joh 2,4). Von seinen Leuten fordert Jesus Abstand von Vater und Mutter und der ganzen Sippe: „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist mein nicht wert.“(Mt 10,37) Jesus will raus aus der Konvention und frischen Wind bringen.

Vater und Mutter ehren

Auch wenn wir als Erwachsene mit unserern Eltern auf gleichem Fuße verkehren, mehr wissen und weiter herumgekommen sind als sie, bleibt eine einzigartige, nicht lösbare Verbindung. Freundschaften, Partnerschaften, Ehen haben ihre Zeit. Nicht die Züge von Vater oder Mutter in meinem Gesicht oder in meinem Wesen. Die Eltern stecken in jedem von uns. „Denke daran, dass du von den Eltern das Leben hast!“ Die Eltern zu „ehren“ (hebräisch: kabed) bedeutet, sie als „gewichtig“ und „bedeutsam“ anzuerkennen und ihnen Achtung entgegenzubringen.

„Die Hand an der Wiege regiert die Welt,“ dieser Satz stand in einem Interview mit der forensischen Psychologin Nata Salimeh. Die Lebensläufe kaltherziger Gewalttäter gewähren Einblick, wie schädlich seelische Vernachlässigung und körperliche Übergriffe sind. Wenn das Baby nachts schreit und es niemand hört, oder wenn es dafür ausgeschimpft und geschlagen wird, spürt es, diese Welt ist ein rauer Ort. Um mich durchzuschlagen, brauche ich Härte.

„Die Hand an der Wiege regiert die Welt,“ bedeutet aber auch: Mit ihrem Gespür für die Nestwärme, die ich brauchte, schufen die Eltern meine Lebensgrundlage. So gut sie es vermochten, haben sie mich umsorgt, beschützt und gefördert. Zuwendung und Liebe bauen ein Kind auf. „Womit kannst du den Eltern vergelten, was du ihnen verdankst?“

Angesprochen sind Erwachsene. In einer Zeit, in der es noch keine Renten gab, sollen sie ihre Eltern im Alter nicht sich selbst überlassen. Auch Jesus verliert seine Mutter nicht aus den Augen. Abnabeln Ja ! Kontaktabbruch Nein! Vor seinem Tod gibt er sie in die Obhut seines Lieblingsjüngers: „Frau, siehe das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“(Joh 19,26f.) Maria bleibt nicht unversorgt zurück.

Auch heutzutage mit staatlicher Alterversorgung brauchen wir Solidarität zwischen den Generationen. Die besondere Verantwortung der erwachsenen Kinder für die Lebensbedingungen der Eltern im Alter ist ein Anliegen der christlichen Ethik. Hilfsbedürftigkeit wahrzunehmen und bei Demenz zu stützen und zu begleiten.

Gott fürchten und lieben

Im gleichen Atemzug kommt Jesus Sirach von den Eltern auf Gott, den Herrn. Auch ihm verdanken wir unser Leben. Er hat uns geschaffen. Ohne ihn gäbe es keinen von uns. Ebenfalls streifen wir ihm gegenüber eines Tages die Kinderschuhe ab. Wir wachsen aus dem magischen Weltbild heraus und gewinnen einen kritischen Blick auf Fantasiewelten, Religion und Magie. Über Gott gibt es gegensätzliche Ansichten. Leider geschieht Vieles auf der Welt, das wir mit ihm nicht in Verbindung bringen können.

Wie bei Vater und Mutter gibt es Gründe, sich Gott gegenüber zu verschließen. Jesus Sirach mahnt, es nicht dazu kommen zu lassen. „Fürchte den Herrn von ganzer Seele…liebe den, der dich geschaffen hat, mit allen Kräften.“

„Fürchten“ bedeutet hier nicht „in Angst sein“ oder „zittern, sondern Gott „Respekt entgegenbringen“. Nicht aus Zwang, sondern aus eigener Einsicht: „Dem HERRN mit Ehrfurcht zu begegnen, bedeutet, das Böse zu hassen. Darum hasse ich Hochmut, Stolz, unrechtes Tun und einen Mund, der die Wahrheit verdreht.“(Spr 8,13) – Gott von ganzem Herzen zu lieben, ist das Grundgebot der Tora schlechthin (5. Mose 6,15). Israel verdankt seine Existenz Gott. „Womit kannst du ihm vergelten, was du ihm verdankst?“ Niemals bist du mit ihm quitt, gilt für das Volk Gottes im Ganzen wie für jeden einzelnen, Juden wie Christen.

Betrachten wir, wie eine Hand im Sinne Jesu an der Wiege waltet. Für ihn sind Kinder nicht Anhängsel ihrer Eltern, sondern eigene Personen, denen er sich zuwendet: „Lasst doch die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran. Denn für Menschen wie sie ist das Reich Gottes da.“ (Lk 18,16). Er warnt die Erwachsenen vor Übergriffigkeit. „Nehmt euch in Acht: Ihr sollt keinen von diesen geringsten von oben herab behandeln! Das sage ich euch: Ihre Engel stehen im Himmel stets unmittelbar vor meinem himmlischen Vater.“(Mt 18,10) Sie halten ihn auf dem Laufenden. Keine Untat wird vergessen. Die Kinder stehen unter Gottes Schutz, die Macht der Erwachsenen ist beschränkt. Kindesmissbrach schlägt dem ins Gesicht!

Die Heilige Taufe knüpft ein festes Band zum dreieinigen Gott. Im Taufesegen heißt es:

Gott schenke dir seinen Geist. Er geleite dich durch dein irdisches Leben, erhalte dich in der Gemeinschaft Christi und bewahre deine Seele zum ewigen Leben.

Alle, die zum Volk Gottes gehören, werden in das Buch des Lebens eingetragen. „Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind,“ (Lk 10,20) wird gerne als Taufspruch gewählt.

Ich komme zum Schluss

  • Unsere keine Enkeltochter beginnt mit 11 Monaten zu laufen. Bis sie flügge ist, wird es sich ziehen.
  • Zum Erwachsenwerden gehört Mündigkeit, ein kritischer eigener Blick auf die Eltern und auf Gott.
  • Jesus Sirach beschwört uns, dass wir weder Vater und Mutter noch Gott, den himmlischen Vater, links liegen lassen. Er gibt zu bedenken: „Womit kannst du ihnen denn vergelten, was du ihnen verdankst“

„Ehre deinen Vater von ganzem Herzen und vergiss nicht, welche Schmerzen deine Mutter um dich gelitten hat. …Liebe den, der dich geschaffen hat mit ganzer Kraft.“

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