17) Denkt ja nicht, ich bin gekommen, um das Gesetz und die Propheten außer Kraft zu setzen. Ich bin nicht gekommen, um sie außer Kraft zu setzen, sondern um sie zu erfüllen. 18) Amen, das sage ich euch: Solange Himmel und Erde bestehen, wird im Gesetz kein einziger Buchstabe und kein Satzzeichen gestrichen werden. Alles muss geschehen, was Gott geboten und verheißen hat. 19) Keines der Gebote wird außer Kraft gesetzt, selbst wenn es das Unwichtigste ist. Wer das tut und es andere Menschen so lehrt, der wird der Unwichtigste im Himmelreich sein. Wer die Gebote aber befolgt und das andere so lehrt, der wird der Wichtigste im Himmelreich sein. 20) Denn ich sage euch: Eure Gerechtigkeit muss größer sein als die der Schriftgelehrten und Pharisäer. Sonst werdet ihr niemals in das Himmelreich kommen. (Mt 5,17-20)
Zum Israelsonntag in desem Jahr gehören eine gute und eine schlechte Nachricht. Verbunden mit einer kleinen Premiere, die sie eben erlebt haben, und einer großen Premiere am 18. Juni in Kassel, der Eröffnung der documenta 15.
Die gute Nachricht
Sie haben eine Premiere erlebt! Der eben vorgelesene Abschnitt aus der Bibel schmorte in der Abstellkammer. In meiner ganzen Dienstzeit kam er niemals dran. 2018 wurde er ins Pflichtprogramm aufgenommen als offizieller Predigttext. Heute greift das zum ersten Mal.
Passend zum Israelsonntag! Dem Warnzeichen im Kirchenjahr vor christlicher Judenfeindschaft. Judentum und Pharisäer mussten durchgehend als Negativfolie herhalten.
- Luther sah in ihnen die römische Kirche.
- Für die liberalen Theologen waren es die bibelgläubigen Pietisten.
- Für linke Prediger die Kapitalisten mit ihrer Lohnmoral.
Von 1939 bis 1945 bestand in Eisenach ein Institut „zur Erforschung und Beseitigung jüdischen Einflusses auf das kirchliche Leben“, eine dem NS-Staat willkommene Denkfabrik eingerichtet von elf Landeskirchen. Deren Parole lautete: „Der christliche Glaube ist der unüberbrückbare, religiöse Gegensatz zum Judentum.“ Diesem Basissatz christlicher Judenfeinschaft widerspricht Jesus im heutigen Predigttext auf der ganzen Linie.
Dem Matthäusevangelium zufolge startet Jesus mit einer mitreißenden Rede, der Bergpredigt. Er sagt, wer glückselig ist. Er redet seine Hörerinnen und Hörer aufmunternd an „Ihr seid das Salz der Erde! Ihr seid das Licht der Welt!“ Und wünscht: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten. Sie sollen eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Mt 5,16).
Nach diesem Schwung wird Jesus grundsätzlich. Es besteht Klärungsbedarf. Man hält ihn für einen Mann der Zukunft, einen jungen Wilden. Seinen Trompetenstoß hatten viele im Land vernommen. Was hatte er vor? Wo will er mit uns hin?
Jesus bekennt sich zur Tora
Er stellt klar: „Ich habe nicht vor, das Gesetz und die Propheten außer Kraft zu setzen. In ihm bin ich aufgewachsen in einer frommen Familie. In ihm lebte und lebe ich vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, vom Frühstück bis zum Abendbrot. Mein Leben ist religiös geprägt, in der Synagoge und im Tempel fühle ich mich zu Hause.“
Die Tora ist für ihn kein Gesetz, mit dem der Mensch sich selbst erlösen kann. Sondern ein Geschenk Gottes. Ausdruck der engen Verbindung mit seinem Volk und Weisung zum rechten Leben. Von der Treue zur Tora hängt das Schicksal Israels ab. „Von der Treue zur Tora hängt auch euer Platz ihm Himmelreich ab.“, fügt Jesus in bildhafter Sprache an. Wer sie missachtet, wird dort zweitrangig sein. Wer sie erfüllt, wird wertgeschätzt: „Wer die Gebote aber befolgt und das andere so lehrt, der wird der Wichtigste im Himmelreich sein.“
Halten wir einen Moment inne. Dieser Tage machte ein forsches Statement die Runde: „Es kann kein Gott akzeptiert werden, der nicht freiheitsachtsam ist und Autonomie will.“ So äußerte sich ein – man staune – katholischer Theologieprofessor aus Freiburg. Autonomie heißt „Selbstgesetzgebung“: „Ich suche mir mein Lebensmotto im Alleingang ohne fremde Hilfe.“ Die ethische Autonomie ist eine bedeutende Richtung in der Geistesgeschichte. Jesus indes zeigt in der Bergpredigt eine grundverschiedene Einstellung. Er unterstellt sich dem Willen Gottes in der Tora und betet: „Dein Wille geschehe.“, ohne sich dabei unfrei zu fühlen.
Wie Jesus die Tora auslegt
Wenn Jesus predigt, rappelt es mächtig im Karton. Er äußert sich pointiert und einprägsam. Zum überkommenen Lehrgut fällt ihm sofort ein eigener Gedanke ein. Folgendermaßen erläutert er das fünfte Gebot: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: ‚Du sollst nicht töten.‘ Ich aber sage euch, wer seinem Bruder zürnt und zu ihm sagt: ‚Du Nichtsnutz‘ oder ‚du Narr‘, der ist des Gerichts schuldig.“(Mt 5,21f.) Gewaltige Worte von weitreichender Wirkung.
Hat Jesus hier die übliche Auslegungspraxis verlassen? Mustert er Altes aus, weil Neues besser ist? Aus unserem Alltag wissen wir:
- Früher warf man einen Brief noch in den Briefkasten; heute schreibt man eine E-Mail.
- Früher brachte man eine Überweisung noch zur Bank; heute gibt es online banking von zu Hause aus.
Jesus ist dahingehend mißverstanden worden: „Er bezieht eine Gegenposition zum Gesetz Israels!“ Es bürgerte sich in der Theologie ein, von den „Antithesen“ der Bergpredigt zu sprechen, weil und solange die einleitende Positionsbestimmung Mt 5,17-20 Jesu übersprungen wurde. Wenn die Weiche nicht beachtet wird, fährt der ganze Zug in eine falsche Richtung. Jesus hält an der Tora fest, weil „die Alten“ für ihn nicht zum alten Eisen zählen. Er schätzt die Vorfahren der Erlebnisgeneration, die Gottes Gebot am Sinai hörten. Ihnen gebührt Ehrerbietung. In Betracht kommt ein anmerkendes „Aber“. Die BasisBibel von der Deutschen Bibelgesellschaft berücksichtigt das. Jesus formuliert keine Antithese, sondern einen Lehrspruch zum fünften Gebot:
Ihr wisst, dass unseren Vorfahren gesagt worden ist: ‚Du sollst nicht töten!‘ Ich sage euch aber: Schon wer auf seinen Bruder oder seine Schwester wütend ist, gehört vor Gericht.
Eine Zumutung für Juden wie für Christen
Jesus wollte die Juden seiner Zeit zu besseren Juden machen: „Eure Gerechtigkeit muss größer sein als die der Schriftgelehrten und Pharisäer. Sonst werdet ihr niemals in das Himmelreich kommen.“(Mt 5,20) Jesus weist die Menschen nicht auf einen anderen Weg, sondern zu einem anderen, vertieften Umgang mit der Tora. Er schärft das Gewissen bis es zubeißt.
Seine Lehre trugen die Jünger hinaus in alle Welt. „Lehrt sie alles zu tun, was ich euch geboten habe!“ (Mt 28,20). Seither werde Juden und Christen in gleicher Weise von Jesus zu einem besseren Verhalten herausgefordert. Die Gebote nicht nur zu kennen, sondern auch zu leben. Der springende Punkt für unseren Israelsonntag ist dabei. Niemand hat die bessere Gerechtigkeit, die Jesus fordert, für sich gepachtet. Einen unüberbrückbaren Gegensatz gibt es nicht.
„Wer auf seinen Bruder oder seine Schwester wütend ist, gehört vor Gericht.“ – Zielt auf unser Aggressionspotential: Wann rasten wir aus? Wann werden wir laut? „Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn,“ so der Jakobusbrief (Jak 1,19).
„Ihr wisst, dass gesagt worden ist:’Du sollst nicht ehebrechen!‘ Ich sage aber: Wer die Frau eines anderen begehrlich ansieht, hat mit ihr schon die Ehe gebrochen. Er hat es in seinem Herzen getan.“(Mt 5,27f.) – Zielt auf unseren Triebhaushalt. „Ich kann ihm nicht sagen, dass ich ihn betrogen habe!“, schluchzt sie verzweifelt. Gibt es eigentlich noch Fernsehfilme ohne Sexszenen? Vorzugsweise One-Night-Stands, bei denen eine Person aus der Ehe oder Partnerschaft ausbricht und danach in Schwierigkeiten steckt.
„Ihr wisst, dass unseren Vorfahren gesagt worden ist: ‚Du sollst deinen Schwur nicht brechen! Vielmehr sollst du halten, was du dem Herrn geschworen hast!‘ Ich sage euch aber: Schwört überhaupt nicht. …Sagt einfach ‚Ja‘, wenn ihr ‚Ja‘ meint, und ‚Nein‘, wenn ihr ‚Nein‘ meint.“(Mt 5,33ff.) – Zielt auf unsere Ehrlichkeit. Wie war das mit dem gepflegten Abendessen im Hause der RBB-Intendantin Patricia Schlesinger? Sieben Gäste wurden für sage und schreibe 1.154,87€ bewirtet. Auf Kosten der Gebührenzahler! Darauf angesprochen flötete sie: „Ein Arbeitsessen, ein reines Arbeitsessen!“ Als Polizeipräsidentin Slowik das hörte: „Von Arbeit war keine Rede. Dann wäre ich nicht gekommen.“ Wer war es noch gleich, der über die Steigerungsformen sinnierte: „Es gibt die Wahrheit – die einfache Wahrheit – die reine Wahrheit…“ Schluss damit! „Sagt einfach ‚Ja‘, wenn ihr ‚Ja‘ meint, und ‚Nein‘, wenn ihr ‚Nein‘ meint.“
Die schlechte Nachricht
Die Premiere der internationalen Kunstausstellung Dokumenta 15 war am 18. Juni in Kassel. Bald danach wurde es unbehaglich. Es begann mit dem Bild eines palästinensischen Künstlers. Weitgehend eine Nachbildung des Werks „Erntearbeiter bei der Rast“ von Jean Francois Millet aus dem Jahre 1853. Hinzugefügt hatte der Maler einen Wall aus Beton hinter dem Panzer und Soldaten lauerten. Bereit zum Überfall auf friedliche Bauern.
Der Titel des Bildes „Guernica Gaza“ suggeriert eine Parallele zu einem Kriegsverbrechen der deutschen Luftwaffe getarnt als Legion Condor im spanischen Bürgerkrieg 1937. Guernica, eine Kleinstadt im Baskenland am Golf von Biskaya, ist dadurch in die Geschichte eingegangen. Hier wurde das erste flächendeckende Bombardement durchgeführt. Bomben auf die Zivilbevölkerung ohne militärischen Nutzen. Zur Einschüchterung. 3.000 Menschen starben. Mit dem Bild wird Israel bezichtigt, in Gaza so aufzutreten wie die Nazis in Guernica.
Palästinenserpräsident Abbas, in dieser Woche zu Gast in Berlin, stieß in dasselbe Horn: „Israel hat 50 Massaker in Palästina verübt. 50 Holocausts!“ Bundeshanzler Scholz neben ihm stehend verschlug es die Sprache.
Ich komme zum Schluss
- Die gute Nachricht: Heute wird in allen evangelischen Kirchen gelesen und bedacht, dass Jesus sich im Matthäusevangelium zu seinen jüdischen Wurzeln bekennt. Er schlug nicht wie ein Meteorit auf und verwandelte seine Umgebung in eine Kraterlandschaft. Nein, er ist ein wahrer Mensch geworden. Jude unter Juden.
- Die Scharmützel, die er sich mit diesem Pharisäer oder jenem Schriftgelehrten lieferte, gingen nicht an diese Wurzel. Der Glaube, den er verkündete, steht keinem unüberbrückbaren Gegensatz zum Judentum. Juden wie Christen schärft Jesus in der Bergpredigt das Gewissen.
- Die schlechte Nachricht: Die Documenta in Kassel dokumentierte in diesem Jahr vor allem die unüberbrückbare Kluft aus Verletzungen und Hass zwischen Israel und den Palästinensern und dass viele Länder im globalen Süden, z. B. das große Indonesien, den Standpunkt der Palästinenser teilen.
- Das ist ein zusätzlicher Nährboden für antisemitsche Anschläge. In Berlin waren es im vorigen Jahr 1.052 Angriffe, Bedrohungen, Sachbeschädigungen und Hassmails.
Lasst uns um Frieden für Israel und Palästina beten: Dass endlich die Zeit kommen möge, in der alle unter ihren Feigenbäumen und Weinstöcken sicher wohnen können!

