Abraham und die Dreifaltigkeitsikone

1)Der HERR erschien Abraham bei den Eichen von Mamre. Abraham saß in der Mittagshitze am Eingang seines Zeltes. 2)Er schaute auf – da standen drei Männer vor ihm. Als er sie erblickte, lief er ihnen vom Zelteingang entgegen und verneigte sich bis zum Boden. 3)Er sagte: „Mein Herr, wenn ich Gnade bei dir gefunden habe, geht nicht bei deinem Knecht vorbei. 4)Man soll etwas Wasser bringen, damit ihr euch die Füße waschen könnt. Bitte ruht euch unter dem Baum aus. 5)Ich will euch ein Stück Brot holen. Ihr sollt euch stärken, bevor ihr weiterzieht. Deshalb seid ihr ja bei eurem Knecht vorbeigekommen.“ Die Männer antworteten: „Tu, was du gesagt hast.“

6) Abraham eilte ins Zelt zu Sara und sagte: „Schnell! Bereite eine große Menge Teig und back Brotfladen daraus!“ 7)Er selbst lief zur Rinderherde, nahm ein zartes, schönes Kalb und übergab es seinem Knecht. Der bereitete es rasch zu. 8)Abraham nahm Butter, Milch und das fertig zubereitete Kalb und brachte es den Männern. Während sie aßen, blieb er bei ihnen unter dem Baum stehen. 9) Sie fragten ihn: „Wo ist deine Frau Sara?“ Er antwortete: „Drinnen im Zelt.“ 10)Darauf sagte er (der HERR): „Nächstes Jahr um diese Zeit komme ich wieder zu dir. Dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben.“ (1. Mose 18,1-10)

Nach einer Besprechnung fragte mich ein Teamer:“Wie stellst du dir Gott vor?“ Ich darauf: „Komm in mein Arbeitszimmer. Nebenan.“ Dort hing eine Ikone mit drei sympathischen Engeln. Sie sitzen an einem Tisch. Ihre Runde ist zum Betrachter geöffnet: „Hier bete ich. Das ist mein liebstes Gottesbild.“

Ich möchte Ihnen heute erzählen, was es mit dieser Ikone für eine Bewandtnis hat. Bitte googeln Sie dazu die Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljov.

Die Gastfreundschaft Abrahams

Flirrende Hitze! Man könnte denken, ich habe den Abschnitt aus der Bibel extra für heute ausgesucht. Am heißesten Tag in diesem Jahr in Berlin. Blicken wir nach Mamre bei Hebron. In dem schattigen Eichenhain hat Abraham nach Nomadenart seine Zelte aufgeschlagen. Hier ist sein erster Wohnsitz im verheißenen Land.

Am Eingang seines Zeltes hält er Siesta. Plötzlich stehen drei Wanderer vor ihm. Schweißgebadet. Abraham erschrickt, hat sich aber im Nu unter Kontrolle. Tief verneigt er sich: „Es ist mir eine Ehre!“ und bietet dem einen Gast seine Dienstbarkeit an. „Etwas Wasser für die Füße? Und ein Stück Brot?“ Die drei Wanderer sagen dazu nicht nein.

Nun rotiert er. Hitze hin Hitze her. Er scheucht Sara an den Backofen und den Knecht an den Grill. Zeit dafür ist offenbar genug. Dann serviert er weit mehr als ein Stück Brot für die Reise: Butter, Milch und frischen Kalbsbraten. Vielleicht hatte Paulus diese Szene vor Augen, als er schrieb: „Ihr habt mich aufgenommen wie einen Engel Gottes.“ (Gal 4,14)

Zur Belohnung für dieses frugale Mahl verspricht Gott, der Herr, den ersehnten Stammhalter.

Schon dem Kirchenvater Augustin fiel auf: „Drei Männer sah Abraham kommen, einen begrüßt er.“ Drei Männer nehmen das Angebot an. Drei Portionenen werden serviert. Einer, bedankt sich und kündigt die Geburt des verheißenen Sohnes an, durch den ein großes Volk entstehen soll. Drei Männer ziehen von dannen nach Sodom. Gott unterscheidet sich von sich selbst und hebt diese Unterscheidung im nächsten Moment gleich wieder auf. Abraham nahm staunend wahr, dass Gott, der Herr, ihm diesen Einblick in sein Innenleben gewährte. Hier in Berlin würde er das House of One aufsuchen, das im Bezirk Mitte gebaut wird.

Seit dem 4. Jahrhundert gibt Fresken, Mosaike und Miniaturen von der Gastfreundschaft Abrahams. Die drei Engel sitzen in einer Reihe nebeneinander oder rings um den Tisch. Aus dem Engelsbild wurde ein Gottesbild. In den drei Engeln der alttestamentlichen Erzählung erblickten man einen Hinweis auf die trinitarische Selbstunterscheidung Gottes. Gott ist nicht darstellbar, unsichtbar und unerforschlich. Davon ging man aus. Es bedarf heiliger Zeichen, die auf ihn deuten, an sie kann man sich halten, zum Beispiel die drei Engel. Dazu ein Hymnus aus dem 9.Jahrhundert:

Abraham, eingeweiht in heilige Dinge,
empfing einst unter heiligen Zeichen
den Bildner, Gott und Herrn aller
in drei Personen frohlockend
und erkannte der drei Personen einzige Macht.

Die Gastfreundschaft Gottes

Als der Malermönch Andrej Rubljov 1422-1427 die Dreifaltigkeitskirche in Sagorsk bebilderte, gehörte dazu auch die Hauptikone in der Bilderwand rechts von der Mitteltür eine Darstellung der Dreieinigkeit (troiza). Rubljovs Werk erweist sich seither als ein Magnet, der auch mich angezogen hat. Wie alle Ikonen ist sie im traditionellen Stil gehalten, aber mit behutsamen Veränderungen. Ich sehe eine doppelte Bewegung:

1. Ein Aufblick zum gastfreundlichen Gott

Wo ist Abraham? Wo Sara? Wo der Knecht? Nur die Wanderstöcke erinnern noch an den Besuch. Geleitet von dem Wort Jesu: „Amen, amen, das sage ich euch. Ich bin – schon bevor Abraham da war.“ (Joh 8,58), verlegte Rubljov die Szene aus der Menschheitsgeschichte in die Zeit Gottes. – Alles Irdische verblasst. Das Haus, der Fels. Das dünne Bäumchen spendet keinen Schatten mehr. Hinweise auf die Vorzeit „ehe die Welt gegründet war“(Joh 17,24). Auf den Anfang ohne den es keine Mitte und kein Ende gibt. Gott ist nicht Teil unserer Welt, sondern ihr Gegenüber, lebendig, in drei Personen.

„Ich und der Vater sind eins.“(Joh 10,30), sagt Jesus. Rubljov schließt den Heiligen Geist mit ein, weil er dem Glaubensbekenntnis von Nicäa-Konstantinopel (EG 805) zufolge mit dem Vater und dem Sohn zugleich angebetet und verherrlicht wird. Er zeigt uns drei Engel, die sich äußerlich und innerlich gleichen. In Gestalt, Größe, Gesichtszügen und Alter friedvoll, harmonisch, innerlich konform und handelseins. Gott in heiliger Gemeinschaft. Ein Platz am Tisch ist frei und lädt Besucherinnen zum Verweilen ein. Der Speisekelch steht auf dem Tisch bereit für das Heilige Abendmahl. Die Gastfreundschaft von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist ist das himmlische Gegenstück zur Gastfreundschaft Abrahams.

2. Gott macht sich auf den Weg

Die drei Engel sind als individuelle und unverwechselbare Personen gestaltet. Sie tragen Gewänder in Blau, Braun und Gold. Jeder Engel bewegt sich auf seine Weise. Auf dem erhöhten Platz vermutet man Gott, den Vater. Dagegen spricht, dass der rechts sitzende und der mittlere Engel sich vor dem golden gewandeten Engel verneigen. Gott, der Sohn, und Gott, der Heilige Geist, erweisen Gott, dem Vater, Ehre und Respekt.

Gott, der Vater, sendet den Sohn und den Heiligen Geist aus. Achten wir dazu auf das Spiel ihrer rechten Hände. Während in der Linken bei allen die Wanderstäbe stecken, beschreiben die rechten Hände eine Bewegung vom Vater zum Sohn und zum Heiligen Geist und von ihm aus dem Kreis hinaus. Zeigefinger und Mittelfinger sind zum Segen gespreizt. Der Vater segnet den Sohn, der Sohn segnet den Heiligen Geist und der Heilige Geist gibt den Segen weiter in die Welt. Das ist die Quintessenz dieses trinitarischen Gottesbildes: Der ewige Gott über uns wird ohne aufzuhören Gott zu sein unter uns als unser Bruder gegenwärtig und wirkt zugleich die Erkenntnis seiner Gegenwart in uns.

Unbesehen wird die Trinität mit der chemischen Formel H2O erläutert: „Diese Formel deckt je nach Temperatur drei Erscheinungsweisen ab: Eis, Wasser und Wasserdampf. So ist der eine Gott mal der Vater mal der Sohn mal der Heilige Geist.“ Der Haken dabei: Eis, Wasser und Dampf gibt es nicht gleichzeitig im selben Moment am selben Ort. Vater, Sohn und Heiliger Geist wirken aber miteinander und zugleich. Gott über uns, Gott unter uns und Gott in uns.

Ich komme zum Schluss

Beflügelt von der Frage „Wie stellst du dir Gott vor?“ habe ich Ihnen heute von meine Lieblingsikone gezeigt. Als Tischikone liegt sie vor mir.

  • Aus der biblischen Erzählung von der Gastfreundschaft Abrahams schuf Andrej Rubljov sein Meisterwerk. Ich nenne es „die Gastfreundschaft Gottes“. Anmutig, freundlich und einladend wird der dreifaltige Gott unter den „heiligen Zeichen der Schrift“ in Gestalt dreier Engel dargestellt. Der eine Gott in drei Personen ehe die Welt gegründet war unter sich; zugleich im Aufbruch begriffen in die Menschheitsgeschichte.
  • Wenn ich vor ihr bete, fühle ich mich in eine heilige Gemeinschaft aufgenommen. Ich nehme den freien Platz an ihrem Tisch ein und spreche nicht ins Leere.
  • Die Heilige Dreifaltigkeit ist das Ziel unseres Lebens und Welt. Sie ist durch keinen weiteren Horizont überbietbar. Auch nicht durch das neu entdeckte, gigantische schwarze Loch, das pro Sekunde die Masse unserer Erde verspeist. „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ (Mt 5,8)

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