Seid beharrlich im Gebet, und wacht in ihm mit Danksagung. (Kol 4,2)
Viele Menschen beten, aber wenige reden darüber.
Es gibt so etwas wie eine „religiöse Scham“ (so Heinrich Bedford-Strohm, der vorige Ratsvositzende der EKD). Auch in der Kirche. Dass ich bete und was ich bete, behalte ich für mich. Mit kleinen Kindern wird gern vor dem Einschlafen gebetet. Danach ist das Beten kein Thema mehr. Es verebbt irgendwie.
Öffentlich gelten Religion und Glaube häufig als unaufgeklärt, traditionell oder fundamentalistisch. Keine Ahnung wie mein Gegenüber reagieren würde, wenn ich mich als Beter oute. Besser man spricht nicht davon und lässt andere reden, die gerade unter Dampf stehen. Daraus erwächst eine Schweigespirale.
Was sich Luft macht, ist die Verbitterung. „Mit Gott will ich nichts zu tun haben, weil er nicht für mich da war,“ hörte ich öfter. Jeder kennt Beispiele, bittere Beispiele von Gebeten, die unerfüllt blieben.
Meine schlimmste Erfahrung: Die jungen Eltern standen unter Schock. Sie wussten keinen Rat mehr. Ihr Neugeborenes hatte am ganzen Körper Tumore sichtbar als Ausschlag. Sein Leben hing am seidenen Faden. So wurde ich, der Pfarrer, zu einer Nottaufe in die Säuglingsstation gerufen. Ich sehe uns noch um den Brutkasten (Inkubator) stehen und beten. Verzweifelt. Unter Tränen. Eine Woche später verstarb der kleine Säugling. Er wurde kirchlich beerdigt. – Die Eltern bekamen noch zwei gesunde Kinder und ließen sie taufen. Das Leid hatte sie nicht zerstört.
Fast alle Menschen der Welt haben schon einmal gebetet…
und sei es nur ein Stoßgebet. „Wann haben Sie schon einmal ein Gebet gesprochen?“ Auf diese Umfrage im Februar 2021 in Deutschland wurde wie folgt geantwortet:
„Bei einer Beerdigung“ (42%),
- „Bei einer Beerdigung“ (42%)
- „während eines Gottesdienstes“ (38%),
- „für Familienangehörige/Freunde in Not“ (37%),
- „in Situationen persönlicher Not“ (34%),. „in Momenten großer Dankbarkeit und Glücks“ (30%),
- „bei einem starken persönlichen Wunsch“ (23%),
- „vor einer persönlichen Herausforderung, z. B. vor einer Operation oder einem Umzug “ (23%,)
- „vor Prüfungen“ (16%),
- „bei Glücksspielen, Verlosungen, Sportereignissen, TV-Duellen“ usw. (13%). Gestern Abend im Olympiastadion rangen Freiburg und Leipzig um den DFB-Pokal. Es kam zum Elfmeterschießen. Wahrscheinlich wurde währenddessen gebetet…
Anlass zum Beten gaben überwiegend Angst und Not (3 und 4) sowie Stress (6, 7, 8, 9) zusammen 146%. Mit Abstand folgen die gottesdienstlichen Gebete auf dem Friedhof und in der Kirche mit 80%. Sie nehmen die Teilnehmerinnen mit. Bieten Gelegenheit einzustimmen, wenn es heißt: „Lasst uns beten.“ Deutlich seltener sind die Dankgebete mit 30%. Schade! Das Gute und Gelungene wird einfach so mitgenommen. Vielleicht war es schon früher so? Der Apostel betont eigens die Danksagung.
Absichtsloses Beten
In meiner aktiven Zeit fuhren wir zweimal im Jahr zum Beginn und zum Abschluss eines Kurses in ein Konfirmandenwochenende nach Kladow, wo der Sakrower Kirchweg den Hottengrund und das Schwemmhorn teilt. Das Beten gehörte immer dazu: Wir dachten darüber nach, wie man etwas vor Gott bringen kann. Die Jugendlichen beschäftigten sich damit, persönliche Fürbitten zu formulieren. Und: Wir wollten ihnen nahebringen, sich für Gott zu öffnen, ohne dabei etwas Eigenes zu suchen, das absichtslose Beten. Beten, das mehr ist als Bitten. Am Morgen, am Mittag und am Abend.
Herr, unser Gott, wir danken dir für die Ruhe der Nacht und das Licht dieses neuen Tages. (EG 816)
Dieser Spruch eröffnete das Morgengebet vor dem Frühstück. Mit der „Ruhe der Nacht“ war das so eine Sache. Wenn 30 Jugendliche in Sechser-Zimmern zusammen wohnen, ist das ein Abenteuer besonders in der ersten Nacht. – Dafür passten die Worte vom „Licht des neuen Tages“ umso besser. Die großen Fenster des Speiseraums boten einen weiten Blick durch den Garten zur Havel. Ende Januar ging die Sonne gegen 8:00 Uhr zeitgleich mit unserem Morgengebet auf.
Wir erlebten, wie das Morgenlicht die Nacht beendete und den Tag hinaufführte: An trüben Tagen gleitend, schleichend, als ob ein Dimmer höher gestellt wird. An klaren Tagen spielte ein großes Orchester auf. Leichtes Morgenrot, das sich allmählich verstärkte, bis sich der rote Sonnenball am Horizont zeigte, langsam aufstieg, an Helligkeit zunahm, bis er das Auge blendete.
Die Mondsichel mit dem Stern, genannt Hilal, ist das Erkennungszeichen des Islam, z. B. auf der türkischen Fahne. Wenn sie erscheint, beginnt der neue Monat, das neue Mondjahr. Das erste Gebet des Tages (Fadschr) muss beim Aufgang der Sonne beendet sein. – Die Christen suchten die Sonne. Sie dankten für das Licht des neuen Tages. Viele Kirchen sind der aufgehenden Sonne zugewendet, „geostet“.
Ein Morgengebet aus Münsterschwarzach
„Wie damals in Kladow“, kam mir in den Sinn, als ich in einem Andachtsbuch auf folgendes Morgengebet stieß:
Nacht und Gewölk und Finsternis, verworrnes Chaos dieser Welt,
entweicht und flieht! Das Licht erscheint, der Tag erhebt sich: Christus naht.
Jäh reißt der Erde Dunkel auf, durchstoßen von der Sonne Strahl,
der Farben Fülle kehrt zurück im hellen Glanz des Taggestirns.
So soll, was in uns dunkel ist, was schwer uns auf dem Herzen liegt,
aufbrechen unter deinem Licht und sich dir öffnen, Herr und Gott.
Dich, Christus, suchen wir allein mit reinem, ungeteilten Sinn,
dir beugen willig wir das Knie mit Bitten und mit Lobgesang.
Blick tief in unser Herz hinein, sieh unser ganzes Leben an:
Noch manches Arge liegt in uns, was nur dein Licht erhellen kann.
Dir, Christus, guter Herr und Gott, dem ew'gen Vater, der uns liebt,
dem Heil'gen Geist, der bei uns ist, sei Lob und Dank in Ewigkeit.
Die Verse ursprünglich in Latein stammen von dem frühchristlichen Dichter Prudentius (348-405) und sind dem Benediktinischen Antiphonale der Abtei Münsterschwarzach entnommen. Auf Youtube kann man sie hören. Gesungen von Adrian Kunert S. J., der sie auch vertont hat.
„Ein verweilender Blick sieht in den einfachsten Ereignissen Zeichen des Evangeliums“
– so Frère Roger aus Taizé. Der alltägliche Blick ist zweckbestimmt. Wir sind unterwegs, wollen Dinge erledigen. Der verweilende Blick nimmt sich Zeit, weitet sich, nimmt wahr und entdeckt so Zeichen des Evangeliums.
Für den verweilenden Blick erinnert die aufgehende Sonne an den Ostermorgen: „Das Licht erscheint, der Tag erhebt sich: Christus naht.“ Ein neuer Tag bricht an mit ihm die neue Schöpfung ohne Tod und Leid. Die folgenden Verse entfalten das. Wir lesen sie mit verweilendem Blick:
So soll, was in uns dunkel ist, was schwer uns auf dem Herzen liegt,
aufbrechen unter deinem Licht und sich dir öffnen, Herr und Gott.
Unter dem Licht der Frühlingssonne wagen sich Schneeglöckchen, Krokusse, Tulpen und Osterglocken aus dem dunklen Erdreich. Die Farben kehren zurück, das Grün der Blätter, das leuchtende Gold der Forsythien. – Unter dem wärmende,. tröstenden Licht Christi bricht auf, was uns bedrückte. Das ausgekühlte Herz spürt neue Kraft. Kummer und Not sind nicht vergessen, aber sie quälen nicht mehr. Wie die Wundmale, die Jesus am seinem verklärten Leib trug.
Dich, Christus, suchen wir allein mit reinem, ungeteilten Sinn,
dir beugen willig wir das Knie mit Bitten und mit Lobgesang.
Wenn man einen Sonnenaufgang miterlebt, spürt man, wie er den Blick auf sich zieht. Die Leute bleiben stehen, schauen, fotografieren. – Der Blick auf Christus unterbricht das Ineinander und Durcheinander unserer Entscheidungen. Das Gedankenkarussell kommt zum Stehen. Zerstreuung weicht der Orientierung.
Blick tief in unser Herz hinein, sieh unser ganzes Leben an:
Noch manches Arge liegt in uns, was nur dein Licht erhellen kann.
Beim Hausputz spielt das Wetter mit. Fensterputzen im Sonnenschein – eine Katastrophe. Jede Schliere fällt auf. Merkwürdigerweise kommt der Fensterputzer immer bei Regenwetter… Auch Staubwischen und Saugen machen doppelte Arbeit, weil jeder Krümel doppelt so groß wirkt. Schön gesagt: „Die Sonne bringt es an den Tag.“ – Wenn Christus in mein Herz leuchtet, geht mir auf, was sich dort tummelt. Den winzigsten Splitter im Auge der Nachbarin oder des Arbeitskollegen nehme ich wahr, das Brett vor dem eigenen Kopf mitnichten.
Ich komme zum Schluss
“ Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung“, schreibt der Apostel an seine Gemeinde und an uns. „Hört nicht auf zu beten. Bleibt dabei wachsam und voller Dankbarkeit!“
Am meisten wird in den Stürmen des Lebens gebetet in Stress und Not. Oft überhaupt erst dann. Mancher versuchte es ein einziges Mal – womöglich bei einem Elfmeterschießen – und dann nie wieder. Was der neue Tag bringen wird, ist ungewiss. Das Übliche? Eine Überraschung? Einen Schock? Grund zur Sorge gibt es allemal und zum Zweifeln auch. Egal, was kommt, wie ich in den Tag starte, liegt bei mir. Ich kann verweilend innehalten:
- Wie der Sonnenaufgang uns staunen lässt, so hält Christus unser Gedankenkarussell an.
- Wie die Frühlingssonne wärmt, so belebt Christus erkaltete Herzen.
- Wie das Sonnenlicht klare Sicht schafft, so gewinnen wir im Licht Christi Klarheit über uns.
- Wie der neue Tag anbricht, so naht Christus und mit ihm die neue Schöpfung ohne Leid und Tod.
Der Morgen macht den Tag!

