Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker. (Mk 13,44)
Der Anstoss für mich
Über dieses Gleichnis hielt ich meine erste Predigt in der Kirchengemeinde Zum Heilsbronnen. Es war am Samstag, dem 18. Mai 1974 in einer Wochenschlussandacht in der Ladenkirche Motzstr. 52. Ich war damals noch Student. Die halbstündige Andacht brachte mich ins Schwitzen wie im Hochsommer. Pfr. George hatte mir einen Talar geliehen. Darunter hatte ich dummerweise meine Lederjacke anbehalten. Luftdicht! Das mache ich nie wieder!
Ich hatte das Gleichnis vom Schatz im Acker ausgesucht, weil ich mich darin wiederfand.
Bei mir spielte es sich so ab: Kurz nach der Konfirmation, ich war 15, hörte ich am Bußtag in unserer damaligen Kirche, der Kreuzkirche am Hohenzollerndammm, eine Predigt über: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meinen Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“(Offb 3,20 Am 27.11.2022 hatte ich darüber zu predigen. Überschrift:“Ein neues Mitglied im inneren Team.“)
Der Pfarrer sprach schlicht, eindringlich und bewegend. Das kam bei mir an. ja, das wollte ich – meine Tür auftun und Jesus einlassen. Ich begann mit einer täglichen Bibellese für Schüler. In einer immer wieder sehr angespannten familiären Situation entdeckte ich dadurch die Nähe Gottes: „…er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz, dass ich gewisss nicht wanken werde“ (Ps 62,3).
„Glück haben“ bedeutet: Etwas finden, das man nicht gesucht hat
Jesus erzählt von einem Tagelöhner. Im täglichen Einerlei der Feldarbeit stößt er mit seinem Pflug auf etwas Sperriges. Er flucht. Der Pflug muss aus der Furche herausgehoben, die Bahn mit der Hacke freigelegt werden. Dabei buddelt er einen Gegenstand aus, einen in der Erde schlummernden Schatz ein Behältnis voller Münzen.
So etwas konnte vorkommen: Noch 1945 bei der Flucht aus Ostpreußen wurde das schwere Familiensilber vergraben, weil es nicht auf den Leizerwagen passte. Ob es je gefunden wurde? Auch im alten Israel wurden in Notzeiten Kostbarkeiten, die man nicht preisgeben wollte, vergraben. Dort ruhen sie noch heute. Unter einer Türschwelle in Qumran fand man 580 in Tyros geprägte Silbermünzen.
„Das ist der glücklichste Tag meines Lebens!“, durchfuhr es den Landarbeiter. Das ausgemergelte Ackerstück wurde für ihn zum schönsten Ort der Welt. Er versteckte den Fund wieder, kratzte alles zusammen, was er aufbringen konnte, um es in seinen Besitz zu bringen. Kein Mensch verstand das.
Kern der Sache ist nicht der Reichtum, sondern das Himmelreich. Wie das plötzliche Treffen auf das Himmelreich das Leben eines Menschen auf einen neue Grundlage stellt. Was er bisher besaß, ist nicht mehr wichtig. Er setzt alles auf den überraschenden Fund. „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ (Ps 73,25)
„Ist es nicht Simon, Jakobus und Johannes ebenso gegangen?“ Vielleicht munkelten das die Zuhörer damals. Als eine Unbekannter war Jesus in das Boot der drei Fischer gestiegen, um sich von dort aus besser an die dichtgedrängte Menge am Ufer werden zu können. Zum Dank schickte er die Fischer am hellichten Tage zum Fang aus. Gegen alle Erfahrung kamen sie mit rappevollen Netzen zurück. Hocherfreut über das unerwartete Geschenk. Doch dabei blieb es nicht: „Von nun an werdet ihr Menschen fangen.“
Daraufhin verließen sie alles und zogen mit ihm. Ein kostbarer Fund eröffnete eine neue Perspektive. Die Erfahrung, von Jesus beschenkt und in Beschlag genommen zu werden, blieb nicht auf Simon, Jakobus und Johannes beschränkt, sondern pflanzte sich fort. Christsein heißt für mich, auf einen Schatz stoßen, der mich froh macht und mein Leben verändert.
Die Hoffnung
Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen beschreibt in seinem Roman „Korrekturen“ ein halbes Jahr im Leben der Familie Lambert aus St. Jude im mittleren Westen der USA. Enid Lambert in den Sechzigern, Mutter dreier erwachsener Kinder, möchte ein letztes mal mit Kindern und Enkelkindern bei sich Weihnachten feiern. Ob das klappt und wer kommt, bleibt bis zum letzten Moment ungewiss.
Sie ist berübt. Alles geht zu Ende. Ihr Mann ist dement. Das Haus muss verkauft werden. Vor dem Fest packt sie gedankenversunken den selbstgebastelten Weihnachtsschmuck aus. Ihr Meisterstück – ein Weihnachtsbaum mit 24 kleinen Taschen voller adventlicher Überrachungen. Als krönenender Abschluss ist für den 25. Dezember das Christklind in einer Walnussschale vorgesehen: „Obwohl ihr Glaube erkaltet war, hing sie an dieser Bastelarbeit.“
Sie feierte Weihnachten ohne religiöse Anteilnahme. Das Baby in der Walnussschale erinnert sie an ihre Kinder, die um diesen Baum herumtanzten. Früher waren sie immer dabei, jetzt zieren sie sich. – Viele Leute sehen nur noch den kargen Acker ihres Lebens mit seinen durchpflügten Furchen. Ihr Glaube ist erkaltet. Sie sind betrübt. Aber so muss es nicht bleiben.
Vielleicht wartet auch auf sie ein Schatz – ein Schatz im Acker ihres Lebens: im Alltag zwischen Aufstehen und Schlafengehen, zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Kochen und Putzen.
Oder ein Schatz im Acker der Kirche: Mag die Bibel auch fremd und schwierig anmuten, aus ihr kann Gottes Wort entspringen. Mag das Heilige Abendmahl bloß ein Stück „Esspappe“, wie Berliner Kinder sagen, es möchte zur Begegnung mit mit Jesus Christus in sakramentaler Gestalt werden.
Unser Gleichnis weckt Hoffnung. Mag der Acker, auf dem du stehst, auch noch so karg aussehen, in ihm schlummert ein Schatz, das höchste Gut für dich!
Ich komme zum Schluss
Beim Schatz im Acker denke ich an den Anstoß, den ich aus einer Predigt in derKreuzkirche empfing. Er führte mich zur Bibellese, zu Entdeckungen in der Bibel. Später erwuchs daraus der Wunsch, Theologie zu studieren und mich Jesus im Berufdes Pfarrers eindeutig zur Verfügung zu stellen.
Alles, was ich zum Leben brauchte,alles, was das Leben lebenswert macht, fiel mir auf diesem Weg zu. Sobewahrheitete sich in meinem Leben das Wort Jesu: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ (Mt 6,33)
Heute ist mein letzter Gottesdienst als aktiver Pfarrer! Ich blicke dankbar auf 31 erfüllte Jahre zurück. Ich war nie auf mich allein gestellt, sondern wusste mich in einer lebendigen Gemeinde gut aufgehoben. ich danke herzlich für die gute Gemeinschaft“!
Unendlich viel verdanke ich dem Austausch mit meiner gliebten Frau, ihren Anregungen und ihrem persönlichen Einsatz in der Gemeinde!
Everybody’s darling wäre ich gern gewesen. Aber das ging nicht. Mit meinen Ecken und Kanten passte ich nicht in jedes Raster. Wo ich Erwartungen enttäuscht habe, tut es mir leid. Wem ich Unrecht getan habe, den bitte ich um Vergebung.
„Bitte pass‘ auf Dich auf und sei offen und stark für alles, was die Zukunft betrifft,“ so lautete ein lieber Gruss zu meinem 65. Geburtstag. Es wird nicht einfach sein, aber ich werde mich darum bemühen. Wie schön, dass wir von unserer neuen Wohnung aus den Kirchturm im Blick haben und die Glocken hören können!

