Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur
uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist,
unserm Herrn. (Röm 8,38f.)
Die weihnachtliche Theologie bedenkt ein dreifaches Geburtsgeschehen:
Die himmlische Geburt Jesu Christi in Gott. Er ist„aus dem Vater geboren vor aller Zeit, Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater,“ so das Große Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel.
Die irdische Geburt Jesu Christi – Stoff der Krippenspiele und Predigten am Heiligen Abend.
Und die spirituelle Geburt Jesu Christi in unserem Herzen, über die ich heute sprechen möchte.
Die drei Geburten bilden zusammen ein Gefüge: Die himmlische Geburt verleiht der irdischen ihre Geltung. Sie wird in der Botschaft der Engel in der Heiligen Nacht: „Euch ist heute der Heiland geboren“ vorausgesetzt. Wie sollte sonst ein eben geborener Säugling Heiland und Friedensbringer sein? Mit der Geburt Christi in unserem Herzen erreicht Weihnachten sein Ziel. Ich weiß dann nicht nur über Weihnachten Bescheid, sondern spüre auch, was es für mich persönlich bedeutet. Denn: Man kann Weihnachten auf Gott hoffen und das Wunder verpassen!
Wir hoffen auf Gott, doch ham‘ das Wunder verpasst
Zur Unterstützung meiner Fußgymnastik auf einer speziellen blauen Noppen-Matte brauche ich Beat. Mein großer schwarzer Kopfhörer hebt sich deutlich von meinem blassen Schädel ab. Meine Frau wird sich an diesen Anblick wohl nie gewöhnen. Als ich stampfend BB-Radio hörte, fiel mir eine Rap-Zeile über Gott auf. Wie ist das gemeint: „Wir hoffen auf Gott, doch ham‘ das Wunder verpasst“?
In dem Hit „Astronaut“ geht es um Fluchtgedanken: „Ich heb‘ ab, nichts hält mich am Boden, alles blass und grau,“ singt Andreas Bourani als Refrain. Jemand möchte gern wie ein Astronaut raus aus dem irdischen Schlamassel ins All, wo es ruhig und friedlich zu sein scheint. In pointierten Rap-Zeilen wird dagegen gesetzt, was unten auf der Erde so abgeht:
Wir laufen rum mit der Schnauze voll, die Köpfe sind leer.
Sitzen Dreck bis zum Hals, haben Löcher im Herz.
Ertränken Sorgen und Probleme in ’nem Becher voll Wein.
Mit einem Lächeln aus Stein, uns fällt nichts Besseres ein.
Ham‘ uns alle vollgefressen und vergessen zu zahl’n.
Wir wollen alle, dass es passt, doch wir passen nich‘ auf.
Die Stimme der Vernunft is‘ längst verstummt, wir hör’n sie nich‘ mehr.
Dazwischen die Zeile: „Wir hoffen auf Gott, doch ham‘ das Wunder verpasst.“ Also: Von Gott ist nichts zu merken auf dieser Erde. Ohne ein Wunder geht das wohl auch nicht.
„Wir hoffen auf Gott, doch ham‘ das Wunder verpasst“, lautet so auch das Resultat für Weihnachten 2015? Am Heiligen Abend hoffen in Deutschland viele Menschen nachdrücklich auf Gott mit Weihnachtsschmuck in Straßen und Wohnungen, mit dem Besuch der Christvesper, mit Bescherung und häuslicher Feier. Das Fest der Liebe. Stunden voller Erwartung… Wie können wir Weihnachten feiern, ohne das Wunder zu verpassen? Das spirituelle Wunder, dass Christus in unserem Herzen geboren wird?
Fluchtgedanken beim Apostel Paulus
„Ich heb‘ ab, nichts hält mich am Boden, alles blass und grau,“ auch den Apostel plagten Fluchtgedanken – fromme Fluchtgedanken. Sein Ziel war nicht der leere kosmische Raum, sondern die Nähe zu Jesus Christus: „Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre,“ schreibt er aus dem Gefängnis an die Gemeinde in Philippi in Nordgriechenland.
„Alles blass und grau“– im Brief an die Gemeinde in Rom listet er auf, was ihn plagt. Nicht weniger als 10 bösartige Mächte und Gewalten nagen an seinem Gottvertrauen. In unsere Zeit übersetzt betrifft es:
die gegenwärtige Lage (Kriege treiben Menschen auf die Flucht.),
die zukünftige Entwicklung der Erde (Die Gletscher schmelzen schon.),
das Verhalten der Hohen (Sie sind borniert, geldgierig und grausam.),
die Tiefe der Armen (Sie leben in Slums ohne sauberes Wasser.),
den Tod (wenn er mitten ins Leben schneidet.),
das Leben (wenn es zur Last wird).
Angesichts dessen – geht die Hoffnung auf Gott nicht ins Leere? Prallt die Botschaft von der Liebe Gottes nicht an unserer Wirklichkeit ab? Ich bin überzeugt, dass genau dies der Grund ist, aus dem Jesus uns zu beten lehrt:„Und führe uns nicht in Versuchung“. Paulus lebt mit dieser Versuchung, aber er hält durch. Was gibt ihm dazu die Kraft? In einem Atemzug mit der Nennung der üblen Mächte und Gewalten betont er zugleich seine Gewissheit, dass die Liebe Gottes in Jesus, dem Christus, erschienen ist. Er hat das Wunder nicht verpasst. Jesus, der Christus, ist für ihn zum Sinnzentrum in einer bedrohlichen Welt geworden. Diesem Hinweis möchte ich nachgehen.
Jesus Christus – Sinnzentrum in einer bedrohlichen Welt
“Wir hoffen auf Gott, doch ham‘ das Wunder verpasst.“ Ob es dabei bleibt, kommt auf die Blickrichtung an. Die christliche Gemeinde hofft, lobt, feiert und bezeugt zu Weihnachten, dass sich das Wunder finden lässt. Es hat die Gestalt eines neugeborenen Kindes auf dem Arm seiner Mutter Maria. Dafür steht in unserer Kirche Zum Heilsbronnen die Berliner Madonna auf dem weihnachtlichen Altar. Jesus Christus ist ein Wunder, das Gotteswunder:
Er ist nicht die Wiederkehr von etwas Dagewesenem (ein neuer Prophet).
Er bringt nicht die Neuauflage von etwas Bewährtem (eine neue Lehre).
Er sagt von sich:„Wer mich sieht, der sieht den Vater.“(Johannes 14,9)
Wir beten Weihnachten darum, dass wir „in der sichtbaren Gestalt Jesu Christi den unsichtbaren Gott erkennen“. Wer Gottes Liebe erkennen will, muss auf Christus schauen. Hier wird hell und klar, was sonst dunkel und vage bleibt. Hier wird deutlich, wo und wie Gott in der Welt anzutreffen ist.
- Jesus wird als Säugling geboren. Das bedeutet: Gott gibt sich in die Hände der Menschen. Er tritt nicht als allmächtiger Problemlöser auf.
- Jesus schafft „Heil den Armen, den Gefangenen Freiheit, den Traurigen Freude“. Das bedeutet: Gott steht auf Seiten der Armen, Gefangenen und Traurigen.
- Jesus lehrt, lädt ein, lobt, tadelt. Das bedeutet: In seinen Worten spricht Gott zu uns heute.
- Jesus reicht den Jüngern Brot und Wein. Das bedeutet: In mit und unter Brot und Wein ist Gott im Heiligen Abendmahl anwesend.
- Jesus erträgt, duldet, leidet. Das bedeutet: Gott trägt unser Leid mit.
In Jesus ist das Reich Gottes auf dem Plan. Das bedeutet: Was Jesus zeichenhaft vorwegnimmt, wird Gott vollenden. So kann Jesus Christus zum Sinnzentrum in unserer bedrohten Welt werden.
Damit komme ich zum Schluss
„Wir hoffen auf Gott, doch ham‘ das Wunder verpasst.“ Ich finde, diese Zeile trifft ins Schwarze. Um die Liebe Gottes zu erkennen, ist ein Wunder nötig. Dieses Wunder kann man verpassen, aber es muss nicht so bleiben. Wenn du dich in den Kegel des Lichtes stellst, das von Jesus ausgeht, wirst du spüren: Ich bin nicht allein, ich bleibe nicht ungetröstet. Er ist mir nahe. Wenn mich Fluchtgedanken plagen, wird er mich mit der Gewissheit erfüllen, dass Gott wirkt. So wird Jesus in unserem Herzen geboren.
Ich sprach eingangs von den drei Geburten. Ja, die himmlische Geburt gibt der irdischen Geburt ihre Geltung. Aber erst mit der Geburt in unserem Herzen verpassen wir das Wunder nicht. Wer Christus in seinem Herzen trägt, wird mit Paulus übereinstimmen können:
Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur
uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist,
unserm Herrn.

