Luthers Weihnachtspredigt von 1530: Glaube und Freude

Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird:
denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus der Herr in der Stadt Davids.
(
Lk 2,20f.)

Im Gedenkjahr der Reformation 2016 soll Martin Luther im Mittelpunkt der Weihnachtspredigt stehen. Wir werden hören, was er am 25.12.1530 in der Stadtkirche in Wittenberg gepredigt hat. Sein fleißiger Sekretär Georg Rörer hat alles mitgeschrieben. Zuvor nehmen wir zur Kenntnis, was er über die drei Stücke des Glaubens an Jesus Christus sagt. Beginnen wollen wir mit einem Blick auf Wittenberg im Jahr 1530.

Wittenberg 1530

Im Jahr 1530 war Wittenberg eine aufstrebende Stadt. Mit der Residenz des Kurfürsten von Sachsen und einer modernen Universität, die viele Studenten anzog. Martin Luthers Arbeitszimmer war die „Zentralkanzlei des deutschen Protestantismus“. Flugblätter, Schriften, Briefe und Gutachten gingen von hier aus ins ganze Reich.

Martin Luther, seit 1525 verheiratet, lebte mit seiner Frau Katharina in einem Großhaushalt, der mit Verwandten und Gästen 30 Personen umfasste. Weihnachten 1530 waren ihre ersten Kinder Hänschen und Elisabeth vier und drei Jahre alt. Luther legte Wert darauf:„Das Christkind bringt die Gaben!“  und nicht Nikolaus, nicht die Heiligen Drei Könige, nicht irgendwer anderes. Dass der Weihnachtsmarkt in Nürnberg „Christkindl-Markt“ heißt, und dass das Christkind ihn eröffnet, hätte ihm gefallen. Nicht: der ganze Rummel, der um den Weihnachtsmann getrieben wird. Ich komme darauf später noch zurück.

Die drei Stücke des Glaubens an Jesus Christus

Zur Gedankenwelt von Luthers Weihnachtspredigt gehört, dass der Glaube an Jesus Christus drei Stücke umfasst, die von Beginn an Missverständnissen und Umdeutungen ausgesetzt waren. Er sieht dabei den Teufel hartnäckig am Werk. In der Schrift „Von den Konzilen und der Kirche“ (1539) schreibt er:

„So hat der Teufel zu tun, und greift Christus mit drei Heerspitzen an: eine will ihn nicht Gott sein lassen, die andere will ihn nicht Mensch sein lassen, die dritte will ihn nicht tun lassen, was er getan hat. Ein jeglicher der drei will Christus zunichte machen.“

Man will Jesus Christus nicht Gott sein lassen

Luther denkt dabei an die Türken, die 1529 vor Wien standen. Sie wollten Jesus Christus nicht Gott sein lassen; das ist in ihrer Religion nicht vorgesehen. – Bis heute geht es darum, dass mitgebrachtes Wissen als Maßstab angelegt wird. Jesus Christus wird in der menschlichen Geschichte verortet: als Prophet, als bedeutender Charakter oder als Heiler und Exorzist. Je nachdem, welchen Blickwinkel man bevorzugt. Luther hält dagegen: „Was hilft es, ob du bekennst, dass er Mensch sei, wo du nicht auch glaubst, dass er Gott sei?“

Man will Jesus Christus nicht Mensch sein lassen

Luther hat dabei die Zwickauer Propheten und Thomas Müntzer vor Augen. Er nennt sie „Schwärmer“, Leute, „die den Heiligen Geist fressen wollen ohne das Wort“. „Das Wort“ steht dabei für Jesus Christus, gewissermassen das „Wort Gottes in Person“ und alles geschichtlich-menschliche, das mit ihm zu tun hat: die Bibel, die Sakramente und damit auch Kirche und Gemeinde. – Bis heute berufen sich viele Menschen ohne Anschluß an Bibel und Kirche auf ihn. Luther fragt: „Denn was hilft es, ob du bekennst, dass er Gott sei, wo du, wo du nicht auch glaubst, dass er Mensch sei?“

Und er fügt an:“ Der Teufel hat immer damit zu schaffen, dass er uns Christus vorstelle, wo Christus selber sich nicht vorgestellt hat. wie ihn die Lügengeister auch über den Wolken suchen. …Aber willst du Freude haben, so neige dich herunter: da findest du das Kind, das dein Schöpfer ist und das vor dir in der Krippe liegt. Gott ist im Wort und in der Krippe und sonst nirgends.“

Man lässt Christus nicht tun, was er getan hat

Darin sieht Luther das Versäumnis der Papstkirche. Die Identität Jesu Christi als wahrer Mensch und wahrer Gott war hier anerkannt. Es fehlte die persönliche Gewißheit der Erlösung.  „Was hilft es, ob du bekennst, er sei Gott und Mensch, wo du nicht auch glaubst, dass er für dich alles geworden sei und getan hat.“ Diese persönliche Gewissheit ist Gegenstand seiner Nachmittagspredigt vom 25.12.1530.

„Das ist unsere Theologie, dass wir verstehen, was der Engel will.“ (Aus der Weihnachtspredigt des Jahres 1530)

„Und der Engel sprach zu ihnen : Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr in der Stadt Davids.“  Luther resümiert: „Das ist unsere Theologie, dass wir verstehen, was der Engel will.“

Der Weihnachtsjubel fällt in Haus und Kirche höchst verschiedenartig aus. Im Haus: „Sieh doch, wie ein Mensch jubiliert, wenn er ein Gewand oder zehn Gulden erhält!“ Glänzende Augen über ein Geldgeschenk oder über ein neues Kleidungsstück!

In der Kirche dagegen klingt es dünn: „Wie viele springen und jubilieren so, wenn sie die Engelspredigt hören: euch ist heute der Heiland geboren?“ Die feierliche Lesung des Weihnachtsevangeliums geht zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. „Sie haben  nur die Worte gelesen, wie der Papagei sein Kärä singt. Aber sie gehen nicht von Herzen, sondern kommen aus dem Hören und gehen auch wieder nur ins Hören. solches ist kein Glaube, sondern nur Erinnerung an Gehörtes.“  Es sind Worte, die nicht zu Herzen gehen, die keine Kraft entfalten. Die Weihnachtsgeschichte bleibt „eine Geschichte, von der wir weder warm noch satt werden“.

„Wenn’s nicht tiefer eingepflanzt ist als aus der Kraft meiner Gedanken, dann hat’s keine feste Wurzel.“ Um sie tiefer einzupflanzen, braucht man eine biblisch gegründete Predigt. Luther sagt:„Sind die treuen Prediger weg, so schlafen wir ein und verstehen nicht mehr, was wir in den Händen haben.“ Voller Energie wendet er sich deshalb der Engelsbotschaft zu. Seine Predigt ist ein Beispiel evangelischer Verkündigung. Zwei Dinge stellt er heraus. Beide sind sehr persönlich.

1. Der Engel  „wollte gern, dass man nichts anderes ansehe als das neugeborene Kind“.

Um das Kind anzusehen braucht man eine Krippe und Zeit, die man vor ihr verbringt. Damit  geht es schon los. Die Weihnachtsfeier in der Familie braust  an der Krippe vorbei auf die Bescherung und die Würstchen mit Kartoffelsalat zu. Wo steht eigentlich die Krippe? Ist für sie Platz? Ist sie gut zu sehen? Welche Rolle spielt sie an den Feiertagen?

Wie betrachtet man das Kind in der Krippe? Der Engel rät so, „dass alle Kreaturen nichts wären vor diesem Kinde und dass man nichts ansähe, sei es Saitenspiel, Geld, Gut, Ehr, Gewalt oder dergleichen, das höher gelte als ihre Predigt“. 

Eine Art Gedankenexperiment: nehmen wir den Gabentisch mit Geld und gut – nichts reicht an Jesus heran!   Nehmen wir das weihnachtliche Saitenspiel (wie es im Hause Luther üblich war) und die Musik – nichts reicht an Jesus heran!  Nehmen wir alles dazu, was sonst noch in unserem Leben wertvoll und wichtig erscheint – nichts reicht an Jesus heran!

Auch Erde, Himmel und Sterne in all ihrer Pracht werden einbezogen:

„O, dass Mensch über diesem Kind sich ausziehen könnte und ihm alles finster und schwarz würde und er alles auf Erden über ihm gering achten könnte, so dass ihm der Himmel mit allen Sternen und die Erde mit all ihrer Macht und Schätzen nichts ist.“ Auch sie reichen nicht an Jesus heran!

Luthers Gedankenexperiment aus der Weihnachtspredigt von 1530 wird in dem Lied  „Schönster Herr Jesu“ (Münster 1677) entfaltet:

„Schön ist der Monde, schöner ist die Sonne, schön sind auch die Sterne all. Jesus ist feiner, Jesus ist reiner als die Engel allzumal.“ (Vers 1) „Alle die Schönheit Himmels und der Erden ist gefasst in dir allein. Nichts soll mir werden lieber auf Erden als du, liebster Jesus mein.“ (Vers 5) – Ein verkapptes, inniges Weihnachtslied!

2. Der Engel spricht: Er ist   e u c h   geboren.

Was der Engel meint, ist vielfach übermalt worden. Dadurch hat es seinen tröstenden und aufbauenden Charakter verloren. Seine Botschaft muss wieder freigelegt werden.

Der Schlüssel zu ihrem Verständnis ist das Wort   E u c h  . Es geht um Euch, die ihr diese Predigt hört. Es geht um Eure Sache, um Euer Verhältnis zu Gott. „Euch ist heute der Heiland geboren.“  Der Engel kommt nicht mit einer Forderung. Er entrollt keinen Plan, wie ich mein Ansehen bei Gott aufbessern kann. Er weist auf das, was Gott in der Heiligen Nacht getan hat. Er schickte Jesus Christus, den Heiland, Beistand und Helfer.

Martin Luther hat sich sein Leben lang damit beschäftigt, was es bedeutet, den Heiland in Anspruch zu nehmen, sich von ihm beschenken zu lassen: „Wenn’s nämlich wahr ist, dass der von der Jungfrau Geborene auch mein ist, so hab ich keinen zornigen Gott. Ich komme ohne Verdienst zu einem großen Schatz.“

Es betrifft ein Leben mit dem gnädigen Gott. Weihnachten will zum Einstieg oder auch zur Vertiefung eines Lebens mit dem gnädigen Gott werden, der schenkt und nicht droht.

Ich komme zum Schluss

Weihnachten in Wittenberg 1530. Man spürt die reformatorische Erregung. Endlich haben wir verstanden, was der Engel mitteilen will! Endlich kann die Weihnachtsgeschichte einen satt und warm machen!! Jesus ist unser wahrer Schatz; nichts reicht an ihn heran!!! „Das ist unsere Theologie, dass wir verstehen, was der Engel will.“

Wir verlassen Wittenberg. Es bleibt sehr persönlich. Ich habe eine Zeitungsmeldung vom 14.12.2016 mitgebracht von einem Weihnachtsmann, der unfreiwillig die Stelle von Jesus Christus eingenommen hat. Die Überschrift:

Fünfjähriger stirbt in den Armen des Weihnachtsmanns

„Weihnachten ist für Eric Schmitt-Matzen (60) aus Knoxville im US-Bundesstaat Tennessee eigentlich die schönste Zeit des Jahres. Und nicht nur, weil er ausgerechnet am Nikolaustag Geburtstag hat. Mit seinem runden Bauch und dem echten weißen Rauschebart wirkt er wie die Verkörperung des Weihnachtsmannes. Deshalb tritt er auch mehr als 80-mal im Jahr als Santa Claus auf.  Doch einen seiner jüngsten Auftritte wird er nie vergessen – es war sein traurigster.

Im Gespräch mit der Zeitung KNOXVILLE NEWS SENTINEL schildert er die Begegnung mit einem krebskranken Fünfjährigen. Demnach hatte ihn eine Krankenschwester angerufen  und gebeten zu kommen. Also fuhr er los. ‚Als ich in das Zimmer kam, lag er in seinem Bett. Er sah ganz schwach aus‘ berichtet Schmitt-Matzen. ‚Sie haben mir gesagt, dass ich  sterben werde‘, habe der Junge gesagt, als er den Weihnachtsmann erkannte. ‚Aber woher weiß ich, wo ich entlang muss, wenn ich in den Himmel komme?‘  Schmitt-Matzen erzählte, er habe kaum die Fassung wahren können und dem Jungen gesagt: ‚Wenn du oben ankommst, sagst du denen einfach, dass du  Santa’s Lieblings-Elfe bist. Dann werden sie dich rein lassen.‘

Zum Abschied umarmten sich Weihnachtsmann und Junge. ‚Bevor ich etwas noch etwas sagen konnte,, ist er gestorben. Einfach so. Ich habe ihn einfach weiter gehalten.‘ Erst als die Mutter des Kindes den Raum betrat, habe er losgelassen. ‚Ich musste erst mal so weit weg wie möglich. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.'“

„Woher weiss ich, wo ich entlang muss, wenn ich in den Himmel komme?“   Der Weihnachtsmann kann diese Frage nicht beantworten.

Dazu Martin Luther: „Wenn ich sterbe, so sehe ich nichts als schwarze Finsternis und dennoch bleibt das Licht in meinen Augen, das Himmel und Erde erfüllt. Das ist der Heiland: wenn alle mich verlassen, wird er helfen.“

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Licht für die Welt

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen