Die Herrlichkeit Gottes: Ein Blick auf Mose und Jesus

17) Der HERR sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. 18) Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen.
19) Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN (besser: den Namen JAHWE, dieser bedeutet): Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.

20) Und er sprach weiter: mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. 21) Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22) Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23) Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen. (2. Mose 33,17b-23)

 Die Herrlichkeit Gottes

„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ – Mose möchte die Herrlichkeit Gottes sehen. Was ist das – die Herrlichkeit Gottes?

Das hebräische Wort heißt „kabod“. Es füllt mehrere Spalten im Wörterbuch. Ein wichtiges Wort sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Kabod ist einerseits etwas Geistiges: Das Gewicht, das einer Person zukommt. Denken Sie an Helmut Kohl – große Statur, kraftvolles Auftreten. Wenn jemand mit kabod hereinkommt, dann füllt er den Raum, man blickt auf ihn, man hört ihm zu. Wenn jemand ohne kabod erscheint, reden alle weiter. Man könnte es auch Präsenz oder Charisma nennen.

Die sinnliche Seite der kabod Gottes ist der Vulkan, der unter Donnergrollen Feuer und Rauch speit. Vulkanische Elemente kommen auch einzeln vor: Das Feuer in der Feuersäule, die Wolken in der Wolkensäule. Gott ist aber nicht welthaft festzulegen: Er ist kein Vulkan. Feuer und Rauch sind von ihm selbst zu unterscheiden. Sie zeigen seine Gegenwart an, weisen auf ihn hin. Sein inneres Wesen bleibt verborgen.

Auf den Punkt gebracht: Die Herrlichkeit Gottes ist die äußere Erscheinungsweise der überweltlichen Majestät Gottes. Das, was von dem Unfassbaren fassbar ist. Gott enthüllt sich als der Unfassbare

Moses Wunsch: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ wird ihn an die Grenzen seiner Fassungskraft bringen!

Dabei ist überhaupt nur ein kurzer Anblick vorgesehen, die Herrlichkeit Gottes wird nicht bei ihm verweilen, sondern mit einem kurzen Gruß an ihm vorbeiziehen. So wie die Königin von England auf einer Visite im Land huldvoll am Spalier der Menschen kurz grüßend entlangschreitet. „Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN.“

Doch selbst diesen kurzen Moment könnte Mose nicht verkraften. Besondere Vorkehrungen müssen getroffen werden. Mose wird vom Berg geholt und in einer Höhle untergebracht. Hier kann das Gotteslicht nur durch einen schmalen Spalt hineinleuchten. Zum Schutz vor der Strahlung wird Gott seine Hand über Moses Kopf halten. Wie eine Sonnenblende, die man im Auto bei störendem Gegenlicht hinunter klappt.

Die Erklärung dazu: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Gott und Mensch stehen hier für zwei Welten. Zwischen ihnen besteht keine natürliche Verwandtschaft, sondern radikale Verschiedenheit. Das überhelle, ungeschaffene Gotteslicht würde den Menschen verbrennen. Im Neuen Testament wird berichtet, das Paulus von der Lichterscheinung des Auferstandenen für mehrere Tage erblindete.

Was Mose zugemutet werden kann, ist nur der Blick in die weite Ferne, in der sich das göttliche Licht verliert. Im Neuen Testament im ersten Timotheusbrief (6,16) wird diese Begebenheit rekapituliert: ‚Kein Mensch hat Gott gesehen, kein Mensch kann Gott sehen.‘ Die sichtbare Herrlichkeit Gottes ist seine äußere Erscheinungsweise. Er ist es nicht selbst. Sein Antlitz bleibt verborgen.

Größe und Grenze des Mose

Moses Größe – Moses Grenze. Er ist zweifellos die bedeutendste Gestalt in der Geschichte Israels. Auf Geheiß Gottes entreißt er das Volk dem Pharao, bringt es auf einen eigenen Weg und rüstet es für die Selbständigkeit mit Gottes Geboten aus. Seine Grenze: Das gelobte Land darf er nicht betreten! Sein Werk ist der nur Auszug, nicht der Einzug. Auch Moses erfülltes geistliches Leben stößt hart an eine. Grenze.

„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ Bei meiner Vorbereitung habe ich mich gefragt: Warum eigentlich? Mose litt doch nicht an der Gottferne unserer Zeit, er lebte mit Gott in engster Tuchfühlung. Sein Leben lang war er Gottes bevorzugter Gesprächspartner und Dolmetscher. Unser Predigttext begann mit der

Liebeserklärung: „Der HERR sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.“ Entsprechend intensiv war ihr Austausch! Es gab viel zu hören, viel zu bereden und viel zu sehen.

Eine kurze Zusammenfassung der Gespräche: „Der HERR aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet.“(2. Mose 33,11) Unter anderem wurde ihm der heilige Name Gottes, das Tetragramm: JHWH, anvertraut und erklärt. Auch die Herrlichkeit Gottes schaute Mose in verschiedenen Erscheinungsformen – nicht immer war das so gefährlich wie eben geschildert – am brennenden Dornenbusch, als Wolken- und Feuersäule und auf dem Sinai. Einmal kehrte er vom Sinai zurück und war selbst noch ganz und gar vom Abglanz Gottes umgeben. Er musste sich mit einer Decke verhüllen, wenn er sich mit anderen Menschen zusammenfand, um sie nicht zu “verstrahlen.

Das Leben des Mose war wirklich reich an Gotteserfahrungen. Im Vergleich dazu ist unser geistliches Leben ein steiniger Acker. Warum belässt er es nicht dabei? Warum möchte er noch mehr? Warum möchte er in der Herrlichkeit das Angesicht Gottes sehen?

Das hängt mit der Klemme zusammen, in der er gerade steckt. Vorausgegangen war der Skandal mit dem Goldenen Stierbild, vor dem sich das Volk plötzlich niedergeworfen hatte. „Das ist unser Gott!“ Der wirkliche Gott wollte daraufhin einen Schlussstrich ziehen. Mose versuchte, ihn festzuhalten. Verzweifelt bat er um Gottes Geleit auch weiterhin, und Stück für Stück öffnete sich Gott wieder. Aber „Ist wirklich alles wieder gut?“, diese Frage quält Mose.

Hier kommen die Augen ins Spiel. Lassen Sie uns einen Moment bei ihnen verweilen. „Die Augen sind das Fenster zur Seele eines Menschen.“ – Wenn ich einem Menschen in die Augen schaue, spüre ich, wie er zu mir steht. Früher fragte man ein Kind: „Sieh mich einmal an. Sagst du auch die Wahrheit?“ Bei der Bibelarbeit zu unserem Predigttext sagte ein Teilnehmer: „Ich unterhalte mich nicht mit Leuten, deren Gesicht ich nicht sehe.“ Er dachte dabei an die Vollverschleierung, über die in unserem Land diskutiert wird. Wo ist sie angebracht, wo nicht?

Der Blickkontakt schafft Vertrauen, stiftet Gewissheit. Deshalb möchte Mose über Gottes mündliche Zusagen hinaus sein Angesicht sehen. Aber dazu kommt es nicht. Das ist die schmerzliche Grenze seiner sonst so intensiven Gotteserfahrung.

Wie die Menschwerdung Jesu Christi die Gotteserkenntnis bereichert.

Das Johannesevangelium geht von dieser Sachlage aus: „Niemand hat Gott je gesehen,“ (Joh 1,16) selbst wo er sich enthüllt, bleibt er der Unfassbare.

Die Menschwerdung Jesu Christi hat die Gotteserkenntnis verwandelt. Johannes
nennt drei Gesichtpunkte: der Einziggeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoss

  • der hat ihn uns verkündigt,
  • der hat den Vater gesehen (Joh 6,46) und
  • von ihm gilt: wer mich sieht, sieht den Vater (Joh 14,9)

Nur der eine, der aus dem Schoß des Vaters stammt, vermag ihn anzublicken. Er, der Teil der überweltlichen Majestät Gottes ist, – „Gott von Gott, Licht vom Licht“ wie es im großen Glaubensbekenntnis heißt – bildet als Mensch die Herrlichkeit Gottes ab. In ihm wird der Unfassbare erfassbar. In ihm wird die Herrlichkeit Gottes sichtbar, ohne Menschen zu verstrahlen. Die überweltliche Majestät Gottes geht in das irdische Leben ein. Das Menschenantlitz Jesus Christi ist das Antlitz Gottes. In ihm hat sich Gott welthaft festgelegt. Wer das Kind in der Krippe oder den Gekreuzigten anschaut, wird nicht sterben, sondern bleibt am Leben.

Was Mose erbeten hat, wird erreicht:
Die größere Klarheit, die Mose suchte, ist hier zur Stelle.
Die tiefere Gewissheit, die Mose vermisste, ist hier zur Stelle.
Die letzte Nähe, nach der Mose sich sehnte, ist hier zur Stelle.
Unsere heutige Gotteserkenntnis ist zwar nicht so spektakulär wie die des Mose. Sie ist aber fester verankert. Wir kennen das Antlitz Gottes.

Die Menschwerdung Jesu Christi gilt nur für ihn selbst. Sie streicht die Erfahrung des Mose mit der Herrlichkeit Gottes nicht durch. Sie gibt uns nicht das Recht, Gott den Vater, zu vermenschlichen. Womöglich noch als einen alten Mann mit dem Bart. Die Worte: „Mein Angesicht kann man nicht sehen,“ wurden nicht in den Wind gesprochen.

Ich komme zum Schluss

Meine Predigt drehte sich heute um Gott, um Mose und um Jesus.

Wir haben uns mit Gottes Herrlichkeit beschäftigt. Sie ist die äußere Erscheinungsweise seiner überweltlichen Majestät. Das innere Wesen Gottes bleibt verborgen.

Mose schaute die vorüberziehende Herrlichkeit Gottes, dessen Anblick kein Mensch ertragen kann.

Jesus Christus bildet als Mensch die Herrlichkeit Gottes ab. In seinem Antlitz sehen wir das Antlitz Gottes.

Mose gegenüber enthüllt sich Gott als der Unfassbare.
In Jesus Christus wird der Unfassbare erfassbar.
So gewinnen wir die Klarheit, Gewissheit und Nähe, die Mose vermisste.

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