Heilung am Sabbat: Jesus und die verkrümmte Frau

10) Als Jesus einmal am Sabbat in einer der Synagogen lehrte, 11) war dort eine Frau. Seit achtzehn Jahren wurde sie von einem Geist geplagt, der sie krank machte. Sie war verkrümmt und konnte sich nicht mehr gerade aufrichten. 12) Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte zu ihr: „Frau, du bist von deiner Krankheit befreit!“ 13) Und er legte ihr die Hände auf. Sofort richtete sie sich auf und lobte Gott.

14) Aber der Leiter der Synagoge ärgerte sich darüber, dass Jesus die Frau am Sabbat heilte. Deshalb sagte er zu der Volksmenge:“Es gibt sechs Tage, die zum Arbeiten da sind. Also kommt an einem dieser Tage, um euch heilen zu lassen – und nicht am Sabbat!“ 15) Doch der Herr sagte zu ihm: „Ihr Scheinheiligen! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Futterkrippe los und führt ihn zur Tränke? Aber diese Frau hier, die doch eine Tochter Abrahams ist, hielt der Satan gefesselt – volle achtzehn Jahre lang! Und sie darf am Sabbat nicht von dieser Fessel befreit werden?“ 17) Als Jesus das sagte, schämten sich alle seine Gegner. Doch die ganze Volksmenge freute sich über die wunderbaren Taten, die Jesus vollbrachte. (Lk 13,10-17)

Ich habe Rücken!

Vorigen Sonntag konnte ich nicht in die Kirche kommen, wie ich es vorhatte: Eine unglückliche Bewegung nach unten beim Eincremen meines Fußes, eine falsche Drehung – Knack, Hexenschuss. Schmerz im Rücken, Beschwerden beim Laufen, Bücken ausgeschlossen. Erst durch die Physiotherapie kam einige Tage später Land in Sicht.

Ich habe Rücken! Das gilt auch für die gekrümmte Frau, von der wir heute in der Schrift hören. Vor 18 Jahren war sie ein unbekümmertes, hoffnungsfrohes junges Ding. Wie damals üblich, musste sie nonstop im Haushalt mitarbeiten. Nicht nur mit der Steinmühle Getreide mahlen, sondern auch Garbenbunde einbringen und Wasserkrüge schleppen. Irgendwann wurde das zu viel für ihren schmalen Rücken. Er fing an zu stechen und zu schmerzen. „Mach mal eine Pause. Das wird schon wieder,“ riet die Mutter. Aber die Beschwerden kamen immer wieder. Der Rücken begann, sich zu krümmen. „Was sollen wir nur mit dir machen?“ In der Familie wusste man keinen Rat. Es gab keinen Arzt dafür, keine Behandlung, nur einen finsteren Verdacht, woran das liegen könnte.

Erst 1920 fand der dänische Arzt Holger Werfel Scheuermann heraus, was da mit dem Rücken passiert. Er war Röntgenfacharzt und konnte mit der neuen Technik aufnehmen und dokumentieren, wie sich bei jungen Menschen die Wirbelsäule infolge schwerer Belastung umbildet. Er entdeckte die Verformung der Wirbelsäule im Wachstumsalter. Sie wurde nach ihm „morbus Scheuermann“ bezeichnet.

Das bisherige Leben des jungen Mädchens lag in Scherben. Nichts von dem, was es sich erträumt hatte, war erreichbar. Sie konnte nicht wirklich tätig sein, blieb allein ohne eigene Familie. Fortan lebte sie mit einer schweren Behinderung im „Reich der Kranken“:

Jeder, der geboren wird, besitzt zwei Staatsbürgerschaften, eine im Reich der Gesunden und eine im Reich der Kranken. (So die 2004 an Krebs verstorbene amerikanische Autorin Susan Sontag)

Dieses Reich ist groß, weltumspannend. Wenn man aufmerksam ist, entdeckt man es rundherum. Ich denke dabei an eine betagte Dame aus unserer Gegend, die sehr vorsichtig zum Einkaufen unterwegs ist. Mit tief gebeugtem Rücken und gesenktem Kopf kann sie nur auf ihre Füße gucken.

So zu leben, ist schon hart und beschwerlich genug. Obendrein war man hässlich zu ihr: „Was ist mit dir schief gelaufen? Wie konnte das denn passieren?“, stand groß auf den Gesichern ihrer Angehörigen. Noch zu Dr. Scheuermanns Zeiten war die Ansicht verbeitet: Wer einen Buckel hat, ist willensschwach. In Israel wurde gemunkelt: „Da ist ein dämonischer Schadensgeist am Werk. Er dringt durch Mund, Nase oder Ohr in den Körper ein und bringt ihn in seine Gewalt. Am Buckel erkennt man, das der Mensch vom Satan gefesselt ist. Für die Betroffenen ein Grusel-Image: „Nehmt euch in acht. In der Frau wohnt der Teufel.“ Daraus erwächst später Hexenwahnsinn: Die Hexe ist eine Frau, die im Bunde mit dem Teufel steht. Natürlich hat sie einen Buckel.

Für die junge Frau, deren Leben in Scherben lag und die auch noch schlimm stigmatisiert wurde, gab es einen Zufluchtsort – die Synagoge. Hier kam der ganze Ort zusammen: Arme und Reiche, Männer und Frauen, Gesunde und Kranke. Hier fand sie immer einen Platz. Vielleicht war ihr der Psalm 103 besonders ans Herz gewachsen:

Mein Leben ist nur noch ein langer Schatten.
Ja, ich fühle mich matt wie verdorrtes Gras.
Herr höre doch mein Gebet!
Mein Hilfeschrei soll dich erreichen!
Hab doch ein offenes Ohr für mich!
Wenn ich rufe, antworte mir bald!
Den ganzen Tag verhöhnen mich meine Feinde.
Beim Fluchen nennen sie meinen Namen, um mich zu verspotten.

(Ps 103,12.2.3.9)

Ja, ihr Leben war nur noch ein verdorrter Schatten, sie fühlte sich seit Jahren matt und nutzlos. Inständig flehte sie Gott um Hilfe an. Ebenso klagte sie über ihre Stigmatisierung, die Kübel voller Abscheu und Ekel, die über ihr ausgeschüttet wurden. – Ihr Gebet sollte sich an dem Tag erfüllen, als Jesus in der Synagoge ihrer Stadt zugegen war.

Ein liebevoller Lehrer

Der Besuch der Synagoge am Sabbat gehörte zur DNA von Jesus: „Am Sabbat ging er wie gewohnt in die Synagoge,“(Lk 4,16) lesen wir in der Schrift. Einst an der Hand seiner Eltern, später für sich. In der Synagoge wurde der Bund Gottes mit seinem Volk gelebt. Gott hat Israel aus der Knechtschaft in Ägypten befreit und dadurch seine selbständige Existenz ermöglicht. Das Volk dankte es ihm damit, dass es allein ihn verehrte und seinen Tag heiligte. Auch dadurch, dass in der Synagoge aus der Tora von ihm gelesen wurde. Wer zu schätzen wusste, was Gott für das Volk und für ihn persönlich getan hat, war wie Jesus am Sabbat in der Synagoge. Nach dem Vorbild Jesu gilt das auch für uns Christen für den Gottesdienst am Sonntag.

Seit seiner Taufe meldete sich Jesus für den Lehrvortrag. Das war durchaus willkommen. Die Synagogengemeinden konnten sich oft keine festangestellten Schriftgelehrten leisten und Jesus hatte viel zu bieten: „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen,“ war sein Lieblingsthema. Dabei vergrub er sich nicht in seinem Konzept, redete nicht über seine Hörer hinweg, sondern blickte sie an. Er hatte offene Augen für die Gemeinde.

Auf diese Weise entdeckte er hinten in einer Ecke die arme verkrümmte Frau. Das ging ihm durch Mark und Bein. Er unterbrach seine Rede und bat sie zu sich. Mühsam bewegte sich sich auf ihn zu. Vor der ganzen Gemeinde stellte er fest: „Frau, du bis von deiner Krankheit befreit.“ Darauf legte er seine Hände auf ihr Haupt. Sie kann sich aufrichten. Ihre Gebete sind in Erfüllung gegangen. Nach 18 langen Jahren hat Gott sie aus dem Reich der Krankheit zurück in das Reich der Gesundheit gerufen. Ein neuer Lebensabschnitt liegt vor ihr. Erleichtert und fröhlich lobt sie Gott.

Überflüssiges Gemecker

Wie verkalkt ist das denn? Der sonst ganz patente Synagogenvorsteher hat keine Antenne für das Wunder Gottes vor seinen Augen. Er sieht den Wald vor Bäumen nicht und tadelt einen Verstoß gegen die Halacha. Falscher Zeitpunkt! Die Heilung hätte erst nach Sonnenuntergang erfolgen dürfen, wenn der neue Tag angebrochen ist. Das nimmt ihm niemand ab. Die Menge beschämt ihn und seine Mitarbeiter. Jesus bringt es auf den Punkt. Wenn am Sabbat Hilfe für ein Tier möglich ist, das Durst hat, dann doch wohl erst recht für einen Menschen, eine Frau aus dem Volk Gottes, eine „Tochter Abrahams“, die sich kaum bewegen kann.

Ein kleiner Ausflug

Zum Abschluss möchte ich sie zu einem kleinen Ausflug nach Hessen und nach England einladen:

In Hessen hat die Landesregierung gestattet, dass 26 vollautomatisierte Minimärkte sonntags geöffnet sein dürfen. Ohne Personal mit Waren des täglichen Bedarfs, falls jemand etwas vergessen hat oder plötzlich Besuch vor der Tür steht. Die Kirche klagt mit dagegen und moniert einen Verstoß gegen die grundgesetzlich geschützte Arbeitsruhe an Sonn- und Feiertagen. Interessant: Hier bei uns ist offenbar das Arbeitsrecht an die Stelle der Halacha getreten, die in Israel galt. Vielleicht handelt es sich auch in diesem Fall um ein überflüssiges Gemecker? Hindern denn 26 vollautomatisierte Minimärkte die Christen in Hessen daran, am Sonntag in die Kirche zu gehen? Ich finde die erste Sorge der Kirche sollte die Heiligung des Sonntags durch den Gottesdienst sein. Da gibt es viel zu tun. Die überkommene Kasuistik der sonntäglichen Arbeitsruhe taugt längst nicht mehr dazu.

In Südostengland in Stoke Mandeville wird in den nächsten Tagen ein Parabolspiegel auf die Sonne gerichtet. Eine Frau oder ein Mann im Rollstuhl entzündet dann daran eine Flamme. Diese Flamme wird am 28.08. die Paralympischen Spiele in Paris eröffnen. Zur Historie: In dem kleinen Ort in England befand sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine Reha für querschnittgelähmte Soldaten. 1948 lud der Klinikdirektor seinen Patienten zu einem Wettkampf im Bogenschießen ein. Vom Rollstuhl aus. Das wurde ein Renner. Bald gab es landesweite Rollstuhl-Turniere. Andere Sportarten kamen dazu. Das mündete in die weltweiten Paralympischen Spiele. Behinderte werden zu einem Leben als Sportler ermutigt.

Behinderte sollen besser am Leben partizipieren können. Bei uns wird daran gearbeitet, dass sie alleine mit der U-Bahn fahren können. Der U-Bahnhof Bayerischer Platz hat jetzt einen Fahrstuhl erhalten! Andere Bahnhöfe sind in Planung. – Sonntags kurz vor der 20:00 Uhr Tagesschau ist die „Aktion Mensch“ auf Sendung und berichtet aus dem ganzen Land über Angebote zur Integration.

Ich fasse zusammen:

Wir hörten von dem hoffnungsvollen Mädchen und seinem schweren, 18 Jahre langen Leiden, von Jesus, dem liebevollen Lehrer und überflüssigem Gemecker.

Drei Dinge können wir für uns mitnehmen:

  • Den Blick für Menschen in Not.
  • Wie kann man Behinderten in ein neues Leben ermöglichen?
  • Die Heiligung des Sonntags ist unserere DNA als Christen.