22)Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer, zu fahren bis er das Volk gehen ließe. 23)Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. 24)Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. 25)Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. 26)Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und und schrien vor Furcht. 27)Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s fürchtet euch nicht! 28)Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir zu dir zu kommen auf dem Wasser. 29)Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. 30)Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! 31)Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? (Mt 14,22-33)
Mit dem Schrecken davongekommen
Beim Abendessen ging das Licht aus. Es war vor zehn Jahren am 13. Januar 2012 auf Italiens größtem Kreuzfahrtschiff der Costa Concordia. Die Passagiere waren in Cittaveccia bei Rom an Bord gegangen und freuten sich auf die Reise. Da kam die Durchsage: „Bitte gehen sie in ihre Kabinen. Wir haben ein technisches Problem; die Stromversorgung ist unterbrochen.“ Dort sassen sie nun im Dunkeln und mussten sich in Geduld fassen. Aber das Buffet wurde nicht mehr eröffnet. Ein Felsen hatte den Schiffsrumpf 70m lang aufgeschlitzt. Wasser war eingedrungen. Das Schiff trieb manövrierunfähig auf das Ufer zu und begann zu kippen…
32 Tote waren zu beklagen. Etwa 4.000 Menschen, Passagiere und Belegschaft, wurden aus dem Schiff geborgen und kamen mit dem Schrecken davon. Die einen reagierten darauf mit : „Glück gehabt!“ Die Berliner unter ihnen mit „Schwein gehabt!“ Andere: „Ich hatte einen Schutzengel!“ oder: „Gott sei gedankt!“
Nach einem Abendessen, bei dem Jesus mehr als 5.000 Menschen satt gemacht hatte, auf der Rückfahrt vom Ost- zum Westufer, geriet das Schiff der Jünger in einen jener schweren Stürme. Kein Kreuzfahrtriese, sondern ein offenes Holzboot – ungefähr acht mal zwei Meter – mit Ruder und viereckigem Segel. Der See Genezareth, das galiläische Meer, liegt 200m unter Normalnull, er ist der am tiefsten gelegene Süßwassersee überhaupt. Touristen zeigt er sich friedlich. Aber immer wieder kommen gefährliche Fallwinde auf. Im April 2019 mussten zwei Segler geborgen werden, die durch den Sturm in die Mitte des Sees abgetrieben worden waren. Neuerdings gibt es Rettungsdrohnen mit Spezialkameras für die Ortung in der Nacht.
Auch die Jünger kamen mit dem Schrecken davon. Wie ihre Umgebung darauf reagierte, wissen wir nicht. Die Zwölf bestanden darauf: „Uns hat Jesus gerettet!“ Er handelte als Gottes zweites Selbst „schritt einher auf den Wogen des Meeres“ (Hiob 9, 8) und stillte sein Brausen (Ps 65, 8).
Näher betrachtet war das Ganze mehr als ungemütlich; angstbesetzt, einfach grauenvoll. Eine Gestalt erschien, die auf dem See nicht wirklich anwesend sein konnte. – Ein Gespenst? Ein böser Geist? Feind oder Freund?
Petrus
Auf die beruhigenden Worte hin: „Seid getrost, ich bin’s fürchtet euch nicht!“ schaltet sich Petrus ein. Spontan und begeisterungsfähig wie er ist, dringt er auf ein Experiment: „Herr, wenn du es bist, befiehl mir, über das Wasser zu dir zu kommen.“ Und als er das „Komm!“ vernimmt, traut er ihm und geht das Risiko ein. Er verlässt das Boot.
Sein Glaube begann stark und wurde schwach. Der Glaube machte aus dem Meer einen trockenen Weg. Der Zweifel machte aus dem trockenen Weg wieder als alte Meer. Petrus schwächelt in dem Moment, als das Wort in ihm verklingt und er nur noch den Sturm und die aufgepeitschten Wellen vor sich sieht.
Martin Luther merkt dazu an: „Das Auge ist dem Hören immer im Wege. Die sichtbaren Dinge nehmen das Wort und die unsichtbaren Dinge weg.“
Petrus hat sich zuviel vorgenommen. Er sinkt und sinkt. An Schwimmen ist nicht zu denken. Ihm bleibt ein gellender Schrei: „Herr, rette mich! Rette mich!“
Jesus hilft und tadelt in einem: Er reicht Petrus die Hand und zieht ihn zu sich empor. So dass er wieder frei atmen kann. Aber er belässt es nicht bei der Rettungsmaßnahme. Mit den Worten: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“, setzt er ihm zu: „Ich habe dich doch als meinen Jünger berufen. Du hattest mein Wort…“
Die Kirche
1.Wir hörten von den Jüngern und von Petrus. Nun kommen wir zu uns. „Der sinkende Petrus findet Halt bei Jesus“ – das ist ein Gleichnis für die Kirche. Jesus hat die Kirche ins Leben gerufen. Er braucht sie. Sie hat sein Wort. Und doch schwindet bisweilen im Ansturm von Wind und Wellen ihr Vertrauen. Sie gerät in den Strudel des Zweifels und droht darin zu versinken. Ihr Halt ist Jesus. Immer wieder. Am eigenen Schopf kann sie sich nicht aus den Wogen ziehen.
2. „Gilt das auch für uns heute?“, habe ich mich gefragt. „Segeln wir auch hart am Wind?“ – „Was meinen Sie dazu?“ Es wäre interessant, sich darüber auszutauschen. In einem weihnachtlichen Kommentar zur Lage der Kirche las ich: „2021 könnte das letzte Weihnachtsfest mit christlicher Bevölkerungsmehrheit sein.“
Beschleunigt durch den jüngst angestiegenen Mitgliederverlust der katholischen Kirche und die elenden Missbrauchsfälle werden die beiden christlichen Kirchen unter 50% Bevölkerungsanteil im Bund sinken. Was in einigen Bundesländern schon länger der Fall ist, z. B. bei uns in Berlin. 1950 waren 95% der Bevölkerung evangelisch oder katholisch, 1990 80%, 2021 nur noch 53%. Es ist keine steife Brise, die uns ins Gesicht peitscht. Wir haben es mit einer schleichenden Veränderung der Gesellschaft zu tun. Seit Jahrzehnten erodiert das Christentum.
„Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Kirche nicht mehr selbstverständlich ist. Viele haben Gott vergessen. Mehr noch: Sie haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Das ist eine grosse Herausforderung für unser Reden von Gott,“ so Anette Kurschus, die neue Ratsvorsitzende der EKD, in einem Interview nach ihrer Wahl.
3.Jesus erspart Petrus nicht den Vorwurf: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Dazu drei Beobachtungen:
Gibt der chronisch schwache Gottesdienstbesuch nicht zu erkennen, dass der enorme Kirchenkörper mit seinen immer noch 20 Millionen Mitgliedern auf tönernen Füßen steht? Im Schnitt sind es sonntags 3% EKD-weit. Diese Zahl übergeht man gern, weil die Kirchen zu Weihnachten voller sind. Aber ohne den Gottesdienst am Sonntag verkümmert der Glaube in der Woche; wird vage, verschwommen, nebelhaft und verliert sich im Ungefähren. Die Kinder werden nicht mehr religös erzogen und bei der Beerdigung spielt man: „It’s time to say goodbye.“
Wird das „Christsein“ nicht so weitmaschig ausgelegt, das alles hineinpasst, was einem in den Sinn kommt? Religionssoziologen nennen das „belonging without believing“. Dazugehören, ohne gläubig zu sein. Ob man der Kirche angehört oder nicht macht keinen Unterschied. Die Konturen verschwimmen. – Welchen Sinn macht es dann, sich ihr anzuschließen?
Als Ruheständler bin ich Predigthörer, meistens. Für meinen Geschmack werden zu viele Geschichten erzählt oder Kunstwerke erklärt. Nebensachen werden zu Hauptsachen aufgeblasen, und die Hauptsachen werden zu Nebensachen geschrumpft. Religion wird entkernt. Nicht einmal die Christvesper am Heligen Abend sparte man aus. Ihr „ganz besonderes Thema“ war eine Christusfigur mit Krone und Purpurmantel auf dem Altar – eine unlängst wiederentdeckte Tradition aus dem Erzgebirge. Jucheirassa!
Zuviel Zuckerwatte und zu wenig Schwarzbrot wird gereicht, wenn die Zeitgenossen, die eh tun und lassen, was sie wollen, aufgemuntert werden: „Gott liebt dich, so wie du bist!“ Wozu gibt es dann eine Heilsgeschichte? Führt die Begegnung mit Gott nicht zu neuem Nachdenken? Zur Liebe Gottes lesen wir im Johannesevangelium: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingab. Jeder, der an ihn glaubt, soll nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“(Joh 3, 16)
Ich komme zum Schluss
„Wofür stehen wir? Wohin wollen wir gehen?“ Darüber wurde in unserer Kirche hier, der EKBO, ein Jahr lang beraten mit dem Ziel einer Neuausrichtung. Das Ergebnis ist ein Impulspapier, das 2020 von der Synode beschlossen wurde. In zehn Punkten nimmt es alle Arbeitsbereiche in den Blick. Beginnend mit: „Wir sind ‚Kirche mit Mission‘: Wir brauchen eine tiefgreifende Veränderung unserer Haltung, damit wir ‚Mission‘ als Grundzug kirchlichen Lebens begreifen.“
Wenn wir mit dem sinkenden Petrus rufen: „Herr, rette uns!“ wird er uns trotz unseres Versagens nicht im Stich lassen. Das Wissen um seine Gegenwart wird uns über Wasser tragen und die Macht des Windes brechen. Wir brauchen nicht einen großen Glauben, sondern einen kleinen Glauben an den großen Gott.

