Eine Meinungsumfrage

9) Einige Leute waren davon überzeugt, dass sie gerecht vor Gott lebten. Für die anderen hatten sie nur Verachtung übrig. Ihnen erzählte Jesus dieses Gleichnis: 10) „Zwei Männer gingen zum Tempel, um zu beten. Der eine war ein Pharisäer und der andere ein Zolleinnehmer. 11) Der Pharisäer stellte sich hin und betete leise: ‚Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen – kein Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder Zolleinnehmer wie dieser hier. 12) An zwei Tagen der Woche faste ich, und ich gebe sogar den zehnten Teil von allem, was ich kaufe.‘ 13) Der Zolleinnehmer aber stand weit abseits. Er traute sich nicht einmal, zum Himmel aufzublicken. Er schlug sich an die Brust und sagte:’Gott, vergib mir! Ich weiß, dass ich ein Sünder bin.‘ 14) Das sage ich euch: Der Zolleinnehmer ging nach Hause und war nun vor Gott gerecht – im Unterschied zu dem Pharisäer. Denn wer sich selbst groß macht, wird von Gott niedrig und klein gemacht. Aber wer sich selbst niedrig und klein macht, wird von Gott groß gemacht werden. (Lk 18,9-14 BasisBibel)

1. Wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre, welcher Partei würden Sie Ihre Stimme geben? – Ich habe in einem Meinungsforschungsinstitut gearbeitet und mußte viele langweilige Fragen stellen: zu Brillengeschäften, zu Baumärkten, zu Radiosendern. Wachgerüttelt hat mich die Sonntagsfrage, die Momentaufnahme, wie die Wählerinnen und Wähler abstimmen würden. Man kann daraus seine Schlüsse ziehen.

Ebenso bei uns in Berlin: Wenn am kommenden Sonntag Wahl zum Abgeordnetenhaus wäre, welcher Partei würden Sie Ihre Stimme geben? – Am 20. September ist es soweit. Es wird Zeit, sich zu sortieren.

Im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner ist eine Meinungsumfrage eingebaut, die Gott betrifft. Das Signalwort dafür ist „gerecht erklären“. Sie lautet so: Wenn am kommenden Sonntag das Jüngste Gericht abgehalten würde, zu wem würde er sagen: „Du bist gerecht, komm in mein Reich.“? Diese Momentaufnahme vom Endgericht soll uns aufrütteln, wenn wir denken: „Alles ist in trockenen Tüchern.“ Womöglich täuschen wir uns. Womöglich schätzen wir, was vor Gott keinen Bestand hat, womöglich übersehen wir, was Gott wichtig ist.

2. Die beiden Kandidaten: Bis heute gibt es die orthodoxen Juden, die in Jerusalem in der Straßenbahn beten und den Kopf neigen, wenn der Name Gottes gesprochen wird und die liberalen Juden, die nicht gläubig sind und nicht koscher essen. Dieser Gegensatz zieht sich durch die Geschichte. Auf ihm beruht das Portait der beiden Männer, die im Hof der jüdischen Männer im Tempel von Jerusalem beten.

Der eine, vielleicht ein Handwerker, war fromm und äußerst generös. Den Zehnten, die Abgabe für den Tempel und die Gemeinde, zahlte er nicht nur für eigene Produkte, sondern auch für Einkäufe. Er ging davon aus, dass die Lieferanten es mit der Abgabe nicht so genau nahmen und wollte das Loch stopfen, dass sie hinterlerließen.

Der andere war ein nicht religöser Zollunternehmer. Er hatte für gutes Geld den Zoll gepachtet und trieb für den römischen Kaiser die drückenden Steuern der Besatzungsmacht ein. Er schröpfte sein Volk. Seine Leute kassierten den Marktzoll für einen Marktstand, den Gewerbezoll auf Waren und den Wegezoll am Stadttor. Wenige konnten lesen, wenige konnten rechnen. Niemand kannte die aktuellen Tarife. Korruption und persönliche Bereicherung waren an der Tagesordnung.

Dementsprechen war der Pharisäer beliebt. In der Synagoge jederzeit willkommen. Im Tempel stand er in der Mitte, er kannte sich dort gut aus und betete frei. Der andere war in Misskredit geraten, in der Synagoge nicht gern gesehen, deshalb suchte er sie auch nicht auf. Im Tempel stand er mit gebeugtem Kopf am Rand. Er sprach ein kurzes Psalmgebet, das er mal gelernt hatte.

3. Ein überraschendes Ergebnis. Jesu Gleichnis irritiert. Gott gibt in desem Moment im Tempel dem Zolleinnehmer Recht. Der Kollaborateur wird begnadigt. Und nicht, wie man erwartet hätte, der hoch angesehene fromme Mann. – Wie ist das möglich?

Dieses Ergebnis widerspricht der sicher geglaubten Überzeugung: „Die Gottlosen bestehen nicht im Gericht.“(Ps 1,5) Ich möchte dazu kurz auf Psalm 1 eingehen, aus dem dieser Vers stammt. (Wir haben ihn früher im Konfirmandenunterricht auswendig gelernt.) Dieser Psalm kontrastiert zwei Mentalitäten, den Gerechten und den Gottlosen, als Leitbilder für ein richtiges und ein falsches Leben.

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen
noch tritt auf den Weg der Sünder
noch sitzt, wo die Spötter sitzen,
sondern hat Lust am Gesetz des HERRN
und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht.
Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.
Und was er macht, das gerät wohl.
Aber so sind die Gottlosen nicht,
sondern wie Spreu, die der Wind verstreut.
Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht
noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.
Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten,
aber der Gottlosen Weg vergeht.

Auf der einen Seite der Baum am Wasser voller Früchte und grüner Blätter. Das ist der Mann, der sich mit den Weisungen Gottes, seiner religiösen Quelle, beschäftigt. Er geht nicht mit auf dem falschen Weg, er würde sich nie dem römischen Kaiser unterstellen. Er steht nicht dabei, wenn beratschlagt wird, was Gottes Willen widerspricht, und er setzt sich nicht mit den Spöttern, die den Glauben lächerlich machen, an einen Tisch. So sehen sich die Pharisäer. Jesus wendet sich mit seinem Gleichnis ausrücklich an Menschen wie sie, die überzeugt sind „fromm und gerecht zu sein“.

Auf der anderen Seite fehlt der Kontakt zurr eligösen Quelle. Hier herrscht Dürre, es gibt nur ausgedroschenes Stroh, Streustaub nutzlos und juckend. Das ist der Mann, der sich für Gott verschlossen hat und nur seinen eigenen Vorteil sucht. So sah man die Zollpächter.

4. Jesus bricht mit dieser Gegenüberstellung, denn Taten und Worte passen nicht zusammen.

Man kann Gott nicht für sich pachten! Die fromme Freigiebigkeit des Pharisäers wird von seiner inneren Einstellung überblendet. Schauen wir auf sein Gebet. Sein Dank fällt so knapp und kurz aus, wie nur was. Nur „Ich danke dir, Gott“ – als Auftakt. Dann spricht er von sich. Was er für ein vorbildlicher Bürger ist, kein Dieb, Ehebrecher oder Betrüger. Darüber hinaus fastet er zweimal in der Woche und spendet überreichlich. Dass „der HERR den Weg der Gerechten kennt“, wie es im Psalm 1 heißt, spielt für ihn keine Rolle. Das ist aber gerade die Grundlage für unser Beten: Mit diesem „Kennen“ ist die Fürsorge und Begleitung Gottes gemeint. Durch sie sind wir, was wir sind. Durch sie wird möglich, was wir leisten.

Hinzu kommt der schiefe Blick auf den Zollpächter. „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie er.“ Äußerlich macht der Pharisäer eine gute Figur, innerlich ist er zerfressen von praktischem Atheismus und Verachtung für andere Menschen.

Die Geldgier des Zollpächters wird hier im Tempel von seiner Reue überblendet. Er hat Gott nichts vorzuweisen. Nicht mal ein freies Gebet. Er bereut mit dem Psalmgebet: „Gott sei mir Sünder gnädig.“ (Ps 51,3) Deshalb erbarmt sich Gott. Für ihn gilt:“Der HERR ist nahe all denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.“ (Ps 34,19)

Ich komme zum Schluß

Gott gibt sich nicht mit dem äußeren Anschein zufrieden. Er achtet genauso auf die innere Einstellung: „Wer sich selbst erhöht“ wie der Pharisäer, „der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt“ wie der Zöllner, „der wird erhöht werden“(Lk18,14 Lutherübersetzung).

  • Wenn ich im Gebet Gott nur erzähle, wie toll ich war, bin ich der Koch und Gott der Kellner. Ich habe das Steuer in der Hand. Gott kann dazu nur Bravo rufen. In solchem dekorativen Beten außert sich ein praktischer Atheismus. Gottes Handeln, seine Fürsorge und sein Geleit, werden ausgeblendet. Der Mensch beweihräuchert sich..
  • Die zweite Form, sich zu erhöhen, ist die Verachtung für andere. Verachtung gehört ebenso zu unserer Gefühlswelt wie Neugier, Freude, Traurigkeit, Angst und Wut. Wenn wir andere Leute treffen, blicken wir durch eine unbewusste Brille. Ihre Gläser sind je nach Stimmung durch Neugier und Freude oder Wut und Verachtung eingefärbt. „Wie schauen wir auf die Bettler in der U-Bahn oder auf die Obdachlosen in ihren Camps?

Selbsterkenntnis hilft, die Verachtung zu zügeln. Unsere Gottesdienste beginnen deshalb oft mit einem Schuldbekenntnis. Z. B.

"Erforsche mich Gott, und erkenne mein Herz...
und sieh, ob ich auf bösem Wege bin
und leite mich auf ewigen Wege." (Ps 129,23f)
  • „Ich habe Mist gebaut. Es gibt nichts zu entschuldigen und nichts zu relativieren. Ich ziehe die Konsequenzen statt nach Wegen zu suchen, den Posten irgendwie zu behalten. Ich trete zurück,“ so demütigte sich Margot Käßmann, die damalige Ratsvorsitzende der EKD und auf Lebenszeit gewählte Landesbischöfin von Hannover, am 24. Februar 2010 nach einer Alkoholfahrt. Ein Rücktritt in Würde mit dem Eingeständnis ihrer Schuld. Ohne den Versuch, den Patzer zu bemänteln.

Wie anders lief es doch bei uns in Berlin in diesem Jahr: Warum erschien der Regierende Bürgermeister am 3. Januar nicht bei den Menschen in Zehlendorf, die von einem großflächigen Strom- und Heizungsausfall betroffen waren? Mit widersprüchlichen Erklärungen und offenen Lügen brachte er sich um sein Amt.

Noch unangenehmer als Fehler zu machen, ist es, Fehler zuzugeben. Lieber, solange es geht, die eigene Unzulänglichkeit von sich weisen. Sich zu demütigen, erfordert die Kunst, einzugestehen, es gewesen zu sein. „Ich hab’s vermasselt und muß die Konsequenzen tragen.“ Das Beispiel von Margot Käßmann zeigt: Der Mut zum Eingeständnis der Schuld erwächst aus dem Glauben an die Vergebung.