Gott kommt in echt

1)Was von Anfang an war
was wir gesehen haben,
was wir betrachtet haben und unsere Hände betastet haben vom Wort des Lebens –

2)und das Leben ist erschienen,
und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch
das Leben,
das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist

3)was wir gesehen und gehört haben,
das verkünden wir auch euch,
damit ihr auch mit uns Gemeinschaft habt;
und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und seinem
Sohn Jesus Christus.

4)Und das schreiben wir, auf dass unsere Freude vollkommen sei. (1. Joh 1,1-4)

Uns wird hiermit ein Handshake (Händeschütteln,Handschlag Bekanntschaft) angeboten: Beim Einstellen meines Computers taucht dieses Wort im Erklärungsfeld auf. Handshake , Computer und Drucker oder auch GOOGLE und GMX verständigen sich über ihre Sendebereitschaft. Sie tauschen Signale aus, um in Verbindung zu treten. Manchmal geht es schneller, manchmal dauert es länger.

In die meisten neutestamentlichen Briefe müssen wir uns als Mithörer einschleichen. Sie sind nicht an uns gerichtet und haben uns nicht im Blick. Demgegenüber signalisiert der Johannesbrief vom ersten Vers an Sendebereitschaft und stellt keine besondere Adresse an den Anfang.

An alle: „was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch!“ Augenzeugen aus dem Kreis um Jesus möchten mit uns ihre Begeisterung teilen. Sie laden zur Glaubensgemeinschaft ein.

An alle: „Wir schreiben das, ‚auf dass unsere Freude vollkommen sei‘. Freut euch mit uns. Wir haben allen Grund dazu!“ Mit anderen Worten: In Jesus findet ihr alles , was ihr braucht, für weniger als ihr denkt!

Ausgehend von der Weihnachtserzählung wollen wir uns in drei Schritten an ihren Gedankengang vor Augen führen.

Erstens:

„Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ (Lk 2,12) So wurden die Hirten auf den Weg nach Bethlehem geschickt.

Ein Schüler aus dem Religionsunterricht verpatzte das und schrieb in seinem Aufsatz: „Das Kind lag im Stall und hatte Grippe.“ Er wusste wohl nicht, was eine Krippe ist. In der Heiligen Nacht war sie der Orientierungspunkt. Alle Säuglinge in Bethlehem waren in Windeln gewickelt – nur ein einziger lag in einer Krippe: Jesus. Den Rapport der Hirten bei ihren Lieben zu Hause kann man sich gut vorstellen: „Stellt euch vor, wir haben in Bethlehem ein Wickelkind gesehen, gehört und betrachtet, das in einer Krippe lag!“

Abweichend, ungewöhnlich, mehr begrifflich orientiert – die Berichterstattung im Johannesbrief: Die Johannesleute erzählen hier nicht anschaulich und farbig, was sie mit Jesus erlebt haben. Statt „Jesus“ sagen sie „was von Anfang an war“ oder „Leben“. Eigentümlich dürr, aber tiefsinnig.


„Wir haben gehört, gesehen und betrachtet
was von Anfang an da war.“
„Wir haben gesehen, bezeugen und verkündigen euch
das Leben, das ewig ist,
das beim Vater war und uns erschienen ist
„Jesus – von Anfang an ursprünglich vor aller Zeit“

Also kein Geschöpf! Er wurde nicht geschaffen, sondern ist die Instanz, die aller irdischen Wirklichkeit zugrunde liegt. Der Unendliche ist in das Dasein eingegangen. Er wurde „gezeugt nicht geschaffen“ ( Ps 2,7) wird später das Große Glaubensbekenntnis von Nicäa-Konstantionpel (EG 305) darlegen.

„Jesus – das Leben, das beim Vater war“:

In Jesus kommt „Gott von Gott, Licht vomLicht, wahrer Gott vom wahren Gott“ wird es in demselben Glaubensbekenntnis heißen. In Jesus kommt Gott von Gott, „Gott in echt“, wie der Berliner sagt.

Dazu ein Beispiel aus der Kunst :

Als Mitglieder der Museumsgruppe unserer Kirchengemeinde wollten mein Frau und ich schon immer einmal die Kunstmetropole Florenz kennenlernen. Im Mai vorigen Jahres war es soweit. Ziemlich kalt dort übrigens. Natürlich haben wir längst nicht alles gesehen und nur einen Bruchteil von dem behalten, was wir gesehen haben.

Eingeprägt hat sich mir ein kleines Fresko aus dem Jahre 1425 von dem früh verstorbenen Maler Masaccio in der Kirche Santa Maria Novela. Das erste Bild mit einer Zentralperspektive. Davor war alles zweidimensional. Es zeigt die Trinität: am Kreuz den Sohn, hinter ihm den Vater und dazwischen die Taube des heiligen Geistes. Ein bekanntes Motiv. „Gnadenstuhl“ genannt.

Das Besondere: Die Wand hinter dem Kreuz ist geöffnet, gibt den Blick auf eine Halle frei. Dadurch entsteht ein Raumgefühl. Um diesen Eindruck zu erreichen, half Masaccio sich mit einem Nagel in der Wand. Er markierte den Fluchtpunkt. Von ihm aus spannte er feine Fäden zu den Rändern des Bildes, um sich an ihnen zu orientieren. Mit diesem Trick gelang zum ersten Mal die Zentralperspektive. So weit das Beispiel.

Im Johannesbrief wird gewissermaßen die Wand hinter dem Stall von Bethlehem geöffnet. Das Kind in der Krippe im Vordergrund wird dadurch in eine Zentralperspektive gerückt, deren Fluchtpunkt der ewige Gottessohn ist. ‚Der von Anfang an war.‘ ‚Das Leben, das beim Vater war.‘

Sorgfältig wurde formuliert: Das Leben ist erschienen. Etwas, das erscheint, muss sich nicht in diesem Augenblick neu gebildet haben. Es kann auch etwas zum Vorschein kommen, das mir bisher unbekannt war. So Jesus. In der sichtbaren Gestalt des Kindes in der Krippe und später des Mannes aus Nazareth erscheint der unsichtbare, ewige Gott.

Gott kommt in Echt. Halten wir das als erstes fest.

Zweitens:

In der Weihnachtserzählung heißt es: „Und sie gebar ihren ersten Sohn.“(Lk 2, 7) Am Heiligen Abend wurden Maria Mutter und Josef Vater – Pflegevater. Mutter, Vater, Kind damit war die heilige Familie komplett. Logisch, dass die katholische und die anglikanische Kirche den Sonntag nach Weihnachten als das Fest der Heiligen Familie begehen. Allerdings berichtet die Bibel über die heilige Familie äußerst sparsam. Deshalb machen wir da nicht mit.

In dem kurzen Johannesbrief wird Gott zwölf Mal „Vater“ genannt. Es ist die Rede:

  • vom ewigen Leben, das beim Vater war (1, 2)
  • von der Gemeinschaft mit dem Vater (1, 3)
  • von dem Fürsprecher bei dem Vater (2, 1)
  • davon, dass die Kinder den Vater kennen (2, 14)
  • vom Bleiben im Sohn und im Vater (2, 24) und
  • von der großen Liebe des Vaters (3, 1).

„Vater“ ist keine Anrede, auf die man verzichten kann. Kein austauschbares Bildwort. Vater bezeichnet die Lebensgemeinschaft zweier göttlicher Personen. Der eine Gott lebt in der Verschiedenheit und Zugewandtheit von Vater und Sohn. Im Unterschied zu Maria und Joseph wurde Gott am Heiligen Abend nicht Vater. Denn er war nie allein. Er war nie ohne den Sohn.

Neulich las ich in einem Andachtsbuch: „In Jesus kommt also Gott, der Vater, selbst zu uns Menschen.“

Hier ist etwas durcheinandergeraten! Jesus betete doch: „Vater unser im Himmel“(Mt 6, 9) und: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“(Lk 23,34) Er wendet sich an den Vater, also kann er nicht selbst eine Erscheinung des Vaters sein. Er ist Gott, der Sohn. In der Heiligen Nacht als Mensch geboren, als wahrer Gott und wahrer Mensch.

Den einen Gott gibt es nur im Doppelpack: als Vater und Sohn. Das ist das Zweite, das wir festhalten wollen.-

(Zusammen mit dem Heiligen Geist dann – die Heilige Dreieinigkeit: Der eine Gott, der in sich lebendig ist und als Vater, Sohn und Heiliger Geist existiert.)

Drittens:

„Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Retter (Heiland) geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids,“ (Lk 2,10) lautet die Botschaft des Engels in der Weihnachtserzählung. Es ist eine politische Botschaft In Bethlehem, der Stadt Davids, soll ein künftiger Regent, geboren werden, der die verfahrene Lage beendet. Er wird die Römer endlich aus dem Land werfen und Israel gerecht regieren. In ihm wird sich die Verheißung eines „Christus“ (= der Gesalbte, = hebräisch Maschiach) erfüllen.

Rettung der Welt?

Als einzige Schrift in der dicken Bibel proklamiert der Johannesbrief:„Gott ist Liebe“, was immer auch dagegen sprechen mag. Und das ist viel! Zwischen Gott und Liebe wuchert ein ganzes Gestrüpp von Fragezeichen. In der Bibel wie in unserem Leben. Ich habe am 29.05.2016 eine Predigt darüber gehalten: „ I s t Gott Liebe?“ Mit Fragezeichen.

Woher nimmt der Johannesbrief die Kühnheit, sich über alle Fragezeichen hinwegzusetzen? Warum steht für ihn unerschütterlich fest, dass Gott Liebe ist?

Es liegt an seiner Zentralperspektive, die in alles Geschehen, das Walten von Vater und Sohn einbezieht. Hinter dem Schicksal Jesu vom Heiligen Abend bis zum Kreuz auf Golgatha steht Gott der Vater. Genauer ein Drama von Vater und Sohn.

Gott, der Vater, sendet seinen Sohn in unsere Mitte, um uns neue Lebensmöglichkeiten zu erschließen, die nicht durch die Trennung von Gott belastet sind. Bis hin zur äußersten Konsequenz. Bis zum Opfer seines Sohnes am Kreuz aus Liebe zu uns.

Bei Hilarius von Poitiers (gest. 367) lesen wir:

„Die Heilskraft unserer Religion liegt nicht im Glauben bloß an Gott
sondern im Glauben an Gott, den Vater;
nicht bloß im Glauben an Christus
sondern im Glauben an Christus als Sohn Gottes.“

Die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater und dem Sohn, zu der uns der Johannesbrief einlädt ist tiefer, wärmer und herzlicher als das Aufblicken zum „Ewigen“, das Erschauern vor „dem Heiligen“ oder das Zittern vor „dem Lebendigen“ und seinem Temperament. In ihr kommt Freude auf, vollkommene, Freude! Bleibende Freude.

In Jesus Christus ist die Liebe Gottes sichtbar geworden. Es handelt sich um mehr als ein vorübergehendes Entgegenkommen. Nicht um ein Wort, sondern um einen Weg: Einen Opfergang! Jesus nimmt auf sich, was uns von Gott trennt und schafft es fort. Dadurch ist Liebe ein für alle mal in Gottes Wesen eingezeichnet. Untilgbar. „Gott ist Liebe ; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (4, 16)

Gott ist Liebe. Unverrückbar! Halten wir das drittens fest.

Ich komme zum Schluss:

Von Vätern und Müttern im Glauben wurden wir zu einem Handshake eingeladen. Nach allem, was sie mit Jesus erlebt hatten , wagten sie in einer neuen Weise über Gott und ihre Gemeinschaft mit ihm zu sprechen. Knapp. Anspruchsvoll. Anstrengend. Leichteres hört man lieber. Aber es lohnt sich, nicht das Handtuch zu werfen.

Ausgehend von der Weihnachtserzählung habe ich versucht, was sie sagen, mit der Einführung der Zentralperspektive in ein ursprünglich zweidimensionales Bild zu vergleichen. Die Wand hinter der Krippe öffnet sich und gibt den Blick frei:

In Jesus findet ihr alles, was ihr braucht, für weniger als ihr denkt!