Tod durch Giftspritze?

36)Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37)Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

38)Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

39)Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis; Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? 40)Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister.

41)Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? 42)Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen. (Lk 6,36-42)

„Tod durch Giftspritze“, titelte eine Zeitung am Tag nach dem Rücktritt von Andrea Nahles. Die erste Frau im Amt der Parteivorsitzenden der SPD hatte nach nur 15 Monaten das Handtuch geworfen. Sie war gewiss nicht dünnhäutig, durchaus hart im Geben und Nehmen. Aber in einer Fraktionssitzung war selbst ihre Schmerzgrenze erreicht. Eine Aussprache war umgeschlagen in schonungslose Attacken: Ihre Auftritte – lächerlich! Sie selbst – unbeliebt!

Gegen Beleidigung und Niedermachen mahnt Jesus: Richtet nicht!

Gegen Häme und Bedrohung mahnt Jesus: Verdammt nicht!

Tod durch Kopfschuss. Es kommt noch schlimmer!

Auf Walter Lübcke, den Regierungspräsidenten von Kassel, prasselten seit drei Jahren Hassbotschaften ein. Weil er sich energisch für Flüchtlinge einsetzte. Das gehörte für ihn zum hohen C in der CDU. Darunter waren auch Morddrohungen. Seine Privatadresse kursierte im Netz. Bis jemand die Waffe gegen ihn erhob und abdrückte. In der Nacht zum 02.06.2019 wurde er tot auf der Terrasse seines Hauses in Istha aufgefunden.

Als Antwort darauf ermitteln neuerdings Staatsanwälte gegen Hetze im Netz. Unter dem Motto „Verfolgen statt nur Löschen“ wird geklärt, wer dahinter steckt. Strafbare Äußerungen werden angezeigt und strafrechtlich verfolgt. Ein erster wichtiger Schritt.

Dringend erforderlich ist ein anderer Umgang miteinander, eine „Kultur der Barmherzigkeit“. Jesus nennt drei Bausteine einer solchen Kultur:

I. „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“

Die Barmherzigkeit des Vaters

Jesus spielt hier auf die Erzählung von dem Bund Gottes mit Noah im 1. Buch Mose an. Er lenkt unseren Blick auf den Himmel:

Am Himmel zeigt sich die Sonne: Sie scheint über Böse und Gute. (Mt.5,45)

Aus dem Himmel strömt das kostbare Nass. Es geht auf Gerechte und Ungerechte nieder. (Mt. 5,45) Dazu ein Sprichwort aus dem Talmud: Der Regen ist ein größeres Wunder als die Auferstehung der Toten. Warum? Es regnet über Gerechte und Ungerechte. Auferstehen werden nur die Gerechten. Gott bewässert auch die Gärten der Ungerechten. Welch ein Wunder!

„Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22) Gott garantiert den Naturkreislauf und die Konstanten, die Leben ermöglichen.Und das, obwohl er weiß „das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend“ (1. Mose 8,12) Trotz allem erträgt die Gott die Menschheit. Er lässt die Sünder nicht fallen. Er will der Schöpfer aller Menschen sein, auch derer, die sich von ihm abgewendet haben.

Am Himmel zeigt sich der Regenbogen (1. Mose 9,13ff) als vergewisserndes Zeichen. Gott hat seinen Kriegsbogen für alle sichtbar an den Nagel gehängt. Er braucht ihn nicht mehr. Er schließt vernichtendes Handeln aus.

Unsere Barmherzigkeit

So ist der Himmel ein Spiegel von Gottes Nachsicht! Gott erweist seine Barmherzigkeit darin, dass er ohne Ansehen der Person allen Menschen Sonnenlicht, Regen und den Wechsel der Jahreszeiten zukommen lässt. Mit großer Frustrationstoleranz, ohne dazwischenzufahren, ohne zu richten oder zu verdammen, solange die Erde steht.

Unsere Beziehung zu Gott wird dadurch wahrnehmbar, dass der Richtgeist verstummt. Wenn Gott beide, die Guten wie die Bösen, die Gerechten ebenso wie Ungerechten erträgt, sollten wir das auch tun. Nicht richten und nicht verdammen.

Die Gräben in der Gesellschaft sind tief zwischen Mietern und Vermietern, zwischen Arm und Reich, zwischen Umweltaktivisten und Energieversorgern, zwischen denen, die „refugees welcome“ rufen, und denen, die das ablehnen. Diese Gegensätze bieten einen Nährboden für Hetze, Verteufelung und Bedrohung. Populisten sind immer die anderen.

II. Mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.

„Gott liebt jeden Menschen so, wie er ist.„, wird gern gehört und oft gepredigt. Folgt daraus: „Ich bin, wie ich bin und bleibe, wie ich bin?“ N e i n ! Denn Jesus sagt: „Mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen“:

  • Wer richtet, wird keineswegs so geliebt, wie er ist. Er wird gerichtet werden.
  • Wer vergibt, dem wird vergeben.
  • Wer verurteilt, wird keineswegs so geliebt, wie er ist. Er wird verurteilt werden.
  • Wer gibt, dem wird gegeben

Also keine bedingungslose Anerkennung für alles, was mir gerade einfallt. Es macht einen Unterschied, ob ich gebe und vergebe oder ob ich richte und verdamme.

Die Giftspritze gehört in den Abfalleimer! Der Richtgeist hat sich zu verdrücken!

Jesus will die Menschen in Bewegung bringen: Weg vom Richten hin zum Vergeben! Weg vom Verurteilen hin zum Geben! Auch weg von Überheblichkeit und Heuchelei! Davon hören wir jetzt:

III. Redliche Selbstwahrnehmung

Hinter unserm Richten und Verdammen stecken Überheblichkeit und Heuchelei.

Blinde Blindenführer sind wir: Wer selber blind ist, kann doch keinem anderen den Weg weisen! Wie soll das funktionieren?

Jesus liegt es fern, Behinderte zu diskriminieren. Er will sagen: Keiner steht über dem Anderen. Alle verdanken wir unser Leben Gott, der es mit Sonne, Regen und den Jahreszeiten ermöglicht. Keiner hat das Recht, andere in die Pfanne zu hauen, sie herabzusetzen und zu mobben.

Mit dem Wort vom Splitter und dem Balken habe ich neulich eine besondere Erfahrung gemacht. An heißen Sommertagen bin ich gern in der kühlen Frühe vom Goldenen Hirsch in Schöneberg bis zum Fennsee in Wilmerdorf zügig unterwegs. Am bisher heißesten Tag um 6:30 Uhr traute ich meinen Augen nicht – eine Ausnahmeerscheinung: ein Dreierteam Parkwächterinnen und Parkwächter auf Streife…

Um diese Zeit ein Großeinsatz, um die Einhaltung des Gesetzes über geschützte Grünanlagen zu überwachen??

„Eigentlich hättest Du sagen müssen: ‚Kommen Sie doch Abend oder am Wochenende vorbei, wenn hier was los ist.‘“ Während ich noch grübelnd die Fußgängerbrücke über die Bundesallee überquere, stieß ich auf ein Parkwächter-Duo.

Ich spitze meine Lippen...“Wie war das doch gleich mit dem Splitter und dem Balken? Also schweig lieber still!“

Zur Erklärung: Vom Weg erhitzt hatte ich mein T-Shirt in der Hand und nicht am Körper. Ich wollte nicht die Ansage provozieren: „Ziehen Sie sich erst mal ihr Hemd an, wenn Sie mit uns sprechen.“ Wie will man eine uniformierte Amtsperson tadeln, wenn man selbst obenherum nackt ist.

Redliche Selbstwahrnehmung ist gefragt. Unser Leben ist ein Lernprozess. Niemand ist gefeit vor Irrtümern und Fehlern. In der Schule, im Studium, beim Sport, am Arbeitsplatz und überhaupt – im Umgang mit anderen Menschen. Auch wenn man über 70 ist, hat man nicht ausgelernt. Nur, wer auch sich selbst gegenüber kritisch ist, sollte andere kritisieren. Alles andere ist Heuchelei.

Ich komme zum Schluss

Die Worte Jesu enthalten ein Kontrastprogramm zu Beleidigung und Häme, Bedrohung und Verteufelung samt all den schlimmen Folgen, unter denen wir in diesen Tagen leiden.

Jesus nennt drei Bausteine einer Kultur der Barmherzigkeit:

  • Giftspritzen wegwerfen, den Richtgeist vertreiben!
  • Maß nehmen am barmherzigen Handeln Gottes, der die Sonne über Bösen und Guten scheinen läßt!
  • Sich um eine redliche Selbstwahrnehmung kümmern!

Jesus will uns nicht zu stummen Fischen erziehen. Zu einer Kultur der Barmherzigkeit gehört auch Kritik. Ehrliche und sachliche Kritik dort, wo es erforderlich ist. Im Sinne von Mt. 18,15: „Sündigt aber dein Bruder, so geh hin und weise ihn zurecht“. Aber davon ein andermal.