Inventur vor dem Fest

3)Und er (Johannes der Täufer) kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, 4)wie geschrieben steht im Buch der Worte des Propheten Jesaja (Jesaja 40,3-5): „Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben! 5)Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden, 6)und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.“

7)Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? 8)Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. 9) Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

10)Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir nun tun? 11)Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, der tue ebenso. 12)Kamen aber auch Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? 13)Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! 14)Da fragten ihn auch Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!

15)Als aber das Volk voll Erwartung war und alle dachten in ihrem Herzen, ob Johannes vielleicht der Christus wäre, 16)antwortete Johannes und sprach zu allen: Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber der, der stärker ist als ich; ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse, der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. 18)Und mit vielem anderen mehr ermahnte er das Volk und predigte ihm. (Lk 3,3-16.18) (Lk

„Ihr Schlangenbrut“,

beileibe kein Kompliment „Ihr Natternbrut, ihr Otterngezücht!“ donnerte er in die Menge. Keine freundliche Anrede. Ein ganz grober Keil. „Ihr Vollpfosten, mir wird übel, wenn ich euch sehe!“

Von m i r würden Sie sich das nicht gefallen lassen. Träte ich so auf, wäre die Kirche am nächsten Sonntag leer. „Was fällt dem denn ein, so ein anmaßendes Gehabe!.“ Johannes darf das. Ihm nimmt man ab, was man sonst scharf zurückweisen würde. Die Menge strömte. Früh brachen sie auf. Wanderten Stunden, um ihn zu sehen, zu hören und um dann unvermeidlich ihr Fett abzubekommen.

Was lief da ab? Dafür gibt es zwei Gründe:

Johannes war ein Original

Er predigte nicht nur mit dem Mund, sondern alles an ihm predigte: sein Aufenthaltsort, seine Kleidung, seine Nahrung. Er führte ein Leben als Eremit in der Wüste. Damit hatte er sich ganz in die Hand Gottes gegeben. Ass, was er dort fand: Heuschrecken und wilden Honig. Kleidete sich mit Häuten und Fellen der Wüstentiere. „Er ist d e r Prediger aus der Wüste, den Jesaja ankündigte.“, munkelten die Leute.

Wir Pfarrer und Pfarrerinnen können uns mit ihm nicht auf eine Stufe stellen. Sollte es unter uns zu prophetischen Aufwallungen kommen: Ein wirklicher Prophet ist niemals ein abgesicherter Kirchenbeamter mit Pensionsberechtigung! Er steht allein wie Johannes, setzt alles auf eine Karte, auch wenn er damit persönlich ins Risiko geht.

Was Johannes sagte, war plausibel

Auf den Punkt gebracht sagt er: „Wenn ihr an Gott glaubt, müsst ihr auch mit ihm rechnen! Wenn es Gott gibt, ist er nicht stumm wie ein Bettvorleger, sondern denkend, fühlend und wollend. ‚Ich werde sein, der ich sein werde‘, antwortete er, als Mose nach seinem Namen fragte.“ Gott – ein tätiges, aktives Ich.

Weil Gott nicht alles teilnahmslos an sich vorbeirauschen lässt, sondern die Dinge interessiert wahrnimmt, verglich Johannes ihn mit einem Obstbauern. Der pflanzt seine Bäume, hegt und pflegt sie für die Ernte. Dazu gehört auch, das die Bäume aussortiert werden, die keine Ernte mehr abwerfen. Johannes trug das breit auf. Man hört förmlich den harten Schlag der Axt, sieht das Feuer lodern und und spürt den Zorn über den missratenen Baum.

Indes Johannes war nicht nur Gerichtsprophet. Mit seinem eindrucksvollen grimmigen Getöse wollte er dem kommenden Herrn, der größer ist als er, dienen. Damit erfüllt er, was der Engel Gabriel seinen Eltern einst angekündigt hatte:

Euer Sohn Johannes „wird vor ihm hergehen…zu bekehren…die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein Volk, das wohl vorbereitet ist.“ (Lk 1, 17)

Weil er darauf hoffte, dass „alles Fleisch…das Heil Gottes sehen“ wird, fordert er zu einem reinigenden Tauchbad im Jordan auf. Hier wurden Sünden abgewaschen. Das bedeutete Vergebung. Umkehr. Ein neuer Anfang wurde möglich. Johannes war ein Brausekopf, aber einer von dem man sich abbrausen ließ.

Er prangerte die falsche Sicherheit an

Die Leute waren geistlich träge geworden. Sie dachten: „Uns kann nichts geschehen, wir sind Kinder Abrahams. Gehören zum Gottesvolk besiegelt durch die Beschneidung.“ Alle hatten sie Religionsunterricht gehabt, kannten Psalmen auswendig, hielten sich an fromme Riten und Gebräuche.

„Bildet euch darauf nichts ein. Wenn es sein muss, sucht Gott sich ein anderes Volk. Aus diesen Steinen könnte er dem Abraham Kinder erwecken! Die Abrahamskindschaft muss g e l e b t werden. Darauf kommt es an. Als eine leere Hülse gehört sie auf den Komposthaufen des Obstbauern.“

Gilt das auch uns?

Der erste Gedanke:  „Nein! Johannes führt Menschen zur Taufe – wir sind getauft. So what?“ – Johannes würde entgegnen: „Auch eure christliche Taufe will gelebt werden. – Wie die Abrahamskindschaft (samt Beschneidung) ist sie kein vererbbarer Gnadenschatz, kein ruhendes Kapital. Auch euch Christen steht Busse gut an – innere Sammlung, Umkehr aus dem Alltag, Abkehr von Fehlern, Hinkehr zu Gott.“

Innere Besinnung

Ein anredender Impuls dafür ist das Weg-Wort Jesajas:

„Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden.“

Man stelle sich ein großräumiges Verkehrsprojekt mitten durch die Wüste vor. Nichts Brauchbares ist vorhanden. Kein fester Untergrund, keine plane Fläche. Alles hügelig, mal hoch, mal tief, mal Berg, mal Tal und muss nun überquert werden.

Aus unseren Breitengraden fällt mir dazu die neu eingeweihte Hochbrücke der B 50 über das Moseltal im Landreis Bernkastel-Wittlich ein. Sie ist 160m hoch und 1,7km lang; unter ihr hätte der Kölner Dom Platz. Für sie mussten 4,1 Millionen Kubikmeter Erde abgetragen werden. Um ein solches Ausmaß geht es.

Die innere Besinnung: „Bereitet dem Herrn den Weg, macht seine Steige eben“ ist mit einem so einem Mega-Bauwerk zu vergleichen. Buße – innere Sammlung ist seelische Arbeit. Umkehr, Vergebung, Abkehr von Fehlern, Hinkehr zu Gott. Wodurch versperre ich Gott den Weg zu mir? Wo liegen meine Blockaden und Riegel?

Liebe Orchestermusiker und -Musikerinnen, vielen Dank für das Violinenkonzert von Vivaldi, das ihr heute für uns aufführt. Sicher musiziert ihr auch im Weihnachtsoratorium. Dazu las ich neulich: Zur Zeit von Bach wurde das Weihnachtsoratorium in den sechs Gottesdiensten vom ersten Weihnachtsfeiertag bis zum Erscheinungfest gegeben. Nicht im Advent. Der war damals in Leipzig eine stille Zeit der Einkehr und Besinnung, eine Wüstenzeit im Sinne Johannes des Täufers. Ohne Glanz und Gloria.

Bei uns beginnt die Saison gleich nach dem Totensonntag. Mehrmals in jeder Woche steht das Weihnachtsoratiorium im Veranstaltungskalender der schönsten Chorkonzerte und erklingt in Kirchen und Konzertsälen. Weihnachten wird vorweggenommen. Auch mit Lichterbäumen, Lichterketten, Weihnachtsmärkten, überall Weihnachtsliedern, Weihnachtsmannmützen…Die Weihnachtszeit breitet sich aus, die Adventszeit flaut ab. Steht Johannes auf verlorenem Posten?

Wer will, kann ab Ende November aus dem Stand heraus feiern, so oft er möchte. Die ganze sogenannte Vorweihnachtszeit ist ein einziger abwechslungsreicher Einkaufs- und Vergnügungspark. Ein Lokal bei uns in der Nachbarschaft ist an jedem Abend ausgebucht. Der Kegelverein, der Hausfrauenverein, Nachbarschaften, Freundeskreise und so weiter. Alle treffen sich zum Gänsebratenessen. Am Heiligen Abend haben nur noch Würstchen mit Kartoffelsalat im Magen Platz.

Als wir unsere neue Küche bestellten – es war Ende November -, klagte der Verkäufer: „Bis Weihnachten muss ich täglich zehn mal ‚Stille Nacht‘ hören.“ Das tötet die Besinnlichkeit. Die Weihnachtszeit breitet sich aus, die Adventszeit flaut ab. Alle, die im vorweihnachlichen Hamsterrad stecken, wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht.

Zu Recht ruft Johannes zu einer Inventur vor dem Fest. Mit Ruhe und Zeit, um zu sich selbst zu kommen. Stille, aufbauende Adventsmomente. So wie dieser Gottesdienst. Vielleicht auch mit besonderer Musik?

Praktische Ratschläge

„Was sollen wir tun?“, fragten die neu Getauften. Johannes holt niemanden zu sich in die Wüste. Er will nicht kopiert werden. Im Gegenteil! Er schärft ihren Blick für aktuelle Nöte und Missstände dort, wo sie wohnen. Er konzentriert sich auf drei Bereiche:

Der erste Rat gilt allen:  „Wer zwei Gewänder hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, der tue ebenso.“ – Jeder Mensch braucht etwas anzuziehen und etwas zu essen. Wo das fehlt, ist sofortige Hilfe geboten.

Was sollen wir tun? – Menschen in der Not beistehen! Ich denke dabei an die Notübernachtung im Nachtcafé der Kirchengemeinde Zum Guten Hirten, an den Kältebus der Stadtmission und an die offenen Weihnachtsfeiern am Heiligen Abend…

Der zweite Rat geht an die Zöllner: „Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!“ – Die Zollpächter verauslagten dem Staat eine hohe Summe und trieben sie bei den Passanten als Zoll ein. Mit üppigen Aufschlägen. Wer konnte schon lesen oder schreiben?

Was sollen wir tun? – Gegen betrügerische Bereicherung auf der Hut sein: Wie war das mit der Wurstfabrik? Der Schimmel wurde abgekratzt und die Wurst neu verpackt. Oder bei der AWO in Frankfurt und Wiesbaden? In wessen Taschen flossen überhöhte Gehälter und Spesen?

Der dritte Rat geht an die Soldaten: „Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!“ Soldaten plünderten, erpressten, marodierten. Damals. Auch heute noch.

Was sollen wir tun? – Wachsam sein im Blick auf die verbreitete Übergriffigkeit: Von Starken an Schwachen, von Männern an Frauen, von Erwachsenen an Kindern!

Welche Ratschläge würde uns Johannes darüber hinaus geben?

Ich komme zum Schluss

Johannes ruft zur Inventur vor dem Fest:

  • Nicht einfach drauflos feiern! Nicht vor dem Weihnachtsstress kapitulieren! Nehmt euch Zeit vor dem Fest!
  • Nach innen gerichtet – für eine Inventur des Weges, auf dem Gott mich erreichen will: Kommt er durch? Was steht quer? Was sollte ich tun? Was besser lassen? Hinkehr, Umkehr, Vergebung.
  • Nach außen gerichtet – für eine Inventur der Wege, auf denen ich unterwegs bin: Was kann ich beitragen, Not zu lindern, Missstände auszubremsen? Bin ich wachsam im Blick auf Übergriffigkeit?

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Adventszeit!