12) Als ihr getauft wurdet, seid ihr mit Christus begraben worden, und durch die Taufe seid ihr auch mit ihm zusammen auferweckt worden. Denn als ihr euch taufen ließt, habt ihr euch ja im Glauben der Macht Gottes anvertraut, der Christus von den Toten auferweckt hat.
13) Einst ward ihr tot, denn ihr wart unbeschnitten, das heißt in ein Leben voller Schuld verstrickt. Aber Gott hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht. Er hat uns unsere ganze Schuld vergeben. 14) Den Schuldschein, der uns wegen der nicht befolgten Gesetzesvorschriften belastete, hat er für ungültig erklärt. Er hat ihn ans Kreuz genagelt und damit für immer beseitigt. 15)Die Mächte und Gewalten, die diesen Schuldschein gegen uns geltend machen wollten, hat er entwaffnet und vor aller Welt zur Schau gestellt, er hat sie in seinem Triumphzug mitgeführt – und das alles in und durch Christus. (Kol 2,12-15) Die Gute Nachricht)
Ein Interview auf dem Frühstückstisch
„Hier wird ein Psychologe interviewt“, stupste mich meine Frau an „lies mal!“ Was ist schöner als am Frühstückstisch gemeinsam die Zeitung zu lesen? Der Ruhestand macht es möglich. Dabei tauschen wir uns über Artikel aus.
Das Interview mit Hans-Dieter Hermann, dem Psychologen der Nationalelf, drehte sich um den langjährigen Nationalspieler Per Mertesacker (33). Zur Zeit noch beim FC Arsenal in England. Mertesacker hatte in einem SPIEGEL-Interview eingestanden:
„Irgendwann realisierst du dass alles eine Belastung ist, körperlich und mental. Dass es null mehr um Spaß geht, sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber. Selbst wenn du verletzt bist.“
Er ging auch auf seine Stimmungslage beim Sommermärchen 2006 in Deutschland ein. Einerseits: Enttäuschung! Das deutsche Team war im Halbfinale gegen Italien ausgeschieden. Aber auch: Erleichterung! Ein bleischweres Gewicht fiel von ihm ab, die Angst zu versagen, die sich mit jedem Spiel intensivierte, verbunden mit unangenehmen psychosomatischen Beschwerden.
Im Netz brach deshalb ein shitstorm über ihn herein: „So ein Weichei!“
„Andere haben größeren Stress“, rechnete ihm ein Kollege aus Brasilien vor, „Was ist, wenn du jeden Tag um 7:00 Uhr aufstehen musst, für 500 € arbeitest und nicht weißt, ob es am Monatsende für die Stromrechnung reicht?“
Eine hochgekochte Angelegenheit. Was meinte nun der Psychologe? Er nahm Mertesacker in Schutz:
- Die Spieler stehen unter dem Druck ihr Leistungsfähigkeit zu steigern. Niemand kann sich auf seinen Lorbeeren ausruhen. Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein. Er wird überholt und ersetzt. Teamgeist und Konkurrenz gehen Hand in Hand.
- Die Spieler werden statistisch durchleuchtet. 46 Werte wurden für die Mannschaften der Bundesliga in der letzten Spielzeit gemessen. Zum Beispiel die Torschüsse. 599 landete Bayern München und steht damit auf Platz 1, 321: Herta BSC das ist Platz 18. Das Torverhältnis sah für Hertha besser aus. Mit 43 Toren waren sie auf dem 10. Platz. Diese Statistik kann auch jedem Spieler seine Sprints pro Spiel und seine Laufstrecke vorrechnen.
- Schließlich sind die Spieler der öffentlichen Meinung ausgesetzt, beäugt von Experten, Reportern und Fans in den sozialen Medien.
Sein Rat:
„Er braucht eine zweite Identität: die Rolle als Familienvater oder guter Freund zum Beispiel. Per Mertesacker trifft sich gern mit seinen Schulfreunden, mit Leuten, mit denen sich das Zusammensein nicht verändert hat. Das sind Rückzugsräume, die sich die Spieler schaffen sollten. Eine Gegenwelt zum Profifußball.“
Eine befreiende Sicht gewinnen
Ich muss gestehen: Morgens in die Zeitung vergraben, bin ich nicht immer begeistert, wenn meine Frau flötet „Hier lies mal!“. Mit dem Hermann-Interview wurde ich gleich warm, weil es um Selbstfindung und Lebensbewältigung ging.
Man kann Meinung sein: „Hochleistungssportler leben in einer dünnen Luft – das ist eben ihr Berufsrisiko. Sie haben es so gewollt und verdienen dabei nicht schlecht.“ Aber sind es nicht auch zerbrechliche junge Menschen mit der Angst zu Versagen und der Angst vor dem Urteil anderer? Was denken die über mich? Was berichten die über mich? Sie brauchen eine Balance zwischen Beruf und Freizeit, Öffentlichkeit und Privatleben. Die Einsicht: Ich bin nicht n u r Fußballer. Ich lasse mich nicht auf meine Sport reduzieren. Es gibt ein Leben vor, neben und nach dem Fußball.
Am besten zusammen mit verlässlichen Menschen, die nichts mit der Karriere im Stadion zu tun haben mit der Familie, den alten Schulfreunde, eben einem stabilen sozialen Umfeld. Das ist leichter gesagt als getan: Kann eine Anteil nehmende Ehefrau bei beruflichem Stress überhaupt außen vor bleiben? Was fangen Freunde ab? Was gleichen Kinder aus?
Selbstfindung und Lebensbewältigung beschäftigen nicht nur Profisportler. Daran besteht ein allen gemeinsames Interesse. Bei jeder und jedem von uns können die
Fragen aufbrechen:
Wer bin ich?
Was soll ich?
Wer gehört zu mir?
Wo ist mein Rückzugsraum?
Die Christus-Identität
Ein neu getaufter Christenmensch aus dem fernen Kolossä – einem Flecken im Tal des Lykos in Phrygien in der heutigen Türkei, der um 60 n. Chr. einem Erdbeben zum Opfer fiel – würde auf die Frage „Wer bin ich?“ vermutlich so antworten:
„Ich bin mit Christus neu lebendig gemacht worden. Er hat mir abgenommen, was mich belastet und trägt mich durch meine Leben.“
Zu seiner bisherigen Identität nach Geschlecht, Familie, Stand und Beruf ist mit der Taufe und der Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde eine zweite Identität, nennen wir sie die Christus-Identität gekommen: Er weiß, dass Jesus der Christus ist, glaubt an ihn und betet zu ihm.
Der Verfasser des Kolosserbriefes kann sich gelehrter ausdrücken:
„Ich bin mit Christus begraben worden, und durch die Taufe bin ich auch mit ihm zusammen auferweckt worden.“
Er beschreibt seine Christus-Identität als ein persönliches Ostern. Dass das weltgeschichtliche Heils-Ereignis Ostern Teil seiner persönlichen Lebensgeschichte geworden ist. In einer Schicksalsverbundenheit mit Jesus Christus lebt er nach Ostern von Ostern her.
- Der Karfreitag ist nicht nur der Sterbe- und Begräbnistag Jesu Christi mit ihm ist auch er gestorben und begraben.
- Der Ostersonntag ist nicht nur der Tag Auferweckung Jesu Christi ihm ist auch er auferweckt worden.
Wenn es die Umstände erlaubten, konnte der Eintritt in diese Schicksalsverbundenheit am eigenen Leib verspürt werden. Dort wo sich die Gemeinde an einem Fluss versammelte, wie wir das aus Philippi wissen (Apg 16,13), und durch völliges Untertauchen taufte.
Das Hineinsteigen ins Wasser und das Untertauchen versinnbildlicht das Hineingetauchtwerden in den Tod Christi: Jetzt werde ich mit Christus begraben. Mein zukünftiger Tod wird hier zeichenhaft vorweggenommen.
Das Wiederauftauchen bedeutete: Jetzt werde ich mit Christus auferweckt. „Jesus lebt, mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken?“(EG 115,1)
Als Dankgebet folgte:
„Mit Freuden sagt Dank, dem Vater,
der euch tüchtig gemacht hat zu dem Erbteil der Heiligen im Licht.
Er hat uns errettet von der Macht der Finsternis
und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes,
in dem wir die Erlösung haben, nämlich die Vergebung der Sünden.“
(Kol 1,12-14)
„Aber Gott hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht,“ hörten wir im Predigttext. Gott selbst ist bei der Taufe am Werk. Er stellt eine enge „sakramentale“ Tiefenwirkung her.
- So wie er Ostern Jesus Christus aus dem Bannkreis der Finsternis in sein Licht geholt hat,
- so holt er durch die Taufe den Täufling aus dem Bannkreis der Finsternis und versetzt ihn in das Reich Christi.
Eine Gegenwelt zu Schuld, Angst und Tod
Der Schuldschein wird entwertet
In dem jüdischen Gebet „Abinu Malkenu“ heißt es: „Unser Vater, unser König, lösche aus durch deine große Barmherzigkeit all unsere Schuldbriefe.“ Diese Bitte wird am Kreuz Christi erfüllt.
- Ein Schuldschein war eine Urkunde, die der Schuldner unterschreiben musste. Stets begann sie mit den Worten: „Ich bekenne, die und die Schulden zu haben.“
- Dann wurden die Verbindlichkeiten aufgeführt.
- Die Urkunde wurde im öffentlichen Verwahramt der Stadt aufbewahrt.
- Für ungültig erklärt werden konnte sie nach nur Bezahlung der Summe.
In diesen Vorgang greift Gott ein: Er entfernt den Schuldschein aus dem Bestand des Verwahramtes und heftet ihn an das Kreuz Jesu Christi. In der Kreuzigung Jesu wird der belastende Schuldschein entwertet. Sie ist das sichtbare Zeichen dafür, dass Gott die Sünden der Menschen vergeben hat.
Die Mächte werden entwaffnet
„Farc-Rebellen in Kolumbien legen die Waffen nieder“, vor einem Jahr gingen die Bilder um die Welt: Gewehre, Pistolen, Granantwerfer, Mörser wurden abgegeben, registriert und weggesperrt. Auch die Koordinaten der Sprengstoff-Munitionsdepots wurden deaktiviert, so daß auch von ihnen keine Bedrohung mehr ausgeht. 220.000 Menschen mussten sterben, bis das soweit war.“Vor einem Jahr gingen die Bilder um die Welt: Gewehre, Pistolen, Granantwerfer, Mörser wurden abgegeben, registriert und weggesperrt. Auch die Koordinaten der Sprengstoff-Munitionsdepots wurden deaktiviert, so daß auch von ihnen keine Bedrohung mehr ausgeht. 220.000 Menschen mussten sterben, bis das soweit war.
In vergleichbarer Weise spricht die Bibel von einer Entwaffnung der „Mächte“ und „Gewalten“ genannten bösen Engel. Sie, die die Menschen einschüchterten und bedrohten mussten ihre Folterwerkzeuge aus der Hand legen und sich als Besiegte mit gesenkten Häuptern dem Triumphzug Christi anschließen.
Unsere Ängste haben andere Namen, können aber auch Macht über uns gewinnen Nennen wir sie:
Die Sorge um Gesundheit und vor dem Alter,
die Sorge um die Zukunft,
die Sorge angesichts beruflicher Leistungsanforderungen,
die Sorge um die Ehe.
Sie alle müssen sich als Besiegte mit gesenkten Häuptern dem Triumphzug Christi anschließen.
Ich komme zum Schluß
Viele Menschen suchen einen Rückzugsraum, der hilft, die Anforderungen des täglichen Lebens auszubalancieren.
Durch die Heilige Taufe wird uns eine Gegenwelt zu Schuld, Angst und Tod eröffnet
und damit eine befreiende Sicht eröffnet.
(Die Predigt wurde am 08.04.2018 in der Dorfkirche Alt-Schöneberg gehalten.)
