1)Und er machte sich auf und kam von dort in das Gebiet von Judäa und jenseits des Jordans. Und abermals lief das Volk in Scharen bei ihm zusammen, und wie es seine Gewohnheit war, lehrte er sie abermals. 2)Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit. 3)Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? 4)Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. 5)Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben;
6)aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. 7)Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, 8)und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch.
9)Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. (Mk 10,1-9)
Keine Rechtsordnung ohne Scheidung
Wenn ein Mann an seiner Frau etwas „Anstößiges“ gefunden hat, kann er ihr eine Trennungsurkunde einen sogenannten Scheidebrief (Sefer Kritut) ausstellen und sie damit aus dem Haus weisen. So steht es im 5. Buch Mose. In der strengen Schule Schammajs (ca. 30 vor Chr. – 50 nach Chr.) war das nur Ehebruch. In der milden Schule Hillels des Älteren (30 vor Chr. – 10 nach Chr.) war man weitherzig. Vielerlei kam als Trennungsgrund infrage, selbst ein angebranntes Essen. Eine Scheidung, die von der Frau ausgeht, war damals nicht vorgesehen.
Keine Rechtsordnung ohne Scheidung. Bei uns gilt seit 1977 das Zerrüttungsprinzip. Wenn die Eheleute drei Jahre lang getrennt gelebt haben, gilt die Ehe als gescheitert und kann auch dann geschieden werden, wenn ein Ehepartner damit nicht einverstanden ist. 2017 lag die Scheidungsrate bei 37% das ist mehr als ein Drittel aller Ehen. Ein schwacher Trost, dass die Scheidungen insgesamt leicht abgenommen haben und auf den Stand von 1992 gesunken sind.
Die Härte des Herzens vergiftet die Ehe. Darauf weist Jesus hin. Sie bewirkt, dass die Eheleute sich nicht miteinander und aufeinander zu entwickeln. Statt dessen sind sie mürrisch, nörgeln aneinander rum. Gespräche enden im Streit, zuletzt spricht man gar nicht mehr miteinander. Die Herzen sind hart und kalt geworden und haben eine gemeinsame Zukunft aufgegeben.
Die meisten Scheidungen werden innerhalb der ersten zwei Ehejahre eingereicht: „Wir passen nicht zusammen.“ Und dann wieder nach 25-30 Jahren:„Wir können nicht mehr miteinander.“ Ehekiller sind auch schwere Krankheiten (Alkoholismus, Depressionen), außereheliche Beziehungen oder die verschiedene Herkunft von Mann und Frau.
Es ist leicht Händchen zu halten, wenn der Himmel voller Geigen hängt.
Es ist schwer, n i c h t loszulassen, wenn es mühsam wird.
Menschen, die nicht mehr miteinander auskommen, darf man nicht zusammen sperren. Die Scheidung schafft Abhilfe, Befreiung. Aber oft nicht ohne Narben und Wunden: Trennungsschmerz, traumatisierte Kinder und Eineltern-Familien mit hohem Armutsrisiko.
Soll ich mich trennen und scheiden lassen, oder soll ich noch einmal um meine Ehe kämpfen? Diese Frage verdient, gründlich abgewogen zu werden.
Wie Jesus für eine Ehe auf Dauer wirbt
Jesus wusste, was man sich von Abraham und Jakob erzählte. Dass in ihren Ehen auch Sklavinnen Platz hatten. Bekannt sind Hagar, Biha und Silpa, die der Patriarch zu sich ins Bett rufen konnte, wenn ihm danach war. Ebenso war Jesus darüber im Bilde, dass Salomo über einen stattlichen Harem verfügte und polygam lebte.
Aber das sind nicht seine Vorbilder. Ihn interessiert nicht, was Menschen zu ihrer Zeit aus der Ehe gemacht haben. Er fragt nach Gottes Willen, weil er möchte, dass sein Wille geschieht. Wie es im Vaterunser heißt: Dein Wille geschehe. Nach der ursprüngliche Meinung Gottes zur Ehe forscht er ganz am Anfang: In den biblischen Schöpfungserzählungen.
Aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. (Aus 1. Mose 1,27 und 2,24)
Dazu zwei Beobachtungen:
„an seiner Frau hängen“
An der Weidendammer Brücke (Friedrichstraße), die am Schiffbauerdamm über die Spree führt, hängen viele bunte Vorhängeschlösser, zum Teil mit eingravierten Namen. Hier haben sich Paare in romantischen Momenten ihre Liebe gestanden „Mit dir zusammen möchte ich alt werden.“ Danach wird der Schlüssel in die Spree geworfen und dort versenkt. Beide wollen von nun an aneinander hängen.
(Vielleicht wurden die Liebesschlösser schon von Mitarbeitern des Bauamts mit dem Bolzenschneider geknackt? Sie sind in Berlin verboten. Warum eigentlich? Ich finde das überflüssig!)
Das Leben bei Vater und Mutter stellt nicht mehr zufrieden. Zum Erwachsenwerden gehört der sex appeal: Die natürliche erotische Anziehungskraft für das andere Geschlecht und zu ihm hin. Der Wunsch nach einem Menschen, der zu einem passt und mit dem man alles teilen kann. Eine gemeinsame Wohnung mit Partner/Partnerin und vielleicht später einmal heiraten – steht nach dem Auszug aus dem Elternhaus ganz oben auf der Wunschliste.
„ein Fleisch sein“
Ich durchquere oft den Rudolph-Wilde-Park. Bei Sonne und blauem Himmel ist dort Fototermin. „Bitte recht freundlich“, sagt die Fotografin. Aber das reicht nicht. Sie streicht eine überzählige Falte am Brautkleid glatt und zupft am Einstecktuch des Herrn. Dann gibt sie Bewegungen vor. „So bitte den Kopf halten, schauen sie sich an, die Hände bitte ineinander, die Füße gerade nach vorn.“
Ein bisschen weiter am Springbrunnen mit dem goldenen Hirschen, dem Wappentier Schönebergs, ist ein Freiluft Buffet aufgebaut mit Sekt und Häppchen. Ich muss mich bremsen, zuzulangen, bin doch nicht eingeladen. Es ist für die Hochzeitsgesellschaft angerichtet, die gleich aus dem Standesamt im Rathaus Schöneberg eintreffen wird. Früher wandte sich der Standesbeamte nach der Trauung an den Mann: „Sie hat heute die Freiheitsglocke zum letzten Mal geschlagen.“
Ein Paar hat sich öffentlich entschieden ganz eins sein – in einzelnen hingebungsvollen Momenten ebenso wie in einer verbindlichen Lebensgemeinschaft und einem gemeinsamen Haushalt. „So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch“- Die Worte der Bibel gewinnen hier Gestalt.
Aus der biblischen Schöpfungserzählung zieht Jesus den Schuss: Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.
Eine himmlische Entscheidung
Ein Rabbi wird gefragt: Was hat Gott getan, nachdem er die Welt in sechs Tagen erschaffen hat? Seine Antwort: „Er war damit beschäftigt, Ehen zusammenzubringen.“
Gott ist es, der Menschen in die Ehe führt. So hat Jesus das auch gesehen. Dass ein Paar sich findet und heiratet ist, eine himmlische Entscheidung.
„Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“, wird bei der kirchlichen Trauung gesprochen. Die Eheleute geben sich dazu die Hand und der Pfarrer besiegelt mit seiner Hand ihren Handschlag.
Vorausgegangen ist eine gewissenhafte Vorbereitung: „Können Sie das so von sich sagen:’Gott hat uns zusammengefügt‘?“ Dies Zueinanderkommen durch Gottes Beistand geschieht v o r der Trauung und nicht d u r c h sie. Deshalb ist es wichtig, dem nachzuspüren, was zwischen den Brautleuten gewachsen ist. Es ist ein ergreifender Moment, wenn das in ein Eheversprechen mündet:
„Ich nehme dich als meinen Ehemann/meine Ehefrau aus Gottes Hand.
Ich werde dich lieben und achten,
ich werde dir vertrauen und treu sein
und für dich da sein, solange ich lebe.“
Ehe auf Dauer! Nicht die Drehtür: Verliebt geht man hinein, entliebt kommt man heraus.
In der Beziehung bleiben
Beziehungen sind nie nur Honigschlecken. Die Überzeugung, „Gott hat uns zusammengefügt“, ist ein starkes Motiv, in der Beziehung zu bleiben und an der Beziehung zu arbeiten. Welche Richtung dabei angezeigt ist, verrät die Umfrage: Was hält ihre Ehe zusammen?.
Am meisten wurden genannt:
Keine Erziehungsversuche unternehmen!
Vertrauen, Offenheit und Ehrlichkeit!
Liebe und Zuneigung!
Konstruktive Konfliktlösung und Kommunikation!
Das Vaterunser enthält drei Anregungen, die auch für die Ehe wichtig sind:
- Dein Wille geschehe – Die Ausrichtung auf den Willen Gottes in allem, was wir tun.
- Vergib uns unsere Schuld. – Eine Anregung zur täglichen Selbstprüfung. Meine Gedanken, meine Worte, meine Taten – was war angebracht, was nicht?
- Führe uns nicht in Versuchung. – Eine Anregung, auf das achtzugeben, was eure Beziehung auf die Probe stellen kann.
Ich komme zum Schluss
- Kein Paar muss heiraten, aber es tut einer Beziehung gut, wenn man sich öffentlich zueinander bekennt mit einem Liebesschloss, auf dem Standesamt.
- Kein Paar muss in einer Kirche heiraten, aber es tut einer Ehe gut zu hören, wie sehr Gott sie schätzt.
Ein Spötter: „Die Ehe ist das einzige Glücksspiel, zu dem die Kirche ihren Segen gibt.“
Ja, es gibt das Scheidungsrisiko! Ja, es gibt das Risiko der Entfremdung! (Die Psychologen sprechen von „entrapment„: Die Ehe wird zur Falle. )Trotzdem segnet die Kirche Ehen und begleitet sie im Gebet; wie Jesus rechnet sie damit, dass Gott Menschen zusammengefügt hat.
(Die Predigt wurde am 14.10.2018 in der Dorfkirche Alt-Schöneberg gehalten.)
