Am Altar
Am 2. Mai 1982 um 9:00 Uhr stand ich mit klopfendem Herzen zum ersten Mal am Altar der Kirche Zum Heilsbronnen in Berlin-Schöneberg, zusammen mit den beiden diensthabenden Lektoren, die zum „Heilig, heilig, heilig“ an den Altar traten.
Jener Altar war für mich ein besonderer Ort. Als Schüler hatte ich Pfarrer Reinhold George dort erlebt. Er wirke bis 1982 in der Kirchengemeinde. Ich kannte die Gottesdienste aus den Kirchen in Wilmersdorf, in Zehlendorf und in Charlottenburg, dort wo wir gerade wohnten. Die im „Heilsbronnen“ zu Georges Zeit um 9:00 Uhr übliche Abendmahlsfeier machte auf mich einen tiefen Eindruck. Was ich bisher kennengelernt hatte, wirkte dagegen unbeholfen. Neu war mir der Altargesang, der Dienst von zwei Lektoren in schwarzen Chormänteln am Altar und bei der Austeilung, der zu den Festen schwarz, weiß oder rot umhüllte Altar, die Kniebänke, die Einbettung des Abendmahlsworte in ein Eucharistisches Gebet und das Abendmahlslied Martin Luthers „Gott sei gelobet und gebenedeiet“ (EG 214), in dem die sakramentale Gegenwart des Herrn in Brot und Wein besungen wird. Alle Beteiligten, Pfarrer, Lektoren, der Kantor und der Kirchendienst, bewegten sich abgestimmt, gesammelt und konzentriert – als Liturgen und Haushalter der Geheimnisse Gottes.
Am 27. Oktober 2013 werde ich zum letzten Mal als aktiver Pfarrer Dienst tun. 30 Jahre nach meiner Einführung am 22. Oktober 1983. Es waren erfüllte Jahre, auf die ich dankbar zurückblicke.
30 Jahre auf derselben Pfarrstelle – geht das überhaupt?
Da ist man heute sehr skeptisch. Von mir kommt dazu ein klares: Ja! Meine lange Anwesenheit in derselben Kirchengemeinde empfand ich als Vorteil. Ich gehörte so zum verlässlichen Hintergrund vieler Menschen und begleitete sie in Freud und Leid. – Zum Einrosten war keine Zeit. Neue Ideen kamen auf, die Ansprüche stiegen, die Aufgaben wuchsen, Personaleinbußen führten zu Arbeitsverdichtung…
Mein Dienst begann mit der Seelsorge im vierten Pfarrbezirk. Dort gab es eine zweite Predigtstätte, die Ladenkirche Motzstraße 52. 1989 zog die Kirchengemeinde in das neuerbaute Gemeindezentrum am Viktoria-Luise-Platz. Familie Hövermann kam ein Jahr nach der Pfarrwahl aus Zehlendorf in die Bozener Straße.
1996 übernahm ich die Verwaltung der Kirchengemeinde. Unser neues Quartier wurde die Pfarrwohnung im II. Stock des Gemeindehauses in der Heilbronner Straße 20. Neulich legte ich dem Gemeindekirchenrat eine Aufstellung meiner Leitungsaufgaben vor. Einschließlich der Herausgabe des HEILSBRONNEN-GEMEINDEBRIEFS war die Liste auf 18 Punkte angewachsen. Ich danke für die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Gemeidekirchenrat! Und: ohne ein rotierendes Gemeindebüro wäre alles nicht zu schaffen gewesen. Mit unserem Diakon verbinden mich 25 Jahre gemeinsamer Arbeit, dafür danke ich ihm herzlich!
Seit 2001 war ich Mitglied im Kreiskirchenrat des damaligen Kirchenkreises Berlin-Schöneberg und Diakoniepfarrer, weil mir die Unterstützung sozial schwacher, hilfsbedürftiger und kranker Menschen am Herzen liegt.
Berg- und Talfahrt
Mein Vater, ein selbständiger Kaufmann, war von meiner Berufswahl enttäuscht. Im Pfarrer sah er einen Beamten, der eine ruhige Kugel schiebt. Er wünschte sich für seinen Sohn eine anspruchsvollere Aufgabe in der freien Wirtschaft. (Später konnte er sich mit mir freuen.)
Ich möchte Theologie studieren, um Gott und seinen Willen kennen zu lernen. Das Hören auf Gott und seinen Willen ist für den Menschen notwendig, weil er Gottes Geschöpf ist“, notierte ich als Schüler in mein Tagebuch. Da dies in Theologie und Kirche nicht selbstverständlich war, ging es mir wie auf einer Berg- und Talfahrt; ich erlebte auf dem eingeschlagenen Weg Sternstunden und Tiefpunkte. Dem Vorschlag neueren Datums, unsere Kirche als eine „auf Jesus Christus hin transparente, spirituelle Organisation“ zu profilieren (Orientierungspunkte für den Reformprozess der EKBO, 2012) pflichte ich bei. Auf meine Weise habe ich versucht, die geistliche Strahlkraft der biblischen Überlieferung und des kirchlichen Handelns zu erschließen.
Der Gegenwart Gottes Raum öffnen
Mein Leben wurde durch die Gottesdienste, die Höhepunkten meiner Arbeitswoche, und die kirchlichen Festzeiten geprägt. Die Aufgabe, der Gegenwart Gottes Raum zu öffnen, faszinierte und belastete mich zugleich, denn sie führt an die Grenzen menschlicher Möglichkeiten. „Darum danken wir auch Gott ohne Unterlass dafür, dass ihr das Wort der göttlichen Predigt, das ihr von uns empfangen habt, nicht als Menschenwort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort, der in euch wirkt, die ihr glaubt.“ (1. Thess 2,13)
Die Predigt möchte als Wort Gottes gehört werden, das anspricht und wirkt. Dem wollte ich dienen. Von meinem Ausbildungspfarrer im Vikariat, Dr. Jürgen Boekh aus der Kirchengemeinde Alt-Schöneberg, erhielt ich den Rat: „Sehen Sie sich den Predigttext schon am Montag an und meditieren Sie ihn die Woche hindurch.“ Daran hielt ich mich. Auf all meinen Wegen war ich mit einem Bibelwort innerlich befasst. Eine besondere Station auf diesem Wege waren die Gesprächsabende am Freitag. Hier wurden die Predigttexte oder Fragen des christlichen Glaubens und Lebens erörtert, die uns gerade beschäftigten.
„Sende auf uns herab den Heiligen Geist, heilige und erneuere uns an Leib und Seele, damit wir unter diesem Brot und Wein Christi Leib und Blut zu unserem Heil empfangen“, so die Epiklese aus dem Evangelischen Gottesdienstbuch . Ob Christus uns durch eine Predigt erreicht, bleibt offen. Im Heiligen Abendmahl wird er definitiv in den Gaben von Brot und Wein empfangen. Es beglückte mich, die sakramentale Gegenwart Jesu Christi feiern zu dürfen. – Ich erinnere mich auch gern an die Kurse für Lektorinnen und Lektoren, die in die dem heiligen Geschehen angemessene Haltung,“liturgische Präsenz“ einführten.
Tiefgreifende Unterstützung erwuchs mir von anderer Seite. Irdische Schönheit als Hinweis auf Gottes Heiligkeit – dieser Impuls prägte den Umbau der Kirche Zum Heilsbronnen nach dem Kriege in den 50er Jahren. Durch Verzicht auf Stuhlreihen und Emporen wurde sie zu einem lichten gotischen Dom im Kleinformat mit 12 farbig leuchtenden Kirchenfenstern. Der geistliche Anspruch, der Gegenwart Gottes Raum zu geben, die liturgische Form und die Sprache der Architektur bildeten eine stimmiges Ensemble – einen „spirituellen “ Raum.
Dazu Bischof Dr. Markus Dröge: „Bei der Gestaltung von Gottesdiensten darf nicht das Hauptaugenmerk darauf gerichtet werden, immer ’neue Formen‘ zu gestalten. So wichtig formale Kreativität ist, im Kern erwarten die Gottesdienstbesucher nicht ständig neue Experimente, sondern möchten spüren, dass sie in einen spirituellen Raum und eine spirituelle Zeit der Besinnung, Erholung, Selbstreflexion und Neuorientierung eintreten können.“ (Missionarische Volkskirche, EKBO 2012)
Das gottesdienstliche Einmaleins war nicht auf den Predigt- und den Abendmahlsgottesdienst beschränkt. Ebenso intensiv habe ich mich anderen Gottesdienstformen gewidmet: Krabbelgottesdiensten, Kindergottesdiensten, der Familienkirche, Jugendgottesdiensten, musikalischen Gottesdiensten…
In unserem jährlichen Tauf- und Tauferinnerungsgottesdienst für Konfirmanden brachten die getauften Jugendlichen ihre Taufbilder mit. Sie wurden an die Leinwand projiziert, währenddessen traten die Jugendlichen ans Lesepult und stellten Taufspruch und Taufkirche vor. Ein anrührendes Aha-Erlebnis: die Taufbabies von damals sind den Kinderschuhen entwachsen!
„Bieten Sie für jede Altersgruppe etwas an“
So war der Dienst der Gemeindepfarrer 1982 geordnet, als ich in die Kirchengemeinde kam. Dementsprechend führte mich meine Laufbahn nicht in Etappen von den Kindern zu den Jugendlichen und im fortgeschrittenen Alter zu den Senioren. Von Anfang an waren alle Altersstufen mit dabei.
In der Ladenkirche erwarteten mich eine Gemeindestunde mit Seniorinnen und der Konfirmanden-Jahrgang 1982/84. Nebenan im Kinderladen die frohe Schar der Miniclub-Kinder. Beim Weihnachtsspiel sangen sie: „Ein Klümpchen Wolle, das ist fein; da lacht und da freut sich das Jesulein.“ Es bereitete ihnen ein diebisches Vergnügen, zu sagen: „Pfarrer Hövermann trägt den A l t a r „, statt: „Pfarrer Hövermann trägt den Talar.“ Sie wußten natürlich, dass der Altar viel zu schwer für mich ist.
Ab 1985 kam der schon erwähnte Gesprächskreis der mittleren Generation vierzehntäglich in unserer Wohnung in der Bozener Straße zusammen. Während der Andacht kratzte es an der Schiebetür. Einmal, zweimal, dann kam eine Pfote zum Vorschein. Die Türflügel flogen auf und Kater Blacky spazierte herein. Alle Augen richteten sich auf das anmutige Tier. Während er die Runde machte, sich streicheln ließ und dabei wohlig schnurrte, war es um meine Andacht geschehen.
1989 begann im neuen Gemeindezentrum am Viktoria-Luise-Platz ein Eltern-Kind-Kreis , der mit Kinderfesten, Faschingsfeiern und dem St.-Martins-Umzug kräftig in die Kirchengemeinde hineinwirkte. Wir haben viel Spaß zusammen gehabt.
Mein Spektrum reichte vom Gottesdienst für 3-5jährige mit der Erzählschildkröte Zappi, der Hosentaschenbibel und Stegreifspielen bis zu abendlichen Vorträgen über
- Abraham, Jesus und Maria im Koran
- Scientology
- Bioethik
- den Briefwechsel zwischen Friedrich dem Grossen und Voltaire
- Das Heilige Abendmahl im Kleinen Katechismus Matin Luthers
- Rechtfertigung. Worum es Martin Luther ging.
Nicht zu vergessen: Die Geistlichen Übungen samstags um 9:00 Uhr im Saal des Gemeindezentrums. Die dazu von mir verfasste Schrift „Was ist christliche Meditation?“ ist im Netz abrufbar.
Die Angebote für Konfirmanden und Senioren erhielten im Laufe der Zeit ein neues Gesicht. An die Stelle des herkömmlichen wöchentlichen Unterrichts trat ein monatlicher fünfstündiger Workshop (samstags von 10:00 bis 15:00 Uhr) mit abwechslungsreichem Programm vorbereitet von Teamern und Teamerinnen und schmackhaft verpflegt von kochenden Eltern.
An die Stelle der Gemeindestunde trat ein Treff im schicken Kirchencafé mit einem unterhaltsamen Programm und wechselnden Gästen. Aus einem Gemeindekreis wurde so ein einladendes offenes Angebot.
Überhaupt das Kirchencafé! Nach den Gottesdiensten sollte es nicht bei einem Handschlag am Ausgang bleiben. So wurde neben dem Vorraum der Kirche Zum Heilsbronnen ein Café eingerichtet, das seither sonntags geöffnet ist. Bekanntschaften wurden hier geschlossen, Ideen geboren, Pannen benannt, Fehler korrigiert.
Nicht bestellen – aufsuchen
„In den eigenen vier Wänden sprechen die Menschen gelöster als in einem Dienstzimmer“, riet mein Ausbildungspfarrer. So war ich zur Anmeldung von Taufen, Trauungen und Beisetzungen viel in der Kirchengemeinde unterwegs. Weitere Besuche führten mich zu Geburtstagskindern (im Rahmen des Besuchsdienstes), zu den Eltern des neuen Konfirmanden-Jahrgangs und ins Krankenhaus. Überall hat mir geholfen, dass ich für den Dienst in der Telefonseelsorge Berlin (1977-1984) im seelsorgerlichen Gespräch geschult war.
Gut aufgehoben in einer lebendigen Gemeinde
Zum Erscheinungsfest am 6. Januar wurden über 100 Einladungen an ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versandt. Ich war nie allein, sondern wusste mich in einer lebendigen Gemeinde gut aufgehoben. Ich danke herzlich für die gute Gemeinschaft!
Unendlich viel verdanke ich dem Austausch mit meiner geliebten Frau, ihren Anregungen und ihrem persönlichen Einsatz in der Kirchengemeinde!
Everybody’s darling wäre ich gern gewesen. Aber das ging nicht. Mit meinen Ecken und Kanten passe ich nicht in jedes Raster. Wo ich Erwartungen enttäuscht habe, tut es mir leid. Wem ich Unrecht getan habe, den bitte ich um Vergebung!
„Bitte pass‘ auf Dich auf und sei offen und stark für alles, was die Zukunft betrifft.“ So lautete ein lieber Gruß zu meinem 65. Geburtstag. Es wird nicht einfach sein, aber ich werde mich darum bemühen.
Wie schön, dass wir auch von unserer neuen Wohnung aus den Kirchturm im Blick haben und die Glocken hören können!
(Aus „Heilsbronnen-Gemeindebrief“, Oktober 2013. Für die Webseite überarbeitet.)
